Bright Outlook (13)

Wenn ich diesen Beitrag mit der Frage eröffnen würde, ob uns dieses Kapitel Glück bringt, oder Unglück, wäre das dann nicht nur eines so fundamental antiabergläubischen Blogs, wie überschaubare Relevanz eines ist, völlig unwürdig, sondern außerdem noch ein total dämliches und ausgelutschtes Klischee?

Ich glaube schon.

Wenn ich hingegen diesen Beitrag mit der Frage eröffnen würde, ob es nicht nur eines so fundamental antiabergläubischen Blogs, wie überschaubare Relevanz eines ist, völlig unwürdig, sondern außerdem noch ein total dämliches und ausgelutschtes Klischee wäre, diesen Beitrag mit der Frage zu eröffnen, ob uns dieses Kapitel Glück bringt, oder Unglück, wäre das dann schon wieder so meta und so unglaublich clever, dass ihr vor lauter Ehrfurcht das folgende Kapitel sogar dann noch über den grünen Klee loben würdet, wenn es in Wahrheit nur Mittelmaß wäre?

Ich hoffe doch sehr.


Was bisher geschah
Im ersten Kapitel erwacht Claire und lernt die erste der anderen Versuchspersonen fürchten.
Im zweiten Kapitel erwachen auch alle anderen. Die Tür zum zweiten Raum öffnet sich (wieder), und Claire beginnt eine Vorstellungsrunde.
Im dritten Kapitel setzen die Versuchsteilnehmer die Vorstellungsrunde fort öffnen die Tür zum dritten Raum, und Mark wird von einer Polizistin angehalten.
Im vierten Kapitel holt Mark einen Republikaner und seinen Callboy, Branco nimmt Lora den Revolver weg, und die Versuchsteilnehmer öffnen eine weitere Tür.
Im fünften Kapitel holt Mark einen Occupy-Aktivisten, und die Versuchsteilnehmer demontieren eine der Überwachungskameras.
Im sechsten Kapitel holt Mark Regina, und die Versuchsteilnehmer tragen die Konsequenzen ihres Verstoßes gegen die Teilnahmebedingungen.
Im siebten Kapitel streiten Nick und Leanne miteinander, und Leanne unterläuft ein unangenehmes kleines Missgeschick. Jeffries öffnet die Tür zum nächsten Raum, und den Versuchsteilnehmern fällt nicht nur ein Kuchen in die Hände, sondern auch Leanne.
Im achten Kapitel bekommen Nick und Mark Besuch von einem Repräsentanten von Management, Leanne tritt Branco, und Jill wacht auf und lernt Regina kennen.
Im neunten Kapitel betreten wir mit Mark zusammen Cynthias Büro, und der Occupier wacht auf.
Im zehnten Kapitel stirbt Pascal, Hoai Nguyen erwacht und lernt die Stimme in seinem Kopf kennen, nebst den anderen Versuchsteilnehmern, und Nelson Jeffries misshandelt eine wehrlose Frau.
Im elften Kapitel lässt Mark seine Tochter bei Cynthia zurück, begegnet im Flur dem Repräsentanten und streitet mit Nick, wir beobachten drei Männer und eine Frau in einem Flugzeug, und Branco wacht wieder auf.
Im zwölften Kapitel überzeugt Miles seine Mitgefangenen, eine Vorstellungsrunde abzuhalten, Nick bittet um Entschuldigung, und Cynthia kommt ihn deshalb besuchen.

Was heute geschieht

Oder?

Cynthia zog ihre Augenbrauen zusammen und blickte auf ihre nackten Füße hinab. Eine Weile stand sie so da, bevor sie wieder zu Nick aufsah. Sie öffnete ihren Mund, zögerte, und schloss ihn wieder. Sie legte zwei Finger über ihren Mund, während ihre Augen wie hilfesuchend durch den Raum huschten.

Sie öffnete wieder ihren Mund, und schloss ihn sofort wieder.

„Ich …“ begann sie schließlich, „Was …“ Sie sah in seine Augen und sagte: „Mason?“ Es sollte vielleicht eine Behauptung sein, aber es kam als Frage heraus. „Er … Er muss doch …“

Nick schüttelte langsam seinen Kopf.

„Cynthia, was glaubst du, warum dein Vater dich im Keller einsperrt? Was glaubst du, warum dieses Labor so weit von Camp Springs entfernt ist? Wie oft ruft er dich an? Wann hat er dich das letzte Mal besucht?“

Er wusste nicht genau, warum er es tat. Es war unnötig und gehässig – falls ein solcher Begriff gegenüber jemandem wie Cynthia eine Bedeutung hatte – aber es fühlte sich in diesem Moment gut an, und das reichte ihm.

„Er … Unsere Forschung ist sehr wichtig“, sagte sie. „Er vertraut mir. Er kann … diese Aufgabe niemandem sonst anvertrauen.“

Nick seufzte.

„Glaubst du das wirklich, Cynthia?“ Er fragte sich, in welchem Fall er sie mehr bemitleiden würde.

Nach einer Pause fügte sie beinahe trotzig hinzu: „Er ruft an.“

„Öfter als bei seinem Steuerberater?“

Sie senkte ihren Blick.

„Wann hast du das letzte Mal versucht, dieses Labor zu verlassen? Würdest du gerne? Was glaubst, du was, er davon ‒“

„Mr. Blair, ich muss um Ihr Verständnis bitten, dass dieses Thema für eine professionelle …“ Für einen Moment huschte ein Ausdruck über ihr Gesicht, und sie sah wieder in Nicks Augen. „Mark!“ sagte sie.

Für eine Sekunde verstand Nick nicht, was sie meinte. Dann verstand er es, und glaubte es nicht.

„Ist nicht dein Ernst, oder?“ fragte er. „Mark?“

Cynthia nickte zögerlich.

Nick schüttelte seinen Kopf.

„Cynthia, Mark ist loyal, krankhaft, wenn du mich fragst, aber glaub mir, er kann dich nicht ausstehen, und ich glaube, jetzt gerade würde er dich nicht mal anspucken, wenn du in Flammen stündest.“

Er sah in ihre kalten, leeren Augen, und für eine lange Zeit standen sie so da und sahen einander an. Als er ihr zum ersten Mal begegnet war, hatte Nick gedacht, sie müsse blind sein.

Er stockte.

„Warum bist du hier, Cynthia?“

„Die Bright Outlook Laboratorien legen großen Wert ‒“

„Erspar mir das Gewäsch! Ich meine: Warum bist du hier? Du weißt, dass du mir körperlich nicht gewachsen bist. Du weißt, dass ich dir nicht mehr gehorche. Du weißt, dass ich gefährlich bin. Und trotzdem stehst du hier selbst vor mir, unbewaffnet, und alleine. Warum? Was ist dein Plan?“

Es dauerte lange, bis sie antwortete, und diesmal war er es, der seinen Blick senkte, weil er einfach dieses unangenehme Kribbeln in seinem Kopf nicht mehr ertragen konnte, das ihre seelenlosen Augen verursachten.

„Warum sind Sie hier, Mr. Blair“, fragte sie leise und so monoton, dass er nur am Satzbau erkennen konnte, dass sie eine Frage stellte. „Sie wussten, dass Sie nicht entkommen können. Sie wussten, dass wir Ihren Verstoß gegen Ihre Pflichten bemerken würden, und Sie wussten, dass wir ihn sanktionieren würden. Was war ihr Plan, Mr. Blair.“

Er lächelte und schüttelte den Kopf.

„Ich will einfach nur, dass es aufhört. Ich kann das nicht länger tun. Und ich habe alles verdient, was ihr mit mir anstellen könntet. Ich wollte euch zeigen, dass ich nicht länger euer Werkzeug bin. Bright Outlook ist die Hölle, Cynthia, und solange ich am Ende hier rauskomme, ist mir völlig egal, wie.“

Sie blinzelte.

„Oh“, sagte sie.

Sie blinzelte noch einmal.

„Ich hatte eine andere Vermutung.“

„Es muss sehr schwer für dich sein, uns Menschen zu verstehen“, sagte Nick lächelnd.

Cynthia nickte. „Mir fällt außerdem auf, dass ich bei Filmen oft an den falschen … Worüber lachen Sie, Mr. Blair?“

Er sprang auf sie zu, packte ihre Schultern und schob sie gegen die Wand. Ihre Augen weiteten sich, sie zuckte zurück und schlug dabei versehentlich ihren Kopf gegen den Beton.

Nick wollte beinahe laut lachen und jubeln. Für einen Moment hatte er Furcht in ihrem Gesicht gesehen. Für einen Moment war er durchgedrungen zu was immer unter Cynthias Maske lebte. Für einen Moment hatte zum ersten Mal, seit er sie kannte, so etwas wie Kommunikation zwischen ihnen stattgefunden, wie primitiv auch immer.

„Was glaubt du?“ fragte er. „Glaubst du, er liebt dich? Egal, so weit müssen wir gar nicht gehen. Glaubst du, er würde dich anspucken, wenn du in Flammen stündest? Wollen wir wetten?“

Ihr Blick wanderte von seinem Gesicht seinen Hals hinab über seine Arme, und wieder in sein Gesicht.

Sie hob eine Hand – zitterte sie? Es wäre zu schön gewesen – und ließ sie wieder sinken. Sie hob die andere und drückte kraftlos gegen seinen Arm. Er hielt sie fest. Sie schluckte.

Sie fühlte sich unangenehm an. Schwach, zerbrechlich, als bestünde die Gefahr, dass er ihre Schultern zu einer blutigen Masse zerquetschte aus Knochen und dem bisschen Fleisch, das sie bedeckte. Das war der Grund, aus dem er Insekten nicht gerne berührte und Spinnen niemals mit der Hand fing. Die Vorstellung, sie aus Versehen zu zerquetschen, widerte ihn an. Und Cynthia war ein Insekt, oder eine Spinne, daran hatte er in diesem Moment keinen Zweifel.

„Ruf ihn“, sagte Nick. „Mark. Nicht den Repräsentanten. Wenn du den rufst, brech ich dir hier und jetzt auf der Stelle den Hals. Du weißt, dass ich das kann. Wir wissen beide, was passiert, wenn du den Repräsentanten rufst. Aber ob Mark kommt, um dir zu helfen, das wüsste ich echt gerne.“

„Die Bright Outlook Laboratorien sind davon überzeugt, dass alle ihre Mitarbeiter einen Anspruch auf eine entspannte Arbeitsatmosphäre haben, und darauf, in einer gewaltfreien Umgebung zu arbeiten. Wir glauben, dass dieses Ziel nur erreichbar ist, wenn wir alle unser Bestes tun, um Rücksicht aufeinander zu nehmen und tolerieren deshalb keine Angriffe oder Beschimpfungen gegen unser Personal. Ich muss deshalb darauf bestehen, dass Sie mich auf der Stelle loslassen, Mr. Blair.“

Vielleicht wäre es eine gute Idee gewesen, ihr weh zu tun. Vielleicht hätte er sie ohrfeigen oder ihr die Nase brechen sollen. Vielleicht hätte es ihr sogar irgendwie gut getan, aber es fühlte sich nicht richtig an. Er packte stattdessen ihre Schultern ein bisschen fester und drückte sie noch etwas kräftiger gegen die Wand.

„Zwing mich dazu“, sagte er. „Oder hol jemanden, der mich zwingt.“

Er hatte in diesem Augenblick keine Ahnung, ob er ihr wirklich das Genick gebrochen hätte, wenn sie den Repräsentanten gerufen hätte. Aber zum Glück musste er diese Entscheidung nicht treffen.

„Mark?“ sagte sie, und diesmal war das Fragezeichen deutlich hörbar. Aber diesmal gehörte es da nicht hin.

„Lauter“, sagte Nick. „Wie soll er dich denn so hören?“

Er überlegte, sie die Sprechanlage benutzen zu lassen, entschied aber, dass das zu albern wäre. Dafür hätte er sie loslassen müssen, und dann wäre die Bedrohung viel weniger gegenwärtig und viel zu abstrakt geworden, als dass er sie selbst noch hätte ernst nehmen können.

„Kannst du schreien, Cynthia?“ Kannst du es willentlich, oder muss ich dich dazu bringen?

Er fragte sich, ob er sich schlecht fühlen sollte. Er hätte sich bestimmt sehr schlecht gefühlt, wenn es ein Mensch gewesen wäre, den er misshandelte.

„Mark“, sagte sie, etwas lauter und bestimmter als zuvor.

Nick schüttelte den Kopf.

„Reicht nicht. Sogar wenn er dich hören wollte, wäre das noch zu leise, und ich zumindest glaube, er will zurzeit niemanden noch weniger hören als dich.“

Er zog sie ein Stück zurück, um sie mit leichtem Schwung gegen die Wand zu schlagen. Nicht, um ihr wirklich weh zu tun – er trug immer noch diese irrationale Angst in sich, sie einfach zu zerquetschen, wenn er zu grob wurde – sondern um sie zu motivieren. Sie leistete keinerlei Widerstand und fühlte sich so leicht und so schwach an, dass er für einen Moment alles um sich vergaß in dem fassungslosen Staunen darüber, dass er sich die letzten Jahre vor kaum etwas so sehr gefürchtet hatte wie vor dieser seelenlosen Unperson.

Er fragte sich, ob sie sich in diesem Moment vor ihm fürchtete, und ob dieses Gefühl für sie das gleiche bedeutete wie für ihn.

„Schrei!“ fuhr er sie an. „Zeig mir, dass du ein Mensch bist. Zeig mir, dass du nicht ‒“

„Mark!“ sagte sie, in einem Tonfall, als spräche sie über ein etwas zu laut eingestelltes Radio hinweg.

Nick verdrehte die Augen.

„Ist das dein Ernst? Was soll das? Er benimmt sich vielleicht wie dein Schoßhund, aber deshalb sind seine Ohren ja nicht zwangsläufig ‒“

Eine Tür öffnete sich hinter ihm.

„Okay, vielleicht doch.“

„Nick, hast du deinen Verstand verloren?“

Nick drehte sich kurz zu Mark um und lachte.

Ich? Du bist lustig, Mark, wirklich. Sie hat dir deine Tochter weggenommen und dir befohlen, deine Frau in einer unterirdischen Folterkammer einzusperren, und jetzt bittet sie dich um Hilfe, und du kommst sofort wie Lassie angelaufen, und fragst mich, ob ich meinen Verstand verloren habe? Ich bin der einzige in diesem ganzen verdammten Albtraum, der ihn nicht verloren hat!“

„Lass sie los, Nick.“

Er schüttelte den Kopf.

„Du musst mich schon zwingen. Ich glaube nicht, dass du’s tust. Ich kann mir einfach nicht vorstellen, dass du lieber … dieses Ding rettest als deine Tochter und deine Frau.“

„Ich bin eine Verpflichtung eingegangen, Nick, und du auch. Lass sie los.“

„Eine Verpflichtung. Ist das dein Ernst? Und wozu haben die sich verpflichtet? Denkst du nicht, dass das mit Regina und Jacky die Dinge ein kleines bisschen anders aussehen lässt?“

„Willst du mich noch ein paar Mal an meine Familie erinnern, oder können wir jetzt wieder über das eigentliche Problem reden?“

„Ich glaube das nicht, Mark. Hast du gerade wirklich gesagt, dass wir deine Familie vergessen sollten, weil es dir viel wichtiger ist, mit mir darüber zu reden, dass ich gegen meinen Arbeitsvertrag verstoße, indem ich die Person, die sie dir weggenommen hat, zu grob anfasse?“

„Ich hätte es anders formuliert, aber was soll’s? Semantik. Die Bright Outlook Laboratorien verfolgen eine konsequente Null-Toleranz-Politik gegenüber Drohungen mit oder Anwendung von tatsächlicher Gewalt gegen unsere Mitarbeiter. Jeder Verstoß wird mit sofortiger Beendigung des Arbeitsverhältnisses ohne Abfindungszahlung geahndet. Eine Entscheidung über eine Liquidation steht im Ermessen des zuständigen Disziplinarvorgesetzten.“

Mark legte eine Hand auf Nicks Schulter. Nick wirbelte herum und holte zu einem Schlag aus. Mark fing seine Hand ab und versuchte, seine Stirn in Nicks Gesicht zu stoßen, aber Nick konnte rechtzeitig ausweichen.

„Stop“, sagte Cynthia.

Mark ließ unverzüglich seine Hände sinken, und Nicks Schlag traf ihn direkt frontal auf die Nase. Mark stieß einen Laut irgendwo zwischen einem Schrei und einem Stöhnen aus und taumelte zurück. Blut strömte aus seiner Nase. Er machte keinerlei Anstalten, zurückzuschlagen oder sich zu verteidigen.

Nick stand eine Sekunde lang unentschlossen da.

„Lassen Sie ihn gehen, Mr. Rawes.“

„Was?“ fragten Nick und Mark gleichzeitig.

„Sie können jetzt gehen, Mr. Blair. Bitte beachten Sie, dass dies Ihre letzte Chance ist.“

Nick stand eine weitere Sekunde unentschlossen da und blickte in Cynthias kalte blassviolette Augen, bevor er die Schultern zuckte, die Tür öffnete und den Raum verließ. Nachdem die Tür hinter ihm ins Schloss gefallen war, fragte Mark:

„Was war das denn?“

„Mich interessiert, was er vorhat“, antwortete Cynthia.

„Miss Cox, haben Sie daran gedacht, dass Ihr Vater heute um 17:30 Uhr hier erscheinen soll, zu einem gemeinsamen Audit der Anlage mit Senator Bell?“

Cynthia sah ihn an, ihr Gesicht ausdruckslos und leer wie immer, aber sie brauchte eine lange Zeit, bis sie antwortete.

„Bitte folgen Sie Mr. Blair und nehmen Sie ihn umgehend in Gewahrsam.“

Mark stöhnte. Und gehorchte.

****************************

Miles faltete seine Hände und blickte in die Runde seiner Mitgefangenen.

„Ich danke Ihnen“, sagte er, „dass Sie alle Ihre Differenzen hintenangestellt und sich ruhig und sachlich an unserer Vorstellungsrunde beteiligt haben.“ Er versuchte, nicht in Abdiels und Hoais Gesicht zu sehen, während er sprach. Er konnte sich denken, was sie davon hielten. Zu seinem gelinden Ärger sah er auch in Reginas Gesicht ein ziemlich unverschämtes skeptisches Lächeln. „Ich hoffe, dass wir in diesem Geiste weiter zusammenarbeiten können.“

„Sie meinen ‚zusammenarbeiten‘ hier in dem Sinne, dass wir“ – er breitete seine Arme in einer Geste aus, die Regina, Jill, Hoai und ihn selbst umfasste – „alle zusammen für Sie die Arbeit machen, wie immer, stimmt’s?“

Jill stöhnte „Jetzt lassen Sie den Gouverneur doch einmal einen Satz zu Ende bringen, ohne rumzusticheln!“

„Sobald Sie es fertigbringen, einen Satz über ihn zu sagen, ohne dabei vor Ehrfurcht –„

Bitte“, sagte Miles, „Ich dachte, das hätten wir hinter uns.“

Jill presste die Lippen zusammen und verschränkte die Arme.

Abdiel verdrehte die Augen und streckte eine Hand in Miles‘ Richtung aus.

„Ist gut, machen Sie weiter, ich bin schon ganz gespannt, worauf Sie hinauswollen.“

Miles atmete tief durch, um sich zu sammeln, bevor er fortfuhr:

„Ich denke, so unschön es auch ist, dass wir keine andere Wahl haben, als herauszufinden, was im Raum hinter dieser Barriere auf uns wartet. Weil es aber ein unnötiges Risiko wäre, dass alle zugleich unter dem Hindernis hindurchkriechen, sollte einer von uns zunächst als Kundschafter vorangehen, damit wir dann gemeinsam entscheiden, wie wir verfahren.“

„Und Sie melden sich freiwillig, richtig?“

„Ähem. Ich fürchte, dass ich schon aufgrund meiner körperlichen Statur nicht zu den geeignetsten Kandidaten zähle“, sagte er mit seinem sympathischsten reumütigen Lächeln und einem Blick an sich herab.“

„Muss hart sein, wenn man nie körperlich arbeiten durfte und trotzdem immer in maßlosem Wohlstand leben musste.“

„Sie sind wahrscheinlich Bergmann oder Stahlkocher und wissen deshalb genau, wovon Sie reden“, spottete Jill. „Ich sag Ihnen mal was: Leute, die wirklich arbeiten müssen, um zu leben, haben Besseres zu tun, als wochenlang auf öffentlichen Plätzen zu kampieren und Plakate zu malen.“

„Warum verteidigen Sie ihn dauernd? Sie sind am Ende genauso sein Opfer wie ich! Wir stehen eigentlich auf derselben Seite, aber Sie machen sich zu seinem Handlanger und wenden sich gegen die, die Sie vorgeben, zu beschützen!“

„‘ne Nummer kleiner haben Sie’s nicht, oder?“

„Wir könnten natürlich Streichhölzer ziehen“, unterbrach Miles die beiden, und als ihm klar wurde, dass sie keine hatten, fügte er hinzu: „Oder etwas Ähnliches, aber wenn sich jemand freiwillig melden würde, wäre das am einfachsten.“

Er blickte zu Regina, die ihm ein breites Träumen-Sie-weiter-Grinsen schenkte, ließ seinen Blick hastig über Hoai springen und landete dann ziemlich alternativlos bei Jill. Sie würde es tun. Aber wollte er die einzige Person riskieren, die ihm folgte? Außerdem war er sich nicht einmal sicher, ob sie passen würde. Sein Blick sprang von dem schmalen Durchlass unter der Wand zu ihren beträchtlichen Brüsten und wandte ihn sofort wieder ab, bevor sie seine Intention missdeuten konnte.

Er zuckte die Schultern.

„Ich schätze, dann müssen wir wohl auf ein Losverfahren –“

„Nein, schon gut, ich mach’s“, sagte Jill. „Machen wir’s nicht unnötig kompliziert. Wahrscheinlich hat niemand irgendwo in seinem Overall eine Lampe, oder ein Feuerzeug oder sowas, oder?“

„Niemand“, sagte Regina.

„In Ordnung. Ich werde schon irgendwie merken, wenn es nicht weitergeht.“

Sie wandte sich dem vermauerten Durchgang zu, kniete davor nieder und legte sich aus dieser Position auf den Boden.

Sie legte ihren Kopf seitlich und schob sich unter der Barriere hindurch. Die Betonkante schob ihren viel zu weiten Overall zu hohen Falten auf, und natürlich wurden ihre Bewegungen sichtlich und hörbar mühseliger, als zuerst ihre Arme, dann ihr Hintern und ihre Knie dahinter verschwanden und sie ihre Gelenke nicht mehr so weit anwinkeln konnte, um sich voranzuschieben, aber schließlich verschwanden auch ihre Zehen in der Dunkelheit.

Miles trat näher heran und wartete ein paar Sekunden. Als er nichts hörte außer schabenden und schleifenden Geräuschen und Jills Keuchen, rief er schließlich:

„Wird es da drinnen geräumiger, oder bleibt es so niedrig?“

„Es bleibt so“, antwortete sie. Ihre Stimme klang gepresst und atemlos. Lag es nur daran, dass sie tatsächlich nicht genug Platz hatte, um richtig zu atmen, oder war da noch mehr?

Miles hörte einen knirschenden Laut wie Beton, der über Beton geschoben wurde, und sehr leise noch ein anderes Geräusch, von dem er nicht sicher sagen konnte, ob es das Quietschen eines Mechanismus‘ war, nur seine Einbildung, oder ein Wimmern.

„Was war das?“ rief er.

„Ich …“ Jills Stimme klang schrill und brüchig, und jetzt, da das andere Geräusch verstummt war, konnte er deutlich hören, wie sich ein helles Winseln in ihre Atemgeräusche mischte. „Ich stecke fest!“


Lesegruppenfragen

  1. Den Anfang der ersten Szene fand keoni ziemlich schwer zugänglich. Sie sagte, sie war sich nicht ganz sicher, worüber Nick und Cynthia überhaupt reden, weil das letzte Kapitel schon wieder so lange her ist. Ging euch das auch so?
  2. Marks Verhalten ist ja nun schon immer … nicht unmittelbar einleuchtend, und da ist er zumindest unter den Bright-Outlook-Mitarbeitern nicht einmal eine Ausnahme. Irritiert euch das, und wenn ja, auf eher gute oder schlechte Weise? Ihr wisst schon, worauf ich hinaus will. Oder?
  3. „Die Betonkante schob ihren viel zu weiten Overall zu hohen Falten auf“ Was haltet ihr von der Beschreibung? Die ist mir nicht besonders gut gelungen, aber mir fällt auch gerade keine bessere ein, und ich will euch nicht nur deshalb noch Tage warten lassen. Was meint ihr?
  4. Was hattet ihr für einen Eindruck von Cynthias emotionaler Reaktion (falls überhaupt) auf Nick?

 

Interaktivitätsfragen

A. Soll Nick noch versuchen, Jacky zu befreien?

B. Soll Jill den Weg zum nächsten Raum finden?

C. Aus wessen Perspektive wollt ihr die nächste Szene in Claires Gruppe sehen?

D. Wollt ihr eine Szene aus der Perspektive der Versuchsleiterin von Reginas Gruppe?

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13 Responses to Bright Outlook (13)

  1. Guinan sagt:

    Ich versinke in Ehrfurcht ob der metamäßigen Eingangsfrage.

    1. Das war wirklich schwierig, ich musste erst nachlesen, um was es ging. Das „Oder? ist irgendwie seltsam.
    2. Angenehme Irritation. Ich kann ihn nicht einschätzen, und das gefällt mir.
    3. Also, optimal ist die Formulierung nicht gerade, aber was Besseres fällt mir auch nicht ein.
    4. Cynthia wird interessanter. Sie ist so gestört, dass sich mir die Nackenhaare aufrichten, und jetzt tut sie mir auch noch leid.

    A. Ja, zumindest versuchen.
    B. Ja. Nicht dass du sie da noch zerquetschen lässt.
    C. Neuer Versuch? Ich möchte immer noch Branco.
    D. Ja.

  2. Muriel sagt:

    @Guinan:1. Sollte auch seltsam sein. Aber wenn das Ganze so nur verwirrt, muss ich es natürlich anders machen.
    4. Weil Nick so mit ihr umgegangen ist, oder mehr wegen ihres Charakters?

    Ich weiß nicht, ob ich es gutheiße, dass das Abstimmungsverhalten der Leser sich zunehmend an dem Wunsch zu orientieren scheint, möglichst viele Charaktere am Leben zu halten. Darüber werde ich noch mal meditieren.

  3. Guinan sagt:

    @Muriel: 4. Wegen ihres Charakters. Hier kam sie mir so hilflos kindlich vor. Oder seelisch so krank, dass man ihr nichts mehr übel nehmen kann.

    – Es hat halt so jeder seine Lieblinge. Und ich will eh immer alles behalten, wegschmeißen geht nicht, kann man doch noch für irgendwas gebrauchen – und sei es nur als Feindbild.

  4. madove sagt:

    scnr.

    1. Ich war auch verwirrt, mußte auch nachlesen, fand aber dann das „Oder“ eher ziemlich cool als Einstieg.

    2. Ich fands positiv überraschend. Also nicht, daß es mich gefreut hat, sondern halt interessanter zu lesen, so, alles andere wäre irgendwie zu einfach gewesen.

    3. Hmpf. Stimmt, aber ich bin gar nicht so drüber gestolpert. Jetzt auf Deine Frage hin dachte ich, hahaa, warte, ich formulier dir das mal eben schöner, aber nix is. Schwierig.

    4. Krass. spannend. Überraschend. Ich mag Deine kaputten Frauen total. Lösen eine komische Mischung aus Angst und Mitgefühl aus, die ich sonst nicht so kenne.

    5, Das ganze Insektenzerdrückenbild fand ich ziemlich gelungen.

    A: Ja!
    B: In Anbetracht der Alternative (urgh), ja.
    C: Hihi, ich auch. Branco.
    D: Auja.

  5. madove sagt:

    Okay. Das „scnr“ stand da nicht grundlos.
    Ich probiers nochmal.

  6. madove sagt:

    Ich gebs auf.
    Ich wollte das hier einbinden, extra gebaut 😉

  7. Muriel sagt:

    @madove: Ist eines meiner Lieblingsmeme. Ich unterstütze das und bin dir deshalb mal zur Hand gegangen. Du kannst hier Bilder mit img src einbinden, glaube ich. Oder kann das nur ich, weil ich ein machtvoller Administrator bin? Fühl mich gerade zu faul, um das zu testen.
    2. und 4. Einerseits freut es mich ja immer, wenn das, was ich schreibe, bei dir genauso ankommt, wie ich es mir gedacht habe. Andererseits frage ich mich manchmal, ob das nur daran liegt, dass wir (sonderbarerweise, in manchen Aspekten) einfach sehr ähnlich denken und das deshalb keine allgemeinen Rückschlüsse darauf zulässt, dass meine Intention auch allgemein für andere zugänglich sein müsste.
    Trotzdem freu ich mich jedenfalls. Ist ja immer noch besser, als wenn niemand da genau auf meiner Wellenlänge wäre.
    C: Traut ihr mir eigentlich nicht zu, eine Szene aus der Perspektive eines Toten zu schreiben, oder wollt ihr einfach nur keine Möglichkeit unversucht lassen?

  8. Guinan sagt:

    C: Ich traue dir ja prinzipiell alles zu, wirklich.

  9. Joan sagt:

    1. Für eine Sekunde war ich verwirrt, dann hat es Klick gemacht. Sehr schön direkter Einstieg, fand ich.
    2. Die sind so gestört, dass man nicht wegkucken kann. Und sei es, um zu verstehen, warum sie gestört sind.
    3. Konnte ich mir gut vorstellen. Allerdings suggeriert es, dass sich die Betonkante da schon verschiebt, deswegen vielleicht eher „ließ den Overall hohe Falten aufwerfen“ oder sowas?
    4. Was Guinan sagt.
    5. Nicks Angst, sie zu zerquetschen, war ziemlich gut dargestellt.
    6. Den Dialog zwischen Jill und Abdiel fand ich diesmal besser, aber vielleicht auch nur, weil ich das mit dem Bergmann/Stahlkocher insgeheim auch manchmal denke. Jedenfalls war diesmal mehr Schwung drin.

    A. Nein.
    B. Was ist die Alternative? Ich kriege jetzt schon allein beim Lesen Platzangst, und konkretes Gemetzel lässt sich viel schwieriger einfordern als abstraktes, wenn man einmal eine Person dazu vor sich hat (und sei sie fiktiv). Daher: Weg finden.
    C. Branco. (Ich gehe übrigens davon aus, dass du vor nichts zurückschreckst.)
    D. Jepp.

  10. madove sagt:

    @Muriel Hm, eigentlich kann ich img src, und ich hatte den Code in einem leeren html-File ausprobiert, da ging er, aber itwaslateandiwastired, keine Ahnung. Es muß gehen, andere tun es ja auch?! Danke jedenfalls!

    2./4. Da ich durchaus die Erfahrung gemacht habe, daß mein Geschmack [euphemismus]oft nicht allgemeingültig[/euphemismus] ist, tut mir das ja immer ein bißchen leid für Dich, daß wir oft so auf einer Wellenlänge liegen…Ziehe mich dann auf den Egoismus zurück und genieße einfach, was Du schreibst. Keine allgemeinen Rückschlüsse daraus zu ziehen, scheint mir aber eine gute Idee.

    C Ich bin einfach nicht auf die Idee gekommen. Ich trau Dir alles zu.

  11. Muriel sagt:

    @Joan: Danke für den netten Kommentar!
    3. Vielleicht. Aber gefällt mir auch noch nicht so richtig.
    4. Ich finde es interessant, dass sie für euch in dieser Szene so viel gestörter rüberzukommen scheint als in der Szene mit Jacky.

    @madove: Die Phase beruflicher Überbelastung geht jetzt langsam dem Ende zu (Falls es jemand wissen will: Das Projekt wurde erfolgreich und zur allseitigen Zufriedenheit abgeschlossen.), und ich gehe deshalb davon aus, dass ich irgendwann in den kommenden Tagen wieder die Kraft finde, mal abgemeldet zu experimentieren, was man als Nichtadministrator kann, und eventuell sogar mal zu stöbern, ob WordPress mir da Möglichkeiten gibt, mehr Freiheit zu wagen.
    2./4. Du wirst einfach sehr viele von meinen Büchern kaufen müssen. Ich verfüge ja auch selbst über ein gewisses Einkommen, das von meiner Schreiberei unabhängig ist, und vor kurzem habe ich gelesen, dass man sich gelegentlich schon ab 15.000 verkauften Exemplaren als Beststellerautor bezeichnen darf. Gemeinsam schaffen wir das bestimmt irgendwie.

  12. madove sagt:

    @Muriel
    wordpress:Das freut mich zu hören.Ich bilde mir ein, es hätten schon user Bilder eingebunden, aber ich bin nicht sicher. Solltest Du tatsächlich an den wordpress-Einstellungen rummachen, würde mich vor allem interessieren, ob es eine preview-Funktion für die Kommentare gibt, die man eventuell aktivieren kann. Dann spamme ich vielleicht etwas weniger.

    2/4:Ich fange dann schonmal an zu sparen….

  13. Muriel sagt:

    Wir werten dann mal aus:
    A: 2 Ja, 1 Nein
    B: Einstimmig Ja.
    C: Einstimmig Branco.
    D: Einstimmig Ja.

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