Wir sind beleidigt

Ich schreib’s jetzt doch auch noch mal hier, nicht zuletzt, weil mich eure Meinung interessiert:

Wenn die Titanic andeutet, ich wäre möglicherweise unvorsichtig mit meiner Fanta inkontinent, warum ist das ein Grund, rechtliche Schritte einzuleiten?

Ist Inkontinenz ein Vorwurf, der mich öffentlich als schlechten Menschen dastehen lässt? Ist das ein Charaktermangel? Sollte ich mich für Inkontinenz schämen? Ist das ein Grund für andere Menschen, mich zu verachten?

Ich bin jetzt nicht so jemand, der überall Geringschätzung von Behinderten und Kranken wittert und dann lautstark Erklärung und Entschuldigung fordert, aber schon aus schierer Neugier würde mich interessieren, wie genau der Vatikan aus diesem Titanic-Cover eine Verächtlichmachung oder eine Beleidigung oder sonst irgendeine Verletzung von Rechen des Papstes herleitet.

Wäre das hier nicht für alle Beteiligten eine prima Gelegenheit gewesen, Souveränität und Reife zu beweisen und einen kleinen Beitrag dazu zu leisten, dass eine körperliche Schwäche, die ohne guten Grund als lächerlich und peinlich und beschämend gilt, ein bisschen mehr Akzeptanz erfährt, und den Betroffenen zu zeigen, dass sie sich für ihre Probleme eben nicht schämen müssen?

Wäre das nicht genau die Reaktion, die man, wenn schon nicht von einem zunehmend bedeutungslosen und mäßig interessanten Satiremagazin, so doch zumindest von einer Organisation erwarten kann, die ihre Daseinsberechtigung aus ihrer absoluten Moral und ihrem Einsatz für das Gute und Richtige zieht?

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12 Responses to Wir sind beleidigt

  1. Debe sagt:

    Der Vatikan „schafft sich ab“. Sicher wäre es für das Image bei den Nicht-Gläubigen besser gewesen, sich auf kein Scharmützel einzulassen.

    Den eigenen Schafen gegenüber ist das aber vielleicht notwendig, ein Signal der Stärke zu zeigen. Das Wir-Gefühl leidet in Sekten sicher, wenn man das Oberhaupt anpinkelt…

    Ausserdem ist in meiner säkularen Weltsicht der Herr Ratzinger zuerst ein alter, starrsinniger, vielleicht auch seniler Mann. Erst an zweiter Stelle ist er Wahlmonarch des Vatikanstaats. So ähnlich wie Herr Ecclestone und Herr Blatter, sozusagen, die auch ihren Zirkus autokratisch betreiben.

  2. Alien sagt:

    „Wäre das hier nicht für alle Beteiligten eine prima Gelegenheit gewesen, Souveränität und Reife zu beweisen“

    Wäre es, aber hast du das wirklich erwartet?

  3. Muriel sagt:

    @Debe: Das ist so eine andere Sache, die mich interessieren würde. Wie läuft das wohl praktisch im Vatikan?
    Ist der Papst wirklich Herr aller Reusen, oder läuft die ganze Maschine mehr oder weniger von selbst mit wechselnden Kühlerfiguren?

  4. Muriel sagt:

    @Alien: Naja, Erwartungen habe ich schon lange nicht mehr, aber Hoffnung…

  5. Florian sagt:

    Jeder weiß doch, dass der Papst, genauso wie Lady Diana, Chuck Norris oder Lady Gaga, keine Exkremente ausscheidet, sondern höchstens Schmetterlinge und Wohlgeruch. Ihn auf eine Stufe mit gemeinen Leuten zu stellen ist doch nun wirklich eine Herabwürdigung!

  6. Tim sagt:

    Immerhin lustig finde ich ja, daß die Klage von einem Kerl kommt, der es prima findet, in seinen Vereinsheimen überall auf der Welt Skulpturen und Bilder eines Menschen an die Wand zu hängen, der von den Römern langsam zu Tode gefoltert wurde.

    Persönlichkeitsrechte und Astand, you name it.

  7. freiheitistunteilbar sagt:

    Wäre das hier nicht für alle Beteiligten eine prima Gelegenheit gewesen, Souveränität und Reife zu beweisen und einen kleinen Beitrag dazu zu leisten, dass eine körperliche Schwäche, die ohne guten Grund als lächerlich und peinlich und beschämend gilt, ein bisschen mehr Akzeptanz erfährt, und den Betroffenen zu zeigen, dass sie sich für ihre Probleme eben nicht schämen müssen?

    Für die Souveränität und Reife linker Blockwarte hat es doch gelangt. Wo soll das Problem sein? Da sage noch einer, der Papst wäre dem Weltlichen abgewandt. Leistet er doch einen Beitrag zum aktuellen, linkslastigen Diskurs. 😉

    Peinlinkeiten sind doch eher Geschmacksfragen. 🙂

  8. okasch sagt:

    @Muriel: ein schöner Beitrag. DU solltest Papst sein. 🙂

  9. Dietmar sagt:

    „Es ist perfide, einen unbescholtenen Mann derart in das Licht der Öffentlichkeit zu zerren“, erklärte ein Sprecher von Papst B.

    Ist das Teil der Satire? Ich hoffe nicht: So ist es lustiger.

  10. madove sagt:

    Ich möchte meine explizite Zustimmung dann doch auch nochmal verbal und nicht nur mit einem Sternchenklick ausdrücken.

  11. Muriel sagt:

    @okasch: Ich sekundiere dir bei dem Antrag.
    @Dietmar: Ich fürchte, das haben wir dem Postillon zu verdanken, nicht der größeren italienischen.

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