Bright Outlook (12)

Ich weiß, ich bin gerade nicht so besonders gut.

Das liegt einerseits an einer gewissen Häufung dringender Aufgaben in meiner Arbeit, zum anderen an einer ungewöhnlichen Dichte von privaten Verpflichtungen an den Wochenenden.

Ich hoffe, kann aber nicht versprechen, dass es absehbar besser wird. Heute gibt es jedenfalls ein neues Kapitel von Bright Outlook. Und das ist doch auch schon was, oder?

Was bisher geschah
Im ersten Kapitel erwacht Claire und lernt die erste der anderen Versuchspersonen fürchten.
Im zweiten Kapitel erwachen auch alle anderen. Die Tür zum zweiten Raum öffnet sich (wieder), und Claire beginnt eine Vorstellungsrunde.
Im dritten Kapitel setzen die Versuchsteilnehmer die Vorstellungsrunde fort öffnen die Tür zum dritten Raum, und Mark wird von einer Polizistin angehalten.
Im vierten Kapitel holt Mark einen Republikaner und seinen Callboy, Branco nimmt Lora den Revolver weg, und die Versuchsteilnehmer öffnen eine weitere Tür.
Im fünften Kapitel holt Mark einen Occupy-Aktivisten, und die Versuchsteilnehmer demontieren eine der Überwachungskameras.
Im sechsten Kapitel holt Mark Regina, und die Versuchsteilnehmer tragen die Konsequenzen ihres Verstoßes gegen die Teilnahmebedingungen.
Im siebten Kapitel streiten Nick und Leanne miteinander, und Leanne unterläuft ein unangenehmes kleines Missgeschick. Jeffries öffnet die Tür zum nächsten Raum, und den Versuchsteilnehmern fällt nicht nur ein Kuchen in die Hände, sondern auch Leanne.
Im achten Kapitel bekommen Nick und Mark Besuch von einem Repräsentanten von Management, Leanne tritt Branco, und Jill wacht auf und lernt Regina kennen.
Im neunten Kapitel betreten wir mit Mark zusammen Cynthias Büro, und der Occupier wacht auf.
Im zehnten Kapitel stirbt Pascal, Hoai Nguyen erwacht und lernt die Stimme in seinem Kopf kennen, nebst den anderen Versuchsteilnehmern, und Nelson Jeffries misshandelt eine wehrlose Frau.
Im elften Kapitel lässt Mark seine Tochter bei Cynthia zurück, begegnet im Flur dem Repräsentanten und streitet mit Nick, wir beobachten drei Männer und eine Frau in einem Flugzeug, und Branco wacht wieder auf.

Was heute geschieht

Fassungslos hörte Miles Agneaux der weichen, dunklen Frauenstimme zu, die ihm für die Teilnahme an irgendwelchen Versuchen dankte, von Feedbackformularen und Nebenwirkungen irgendwelcher Medikamente sprach, die er angeblich verabreichet bekommt hatte, und ihren Monolog schließlich beendete mit den Worten:

„Wir wünschen Ihnen viel Erfolg und Vergnügen mit dieser Versuchsanordnung der Bright Outlook Laboratorien, und bitte lassen Sie mich Ihnen noch einmal persönlich dafür danken, dass Sie sich so aufopferungsvoll für unser aller Ziel einsetzen: Eine bessere Zukunft für uns alle. Ohne Sie wäre unsere Arbeit nicht möglich.“

Der Lautsprecher knackte noch einmal, und für drei Sekunden herrschte Stille, bevor mehrere Stimmen gleichzeitig begannen, durcheinanderzureden.

Miles Agneaux lag stumm und regungslos auf dem Fußboden und dachte nach. Kein Grund, den Kopf rauszustrecken, bis er sicher sein konnte, dass über ihm keine Messer rotierten.

Was war passiert?

Er war sich ziemlich sicher, dass er nicht träumte, denn in Träumen fragte er sich nie, ob er träumte.

Wahrscheinlich war er also wach und musste sich damit abfinden, dass er das gerade wirklich gehört hatte, und dass er wirklich in diesem Betonbunker mit seinen nackten Leuchtstoffröhren lag und jetzt den Rhesusaffen für diese Leute hier machen sollte.

War er plötzlich von der Welt herunter gefallen und in einem Comic gelandet?

Er war mit diesem Schinitzen in dem Hotelzimmer gewesen. Und dann … Dieser Typ mit dem braunen Cordanzug … Hatte er den wirklich gesehen?

Was nun?

„Was ist das denn?“ fragte die Stimme eines jungen Mannes. „Gibt man da einen Code ein?“

„Glaub schon“, antwortete eine Frauenstimme. Sie klang resigniert, beinahe gelangweilt.

„Und… Da drüber, die vier Zahlen, was haben die zu sagen? Das kann doch nicht schon der Code sein, oder?“

„Versuchen Sie’s einfach mal.“

Warum klang sie so teilnahmslos? Das alles hier konnte ihr doch unmöglich egal sein. Wurde sie öfter entführt und in geheimen Laboren eingesperrt?

Entweder war sie der gleichgültigste Mensch der Welt, oder der Spruch der Frau aus dem Lautsprecher mit den verdeckten Mitarbeitern des Labors hatte nicht nur der Verunsicherung der Teilnehmer gedient, wie Miles zunächst vermutet hatte.

Er hörte ein Klicken.

„Tatsächlich“, sagte der junge Mann von vorhin. „Was soll das denn? Das ist doch völlig witz …“

„Wow … Ist das Absicht?“ fragte eine andere, rauere Frauenstimme.

Miles beschloss, dass er nicht viel davon hatte, sich bewusstlos zu stellen. Er blinzelte und richtete sich langsam auf und versuchte, dabei möglichst benommen und verwirrt auszusehen. Es fiel ihm nicht besonders schwer.

Er sah eine halb offene Stahltür, und dahinter keinen Gang, sondern eine Betonwand, die nicht ganz bis zum Boden herunter reichte, sondern einen Freiraum von ungefähr 30 Zentimetern ließ.

„Wo bin ich?“ murmelte er.

Neben der Tür standen drei Personen, die sich jetzt alle zu ihm umdrehten: ein junger Mann mit einem wild wuchernden braunen Vollbart, eine schlanke schwarzhaarige Frau, die ziemlich genau so gelangweilt und genervt aussah, wie er sich die hellere Frauenstimme vorgestellt hatte, und eine groß gewachsene dralle Rotblonde.

Und dann war da natürlich der verdammte Schinitze. Er stand abseits in einer Ecke des Raumes und starrte abwesend ins Leere. Miles‘ Augen weiteten sich, und er presste seine Lippen zusammen, als er ihn sah.

Er atmete tief durch und versuchte, sein schneller schlagendes Herz wieder zu beruhigen. Es gab keine Beweismittel. Es gab keine Fotos. Es war ja nicht einmal etwas passiert, weil der Typ mit dem Cord-Anzug vorher aufgetaucht war. Der Schinitze war hier, und er war hier, aber das waren der Penner mit dem ungepflegten Bart und die beiden Frauen auch. Niemand konnte ihm irgendwas vorwerfen. Er kannte diesen Kerl überhaupt nicht.

„Sie sind Gouverneur Agneaux, oder?“ fragten die Blondine und der bärtige Typ.

Sie fragten es gleichzeitig, aber sehr unterschiedlich.

Die Blondine sagte es mit weit aufgerissenen Augen und einem Lächeln, wie man fragen würde: „Ist das etwa Bruce Willis?“

Der bärtige Penner sagte es mit angehobener Oberlippe und kraus gezogener Nase, so, wie man vielleicht fragen würde: „Ist das etwa Charlie Sheen?“

Er überlegte kurz, aber es war keine besonders schwierige Entscheidung.

„Schuldig“, sagte er mit einem verschmitzten Grinsen.

„Wissen Sie, was Ihre so genannte Steuerreform für das Prekariat bedeutet, Gouverneur?“

„Ich habe seit ’98 bei jeder Wahl für Sie gestimmt!“

Sie sprachen wieder beide durcheinander, deswegen war er sich bei den einzelnen Worten nicht völlig sicher, aber der grundsätzliche Inhalt der beiden Äußerungen war erkennbar.

„Danke. Schätze ich“, sagte er, grinste spitzbübisch und blickte von ihr zu dem Krawallmacher.

Im kleinen Kreis hatte sich dieser Umgang mit leidenschaftlich vorgetragener Kritik bewährt. Wenn er dem bärtigen Penner nicht den Wind aus den Segeln nahm, ließ er ihn zumindest als aggressives Arschloch dastehen.

„Wenigstens hat der Gouverneur was dafür getan, dass wir uns von so Leuten wie Ihnen nicht mehr auf der Nase rumtanzen lassen müssen!“ widersprach die große Blonde.

Miles unterdrückte ein zufriedenes Lächeln. Das war ihm immer am liebsten, wenn andere sich für ihn schmutzig machten.

„Leute wie ich?“ fragte der mit dem Bart. „Was soll das denn heißen? Sie kennen mich doch überhaupt nicht!“

Sie schnaubte ein abfälliges Lachen.

„Ich glaube, gut genug.“

„Sollten wir uns nicht lieber wieder beruhigen“ fragte Miles, „und gemeinsam versuchen, an diesem … Problem zu arbeiten? Unsere politischen Streitigkeiten können wir doch später diskutieren, oder?“

Der Schinitze blickte aus den Augenwinkeln zu ihm herüber und schüttelte mit einem säuerlichen Lächeln den Kopf. Miles tat sein Bestes, um seinen freundlich-beschwichtigenden Gesichtsausdruck dabei aufrecht zu erhalten, fürchtete aber, dass es ihm nicht ganz gelang.

„Ich wüsste trotzdem gerne noch, wer ‚Leute wie ich‘ sind, und wem wir auf der Nase herumtanzen …“ murrte der Bärtige.

Die drahtigere der beiden Frauen seufzte und schob sich ihre schulterlangen schwarzen Haare aus dem Gesicht.

„Ich denke, er hat Recht“, sagte sie. Hörte er da eine Spur Widerwillen? Dann war die Blonde wohl seine einzige Anhängerin hier. Na gut, solange die Schwarzhaarige trotzdem auf seiner Seite war, konnte es ihm egal sein. „Das hier ist nicht nur irgendein dummer Streich. Die Leute, die uns entführt haben, sind verrückt, und sie sind gefährlich. Unsere Chancen sind sowieso schon schlecht, aber wenn wir uns jetzt noch gegenseitig …“

„Woher wissen Sie das eigentlich alles?“ fragte Miles‘ größter Fan.

Die Schwarzhaarige verzog kurz ihr Gesicht, bevor sie erwiderte:

„Ich weiß gar nichts. Aber es ist doch offensichtlich, sehen Sie sich doch um. Sieht das aus wie eine Hütte ihm Wald, in die uns drei Teenager geschleppt haben, die uns nach zwei Stunden wieder gehen lassen, wenn sie ihren Spaß gehabt haben?“

Die Blonde zuckte mit den Schultern.

„Keine Ahnung. Aber woher wollen Sie wissen, wie unsere Chancen sind? Als ich vorhin aufwachte, haben Sie auch schon sowas gesagt. Wissen Sie, wo wir hier sind?“

War da gerade ein verdrossener Ausdruck über ihr Gesicht gehuscht? Irgendwas stimmte nicht mit der. Aber trotzdem …

„Vielleicht sollten wir erst einmal versuchen, einander kennenzulernen, bevor wir uns gegenseitig verdächtigen. Wir sitzen ja nun einmal gemeinsam in der Patschte, und wir sollten auch gemeinsam versuchen, wieder rauszukommen.“

Die Blonde nickte mit einem breiten Grinsen und noch immer weit aufgerissenen Augen.

Gütiger Himmel, ein richtiger Groupie. Wahrscheinich hatte die fette Kuh bei sich zu Hause einen Altar mit seinen Wahlplakaten und dicken Votivkerzen davor. Naja, dachte er, man muss nehmen, was man kriegt.

„Jetzt entdecken Sie plötzlich den Sinn von Solidarität, was?“ murrte der bärtige Typ. „Ihre Blenderei mag auf dem Podium und vor der Kamera funktionieren, aber wenn Sie glauben, dass wir hier Ihre ‚Führung‘ brauchen, dann sind Sie ein noch aufgeblasenerer …“

„Sie reden mit einem Gouverneur!“ fuhr die Blonde ihn an, „Haben Sie überhaupt keinen Respekt vor …“

„Vor Typen wie ihm? Im Ernst? Merken Sie nicht, was der hier abzieht?“

„Er versucht, uns zu einem Team zu machen, während Sie nichts Besseres zu tun haben, als uns anzugiften und zu beschimpfen!“

Er schüttelte mit aufrichtig verwirrte Miene seinen Kopf. „Sie haben angefangen mit ‚Leute wie Sie‘! Ich hab nur …“

„Um Himmels Willen“, stöhnte die schwarzhaarige Frau. „wollt ihr euch vielleicht da drüben in der Ecke weiter kabbeln, während die Erwachsenen versuchen, einen Ausweg aus diesem Labyrinth zu finden?“

Der Penner schaute tatsächlich ein bisschen beschämt zu Boden, während die Blonde sie mit tiefen senkrechten Falten zwischen ihren Augenbrauen musterte.

„Labyrinth?“ murmelte sie.

„Also, ich bin Miles Agneaux“, sagte Miles, vielleicht etwas zu laut, „und anscheinend wissen Sie ja alle, wer ich bin. Da sind Sie mir gegenüber im Vorteil.“

Der Schinitze sah ihm direkt in die Augen und zwinkerte langsam. Verdammt. Wollte der Schwierigkeiten machen?

„Vielleicht können Sie sich alle kurz vorstellen, und dann beraten wir gemeinsam, was wir tun können.“

Miles hätte sich nicht darauf einlassen dürfen, als Pablo ihm sagte, dass Kouti nicht konnte, und er aber einen anderen Jungen hatte, der angeblich noch besser … Ach. Es war jedenfalls zu spät für Reue, nun war es passiert, und er konnte nur hoffen, dass die verdammte Plattnase ihren Rand halten würde.

*************************************

„Es tut mir leid“, sagte Nicks Stimme aus dem Lautsprecher. „Wirklich. Ich wollte das nicht.“

Claire hob ihr Gesicht und schaute in Richtung der kahlen Betondecke. Kurz zögerte sie, weil sie nicht wusste, ob sie das gerade wirklich gehört hatte. Aber sie hatte.

„Was?“

Nick räusperte sich. „Es tut mir leid. Ich … Ich weiß, dass ich ihn nicht mehr um Entschuldigung bitten kann, und ich weiß, dass ich nie wieder gut machen kann, was ich getan habe, aber ich möchte zumindest gesagt haben, dass es mir leid tut, und dass ich mich schäme, für das alles hier.“

Claire starrte wortlos auf den grauen Beton. Sie wusste nicht, was sie antworten sollte, aber sie wollte auch gar nichts antworten.

„Der Code für die nächste Tür ist 93875.“

Sie formte unwillkürlich das Wort ‚Danke‘ mit ihren Lippen, während ihr Blick auf das tote Kind in ihren Armen sank.

„Nein, Branco, lassen Sie doch … Ich glaube wirklich nicht, dass Sie jetzt versuchen sollten, aufzustehen. Branco!“

„Was …?“

Sie schaute in die Richtung, aus der Nelson Jeffries‘ Stimme kam, und sie sah einen blutüberströmten Branco auf sich zu taumeln.

Um Himmels Willen, er sah aus wie ein Zombie. Seine Augen waren mit ‚blutunterlaufen‘ nicht annähernd ausreichend beschrieben, und Blut und Schorf verklebte sein ganzes Gesicht wie die Glasur eines Liebesapfels.

Er blieb kurz über ihr stehen und betrachtete Pascals Leiche, bevor er ein paar Worte auf Russisch ausspie und weiter wankte, in Richtung des nächsten Raumes.

Claire ahnte, was geschah, und für einen Moment war ihr auf sehr vage, weit entfernte Art bewusst, dass es nicht gut war, aber sie brachte es nicht über sich, sich besonders dafür zu interessieren.

„Was ist das hier?“ fragte sie stattdessen die Kamera an der kahlen Betonwand. Sie hörte, wie weinerlich und schwach ihre Stimme klang, aber auch das schien ihr unwichtig. „Was machen Sie mit uns? Was soll das alles? Was haben Sie davon? Warum machen Sie das?“

Für einen kurzen Moment erlaubte sie sich die Hoffnung, dass der Lautsprecher noch einmal knacken und tatsächlich eine Antwort geben würde, aber natürlich geschah nichts. Sie senkte ihren Kopf und sank in sich zusammen und strich mit einer Hand durch Pascals Haare.

Aus dem Raum nebenan hörte sie Leannes Stimme, ihr Tonfall irgendwo zwischen überrascht, erschrocken und resigniert:

„Wow, Sie sind wohl gar nicht totzukriegen, was?“ Sie stöhnte leise, als würde sie mühsam aufstehen. „Passen Sie auf, ich hab eigentlich gar nichts gegen Sie, können wir nicht einfach … Ach, Dreck!“

Und die Kampfgeräusche begannen, während der Lautsprecher weiter schwieg.

Sie lächelte bitter. Was hatte sie erwartet? Hätte sie sich besser gefühlt, wenn er ihr eine Antwort gegeben hätte? Wenn er ihr gesagt hätte, dass er einen Pay-TV-Sender betrieb für eine ganz besondere Art von Voyeuren, die gerne zusah, wie andere sinnlos auf blödsinnige Arten starben? Dass er gerne Menschenfleisch aß, einfach Schlachten ihm aber zu langweilig war? Dass er schon immer mal hatte wissen wollen, was ein russischer Schläger, ein christlicher Mathematikprofessor, ein sechsjähriger französischer Junge, eine … Medizinstudentin und was auch immer Gabrielle wirklich gewesen war, wohl machen würden, wenn man sie zusammen in einen Betonkeller sperrte?

Welche Erklärung konnte es geben dafür, ein unschuldiges Kind mit einem Stück Kuchen zu vergiften, und ein an scheinend nicht ganz so unschuldiges achtzehnjähriges Mädchen mit einem Bolzenschussgerät zu töten? Welche Erklärung konnte solche Taten verständlich machen?

Der Lautsprecher knackte, und Claires Kopf ruckte hoch.

„Ich glaube …“ begann Nick, „ es ist … Ich weiß das nicht so genau, ich bin ja normalerweise auch nur eine Art Hausmeister, deswegen bekomme ich nicht viel mit, aber ich glaube, es ist eine Art Experi…“

Für eine halbe Sekunde überdeckte ein schrilles Feedback-Piepen Nicks Stimme, dann knackte der Lautsprecher noch einmal, und Claire hörte nichts mehr außer dumpfen Schlägen und angestrengtem Keuchen aus dem Raum nebenan. Das Keuchen war eindeutig weiblich und klang weniger schmerzerfüllt als außer Atem, und die Schläge klangen sehr, sehr ernst. Leanne hatte offenbar gewonnen.

Glückwunsch, Leanne.

*************************************

„…ment für die …“

Nick verstummte.

Alle Lichter auf seinem Kontrollpult waren erloschen, aus seinem Kopfhörer drang nur noch leises weißes Rauschen und die Bildschirme zeigten nur noch schwarzes Nichts.

Okay. Sie hatten es also bemerkt. Schneller, als er gedacht hätte. Hörte bei jedem Experiment die ganze Zeit noch jemand zu? Oder hatten sie ihn speziell überwacht, weil Mark sie gewarnt hatte?

Er hätte nicht mit ihm reden sollen, das wusste er jetzt, aber zu der Zeit hatte er nicht darüber nachgedacht. Er hatte keinen Plan gehabt – er hatte ja immer noch keinen – und außerdem war Mark ihm immer wie ein wirklich netter Kerl vorgekommen.

Natürlich hätte er es besser wissen müssen.

Nickt legte seine Kopfhörer auf das nun funktionslose Kontrollpult, atemte tief durch und blickte in Richtung seines Spindes. Der Schlachtschussapparat hing darin, aber es würde ihm nichts nützen, denn er hatte keine Bolzen. Die bekam er immer erst mit seinem Auftrag, einen pro Ziel.

Sein Auge schweifte durch den Kontrollraum auf der Suche nach anderen potentiellen Waffen; ergebnislos.

Er fragte sich, was als nächstes passieren würde. Wenn sie jemanden getötet haben wollten, schicken sie normalerweise ihn. Was würden sie also mit ihm machen, nachdem er gegen seinen Arbeitsvertrag verstoßen hatte?

(Hatte er überhaupt? Nick zögerte kurz. Sein Arbeitsvertrag war aus Gründen, über die er mit Cynthia nie gesprochen, zu denen er aber Vermutungen hatte, die ihm sehr plausibel schienen, ausgesprochen vage formuliert in Bezug auf seine konkreten Aufgaben und Pflichten. Es war ohnehin egal. Seine Aussichten auf einen Prozess waren in der Größenordnung der Chancen eines konservativen YouTube-Kommentators auf eine sachliche Diskussion. Na gut, vielleicht stand es nicht ganz so schlimm. Aber jedenfalls genug, um sich keine Gedanken über juristische Feinheiten zu machen.)

Nickt stand auf, weniger, weil er irgendwohin gehen wollte, sondern eher, weil er es nicht aushielt, sitzen zu bleiben.

Würde es lange dauern?

Hatte er noch Zeit, einen Raum aufzusuchen, der sich besser verteidigen ließ? Sollte er die Türen zu diesem Kontrollraum verschanzen?

Er fühlte sich sonderbar kraftlos und gleichgültig.

War das nur die Erleichterung, sich seine Schuld endlich eingestanden und sich von diesem grauenvollen Projekt losgesagt zu haben, oder pumpten sie irgendein Gas in den Raum?

Eine Tür öffnete sich, und zumindest einige seiner Fragen wurden damit beantwortet.

Als er sah, wer eintrat, war er so überrascht, dass er für einen Moment vergaß, was ihm bevorstand.

Den schwarzen Anzug, die nackten Füße und das weiße Hemd hatte er erwartet, wenn er auch mit etwas anderen Füßen gerechnet hatte, aber als seine Augen das schmale kantige Gesicht ohne Sonnenbrille erreichten, die blassvioletten Augen und die halb schulterlangen, halb kurz geschorenen platinblonden Haare, wäre er beinahe wieder auf seinen Stuhl gesunken.

„Cynthia!“

Sie schloss die Tür hinter sich und sah ihn an.

Für lange Zeit schwieg sie, und auch Nick schwieg, und erwiderte ihren Blick, und suchte in ihrem Gesicht, in ihren Augen, irgendwo in dieser eigenartigen Frau einen Funken von Menschlichkeit, von Empathie oder eine Spur von etwas wie einer Seele; vergeblich.

„Die Bright Outlook Laboratorien“, begann sie schließlich, „bedauern Ihre Entscheidung sehr. Wir haben Sie als einen sehr gewissenhaften, zuverlässigen und stets loyalen Mitarbeiter kennen gelernt. Sie verlassen unser Unternehmen auf Ihren eigenen Wunsch. Wir bedanken uns für die geleistete Arbeit und wünschen Ihnen für die Zukunft alles Gute.“

Nick sah sie an. Seine Mundwinkel verzogen sich unwillkürlich zu einem versonnenen Lächeln.

„Und jetzt?“ fragte er.

Cynthia schlug ihre Augen nieder.

„Ich habe das Kind in die Obhut des Repräsentanten übergeben“, sagte sie. Nach einer längeren Pause fügte sie hinzu: „Ich glaube, dass es mich nicht mag.“ Nick schwieg, und wieder dauerte es viele Sekunden, bis sie wieder sprach: „Vielleicht braucht es nur ein bisschen Zeit.“

Er schüttelte seinen Kopf.

„Niemand wird Sie jemals lieben, Cynthia.“

Sie blickte zu ihm auf, ihr Mund in einem stummen „o“ geöffnet, und für einen Moment sah es so aus, als hätte er sie verletzt, aber er war sich ziemlich sicher, dass es nur die normale ausdruckslose Schlaffheit ihrer Mimikmuskulatur war, die ihr einen traurigen und verwirrten Ausdruck verlieh.

*************************************

„Wissen Sie, wo mein Vater ist?“

„Ja.“

„Ich will nach Hause.“

„Miss Rawes, die Bright Outlook Laboratorien bedauern sehr, dass Sie mit Ihrer Betreuung unzufrieden sind, müssen aber um Ihr Verständnis dafür bitten, dass ein direkter Kontakt zu den von Ihnen bevorzugten Ansprechpartnern nicht zu jeder Zeit gewährleistet werden kann. Wir versichern Ihnen, dass wir unser Möglichstes tun, Ihre Wünsche zu erfüllen. Mr. Rawes wurde über Ihre Präferenz benachrichtigt und wird zu Ihrer Verfügung stehen, sobald sein Zeitplan es erlaubt.“

Lesegruppenfragen

  1. Mich stört es ja immer furchtbar, wenn ich Leute nicht einfach mit ihrem Namen bezeichnen kann. Ging euch das in der ersten Szene auch auf den Geist?
  2. Sympathisiert ihr in der ersten Szene mit dem Occupyer? Warum oder warum nicht?
  3. Teilt ihr Nicks Meinung zu Cynthia?
  4. Würdet ihr euer Kind lieber ihr oder dem Repräsentanten überlassen?

Interaktivitätsfragen

A. Sollen die Leute in Miles‘ Gruppe sich ein bisschen zusammenreißen, oder soll es so zerstritten weitergehen?

B. Wer aus Miles‘ Gruppe soll unter dem Hindernis hindurch in den nächsten Raum kriechen?

C. Wer soll in Claires Gruppe in der nächsten Szene die Führung übernehmen?

D. Ich fühle mich mal wieder mutig und stelle eine ganz offene Frage: Wie soll es mit Nick weitergehen?

Advertisements

14 Responses to Bright Outlook (12)

  1. madove sagt:

    Juhu! Wochenende! Und Bright Outlook!

    1) Ein bißchen schon, vor allem, weil ich etwas Mühe hatte, die beiden Frauen zuzuordnen… aber es geht glaubich nicht anders.

    2) Hm, ich bin ja eigentlich prädestiniert dafür, mit ihm zu sympathisieren, aber ich fand die Bemerkung mit dem Präkariat völlig fehl am Platz, wir haben jetzt wirklich andere Sorgen. Aber ich bin ja auch keine Freundin offener Konfrontation und neige wahrscheinlich dazu, sie fast immer fehl am Platz zu finden…?

    3) Ich glaube schon. Für geeigente Werte von „Lieben“. Was auch immer das ist.

    4) Ich habe keine Ahnung, wie ich mir den Repräsentanten vorzustellen habe, aber. Lieber ihm.

    5) Das Bild mit dem Liebesapfel ist schrill. Und ich weiß nicht, ob es funktioniert. Es führt immerhin dazu, daß ich mir sehr bildhaft etwas vorstelle. Ungern. Und das Wort „Schorf“ stört.

    A) Dann bin ich auch mal ganz mutig und sage: Weiterstreiten.
    B) Eine von den Frauen.
    C) Da ist ja gar nicht mehr so viel Auswahl… Claire selber?
    D) So mutig bin ich dann doch wieder nicht 😉

  2. Muriel sagt:

    @madove: Wenn ich das so lese, klingt es für mich ein bisschen, als hätte dir dieses Kapitel nicht besonders gut gefallen, auch wenn du zu freundlich bist, um das direkt zu sagen oder mir die Schuld dafür zu geben.
    Kommt das hin?
    C: Stimmt. Es gibt noch Jeffries, Claire und Leanne. Sollten genug Leser für Branco stimmen, wäre da vielleicht auch noch was drin, aber bei allen allen ist der Drop gelutscht.

  3. madove sagt:

    Interessant, mir war das gar nicht aufgefallen, aber vielleicht hast Du ein bißchen recht.
    Also es ist nicht so, daß mir irgendetwas daran explizit mißfallen hätte (außer dem Schorf, vielleicht), aber es hat mich auch an keiner Stelle so richtig vom Hocker gehauen – was aber ja in Büchern auch ständig über mehrere Seiten passiert, ohne daß das irgendwie schlimm ist…

    C: OH, ich hatte mich schon wieder zu einfach abwimmeln lassen: Man kann auch für Branco stimmen?! Für mich müßte er zwar nicht unbedingt die Führung übernehmen, aber wenn ihm das beim Überleben hilft, bin ich defintiv dafür!!!

  4. Muriel sagt:

    @madove: Meine Güte. A Song of Ice and Fire muss für dich echt harte Lektüre sein.

  5. madove sagt:

    -omg, hab ich mich wieder als sensibelchen geoutet? einfach ignorieren….!

  6. Joan sagt:

    1. Sowas finde ich immer ganz spannend, weil es dann meistens mehr Infos über Aussehen etc. gibt, die ich in meine Vorstellung von der Person einbauen kann. Bisweilen stelle ich dann aber fest, dass ich mir die Figuren ganz anders ausmale als der Autor, wie zB hier – ich war mir sicher, dass Regina eine dunkle, raue Stimme hat, und Jill eine helle.
    2. Er muss schon sehr von seiner Sache überzeugt sein, um in einer solchen Situation mit der Steuerreform anzufangen. So richtig geglaubt hab ich ihm (bzw dir) das nicht, deswegen wurde er mir erst ein bisschen sympathischer, als er von Jill aufs Dach bekam. Insgesamt fehlte dem Gespräch ein bisschen der Schwung, auch wenn ich nicht weiß, was genau anders sein müsste. Die Konstellation Gouverneur-Jill-Occupy-Typ ist an sich spannend, aber bis jetzt sind sie noch eher… Abziehbilder.
    3. Wenn nicht noch eine andere Seite von ihr gezeigt wird, dann wird sie niemals jemand auch nur mögen.
    4. Genau wie madove.
    5. Liebesäpfelglasuren sind glatt und gleichmäßig, Blut und Schorf nicht. Ich hab das überhaupt nicht zusammenbekommen.
    6. Branco sieht aus wie ein Zo_M_bie, oder? Aber ich bin schon ruhig und kehre meine eigenen Tippfehler vor meiner Tür…

    A. Die können sich gern weiterstreiten.
    B. Regina.
    C. Jeffries.
    D. Nicht sterben, ja? Er könnte Hals über Kopf die Flucht ergreifen. Vielleicht sieht man dann auch ein bisschen mehr „Infrastruktur“ der Bright Outlook Laboratorien…

  7. Muriel sagt:

    @Joan: 1. Das hätte ich vielleicht auch vorher schon schildern können. Andererseits muss man auch aufpassen, es nicht zu übertreiben. Aber die Stimme hätte wirklich früher kommen müssen, denke ich.
    5. Da kenne ich andere Liebesäpfel als du… Aber ich nehme das Feedback natürlich trotzdem gerne an.
    6. Danke!
    A. Ich werde mal schauen, wie ich es interessanter machen kann.

  8. Guinan sagt:

    Private Verpflichtungen sind eine Pest.
    1. Ja, siehe madove
    2. Es fällt mir meist schwer, mir Aktivisten zu sympathisieren, ganz gleich welcher Couleur. Ich kann das Verhalten auch nicht wirklich nachvollziehen.
    3. Ja, siehe Joan. Bis jetzt hast du Cynthia nur negativ dargestellt.
    4. Ich wäre auch für den Repräsentanten, in der stillen Hoffnung, dass der psychisch stabiler ist als Cynthia.
    5. Siehe Joan. Und das Bild ist ganz allgemein bäh.

    A. Noch streiten, aber gern mit vorsichtigen Annäherungen
    B. Jill (Die Polizistin mutig voran)
    C. Branco. Ich fände es gut, wenn er mal eine andere Seite von sich zeigt, nicht immer nur Haudrauf. Außerdem sollte die „Ärztin“ sich mal um ihn kümmern. Leanne hat das wahrscheinlich auch nötig.
    D. Flucht, vielleicht mit dem Versuch, auch Jacky mitzunehmen. Wenn ihm das Schicksal von Kindern so nahe geht, könnte er sie unter seine Fittiche nehmen wollen. Muss ja nicht unbedingt klappen.

  9. Muriel sagt:

    @Guinan: Jetzt hatte ich ganz vergessen, dir noch zu antworten.
    2. Was genau meinst du? Dass er in dieser Situation noch die Politik des Gouverneurs kritisieren will?
    B. Du kennst Silent Hill ja nicht, sonst könnte ich dazu jetzt auch noch was sagen.
    C. Na, ihr habt Ideen.

  10. Guinan sagt:

    2. Ja. Das scheint mir zu weit hergeholt. Da gibt es doch gerade andere Probleme als „für den Weltfrieden“.
    B. Du könntest es trotzdem versuchen.

  11. Muriel sagt:

    @Guinan: 2. Och. Na gut.
    B. Es wäre so auch schon nicht besonders lustig gewesen, aber wenn man es erklären muss, bleibt natürlich gar nichts übrig.
    Es gibt halt in Silent Hill auch so eine Polizistin, deren erste Amtshandlung darin besteht, dem delirierenden Kerl, den sie gerade in einer Ecke gefunden hat und der irgendwas von Monstern faselt und keine Ahnung hat, wie er dahin gekommen ist, ihre Waffe in die Hand zu drücken. Dann läuft sie weg, um „Verstärkung zu holen“.
    Gegen Ende des Spiels trifft man sie dann wieder und entdeckt mit ihr im Keller eines Ladens einen finsteren Geheimgang. Sie wartet dann im Laden, während der Zivilist die okkulte Opferstätte erkundet.

  12. Guinan sagt:

    @Muriel: Stimmt, das klingt nicht sonderlich lustig. Ist Jill in deiner Vorstellung ähnlich unfähig?

  13. Muriel sagt:

    @Guinan: Das wollte ich damit nicht sagen.

  14. Muriel sagt:

    vorläufiges amtliches Endergebnis:
    A. Einstimmig weiterstreiten.
    B. 1 eine Frau, 1 Regina, 1 Jill
    C. 1 Clair, 1 Jeffries, 1 Branco. Ich glaube, in Politikerkreisen nennt man sowas einen klaren Regierungsauftrag.
    D. 2 Flucht, 1 Enthaltung.

Gib's mir!

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: