Tabulos: Muriel Silberstreifs Doppelleben. Lesen Sie seine bestürzende Beichte über eine heiße Affaire exklusiv bei überschaubare Relevanz!

Liebe Leser, ich bin euch untreu. Vielleicht habt ihr es schon lange geahnt, aber ich habe noch andere Freizeitbeschäftigungen neben euch.

Eine davon ist seit einigen Tagen das Videospiel „Borderlands“, das nicht nur mit einem umwerfenden Soundtrack prahlen kann

,

sondern auch mit einer echt netten comichaften Cellshading-Grafik (Nennt man das noch so?) und vielen sympathisch verdrehten Charakteren. Sogar ein Zombie-Addon gibt es, das ja bekanntlich bei keinem Qualitätsmedium fehlen darf (Gibt es eine Zombie-FAZ? Keine weiteren Fragen.), und so kam es, das ich in den letzten ein bis zwei Wochen viel zu viel Zeit vor meiner PS3 verbracht und dabei viel Spaß gehabt habe.

Trotzdem schreibe ich diesen Beitrag nicht vorrangig, um Borderlands zu bewerben. Dafür ist es erstens zu alt (Der zweite Teil erscheint schon im September.), und dafür bin ich mir auch nicht sicher genug, ob es wirklich in irgendeinem bedeutungsvollen Sinne ein gutes Spiel ist oder ob es nicht vielleicht doch nur mit seinen zahllosen Waffen und seinen leicht rollenspieligen Aspekten wie Stufenanstieg und Skillbaum meinen Sammeltrieb ausnutzt und ansonsten zufällig genau die richtigen Aspekte meiner Fantasie anspricht (Ruhe, Guinan!). Ich muss nämlich schon zugeben, dass die Missionen ein bisschen an Abwechslung zu wünschen übrig lassen (Hol das, erschieße den, sammle 50 davon, und die erste und dritte Variante sind ja auch fast dasselbe.), dass die immer wieder respawnenden Gegner mit der Zeit wirklich sehr hart nerven und auch der Plot sich nicht unbedingt zu großen Höhen aufschwingt (Insbesondere das Ende ist eher ein Wimmern als ein Knall.), und was dann noch bleibt, ist eigentlich nur ein eher konventioneller Egoshooter mit cooler Musik, schicker Grafik und eben verdrehten Charakteren. Mir reicht das, aber euch vielleicht nicht.

Nein, eigentlich schreibe ich diesen Beitrag, weil, wie gesagt, das Spiel genau die richtigen Aspekte meiner Fantasie ansprach, was in der Regel dazu führt, dass ich eine neue Geschichte anfange, aus der nicht unbedingt was wird, aber zumindest den Anfang wollte ich euch trotzdem nicht vorenthalten. Und um es euch noch ein bisschen leichter zu machen, habe ich sogar mal wieder ein PDF für euch gemacht.

Wenn ihr mögt, viel Spaß:

(Einen Titel gibt’s noch nicht.)

Dominic Lefèvre spähte über den Rand seines Champagnerglases in Richtung Morganas und betrachtete sie, so unauffällig, wie er konnte, und wandte seinen Blick sofort ab, als sie Anstalten machte, sich zu ihm umzudrehen.

Es war ja genug anderes Sehenswertes da. Die brennenden Haufen aus Schrott und Abfall und Leichen, die seine Plattform umgaben, bis zum Horizont reichten und den perfekten Hintergrund für eine Cocktailparty bildeten. Für eine perfekte Cocktailparty, abgesehen von diesem einen kleinen ärgerlichen Schandfleck… Morgana.

Allein schon der Name! Er verstand nicht, wie sie jemals auf die Idee gekommen sein könnte, sich so zu nennen.

Marcus hatte in seiner glühenden Empfehlung ihre geheimnisvollen Kräfte hervorgehoben, ihre artistische Eleganz, ihre Präzision und ihren besonderen Stil, und sie hatte wirklich wie eine Morgana geklungen. Dominic wusste, dass er Marcus‘ Empfehlungen vertraue konnte und hatte die – um es direkt zu sagen – unverschämte Summe ohne Zögern gezahlt, die sie forderte.

Und jetzt stand sie da, mit ihren fusseligen orangen Haaren, die sie zu einem unordentlichen Pferdeschwanz zusammengebunden hatte, in ihrer schlabberigen Flecktarn-Cargohose, mit ihrem Offensichtlich-Nicht-Tarn-fleckigen Tanktop, den neongelben Kampfstiefeln – wer um Himmels Willen stellte neongelbe Kampfstiefel her? – und ihrem schmalen Gesicht mit den ständig zusammengekniffenen Augen, dem ständig überheblich verzogenen Mund, und ihren Waffen.

Gütiger Gott, die Waffen. Er hatte ihr geschrieben, dass es eine Cocktailparty war. Er hatte ihr gesagt, dass es eine Cocktailparty war. Er hatte Marcus gebeten, ihr gegenüber besonders zu betonen, dass es eine Cocktailparty war.

Sie trug einen klobigen Jakobs-Revolver rechts an ihrer Hüfte, eine unterarmlange rostige Atlas-Pistole links, ein Scharfschützengewehr schräg über ihrem Rücken, eine Schrotflinte an einem Gurt über der Schulter, und sicher ein gutes Dutzend Handgranaten an Karabinerhaken an verschiedenen geeigneten Halterungen an ihrem Körper. Handgranaten! Und das waren nur die Gegenstände, denen er eine Funktion zuordnen konnte.

Bei jedem ihrer Schritte klapperte, klirrte und schepperte das Zeug an ihrem Koppel, den Gurten und Halterungen.

Dominic staunte, dass sie mit dem vielen Zeug überhaupt laufen konnte. Trug sie das immer? Er konnte sich nicht vorstellen, dass sie sich damit einem Ziel nähern konnte, ohne dass ihre Gegner sie schon Meilen entfernt kommen hörten.

Er hatte sich eine geheimnisvolle, tödliche Schönheit vorgestellt, die seine Gäste nicht nur beschützen, sondern auch amüsieren und faszinieren würde.

Bekommen hatte er eine arrogante Hexe, die seine Gäste sichtbar verunsicherte und verängstigte und Verachtung in beinahe sichtbaren Wellen ausstrahlte.

Zumindest Achille schien Gefallen an ihr gefunden zu haben, oder vielmehr am Inhalt dieses dreckstarrenden Tanktops. Dominic war sich nicht sicher, ob es ihr großzügiger Ausschnitt war, der seinen Bruder anzog, oder die Hoffnung, dass sie nicht nur ihre Dienste als Söldnerin für Geld feilbot. Achille hatte nie die Geduld gehabt, eine Frau auf andere Art von sich zu überzeugen.

Klappernd und klirrend näherte sie sich auf einem ihrer Rundgänge Dominic, Achilles Blick wie gefesselt auf die Gesäßtaschen ihrer Cargohose gerichtet, während er abwesend nickte und Isidore Guerins Schulter tätschelte.

Gütiger Himmel, dachte Dominic, wenn sie beim Laufen noch mehr mit dem Arsch wackelt, fällt sie um.

Morganas goldene Augen trafen seinen Blick, und sie betrachtete ihn mit einer gehobenen Augenbraue, wie etwas, das die Katze ihr vor die Tür gelegt hatte.

Gütiger Himmel, sie hätte wenigstens duschen können, bevor sie ihren Dienst für ihn antrat.

Sie war noch gute drei Meter von ihm entfernt, und doch war der Gestank nach Schweiß und Öl und irgendetwas Elektrischem, und ein paar anderen Stoffen, von denen Dominic gar nicht unbedingt wissen wollte, was sie waren, bereits unerträglich.

Es war genug. Das war der Strohhalm, der dem Kamel das Rückgrat brach. Es reichte.

Dominic hob eine Hand um ihr zu bedeuten, dass er mit ihr reden wollte. Er hatte sie sowieso eher wegen des Anscheins angestellt als weil er sich wirklich bedroht fühlte.

Sicher, nach außen hatte er es als Akt der Todesverachtung dargestellt, die Party nicht nur direkt auf dem Planeten abzuhalten, sondern mitten auf der Aschenen Ebene, aber er wusste, dass die Horde dieses Gebiet schon lange nicht mehr heimsuchte, und die Lanze hatte ihm versichert, dass er und seine Gäste so sicher waren wie auf Atlas Prime.

Er öffnete seinen Mund, um ihr zu sagen, dass sie gefeuert war. Ihr Blick fixierte sich auf etwas hinter ihm, ihre Augenbrauen zogen sich zusammen. Ein Lichtblitz blendete Dominic, und plötzlich fand er sich auf dem Boden sitzend wieder. Seine Ohren klingelten, seine Nase war beinahe betäubt von einem durchdringenden Ozongeruch und von seinem versengten Jackett stieg schwarzer Qualm auf.

Morgana war verschwunden.

Und dann brach die Hölle los.

***************************************

Verdammt, sie hatte irgendwas. Achille konnte nicht genau sagen, was es war, aber sie hatte irgendwas, das über die offensichtlichen Aspekte in ihrem Top hinausging.

Sie war gefährlich, das musste es sein. Und sie war gewöhnlich. Er hatte so einen Verdacht, dass es eher das zweite war. Achille hatte immer eine Schwäche für die Unterschicht gehabt, und er hatte lange keine Frau mehr gesehen, die so eindeutig der Unterschicht angehörte. Sie stank nach Schweiß! Nach Schweiß! Er konnte sich gar nicht erinnern, wann er selbst das letzte Mal geschwitzt hatte, oder jemand anderen schwitzen sehen, oder auch nur das Wort gehört.

Es war auf Atlas Prime vollkommen akzeptabel und galt sogar als mondän und unterhaltsam, offen über die Untaten der Horde zu reden, über die blutigen Einzelheiten des letzten Jagdausflugs oder die eigenen sexuellen Eskapaden, aber Schweiß galt als etwas Unanständiges, etwas Peinliches, etwas für die Bodenbewohner.

Er schniefte und sah sich nach einem Domestiken um. Als er keinen sah, griff er sich kurzerhand selbst die Flasche aus dem Kühler und füllte sein Glas auf.

Kurz hatte er auch daran gedacht, sie darauf anzusprechen, aber er spürte, dass das der falsche Einstieg für ihre unweigerlich bevorstehende Romanze gewesen wäre.

„Das ist Ihre erste Lefèvre-Party, oder?“

Sie sah ihn mit zwei gehobenen Augenbrauen an, als hätte sie nicht damit gerechnet, dass er sprechen konnte.

„Ja“, antwortete sie.

Er lachte.

„Wahrscheinlich haben Sie noch nie so viel Geld mit so wenig Arbeit verdient, was?“

„Stimmt.“

Er lachte wieder.

„Sie sind klasse, wissen Sie das?“

„Aber ja“, schnurrte sie, und schlenderte aus der Küche.

Ver-dammt‑, er mochte ihren Hüftschwung.

***************************************

Maélys schnüffelte, als sie die Tür zu Dominics Büro öffnete.

„Schatz, was ist das für ein komischer … oh, guten Tag, Sie müssen die Sirene sein!“

„Ja, ich bin mir auch ziemlich sicher. Und Sie müssen die Trophäe sein.“

„Die Tro…“ Maélys warf Dominic einen fragenden Blick zu. Er schob seine Unterlippe vor und zuckte die Schultern, und sie beschloss, die Bemerkung zu ignorieren.

Stattdessen klatschte sie in die Hände und betrachtete ihr Gegenüber von oben nach unten, von den gelben Kampfstiefeln – wo bekam man denn so grell gelbe Kampfstiefel her? – bis zu den orangen Haaren. Liebe Güte, diese Leute waren eigentümlich, und … waren da sogar Blutflecken auf ihrem Top und in ihrem Gesicht?

„Ich habe noch nie eine echte Sirene gesehen!“ rief sie.

„Ich weiß“, antwortete die Sirene, „Und Sie hatten Leichenfressereier zum Frühstück und fragen sich in letzter Zeit öfter, ob Sie sich mal spaßeshalber komplett kahl scheren lassen sollten.“

„Morgana …“ begann Dominic, aber Maélys unterbrach ihn:

„Lass sie bitte, Schatz, ich fände es toll, wenn sie uns ihre Gabe demonstriert. Können Sie direkt Gedanken lesen? Wie fühlt sich das an? Und … würden Sie einmal für mich phasenwandeln?“

Die Sirene grinste.

„Zu gerne“, antwortete sie, „Aber wenn ich es hier drin machen soll, müsste ich erst mein Geld haben.“

„Was meinen …“

„Bitte sehen Sie meiner Frau nach“, unterbrach Dominic sie, „dass Sie Ihren grausigen Humor nicht gewohnt ist.“ An Maélys gewandt, erklärt er: „Der Phasenschock würde uns beide töten, wenn sie jetzt Aufsteigt.“

„Oh…“

„Ich glaube eigentlich, den Aufstieg würden Sie überstehen“, sagte Morgana nachdenklich, „den habe ich ziemlich gut im Griff. Aber Sie würden es mir trotzdem ziemlich übel nehmen. Natürlich nur, bis ich wieder materialisiere. Dann würde der Phasenschock Sie töten.“

„Haben Sie das nicht so gut im Griff?“ fragte Maélys mit einem zuckersüßen Lächeln.

„Nee, gar nicht“, antwortete Morgana scheinbar leichthin, aber Maélys sah, wie ihre Lippen schmaler wurden und ihre Mundwinkel sich anspannten.

Die Sirene war eitel. Schön. Das war der Teil des Kennenlernens, der Maélys am meisten Spaß machte: Die Schwächen ihres Gegenübers zu entdecken.

Wäre es zu direkt … Ach, was soll’s, dachte Maélys, sie ist nur eine Söldnerin, und ich sehe sie sowieso nie wieder.

„Wenn Sie Aufsteigen, dann sind Sie unsichtbar, oder?“

Die Sirene nickte. „Vereinfacht gesagt. Natürlich ist das nicht alles, aber weil mein Körper eine andere Phasenkonfiguration …“

„Verschwindet dann auch Ihr Geruch?“

Morgana atmete ein und lächelte, aber das Lächeln bestand nur aus mühselig hochgezogenen Mundwinkeln, und der Atem war nur ein Vorwand, um über eine Antwort nachdenken zu können.

Maélys schenkte der Sirene das freundlichste und aufrichtigste Lächeln, das sie hatte.

„Wissen Sie was, warum f…“ Morgana stockte, blinzelte und drehte ihren Kopf zur Seite. „Aber…“ begann sie, und unterbrach sich wieder. Schließlich schnaubte sie, zuckte die Schultern und wandte sich wieder Maélys zu.

„Alle Materie, die sich nicht mehr in Kontakt mit mir befindet, bleibt beim Aufstieg, wo sie ist. Während ich phasenwandle, bleiben alle Partikel, die sich von mir lösen, im verschobenen Zustand, und nach Ablauf der Entkopplung kehren sie gleichzeitig mit mir in die Synchronizität zurück.“

Maélys klatschte wieder in die Hände. „Wie unterhaltsam! Oh, Sie müssen uns das irgendwie vorführen. Einmal vorab, und dann auf der Party für alle Gäste. Dominic, wann ist unsere Kapsel bereit?“

Dominic blickte von ihr zu der Sirene und wieder zurück und seufzte.

Maélys liebte es, wenn er so hilflos aussah.

***************************************

Morgana sah zu, wie die einzelnen Pellets der Schrotladung sich in die schreiende weiße Maske des Fanatikers gruben, wie Risse sich durch die gehärtete Keramikoberfläche ausbreiteten und die Scherben davonstoben wie übergroße Schneeflocken, während das Gesicht dahinter in einem Nebel aus Blut verging – und dann war sie ganz in die Welt zurück gekehrt und lud die Flinte nach, während drei weitere Fanatiker um sie herum zuckend zu Boden fielen.

Sie keuchte, ihr war kalt und schwindelig, und ihre Hände fühlte sich viel zu weit weg an. Zum Glück erforderte die Matador keine besondere Präzision in der Handhabung. Es war ihr dritter Aufstieg in fünf Minuten gewesen, auch wenn ihr die Zeit natürlich viel länger vorgekommen war.

Sie erschoss den ersten der drei zuckenden und kreischenden Fanatiker zu ihren Füßen, hob ihren Blick – und stöhnte.

Mit euphorischem Geheule kamen fünf weitere der Wahnsinnigen aus den verfallenen Gassen der Geisterstadt auf sie zugerannt. Zwei von ihnen brannten bereits.

Ihr ging die Munition aus. Aber wenigstens musste sich nicht mehr lange …

„Die Atlas Corporation bittet Sie um Entschuldigung für alle entstandenen Unannehmlichkeiten. Wir hoffen auf Ihr Verständnis, dass trotz höchster Qualitätsstandards in Einzelfällen Transportkapseln beim Eintritt in die Atmosphäre … Verzögerungen erleiden. Eine Ersatzkapsel befindet sich bereits auf dem Weg zu Ihnen.“

Eine gequältes Winseln entrang sich ihrem verzerrten Mund, während sie die Flinte mit einer pumpenden Bewegung nachlud. Die letzte Patrone im Magazin.

Würde sie noch einen Aufstieg aushalten?

Es sah aus, als würde ihr keine Wahl bleiben, wenn sie überleben würde, aber wenn sie es nicht schaffte und bewusstlos zusammenbrach … Sie wollte lieber nicht darüber nachdenken, was die Horde mit ihr machen würde.

Hastig schoss sie dem zweiten Fanatiker am Boden in den Hinterkopf und sah sich nach etwas um, das entfernt einem Versteck oder Deckung ähnelte, während sie mit zitternden Fingern mehr Patronen aus einer Tasche zog und mit einer routinierten Bewegung der linken Hand den Lauf der Matador abknickte.

„Ohje“, sagte die Stimme des Dispatchers. „Das ist jetzt…“ Er lachte nervös. „Lustige Geschichte.“

„Nein“, sagte Morgana. „Nein, bitte nicht.“ Sie war nicht auf Sendung, aber das war auch gut so. Es hätte sowieso nichts gebracht, mit ihm zu sprechen.

„Die Ersatzkapsel, die ich Ihnen gerade geschickt habe? Die hat … Ich weiß auch nicht, wie das passiert ist, aber sie hat irgendwie die Koordinaten des nächsten Kunden bekommen, weil das System wohl Ihren Prozess bereits als bearbeitet markiert hat.“

„Neinneinneinneinnein!“

Sie wollte nicht hier in diesem gottverlassenen Dreckskaff sterben, sie wollte nicht von der Horde zu Tode vergewaltigt und dann von Baron Flynt gegrillt und gegessen werden. Sie hatte noch so viel vor. Nur noch zwei oder drei Missionen, und sie hatte genug Geld, um die Erde zu besuchen, verdammt, es konnte nicht jetzt zu Ende sein.

Eine der Patronen fiel zu Boden.

„Eine Kapsel ist zu Ihnen unterwegs. Diesmal ehrlich, ich hab’s zweimal überprüft. Bitte halten Sie sich vom Landegebiet fern.“

Keine Zeit, um das Ding aufzuheben.

Drei Ladungen für fünf Fanatiker. Konnte sie noch einen Aufstieg wagen?

Im letzten Moment spürte sie den Schützen am Rand ihres Bewusstseins. Wo war der auf einmal hergekommen? Der war viel zu nah, warum hatte sie ihn nicht vorher bemerkt?

Für einen Sekundenbruchteil sah sie durch seine Augen und konnte gerade noch rechtzeitig zur Seite springen, während eine Salve aus seinem Sturmgewehr die Fassade explodieren ließ, die gerade eben noch direkt hinter ihr gewesen war.

Sie feuerte die Matador blind in die generelle Richtung der Fanatiker und betete, dass es sie wenigstens ein bisschen aufhalten würde, während sie ihre Augen schloss und sich konzentrierte, um den Schützen zumindest so lange zu betäuben, bis die verdammte Kapsel endlich auftauchte.

Sie kehrte gerade in dem Moment ganz in sich selbst zurück, als einer der Fanatiker direkt vor ihr explodierte.

Morganas Schild überlud sich, und die Druckwelle schleuderte sie gegen ein leeres Ölfass. Ihre rechte Schulter prallte hart gegen die obere Kante und etwas Nasses Warmes lief über ihre Stirn. Blut? Aber was hatte denn ihren Kopf getroffen?

Wenigstens waren es nur noch vier Fanatiker. Oder … Sie versuchte, sich zu orientieren und blinzelte hastig, um wieder klarer sehen zu können.

Die Explosion hatte die anderen Angreifer ebenfalls zu Boden geworfen, und … Sie sah nur noch drei. War das ein gutes oder ein schlechtes Zeichen? Wo war der vierte?

Morgana rappelte sich auf und lud die Schrotflinte durch. Ihr Head-up-Display zeigte irgendeine unverständliche Fehlermeldung für den Schildgenerator an.

Mit einem artistischen Schwung sprang einer der Fanatiker wieder auf die Beine, gerade rechtzeitig, um eine Schrotladung von ihr zu empfangen und wieder umzufallen, um nie wieder aufzustehen.

Wo war der vierte?

Instinktiv dehnte sie ihr Bewusstsein aus, aber natürlich spürte sie nichts. Es gab einen Grund, warum die Horde ihre Fanatiker hegte und ernährte, obwohl sie im Schnitt wahrscheinlich mehr Opfer auf der eigenen Seite forderten als auf der gegnerischen.

„Bitte halten Sie einen Sicherheitsabstand von dem Landegebiet, das wir auf Ihrem HUD markiert haben. Die Kapsel wird in fünf Sekunden aufschlagen.“

Morgana erschoss einen weiteren Fanatiker und sah den letzten schon aufspringen, während sie nachl-

„Nein, nein, nicht jetzt, nicht doch jetzt!“

Etwas hatte den Mechanismus verklemmt. Der Vorderschaft saß fest.

Mit triumphierendem Geheule sprang der Fanatiker auf sie und war sie zu Boden. Er war nicht besonders groß, aber immer noch doppelt so schwer wie sie, und was den Wahnsinnigen an Geisteskraft fehlte, machten sie mit Adrenalin und Muskeln wieder wett. Sie schlug hart auf und rollte ein Stück weit, fest umklammert von ihrem Gegner. Immerhin brannte er nicht, aber wenn sie ihn nicht loswerden konnte, würde das bald keine Rolle mehr spielen.

Verzweifelt versuchte sie, einen Arm zumindest soweit aus seinem Klammergriff zu befreien, dass sie irgendwo ein Stück haut zu fassen kriegen … Da, was war… Uäh, das war sein… ? Egal. Bettler können nicht wählerisch sein. Sie schob die Hand in seinen Hosenbund, packte seine Arschbacke, so fest sie konnte, und jagte einen mentalen Impuls in seine Nerven, der seine Zähne so heftig zum Klappern brachte, dass er sich wie ein kaputter Wecker anhörte.

Ein schnell lauter werdendes Rauschen erklang vom Himmel, unmittelbar gefolgt von einer dumpfen Detonation. Die Kapsel, endlich.

Mit einem dankbaren Seufzen schob sie den hilflosen Fanatiker von sich und rappelte sich auf, als plötzlich über ihr ein hysterisches Lachen erklang.

Oh fickt euch doch alle! dachte sie, und Stieg Auf.

Es war, wie in eiskaltes Wasser einzutauchen. Sie spürte die Kraft aus ihrem Körper fließen, sie konnte nicht mehr atmen, und ihre Gliedmaßen waren nicht mehr die ihren. Sie sah und spürte mit sehr, sehr großer Distanz, dass ihre Hände zitterten, als hätte ihr jemand ein Starkstromkabel in den Mund gerammt, und ihre Knie knickten ein. Sie lag auf ihrem Rücken und brauchte ihre ganze Willenskraft, um die Entkopplung aufrecht zu erhalten. Es fühlte sich an, als würde es klappen, zumindest die nächsten subjektiven zehn Sekunden, plus minus drei oder vier. Das Dumme daran war, dass sie kein Quäntchen Kraft mehr übrig hatte, um aufzustehen oder sonst eine Bewegung auszuführen, und dass ihr so nicht viel mehr zu tun übrig blieb, als den brennenden Irren in Zeitlupe auf sich herabschweben zu sehen, bis der unerbittliche Lauf der Zeit sein Recht fordern und er auf ihr landen und sie mit sich reißen würde, in welche Hölle auch immer er ansteuerte.

Das verschneite, unscharfe Bild einer jungen Frau mit schulterlangen Haaren, die sonderbarerweise immer von einem sanften Wind bewegt wurden, erschien in der oberen rechte Ecke ihres HUD.

„Nicht aufgeben“, sagte ihr Schutzengel. „Nicht aufgeben, Morgana, du kannst das. Er ist der letzte, und die Pistole ist nicht mal fünf Zentimeter neben deiner Hand. Du kannst das. Bitte Morgana, schnell, oder alles war umsonst.“

Fünf Zentimeter. Fünf Zentimeter, die für ihre Zwecke genausogut eine Meile oder ein Lichtjahre hätten sein können, denn sie fühlte ihren ganzen verfemten Körper nicht mehr, und sie war müde, und ihr war kalt, und alles tat ihr weh, und…

„Morgana!“ rief ihr Schutzengel. Sie klang sehr weit entfernt.

Aber für einen Moment fühlte es sich an, als hätte sich ihre Hand bewegt. Und… War da etwas Kaltes, Hartes an ihrem Zeigefinger? Eine Pistole.

„Ja, Morgana, so ist es richtig! Gut so! Komm, jetzt nur noch zugreifen.“

Ach fuck. Das letzte bisschen würde sie auch noch schaffen.

Lesegruppenfragen gibt es auch nicht, denn es ist ja schließlich Sonntag, aber ich freue mich trotzdem unbändig, wenn ihr mich wissen lasst, was ihr von meinem Entwurf haltet, und welche Teile euch besonders gut und besonders schlecht gefallen haben.

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10 Responses to Tabulos: Muriel Silberstreifs Doppelleben. Lesen Sie seine bestürzende Beichte über eine heiße Affaire exklusiv bei überschaubare Relevanz!

  1. Guinan sagt:

    Ich hab‘ doch gar nix gesagt 😀
    Die Gedanken sind frei *träller*
    Weiter bin ich noch nicht, wollte nur kurz meiner Freude über eine neue Geschichte Ausdruck geben. Rest folgt morgen.

  2. Muriel sagt:

    @Guinan: Ich bin gespannt, ob das was für dich ist.

  3. Muriel sagt:

    Notiz an mich selbst: Dringend Texte noch einmal gegenlesen vor der Veröffentlichung. Im Idealfall einmal drüber schlafen und dann noch mal durchsehen.
    Jungejunge.

  4. Falls du es noch nicht ausprobiert hast solltest du es vieleicht auch mal mit Mass Effect probieren. Idealer Weise mit Teil 1 beginnen. Ich kann es nur empfehlen.

  5. Muriel sagt:

    @Nardon: Wie soll ich sagen…
    Ich habe eine Demo von Mass Effect gespielt, und sie hat mich nicht interessiert.
    Dann habe ich die „Simon & Nils lieben Mass Effect 2“-Videos gesehen, bis sie aufhörten, und die fand ich zwar sehr unterhaltsam, aber das Spiel hat mich nicht interessiert.
    Ich kann mir vorstellen, dass sich das ändern würde, wenn ich mir mal ein paar Tage Zeit nähme, um selbst mit dem Controller in der Hand wirklich in die Mass-Effect-Welt einzutauchen, aber das scheitert daran, dass es mich einfach nicht interessiert.
    Mass Effect und ich werden anscheinend einfach nicht glücklich miteinander, obwohl es ein echt gutes Spiel zu sein scheint.

  6. Guinan sagt:

    @Muriel: Schwierig. Eigentlich bin ich nicht Zielgruppe. Trash und Spatter ist nicht so meins. Kampfszenen mag ich, wie x mal gesagt, überhaupt nicht. Spielbezüge kann ich auch nicht erkennen, weil ich nun mal eine ganz andere Art von Spielen mag. Trotzdem, die Geschichte hat was.
    Die beiden Mittelabschnitte, mit Achille und dann mit Maélys, sind sogar richtig gut, da hast du ein paar echte Perlen eingebaut. Und sowas wie den Dispatcher mag ich auch gern. Schön ist auch, wie du den Aufstieg beschrieben hast.
    Negativ aufgefallen ist mir das Bild mit Strohhalm und Kamel und weiter unten das Viech was da wieder umgefallen ist, um nie wieder aufzustehen. Sowas reißt mich aus der Stimmung.
    Und dann sind da noch die Schuhe. Bei Kampfstiefeln sehe ich zunächst mal ganz unabhängig von der Farbe die klobigen Bundeswehr-Knobelbecher vor mir. Kann sie ja ruhig tragen. Die sind vernünftig flach, was mir für den Einsatzzweck auch sinnvoll erscheint. Aber – intensives Arschwackeln mit solchem Unterbau? Ich fürchte, das hat dann eher was von einer Ente. „Hüftschwung“ würde ich das jedenfalls nicht nennen. Vielleicht machst du dir über die Schuhbeschreibung noch mal Gedanken.
    Ansonsten – ausbaufähig. Insbesondere der erste Abschnitt hätte gern noch etwas länger sein dürfen, mehr Beschreibung, evtl. auch von den Partygästen.
    Ich würde jedenfalls gern wissen, wie es weitergeht. Der Cliffhanger funktioniert.

  7. Muriel sagt:

    @Guinan: Mit ungefähr der Reaktion hatte ich gerechnet, was nicht heißen soll, dass ich nichts aus deinem Kommentar lernen kann.
    Vielen Dank für’s Durchquälen und für die Tipps, ich werd‘ mir das für die Überarbeitung merken.

  8. Muriel sagt:

    Aber vielleicht kann ich schon mal sagen, dass es keine Splatter- und Actiongeschichte wird. (Trash muss jeder für sich selbst entscheiden.)
    Einfach, um ein bisschen den Schrecken rauszunehmen.

  9. madove sagt:

    Spontan bin ich relativ nah bei Guinan, dh ich freu mich zu hören, daß es keine Splatter/Action wird, weil das jetzt nicht soooo mein Genre ist, und freu mich aber insbesondere zu hören, daß das tatsächlich weitergehen soll, weil es mir wirklich gefallen hat (und ein entstzlicher Cliffhanger……).
    In der Tat fand ich die Szene mit Maélys am besten, aber auch sonst kommen die Personen und das Setting auch schon auf die Kürze schön rüber, die Welt gefällt mir, und Morgana ist eine Art Figur, die ich sehr mag. Du kannst irgendwie richtig brauchbare Frauen schreiben. Hoffentlich überlebt sie……..
    Achja, und in der Tat einen Pluspunkt für den Dispatcher.

    Woran erkennt man eigentlich Trash?

  10. Muriel sagt:

    @madove: Oh schön, deine Meinung interessierte mich ja noch sehr. Danke dafür!
    Das Lob in Bezug au die Frauencharaktere freut mich natürlich besonders, und ich wäre beinahe versucht, dir einen Fingerzeig für die weitere Entwicklung zu geben, aber das mache ich mal lieber nicht.
    Stattdessen Bildung:
    ein kulturelles Produkt mit geringem geistigen Anspruch, an dem gerade der Aspekt der Geistlosigkeit genossen wird. Auch übt die oft unfreiwillige Komik eine große Faszination auf die Konsumenten aus.
    Die Anwendung des Begriffes ist umstritten und schwierig einzugrenzen. Was der eine Betrachter als Kitsch, als Gipfel der Geschmack- und Geistlosigkeit ansieht, birgt für den anderen tiefen künstlerischen Wert. Dies gilt besonders bei Trash, der zum Kult geworden ist, da hier die rein subjektive Einschätzung das Maß setzte.

    Fun Fact: Der erste, der einen meiner Texte als „Kult“ bezeichnet, wird hier auf Lebenszeit gesperrt.

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