Zivilcourage

ist schon lange ein Problem für mich; oder genauer: Ihre Abgrenzung von aufdringlicher Einmischung in die Angelegenheiten anderer Leute. Gerade heute Morgen fiel mir ein treffliches Beispiel dafür in die Hände. An den Briefkasten einer Nachbarsfamilie fand ich nämlich (außen, für jeden lesbar) das folgende Schreiben geheftet:

Sehr geehrte [Nachbarn von Muriel],

bitte entfernen Sie den Einkaufswagen, den Ihre Kinder am Samstagabend angeschleppt haben. Zum einen könnten durch den Einkaufswagen Fahrzeuge beschädigt werden, zum anderen glaube ich kaum, dass sich die Mehrzahl der Hausbewohner in einem asozialen Umfeld wohl fühlt.

Sollte der Einkaufswagen nicht bis um 12:00 entfernt sein, werde ich mich darum kümmern, was teuer für Sie werden könnte, da der Rewe-Markt vermutlich eine Anzeige erstatten wird.

Mit freundlichen Grüßen

[ein anderer Nachbar von Muriel]

Tatsächlich steht in dem kleinen Graben, der den Bürgersteig vor unserem Haus von der Straße trennt, ein Einkaufswagen, der ein Fahrzeug eigentlich nur dann beschädigen kann, wenn es ihm irgendwie gelingt, aus eigener Kraft da raus zu klettern, den Bordstein zu überwinden und dann eines der geparkten Autos böswillig zu attackieren. Oder wenn jemand sein Fahrzeug in diesen Graben lenkt. Man weiß ja nie. Nur, falls es euch interessiert.

Zur Sache: Das ist nicht nur das womögliche armseligste Ultimatum, das ich seit Langem gelesen habe (Wenn Sie den Wagen nicht bis 12 entfernen, dann … dann… dann mach ich das halt!), es wirft auch ansonsten in meinen Augen ein eher ungünstiges Licht auf den Charakter des Verfassers. Und dass er Keoni und mich und die anderen Bewohner quasi ungefragt für sein Anliegen rekrutiert hat, das sticht mich schon ein bisschen, denn wir beide würden zum Beispiel lieber in einem von diesem Menschen als asozial empfundenen Umfeld wohnen als in einem Umfeld, das von solchen traurigen Blockwartsgehilfen wie ihm behelligt wird. Ich wäre einerseits versucht, diese Meinung irgendwie öffentlich zu äußern, sei es, durch einen ähnlichen offenen Brief, sei es durch einen Aufkleber an meinem eigenen Briefkasten. Andererseits geht mich die ganze Sache wirklich nichts an, ich kenne die Hintergründe nicht, und mich hat auch niemand nach meiner Meinung gefragt. Irgendwie wäre es also auch denkbar uncool, sich da jetzt reinzuhängen, allein schon, weil es tragisch genug ist, dass zwei Leute mit solchem Bullshit ihre Zeit verschwenden, da müssen wir nicht auch noch mitmachen.

Andererseits.

Was meint ihr?

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19 Responses to Zivilcourage

  1. Florian sagt:

    Ich stoppe mal die Zeit, bis Christina was zum Einkaufswagen schreibt…

  2. Daniel sagt:

    Wenn jemand im Namen der gesamten Nachbarschaft schreibt, ohne irgendwas abgesprochen zu haben, dann sollte man sich schon davon distanzieren. In deinem Fall würde ich darauf vertrauen, dass der betreffende Nachbar „zum anderen glaube ich kaum, dass sich die Mehrzahl der Hausbewohner“ richtig als „ich“ interpretiert.

  3. Guinan sagt:

    E bestünde natürlich auch die Möglichkeit, still und heimlich den Zettel zu entfernen und den Einkaufswagen zum Rewe zu bringen. Kann ja so weit nicht sein.

  4. Sanníe sagt:

    Ich hätte ein differenziertes „Kommt drauf an“ zu bieten.
    Wir hatten nämlich auch mal so einen Zettelheini im Haus und waren sehr froh, als jemand ihm die passende Antwort gab und wir gemerkt haben, daß wirklich nicht wir verrückt sind, sondern er:

    Andererseits ging die Sache natürlich weiter – das ist Zettel 4 von 8 – und bis er endlich ausgezogen ist, vergingen noch zwei Jahre.

  5. Tim sagt:

    @ Muriel

    Irgendwie wäre es also auch denkbar uncool, sich da jetzt reinzuhängen

    Ganz im Gegenteil, ich fände das sehr unterhaltsam! Kannst Du daraus bei Deinem Talent keine literarische Gattung machen?

    Ich würde mich über den Flur-Dialog sehr freuen, Popcorn!

  6. Skydaddy sagt:

    Typen, die Einkaufswagen entführen, sind in der Tat asozial, da sie – auch noch ohne jedes Schamgefühl – deutlich machen, dass sie nur an sich selbst denken und sich einen Scheiß um das Eigentum anderer scheren. Das ist m.E. gerade die Definition von asozial.

    Hier mögen es Kinder gewesen sein, ich beziehe mich hier mehr auf den allgemeinen Fall.

    Über das Verhalten des Zettelschreibers kann man ja geteilter Meinung sein, aber ich hätte lieber die asigen Einkaufswagenhijacker aus dem Haus als denjenigen, der sich – m.E. völlig zurecht – darüber beschwert.

  7. Muriel sagt:

    @Florian: Wie kannst du dich über Kommentare zu Einkaufswagen aufregen, während du gleichzeitig bereit bist, über das Bewusstsein von Neugeborenen nachzudenken?
    Heuchler!
    @Guinan: Ich möchte ihm eigentlich nicht so gerne zeigen, dass er mit diesem Stil zum Ziel kommt. Ich würde ihm lieber demonstrieren, dass andere sowas unsympathisch finden.
    @Tim: Ich fürchte, ich muss dich enttäuschen. Ich neige nach wie vor eher zum Raushalten.
    @Skaydaddy: Und du findest den Schluss nicht ein bisschen gewagt, dass jeder, der einmal die Eigentumsrechte anderer beeinträchtigt, das nicht nur ohne Schamgefühl tut (Was hat Schamgefühl überhaupt mit der Sache zu tun?), sondern auch noch nur an sich selbst denkt und das Eigentum anderer grundsätzlich nicht achten? Nicht mal ein bisschen?
    Dann bin ich nach deiner Vorstellung auch asozial. Und jeder, den ich kenne.
    Und sogar wenn wir mal davon ausgingen, dass es wirklich genauso wäre: Auch wenn man sich zu Recht über etwas beschwert (was nochmal eine andere Frage wäre), kann man das wie ein Arschloch tun, oder wie ein richtiger Mensch. Meinst du nicht auch?

  8. Tim sagt:

    @ Muriel

    Ich fürchte, ich muss dich enttäuschen. Ich neige nach wie vor eher zum Raushalten.

    Das ist sehr schade! Vor allem, weil man doch gerade am Beispiel von Einkaufswagen widerspruchsfrei beweisen kann, daß das liberale Weltbild unsinnig ist oder so. Dazu gab’s hier doch vor einiger Zeit eine herrliche Diskussion.

  9. Dietmar sagt:

    Pah! Unser Nachbar hat ungefragt unsere im Oktober durch eine Gärtnerei getrimmte Hecke über den Zaun hinweg bis auf die Stämme hinunter geschnitten, sodass sie von nachbars Seite her kahl und insgesamt nicht mehr blickdicht ist, und das Gras zwischen Zaun und Hecke mit einem Spaten entfernt, schließlich den angefallenen Schnitt über unseren Zaun in eine Ecke geworfen; ist ja auch unser. Und er verteilt Zettel, wenn jemand so parkt, wie ihm das nicht gefällt. Nicht etwa ordnungswidrig, sondern nur so, wie ihm das nicht gefällt. Fünf Minuten Standzeit und unsere Gäste haben einen Zettel unter dem Scheibenwischer, der sie als Kamele bezeichnet. Das sind Probleme! 🙂

  10. Guinan sagt:

    @Muriel: Und wenn du das als Event organisierst? Ihr könntet euch mit ein paar netten Nachbarn verabreden und den Einkaufswagen in einem feierlichen Umzug rückführen.

  11. Muriel sagt:

    @Tim: Ich erinnere mich durchaus, aber ich habe eine Frage für dich: If shopping cart … THEN WHO WAS PHONE?
    @Dietmar: Ich schätze, wenn du als Vater das so siehst, kann ich nicht widersprechen. Zumindest, bis ich auch einer bin. Dann können wir vielleicht reden.
    @Guinan: Schon besser. Scheitert aber daran, dass ich keinerlei Kontakt zu den Nachbarn hier habe und der Einkaufswagen nicht mehr da ist.

  12. Tim sagt:

    @ Muriel

    Soso. Jetzt, da es wirklich interessant wird, ist der Einkaufswagen plötzlich „nicht mehr da“. Ich bitte Dich, wer soll Dir das glauben?

    Meiner Meinung nach hat es das alles nie gegeben. Der Einkaufs(!)wagen ist höchstwahrscheinlich eine schuldpsychologische Manifestation Deine proto-kapitalistischen Beißreflexe, die Du in besagter „Grube“ (Freud, anale Phase!) entsorgen wolltest. Dem stehen natürlich besorgte Mitbürger entgegen, die Du in jenem fiktiven Brief folgerichtig in einen „asozialen“ Kontext gestellt hast. Und sogar Deinen blinden Haß auf Gottesgläubige kann man aus dieser Räuberpistole herauslesen, denn was sollte sich denn hinter „Rewe“ (sprich es mal hebräisch aus!) anderes verbergen als der gute, alte Jahwe?

    Ich frage mich bloß, wofür das Ultimatum steht. Ist das sexuell gedacht? Oder irgendwas mit Bankenkrise?

  13. Muriel sagt:

    @Tim: Nur dass du’s weißt: Die Tims, die ich kenne, wären über solche Äußerungen wie von dir zum Thema Einkaufswagen genauso entsetzt wie ich.

  14. Guinan sagt:

    Ich werde nie wieder einen Einkaufswagen ansehen können, ohne dabei loszuprusten.

  15. TakeFive sagt:

    Ein ähnliches Dilemma habe ich auch, aber ohne Zettel (bisher). Bei uns im Hinterhof gammelt seit 2 Wochen ein Einkaufswagen rum, mal liegt er, mal steht er im Weg .. jemand hat ihn auch mal vor zur Straße geschoben.. es nervt halt schon gewaltig wenn man da jeden Tag mit dem Fahrrad dran vorbei muss, denn viel Platz ist nicht.

    Selber wegräumen wäre mit Sicherheit eine Gute Tat [TM]. Aber was ist mit dem jahrelang sorgsam kultivierten Starrsinn? Soll ich den jetzt einfach über Bord werfen, wo ich doch schon so viel reininvestiert habe?

  16. Für exakt diese Frage wurden Ragefaces erschaffen, welche sich herrlich einfach an einen solchen Zettel rankleben lassen. Ich wäre in diesem Fall für das *mimimi*-Baby oder ein gepflegtes „Blockwart Y U NO SHUT THE FUCK UP??!!“ ^^

  17. Muriel sagt:

    @TakeFive: Damit wäre zwar das Problem gelöst, aber wer seinen Starrsinn opfert, der verschenkt damit seine Menschlichkeit, ach was rede ich: seine Seele.
    @erzaehlmirnix: Ich glaube auch, dass Willy Wonka etwas zu dieser Angelegenheit zu sagen hätte.

  18. Robin Urban sagt:

    Also ich hatte mal in meinem alten Studentenwohnheim eine ähnliche Situation.
    Ich war in der Waschküche und entdeckte einen kleinen Haufen Wäsche neben einer der Maschinen. Dazu ein Zettel: „Dies ist die Wäsche einer EKELSAU!!“ – Nebst einigen weiteren Nettigkeiten, die ich leider nicht mehr zitieren kann (aber das noch nie zuvor gehörte oder gelesene Wort „Ekelsau“ hat sich mir eingebrannt…). Offensichtlich hatte jemand seine (gewaschene) Wäsche neben die Maschine geschmissen und längere Zeit nicht abgeholt und der Schreiber fühlte sich davon aufs Gröbste belästigt.

    Tja, als ich zurück kam, um meine Wäsche aus der Maschine zu holen, hatte ich nen Stift parat und schrieb sowas drunter wie, dass mir eine Ekelsau immer noch lieber ist als jemand, der so völlig übertrieben rumflippt und so dermaßen ausfällig wird. Zwei Stunden später (der Trockner war inzwischen durch) stand darunter: „Dito!“

    Weiter habe ich die Sache nicht verfolgt. Allgemein finde ich: Einmischen ist stressig, aber kann Spaß machen ^^

  19. Muriel sagt:

    @Robin Urban:
    Danke für dein Feedback und willkommen bei überschaubare Relevanz!
    Schön, wenn es so läuft. Meine Sorge galt weniger dem Stress (den ich mit sowas auch gar nicht hätte), sondern eher der Möglichkeit, dass beide Parteien eventuell gar nicht wollen, dass sich andere noch in ihren Konflikt reinhängen, die die ganze Sache überhaupt nichts angeht.

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