Land of the free

20. Mai 2012

Normalerweise finde ich es ja einfallslos und armselig, einfach nur Dinge wiederzugeben, die ich woanders gelesen habe, aber manchmal geschehen Dinge, die ich so … bedenklich finde, dass ich sie hier festhalten will.

Letzten Mittwoch hat eine Bundesrichterin in den USA eine einstweilige Verfügung erlassen, nach der § 1021 des  von Präsident Obama unterzeichneten National Defense Authorization Act 2012 nicht angewendet werden darf, weil er das Recht auf Meinungsfreiheit und ein faires Verfahren verletzt. § 1021 lautet:

The President has the authority to detain persons that  the President determines planned, authorized, committed,  or aided the terrorist attacks that occurred on September 11, 2001, and persons who harbored those responsible for those attacks. The President also has the authority to detain persons who were part of or substantially supported, Taliban or al-Qaida forces or  associated forces that are engaged in hostilities against the United States or its coalition partners, including any person who has committed a belligerent act, or has directly supported hostilities, in the aid of such enemy forces.

Kurz auf Deutsch zusammengefasst: Der Präsident darf jede Person ohne Weiteres beliebig lange einsperren, solange er feststellt, dass diese Person terroristische Handlungen ausgeführt oder unterstützt hat. Ich weiß auch nicht, wie die Dame darauf kam, das könnte irgendwie bedenklich sein.

Zum Glück hat das Repräsentantenhaus sich von den kleinlichen Bedenken der Richterin nicht irritieren lassen, sich nicht von ihrer linksliberalen Agenda vereinnahmen lassen und die fragliche Vorschrift unbeirrt bestätigt. Der Republikaner Mac Thornberry brachte die Sache hervorragend auf den Punkt:

„I think the vast majority of people in this body and around the country do not think telling them they have the right to remain silent as the first thing they hear is a wise thing“

Man muss ja, insbesondere wenn man so ein Sonderling ist wie ich, sehr darauf achten, diesen Satz nicht überzustrapazieren, aber da ich ihn länger nicht mehr benutzt habe, gönne ich mir mal wieder was:

Ick kann jar nich soville fressen, wie ick kotzen möchte.


Im Prinzip ja. (1)

16. Mai 2012

Die Redaktion des Magazins „Spektrum der Wissenschaft“ hat sich entschieden, im Januar 2012 mal ein ganz brandheißes Eisen anzufassen und eine Frage zu diskutieren, die sonst kaum jemand zu stellen traut und für die wir alle schon so lange atemlos auf eine Antwort warten:

Sind Wissenschaft und Religion vereinbar?

Und weil ich mir denke, dass es nach der langen Wartezeit auf ein paar Monate mehr nicht ankommt, habe ich entschieden, jetzt mal über diesen Versuch einer Antwort zu berichten. Wer das auch so sieht, findet meinen Bericht hinter dem Klick. (Spoiler: Es wird eher unterhaltsam als lehrreich.)

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Mit Dank an Tim für die freundliche Anregung

15. Mai 2012

Tja, FAZ halt.


Bright Outlook (10)

14. Mai 2012

Ich bedanke mich bei allen Lesern meines Fortsetzungsromans für die bewiesene Geduld, bitte für die Verzögerung um Nachsicht und hoffe, dass das Warten sich gelohnt hat. Viel Spaß mit dem zehnten Kapitel!

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Die Jugend von heute

14. Mai 2012

Wir arbeiten gerne mit induktiven Schlüssen, und wir sind sehr gut darin, Muster zu erkennen, und oft klappt das im normalen Alltag auch sehr gut, und darauf sind wir so stolz, dass wir unsere Fähigkeit, mit diesen einfachen Mitteln zur Wahrheit zu gelangen, maßlos überschätzen. Die Sonne ging gestern früh auf, und vorgestern, also wird sie morgen auch wieder aufgehen. Ich wurde zweimal von Zigeunern bestohlen, also sind alle Zigeuner Diebe. Ich habe bisher jedes Halmaspiel gewonnen, bei dem ich meine blauen Ringelsocken trug, also bringen die wohl Glück beim Halmaspielen. Ich habe drei arschlochhafte Artikel von Henryk Broder gelesen, als muss er wohl ein Arschloch sein. Solche Schlussfolgerungen formen unser Weltbild, manchmal mit glücklicherweise richtigem Ergebnis (wie bei der Sonne), manchmal eher nicht so (wie bei den Socken). Und es fällt uns sehr schwer, uns wieder von ihnen zu trennen. Ich muss schon mehr als zwei oder drei Halmaspiele mit den Glückssocken verlieren, bevor ich ernsthaft beginne, an ihrer magischen Kraft zu zweifeln, und auch der vierte Zigeuner, der mich nicht bestiehlt, wird meine Überzeugung nicht erschüttern, dass dieses Volk (von dem ich nicht einmal genau sagen kann, ob es wirklich ein Volk ist und wer eigentlich dazugehört; im Zweifel wahrscheinlich alle Diebe) nur aus Verbrechern besteht.

Ich schreibe nicht nur deshalb „wir“, weil das netter klingt, sondern weil ich wirklich davon überzeugt bin, dass alle Zigeuner kriminell, äh… dieses Problem uns alle betrifft, auch mich. Ich wüsste gerne, wie viele und welche meiner Annahmen über die Welt und das Leben völlig falsch und irrational sind, aber ich werde damit leben müssen, das nie so recht wissen zu können. Vielleicht stimmt sogar diese ganze Einleitung nicht, und ich habe mich nur von den vielen anderen Leuten, die das behaupten, in die Irre führen lassen, weil ihre Behauptungen mehr oder weniger zufällig mit meiner persönlichen Erfahrung übereinstimmen.

So stolpern wir halb blind durch unser Leben und merken gar nicht, wie oft wir versehentlich gegen Wände, Bäume und andere Menschen laufen, und sind deshalb wahnsinnig stolz auf unsere Scharfsichtigkeit. Teilweise haben wir natürlich keine Wahl, denn wir müssen jeden Tag Hunderte, wenn nicht Tausende Entscheidungen auf Basis unzureichender Daten treffen. Wir haben zwar mit der Wissenschaft eine Methode entwickelt, die  (anscheinend, bis auf Weiteres) wesentlich besser funktioniert als das, was wir euphemistisch „gesunden Menschenverstand“ nennen, aber bei vielen Alltagsfragen wäre es nicht praktikabel, auf wissenschaftlicher Genauigkeit zu bestehen, und wir können bestenfalls mit einer groben Näherung von Rationalität arbeiten.

Wofür diese lange Einleitung gut sein soll? Sie soll einerseits erklären, warum ich mich über das FAZ-Interview „Wir erziehen eine unmündige Generation“ einerseits geärgert habe, warum ich aber andererseits nicht so sicher bin, wie gerechtfertigt mein Ärger ist.

Dieses Interview enthält einerseits nahezu keine belastbare Information. Sie enthält jede Menge Eindrücke und Gefühle des Interviewten, die offenbar gut zu den Vorurteilen der Interviewer passen und deshalb in schöner Harmonie von niemandem infrage gestellt werden.

Sie sind ja auch Psychologe. Gibt es eine Überidentifikation mit dem Kind und enorme Versagensängste bei den Eltern?

Viele Eltern projizieren in der Tat das, was sie selbst nicht erreicht haben, in die Kinder hinein.

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Wir auch.

10. Mai 2012

Wenn über hundert prominente Künstler sich gegen Angriffe auf das Urheberrecht zur Wehr setzen (allein diese Formulierung schon), dann erwartet man als Ergebnis gewiss ein eindrucksvolles Meisterwerk der Rhetorik, ein Fanal für Recht, Freiheit und das Gute im Menschen, ein Feuerwerk durchdachter Argumente, mitreißend vorgetragen und auf den Punkt gewählte Worte, die … Ja, ich weiß, so naiv sind wir in Wahrheit natürlich alle nicht.

In Wahrheit dabei herausgekommen ist www.wir-sind-die-urheber.de, und wer das dort hinterlegte Dokument gelesen hat, der hofft für die Beteiligten (soweit sie denn überhaupt Wortkünstler sind), dass sie es nicht selbst verfasst haben, denn sonst müsste man um ihr Überleben fürchten.

Ich kann das nicht oft sagen, und ich glaube, mir fällt sonst sogar kein einziges öffentlich diskutiertes Thema ein, zu dem das in diesem Umfang gilt, deswegen koste ich meine Position aus, so gut ich kann: In Bezug auf das Urheberrecht habe ich keine Meinung. Ich bin wirklich vollständig neutral. Auch wenn ich selbst hoffe, eines Tages mal von meinen Geschichten leben zu können, bin ich bis auf Weiteres nicht davon überzeugt, dass es dabei auf eine bestimmte Ausgestaltung des Urheberrechts ankommt. Ich gehe also wirklich unvoreingenommen an diese Diskussion heran und freue mich über jede Chance, etwas dazu zu lernen.

Das Dokument von „Wir sind die Urheber“ ist keine solche Chance. Es ist nicht einmal ein nützlicher oder auch nur ein sinnvoller Beitrag zur Diskussion. Es ist gar nichts. Es enthält nichts Neues, es enthält keine Information, es enthält keine Argumente, es enthält nicht mal einen ernstzunehmenden Appell an meine Sympathie für Künstler. Ich würde es als bittere Enttäuschung bezeichnen, wenn ich glaubwürdig behaupten könnte, in dieser Debatte noch irgendeine Erwartung an neue Beiträge zu haben.

Wer trotzdem mehr wissen will und Lust auf ein bisschen Blödelei hat, der folge mir bitte hinter den Trennbalken.

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You’re either good at running the mills, or you’re good at running to Washington

9. Mai 2012

„It’s a moral imperative, universally conceded in our day and age, that every man is entitled to a job.“ His voice rose. „I’m entitled to it!“
„You are? Go on, then, and collect your claim.“
„Uh?“
„Collect your job. Pick it off the bush where you think it grows.“
„I mean-“
„You mean that it doesn’t? You mean that you need it, but can’t create it? You mean that you are entitled to a job which I must create for you?“
„Yes!“
„And if I don’t?“

Ich mag Ayn Rand ja wirklich nicht besonders, aber ein weiser Professor hat mir mal gesagt, dass jedes Buch irgendwo auch etwas Gutes und Wahres enthält, wenn man nur Willens ist, es zu finden. Und wenn jemand ein so langes, langes, langes, langes, laaaaaaaanges, laaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaanges Buch schreibt wie „Atlas Shrugged“ dann kommt sie offenbar trotz multipler Inkompetenz nicht ganz umhin, dabei auch ein paar ganz treffende Dinge einzustreuen. Und so kommt es öfter mal vor, dass mich Aspekte aktueller Politik an Atlas Shrugged erinnern. Meistens verschweige ich die Assoziation, weil mir peinlich ist, dass ich das das Buch gelesen habe, aber heute mache ich mal eine Ausnahme.

Dabei geht es vielleicht zu eurer Überraschung nicht direkt um das Recht auf Arbeit, wie es zum Beispiel in der allgemeinen Erklärung der Menschenrechte steht, noch um deutsches Arbeitsrecht, über das ich möglichst wenig schreibe, weil es doch doof wäre, wenn ich in meinem zarten Alter bereits von einem Herzinfarkt dahingerafft würde, oder von explosivem Brechdurchfall, und es geht nicht mal um den Mindestlohn. Der Bezug zu unserem heutigen Thema ist wesentlich raffinierter subtiler cleverer abwegiger: Es geht um Verbraucherschutz.

Es gibt zwar sicher andere Politikbereiche, die nach objektiven Maßstäben weitaus schädlicher sind, wie etwa unsere vielen Kriege, ob gegen Terror oder Drogen, aber an schierer Würdelosigkeit kann es meiner Meinung nach kaum ein Aspekt unserer Gesetzgebung mit dem Verbraucherschutz aufnehmen.

 „Die Bundesregierung muss die Dispozinsen endlich gesetzlich deckeln“, fordert der Chef des Verbraucherzentrale Bundesverbandes, Gerd Billen. 

Genau, denn wo kämen wir hin, wenn wir einfach andere Leute entscheiden ließen, was sie als Gegenleistung dafür fordern, dass wir ihr Geld ausgeben? Das Verbraucherschutzministerium sieht das verständlicherweise ähnlich, denn erstens beziehen diese Leute ja ihre ganze Daseinsberechtigung daraus, andere zu entmündigen, und zweitens tun sie den ganzen Tag nichts anders, als ohne Gegenleistung das Geld anderer Leute auszugeben.

Ein Sprecher des Bundesverbraucherschutzministeriums sagte am Dienstag in Berlin, die enormen Unterschiede zwischen den niedrigen Leitzinsen, von denen die Banken profitieren, und den vergleichsweise hohen Dispozinsen seien „ein Ärgernis“. 

Und was braucht der moderne Rechtsstaat sonst noch, um in die Freiheit seiner Untertanen einzugreifen, als ein Ärgernis? Der EU genügt es als Begründung für Zwangsmaßnahmen ja auch, wenn sie mit der Preisentwicklung nicht zufrieden ist, warum sollte die Bundesregierung da andere Maßstäbe anlegen?

Ich würde vorschlagen, dass Frau Aigner dann doch einfach selbst jedem Bedürftigen zu einem von ihr als angemessen empfundenen Zinssatz das benötigte Geld ohne Bonitätsprüfung oder sonstige Informationen zur Verfügung stellt. Sie scheint ja der Meinung zu sein, dass das ein profitables Geschäft wäre, und ich würde ihr das Zusatzeinkommen gönnen. Andererseits halte ich mich da vielleicht lieber zurück, denn ich sehe die Gefahr, dass sie es wirklich tut. Natürlich nicht mit ihrem eigenen Geld, sondern mit unserem.