Bright Outlook (9)

Trotz anderweitiger Arbeitsüberlastung habe ich es geschafft, für euch noch halbwegs pünktlich ein neues Bright-Outlook-Kapitel zu haben. Bestimmt seid ihr bereit, mich zwar auf eventuell noch darin versteckte Unzulänglichkeiten freundlich und konstruktiv hinzuweisen, sie mir aber nicht übelzunehmen und daraus keine Rückschlüsse auf meine allemeine Befähigung zu ziehen. Oder?

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Was bisher geschah
Im ersten Kapitel erwacht Claire und lernt die erste der anderen Versuchspersonen fürchten.
Im zweiten Kapitel  erwachen auch alle anderen. Die Tür zum zweiten Raum öffnet sich (wieder), und Claire beginnt eine Vorstellungsrunde.
Im dritten Kapitel setzen die Versuchsteilnehmer die Vorstellungsrunde fort öffnen die Tür zum dritten Raum, und Mark wird von einer Polizistin angehalten.
Im vierten Kapitel holt Mark einen Republikaner und seinen Callboy, Branco nimmt Lora den Revolver weg, und die Versuchsteilnehmer öffnen eine weitere Tür.
Im fünften Kapitel holt Mark einen Occupy-Aktivisten, und die Versuchsteilnehmer demontieren eine der Überwachungskameras.
Im sechsten Kapitel holt Mark Regina, und die Versuchsteilnehmer tragen die Konsequenzen ihres Verstoßes gegen die Teilnahmebedingungen.
Im siebten Kapitel streiten Nick und Leanne miteinander, und Leanne unterläuft ein unangenehmes kleines Missgeschick. Jeffries öffnet die Tür zum nächsten Raum, und den Versuchsteilnehmern fällt nicht nur ein Kuchen in die Hände, sondern auch Leanne.
Im achten Kapitel bekommen Nick und Mark Besuch von einem Repräsentanten von Management, Leanne tritt Branco, und Jill wacht auf und lernt Regina kennen.

Was heute geschieht

Cynthias Büro sah gar nicht so viel anders aus als die Versuchsräume: Ein Raum mit nackten Betonwänden, einem Betonfußboden, und einer Betondecke, alles Betongrau, alles ohne Farbe, ohne Bilder, ohne jede Form von Schmuck. Allerdings hing in Cynthias Büro keine Kamera an der Wand, der Raum war mit fünf mal sieben Metern Grundfläche etwas größer, und in seiner Mitte stand ein schlichter schwarz bezogener Konferenzstuhl mit vier verchromten Beinen, auf dem Cynthia saß, und auf ihrem Schoß Marks Tochter Jacky.

Der einzige andere Einrichtungsgegenstand war ein eingerahmtes Bright-Outlook-Poster mit dem Logo der Laboratorien in der unteren rechten Ecke und dem Schriftzug „Ein Freund in der Not“ über einem leicht unscharf abgebildeten Mann in einem schwarzen Anzug, einem weißen Hemd und einer schwarzen Krawatte mit einer schwarzen Sonnenbrille und einem Lächeln, das sich sehr nachdrücklich, aber nicht ganz erfolgreich um Freundlichkeit bemühte.

Cynthia trug einen schwarzen Anzug mit weißem Hemd und schwarzer Krawatte, keine Schuhe, aber im Gegensatz zu dem männlichen Repräsentanten keine Sonnenbrille. Die Iriden ihrer Augen waren von einem wässrigen Violett, so hell, dass sie von Weitem kaum vom Weiß des Augapfels zu unterscheiden waren. Die linke Hälfte ihres platinblonden Haupthaares hing glatt und kraftlos über ihre Schultern, die rechte Hälfte war auf sieben Millimeter geschoren.

Einer ihrer Arme war um Jackys Taille geschlungen, die andere strich langsam durch die Haare des Kindes. Cynthias wässrigviolette Augen blickten teilnahmslos über Jackys Kopf hinweg, ihr Mund stand ein wenig offen.

Jacky ließ sich die Berührung mit einem geduldigen, beinahe mitleidigen Lächeln gefallen, und tat ihr Bestes, sich nicht anmerken zu lassen, wie unbequem sie saß, und dass sie sich langweilte.

„Bist du der Boss von meinem Daddy?“ fragte sie.

„Ja“, antwortete Cynthia.

„Bist du älter als er?“

Cynthia zögerte einige Sekunden, bevor sie antwortete: „Ich glaube nicht, dass diese Frage angemessen ist.“

„Oh“, sagte Jacky. „Tschuldigung.“

Zeit verstrich, bis Jacky die nächste Frage einfiel: „Weißt du, wo meine Mutter ist?“

„Ja“, antwortete Cynthia.

„Ist sie hier? Können wir sie besuchen?“

„Sie hat jetzt leider keine Zeit für dich.“

„Okay. Warum sind deine Hände so kalt?“

„Jacky, liebst du deinen Vater?“

Jacky musste einen Moment über die merkwürdige Frage nachdenken. „Klar.“

„Mehr als deine Mutter?“

„Ich glaub nicht.“ Das Mädchen legte einen Finger an sein Kinn. „Ich glaube, ich mag Mami lieber.“

Cynthia nickte. „Du siehst ihr sehr ähnlich, weißt du das?“

„Das sagen alle.“

„Jacky, würdest du gerne bei mir bleiben, bis deine Mutter wieder für dich da sein kann?“

Jacky dachte lange nach.

„Dein Schoß ist unbequem“, antwortete sie schließlich.

„Ich weiß“, sagte Cynthia. Nach einer Pause fügte sie hinzu: „Bestimmt gewöhnen wir uns aneinander. Was machst du mit deiner Mutter am liebsten?“

„Du bist nicht meine Mutter“, sagte Jacky, nicht unfreundlich, aber doch sehr bestimmt.

„Ich weiß“, wiederholte Cynthia, „Aber ich möchte gerne, dass du dich bei mir wohlfühlst.“

Jacky seufzte und verdrehte die Augen. Cynthia konnte es nicht sehen, weil sie auf ihrem Schoß saß. „Du könntest mir was vorlesen, aber du hast ja keine Bücher.“

Cynthias Lippen teilten sich, wie um zu antworten, und sie holte Luft, entschied aber im letzten Moment, noch zu schweigen, während sie sich suchend in dem nackten Raum umsah, als sähe sie ihn zum ersten Mal. Für einen Moment weiteten sich ihre Augen, ihr Atem beschleunigte sich und ihre Lippen öffneten sich weiter, bevor sie einen tiefen Atemzug nahm und sich wieder beruhigte.

Jacky wand sich auf ihrem Schoß, aber Cynthia hielt sie fest.

„Ich kann dir auch ohne Buch eine Geschichte erzählen“, sagte sie. „Magst du Märchen?“

„Nein“, antwortete Jacky. „Ich mag Coraline.“

„Oh“, sagte Cynthia. „Was ist das?“

„Da geht es um Coraline, die ist oft alleine zu Haus, und da findet sie diesen Schlüssel, und hinter der Tür ist ein anderes Haus, und da findet sie eine andere Mutter, die ganz nett zu ihr ist und ihr sagt, dass sie für immer bei ihr bleiben kann, aber sie muss ihr Knöpfe statt Augen annähen.“ Jackys Stimme wurde immer leiser, während sie erzählte. „Und sie sagt ihr, dass das gar nicht weh tut, aber Coraline will doch lieber nach Hause, und dann sind aber ihre Eltern … Ihre Eltern sind …“ Jacky verstummte.

Cynthia lächelte. Jacky konnte es nicht sehen, weil sie auf ihrem Schoß saß.

„Ich glaube, die Geschichte kenne ich.“

Es klopfte an der Tür. Mark wartete nicht auf eine Antwort, bevor er eintrat.

„Daddy!“

Er sah seine Tochter auf Cynthias Schoß sitzen, und sein Gesichtsausdruck sprach so deutlich, als hätte er laut gesagt: Was habe ich getan?

Er eilte zu Cynthias Konferenzstuhl, so schnell er konnte, ohne zu rennen, und streckte die Arme nach seiner Tochter aus. Jacky wollte nach ihm greifen, aber Cynthia hielt sie fest.

Ihre blassvioletten Augen blickten unverwandt zu ihm auf.

„Mr. Rawes“, sagte sie, „die Bright Outlook Laboratorien sind Ihnen verpflichtet, und ich möchte betonen, dass auch ich persönlich Ihnen sehr dankbar bin für Ihre hervorragende Arbeit und vor allem für Ihre außerordentliche, unerschütterliche, bedingungslose Loyalität, die Sie am heutigen Tage zum wiederholten Male unter Beweis gestellt haben. Ich bin überzeugt, dass wichtige Aufgaben auf Sie warten, bei deren Verrichtung die Gegenwart Ihrer Tochter sie ablenken könnte, und deren Nähe zugleich für Jacky eine Gefahr wäre.“

„Ich habe für den Rest des Tages frei“, antwortete Mark. „Bitte lassen Sie meine Tochter los.“

Cythia sah Mark stumm an, und der Moment zog sich hin, bis Mark es nicht mehr aushielt und seinen Blick abwendete.

„Die Bright Outlook Laboratorien glauben an eine strikte Einhaltung wissenschaftlicher Standards und sind deshalb eine weitreichende Selbstverpflichtung in Bezug auf die Durchführung von Experimenten, den Umgang mit Versuchspersonen und die Einbeziehung eigener Mitarbeiter eingegangen.“ Cynthia war hörbar um denselben gleichgültigen Tonfall bemüht, in dem sie auch sonst immer sprach, aber sie konnte das leichte Vibrato in ihrer Stimme nicht ganz unterdrücken. Hoffnung? Verlangen? Gier? „Dennoch ist in begründeten Ausnahmefällen ein Antrag auf Dispens dieser Selbstverpflichtung in Bezug auf einzelne Versuchspersonen nicht völlig aussichtslos.“

Marks Kinn fiel herunter und er trat unwillkürlich einen Schritt zurück. Er verstand sofort, was sie ihm anbot, aber er konnte es kaum fassen, und er konnte es noch weniger entscheiden.

„Wie … Wie lange?“ fragte er.

„Sechs Monate erscheinen ausreichend und angemessen.“

„Kann ich aufstehen?“ fragte Jacky. „Dein Schoß ist unbequem, und du hast total kalte Hände!“

„Bitte warte noch einen Moment, Liebling“, sagte Mark, „Gleich ist es so weit.“

Sechs Monate. Ein halbes Jahr mit Cynthia, und dafür …

„Nur während der Arbeitszeit?“

„Sechs Monate“, wiederholte Cynthia.

Für einen Moment dachte Mark nach. Aber ihm wurde schnell klar, dass er nicht konnte. Er konnte seine Tochter nicht ein halbes Jahr dieser … dieser Person überlassen. Und natürlich konnte er auch Regina nicht zurück haben. Sogar wenn Cynthia sie tatsächlich gehen ließ, würde es nie wieder so werden wie vorher. Es war vorbei.

„Bitte lassen Sie meine Tochter los. Ich möchte jetzt gerne mit ihr nach Hause fahren. Ich habe für den Rest des Tages frei.“

„Können wir jetzt gehen, Daddy?“

Cynthia strich ihr beruhigend durch die Haare, und Jacky wandt sich in ihrem Griff und verdrehte die Augen, als wollte sie sehen, was sich da auf ihrem Kopf bewegte.

„Mr. Rawes, ich möchte noch einmal betonen, wie dankbar wir alle bei den Bright Outlook Laboratorien für die uneingeschränkte Treue sind, die Sie uns erwiesen haben. Wir wissen das zu schätzen.“

„Vielen Dank, Cynthia, dürfte ich dann jetzt …“

„Bitte springen Sie, Mr. Rawes.“

„Was?“

Cynthias kalte Augen sahen unverwandt zu ihm auf, sie hatte ihren Kopf ein wenig schräg gelegt. Sie beugte sich ein Stück vor, verschob ihren Griff um Jacky ein Stück nach unten, und hielt eine Hand angewinkelt auf Höhe ihrer Waden, die Handfläche zum Boden.

„Bitte springen Sie. Die Sohlen Ihrer Schuhe am höchsten Punkt ungefähr hier.“

Mark sah sie an, sein Unterkiefer so angespannt, dass er die Muskeln hervortreten fühlte. Jacky sah verwirrt von ihm zu Cynthia.

„Daddy, ich will nach Hause.“

„Ist das Ihr Ernst?“ fragte er.

„Ich werde mich nicht wiederholen“, sagte Cynthia.

Mark blinzelte.

Und sprang.

„Vielen Dank, Mr. Rawes“, sagte Cynthia. „Es tut gut zu wissen, dass wir in Ihnen einen Partner haben, auf den wir uns zu jeder Zeit und unter allen Umständen verlassen können. Bitte kehren Sie nun an Ihre Arbeit zurück.“

„Ich will nach Hause, Daddy!“

Mark öffnete und schloss seinen Mund. Er wollte etwas sagen. Sehr viel sogar. Er hatte so viel zu sagen. Aber er wusste nicht, was.

*********************************************

Für einen kurzen, wundervollen Moment spürte Regina Erleichterung, als sie wusste, dass alles nur ein Traum gewesen war. Natürlich war Mark nicht plötzlich über sie hergefallen und hatte sie betäubt, natürlich hätte sie nicht beinahe den Mann, mit dem sie seit acht Jahren verheiratet war, in ihrem eigenen Haus erstochen, während ihre Tochter oben in ihrem Zimmer wartete.

Natürlich war sie nicht…

Das glückliche Lächeln in ihrem Gesicht starb einen jähen, schmerzhaften Tod als ihr klar wurde, dass das durch ihre Lider scheinende Licht nicht von der Sonne stammte, sondern von kalten Leuchtstoffröhrem, dass sie nicht auf einer maßgefertigten Kaltschaummatratze lag, sondern auf Beton. Und die Person, an die geschmiegt sie hier lag, war auch nicht Mark, wenn sein Körperbau sich nicht dramatisch verändert hatte.

Regina öffnete blinzelnd die Augen und richtete sich leise stöhnend auf.

Die Frau neben ihr, die genau wie Regina selbst in einem dieser viel zu großen viel zu rauen viel zu harten viel zu grauen Overalls steckte, hatte lange lockige rotblonde Haaren, und war bestimmt über 1,80m groß.

Regina sah sich blinzelnd in dem Raum um. Sie kannte diese Art Raum, und dieser spezielle enthielt anscheinend keine Überraschungen. Es gab auch kaum Versteckmöglichkeiten, außer …

Es kam selten vor, aber manchmal steckten Versuchsleiter einzelnen Teilnehmern kleine Geschenke zu, wenn sie besonders originell sein wollten. Konnte wohl nicht schaden, zu schauen, ob einer ihrer Leidensgenossen etwas Nützliches bei sich trug.

Regina erhob sich und betrachtete die anderen drei Personen, die auf dem Betonboden des ersten Versuchsraumes lagen.

Immerhin waren keine Kinder dabei. Die Kinder waren für sie immer am schlimmsten. Regina hatte sich früher oft gefragt, wie Mark damit zurechtkam, aber nun hatte sie … ein anderes Bild von ihm.

Der junge Mann mit dem ungepflegten Vollbart und den wilden braunen Locken war sicherlich der Typ, den Mark bei dem Occupy-Event aufgelesen hatte, der Asiate war der Callboy, und natürlich Miles Agneaux mit dem kräftigen Kinn und den graumelierten Haaren, entschlussfreudig, sympathisch, seriös. Er erinnerte sie immer ein bisschen an Maxwell Sheffield, für den sie lange geschwärmt hatte und insgeheim immer noch eine Schwäche hatte.

Regina hatte ernsthaft überlegt, ob sie ihm ihre Stimme geben würde, aber das konnte er jetzt vergessen. Nicht nur, weil er natürlich bald sterben würde, sondern auch wegen der Sache mit den Subventionen.

Ein Kandidat konnte die Stimmen aus Iowa kriegen, oder Reginas. Agneaux hatte seine Entscheidung getroffen. Ein Date wäre vielleicht noch drin gewesen, aber da stand offenbar dasselbe Problem im Weg wie bei Sheffield, und außerdem natürlich die Sache mit seinem baldigen gewaltsamen Tod.

Naja.

Ihre Gedanken wandten sich für einige Sekunden von der Gegenwart ab, und Regina erinnerte sich an Jacky. Sie versuche, den Gedanken an ihre Tochter sofort wieder zu verbannen, aber es gelang ihr nicht ganz, und eine neue Welle brennenden Hasses für Mark schlug über ihr zusammen. Tränen stiegen in ihre Augen, und ihr Atem verfing sich in ihrem Hals.

Regina biss die Zähne zusammen, ballte ihre Hände zu Fäusten und schluckte.

Nicht jetzt. Eins nach dem anderen. Jacky ging es gut. Sie war bei Mark. Er würde sich um seine Tochter kümmern. Ihre persönlichen Gefühle für ihn waren verständlich, aber sie wusste, dass er ein guter Vater war. Er liebte Jacky, und er würde für sie da sein. Es gab keinen Grund zur Sorge. Es gab keinen Grund, über etwas anderes nachzudenken als diesen Versuch, und ihr eigenes Überleben.

Regina blickte zu der Kamera auf, und sie fragte sich, wer sie gerade durch diese Linse beobachtete. War es Tom? Den mochte sie irgendwie. Aber hieß das, dass sie sich freuen würde, wenn er ihr Versuchsleiter war, oder wäre es ihr lieber, wenn jemand den Posten übernahm, den sie sowieso nicht leiden konnte. Vielleicht Leanne. Die billige kleine …

„Ooohhh… Oahh… Was …?“

Die Frau begann, zu erwachen. Zeit, die Grübeleien auf Später zu verschieben und zu handeln.

„Au … Was …?“

„WasmachnSie?“

Damit hatte sich dann die Hoffnung erledigt, dass sie es vielleicht gar nicht richtig bewusst mitbekam. Regina entschied sich für die Flucht nach vorn:

„Ich sehe nach, ob Sie etwas Nützliches bei sich tragen, und ich überlege, ob ich Sie fessele. Sie machen bisher keinen besonders gefährlichen Eindruck, aber Sie sind ein großes, kräftiges Mädchen, und ich will keine Risiken eingehen, nicht hier, nicht jetzt.“

Sie stemmte ihre Hände auf den Boden und versuchte, sich ein Stück weiter aufzurichten, schaffte es dabei aber erstaunlicherweise, das Gleichgewicht zu verlieren und auf bizarr ungeschickte Art umzukippen.

„Was… Wo sind wir?“ fragte sie, während sie sich zumindest wieder in eine halbwegs ordentliche Liegeposition zu manövrieren versuchte.

„Wir sind in der Hölle“, antwortete Regina, „Oder zumindest fast. Wir haben einen Vorteil gegenüber den Verdammten: Wir werden mit ziemlicher Sicherheit bald sterben, und dann ist es vorbei.“

„Ähhm … Was?“

Die Frau war offenbar noch nicht ganz bei sich. Geschah ihr Recht. Sie musste die Polizistin sein, von der Mark erzählt hatte, und Regina hatte keinerlei Respekt vor Vertretern der Obrigkeit, die ihre Macht missbrauchten.

„Wer sind Sie?“

„Ich bin Regina, freut mich sehr, Sie kennenzulernen.“

Es war ein Glücksfall, dass sie noch zu beduselt war, um zu fragen, woher Regina wusste, was sie gerade gesagt hatte. Das war dumm gewesen, sehr dumm. Sie würde sich zusammenreißen. Eine zerrüttete Ehe war keine Entschuldigung für abenteuerliche Idiotie.

„Hat … Hat Sie dasselbe Arschloch erwischt wie mich? Dieser Typ in dem Cayenne?“

„Genau dasselbe Arschloch, ja.“

Sollte sie sie fesseln?

Regina musste sich eingestehen, dass sie es der Polizistin unbeschadet ihrer grundsätzlichen Einstellung gegenüber dem Missbrauch hoheitlicher Sonderrechte nicht so recht übelnehmen konnte, dass sie Mark zu schikanieren versucht hatte.

Sie wollte keine voreiligen Schlüsse ziehen, aber die große Frau kam Regina vor wie eine Person, die eine ganz brauchbare Verbündete abgab, wenn man fair mit ihr umging, und eine ziemlich lästige Gegnerin, wenn nicht. Große kräftige Menschen erinnerten sie immer ein bisschen an Bernhardiner. Sie war sicher, dass es Ausnahmen gab, aber bisher hatte sie gute Erfahrungen mit dem Vergleich gemacht.

Besser, erst einmal nett zu ihr zu sein. Wenn sie Regina vertraute, würden sich noch genug Gelegenheiten ergeben, sie aus dem Weg zu räumen.

„Geht es Ihnen gut? Also, den Umständen entsprechend?“

„Ich … Ich glaub schon. Wo sind wir hier?“ Sie richtete ihren Oberkörper ein Stück auf, diesmal ohne umzufallen, und blinzelte mit einer über ihre Augen gehobenen Hand in den Raum. „Ist das sein Hobbykeller?“

„Es sieht so aus“, antwortete Regina.

„Können Sie sich noch an irgendwas erinnern?“

Regina dachte kurz nach. „Ich … bin nicht sicher, aber …“

„Whoa, Mann, was ist denn hier …? Wo … Wo bin ich? Scheiße, wo bin ich? Was ist das hier?“

Der Occupier erwachte.

So viele Fragen. Regina kannte die Antworten, aber sie hielt es für opportun, sie für sich zu behalten.

„Ich erinnere mich ungefähr so gut wie Sie“, antwortete sie. „Aber es sieht so aus, als wäre die Tür da der einzige Ausgang, und sie ist abgeschlossen.“

„Waren das die Cops?“ murmelte der Occupier. „Das … Das sieht nicht aus wie ’ne Zelle. Haben die uns nach Gitmo geschleppt? Scheiße, was ist das hier?“

Er rappelte sich mühsam auf und drehte sich mit weit aufgerissenen Augen mehrmals um sich selbst.

„Ich glaube nicht, dass das hier eine Regierungseinrichtung ist“, sagte Regina.

Es war keine. Das Pentagon war ein wichtiger Auftraggeber für Bright Outlook, und auch das Heimatschutzministerium zählte zu den Top10-Kunden, aber die Laboratorien waren in privatem Eigentum und verfolgten ihre eigenen Ziele, die wenig mit Obamas zu tun hatten.

Zumindest war das der Eindruck, den Regina sich über Jahre zusammengereimt hatte.

„Aber es sieht so aus, oder? Habt ihr mal Cube gesehen?“

„Ja, aber ich habe gehört, dass einige Szenen angeblich gestellt waren.“

Die Polizistin lachte. „Der war gut.“

Der junge Mann richtete sich mühsam auf und wankte zu der Kamera.

„Hey!“ rief er. „Wir haben Rechte! Ich … Ich will einen Anwalt!“

Regina sah ihm kopfschüttelnd zu.

„Sie glauben nicht im Ernst, dass … Stimmt irgendwas nicht?“

Die Polizistin starrte sie an, und das Lächeln in ihrem Gesicht schwand langsam.

„Kennen wir uns?“ fragte sie.

„Wieso? Woher denn?“

„Nein, sie hat Recht“, sagte der Occupier. Er kam jetzt langsam näher und zeigte mit einem Finger auf Regina. „Mir kommen Sie auch bekannt vor.“

Die Polizistin blickte überrascht auf zu ihm, dann wieder zu Regina. Ihre Augenbrauen zogen sich zusammen.

„Er kennt Sie auch? Das ist jetzt merkwürdig, wo wir doch eigentlich nur eine Gemeinsamkeit haben …“

Für einige Sekunden war Regina aufrichtig verwirrt, bis ihr klar wurde, was die beiden meinten.

Das erste, was all ihre Freunde gesagt hatten, als sie Jacky zum ersten Mal sahen: Ganz wie die Mutter.

Lesegruppenfragen:

  1. Störte euch, dass wir in der ersten Szene noch mal ganz neu angefangen haben?
  2. Kommt die Erkenntnis von Reginas beiden Leidensgenossen am Ende zu plötzlich, oder habt ihr mir das abgekauft?
  3. Kommt jemandem das Poster bekannt vor?
  4. Wie findet ihr Coraline?
  5. Wie wärt ihr mit Cynthias Agebot umgegangen?

Interaktivitätsfragen:

A. Soll Mark weiter gehorsam bleiben, oder wollt ihr Widerstand?

B. Soll Regina die Ähnlichkeit eingestehen oder versuchen, abzulenken?

C. Wer soll jetzt als nächster aufwachen?

D. Im nächsten Kapitel gibt es auf jeden Fall wieder eine Szene bei Claires Versuchsgruppe. Wo soll die andere Szene spielen?

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13 Responses to Bright Outlook (9)

  1. Günther sagt:

    2. Fand ich gut, besonders weil das in der Szene mit Cynthia schon vorbereitet worden ist.

    3. Nein? Bitte klär mich auf.

    4. Kannte ich bis jetzt nicht.

    5. Das Angebot war, Regina für 6 Monate frei zu bekommen und dafür Jacky in die Obhut von Bright Outlook zu übergeben? Versteh ich nicht so ganz, wieso BO das anbietet. Angenommen hätte ich es ganz bestimmt nicht.

    A. Widerstand natürlich 🙂 Wir müssen ja weiterkommen.

    B. Versuchen sollte sie es schon, abzulenken.

    C. Sind nur noch zwei übrig, oder sehe ich das falsch? Dann wäre ich für den Callboy.

    D. Was sind die Alternativen, Jacky oder Regina? Kann ich mich jetzt nicht entscheiden.

  2. Muriel sagt:

    @Günther:
    Du fängst ja früh an. Vorbildlich!
    3. In Silent Hill in der Schule hängen recht viele Poster mit dem Spruch.
    5. Ich dachte eher, die Laboratorien lassen Regina dauerhaft frei und dafür bleib Jacky 6 Monate lang bei Cynthia.
    C. Ich rechne da wie du.
    D. Jacky und Regina sind die nächstliegenden. Nick gäbe es auch noch, und ansonsten könnt ihr euch auch jemanden ausdenken, der bisher noch gar nicht aufgetreten ist. Das wäre aber merkwürdig.

  3. Guinan sagt:

    1. Stört nicht, mir gefiel das aus anderer Perspektive.
    2. Mir ist das zu plötzlich. Ich bin aber auch extrem schlecht im Erkennen von Familien- und sonstigen Ähnlichkeiten. So schnell hätte ich das nicht einordnen können, gerade nicht in einer Extremsituation.
    3. Nein. Kann sein, dass ich Silent Hill mal irgendwann gesehen habe, die Beschreibung kommt mir vage bekannt vor. Mehr ist da aber nicht übriggeblieben. Kann nicht so besonders gewesen sein.
    4. Ich liebe Coraline. Das ist genau die richtige Gute-Nacht-Geschichte für 5-jährige.
    5. Ich habe auch verstanden: 6 Monate gegen 6 Monate. Und ich hätte das Angebot nicht angenommen, auch nicht bei deiner Deutung. Ein halbes Jahr in Cynthias Obhut würde zu großen Schaden hinterlassen.

    A. Mark soll zunächst noch gehorsam bleiben. Er muss erstmal seine Tochter in Sicherheit bringen.
    B. Ablenken. Ich möchte vorerst noch Misstrauen in der Gruppe, nicht Verbündung.
    C. Der Callboy.
    D. Gibt es noch eine Hierarchieebene über Management und Cynthia? Dann würde ich die gern kennenlernen.
    Ansonsten Jacky. Ist da nicht auch die Szene aus der Sicht des Jungen geplant, oder wie war das ausgegangen? Gegensätzlicher Kindercontent, das fände ich interessant.

  4. Muriel sagt:

    @Guinan: 2. Ich kann das auch nicht.
    3. Ich habe Silent Hill ja kürzlich erst durchgespielt (Ist ganz, ganz schlimm gealtert, funktioniert aber schon noch. Hatte ich das nicht kürzlich schon mal hier geschrieben? Irgendwo? Egal.), und dieses Plakat ist mir merkwürdigerweise sehr fest im Gedächtnis geblieben.
    5. Muss ich beim nächsten Mal wohl deutlicher machen.

    D. Ich würde gerne vorerst noch offen lassen, ob es über Cynthia noch eine Ebene gibt. Wenn die Abstimmung aber ergibt, dass ihr die sehen wollt, dann existiert sie wohl.
    Und mit Pascal hast du Recht, der wird unser POV-Charakter.

  5. Guinan sagt:

    3. Hattest du erwähnt, ja, jetzt, wo du es sagst…
    Ich muss irgendwann mal einen Film mit dem Titel gesehen haben, das Spiel kenne ich jedenfalls nicht. Ich mag keine Spiele, in denen ich mit meiner Figur durch die Gegend laufen muss.

  6. Muriel sagt:

    @Guinan: Jetzt weiß ich auch wieder, wo: Im Podcast. So war das.
    Den Film fand ich übrigens echt gut. Also, für so einen Film. Aber da kommt das Poster nicht vor, glaube ich.

  7. Joan sagt:

    1. Kein bisschen.
    2. Nicht so richtig, zumal sie Jacky kaum genauer angesehen haben dürften. Allerdings geht´s mir wie Guinan, ich erkenne Familienähnlichkeiten selbst nicht besonders gut.
    3. Silent Hill habe ich nicht gesehen…
    4. …Coraline auch nicht, aber der Plot klingt vielversprechend, und außerdem mag ich so ziemlich alles von Neil Gaiman.
    5. Ablehnend. Ich hatte es allerdings nur als vage Aussicht verstanden (und würde Cynthia spontan zutrauen, sich das anders zu überlegen), und dafür Jacky 6 Monate weggeben… nee.

    A. Nicht gleich Widerstand. Aber er könnte anfangen, ernsthaft darüber nachzudenken.
    B. Ablenken.
    C. Miles.
    D. Bei Regina.

  8. Muriel sagt:

    @Joan: 4. Ich kenne nur den Film. den fand ich aber auch gut.
    5. Manchmal denkst du schon arg zynisch.

  9. Muriel sagt:

    Ich fasse mal zwecks weiterer Bearbeitung die Abstimmungsergebnisse zusammen:
    A: 1 Widerstand, 2 (noch) kein Widerstand
    B: Einstimmig ablenken.
    C: 2 Callboy, 1 Miles
    D: 1 Jacky, 1 Regina.
    Ich stelle desweiteren fest, dass die Wahlbeteiligung immer weiter nachlässt und weise aus diesem Anlass darauf hin, dass jede nicht abgegebene Stimme eine für die Extremisten ist. Wenn sich also herausstellen sollte, dass die Bright Outlook Laboratorien von kommunistischen Nazizombialiens betrieben werden, dann wisst ihr, wer Schuld ist: Die Nichtwähler. Die sind nämlich schlimmer als Hitler.
    So.

  10. Günther sagt:

    @Muriel: Ich könnte mich bereit erklären, mehrfach abzustimmen. Dann wären wir auch sicher vor den Extremisten.

  11. Muriel sagt:

    @Günther: Nur zu. Sicher ist sicher.

  12. madove sagt:

    Waaah! Ich übersehe immer die Bright-Outlook-Folgen!! Warum?
    1) Kein Problem, im Gegenteil.
    2) Ich bin da ziemlich tolerant – die Realität kommt mir oft so unplausibel vor, da kommt keine schlecht erfundene Handlung drunter. Zugegebenermaßen allerdings ein bißchen sehr glatt.
    3) Nein.
    4) Peinlicherweise nicht, trotz meiner Begeisterung für Neil Gaiman. Ich mag keine Kinderbücher, ich mochte schon als Kind keine Kinderbücher, mir ist das alles suspekt. Deshalb hatte ich noch nie Lust drauf. Aber ich kenne eine Menge „Sekundärliteratur“ dazu und die Handlung und so.
    5) Ich hatte es auch eher 6M-6M verstanden, und ich könnte das auch nicht annehmen.

    Also gut. Ich bin ja in der Versuchung, explizit für stalinistische Nazialiens abzustimmen, aber ich will versuchen, konstruktiv zu sein:
    a) Kein offener Widerstand, aber vielleicht langfristiges Aushecken einer Sabotagestrategie o.ä.
    b) Ablenken. Soooo sicher können sie sich nicht sein, nur von der Familienähnlichkeit her, finde ich.
    c) Der Callboy. Agneaux wird noch rechtzeitig in der Gegend rumdominieren wollen. Genießen wir die Ruhe.
    d) Da lass ich mich überraschen…

  13. Muriel sagt:

    @madove: Ich hatte auch schon überlegt, ob ich dir eine Erinnerungsmail schicke. Aber dann dachte ich: Es gibt hilfsbereit, und es gibt creepy.

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