Bonus-Content: Die Tribute von Panem

Wenn wir bei überschaubare Relevanz erst einmal angefangen haben, investigativ zu arbeiten, dann gibt es kein Halten mehr, dann scheuen wir weder Kosten noch Mühen und kennen weder Freunde noch Verwandte, dann sehen wir uns auch einfach mal die Verfilmung von „The Hunger-Games“ an und sagen euch, was ihr davon zu halten habt.

Ursprünglich dachte ich, vielleicht mache ich ein Video draus, aber dann fand ich andererseits, da ich weder mich selbst noch Auszüge aus dem Film zeigen will, wäre das irgendwie umsonst, deshalb schreibe ich’s lieber auf. Geht auch schneller.

Der Film ist genau so wie das Buch. Das ist die Kurzfassung. Mehr brauch ihr eigentlich nicht. Falls ihr doch mehr wollt, müsst ihr damit leben, den einen oder anderen Spoiler aufzunehmen.

Der Film ist wirklich genau so wie das Buch. Und genau wie bei dem Buch hatte ich mich darauf gefreut, ihn nicht zu mögen und eine möglichst unterhaltsame Kritik zu verfassen, in der ich mich über ihn lustig mache. Hat wieder nicht geklappt.

Ich mochte Jennifer Lawrence als Katniss Aberdeen nicht. Ich mochte den Trailer nicht. Ich war mir sicher, dass sie aus dem suboptimalen Buchplot das schlimmste rausholen werden und setzte mich mit einem zufrieden überheblichen Grinsen in meinen Kinosessel. Das einzige, wovor ich mich fürchtete, waren die 142 Minuten. Das ist verdammt viel Zeit mit einem miesen Film. Und dann wurde ich nach und nach gewahr, dass Jennifer Lawrence Katniss Aberdenn war. Ich hatte nicht mal Gelegenheit, mich zu fragen, ob sie die Rolle gut verkörpert.

Die Frage tauchte nicht auf, weder bei ihr noch bei einem der anderen Charaktere. Ich wage die Behauptung, dass Gary Ross hier die perfekte Buchverfilmung gelungen ist. Ich kam kein einziges Mal auf die Idee, auf die Uhr zu schauen, ich war 142 Minuten ununterbrochen gut unterhalten. Ich war bei den Charakteren, ich fühlte mit ihnen, ich kaufte das, was sie mir zeigten, komplett und vorbehaltlos. Ich lachte mit Katniss, als sie sich in ihrem Flammenkleid vor dem Publikum drehte, ich weinte mit ihr, als Rue starb, und ich freute mich über jeden Erfolg. Und Woody Harrelson ist alleine schon ein Grund, sich ein Ticket zu kaufen, egal für was, auch wenn er mit Haymitch den wohl einzigen Charakter spielt, den der Film wirklich gar nicht getroffen hat. Ja, natürlich waren die Dialoge in der deutschen Übersetzung manchmal ein bisschen hölzern, aber sogar das hat mich kaum gestört. Und dass Cinna von Lenny Kravitz gespielt wurde, fiel mir auch erst während des Abspanns auf. Ein echt guter Film. Empfehlung für alle, die sich vorstellen können, an dieser Art Film Spaß zu haben.

Ein sehr guter Film? Ein verdammt guter Film? Nee, das auch wieder nicht. Denn wo der Film die Stärken des Buches noch ausbauen konnte – ich habe beim Lesen nicht geweint und überhaupt war meine Verbindung zu den Charakteren dort viel weniger eng -, hat er das gleiche mit den Schwächen gemacht. Vielleicht lag es daran, dass ich das Ganze zum zweiten Mal sah, vielleicht auch an der plastischeren Darstellung auf der Leinwand, aber die Plotlücken kamen mir diesmal noch viel größer vor als im Buch.

Wer zur Hölle soll denn glauben, dass eine Bande mordlüsterner Teenager einfach ein Camp unter dem Baum aufschlägt, auf auf den Katniss vor ihnen geflohen ist, um geduldig abzuwarten, bis sie von selbst runterkommt? Das sollen die Karriere-Tribute sein, die von frühester Kindheit an in speziell dafür errichteten Akademien ausschließlich darauf geschult wurden, die Hunger Games zu gewinnen? Och, mit den ersten zwei Pfeilen habe ich sie knapp verfehlt, dann lege ich mich jetzt mal hier und schlaf ne Runde. Ist ja nicht so, dass ich noch was zu tun hätte.

Und was soll das mit der Sprengfalle? Wieder die elitären Karriere-Tribute: Sie türmen alle ihre Vorräte in der Mitte der Arena auf und verminen den Boden darunter so, dass der ganze Stapel in die Luft fliegt, wenn jemand die Falle auslöst. Und dann gehen sie weg. Als sie wieder kommen, sind sie völlig verblüfft und verärgert, dass jemand ihre Vorräte in die Luft gesprengt hat. Ja, äh … Was dachtet ihr denn, was passiert?

Überhaupt wird in diesen Elite-Akademie anscheinend nicht viel mehr unterrichtet als überhebliches Grinsen und Freude am Leid anderer.  Das sind nämlich die einzigen besonderen Leistungen, die die Karrieretribute uns zeigen. „Sie sind uns hoffnungslos überlegen, aber sie sind zu arrogant. Das ist unsere Chance.“ Sensationalle Idee. Habe ich so noch nie gesehen, glaube ich.

Und wie ich auch schon zum Buch sagte: Was erlaube Capital? Was ist denn überhaupt der Masterplan hinter den Hunger Games und dem ganzen System? Im Buch kommt es meiner Meinung nach nicht ganz so extrem rüber, aber im Film ist es wirklich lächerlich. Die Hauptstadt verfügt über Technologie aus Geordie LaForges feuchten Träumen, und der beste Verwendungszweck, der der Regierung dafür einfällt, ist, eine vollkommen unnötig aufwändige Reality-Survival-Show zu drehen, während die Distrikte, in denen nicht nur die Rohstoffe, sondern auch Lebensmittel und Kleider und alles Mögliche für Capital erzeugt werden, auf dem Stand kurz vor der Industrialisierung arbeiten? Ist wirklich niemand mal auf die Idee gekommen, dass es auch für die Hauptstadt wesentlich besser wäre, wenn nicht permanent Minenarbeiter bei Schachtexplosionen sterben und die Obstpflücker nicht permanent kurz vor dem Hungertod stehen? Und war das wohl sehr überraschend für euch, dass die Leute in Distrikt 11 ein bisschen sauer werden, wenn ihr ihnen zeigt, wie das zwölfjährige Mädchen, das ihr aus ihrer Mitte entführt habt, von einem Speer durchbohrt wird. Ja, was dachtet ihr denn, was passiert?

Und dann natürlich das Ende. Aber dazu habe ich ja in der Buchrezension schon genug geschrieben.

Aber wenn man es schafft, darüber nicht zu gründlich nachzudenken, dann hat man mit Die Tribute von Panem einen echt sehenswerten Film, der auf jeden Fall den Vorzug vor dem nächsten Michael-Bay-Mist verdient. Das heißt vielleicht nicht viel, aber man wird ja bescheiden.

Fazit: Dreizehn von siebzehn Punkten, mit einer Tendenz auf vierzehn.

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One Response to Bonus-Content: Die Tribute von Panem

  1. Muriel sagt:

    Ach so, übrigens, vergessen: Wer einen etwas empfindlicheren Magen hat und zur Seekrankheit neigt, sollte den Film vielleicht doch lieber auslassen.
    Der Kamermann stand offenbar die meiste Zeit über betrunken auf einer sich drehenden Rüttelplatte, während er mit Gummimunition beschossen wurde.
    Sogar mir ist das aufgefallen, und insbesondere wenn es actionmäßig ein bisschen zur Sache geht, hat man wirklich keine Chance mehr, zu erkennen, wo oben und unten ist.
    Ich weiß nicht, warum die sowas machen.

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