This land is your land

Dem einen oder anderen mag aufgefallen sein, dass ich politisch ziemlich weit in die liberale Ecke gehöre. Sogar mit den Ideen Ayn Rands habe ich eine gewisse Sympathie bekundet, auch wenn Objektivismus natürlich Blödsinn ist. Ich könnte insofern dem folgenden Video zu Voluntaryismus ziemlich vorbehaltlos zustimmen, wenn da nicht ein Problem wäre, das auch ich immer noch als größten Schwachpunkt in meiner eigenen Philosophie sehe: Das Privateigentum.

Das Video lehrt uns, dass Eigentum nur auf zwei Arten erworben werden kann: Durch ursprüngliche Aneignung („original appropriation“) und durch freiwillige Übertragung. Mit letzterem werden wohl sogar die eher links tendierenden Leser kein Problem haben, aber ersteres ist natürlich viel leichter gesagt als wirklich geklärt. Ursprüngliche Aneigung. Was soll das sein, und wie soll das gehen?

Die Verteilung von Eigentum war schon immer der Kritikpunkt der Linken, den ich am besten verstehen konnte. Wer heute viel und wenig hat, steht sicherlich auch in einer gewissen Beziehung zu Leistungen, denn viele haben ihren Reichtum in jedem denkbaren Sinne verdient. Aber zu einem großen Teil ist Reichtum in unserer Gesellschaft einfach historischem Zufall zu verdanken. Wessen Vorfahren reich waren, der ist es immer noch, wenn er sich nicht zu dumm anstellt, und ob seine Vorfahren den Reichtum nun anständig erworben oder zusammengeraubt haben (*Räusper*britisches Königshaus*Hust*), spielt kaum eine Rolle.

Das ist in der Tat schwer zu rechtfertigen, aber auch ohne sich in die Ungerechtigkeiten unserer Gesellschaft zu vertiefen, ist das mit dem Eigentum von Anfang an problematisch.

Man stelle sich den Beginn der menschlichen Gesellschaft vor. Einzelne Urzeitler ziehen über endlose Steppen und Wälder, und irgendwann wirft jemand sich zu Boden krallt sich in die Erde und ruft: „Meins!“

Ist es das schon? Gehört ihm jetzt der Boden? Wie viel davon? So viel, wie er tragen kann, so viel, wie er sehen kann, oder so viel, wie er mit Gewalt verteidigen kann? De facto wissen wir, welche Alternative zur Geltung kam, aber hier reden wir ja darüber, was die ethisch richtige Methode zur Zumessung von Eigentum wäre.

Was ist Eigentum überhaupt? Das Recht, eine Sache exklusiv zu nutzen und andere von ihrer Nutzung auszuschließen. Das Recht, über eine Sache zu verfügen. Eigentum ist also nicht einfach nur ein Ausdruck von Freiheit. Es ist das Recht, die Freiheit anderer einzuschränken. Hier darfst du nichts pflanzen. Den Rasen nicht betreten. Finger weg.

Und diesem Problem stehe ich derzeit noch ziemlich ratlos gegenüber. Wem gehört Land? Wem gehören Bodenschätze, wem gehört das Wasser und die Luft? Wem gehört mein Auto, wem gehört meine Kleidung, und wem gehört mein Körper?

Na gut, dass jeder Eigentum an seinem eigenen Körper hat, finde ich noch einigermaßen selbstverständlich, aber da hört es dann auch schon langsam auf. Die einzig vernünftige Methode, die mir spontan einfällt, wäre eine freiwillige Einigung aller Menschen, aber wenn ich mir das mal in der praktischen Umsetzung vorstelle, kommen mir doch schon wieder Zweifel an der Kategorie „vernünftig“. (Mit Eigentum an anderen empfindungsfähigen Lebewesen will ich mal gar nicht anfangen, da kommen noch ganz andere Problem dazu.)

Das ist übrigens kein exklusives Problem einer liberalen Vorstellung von Politik. Ich finde auch keine Methode, wie Eigentum sich mittels staatlichen Zwangs vernünftig zuteilen lässt, und das kommunistische Modell ist erstens auch auf Produktionsmittel beschränkt und damit unvollständig, und zweitens ist die Zuweisung von Eigentum zum Staat per se in meinen Augen keine bessere Lösung als die Zuweisung zu Angela Merkel oder Bill Gates. Das Problem ist so offensichtlich, dass jede Menge Gedanken dazu herumschwirren, aber ich kenne bisher keinen wirklich hilfreichen.

Vielleicht ist es sogar die pragmatischste und beste Lösung, die nun einmal bestehenden Eigentumsverhältnisse einfach zu lassen wie sie sind und von da aus aber mit einem gerechten System (also nur noch freiwilliger Veräußerung) zu arbeiten. Wenn jede Verteilung irgendwie willkürlich ist, kann man sich die Mühe der Umverteilung ja sparen und die Leute einfach machen lassen. Nur ein Schelm könnte auf die Idee kommen, dass mir das auch deshalb ganz plausibel erscheint, weil ich im Verhältnis zur überwältigenden Mehrheit der Bevölkerung dieses Planeten eine sehr großzügige Portion Wohlstand abbekommen habe.

Wie seht ihr das? Kennt ihr einen Ansatz, den ihr für praktikabel haltet? Kennt ihr eine Denkerin, die eine gute Lösung gefunden hat oder habt ihr sonst irgendwas zu meiner eigenen Einfallslosigkeit beizutragen?

Nur zu. Die Kommentarspalte ist nach unten offen.

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11 Responses to This land is your land

  1. Tim sagt:

    Ja, das ist in der Tat die offene Flanke aller Gesellschaftsmodelle, nicht nur der liberalen Weltsicht. Ich habe noch nie von einer wirklichen plausiblen Lösung gehört – wenn man mal von dem völlig unrealistischen Fall absieht, daß 1. permanent und 2. alle Erdbewohner einer beliebigen Lösung zustimmen.

    Daraus ergibt sich natürlich sofort das zweite Problem: Staaten tun so, als sei ihr Machtmonopol auf einem bestimmten Fleckchen Erde gottgegeben und als sei es die natürlichste Sache der Welt, daß man sich in Gegend X an die Gesetzesmenge Y zu halten habe. Das ist nun aber die offene Flanke aller Gesellschaftsmodelle mit Ausnahme der liberalen bzw. libertären Weltsicht.

  2. Lockes homestead principle ist halt ziemlich elegant. Das macht es attraktiv. Zudem lässt es Raum für Dinge wie Wegrechte.

    Wikipedia hat eine ziemlich gute Übersicht zum Homesteading.

    Den gegenwärtigen Zustand könnte man mit dem Grundsatz ‚innocent until proven guilty‘ rechtfertigen. Wenn jemand Anspruch auf meinen Besitz erheben will, muss er zeigen können, dass er ein grösseres Anrecht auf diesen Besitz hat als ich. Z.B. indem er zeigt, dass ich ihm das Ding gestohlen habe.

    Anders als die Linken würde ich zudem nicht zwischen Grundeigentum, Kapitalgütern und Mobilien trennen. Wenn bei einem Privateigentum gerechtfertigt ist, dann kann ich mir nicht vorstellen, wieso das beim andern nicht auch so sein soll.

    Was das Verhältnis von Staat, Eigentum und Bürger anbelangt, halte ich diese zwei Wikipediaartikel für wichtig: Allodial title. Fee simple. Zudem möchte ich ketzerisch anfügen, dass man im Staat auch einfach einen souveränen Grossgrundbesitzer sehen kann.

  3. madove sagt:

    Ich stecke, von der anderes Seite kommend, natürlich an genau derselben Stelle fest.
    Ich verleihe jetzt aus Zeitmangel erstmal nur meiner vollen und begeisterten Zustimmung zu der Frage Ausdruck und ziehe mich zum Nachdenken zurück, um zu sehen, ob ich auch noch was Nützliches dazu sagen kann…

  4. Tim sagt:

    @ madove

    „Sich zum Nachdenken zurückziehen“, sehr schöne Formulierung. Merci!

  5. Muriel sagt:

    @Tim: Naja. In vielem hast du Recht, aber ich bin mir gar nicht sicher, ob ich nicht die Idee, darüber abzustimmen, wie wir Eigentumsrechte gestalten, für die vernünftigste halte. Konsens ist ein unrealistisches Ziel.
    @ars libertatis: Danke für die Links. So richtig überzeugend finde ich das auch nicht, aber zumindest ist es mehr zum Nachdenken, und das ist danach schon das zweitbeste. (Die Unterscheidung zwischen verschiedenen Kategorien lehne ich allerdings auch ab. Nur Lebewesen können wohl eine eigene Kategorie beanspruchen.)
    @madove: Lass mich bitte unbedingt wissen, was du so gedacht hast, wenn du damit durch bist.

  6. madove sagt:

    @Muriel
    „Damit durch“ könnte das Problem sein.. Aber ich tu mein Bestes.

  7. Ivan sagt:

    Also das Video ist schon grossartig. In der neueren Hinrforschung kann man längst sehen, dass wir nicht „Herr unserer Sinne“ sind. Wir werden ständig von unserem „Unbewussten“ geowned. Ganz leicht zu beobachten, wenn ein Exemplar des bevorzugten Geschlechts an uns vorbeirauscht und wir unserem Gesprächspartner nicht mehr folgen können und am nächsten Lichtmast aufwachen.

  8. […] BGE irgendwie was Feines ist, und man kann vielleicht auch vertreten, dass Zinsen es nicht sind (Eigentum gehört für mich bekanntlich explizit zur Verhandlungsmasse), und man kann sicher zumindest derzeit auch vertreten, dass staatlicher Zwang sein muss, und wie […]

  9. Triffels sagt:

    Eigentum erfährt meiner Meinung nach eine gewisse Berechtigung als Mittel zu einem besseren/glücklicheren Leben (wenn wir Menschen Anrecht auf ein solches haben). Als Formel für die Güterverteilung gefällt mir Rawls Theorie der Gerechtigkeit am besten, er sagt: „Social and economic inequalities are to […] be to the greatest benefit of the least-advantaged members of society.“
    Nur ist (deprimierenderweise) auch diese Theorie ebenso willkürlich wie jede andere.
    (2. Das Video ist tot. Gibt es da eine Kopie von?)

  10. Muriel sagt:

    @Triffels: ich schau’s mir vielleicht bei Zeiten mal an und kann dann was dazu sagen, wie es mir gefällt.
    Zum Video könnte ich auch nur bei YouTube suchen. Ich kenne die Leute auch nicht näher.

  11. Christina sagt:

    Wie seht ihr das? Kennt ihr einen Ansatz, den ihr für praktikabel haltet? Kennt ihr eine Denkerin, die eine gute Lösung gefunden hat oder habt ihr sonst irgendwas zu meiner eigenen Einfallslosigkeit beizutragen?

    Ich glaube, es hatte in der Vergangenheit schon mal jemand eine gute Idee dazu – Lukas 3, 11, nur wie meistens scheitert sie am Menschen und der menschlichen Gesellschaft selbst. 😉

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