Säulen. Schon Scheiße.

Ein Spruch, den mein Vater gerne und oft zitierte, wenn er bereits am Anfach einer Sache untrügliche Anzeichen sah, dass daraus nichts werden konnte. Niemand außer uns verstand diesen Spruch, und konnte auch niemand (Naja, die Grundaussage war natürlich klar.), weil er auf ein echtes Erlebnis zurückzufahren war. Er hatte in einem Theater irgendwas sehen wollen, ich weiß nicht mehr, welches Stück, und gerade als der Vorhang sich öffnete und für einen Moment Stille herrschte, kam verspätet noch ein älteres Ehepaar herein, dessen männlicher Bestandteil die Kulisse auf der Bühne mit eben diesen Worten recht laut und deutlich kommentierte. Die Schauspieler, die wenig später auftraten, hatten ihn nicht gehört und waren deshalb sehr verwirrt, von lautem Gelächter begrüßt zu werden.

Ich weiß nicht, ob das wirklich so passiert ist, aber der Spruch ist für mich jedenfalls eine stehende Redewendung, außerhalb meiner Familie aber meines Wissens völlig unbekannt. Falls ihr auch damit vertraut seid, wäre ich euch für einen Hinweis sehr dankbar. Ich lerne ja immer gern dazu.

Warum ich das schreibe: Ich bin gerade berufsbedingt in Augsburg, und in meinem Hotel lagen kostenlose Ausgaben der Augsburger Allgemeinen rum. Ich schlug eine auf, sah ein kurzes „Porträt“, verfasst von Birgit Holzer und überschrieben mit:

Die Provokateurin – Christine Lagarde, die Chefin des Währungsfonds, spricht gerne Klartext. Auch wenn es nicht jedem gefällt

Und ich dachte: Säulen. Schon Scheiße.

Ich weiß nicht viel über Frau Lagarde und ihren Währungsfond. Insbesondere weiß ich nicht, ob alles so schlimm ist, wie Michalis Pantelouris schreibt („Man weiß, dass man Recht hat, wenn der IWF sauer ist.„). Aber wenn Medien im Zusammenhang mit einer Person des öffentlichen Interesses den Begriff „Klartext“ verwenden, kann man erfahrungsgemäß hohe Wetten zu sehr ungünstigen Quoten abschließen, dass diese Person (mindestens) in ihrem öffentlichen Auftreten ein ausgesprochen scheußliches Verhalten an den Tag legt. So auch hier. Frau Lagarde habe nie das politische Phrasendreschen gelernt, verfüge aber über

ein souveränes Auftreten, Sachverstand und Verhandlungsgeschick. […] Und sie sprcht Klartext. Mit einem charmanten Lächeln auf den Lippen, aber entschlossen.

Soso. Wie sieht das wohl aus, wenn Frau Lagarde charmant lächelnd im Klartext „den Griechen […] die Leviten“ liest (übrigens auch so eine Formulierung, die selten im Zusammenhang mit klugen Äußerungen verwendet wird)?

Mitgefühl habe sie für Dorfkinder in Niger, die zwei Stunden Unterricht pro Tag erhalten und sich zu dritt einen Stuhl teilen müssen [wtf? Verstehe ich das nur nicht, oder ist das vollkommen lächerlicher Blödsinn?]. Sie bräuchten mehr Hilfe als die Bevölkerung in Athen.

Wenn eine Journalistin so etwas für „Klartext“ hält, hat sie ihren Beruf verfehlt Arbeit nicht besonders gut gemacht. Das ist Bullshit. Bei der Frage, wie wir mit der Krise in Griechenland umgehen, geht es nicht darum, mit wem Frau Lagarde am meisten Mitgefühl hat (Ich zum Beispiel habe Mitgefühl mit Leuten, die gerade von hungrigen Bären zerrissen werden. Die brauchen mehr Hilfe als Dorfkinder im Niger.), und es geht auch nicht um die Hilfsbedürftigkeit einzelner Griechen. Es geht um ein Problem, das aufgrund der Konstitution der EU leider uns alle betrifft, und für das wir eine Lösung suchen. Wenn Frau Lagarde meint, diesen Prozess durch blödsinnige Vergleiche und Provokation verkomplizieren zu müssen, dann soll sie das von mir aus tun, es geht ja auch sonst niemand vernünftig mit der Sache um, aber man muss das als Zeitung nicht noch lobend hervorheben, als hätte sie eine mutige Großtat vollbracht.

Noch ein Beispiel für den Klartext, den die Augsburger Allgemeine so bewundert? Bitte sehr:

Wäre die US-Bank „Lehman Borthers“, deren Pleite 2008 die Finanzwelt erschütterte, eine von Frauen geführte Bank „Lehman Sisters“ gewesen, wäre es wohl nie so weit gekommen, meinte Madame Lagarde – männliche Maßlosigkeit trage mit Schuld an der Krise. […] Der Mangel an politischer Korrektheit [Bingo!] mag mit Lagardes Weg in die Politik zu tun haben […]

Das muss man doch wohl noch sagen dürfen.

1,70 € hätte diese Ausgabe der Augsburger Allgemeinen gekostet, wenn ich sie gekauft hätte. Für The Avengers haben wir (2D, mit Popcorn, Wasser und M&Ms) gestern Abend 38,50 bezahlt. Woran man erkennt: Hin und wieder gibt es tatsächlich einen Zusammenhang zwischen höherem Preis und besserem Journalismus.

Advertisements

21 Responses to Säulen. Schon Scheiße.

  1. „Wäre die US-Bank “Lehman Borthers”, deren Pleite 2008 die Finanzwelt erschütterte, eine von Frauen geführte Bank “Lehman Sisters” gewesen, wäre es wohl nie so weit gekommen, meinte Madame Lagarde“

    Begründung? Sinn? Das ist nicht nur nicht Klartext geredet, das ist an den Haaren herbeigezogen. Passt aber wieder zur AA. Der Lokalteil ist ganz gut. Den Rest muss man in der Regel nicht gelesen haben.

  2. Guinan sagt:

    „Säulen. Schon Scheiße.“
    Ganz so unbekannt ist der Spruch nicht. Hab ich zumindest schon mal gehört oder gelesen, keine Ahnung, wo.

  3. Muriel sagt:

    @allmylanguages: Lokalnachrichten lese ich zu Hause schon immer nicht, aber der Augsburg-Teil liegt hier noch neben mir. Ich schaue nachher mal rein.
    @Guinan: Hatte ich schon befürchtet. Man kann alten Männern eben nicht trauen.

  4. Guinan sagt:

    @Muriel: „Man kann alten Männern eben nicht trauen.“ Jungen noch weniger. Du kannst dich nur auf Frauen verlassen, siehe Frau Lagarde 😉

  5. Tim sagt:

    @ Muriel

    kam verspätet noch ein älteres Ehepaar herein, dessen männlicher Bestandteil die Kulisse auf der Bühne mit eben diesen Worten recht laut und deutlich kommentierte.

    Wow!! Herrliche Situation, hätte ich zu gern miterlebt. Da lohnt sich Theater wirklich mal!

    Ich finde Christine Lagarde ja aus ganzen anderen Gründen lächerlich, aber Deiner Meinung kann ich nicht zustimmen. Lagarde ist ja keine Euro-Managerin, sondern IWF-Chefin. Der IWF hat mit dem Euro und der EU nix zu tun und muß schauen, wo er seine Mittel am besten einsetzt. Wenn er sich für Afrika und gegen Griechenland entscheidet, bitte.

    Der Niger-Vergleich ist natürlich sehr zugespitzt, aber grundsätzlich vollkommen O.K.

  6. Muriel sagt:

    Deiner Meinung kann ich nicht zustimmen. Lagarde ist ja keine Euro-Managerin, sondern IWF-Chefin.

    Ähm.
    Ja.
    Das ist evident richtig.
    Ich schätze, dann kann ich meiner Meinung auch nicht zustimmen.
    Was ist meine Meinung?

  7. Tim sagt:

    @ Muriel

    Du schreibst, es sei Bullshit, daß die Kinder im Niger mehr Hilfe bräuchten als Griechenland.

    Ich habe keine Ahnung, was die aktuellen Prioritäten des IWFs im einzelnen sind, aber ich halte es für sehr gut möglich, daß Afrika weit oben steht. „Bullshit“ ist ihre Meinung jedenfalls sicher nicht.

  8. Muriel sagt:

    @Tim:

    Du schreibst, es sei Bullshit, daß die Kinder im Niger mehr Hilfe bräuchten als Griechenland.

    Nein.
    Ich schreibe, dass es Bullshit ist, so zu tun, als täte es irgendwas zur Sache, mit wem Frau Lagarde mehr Mitgefühl hat. Und wenn ich das richtig überblicke, ist auch die Zahl der Schulkinder pro Stuhl nicht oder zumindest nicht dominant maßgeblich für die Entscheidungen des IWF, dessen Aufgaben Wikipedia zusammenfasst mit

    Förderung der internationalen Zusammenarbeit in der Währungspolitik, Ausweitung des Welthandels, Stabilisierung von Wechselkursen, Kreditvergabe, Überwachung der Geldpolitik, Technische Hilfe

    Falls ich mich da irre und der IWF dem Zweck dient, menschliches Leid in der Welt dort zu bekämpfen, wo es am mitleiderregendsten ausfällt, würde ich die zweite Hälfte meiner Kritik zurückziehen, an der ersten halte ich aber jedenfalls fest.

    Von einer Führungsperson einer solchen Organisation erwarte ich … naja, sollte ich mehr erwarten können als „Die hungrigen Kinder in Indien wären froh, wenn sie nur halb so viel Spinat hätten wie du!“.

  9. Tim sagt:

    @ Muriel

    Wie ich schon schrieb, ist ihre Wortwahl sehr pointiert. Aber wie sich eine IWF-Chefin ausdrückt, ist mir völlig egal, wenn sie in der Sache recht hat.

    Wir hatten es neulich ja schon an anderer Stelle: Afrika ist die große Erfolgsgeschichte der nächsten Jahrzehnte. Wenn der IWF jetzt vor allem Gegenden fördern sollte, in denen die Hilfe die beste Wirkung erzielt, um so besser.

    Ich muß aber sicherheitshalber noch mal nachfragen: Glaubst Du wirklich, daß sie das mit dem Mitgefühl ernst meinte? Zur Erinnerung: Der IWF ist der IWF. Nicht die Yoga-Ortsgruppe von Margot Käßmann.

  10. Muriel sagt:

    Wie ich schon schrieb, ist ihre Wortwahl sehr pointiert.

    So kann man es natürlich auch ausdrücken. Ich würde Begriffe wie „irreführend“, „unpassend“ oder „ungeschickt“ bevorzugen.
    Andererseits kennst du vielleicht den Kontext ihrer Äußerung besser. Wenn zum Beispiel gerade vorher jemand von ihr gefordert hatte, Mitgefühl mit den Griechen zu haben, weil die doch so dringend Hilfe bräuchten, würde diese Äußerung schon verständlicher und wäre dann vor allem noch eine ausgesprochen schlechte Wahl für einen solchen Artikel über sie.

    Glaubst Du wirklich, daß sie das mit dem Mitgefühl ernst meinte?

    Ich habe keinerlei Meinung zum Innenleben von Frau Lagarde.
    Hier geht es um das, was das von mir kritisierte Porträt von ihr zitiert.
    Ich erhebe nicht den Anspruch, quasi ein eigenes Gegenporträt von ihr verfassen zu können.

  11. Tim sagt:

    Alle Argumente sind nun wohl ausgetauscht. Ich möchte in dieser Diskussion aber trotzdem das letzte Wort haben. Es lautet:

    Töööööööhlke

  12. Gurasijewitsch sagt:

    Meine Oma hat mir immer gesagt, ich müsse meinen Teller leer essen, wegen der armen Negerkinder in Afrika. Jetzt bin ich fett, und die Afrikaner hungern immer noch.

    Ich habe sehr viel Mitgefühl mit Madame Lagarde, denn ihr Job erlaubt es ihr nicht, Steuern zu zahlen. Und das ist doch bestimmt sehr traurig für so eine altruistische Persönlichkeit wie Sie.

  13. @Muriel: Ich komme aus sehr ländlichen Bereich, der schon ein ordentliches Stück von Augsburg entfernt liegt und einen eigenen Lokalteil besitzt. Ich glaube nicht, dass man dem Lokalteil viel abgewinnen kann, wenn man nicht aus der Gegend kommt. Dort ist halt relativ wenig los 😉

  14. Daniel sagt:

    Wo es wieder einen Artikel mit vielen Zitaten gibt: Schreib doch mal was zum Leistungsschutzrecht ;).

    Was die Säulen betrifft – ich zitiere mal Wikipedia:
    „im Schwäbischen der Diminutiv von „Sau“ – Säule = kleine Sau“
    http://de.wikipedia.org/wiki/S%C3%A4ule_(Begriffskl%C3%A4rung)

  15. Florian sagt:

    @Daniel: Manchmal ist eine Säule einfach nur eine Säule.

  16. Dietmar sagt:

    Also haben die Avengers doch wenigstens da gewonnen, wenn ich das richtig verstehe.

    Ich glaube, ich verbittere langsam: Ich mag solche Portraits nicht lesen. Ich glaube ihnen einfach nicht. Diese ganzen hippen, mutigen, unangepassten Querdenker. Glaube ich nicht. Reine Selbstdarstellung. Das, was sie gerne über sich hören oder lesen möchte.

    Vielleicht tut man ihr Unrecht.

    Aber das ist so bei bitteren alten Leuten.

  17. freiheitistunteilbar sagt:

    Meine Oma hat mir immer gesagt, ich müsse meinen Teller leer essen, wegen der armen Negerkinder in Afrika. Jetzt bin ich fett, und die Afrikaner hungern immer noch.

    Ich habe sehr viel Mitgefühl mit Madame Lagarde, denn ihr Job erlaubt es ihr nicht, Steuern zu zahlen. Und das ist doch bestimmt sehr traurig für so eine altruistische Persönlichkeit wie Sie.

    Du hast etwas falsch verstanden, deine Oma wollte nicht, dass du so elendig mager aussiehst, wie die armen Negerkinder in Afrika. 😉

    Wäre die Frau wirklich eine altruistische Persönlichkeit, so hätte man frühzeitig von ihrem Freitod lesen dürfen, was der Menschheit dererlei Ergüsse erspart hätte, dafür allerdings nicht sonderlich erquickend gewesen wäre. 😉

  18. Ivan sagt:

    Frau Lagarde sollte erst einmal auf ihr Einkommen Steuern zahlen. Solange sie das nicht tut, hat sie überhaupt keinen Grund, auch nur einen Pieps über die Einnahmeverhältnisse des griechischen Staats zu reden.

    http://wirtschaft.t-online.de/christine-lagarde-iwf-chefin-zahlt-keine-steuern/id_56805746/index

    So schwimmt sie nämlich im Boot all der Griechen, die keine Steuern zahlen. Und ihren Worten zu Folge sind das ALLE.

  19. Muriel sagt:

    @Ivan: Die Sinnhaftigkeit von Frau Lagardes Empfehlungen hat in meinen Augen nichts damit zu tun, ob sie selbst sie befolgt oder nicht.

  20. Streberin sagt:

    Bin ein bisschen spät dran, aber ich gebe trotzdem mal meinen Senf dazu ab… Die Geschichte stammt aus einem Buch, in dem verschiedene Formen des Humors betrachtet werden. Die „Säulen. Schon Scheiße“-Geschichte ist unter der Rubrik zum jüdischen Humor zu finden. Das Buch heißt „Selten so gelacht“ von S. Fischer-Fabian.

  21. Muriel sagt:

    @Streberin: Na, da hast du mir doch sehr weiter geholfen. Besten Dank, und wie dir vielleicht schon aufgefallen ist, sind Besserwissereien aller Art hier stets willkommen, solange sie echt sind, was ich hier jetzt einfach mal unterstelle, auch ohne das Buch gelesen zu haben.
    (Und normalerweise reagiere ich auch etwas zügiger drauf. Die letzte Woche war ziemlich voll. Pardon, und noch mal danke.)

Gib's mir!

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: