nackt an den Pranger gestellt

Kann Herrn Grass mal jemand sagen, dass Fasching schon länger vorbei ist und die Pappnase deshalb ein bisschen unpassend wirkt?

Und falls das nicht hilft, kann ihn bitte jemand informieren, dass Länder nicht wegen Zahlungsschwierigkeiten thermonuklear eingeebnet werden und dass deshalb keine Gefahr eines Verlusts des Landes besteht, dessen Geist uns seiner mir nicht ganz verständlichen Auffassung nach erdacht zu haben scheint?

Und falls das auch keiner machen will, können die Zeitungen dann bitte wenigstens damit aufhören, jeden peinlichen Mist zu veröffentlichen, den Herr Grass so von sich gibt? Ich mag ihn ja auch nicht, aber jetzt fängt er doch langsam an, mir leid zu tun.

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34 Responses to nackt an den Pranger gestellt

  1. Ivan@Tim sagt:

    Ich finde das Ding gut!

    Ein bisschen zu steif

    aber gut

  2. Dietmar sagt:

    Der böse Markt! Wir undankbaren Europäer! Das arme Griechenland!

    So ungefähr seine Stoßrichtung?

    Geht dies auch als Lyrik durch?

  3. Ivan sagt:

    Als Lyrik geht das definitiv durch.

    Ein Wirtschaftsbericht wird es nicht sein. Da fehlt denn wohl doch zu sehr die Alternativlosigkeit.

  4. ars libertatis sagt:

    Miserable Lyrik, miserabler Inhalt. Wie konnte Grass je berühmt werden?

  5. Dietmar sagt:

    Ich meinte, ob meine Zusammenfassung auch als Lyrik durchgeht!

  6. Ivan sagt:

    Schwing die Worte hin nach Lust
    wie du es fühlst in deiner Brust
    Schmiegen Worte sich in Tönen
    soll ich durch das Lob dir löhnen

    Bäh

  7. Gurasijewitsch sagt:

    Mir tut Grass auch leid. Dabei ist dieses Gedicht besser als das vorherige. Dem 25-jährigen Grass täte sein heutige Inkarnation bestimmt auch leid, bzw. er tät sich schämen. So wie Dir, ars libertatis, vielleicht in 30 Jahren auch Dein heutiges Ich leid tun wird. Grass is ja nicht unbedingt wegen seiner Poesie berühmt.

    Man muss sich Europa wie eine große, glückliche Familie vorstellen. Griechenland ist der olle Onkel, einst als Rabauke geschätzt, jetzt ein rotnasiger Tunichgut. Italien ist die peinliche Tante, sie denkt immer noch sie sei 17 und sexy. Spanien ist der schwule Halbbruder, Polen, die, über die wir nicht sprechen, Frankreich ist die dicke Mama und Deutschland? Ja, Deutschland ist der sadistische Vater, protestantisch erzogen, der tagsüber ein Büßerhemd trägt und nachts bei seinen Töchtern ins Bett steigt. So muss man sich das vorstellen.

  8. Ivan sagt:

    @Gurasijewitsch
    Damit wären wir dann im Olymp und alle sind glücklich.

  9. Gurasijewitsch sagt:

    @Ivan

    Beim Zeus, Sie haben recht.

  10. Muriel sagt:

    Niemals. So albern kann die Titanic nicht. Die haben auch ihren Stolz, und einen Ruf zu verlieren.

  11. [kreativername] sagt:

    Da ist doch ein Konjunktiv in der Titelzeile (oder wie auch immer das Ding heißt) bei der FAZ: „… das Satiremagazin „Titanic“ hätte die Persiflage eines Grass-Gedichts auch nicht besser hinbekommen.“ Hätte. Nicht „hatte“ oder „hat“ oder sonst etwas dass sich als Tatsachenbehauptung lesen ließe. Warum wird der Text dann überall (wo Ich ihn nun gesehen habe) so behandelt als wäre tatsächlich die Titanic verantwortlich für das neue Gedicht von Grass? Stand da vorher was anderes?

  12. Yeti sagt:

    Ich raff’s nicht wirklich … Ist das Gedicht jetzt tatsächlich von Grass? Ist ja krass.

  13. Muriel sagt:

    @Yeti: Ja, ist von Grass.

  14. Ivan sagt:

    Können wir jetzt dann wieder über den Inhalt des Gedichts reden?
    Ich finde es gut, dass Herr Grass Deutschland daran erinnert, dass in Griechenland Menschen wohnen und keine abstrakten Durchschnittslöhne, dass Griechenland entgegen aller Rhetorik nicht der Hort des bösen Faulenzertums ist, sonden auch dort Dinge von Wert geschaffen werden.

  15. Muriel sagt:

    @Ivan: Was? In Griechenland leben Menschen?
    Inconceivable!
    Bloß gut, dass wir Literaturnobelpreisträger haben, die in überregional erscheinenden Tageszeitungen solche weltbilderschütternden Erkenntnisse für uns enthüllen.
    Hoffentlich erinnert uns bald mal jemand daran, dass Wasser nass ist, und Badeenten meistens gelb. Ich habe sogar schon eine Vision, wie das aussehen könnte.

    Dem Abfluss nah, weil der Strömung gerecht
    bist fern du dem Mann, der zu Wasser dich ließ.

    Was mit der Seife gesucht, gefunden dir galt,
    wird abgespült nun, unter den Achseln rasiert.

    Oder so.

  16. Ivan sagt:

    in dem täglichen Nachrichtenfluss geht es aber immer nur um „die Griechen haben noch nicht genug gespart“… als ob es den Leuten dort nicht richtig dreckig gehen würde…

  17. Muriel sagt:

    Ach so, und bevor jemand auch nur einen Teil meines Kommentars ernst nimmt: Nein, um die Menschen in Griechenland geht es in Grass‘ Gedicht eben gerade nicht.
    Während sein letztes Werk immerhin noch ein paar Wahrheiten enthielt, wie lächerlich und trivial und ungeschickt verpackt und lyrisch missglückt auch immer, ist diesmal wirklich nur Stuss aus seiner Feder geflossen.

  18. Ivan sagt:

    um die Menschen geht es nicht?
    Worum dann?

  19. Muriel sagt:

    @Ivan: Um die Ideen, die in Griechenland entwickelt wurden und derethalben wir laut Grass dem Land offenbar Unterstützung schulden, um die Schätze, die andere Länder aus Griechenland mitgenommen und in eigenen Museen ausgestellt haben, um den griechischen Staat und um den griechischen Geist, was immer das genau ist.
    Ich sehe da keinen einzigen Vers, der sich in irgendeiner Form mit der Situation der einzelnen Menschen in Griechenland auseinandersetzt.
    Das Land steht da als ein monolitischer Block, der uns unsere Kultur geschenkt hat und den wir beraubt haben und der jetzt unsere Hilfe bräuchte, die wir ihm aber verweigern.
    Grass trägt in meinen Augen eher dazu bei, die Diskussion weiter weg von der Idee zu bewegen, dass in Griechenland Menschen wohnen.
    So oder so taugt sein Werk, wir kennen es von ihm ja nicht anders, nicht für mehr als sich ein bisschen billig drüber lustig zu machen.

  20. Ivan sagt:

    schiet… Grass Gedicht habe ich falsch markiert… hier ist die ganze Fassung meiner Interpretation:

    Damit wir mal eine Diskussionsbasis haben, werde ich dir hiermit meine Gedichtinterpretation vorlegen. Aus dieser kannst du dann selbst ersehen, warum Grass nicht nur nicht auf Griechenlands Kulturgüter anhebt, sondern eher diese und ihre ihnen inneliegenden kräftigen Bilder benutzt. Dami macht er seine Haltung klar, was Europas Haltung zu Griechenland für die Menschen bedeutet:

    Europas Schande

    Ein Gedicht von Günter Grass

    -Dem Chaos nah, weil dem Markt nicht gerecht,
    bist fern Du dem Land, das die Wiege Dir lieh.-

    In diesen beiden ersten Strophen beschreibt Grass den Zustand Europas. Selbiges ist fern den Ideen, die es sich selbst aus Griechenland entliehen hat. Näher hingegen ist der Idee des Marktes, den Grass hier als Gegensatz zur entliehenen Idee der Demokratie (zu diesem Ideenkomplex gehören selbstverständlich auch die Menschenrechte) etabliert.

    -Was mit der Seele gesucht, gefunden Dir galt,
    wird abgetan nun, unter Schrottwert taxiert.-

    In diesen beiden folgenden Strophen wird etwas mit der Seele gesucht, es wurde auch gefunden, aber nun wird es mit der Begründung Schrottwert als minderwertig deklariert. Vermutlich ist mit dem Gesuchten „Demokratie in vereinten Europa“ gemeint. Also der gemeinsame europäische Gedanke.

    -Als Schuldner nackt an den Pranger gestellt, leidet ein Land,
    dem Dank zu schulden Dir Redensart war.-

    Hier beschreibt Grass den Absturz Griechenlands als geliebte Wiege der Demokratie zum entblössten alleinegelassenen Staat. Und da leidet ein ganzes Land. Das will sagen: die komplette Bevölkerung. Und da Grass den Dank als „Redensart“ bezeichnet, lässt darauf schließen, dass er es für undenkbar gehalten hat, dass etwas so scheinbar tief Verwurzeltes herausgerissen hat werden können.

    -Zur Armut verurteiltes Land, dessen Reichtum
    gepflegt Museen schmückt: von Dir gehütete Beute.-

    Es folgt der Gegensatz zwischen Europa, das sich mit den Kunst- und Kulturgütern Griechenland kleidet und diese Werte als Beute nicht hergibt, während gleichzeitig ein ganzes Land in Armut versinkt. Was heißt denn Armut für den Einzelnen? Und der Schuldner ist nun zum Verurteilten geworden. Verurteilt von wem? Von Europa. Demselben Europa, dass sich seiner Errungenschaften rühmt, die es eben von dem Verurteilten bekommen hat.

    -Die mit der Waffen Gewalt das inselgesegnete Land
    heimgesucht, trugen zur Uniform Hölderlin im Tornister.-

    An dieser Stelle beginnt Grass einen historischen Exkurs, in dem er auf die historische Verantwortung Deutschlands abhebt. Dieser Verweis ist mit der Perversion geschmückt, dass Menschen, die ein Land eroberten, um es zu unterdrücken, gleichzeitig einen Roman mit sich trugen, dessen Hauptfigur als griechischer Befreiungskämpfer auftritt, aber von der Rohheit des Kriegs angewidert ist. Der lesende Deutsche Soldat hat die Einsamkeit und die Landschaft Griechenlans in Hyperion geliebt, aber nicht die Griechen selbst. Die schlachtete er ab.

    -Kaum noch geduldetes Land, dessen Obristen von Dir
    einst als Bündnispartner geduldet wurden.-

    Ein weiterer Verweis auf die Geschichte, die als Vorkenntnis zu den heutigen Ereignissen unerlässlich ist. Die Griechen konnten sich nur kurz einer Demokratie erfreuen, da der vom Westen unterstützte Putsch (samt Drohung aus Washington) letztlich dafür sorgte, dass ein faktisches Zweiparteiensystem nach dem Ende der Diktatur entstand. Dieses sorgte wohl erst für das massive Ausmass an Korruption.
    Die interessensgeleitete Politik des Westen (Naher Osten, Zugang zum Schwarzen Meer), die auch heute noch Griechenland als Bollwerk gegen die Einwanderung ausrüstet und die Militärausgaben erhöhen läßt. Während gleichzeitig die Renten und Löhne gekürzt werden, ja ins Bodenlose stürzen und menschenwürdiges Leben unmöglich machen.

    -Rechtloses Land, dem der Rechthaber Macht
    den Gürtel enger und enger schnallt.-

    Als rechtlos bezeichnet Grass hier das Land, dem Sparkomissare aufgezwungen werden und dessen Politik es nicht mehr selbst bestimmen kann. Hier zitiert Grass die Rhetorik der aktuellen und vergangenen Bundesregierungen, und zeigt die Umstände auf, unter denen Rhetorik zu Realität wird.

    -Dir trotzend trägt Antigone Schwarz und landesweit
    kleidet Trauer das Volk, dessen Gast Du gewesen.-

    Antigone. Die klassische Figur des Menschen, der sich für seine Herzensangelegenheit einsetzt und sich der unmenschliche Logik der Macht entgegenstellt, die aus Rechtfertigungsgründen sich ein Opfer sucht. Gegen diese Logik Europas kämpft das trauernde Volk. Das Volk, das von Millionen von Deutschen als gastfreundlich wahrgenommen wurde und zu dem man immer wieder gerne zurück gekommen ist. Es sind die „netten Menschen“, denen der Pöbel nun die Pest an den Hals wünscht, weil sie nicht wie die schwäbische Hausfrau wirtschaften.

    -Außer Landes jedoch hat dem Krösus verwandtes Gefolge
    alles, was gülden glänzt gehortet in Deinen Tresoren.-

    Krösus, der gierigste unter allen mythischen Figuren. Diesen benutzt Grass, um all diejenigen zu charakterisieren, die alle Werte aus dem Land bringen, aus dem sie eben diese Werte gezogen haben. Sie zahlen keine Steuern (was unter anderem die ganze Situation erst provoziert hat und sicher korrigiert gehört) und diese Praxis wird von den Staaten,die solche Kapitalflucht erst erlaubt haben auch noch begünstigt. So wird der Schaden nur bei den Leuten angerichtet, die nicht so viel haben, dass sie es wegschaffen könnten. So muss nicht jeder Bürger gleich an den Sparmaßnahmen leiden. Bekannterweise liegen die außer Landes geschafften Werte über den Schulden, die Griechenland zu zahlen hat. Natürlich verdienen einige Unternehmen damit auch noch Geld.

    -Sauf endlich, sauf! schreien der Kommissare Claqueure,
    doch zornig gibt Sokrates Dir den Becher randvoll zurück.-

    Grass vergleicht hier die Situation Griechenlands mit der des Sokrates. Während aber Sokrates sich selbst vernichtete und das Unrecht schluckte, wehrt sich das griechische Volk dagegen. Die Wahlergebnisse sprechen für sich.

    -Verfluchen im Chor, was eigen Dir ist, werden die Götter,
    deren Olymp zu enteignen Dein Wille verlangt.-

    Dies beschreibt die Wahlergebnisse, die von den Medien („der Kommissare Claqueure“) heftigst, ja wutschäumend, kommentiert worden sind und deren Stimmungsbild aufs heftigste verzerrt wurde (wie zum Beispiel eine ANTI-Naziparteidemo vor dem Parlament, die von der Zeitung WELT zu einer Nazifreudenfeier umgestaltet wurde, da die Menschen hier ja kein Griechisch lesen können). Hervorgehoben wurde eine Partei, die 7% erreicht hatte. 93% hatten anders gewählt, aber es in den schien Medien so, als ob ein neuer Hitler vor der Tür stünde und die Griechen Europa hassten. Das ist das Verfluchen des eigenen Willens, das Grass anspricht. Und nebenbei eine Breitseite auf den geforderten Verkauf der Kulturgüter (Akropolis, Olympia etc= Olymp) feuert, da er das Enteignung (des Volkes) nennt.

    -Geistlos verkümmern wirst Du ohne das Land,
    dessen Geist Dich, Europa, erdachte.-

    Als Abschlusssatz fasst Grass zusammen, dass Europa sich dem Markt unterwirft und damit die Demokratie und die damit verbunden Versprechungen für den Einzelnen, Menschenrechte und menschenwürdige Lebensumstände, über den Haufen wirft. Griechenland ist das erste Beispiel, dem, wenn sich Griechenland nicht erfolgreich wehrt, noch viele folgen werden.

    _________________________________________________

    Du musst meiner Interpretation natürlich nicht folgen, aber ich hoffe, dass du jetzt verstehst, warum ich in dem Gedicht durchaus die Ausrichtung auf den Menschen in Griechenland sehe.

  21. Muriel sagt:

    @Ivan: Ich fürchte, ich folge deiner Interpreation in ziemlich großem Umfang und kann genau deshalb nicht verstehen, wie du auf diese merkwürdige Idee kommst.
    Aus deiner Deutung klingt für mich auch kein bisschen Interesse an einzelnen griechischen Bürgern heraus.

  22. Muriel sagt:

    Um das vielleicht noch ein bisschen auszuführen: Die Assoziation zu den Menschenrechten finde ich abwegig. Die werden in dem Gedicht erstens nicht einmal angedeutet und kommen ja zweitens auch tatsächlich nicht aus Griechenland. Aber sei’s drum. Mir ist das keine ausführliche Debatte wert.
    (Ich habe deine erste Version jetzt gestrichen und nur die zweite stehen lassen. Hoffen wir mal, dass niemand Urheberrechtsprobleme daraus dreht.)

  23. Ivan sagt:

    Wenn du die Assoziation mit den Menschenrechten abwegig findest, dann musst du mir sagen, woher die Assoziation der Demokratie kommt (die in ihrem heutigen (unserem) Verständnis durch die Erklärung der Menschenrechte aus der Fr. Rev. erweitert worden ist), wenn nicht aus Griechenland?
    Aus der französischen Revolution wird sie wohl kaum kommen… das waren ja eher diktatorische Zustände einer populistischen Oligarchie.
    Und natürlich war das alte Athen eben keine Demokratie, aber deswegen sage ich ja das „heutige Verständnis“.

    Und der einzelne ist immer mit gemeint, wenn vom Volk die Rede ist.

    Ein schöne Symbolfigur ist hier natürlich Antigone. Die einzelne, die sich wehrt.

  24. Muriel sagt:

    @Ivan: Die Demokratie ist unabhängig von Menschenrechten. Das antike Griechenland ist in der Tat mit seinen Scherbengerichten ein beliebtes Beispiel dafür, dass eine Demokratie ohne Menschenrechte einfach nur die Diktatur der Mehrheit ist.
    Dass der Einzelne immer mit gemeint ist, wenn vom Volk die Rede ist… Nein. Sehe ich ganz anders. Ich verstehe deinen Standpunkt, aber für mich sind das sogar Gegensätze.
    Ich bin der Meinung, dass man „das Volk“ im Sinne eines homogenen Blocks sagen kann, und dass das etwas völlig anderes ist, als an die Individuen zu denken, aus denen es sich de facto zusammensetzt.
    Ich könnte genauso behaupten, dass natürlich auch immer Menschen gemeint sind, wenn von Durchschnittslöhnen die Rede ist, aber da scheinst du den Unterschied zu erkennen.

  25. Ivan sagt:

    Ja, warum schreibe ich denn eigentlich diese blöde Differenzierung hin, wenn du sie nicht liest…Und genau deswegen schreibe ich doch „unser heutiges Verständnis“…. NATÜRLICH IST NICHT DIE GRIECHISCHE DEMOKRATUR GEMEINT (*facepalm*).

    Natürlich übertreibe ich, wenn ich sage, dass das Volk der einzelne ist.
    Aber in Grass Gedicht geht es gerade doch gerade um den Gegensatz „griechisches Volk“ gegen europäische Kommissars- und Austeritätspolitik und deren Folgen. Und diese Folgen betreffen immer den Einzelnen.

    Wer sollte denn sonst „Trauer tragen“, den „Gürtel enger schnallen“?

    Und die partes pro toto Sokrates und Antigone verweisen sehr wohl direkt auf einzelne.

    Wie soll denn auch Grass 11 Millionen Griechen in einem Gedicht einzeln beschreiben???

  26. Muriel sagt:

    @Ivan: Einigen wir uns, dass wir dieses Gedicht unterschiedlich rezipieren.

  27. Ivan sagt:

    ich bin fast dazu bereit, fast 😉

    Ich sehe da keinen einzigen Vers, der sich in irgendeiner Form mit der Situation der einzelnen Menschen in Griechenland auseinandersetzt.
    Das Land steht da als ein monolitischer Block, der uns unsere Kultur geschenkt hat und den wir beraubt haben und der jetzt unsere Hilfe bräuchte, die wir ihm aber verweigern.

    Wenn du behauptest, dass da ein monolithischer Block gemeint sei, dann macht beispielsweise die Erwähnung des dem Krösus verwandten Gefolges keinen Sinn. Es macht auch keinen Sinn, auf Hölderlin zu verweisen, der ja in Hyperion explizit das Schicksal eines Eremiten beschreibt.

    NATÜRLICH, da gebe ich dir Recht, wirkt das Gedicht auf den ersten Blick wie ein Versuch, das klassische, historische Griechenland gegen die marktkonforme Demokratie der Europäischen Union zu stellen.

    ABER auf den zweiten Blick ergibt das keinen Sinn. Es geht um den Kampf eines Volkes gegen eine aufoktroyierte Politik. Wenn das in meiner Interpretation nicht herauskommt, dann habe ich sie halt schlecht geschrieben.

    WAS ich dann natürlich zurücknehme, ist, dass direkt der 48-jährige Heinzos Mülleroses aus der Apollonstraße 15, zweiter Stock links in Athen gemeint ist. Jedoch kann ich das Wort „Volk“ gerade mit den hier vorgenommenen Bebilderungen durch Grass nicht als etwas monolithisches nehmen, sondern nur als pars pro toto verstehen.

    Aber hier werden wir beide nicht mehr zusammenkommen.

    Du bleibst dabei, dass Grass ein abgehobener Dichter ist, der Griechenland durch seine bildungsdeckten Brillengläser sieht. Nicht ganz auszuschließen, freilich.

  28. Muriel sagt:

    @Ivan: Ich würde Grass niemals im Ernst einen Dichter nennen, und wenn seine Brillengläser mit irgendwas bedeckt sind, dann sicher nicht mit Bildung, und meine Bewertung seines Gedichts hat auch wenig mit meiner Bewertung seiner Person zu tun, aber deine Interpretation verstehe ich jetzt ein bisschen besser, auch wenn ich sie immer noch für zu weit hergeholt halte.

  29. Ivan sagt:

    Wenn du meine Interpretation ein bisschen besser verstehst, dann haben wir beide einen sehr weiten Weg hinter uns. Klasseleistung.

  30. freiheitistunteilbar sagt:

    Ivan: Die Demokratie ist unabhängig von Menschenrechten. Das antike Griechenland ist in der Tat mit seinen Scherbengerichten ein beliebtes Beispiel dafür, dass eine Demokratie ohne Menschenrechte einfach nur die Diktatur der Mehrheit ist.

    Demokratie als politischer Begriff ist nichts Anderes als die Diktatur der Mehrheit. Daran werden auch keine Anspruchsrechte, wie die Menschenrechte, etwas ändern, die sich durch nichts vom systemimanenten Unrecht unterscheiden.

  31. Ivan sagt:

    @freiheisistunteilbar:
    Aber darüber reden wir hier gar nicht, oder?

  32. Dietmar sagt:

    Dem Abfluss nah, weil der Strömung gerecht
    bist fern du dem Mann, der zu Wasser dich ließ.

    Was mit der Seife gesucht, gefunden dir galt,
    wird abgespült nun, unter den Achseln rasiert.

    😀 Genial! Habe sehr gelacht!

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