Natürlich nur eine Anekdote

Es soll jetzt mal überhaupt keine Rolle spielen, ob es euch womöglich genauso egal ist wie mir, wer eure Daten von den Meldeämtern kaufen kann. Es soll nur ums Prinzip gehen:

Die Bundesregierung hofft darauf, dass das umstrittene Meldegesetz mit weitreichenden Möglichkeiten zum Adress-Verkauf an Privatfirmen vom Bundesrat gekippt wird.

Der Anfangsentwurf hatte vorgesehen, dass die Bürger dem Weiterverkauf ihrer Daten ausdrücklich zustimmen müssen. Die abgeänderte und schließlich im Bundestag beschlossene Version sieht hingegen vor, dass die Bürger den Verkauf nur verhindern können, wenn sie ihm ausdrücklich widersprechen.

„Wenn das stimmt, was ich bisher weiß, dann wird Bayern dem nicht zustimmen“, sagte der CSU-Vorsitzende und bayerische Ministerpräsident Horst Seehofer vor einer CSU-Vorstandssitzung vor Journalisten. Er könne sich gar nicht vorstellen, wie das Gesetz in der beschlossenen Form im Bundestag zustande kam.

Seehofer diktierte damit seiner Partei einen abrupten Kurswechsel und nahm dabei keine Rücksicht auf die maßgeblichen CSU-Innenpolitiker.

Die FDP, die zuvor die Änderung mitgetragen hatte, machte die CSU für die Entwicklung verantwortlich: „Erfreut nehmen wir den Sinneswandel der CSU zur Kenntnis, die offensichtlich doch datenschutzfreundlicher ist, als sich dies bislang gezeigt hat“, teilte deren innenpolitische Sprecherin Gisela Piltz mit.

Bundesverbraucherministerin Ilse Aigner (CSU) sagte, die an der Vorlage vorgenommene Änderung sei nicht mit der Bundesregierung abgesprochen. „Es ist an uns vorbei gegangen.“

Ich weiß ja, dass eigentlich niemand mehr überrascht ist von sowas, weil wir alle uns schon so lange an den atemberaubenden Dilettantismus unserer so genannten Volksvertreter gewöhnt haben. So lange sogar schon, dass uns die Leute auf den Geist gehen, die sich darüber noch aufregen, statt es einfach mit einem zynisch-weltmännischen Lächeln hinzunehmen. Ich nehme mich selbst davon nicht aus, mir geht es genauso.

Aber wir wollen trotzdem jetzt mal ein paar Sekunden diese Presseschnipsel da oben auf uns wirken lassen und darüber nachdenken, dass das die Arbeitsweise der Leute ist, die darüber entscheiden, was wir tun dürfen, wofür wir eingesperrt werden, wieviel von unserem Geld uns wegbesteuert wird, wieviel Geld wir für Grundlagenforschung ausgeben, wie es mit der bemannten Raumfahrt weitergeht, wie unsere Renten gestaltet werden, wie unsere Krankenversicherung funktioniert, wie unsere Stromversorgung in Zukunft aussehen wird, wie das Finanzsystem der EU in Zukunft geregelt wird, und wo wir unsere Mitbürger hinschicken, um andere Menschen zu erschießen, und um selbst erschossen (oder manchmal auch gesprengt) zu werden.

Und jetzt vergessen wir das schnell wieder und denken an was anderes, damit wir irgendwann mal wieder schlafen können.

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26 Responses to Natürlich nur eine Anekdote

  1. Tim sagt:

    „Atemberaubender Dilettantismus“, ja! Das ist genau die Formulierung, die das Elend bestmöglich beschreibt. Merci!

    Ich bin gespannt, wieviele Bürger die richtigen Lehren aus dem Verhalten der Gurkentruppe ziehen und bei den nächsten Wahlen nicht mehr für eine der unseriösen Spaßparteien (CDU, CSU, SPD, FDP, Grüne, Linke) stimmen werden.

  2. Muriel sagt:

    @Tim: Genau. Es wird Zeit, dass eine andere unseriöse Spaßpartei die Chance bekommt, ihre Gurkentruppe in die Regierung zu entsenden.
    Im Ernst: Ich will deine Spannung nicht kaputt machen, aber wenn du willst, kann ich dir sagen, wieviele.

  3. Dietmar sagt:

    Dilettantismus gepaart mit Gleichgültigkeit und eigenem Vorteilsdenken.

  4. Tim sagt:

    @ Muriel

    Ich hoffe sehr, daß all der Unsinn die angenehme Nebenfolge hat, die Staatsverdrossenheit zu befördern. Möglicherweise ist es nur eine naive Hoffnung, aber vernunftbegabten Menschen sollte doch allmählich klar werden, daß es mit Politikverdrossenheit nicht getan ist …

  5. Muriel sagt:

    @Tim: Bis gerade eben habe ich noch gehofft, dass das mit Afrika wirklich was werden könnte. Was verstehe ich schon von Afrika?
    Jetzt weiß ich, dass du einfach hoffnungslos optimistisch bist.
    Wird Zeit, dass jemand diese Träumerei endlich verbietet.

  6. madove sagt:

    Ich sag nix mehr.

  7. Muriel sagt:

    @madove: Einfach nur, weil du zustimmst, oder eher, weil du dich mit der Sorge trägst, dass wir zwar in der Diagnose sehr schön konform gehen, dass es bei einem Gespräch über die Therapie aber unharmonisch werden könnte?
    Oder wie?

  8. Tim sagt:

    @ madove

    Wir kleinen Leuten haben im Spiel der da oben sowieso nix zu sagen.

    @ Muriel

    Vielleicht können wir uns ja darauf einigen, daß die Würde des Menschen unantastbar ist.

  9. David sagt:

    Was nicht existiert, das kann man auch nicht antasten. Frag Thomas.

  10. Frau.Meer sagt:

    Ich gehöre zu den Zynikern. Ich beobachte nämlich durchaus etwas amüsiert, wie sie nun alle den Schwarzen Peter versuchen weitmöglichst von sich zu schieben – Regierung, Opposition, alle. Da ich den Sinn dieses Gesetzes – bzw den Grund, warum ein Meldeamt die Adressdaten weiterverkaufen dürfen soll – absolut nicht verstehe, beginnt sogar da schon meine Erheiterung (die etwas bitter gefärbt ist, ich gebe es zu.)

    Dass jedoch ein Fußballspiel wichtiger ist als deren Job, da hört’s bei mir auf. Liegt aber daran, dass mich Fußball und das ganze Tamtam drumherum tödlich nervt – und da die EM samt blöder, trötender Fans noch nicht allzulange vorbei ist, ist mein Toleranzpegel noch nicht wieder aufgefüllt.

    PS: ‚tschuldigung im Voraus, falls hier jemand Fuball guckt und nebenher meint, tröten zu müssen, wenn irgendwelche Typen, die Millionen kriegen, einen Ball im Tor versenken – und damit nicht mehr als ihren (überbezahlten) Job tun! Will hier ja niemanden persönlich angreifen…

  11. madove sagt:

    @Muriel
    Weil ich so unfasslich rasend wütend werde – jedes Mal, wenn dieser Staat all seine Energie und all seine Organe primär dazu nutzt, meine Versuche, ihn zu verteidigen, der völligen Lächerlichkeit preiszugeben.

    Und natürlich, weil die Debatte über die Therapie unharmonisch würde, das ist mir auch klar.
    Die ist ja schon IN MIR unharmonisch – auf der einen Seite bin ich gegen die Todesstrafe, und auf der anderen… nein, im Ernst: Da wo Du hinwillst, will ich ziemlich sicher nicht hin. Aber ich seh ein, daß wir hier nicht bleiben können.

  12. Muriel sagt:

    @madove: Vielleicht siehst du mir die kleine Spitze nach, dass da, wo ich hin will, du immerhin selbst entscheiden dürftest, ob du mit willst, und ansonsten auch woanders hingehen könntest, solange du niemanden zwingst, mit dir dahin zu gehen, wenn ich versöhnlich hinzufüge, dass ich deine Weltsicht, so unharmonisch sie sein mag, und nicht zuletzt auch deshalb, wesentlich sympathischer und zu meiner kompatibler finde als die von vielen, die vorgeblich auch mein Ziel verfolgen, falls du die Lektüre dieses Satzes nicht sowieso irgendwann von seiner unnötigen Länge und Komplexität entnervt abbrichst.

  13. Dietmar sagt:

    Satzgeschachtel in kantscher Dimension …

  14. Tim sagt:

    @ Dietmar

    Findest Du? Immerhin hat Muriel nicht von der Bedingung der Möglichkeit jenes Ganges dorthin gesprochen, außerdem hat er nicht das Wort „wesgleich“ benutzt.

  15. Dietmar sagt:

    @Tim: Du gehst fälschlicherweise davon aus, dass ich weiß, wovon ich spreche. 😦

  16. Tim sagt:

    @ Dietmar

    Du auch. 🙂

  17. Dietmar sagt:

    Mist! Eigentor.

    Aber immerhin sicher verwandelt!

  18. David sagt:

    Du auch.

    In der Tat! Schließlich hat mit „der Bedingung der Möglichkeit jenes Ganges dorthin“ noch keinerlei Satzgeschachtel begonnen.

  19. Gurasijewitsch sagt:

    Staatsverdrossenheit – heißt das, ich darf endlich Raubritter werden?

  20. Muriel sagt:

    @Guraijewitsch: Naja. Der Staat ist ja noch da. Und ich will auch nicht, dass du Leute beraubst. Also wohl eher nicht, wenn du nicht eine sehr eigenwillige Definition von „dürfen“ verwendest.

  21. freiheitistunteilbar sagt:

    @Gurasijewitsch

    Fürs Raubrittertum ist Leviathan zuständig, denn das ist vernünftig und recht. 😀 Dass du staatsverdrossen sein kannst, lässt darauf schließen, dass du ein Etatist bist. 😉

  22. freudefinder sagt:

    unfassbar – ganz gleich was man wählt – irgendwann kommt immer so ein Murks dabei raus. Schrecklich

  23. Muriel sagt:

    @freudefinder: Willkommen bei überschaubare Relevanz.
    Und wie soll ich sagen? Unfassbar finde ich das eigentlich nicht. Es ist halt systemimmanent.

  24. MH sagt:

    Noch gruseliger wird die Sache, wenn man sich klar macht, wie und wann die Angelegenheit in die Medien kam. Fast eine Woche später, weil ein Blog das ausgegraben hatte. Und dann wird trotzdem noch falsch berichtet. Auch wenn der Donaukurier das schreibt, verhindern könnte man den Verkauf seiner Daten auch mit der Widerspruchsregelung nicht.

  25. Gurasijewitsch sagt:

    Letztendlich, das ist leider so abgedroschen wie wahr, hat jede Gesellschaft die Politiker, die sie verdient. (Ja, auch die Nord-Koreaner, finde ich) Der Leidensdruck muß schon immens hoch sein, um hier etwas zu verändern. Neu sind in den letzten fünfzig Jahren, oder so, die allgegenwärtigen Trommelfeuer der Medien. Man merkt gar nicht mehr, wie beschissen es einem geht, weil in der Online-Ausgabe der Tageszeitung, die man liest, davon gar nichts steht. Hugh, ich habe gesprochen.

  26. David sagt:

    Ja, auch die Nord-Koreaner, finde ich

    Derzeit zweifellos das böseste Volk der Welt!

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