Und Brecht muss es ja wissen.

Ich weiß nicht, ob ich nur zynisch und paranoid bin, aber ich habe derzeit den Eindruck, dass die faz nicht nur Freude daran hat, möglichst viel gehässigen Unsinn über die Piratenpartei zu schreiben, sondern sich dabei außerdem noch eines besonders armseligen Mittels bedient: Des Konsensinterviews. Ich weiß nicht, ob es dafür schon einen anderen Begriff gibt, aber bis auf Weiteres bleibe ich bei meinem, und es gibt eigentlich kaum eine Form von Journalismus, für die ich mich als Journalist mehr schämen würde.

Während Patrick Christian Lindners Bemerkung „Nur weil die Piraten gern gratis Filme, Musik und Bücher aus dem Internet herunterladen, ist das für die Gesellschaft insgesamt nicht gut.“ noch eine dumme Gehässigkeit hätte sein können, die wir nur ihm persönlich zu verdanken haben, ist das vorgestrige Interview mit der kulturpolitischen Sprecherin der Grünen Agnes Krumwiede für mich kaum noch anders zu erklären als durch völlig Befreiung von jeglichem Anspruch und Schamgefühl seitens der verantwortlichen Mitarbeiter.

Kurzer Exkurs: Ja, Frau Krumwiede ist auch Pianistin. Ist doch klar, dass ich mich an Künstler wende, wenn ich was zum Urheberrecht wissen will. Wenn es um Jagdrecht geht, ist doch auch ein Hirsch der beste Ansprechpartner.

Konsensinterviews zeichnen sich dadurch aus, dass sie völlig auf investigative Fragen und eigentlich jede Form von Journalismus verzichten, weil es in ihnen nur darum geht, dass die Gesprächspartner einander möglichst nachdrücklich zustimmen. Wenn man noch ein kleines bisschen Respekt vor den Lesern hat, versteckt man das durch Scheinfragen wie:

Brauchen wir ein „neues“ Urheberrecht?

oder

Die Kritiker heben auf die „Verwerter“ ab und sagen, es gelte, deren Interessen auszuschalten, um für die gebeutelten Urheber einzutreten. Geht die Gleichung auf?

(Anscheinend hörte das Interview sehr früh auf, sich auf die Piratenpartei zu beziehen, und drehte sich dann stattdessen um irgendwelche diffusen „Kritiker“. Nicht, dass irgendjemand sich Mühe gegeben hätte, sicherzustellen, dass niemand auf die Idee kommt, es gehe hier um die Position der Piratenpartei.)

Aber man kann natürlich auch völlig enthemmt auf Fragen verzichten und der Interviewpartnerin nur noch Stichwörter geben:

Man kann den Eindruck haben, das Grundsätzliche gerate aus dem Blick.

(Ja, das ist die ganze Frage.) oder:

Es gibt einen erstaunlichen Gleichklang zwischen den Forderungen der Piraten und den Interessen von Internetkonzernen wie Google oder Facebook.

Und diese … naja, Frage fand ich nun schon so perfide, dass mir beinahe die Worte fehlen. The fuck, faz? Ich meine … Bin ich das, oder will Michael Hanfeld hier unterstellen, dass die Piraten in Wahrheit gekaufte Schergen finsterer Konzernbosse sind, traut sich aber nicht, das direkt zu sagen, weil diese Unterstellung sogar für ein FAZ-Interview zu blöde und zu unverschämt wäre?

Frau Krumwiede antwortet darauf jedenfalls einfach mal fröhlich frei:

Forderungen wie nach einer Verkürzung der urheberrechtlichen Schutzfristen bedienen in erster Linie die Interessen großer Internetkonzerne.

Das muss sie natürlich nicht erklären oder begründen, denn es ist ja ein Konsensinterview. So kann sie ganz ungestört weiter erzählen:

Dass Google auch in Berlin ein Institut finanziert zur „unabhängigen“ Erforschung von Internetfragen, bereitet mir Unbehagen.

Unbehagen. Ist klar. Wo kommen wir denn da hin, wenn Unternehmen Forschung betreiben?

Wie unabhängig ist Forschung, wenn sie von einem Internetriesen finanziert wird?

Genau, Frau Krumwiede. Forschung ist natürlich nur dann unabhängig, wenn sie … ähm … nicht finanziert wird. Ansonsten bereitet sie uns Unbehagen. Oder ist es eher so, dass Unabhängigkeit uns nur wichtig ist, wenn sie sich auf Geldgeber bezieht, die wir nicht mögen? Und was hat das jetzt noch mal mit der Politik der Piratenpartei zu tun? Hm. Vielleicht müssen wir darüber noch mal nachdenken. Aber die Hauptsache ist doch:

„Wo die wirtschaftliche Macht ist, verliert der Urheber“, hat Bertolt Brecht erkannt.

Ich schätze, damit ist die Sache klar.

Um Himmels Willen. Ich bin ja nun auch kein Anhänger der Piratenpartei, und ich habe bis auf Weiteres keine Meinung dazu, wie ein vernünftiges Urheberrecht aussehen sollte, aber wenn ich lese, was die FAZ zurzeit so dazu schreibt, bin ich immer ganz ratlos, ob ich die Leute, die dort arbeiten, verachten oder bemitleiden soll, oder ob ich vielleicht doch versuchen sollte, professionelle Hilfe zu organisieren.

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10 Responses to Und Brecht muss es ja wissen.

  1. Guinan sagt:

    Irgendwann schenke ich dir mal ein Abo einer Qualitätszeitung, damit du dich nicht mehr über diese Schmierblätter aufregen musst 😀

  2. Muriel sagt:

    Wenn ich richtig informiert bin, bekomme ich bald eine kostenlose Ausgabe der Bild-Zeitung. Vielleicht ist die ja was für mich.

  3. Guinan sagt:

    Da freue ich mich doch sehr auf ausgiebige Rezensionen.

  4. 19Uhr30 sagt:

    Vielleicht sollte Agnes sich mal mit den Netzpolitikern in ihrer eigenen Partei unterhalten. Die fordern schließlich ebenfalls Änderungen am Urheberrecht. Die Forderung nach einer Verkürzung der urheberrechtlichen Schutzfristen wird nicht nur von Internetkonzernen und Piraten gestellt, sondern auch von den Grünen…
    Konstantin von Notz hat da vor ein paar Tagen einen Gastartikel für die Frankfurter Rundschau geschrieben. Deutlich besser als dieses Scheininterview… (http://www.fr-online.de/medien/urheberrecht-pauschalabgabe-statt-abmahnwahn,1473342,14839690.html)

  5. Tim sagt:

    Michael Hanfeld.

  6. Muriel sagt:

    @19Uhr30: Ich finde seinen Vorschlag zwar ebenso unschön wie die jetzigen Pauschalabgaben (Ich bin versucht, „aberwitzig“ zu schreiben, aber dafür verstehe ich wohl zu wenig von der Materie.), aber du hast jedenfalls insofern Recht, als seine Argumentation Sinn ergibt und keine Gewaltfantasien weckt.
    @Tim: Ja. Eigentlich hast du Recht.

  7. Eipa sagt:

    Super Artikel (deiner, nicht das Fazding). In der Urherberrechtsdebatte wird immerhin mal klar deutlich, wie hemmungslos Journalismus Politik betreibt.

  8. Muriel sagt:

    @Eipa: Danke dir.
    Ich bin mir noch nicht sicher, wie viel davon wirklich Methode hat und wieviel einfach nur arglose Dummheit ist, aber irgendwo hast du bestimmt Recht.

  9. […] Ein weiteres Konsensinterview also, oder zumindest fast. Der Schlussfrage, die suggerieren soll, dass es doch schöner wäre, wenn die Frauen wieder zu Hause blieben, Weil beide Eltern arbeiten, haben sie einfach weniger Zeit für die Erziehung ihrer Kinder. […]

  10. Ivan sagt:

    Forschung von Unternehmen war noch nie kritisch zu beurteilen. Natürlich kommt die Tabakindustrie nicht da drauf, dass Rauchen schädlich ist. Und wenn sie doch tatsächlich Hinweise daruf finden sollte, dann werden sie diese ganz bestimmt veröffentlichen und ihre Kunden darauf hinweisen, dass sie momentan erstmal keine Zigaretten rauchen sollten, weil diese vielleicht schädlich sein könnten.

    Ironie aus.

    Soviel zur Forschung im eigenen Geschäftsbereich. Relativ unabhängige Forschung soll es übrigens im Bereich der von Steuern finanzierten Untersuchungen geben. Habe ich gehört.

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