Bright Outlook (10)

Ich bedanke mich bei allen Lesern meines Fortsetzungsromans für die bewiesene Geduld, bitte für die Verzögerung um Nachsicht und hoffe, dass das Warten sich gelohnt hat. Viel Spaß mit dem zehnten Kapitel!

Was bisher geschah
Im ersten Kapitel erwacht Claire und lernt die erste der anderen Versuchspersonen fürchten.
Im zweiten Kapitel  erwachen auch alle anderen. Die Tür zum zweiten Raum öffnet sich (wieder), und Claire beginnt eine Vorstellungsrunde.
Im dritten Kapitel setzen die Versuchsteilnehmer die Vorstellungsrunde fort öffnen die Tür zum dritten Raum, und Mark wird von einer Polizistin angehalten.
Im vierten Kapitel holt Mark einen Republikaner und seinen Callboy, Branco nimmt Lora den Revolver weg, und die Versuchsteilnehmer öffnen eine weitere Tür.
Im fünften Kapitel holt Mark einen Occupy-Aktivisten, und die Versuchsteilnehmer demontieren eine der Überwachungskameras.
Im sechsten Kapitel holt Mark Regina, und die Versuchsteilnehmer tragen die Konsequenzen ihres Verstoßes gegen die Teilnahmebedingungen.
Im siebten Kapitel streiten Nick und Leanne miteinander, und Leanne unterläuft ein unangenehmes kleines Missgeschick. Jeffries öffnet die Tür zum nächsten Raum, und den Versuchsteilnehmern fällt nicht nur ein Kuchen in die Hände, sondern auch Leanne.
Im achten Kapitel bekommen Nick und Mark Besuch von einem Repräsentanten von Management, Leanne tritt Branco, und Jill wacht auf und lernt Regina kennen.
Im neunten Kapitel betreten wir mit Mark zusammen Cynthias Büro, und der Occupier wacht auf.

Was heute geschieht

„Das müsst ihr auch probieren, das ist zu lecker!“

Pascal blickte auf das große Stück hinab, das er aus dem Kuchen herausgebrochen hatte und kaute grinsend auf dem saftigen schokoladigen fruchtigen teigigen Bissen in seinem Mund.

In diesem Moment war er sich sicher, dass er noch nie einen so guten Kuchen gegessen hatte, und zum ersten Mal, seit er in diesem scheußlichen Keller aufgewacht war, fühlte er sich beinahe ein bisschen glücklich.

Und dann sah er die merkwürdige Frau, die bisher nicht da gewesen war, und sie sah ihn an und lachte.

Es war ein hässliches Lachen, viel zu laut und viel zu freudlos. Sie zeigte nicht mit dem Finger auf ihn, und sie sang kein hämisches Lied, aber sie hätte es genauso gut tun können.

Er sah Branco vor ihr auf dem Boden liegen. Der riesige Mann bewegte sich nicht, und Pascal sah Blut auf dem Boden unter ihm. Hatte die fremde Frau das mit ihm gemacht? Warum trug sie diesen weißen Overall?

Und warum lachte sie so laut und gehässig?

“Was ist?” fragte er, und blickte von Gesicht zu Gesicht, von der netten rothaarigen Frau zu dem komischen schwarzen Mann zu der gemeinen neuen Frau.

Er hatte den großen Russen nicht gemocht, aber jetzt, da ihm klar wurde, dass niemand mehr da war, der mit ihm sprechen konnte, wünschte er sich sehr, dass Branco bald wieder aufwachen würde.

„Was ist los?“ fragte er trotzdem noch einmal, und Claire fragte die Neue mit den lilafarbenen Haaren etwas, das Pascal nicht verstehen konnte, das aber so ähnlich klang.

Jeffries sagte etwas zu ihr. Er klang sehr ungeduldig und besorgt.

Die Frau mit den lilafarbenen Haaren brauchte mehrere Versuche, bis sie ihr Lachen so um Griff hatte, dass sie eine Antwort herausbekam. Diesmal zeigte sie tatsächlich auf Pascal, und noch bevor sie zu Ende gesprochen hatte, schlug Claire eine Hand vor den Mund und schrie auf.

Jeffries schüttelte seinen Kopf und murmelte etwas.

Pascal bekam Angst.

„Was ist los? Was ist mit mir?” fragte er.

Claire sah ihn mit tränenschimmernden Augen an und eilte zu ihm. Sie fiel vor ihm auf die Knie, riss das Stück Kuchen aus seiner Hand und umarmte ihn.

„Hey!“ Er mochte den Kuchen. “Was soll das? Das ist gemein!”

Der Schwarze ging auf die lilahaarige Frau zu, als wollte er sie schlagen, aber stattdessen sagte er nur etwas in einem sehr vorwurfsvollen Ton zu ihr und ging ebenfalls zu Pascal. Sie sah ihm kopfschüttelnd nach und hielt ihren Mittelfinger hoch, bevor sie in dem Raum mit dem Kuchen verschwand.

Pascal hoffte, dass sie nicht alles essen würde, bevor er dazu kam, ihr zu folgen.

Sein Magen fühlte sich komisch an. Es tat nicht richtig weh, es war eher so ein flaues Gefühl, wie in einer Achterbahn.

„Ich fühl mich nicht gut“, sagte er.

Sie löste ihre Umarmung, legte ihre Hände auf seine Schultern, sah in sein Gesicht und redete auf ihn ein. Sie klang freundlich, aber sie klang auch, als würde sie gleich anfangen zu weinen, und das machte ihm noch mehr Angst.

Sein Magen fühlte sich jetzt richtig schlimm an. Es waren immer noch keine Schmerzen, wie er sie kannte, und es war auch keine Übelkeit, aber es wäre ihm beinahe lieber gewesen, wenn ihm schlecht gewesen wäre und er hätte ausspucken können, was da in seinem Bauch war.

Jeffries sagte etwas zu Claire. Er sprach, als würde er sie um etwas bitten, aber auch ein bisschen ungeduldig, als wäre er insgeheim sauer, dass sie es nicht schon getan hatte.

Sie sah zu Jeffries auf und antwortete etwas, und jetzt liefen die ersten Tränen über ihre Wangen.

„Was ist denn los?“ fragte Pascal. „Ich fühle mich nicht gut. Könnt ihr mir helfen? Was ist? Könnt ihr Branco wecken? Dann kann er übersetzen. Ich … Oh…”

Seine Knie wurden weich, und plötzlich fand er sich auf dem Boden wieder.

Aus dem Raum nebenan hörte er die neue Frau mit den violetten Haaren aufgebracht irgendetwas rufen, aber er achtete nicht auf sie.

Claire beugte sich über ihn, und er sah, dass sie schon genug geweint hatte, dass die Tränen wie kleine Bäche an ihrem Hals hinab in ihren Kragen liefen. Pascal hasste es, wenn das passierte, das fühlte sich so eklig an.

Ihm war schwindelig. Und jetzt schmerzte doch etwas. Sonderbarerweise war es nicht sein Magen, sondern seine Ellenbogen, die ihm weh taten. Und seine Knie. Und sein Nacken.

Jeffries sagte wieder etwas zu Claire. Es klang jetzt schon viel weniger bittend und viel mehr ungeduldig und vorwurfsvoll.

Claires Antwort war ein jämmerliches Jaulen, von dem Pascal nicht einmal sicher war, ob es überhaupt Worte enthielt.

„Was ist …“ Er stockte. Seine Zunge fühlte sich merkwürdig fremd in seinem Mund an, und taub, und seine eigenen Worte klangen merkwürdig dumpf und weit entfernt. Es musste der Kuchen gewesen sein. „Ich fühl mich … Branco? Ich glaube …”

Er fühlte, wie sein Kopf langsam auf den Betonboden sank, geführt von Claires Hand.

Sie beugte sich über ihn, und ihre Tränen fielen auf sein Gesicht und kitzelten seine Nase und seine Wangen. Das kalte grelle Licht der Leuchtstoffröhren schien durch den Schleier ihrer herabhängenden roten Haare und schimmerte auf ihrer tränennassen Haut, und ihre Lippen zitterten, während sie schluchzend weiter auf ihn einredete.

Sie tat Pascal in diesem Moment so leid, dass er in seinen letzten Sekunden kaum noch dazu kam, an seine eigene Angst und seine Schmerzen zu denken.

********************************

„Yesterday upon the stair, I met a man who wasn’t there.

He wasn’t there again today. Oh how I wish he’d go away.”

Hoai Nguyen blinzelte verwirrt. Wer hatte das gerade gesagt? Hatte das gerade wirklich jemand gesagt? Träumte er? Wo war er? Was war passiert? Bevor er eine der vielen Fragen, die durch seinen Kopf schwirrten, laut stellen konnte, riet die Stimme in seinem Kopf:

„Ich würd’s für mich behalten. Ist natürlich Ihre Sache, aber ich glaube, Sie tun sich keinen Gefallen, wenn Sie den anderen was sagen.“

Er hörte im Hintergrund um sich herum noch andere Stimmen, aber sie schienen ihm weit entfernt und undeutlich.

„Sie können sich aussuchen, ob Sie auf meiner Seite sein wollen, oder auf der Verliererseite. Ich kann Ihr Freund sein, oder nicht. Wenn ich Ihr Freund bin, dann kann ich Dinge für Sie tun. Ich kann Ihnen Dinge besorgen, die Sie brauchen. Und ich kann dafür sorgen, dass Sie das Spiel hier gewinnen.“

Eine dunkle Frauenstimme lachte, und jemand rief nach seinem Anwalt. Wo war er hier?

Sie können den anderen nicht vertrauen. Die anderen sind gefährlich.“

„Wer … Wer sind Sie?“ flüsterte Hoai, so leise er konnte.

Er hörte die anderen laut miteinander reden und hoffte, dass niemand ihn beachtete, solange er still hielt.

„Nein, das … Bestimmt verwechseln Sie mich. Oder wir sind uns irgendwo zufällig mal begegnet, kann ja sein“, sagte eine Frauenstimme.

„Ich bin Ihr unsichtbarer Freund. Ihr einziger Freund. Vergessen Sie das nie.“

„Wo bin ich?“

„In einem Labor. Sehen Sie sich ruhig ein bisschen um. Die anderen merken sowieso früher oder später, dass Sie wach sind. Aber lassen Sie sie bloß nicht mitbekommen, dass Sie mit mir reden. Das wäre ein Fehler.“

„Aber … Ich bin mir wirklich ziemlich sicher. Ich bin normalerweise echt gut mit Gesichtern, und ich glaube, es ist nicht lange her … Waren Sie in dem Occupy-Camp in Boston?“

„Ich verstehe das alles nicht.“

„Und ich kann Das Omen nicht ausstehen. Tut beides nicht viel zur Sache, oder? Schauen Sie sich mal um, mit was für Leuten Sie zusammen sind. Aber erschrecken Sie nicht.“

„Ähm… Ja. Ja, da bin ich vor ein paar Tagen durch gelaufen. Sie auch? Vielleicht sind wir uns ja da …“

Hoai täuschte einen Gähnen vor, streckte sich sehr auffällig und richtete sich langsam auf. Immer noch geblendet vom grellen Licht blinzelte er in den nackten Betonraum, den er sich mit vier anderen Personen teilte, und der überhaupt nicht wie ein Labor aussah.

„Hey, seht mal, er ist aufgewacht!“ unterbrach sich die Frauenstimme. Hoai war ein bisschen überrascht. Sie klang, als würde sie sich richtig freuen.

Die Sprecherin war eine schlanke Frau mit kurzen schwarzen Haaren und argwöhnisch blitzenden blauen Augen.

„Regina Rawes. 1,72m groß, 63 Kilo. Sie verachtet ihren Ehemann dafür, dass er sie hergebracht hat, aber sie selbst entführt und tötet Menschen für ihren Lebensunterhalt.“

Neben ihr stand eine viel größere und kräftigere Frau mit rotblonden Locken, deren Brüste groß genug waren, um sich sogar unter dem viel zu weiten Overall deutlich abzuzeichnen.

„Guten Morgen“, sagte sie, und musterte ihn mit einem skeptischen Blick, der ihm bekannt vorkam, und wie zur Bestätigung sagte die Stimme in seinem Kopf:

„Jill Gleeson. Sie ist 34 Jahre alt, 1,87m groß, wiegt 84 Kilo. Als Polizistin verhaftet sie Menschen, die sich nicht an die Vorschriften halten, aber sie ist selbst korrupt, hat gelegentlich Freude an eigentlich verschreibungspflichtigen Substanzen und ist sich nicht zu schade, Verdächtige und Opfer zu bestehlen, wenn sich die Gelegenheit ergibt, und gerüchteweise soll sie auch schon mal den einen oder anderen Verdächtigen etwas härter befragt haben, als nötig gewesen wäre. Siehst du, was ich meine? Du bist der Einzige, der es nicht verdient hat, hier zu sein.“

„Weißt du noch, wie du hergekommen bist?“ fragte der bärtige jungen Mann mit den zerzausten Haaren, der so gut mit Gesichtern war. „Hast du eine Ahnung, wo wir hier sind und wer uns hier eingesperrt hat?“

„Abdiel Lewis. 1,77 und 74 Kilo Gewicht. Er demonstriert gegen die Ungerechtigkeit in der Welt, und zwischendurch kehrt er zurück in seine klimatisierte Wohnung, zu seinem vollen Kühlschrank und seinem PowerBook und schreibt wütende Tweets darüber, dass Menschen verhungern, während andere mehr haben, als sie brauchen.“

Hoai fand das als Vorwurf ausgesprochen zahm, verglichen mit den beiden anderen, und zweifelte noch, dass er selbst nie etwas Schlimmeres getan hatte, aber verzichtete vorerst darauf, das Thema mit seinem unsichtbaren Freund zu diskutieren.

„Tut mir leid…“

Er schüttelte seinen Kopf und versuchte, dabei möglichst verwirrt und ratlos auszusehen. Es fiel ihm nicht schwer. Die Situation wäre auch schon kompliziert genug gewesen, wenn ihn nicht noch eine Stimme ablenken würde, die nur er hören konnte und von der niemand sonst wissen sollte.

„Den Ehrenwerten Gouverneur Miles Agneaux kennen Sie ja schon. Und wahrscheinlich wissen Sie mehr über seine Größe und sein Gewicht, als ich jemals herausfinden will.“

Agneaux war der Einzige, bei dem Hoai davon überzeugt war, dass er es wirklich verdient hatte, hier zu sein. Der Mann war ein unsägliches Arschloch. Natürlich hatte Hoai auch keine besondere Vorliebe für korrupte Polizisten und Auftragsmörder, aber hey, es gab auch genug Leute, die Vorurteile gegen Prostituierte hatten, und gegen Koreaner. Im Gegensatz zu Agneaux hatte ihm bisher keine von den Frauen etwas getan, und zumindest mit Auftragsmördern hatte er bisher auch als Gruppe noch keine schlechten Erfahrungen gemacht. Von Polizisten konnte er leider nicht das Gleiche sagen, aber Hoai zog es vor, Menschen erst kennenzulernen, bevor er sie verurteilte.

„Ich weiß nur noch …“ Ja … Was eigentlich? „Wie ich unter der Dusche stand, und dann zog plötzlich dieser Typ im braunen Anzug mit einer Spritze in der Hand den Vorhang auf.“

Wahrscheinlich war es keine gute Idee, zu erwähnen, dass es sich um die Dusche im Hotelzimmer des Ehrenwerten Miles Agneaux gehandelt hatte.

War da gerade ein Grinsen über das Gesicht der schwarzhaarigen gehuscht? Wie hatte die Stimme sie genannt? Regina Rawes. Warum hatte sie so gegrinst? Sie war auch diejenige, die sich so gefreut hatte, dass er aufgewacht war, als die anderen ihr Fragen stellten darüber, warum sie ihnen bekannt vorkam. Hieß das… Entführte und ermordete sie Menschen für dieselben Leute, die sie hier eingesperrt  hatte? War ihr Ehemann vielleicht sogar derselbe Kerl?

„Ich wette, du denkst gerade genau das Richtige“, sagte die Stimme.

„Ja, genau!“ rief der Bärtige. „So ein unauffälliger Typ in ’nem braunen Cord-Anzug! Ich glaube, der hat mich auch hergebracht! Der tauchte da in dem Camp auf und stellte so komische Fragen. Kam mir von Anfang an nicht ganz sauber vor, aber …“

Regina warf ihm einen besorgten Seitenblick zu. Der Bärtige kratzte sich an der Schläfe.

„Er hatte seine Tochter dabei. So ein kleines Mädchen, sechs oder so, und …“ Er drehte sich zu Regina um. „Die sah genau aus wie Sie!“

Reginas Augen weiteten sich. „Jacky!“ rief sie. „Sie haben meine Tochter gesehen? Der Kerl muss sie entführt haben, nachdem er mich geholt hat. Er hatte sie in Ihrem Camp dabei?“

Die Stimme in Hoais Kopf lachte. „Na also. Ich hätte gedacht, sie kommt früher auf die Idee.“

„Ging es ihr gut? War sie verletzt? Wissen Sie, wo sie jetzt ist?“

Hoai kam es so vor, als würde sie ihre Sorge und Angst ausgesprochen schlecht spielen, aber er war sich nicht sicher, ob ihm das auch aufgefallen wäre, wenn er nicht gewusst hätte, dass sie nur spielte.

„Jetzt, wo Sie wissen, mit wem Sie es zu tun haben, sollten Sie einen Freund wie mich wirklich zu schätzen wissen. Ich kann für Sie der Unterschied zwischen Leben und Tod sein. Und im Gegenzug müssen Sie mir einfach nur hin und wieder einen kleinen Gefallen tun. Quid und so, ich kratz deinen Rücken, eine Hand, Sie wissen schon. Nichts Großartiges. Und Sie haben es sowieso als einziger verdient, hier lebend rauszukommen. Verstehen Sie mich? Nicken Sie einfach ein bisschen, wenn Sie mich verstehen.“

Hoai nickte.

„Fein. Was denken Sie, wen wir zuerst aus dem Weg räumen wollen?“

********************************         

„Ist er dann jetzt tot? Können wir weiter machen?“

Nelson Jeffries Kopf ruckte zu Leanne herum, und er ging mit hastigen, staksigen Schritten auf sie zu, seinen Kopf gesenkt, beinahe, als wollte er sie rammen.

Er schien bei Leanne eine ähnlich abwegige Assoziation auszulösen, denn sie beobachtete ihn mit einem verwirrten, aber völlig sorglosen Lächeln, bis zu dem Moment, als er ihr die Pistole ins Gesicht schlug.

Das Geräusch des Schlags war ein unspektakuläres Klatschen, aber dafür sah die Wirkung umso fürchterlicher Aus. Blut spritzte über die Wand hinter ihr, sie fiel, schlug hart mit dem Kopf gegen die Betonwand und rutschte daran zu Boden. Blut strömte aus ihrer Nase, ihren aufgeplatzten Lippen und einem tiefen Kratzer über ihrem rechten Jochbein.

Eine halbe Sekunde lang blickte sie nur mit fassungslos aufgerissenen Augen und offen hängendem Mund zu ihm auf, bevor sie schließlich einen weinerlichen Schmerzensschrei ausstieß, der möglicherweise die Worte „BistduverrücktdublöderArsch“ enthielt, neben anderen mehr oder weniger situationsbezogenen Beleidigungen und Flüchen.

„Entschuldigen Sie bitte“, sagte Jeffries. Er keuchte, als hätte er gerade zu Fuß das Empire State Building bestiegen. „Entschuldigen Sie bitte. Ich … Ich weiß gar nicht, was ich zu Ihnen sagen soll, Sie … Sie … Entschuldigen Sie bitte!“

Er blickte einige Sekunden mit bebenden Kiefermuskeln auf sie hinab, und die Blitze aus seinen Augen waren beinahe spürbare Entladungen.

Er hielt die Pistole noch in der Hand, den Finger am Abzug, den Lauf in ihre grobe Richtung.

Ihre Augen irrlichterten von seinen zu der Waffe zu dem Blut, das an ihren Händen klebte, mit denen sie vorsichtig ihr Gesicht betastet hatte.

„Die ist doch sowieso nicht geladen“, sagte sie. „Glauben Sie, ich weiß das nicht?“

Aber sie klang nicht so, als wüsste sie es. Und sie blieb, wo sie war, und machte keine Anstalten, aufzustehen.

„Ich … weiß gar nicht, was Sie sind“, sagte Jeffries. „Sie sind …“ Er schüttelte seinen Kopf und stieß ein bitteres Lachen aus. „Ich weiß nicht, was Sie sind! Sogar Ratten haben so etwas wie Mitgefühl und Moral. Sogar Schmeißfliegen haben so etwas wie eine Funktion in der Schöpfung, und ich glaube, dass unser Herr uns … uns alle nach seinem Ebenbild geschaffen hat, und dass er uns lehrt, einander zu lieben und zu vergeben, dass er …“ Seine Stimme brach, und er nahm einen tiefen Atemzug, bevor er kopfschüttelnd wiederholte: „Ich weiß nicht, was Sie sind. Aber wenn Sie irgendjemandes Ebenbild sind, dann bete ich für uns alle, dass der Herr uns vor ihm beschützen wird, und vor Ihresgleichen.“

Sie sah ihn an.

„Pfff!“ machte sie. „Ich hab ja gar nicht direkt gelacht, weil er den Kuchen gegessen hat. Das ist… Klar, dass Sie das nicht lustig finden, Sie kennen ja den Hintergrund nicht!“

Jeffries blickte zu ihr hinab, sein Mund halb offen, seine Augenbrauen zusammengezogen. Er schüttelte in kleinen, kaum sichtbaren Bewegungen noch immer seinen Kopf.

Im Hintergrund erklang das leise Schluchzen von Claire, die über dem toten Kind kniete.

 

Lesegruppenfragen:

  1. Ich habe lange mit mir gerungen, bevor ich entschieden hatte, wie ich die Szene aus Pascales Sicht schreiben will. Nun spricht er also deutsch, und die anderen bekommen keinen Text, sondern nur eine indirekte Schilderung dessen, was sie sagen. Was haltet ihr von dieser Lösung?
  2. Und fandet ihr das Verhalten der Erwachsenen einleuchtend, oder störte euch da was?
  3. Wie seht ihr die Stimme in Hoais Kopf? Interessante Idee oder nervige Spielerei?
  4. Wie gefiel euch dieses Kapitel insgesamt?
  5. Der guten Ordnung halber: Der Gedichtfetzen am Anfang der zweiten Szene ist von William Hughes Mearns

Interaktivitätsfragen:

A. Was soll Hoai der Stimme antworten?

B. Soll Branco in der nächsten Szene aufwachen? (Wer gut aufgepasst hat, weiß, dass er noch nicht tot sein kann.)

C. Soll Jeffries die Waffe noch ein bisschen behalten, oder soll sich da was ändern?

D. Wer soll das erste Rätsel in der Gruppe um Regina lösen?

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8 Responses to Bright Outlook (10)

  1. whynotveroni sagt:

    1 – 5: alles gut. Wann kommt der naechste Teil? 🙂

  2. Joan sagt:

    1. Ergibt Sinn, so funktioniert es ja aus seiner Sicht.
    3. Interessant. Kurz dachte ich allerdings, er wäre schon von Haus aus wahnsinnig.
    4. Daumen hoch.

    A. Er möchte Miles noch ein bisschen leiden sehen und hat bei den anderen noch Vorbehalte, sie einfach umzunieten. Daher: erst mal auf Zeit spielen.
    B. Ja.
    C. Egal.
    D. Abdiel.

  3. Muriel sagt:

    @whynotveroni: Sobald ich deine ausführlichen Antworten habe, wir sind schließlich nicht zum Spaß hier. Ich will mich da lieber nicht festlegen, aber hoffentlich in ca. zwei Wochen.
    @Joan: Danke!
    3. Ich habe daran gedacht, mehr mit dieser Möglichkeit zu spielen, fand es aber am Ende so passender.
    Womit ich die Wahnsinnsoption noch nicht völlig ausschließen möchte. Sollte man nie.

  4. Guinan sagt:

    1. Das ist gut so. Mit vielen französischen Passagen hätte ich es mühsam lesbar gefunden, besonders weil du manchmal umgangssprachlich schreibst.
    2. Stören nicht. Ich bin erstaunt über Jeffries Reaktion, die hätte ich so nicht vorhergesehen.
    3. Eine interessante Idee. Ich hoffe auf eine plausible Erklärung (wobei Telepathie bei mir nicht darunter fällt).
    4. Spannend. Der erste Abschnitt dürfte gern länger sein, das war zu wenig Zeit, um sich mit Pascal anzufreunden.
    Regina hat sich gut rausgeredet, damit hast du das zu plötzliche Erkennen aus der letzten Episode für mich ausreichend abgemildert.

    A. Hoai ist noch zu kurz wach, um sich orientiert zu haben. Er soll die Stimme hinhalten und die anderen erstmal kennenlernen.
    B. Ja. Ich habe übrigens nicht gut aufgepasst.
    C. Behalten.
    D. Meinetwegen auch gern Abdiel.

  5. Muriel sagt:

    @Guinan: Sehr schön ausführlich geantwortet, dafür besonderen Dank.
    2. Irgendwann platzt halt auch dem friedlichsten Fisch mal der Kraken.
    3. Keine Sorge. Telepathie gibt es bei mir nur in der Fantasyecke. In so eisern realistischen Geschichten wie Bright Outlook… Naja, du weißt bestimmt, was ich meine.
    B. Ihr habt vor einer Weile mal abgestimmt, dass Pascal als nächster stirbt. Klappspaten frei für Branco heißt es also erst ab genau jetzt.

  6. Günther sagt:

    1. Finde ich genau richtig so. Auf Französisch wäre das Ganze doch ziemlich kompliziert geworden. Auch wenn mich interessiert hätte, wie du eine ganze Szene auf Französisch fertig gebracht hättest.
    2. Finde ich soweit alles einleuchtend. Etwas seltsam ist höchstens, dass Jeffries es schafft, Leanne zu verletzen, wo Branco ihr kaum etwas anhaben konnte. Vielleicht hätte man da den Überraschungsmoment, den er ausnutzt, noch etwas herausarbeiten können.
    3. Interessant; bin gespannt wohin das führt.
    4. Gut, spannend.

    A. Hinhalten. Auf jeden Fall nicht direkt anfangen, Leute umzubringen. 🙂
    B. Ah, hatte ich auch nicht verstanden. Jurist halt. 😉 Ja, bitte aufwachen.
    C. Mir würde es gefallen, wenn Leanne zumindest versuchen würde, sie ihm zu klauen.
    D. Schließe mich an.

  7. madove sagt:

    Hm, jetzt hab ich trotz persönlicher Einladung ein paar Tage gebraucht. Aber ich wills ja auch genießen.
    1. Nach kurzem Wundern halte ich das für eine sehr gelungene Lösung.
    2. Ja, absolut. Auch Jeffries Reaktion fand ich überraschend (solljaauch), aber glaubwürdig.
    3. Spannend und gelungen. Bei einem Film hätte ich wie Guinan Angst, daß sich der Drehbuchautor dieses eigentlich interessanten Plots jetzt irgeneine Telepathie irgendwo herzaubert, aber Dir vertrau ich 😉
    4. Eigentlich spannend. Mir gehen aber generell zu schnell zuviele Leute tot; ich trau mich schon gar nicht mehr, mich für jemanden aus der ersten Gruppe zu interessieren, weil da das MHD schon abgelaufen scheint, deshalb hab ich hier stärker an Hoai gehangen.
    Aber das ist ja nicht Deine Schuld, sondern die der Bright Outlook Laboratorien…..
    5. Danke. Ich hätte sonst fragen googlen müssen. Cool. Kenn ich, das Gefühl.

    1) Hinhalten indeed.
    2) Ich bin genauso überrascht wie die andern. Und erfreut. Das wirft zumindest ein etwas anderes Licht auf meine Antwort in 3. Aufwachen.
    3) Egal.
    4) Egal.

  8. Muriel sagt:

    Zeit für ein vorläufiges amtliches Endergebnis:
    A. Einstimmig hinhalten
    B Einstimmig ja.
    C 1 behalten, 1 „zumindest versuchen, sie ihm zu klauen“. Das liefe tendenziell auf behalten hinaus, denke ich.
    D Einstimmig Abdiel.

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