So ist’s Recht

Zu den Eigenheiten religiöser Gemeinschaften, die mir am meisten zuwider sind, gehört die manchmal atemberaubende Dreistigkeit, mit der sie sich für Verstöße gegen das nicht nur verfassungsrechtlich, sondern auch ethisch ziemlich evidente Gleichbehandlungsgebot einsetzen und Sonderrechte für sich reklamieren. Mit welcher Selbstverständlichkeit die Vertreter vieler Religionen davon ausgehen, dass Religionsfreiheit nicht nur die unbehinderte Wahl der Religion einschließen muss, sondern auch die Berechtigung, aus religiösen Gründen Dinge zu tun, die anderen verboten sind, verblüfft mich jedes Mal auf’s Neue. Das können wir zum Beispiel jetzt gerade sehr anschaulich daran beobachten, wie der Zentralrat der Juden in Deutschland sich für das Recht einsetzt, Kinder zu verstümmeln.

Falls ihr noch nicht davon gehört habt: Das Landgericht Köln hat kürzlich entschieden, dass die religiöse Beschneidung von Jungen als Körperverletzung strafbar ist, „da sie die körperliche Unversehrtheit und das Selbstbestimmungsrecht des Kindes verletzten. Etwas anderes sei es, wenn eine Beschneidung medizinisch geboten sei, etwa aufgrund einer Vorhautverengung.

[Wer’s wissen will: Der Arzt wurde trotzdem freigesprochen, weil er nicht wissen konnte, dass er eine Straftat begeht. So absurd es klingen mag, aus meiner Sicht eine richtige Entscheidung.]

Man kann jetzt Misanthrop sein und sich darüber ärgern, dass wir tatsächlich erst im Jahre 2012 auf die Idee kommen, dass es nicht in Ordnung ist, Menschen ohne deren Zustimmung (Die Kinder sind in dem Alter, in dem die Beschneidung durchgeführt wird, noch nicht zustimmungsfähig.) Teile ihres Körpers abzuschneiden. Aber man kann sich auch freuen, dass wir hier einen weiteren Schritt in die richtige Richtung getan haben, die Vorzugsbehandlung religiöser Handlungen zurückzuführen und sie denselben Maßstäben zu unterwerfen, die auch sonst für alle Menschen gelten. Und natürlich hoffen, dass andere Gerichte, idealerweise nicht nur in Deutschland, sich dem LG Köln anschließen.

Und natürlich darf man dabei ein bisschen Verachtung übrig haben für den Präsidenten des Zentralrats Dieter Graumann, der dazu meinte:

Diese Rechtsprechung ist ein unerhörter und unsensibler Akt. Die Beschneidung von neugeborenen Jungen ist fester Bestandteil der jüdischen Religion und wird seit Jahrtausenden weltweit praktiziert.

und den Gesetzgeber aufforderte, „die Religionsfreiheit vor Angriffen zu schützen„.

Ich weiß, dass jeder denkende Leser es schon beim ersten Mal verstanden hat, aber ich halte es dennoch für lohnend, es noch einmal auszuschreiben:

In der Vorstellung von Herrn Graumann ist das Verbot der Verstümmelung von Kleinkindern ein unerhörter und unsensibler Angriff auf seine Religionsfreiheit.

Könnte man mal erwähnen, wenn das nächste Mal jemand fragt, woher der oft kritisierte atheistische Missionierungseifer kommt.

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16 Responses to So ist’s Recht

  1. Alien sagt:

    2012 liegt vermutlich an unserer Geschichte. Vorher hat sich niemand getraut Juden deshalb anzuzeigen. Dass es in diesem Fall ein Muslim war, ist ja schon irgendwie bezeichnend.

    Und zum Graumann: Nein, da kann ich nichts sagen, was du stehen lassen dürftest. Meine tiefste Verachtung ist ihm jedenfalls sicher.

  2. Robroy sagt:

    Dass es in Deutschland bisher so unklar war, dass Körperverletzung auch hier illegal ist, und in diesem Fall daher ein Verbotsirrtum festgestellt werden musste, finde ich durchaus erschreckend – aber ja, besser spät als nie.

  3. Debe sagt:

    Es gibt sicher verschiedene Gründe dafür, dass es so spät zu einem solchen Urteil kam. Einerseits ist die körperliche Unversehrtheit von Kindern („Ein Klaps in Ehren…“) noch nicht lange selbstverständlich. Dazu kommt, dass die Beschneidung von Mädchen geächtet ist, aber auch ganz klar abgegrenzt von der Beschneidung bei Jungen – die damit als „normal“ dasteht.
    Ob der Schaden einer Beschneidung wirklich messbar ist (Nervenenden in der Vorhaut, Schädigung der Empfindsamkeit der wenig geschützten Eichel etc.), scheint nicht Konsens zu sein. Bei Frauen ist das wohl drastisch anders. Meinem Verständnis nach sind die entfernten Körperteile durchaus qualitativ vergleichbar (bei der „kleinsten Variante“ der weiblichen Beschneidung, zugegeben).

    In manchen Bevölkerungsgruppen in Europa, anscheinend in den USA sowieso kommt Beschneidung zu nahezu 100% vor. Status quo, Gewohnheit etc., nicht hinterfragen…

    Dass es hier zur Anzeige kam, lag wohl daran, dass es Spätfolgen der OP gab und bei der Nachsorge jemand Alarm gab (denn nicht alles ist von der ärztlichen Schweigepflicht gedeckt, zum Glück).

    Die Rechtslage scheint herzugeben, dass Eltern zwar vieles für ihre Kinder entscheiden können, zu dieser Verstümmelung aber nicht berechtigt sind und ein Arzt die OP daher ablehnen MUSS, wenn keine medizinischen Gründe vorliegen. Das sollte sich in der Ärzteschaft schnell herumsprechen, denn „nicht gewusst haben“ schützt ja nicht generell vor Strafe.

  4. Andere rechtfertigen die Beschneidung dafür mit dem Erziehungsrecht der Eltern. Ich weiss nicht, was mich mehr entsetzt.

    Übrigens sagte der Zentralrat auch:

    Der Zentralrat der Juden in Deutschland sieht im Urteil des Landgerichts Köln, das die Beschneidung von Jungen aus religiösen Gründen als Körperverletzung bewertet hat, einen beispiellosen und dramatischen Eingriff in das Selbstbestimmungsrecht der Religionsgemeinschaften.

    http://www.zentralratdjuden.de/de/article/3705.html

  5. Frau.Meer sagt:

    Tjaja… was ist wichtiger? Das Recht auf körperliche Unversehrtheit oder die Religionsfreiheit…

    Menschen sollten sich selbst und eigenständig für eine Religion entscheiden. Ein paar Tropfen Wasser auf den Kopf spränkeln mögen da noch angehen (obwohl ich es auch jedem selbst überlassen würde, ob er so ein Ritual möchte) – aber diese Art Eingriffe sind barbarisch.

    Ich hoffe nur, jetzt steigt nicht die Ziffer der Hinterhof-Klapptisch-Beschneider, weil verbohrte Eltern sich in ihrem religiösen Eifer eingeschränkt fühlen.

  6. Muriel sagt:

    @Frau.Meer:

    Tjaja… was ist wichtiger? Das Recht auf körperliche Unversehrtheit oder die Religionsfreiheit…

    Ich glaube, wir sind uns im Großen und Ganzen wie so oft einig, aber die Frage finde ich falsch.
    Wenn ein Räuber verurteilt wird, fragt auch niemand, was wichtiger sei, das Recht auf Eigentum oder das Recht auf Berufsfreiheit.
    Religionsfreiheit kann in meinen Augen nie das Recht umfassen, andere zu verletzen.

  7. Frau.Meer sagt:

    In meinen Augen auch nicht. Und ich werde mir, wenn Du erlaubst, den Vergleich mit dem Räuber mal merken – ich hatte bisher, wenn mir so ein Argument entgegen kam, immer nur staunend dagesessen, da ich diese Überlegung ja eben für so absonderlich hielt, nur fiel mir nie so etwas treffendes als Erwiderung ein.

  8. Dietmar sagt:

    Ich habe über das Urteil gestern Nacht gehört und war richtig glücklich. Richtig so! Mich wundert allerdings, dass die Antisemitismus-Keule noch nicht ausgepackt worden ist; oder es wurde nocht nicht berichtet/ich habe es überhört.

    Da von Menschen mit Verstand und echter Liebe zu anderen Menschen und echtem Respekt ihnen gegenüber (also wahrscheinlich Nichtreligiösen) das Notwendige gesagt wird, möchte ich nur mein Unverständnis über die Meinung der Beschneidungs-Praktiker ausdrücken, die Vorhaut könne man ruhig amputieren, denn sie sei nicht so wichtig/nicht empfindungsfähig/oder so. Warum nicht eine Religion, in der man Säuglingen die Füße abhackt? Nach ein paar hundert Generationen meint man dann vielleicht auch, Füße seien zu Fortbewegung nicht so wichtig. Oder, nicht ganz so drastisch, die kleinen Finger. Fallen doch kaum auf, an so einem kleinen Körper. Geht bestimmt genauso schnell, wie das bisherige Wegschneiden von Körperteilen.

  9. Florian sagt:

    Besonders schön finde ich auch, dass die Beschneidung des Bartes hingegen verboten ist…

  10. Dietmar sagt:

    Hahaha! 😀

  11. Debe sagt:

    Mit dem Argument „Religionsfreiheit geht vor körperliche Unversehrtheit“ sind wir alle dem Tode geweiht – „Tod den Ungläubigen“ ist doch Teil mindestens einer Religion, richtig?

    Das sollte eigentlich gegenüber den Christen und Juden, die Religionsfreiheit so wichtig finden, als Argument schon genügen.

  12. Florian sagt:

    Diese Entscheidung ist im übrigen auch überhaupt kein Angriff auf die Religionsfreiheit, sondern ein Schutz der selbigen – der des Kindes nämlich.

  13. whoopitup sagt:

    Da fällt mir nur ein Märchen ein:
    …eine arme Frau bringt einen Sohn mit ‚Glückshaut‘ zur Welt…
    Jo, und ich wünsche jedem Jüngling seine Glückshaut, auf das er damit anfangen kann, was er nur möchte!
    Ersatzweise muss er dem Teufel drei goldenen Haare ausreissen.
    Nein, denn das wäre wieder nur Zwang.
    Vielleicht ja so:
    Soweit ich weiss, muss jeder Mann, der Jude werden will, sich seiner Vorhaut entledigen.
    ICH für meinen Teil würde also abwarten zu konvertieren, denn mit zunehmenden Alter verspricht das Heranwachsen der Vorhaut einen prima Tabaksbeutel her zu geben.
    Nicht nur wahrscheinlich aber ist die Tatsache, dass ‚hinterher‘ das Amputat mit viel religiösem Gemurmel beerdigt werden muss.
    Schaaaaaade!
    Andererseits haben sich bei mir schon einige Male Schamhaare so dermassen verfangen, so dass ich kaum noch still stehen konnte und mir an die Genitalien griff…
    Jeweils prekäre Situationen, wenn ich denn nicht alleine war.
    Und deshalb habe ich nun beschlossen, einen RIESIGEN Tabaksbeutel aus meiner Vorhaut machen zu lassen, bevor ich endgültig und wahrhaftig Jude werde.
    Und an allem bist nur DU -Muriel- Schuld!
    Aber ich bekomme ja als Freunde Gott und Abraham obendrauf und muss mir nicht mehr ständig in die Hose greifen.
    Ätsch!
    Und die Islamisten habe auch gleich eingesackt, denn meine Hygiene ’stimmt‘ fortan.
    HA! Was sagst Du nun?
    OK, Deinen Kommentar zum RIESIGEN Tabaksbeutel kannst Du für Dich behalten, denn bei Männern sind zwanzig Zentimeter stets mehr als ein Meter, doch mit meinen vierzig cm. wirst Du doch, cool wie Du bist, noch zurecht kommen, oder?
    (also ich muss gerade ‚mal rechnen: 20 cm sind nicht gleich ein Meter, 40 cm sind dann gleich….. ach scheiss drauf!)

    Religion ist; nein sollte NONVERBAL sein und bleiben.

    Seitenhiebe sind also unangebracht.

    Das meine ich aber auch nur, weil ich jedem unfreiwillig ‚entmannten‘ Jungen eine Zahnfee an seine Seite wünsche.

    Und eine Zahnfee gönnst Du als Atheist doch hoffentlich jedem Kind, oder?

    Oder ist das auch schon wieder zu religiös?

  14. Frau.Meer sagt:

    Habe eben die andere Seite im Link gelesen – und nein, dem kann ich mich nicht anschließen. Auch das Beispiel mit den Ohrlöchern trifft es für mich nicht, würden die Ohrläppchen komplett abgetrennt werden, wäre es für mich etwas anderes.

    Beschneidung ist ein größerer, operativer Eingriff. Wenn er nicht medizinisch erforderlich ist, sollte jeder selbst darüber entscheiden können, ob er vorgenommen wird. Wenn Religiöse in dem Urteil nun ihre Glaubensrichtung angegriffen sehen, dann müssen sie diese bitteren Gefühle meiner Meinung nach schlucken. Es sollte doch wohl mehr zu einem Glauben gehören, als eine Vorhaut, oder?

  15. Muriel sagt:

    @whoopitup: Ich toleriere unverschämte Kommentatoren. Ich toleriere extensives wirres Gefasel. Ich toleriere Beiträge, die nichts mit dem Thema des Artikels zu tun haben, unter dem sie erscheinen. Aber wenn das alles in einem einzigen Kommentar zusammenfällt, dann ist irgendwann die Grenze der Toleranz erreicht.
    Ich habe deinen Beitrag zum Einkaufswagen deshalb gelöscht. Falls du ihn unter dem passenden Artikel noch einmal veröffentlichen möchtest, lasse ich ihn dort aber stehen.
    @Frau.Meer: Ich finde das mit den Ohrlöchern auch nicht treffend und überlege gerade, ob ich noch einen Post schreibe zu den bisherigen Reaktionen auf das Urteil. Mal sehen.

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