Eher nein.

Stefan Niggemeier schreibt:

Ich weiß nicht, ob Peter Altmaier schwul ist. Aber ich finde es — anders als die Chefredakteurin der »taz« — legitim, darüber zu spekulieren.

Deshalb findet er es falsch, dass die Chefredakteurin der taz einen Artikel gelöscht hat, der genau das tat.

Die »taz« soll nicht fragen dürfen, was der Umweltminister meinte, als er es als sein von Gott gewolltes Schicksal bezeichnete, unverheiratet bleiben zu müssen? Das halte ich für falsch. Ebenso wie die Behauptung, die sexuelle Orientierung eines Menschen sei Privatsache.

Und ich glaube, ich bin da vorsichtig anderer Meinung. Also, klar, spekulieren an sich darf natürlich jeder über alles. Aber als Zeitung, öffentlich, das ist was anderes, und aus meiner Sicht sollte es unter dem Niveau eines ernstzunehmenden Mediums sein sein, Mutmaßungen darüber anzustellen, mit welcher Art Mensch Herr Altmaier gerne Geschlechtsverkehr hat, falls überhaupt. Für wen soll das denn eine relevante Information sein, außer natürlich für Leute, die gerne mit Menschen wie Herrn Altmaier Geschlechtsverkehr haben? Und ich finde, denen ist zuzumuten, ihn selbst zu fragen, ob er zur Verfügung steht.

Warum sieht Stefan Niggemeier das anders? Ich bin nicht sicher. Was ich in seinem Artikel an Gründen finde, überzeugt mich jedenfalls nicht:

Denn die »sexuelle Orientierung« von Menschen gilt in den Medien nur dann als »Privatsache«, wenn die betreffenden Menschen schwul oder lesbisch sind. Die Information, dass ein Mann mit einer Frau zusammen oder verheiratet ist, gilt hingegen keineswegs als schützenswerte »Privatsache«.

Ja, naja. Das kann ich jetzt schlecht bestreiten, aber ist das ein Grund, diese unsinnige Praxis auch auf andere Bereiche auszuweiten? Mutmaßungen darüber, dass Herr Altmaier auf Frauen steht, finde ich genauso unter der Würde einer seriösen Zeitung wie darüber, dass er auf Männer steht, oder auf brünette Menschen mit Übergewicht und Intimpiercings. (Ich tue jetzt mal so, als hätten wir in Deutschland seriöse Zeitungen, die über sowas wie Würde verfügen.)

Dadurch, dass man Homosexualität — anders als Heterosexualität — als etwas besonders Intimes, Privates, Verheimlichenswürdiges darstellt, trägt man zur Diskriminierung von Schwulen und Lesben bei.

Stimmt wohl auch. Ich finde aber, dass das kein Grund ist, mit Homosexualität genauso unvernünftig umzugehen wie mit sogenannten Nachrichten über heterosexuelle Beziehungen prominenter Menschen. Ich schlage deshalb kein Gesetz vor, oder auch nur eine Selbstverpflichtung. Ich sage einfach nur, dass Medien, die öffentlich über die privaten Beziehungen von Menschen berichten, dadurch etwas von meinem Respekt verlieren. Nicht, weil ich private Beziehungen zu anderen Menschen generell verheimlichungswürdig finde (Das hat auch die Chefredakteurin der taz nirgends behauptet.), sondern weil sie mich einfach nicht interessieren, und auch sonst niemand ein legitimes Intteresse daran hat, soweit ich das sehe.

Natürlich ist es politisch relevant, ob Peter Altmaier schwul ist

Was? Ja, aber… Wieso das denn?

 wenn Peter Altmaier im Parlament gegen die Gleichstellung von Schwulen stimmt.

Noch mal: Wieso? Wofür macht es einen Unterschied, ob ein homosexueller Abgeordneter gegen die Gleichstellung von Schwulen stimmt, oder ein heterosexueller? Wird seine Entscheidung dadurch richtiger oder falscher? Müssen wir uns darauf einstellen, dass in Zukunft Medien auch darüber zu spekulieren haben, ob unsere Politiker eventuell rezessive Veranlagungen für Erbkrankheiten in sich tragen, weil das politisch relevant ist, wenn sie über die Legalisierung von PID abstimmen?

Es ist selbstverständlich eminent politisch, ob und wie schwule Politiker und Prominente zu ihrem Schwulsein stehen.

Okay. Die Überlegung kann ich verstehen. Da ist was dran. Aber eigentlich nur in dem Sinne, in dem es auch politisch ist, ob ein Politiker dazu steht, Vegetarier zu sein, inkontinent, oder auf BDSM-Sex zu stehen. Also ungefähr in dem Sinne, in dem alles politisch ist.

Natürlich verstehe ich, warum es gut für unsere Gesellschaft ist, wenn möglichst viele Menschen öffentlich bekennen, zu einer Gruppe zu gehören, die als unsympathische, dubiose Randgruppe gilt. Ganz gleich, ob es um Homosexuelle, Impotente, Atheisten oder Rollenspieler geht (womit ich natürlich nicht sagen will, dass die alle im gleichen Umfang unter Diskriminierung zu leiden haben), je mehr davon öffentlich in Erscheinung treten, desto schwerer wird es, sie einfach nur wegen dieser einen Eigenschaft zu verachten. Wer Homosexuelle persönlich kennt, hat meines Wissens statistisch belegbar eine bessere (also realistischere) Einschätzung von Homosexuellen, weil er eigene Erfahrungen mit ihnen hat und jetzt nicht mehr auf seine stumpfen Vorurteile angewiesen ist.

Das bedeutet aber nicht, dass jeder von uns sein Bestes tun sollte, seine Mitmenschen öffentlich als homosexuelle, impotente, gottlose Realitätsflüchtlinge darzustellen, ganz gleich, ob sie es nun sind oder nicht. Und das gilt gerade für Gruppen, die noch in starkem Umfang diskriminiert werden und durch eine Enthüllung möglicherweise Schaden erleiden würden. Ich finde es nicht gut, dass in Teilen unserer Gesellschaft heterosexuelle Menschen besser behandelt werden als andere. Ich finde das furchtbar, und dumm, und grundfalsch. Aber es ist trotzdem eine Tatsache, und trotzdem ein Grund, den Betroffenen selbst die Entscheidung zu überlassen, ob sie zu ihrer Neigung stehen wollen oder nicht.

Peter Altmaier ist entweder jemand, der glaubt, dass seine Homosexualität etwas ist, das er verschweigen muss. Oder er wird für schwul gehalten, obwohl er es gar nicht ist. Wenn er selbst nicht bereit ist, für Aufklärung zu sorgen, muss man wenigstens darüber diskutieren dürfen.

Darf man ja auch. Jeder darf über jeden Mist diskutieren, auch wenn der ihn gar nichts angeht. Ich mache das sogar auch manchmal. Ich bin nicht stolz darauf, aber manchmal diskutiere auch ich mit Freunden über das Privatleben anderer Menschen, einfach aus Neugier, oder um meine Meinung über bestimmte Dinge mit anderen abzugleichen und (hoffentlich) was draus zu lernen. Ich bin ziemlich sicher, dass ich damit bisher keinen Schaden angerichtet habe, und das ist mir dabei auch sehr wichtig. Aber ich halte es trotzdem schon im privaten Kreis für grenzwertig und versuche, mich zurückzuhalten. Wenn ich es sogar öffentlich mit Namensnennung tun würde, wäre ich in meinen Augen schon irgendwie ein Arsch.

Oder was meint ihr?

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11 Responses to Eher nein.

  1. Dietmar sagt:

    Für wen soll das denn eine relevante Information sein, außer natürlich für Leute, die gerne mit Menschen wie Herrn Altmaier Geschlechtsverkehr haben? Und ich finde, denen ist zuzumuten, ihn selbst zu fragen, ob er zur Verfügung steht.

    Ich kann jetzt leider nicht den ganzen Artikel lesen. Aber allein dies ist mir schon das Top-Rating wert. Großartig! 😀

  2. Florian sagt:

    Da der Peter vermutlich noch ganz groß rauskommen möchte in der Christdemokratischen Union, hat er im Falle einer vorliegenden Homosexualität gar keine andere Wahl, als sich entweder eine Scheinfrau zu besorgen, oder einen auf Sexualasket zu machen.
    Seine Wähler müssten ja sonst um ihr Seelenheil bangen.

  3. okasch sagt:

    überschaubar irrelevant, die Angelegenheit. Ich stimme zu. Etliche Klatschblätter füttern einen schon genug mit den Privatheiten aus dem Leben anderer.

  4. Alien sagt:

    Volle Zustimmung.

    „Die Information, dass ein Mann mit einer Frau zusammen oder verheiratet ist, gilt hingegen keineswegs als schützenswerte »Privatsache«.“

    Mich nervt das jedes mal, wenn das groß erwähnt wird. Leute, die Politiker deshalb wählen, hätten wohl auch Hitler gewählt, weil er Vegetarier war? Au Backe.

  5. Also ich stimme voll zu, dass auch heterosexuelle Partnerschaften in der öffentlichen Diskussion nichts verloren haben. Ich finde auch, dass Partner_innen von Bundespräsident_innen in Belvue und bei öffentlichen Veranstaltungen und Staatsbesuchen nichts verloren haben. Ich finde es auch sehr befremdlich, wenn Politiker mit ihrer Familie Wahlkampf betreiben.

    Aber: Solange das so ist und es sich nicht ändert, hat Niggemeier meiner Meinung nach Recht. Solange über hetereosexuelle Partnerschaften ganz selbstverständlich geschrieben und gesprochen wird, über homosexuelle aber nicht oder höchstens verschwurbelt und vertuscht, entsteht Diskriminierung, entsteht der Eindruck, Heterosexualität sei gut und normal, Homosexualität irgendwie abseitig, dunkel, muss besser verschwiegen werden.

    Wie man aus diesem Dilemma rauskommt, weiß ich leider nicht.

  6. Muriel sagt:

    @schneeschwade: Einerseits sind wir uns da ja alle einig.
    Andererseits scheint mir das unnötig umständlich gedacht. Wenn wir schon sagen, was wir gerne hätten, warum sagen wir es dann nicht direkt, statt zu sagen, was wir gerne hätten, wenn wir nicht kriegen, was wir eigentlich gerne hätten?

  7. okasch sagt:

    das klingt in der Tat umständlich… (sorry, versteh nix)

    Leben wir eigentlich noch in Zeiten, in denen Homosexualität in den Medien grundsätzlich eher verschwiegen wird? Ich habe eigentlich nicht diesen Eindruck.

  8. nothing sagt:

    Absolut richtig! Die BILD macht mit dem schmierig-verklemmten Aufmacher „Warum ich allein durchs Leben gehe“ auf, Bezug nehmend auf eine ebenso schmierig-verklemmte Frage „Warum findet man in den Archiven nichts von einer Partnerin?“. Die BILD wendet hier offensichtlich dieselbe Taktik wie bei der Wulff-Affaire an und ausgerechnet Stefan Niggemeier steigt voll darauf ein. Dabei sind alle Argumente, die für ein Zwangsouting sprechen, an den Haaren herbeigezogen, insbesondere die Idee, dass die Heterosexualität von Personen des öffentlichen Lebens ständig thematisiert wird. Diese wird nie thematisiert, es gibt auch nur äußerst selten von den Betroffenen (d.h. Heterosexuellen) ein öffentliches Bekenntnis zur heterosexuellen Orientierung (wers nötig hat). Das Bekenntnis zu einer bestimmten Person ist etwas völlig anderes. Wenn man unter sexueller Orientierung eine Bereitschaft versteht, mit einem bestimmten Personenkreis (z.B. Männern) sexuelle Beziehungen einzugehen, ist eine Heirat oft vielleicht sogar das Gegenteil von einem Bekenntnis zur sexuellen Orientierung, nämlich das öffentliche Bekenntnis, dass man diesem Personenkreis eben NICHT mehr zur Verfügung steht, weil man gebunden ist. Niemand würde es einfallen, öffentlich über die heterosexuelle Orientierung von Politikern zu spekulieren, auch Stefan Niggemeier nicht. Das Sexualverhalten ist immer dann interessant, wenn es nicht der Norm entspricht (Seehofer, Müntefering, Wagenknecht). Insofern liefert Stefan Niggemeier nichts anderes als eine Parodie auf seine eigene Argumentation.

  9. Ron sagt:

    Für mich ist der Artikel von Niggemeier schlicht und einfach Lobbyarbeit.

  10. Bernd sagt:

    Ich sehe es genau so wie du. Mit dem Artikel hat sich Stefan Niggemeier vergaloppiert, genau wie zuvor die taz und queer.de.

    Die Formulierung „man muss wenigstens darüber diskutieren dürfen“ kommt mir so bekannt vor … richtig, das ist doch die Sarrazin-endlich-spricht-es-mal-einer-aus-Logik.

    Mit der Frage „Ja aber zu welchem Zweck sollte man denn darüber diskutieren WOLLEN?“ triffst du genau den Punkt.

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