Bright Outlook (16)

In unserem heutigen Bright-Outlook-Kapitel ereignet sich viel Aufregendes, aber ihr werdet das meiste davon gar nicht mitbekommen, weil es nämlich off-screen passiert. Dafür gibt es für alle Verwirrten unter euch ein niegelnagelneues Dramatis Personae. Ich hoffe, ich habe niemanden vergessen.

Jede Woche eine neue Welt hier, was?

Was bisher geschah
Im ersten Kapitel erwacht Claire und lernt die erste der anderen Versuchspersonen fürchten.
Im zweiten Kapitel erwachen auch alle anderen. Die Tür zum zweiten Raum öffnet sich (wieder), und Claire beginnt eine Vorstellungsrunde.
Im dritten Kapitel setzen die Versuchsteilnehmer die Vorstellungsrunde fort öffnen die Tür zum dritten Raum, und Mark wird von einer Polizistin angehalten.
Im vierten Kapitel holt Mark einen Republikaner und seinen Callboy, Branco nimmt Lora den Revolver weg, und die Versuchsteilnehmer öffnen eine weitere Tür.
Im fünften Kapitel holt Mark einen Occupy-Aktivisten, und die Versuchsteilnehmer demontieren eine der Überwachungskameras.
Im sechsten Kapitel holt Mark Regina, und die Versuchsteilnehmer tragen die Konsequenzen ihres Verstoßes gegen die Teilnahmebedingungen.
Im siebten Kapitel streiten Nick und Leanne miteinander, und Leanne unterläuft ein unangenehmes kleines Missgeschick. Jeffries öffnet die Tür zum nächsten Raum, und den Versuchsteilnehmern fällt nicht nur ein Kuchen in die Hände, sondern auch Leanne.
Im achten Kapitel bekommen Nick und Mark Besuch von einem Repräsentanten von Management, Leanne tritt Branco, und Jill wacht auf und lernt Regina kennen.
Im neunten Kapitel betreten wir mit Mark zusammen Cynthias Büro, und der Occupier wacht auf.
Im zehnten Kapitel stirbt Pascal, Hoai Nguyen erwacht und lernt die Stimme in seinem Kopf kennen, nebst den anderen Versuchsteilnehmern, und Nelson Jeffries misshandelt eine wehrlose Frau.
Im elften Kapitel lässt Mark seine Tochter bei Cynthia zurück, begegnet im Flur dem Repräsentanten und streitet mit Nick, wir beobachten drei Männer und eine Frau in einem Flugzeug, und Branco wacht wieder auf.
Im zwölften Kapitel überzeugt Miles seine Mitgefangenen, eine Vorstellungsrunde abzuhalten, Nick bittet um Entschuldigung, und Cynthia kommt ihn deshalb besuchen.
Im dreizehnten Kapitel kommt es zu einem Kampf zwischen Mark und Nick, den Cynthia unterbricht, um Nick entkommen zu lassen, und Miles sieht zu, wie Jill in den niedrigen Raum hinter der Tür kriecht.
Im vierzehnten Kapitel überredet Nick Cora, ihm eine Waffe zu geben, und Jill erlebt Unerfreuliches in dem niedrigen Raum.
Im fünfzehnten Kapitel kämpft Leanne noch einmal gegen Branco, Gouverneur Agneaux stirbt, und Senator Bell fühlt sich bedroht.

Was heute geschieht

„Cora?“ hörte sie Marks Stimme hinter sich. „Ist alles in Ordnung? Was machst du da drin?“

Nick richtete die Pistole auf sie und hielt den Zeigefinger vor seine Lippen.

Coras Augen weiteten sich, und jetzt begann ihr Herz, wirklich schnell zu schlagen.

„Ich – äh – nichts, ich dachte nur … ich hätte was gehört.“

Nickt verdrehte die Augen und sank ein wenig in sich zusammen.

„Und?“ fragte Mark lauernd. „Lass mich raten: Eine Katze.“

Cora hörte seine Schritte näher kommen und drehte sich hastig mit ihrem Rollstuhl um, rollte ihm entgegen und versuchte, ihn aufzuhalten.

„Mark!“ rief sie mit völlig unnatürlicher Fröhlichkeit. „Was kann ich für dich tun?“

Sie sah in seinem Gesicht, dass es keinen Zweck hatte, und ein kurzer Blick über ihre Schulter zeigte ihr, dass Nick aus seinem Versteck gekommen war und die Ruger auf Mark gerichtet hielt.

„Ich will dich nicht erschießen“, sagte er. „Aber du weißt –“

Mark lachte auf. „Ist das dein Ernst?“

Er ging auf Nick zu.

„Bleib stehen!“

Cora drehte sich halb unwillkürlich, um die beiden beobachten zu können. Eine Stimme sagte, dass sie irgendwo in Deckung gehen sollte, aber sie war sehr leise.

„Ich habe die Frau meines Lebens ermordet und meine Tochter in  die Obhut einer Wahnsinnigen übergeben, ich habe meine Menschlichkeit und mein ganzes Leben einer Organisation verschrieben, für die ich nicht mehr bin als ein hin und wieder interessantes Spielzeug, Nick, das hat du mir gerade eben selbst noch gesagt, und jetzt erklär mir bitte, wie du auf die hirnrissige Idee kommst, du könntest mich mit irgendwas bedrohen?“

Während er sprach, war Mark immer weiter auf Nick zu gegangen, und Nick war zurückgewichen, bis er mit dem Rücken an ein Regal stieß.

Unmittelbar vor ihm blieb Mark stehen, öffnete seinen Mund, beugte sich vor und biss mit einem hörbaren „Klick“ auf den Lauf der Waffe.

„Na? Und jetzt?“ fragte er, bemerkenswert gut verständlich in Anbetracht seiner Situation.

Nick starrte ihn mit weit aufgerissenen Augen an und schüttelte nur verwirrt seinen Kopf.

„Dachte ich mir“, sagte Mark.

Er richtete sich wieder auf und griff nach der Waffe, aber Nick wich ihm aus und stieß ihn von sich. Mark taumelte zwei Schritte zurück und blieb stehen.

Er breitete fragend seine Arme aus und sah sich ostentativ um. „Okay“, sagte er. „Hast du mich wieder ausgetrickst. Und jetzt? Was ist dein Plan?“

„Ich kann dir helfen, Mark!“ stieß Nick hervor. „Zusammen können wir sie retten. Zu zweit können wir deine Tochter befreien, und dann Regina, und dann können wir –“

„Wie stellst du dir das vor?“ fragte Mark tonlos.

„Wie – wieso?“

„Hast du den letzten Newsletter gelesen?“

„Was? Welchen jetzt?“

„Den Bright Outlook Newsletter 7/12.“

„Ich – naja, ich … überflogen, glaube ich.“

Mark stöhnte. „Warum schreibe ich das Ding überhaupt, wenn sowieso nie einer von euch reinguckt? Heute Abend haben wir ein Audit. Cox kommt her, mit irgendeinem Auditor, und erklärt ihm die wissenschaftlichen Wunder, die wir hier verbringen. Verstehst du das, oder hast du mit deinem Job auch deinen Verstand an den Nagel gehängt?“

„Du meinst …“

„Ja, ich meine. Blight. Wann hast du Cox das letzte Mal ohne William Blight gesehen?“

Nick zuckte die Schultern.

„Noch mal von vorne: Was glaubst du, wie deine Chancen stehen, meine Frau und meine Tochter zu retten und dann aus der Anlage zu entkommen, sogar wenn du irgendwie am Repräsentanten vorbeikommst?“

„Wer ist William Blight?“ fragte Cora, und erschrak selbst ein bisschen über den Klang ihrer Stimme.

„Jemand, mit dem man besser keinen Streit anfängt“, antwortete Nick, ohne auch nur seinen Blick von Mark abzuwenden. „Sind hier eigentlich noch mehr Feuerwaffen in deinem Fundus?“

Cora versuchte, sich einen Menschen vorzustellen, vor dem Nick sich fürchtete, und brach den Versuch schnell wieder ab, als ihr klar wurde, was sie sich da vorgenommen hatte.

„Nein“, antwortete sie. „Ich glaube, sonst waren keine eingeplant.“

„Und jetzt?“ fragte Mark. „Können wir diese Albernheit jetzt-“

Nick schlug ohne sichtbare Ausholbewegung plötzlich den Griff der Waffe gegen Marks Schläfe, und Mark fiel zu Boden wie eine Marionette mit durchtrennten Schnüren.

Nick schaute auf ihn hinab, stieß ihn mit einem Fuß an, nickte zufrieden, und wandte sich Cora zu.

„Deshalb versuchen wir jetzt, hier rauszukommen, bevor er auftaucht. Tut mir leid, Cora, aber ich brauche deine Hilfe.“

„Äh. Was … kann ich tun?“ fragte sie.

Nickt lachte. „Es reicht, wenn du verängstigt und hilflos aussiehst, während ich die Waffe an deinen Kopf halte.“

Cora schluckte.

Er hatte offensichtlich völlig seinen Verstand verloren.

Sie versuchte, sich daran zu erinnern, dass sie jetzt eigentlich wichtigere Sorgen hatte als ihre Enttäuschung, dass das mit dem Abendessen jetzt garantiert nichts mehr werden würde.

„Nick, du … du kannst doch nicht im Ernst glauben, dass irgendjemand hier sich von dir zu irgendwas zwingen lässt, weil du mich bedrohst! Du weißt, was ein Menschenleben hier wert ist, und du weißt, wie deine Chancen stehen, dass der Repräsentant für meines gegen eine Regel verstößt.“

Nick blickte kurz zu Boden und zuckte mit den Schultern.

„Kann sein, ja. Aber zumindest kannst du mir nicht in den Rücken fallen, solange ich dich vor mir her schiebe.“

***************************************************

Es dauerte ein paar Minuten, bis Jill wieder klar genug denken konnte, um sich zu erinnern.

„Gouverneur Agneaux? Gouverneur? Ich brauche Hilfe, können Sie vielleicht zu mir kommen?

Nein, ich glaube, dass ich Sie dafür brauche. Tut mir leid, ich kann es nicht gut erklären, am besten sehen Sie selbst.

Nein, machen Sie sich keine Sorgen. Ich habe die Steuerung gefunden. Sehen Sie? Ich kann die Decke einfach weit genug nach oben schieben, damit Sie problemlos reinkommen. Nein, ganz nach oben geht sie leider nicht. Hier ist Schluss.“

Und die Stimme. Die verdammte Stimme in ihrem Kopf, die sonst niemand hören konnte.

„Jill, sieh zu. Du hast dich jetzt genug von ihm verabschiedet, oder? Wir haben hier nicht den ganzen Tag Zeit. Was willst du noch? Willst du ihm noch einen blasen zum Trost? Vergiss es, Jill, du bist nicht sein Typ. Los jetzt. Jill … Okay, jetzt ist Schluss. Ich fahr jetzt die Decke wieder runter. An deiner Stelle würd ich mich beeilen.“

Und dann begann die Decke, sich zu senken, und Jill wusste nicht, ob sie schreien, weinen, beten oder sich in die Hose machen sollte.

Ihr Körper wusste es besser.

Ohne dass sie eine bewusste Entscheidung treffen musste, kroch sie auf das Licht zu, so schnell sie konnte, mit wachsender Verzweiflung, als sie spürte, wie die Decke näher kam, wie sie sich langsam auf sie senkte, diese verzweifelten Sekundenbruchteile, in denen sie sicher wahr, dass sie es nicht schaffen würde, in denen sie das verzweifelte Kreischen hinter sich als ihre eigene Zukunft hörte und sich nicht sicher wahr, ob sie selbst auch kreischte, dann Hände, die ihre packten und sie herauszogen, der Druck an ihrem Fuß, den sie im letzten Moment aus dem verdammten Raum mit der niedrigen Decke herauszog, die Geräusche aus dem Raum, und die Erinnerung an das Kreischen.

Jemand umarmte sie und sprach in beruhigendem Ton zu ihr, oder versuchte es zumindest. Jill hörte das Schluchzen der Frau, die sie zu beruhigen versuchte, aber sie konnte keine einzelnen Worte verstehen, denn die verdammte Stimme in ihrem Kopf hörte einfach nicht auf.

„Das hast du gut gemacht, Jill, ausgezeichnet, ich weiß, dass es dir keinen Spaß gemacht hat, aber es musste sein, ich kann mir das auch nicht aussuchen, ich mache hier auch nur meinen Job, aber weißt du was, Jill, weißt du, wer sich aussuchen kann, was hier passiert, weißt du das? Die Versuchsleiter! Und ob du’s glaubst oder nicht, einer von denen ist jetzt gerade hier. Jetzt, bei dir, in diesem Raum.          Die Person, die entschieden hat, dass es lustig wäre, dich in diesen Raum zu stecken, und die Decke auf dich runterzufahren, bis du nicht mehr atmen kannst, bis du vor lauter Furcht dein letztes bisschen Stolz und Würde verschenkst und bedingungslos alles tust, was wir von dir verlangen, Jill, und wenn du willst, dann zeige ich sie dir. Willst du das? Natürlich willst du das. Mach deine verheulten Augen auf und guck in Richtung zehn Uhr, und dann siehst du dieses verbeulte, blutige Stück Dreck im weißen Overall. Siehst du? Natürlich siehst du sie. Siehst du, wie sie dich anschaut? Auf dich herabblickt? Wie sich dich verachtet? Das ist Leanne. Schämst du dich vor ihr? Schämst du dich für das, was du getan hast? Willst du hallo sagen zu Leanne?“

***************************************************

„He!“ rief der Gouverneur. „He, was passiert hier? Hilfe!“ Jetzt überschlug sich seine Stimme, die vorher trotz seiner Atemlosigkeit und Erschöpfung tief und selbstsicher geklungen hatte. „He! Hilfe! Jill, kommen Sie wieder! Jill! Hilfe!“ Die letzten Worte waren ein kaum noch verständliches erstaunlich schrilles Kreischen.

„Was… was zum… Was…?“

Mit weit offenem Mund trat Abdiel einige Schritte von der Tür zurück. Er blinzelte und schüttelte seinen Kopf und versuchte, aufzuwachen.

„Was… Was ist das hier für eine Scheiße? Was ist das hier?“

Die schwarzhaarige Frau stand einfach nur nachdenklich da und knabberte an ihrer Oberlippe herum, als wäre nicht gerade ein Mensch gestorben, und der Asiate starrte ins Leere und bewegte manchmal seinen Mund, als spräche er mit irgendjemandem.

„Ist … Habt ihr das auch gerade mitbekommen?“ fragte er, und fügte lauter hinzu: „Was ist denn los mit euch? Sind denn hier alle wahnsinnig außer mir?“

Die schlanke schwarzhaarige Frau, die sich als Regina vorgestellt hatte, sah ihn an. Und lächelte. Er kniff seine Augen zusammen und schüttelte noch einmal seinen Kopf, um sicherzugehen, dass er es sich nicht einbildete.

Sie lächelte.

„Es ist nicht Voraussetzung“, sagte sie, „Aber es hilft doch sehr.“

„Hast… hab… Hat sie gerade den Gouverneur in diesen Raum gelockt, damit er darin zerquetscht wird?

Ist Miles Agneau gerade in diesem Raum von der Decke zerquetscht worden, nachdem diese blonde Frau ihn hineingelockt hat?

Träume ich das hier alles nur?“

Sie lächelte immer noch, und schüttelte langsam ihren Kopf.

„Alles wahr, fürchte ich“, antwortete sie.

„Wie … Wie kann denn das sein?“

„Müsste Ihnen doch gefallen“, sagte sie. „Von wegen 99% und so? Ist es nicht schön zu sehen, dass auch die 1% noch jemanden haben, für den sie nur eine Nacktschnecke unterm Stiefel sind?“

„Ich… Was ist hier los, verdammt? Warum hat sie das denn gemacht? Sie war doch sein Fan! Sie hat ihn doch die ganze Zeit verteidigt! War das… Was soll denn das hier alles?“

Regina zuckte die Schultern.

„Keine Ahnung“, sagte sie. „Und wir sollten uns ganz bestimmt keine Hoffnung machen, es noch … Oh. Psch!“ Sie hob einen Finger vor ihre Lippen und beugte sich zu dem niedrigen Raum, als würde sie lauschen.

Abdiel brauchte es nicht über sich, näher heranzurücken, aber ein bisschen was konnte er doch hören.

Es waren ein paar überraschte Ausrufe, und dann die Stimme der blonden Frau.

„Warum nicht, hä? Warum nicht? Hat sie’s nicht verdient?“

Eine dunkle Männerstimme antwortete etwas, zu leise, als dass Abdiel es hätte verstehen können.

Sie ist eine von denen, oder?“ rief Jill. „Stimmt’s nicht? Sie ist eine von denen! Sie steckt dahinter, sie hat uns alle hier her gebracht!“

Wieder eine leise Antwort.

„Ist mir egal, ich –“

Die Männerstimme unterbrach sie, und Abdiel hörte ein lautes, gehässiges Auflachen einer anderen, helleren Frauenstimme.

„Ich hab’s gewusst! Ich hab’s die ganze Zeit gewusst! Ha! Was hab ich gesagt, hm?“ Sie klang nicht wirklich fröhlich, eher kurz vor einem hysterischen Anfall. „Ich hab’s gewusst! Natürlich ist das Scheißding nicht- Au! Ahh!“

Abdiel hörte wieder Stimmen durcheinander rufen, Geräusche wie von einem Kampf, wieder das Lachen der überdrehten jungen Frau.

„Schon gut, schon gut“ rief Jill, „Aber sie geht als nächste da rein! Sie geht als nächste da rein, und wenn sie zurück kommt, bevor sie einen Ausgang gefunden hat, dann schiebe ich ihr die blöde Knarre eben so tief in den Hals, bis sie dran erstickt.“

Das Lachen der jungen Frau klang jetzt so laut und schrill, dass Abdiel sich die Ohren zuhielt.

Und es hörte nicht auf.

***************************************************

„Ich hab Durst.“

„Die Bright Outlook Laboratorien legen großen Wert darauf, ihren Besuchern unter allen Umständen einen angenehmen Aufenthalt zu gewährleisten und entsprechend unseren regelmäßig aktualisierten Aspirational Hospitality Guidelines die Wünsche unserer Gäste umfassend zu erfüllen, soweit unsere Möglichkeiten dies erlauben. Bitte lassen Sie mich einfach wissen, welches Getränk Sie bevorzugen, und ich werde mein Möglichstes tun, es unverzüglich für Sie bereitzustellen.“

Jacky sah nachdenklich zu dem Repräsentanten auf und versuchte, in seinem Gesicht trotz der Sonnenbrille irgendeine vertraute Regung zu finden, etwas Menschliches, etwas, mit dem sie Kontakt aufnehmen konnte. Vergeblich.

„Ich hätte gerne einen Kakao, bitte“, sagte sie schließlich.

Der Repräsentant hob seinen Kopf und – zumindest sah es für Jacky so aus – suchte in Cynthias nahezu leerem Büro nach einer Tasse Kakao. Vergeblich.

Er stand auf und streckte eine Hand in ihre Richtung aus, als sollte sie sie schütteln.

Jacky betrachtete seine Hand und wusste nicht, was sie tun sollte. Sie hatte ihn doch schon begrüßt.

„Miss Rawes, bitte nehmen Sie meine Hand. Ich möchte Ihnen das gewünschte Heißgetränk zubereiten, halte es aber in Anbetracht Ihres Alters nicht für opportun, Sie hier alleine zurückzulassen. Daher würde ich es vorziehen, wenn Sie mich begleiten würden, und zu Ihrem eigenen Schutz sollte ich dabei in der Lage sein, physische Kontrolle über Sie auszuüben.“

Jacky öffnete den Mund, um ihn darauf hinzuweisen, dass ihr Vater sie schon öfter für kurze Zeit in den Räumen des Labors alleine gelassen hatte und dass sie auf sich selbst aufpassen konnte, doch dann fiel ihr Blick auf das Poster an der Wand, auf das Bild von dem unscharfen Mann im schwarzen Anzug, auf sein verschwommenes Gesicht, und seine Arme, die irgendwie zu lang aussahen, und sie entschied sich, dass sie lieber nicht alleine in dem leeren Raum der leeren Frau bleiben wollte, sogar wenn die Alternative war, mit diesem anderen gruseligen Mann mit der Sonnenbrille mitzugehen.

Jacky nahm seine Hand, und war nicht überrascht, dass sie sich sehr kalt anfühlte.

Er führte sie zur Tür, öffnete sie, trat in den Flur hinaus, und blieb stehen. Er zog seine Hand aus Jackys, und hielt sie mit ausgestrecktem Arm an ihrer Schulter fest, um zu verhindern, dass sie ihm in den Flur folgte.

„Mr. Blair“, sagte der Repräsentant, und fügte dann nach einer längeren Pause hinzu: „Miss Stegeland.“

„Lassen Sie sie einfach gehen“, hörte Jacky eine bekannte Stimme sagen.

„Nick!“ Jacky mochte Nick. Sie lächelte und versuchte unwillkürlich, in den Flur vorzutreten, aber die kalte Hand des Repräsentanten hielt sie zurück.

„Mr. Blair“, wiederholte der Repräsentant in seiner leisen monotonen Stimme. „Die Bright Outlook Laboratorien legen großen Wert auf die Sicherheit aller Mitarbeiter und haben sich deshalb einer strengen Waffenkontrollpolitik verpflichtet. Darf ich Sie fragen, wer die Verwendung der Kurzwaffe autorisiert hat, die Sie bei sich tragen.“

„Sie wissen es doch ganz genau. Warum sparen wir uns nicht dieses bescheuerte Spiel und kommen direkt zur Sache. Lassen Sie das Mädchen gehen, oder ich werde diese Kurzwaffe verwenden, um Sie unautorisiert zu erschießen.“

Jacky hörte eine unbekannte Frauenstimme erschrocken Luft einsaugen. „Nick!“ zischte die Stimme, „Muss das wirklich sein?“

„Hast du eine bessere Idee?“ antwortete Nick ungeduldig.

„Du kannst ihn doch nicht einfach …“

„Cora, weißt du, was wir hier machen? Weißt du, wofür er verantwortlich ist? Wofür wir hier alle verantwortlich sind? Jeder in diesem Labor gehört erschossen, bloß dass das eigentlich noch zu gut für uns ist.“

„Aber … Willst du wirklich auf ihn schießen, solange das Mädchen zusieht?“

Der Repräsentant stand die ganze Zeit über im Flur und beobachtete regungslos, was Jacky nicht sehen konnte. Die einzige Bewegung an seinem Körper war seine Hand, die hin und wieder ihren Griff anpasste, um Jacky besser halten zu können, wo sie war.

„Wenn sie die Wahl hat, wird sie lieber ein paar Nächte Albträume haben, als hier … als mit Cynthia … als … was auch immer sie mit ihr vorhaben!“

„Du könntest sie verletzen.“

Nick schnaubte ein Lachen. „Ich habe so ein Ding schon mal benutzt. Ich weiß, wo die Projektile rauskommen.“

„Mr. Blair“, begann der Repräsentant, „Die Bright Outlook Laboratorien sind davon überzeugt, dass jeder unserer Angestellten das Recht hat, in einer auch verbal gewaltfreien Umgebung zu arbeiten, und tolerieren deshalb keine Angriffe oder Beschimpfungen gegen unser Personal.

Darf ich Sie daran erinnern, dass auch Sie sich dieser –“

„Letzte Chance“, sagte Nick. „Sie dürfen mich an gar nichts erinnern. Ich habe keine Zeit für diesen Mist.“

Der Repräsentant drehte sein Gesicht langsam zu Jacky. Sie sah in die spiegelnden Gläser seiner Sonnenbrille, während er sagte:

„Miss Rawes, bitte kehren Sie unverzüglich in Miss Cox‘ Büro zurück und schließen Sie die Tür hinter sich. Es scheint, als würde Mr. Blair mich in Kürze erschießen, und Miss Cox würde es gewiss sehr bedauern, wenn Sie durch einen Querschläger verletzt werden sollten. Sollte es mir gelingen, die Situation wieder unter Kontrolle zu bekommen, werde ich Sie unmissverständlich darüber informieren. Bitte öffnen Sie die Tür unter anderen Umständen auf keinen Fall.“

„Nick ist nicht böse!“ widersprach Jacky. „Ich glaube nicht, dass er –“

„Tu, was er sagt, Jacky!“ rief Nick.

Sie zog sich zurück und schob vorsichtig die Tür ins Schloss.

„Mr. Blair“, hörte sie den Repräsentanten sagen, „die Bright Outlook –“

Jacky schrie auf, als ein lauter, dröhnender Knall aus dem Flur durch die Tür drang, und dann noch einer, und ein dritter.

Sie wusste nicht genau, was geschehen war, obwohl sie natürlich eine Ahnung hatte. Sie hatte den kalten Mann mit der Sonnenbrille nicht gemocht, und es war nicht das erste Mal, dass ein Mensch in ihrem Beisein gestorben war, aber dies war dennoch der letzte Anstoß, der ihr alles zu viel werden ließ.

Jacky rollte sich auf dem kalten Fußboden des leeren Büros zusammen und weinte.

 

Lesegruppenfragen

  1. War das ein Problem für euch, dass so vieles passiert, was die POV-Charaktere nicht sehen können?
  2. War die Szene aus Jills Perspektive für euch zu verwirrend?
  3. Stört es euch, wenn wir so oft innerhalb eines Kapitels die Szenen wechseln?
  4. Sympathisiert ihr mit Nick? Warum oder warum nicht?

Interaktivitätsfragen

A. Ist der Repräsentant jetzt tot?

B. Wird Jacky Nick freiwillig die Tür öffnen?

C. Welche Gruppe außer Blight, Cox und Bell wollt ihr in der nächsten Szene sehen?

D. Soll Cynthia wegen der Schüsse raus in den Flur kommen, oder bleiben, wo sie ist?

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9 Responses to Bright Outlook (16)

  1. whynotveroni sagt:

    Woher weiss Cora, dass es „William Blight“ heisst, wenn sie gar nicht weiss, wer er ist? Nick hat doch nur „Blight“ gesagt…

  2. whynotveroni sagt:

    1 + 2: Ja, das war ziemlich verwirrend. Ich wusste nicht, was passiert, und wer eigentlich gerade spricht. Es ist ja auch unklar, wann die „unsichtbare Stimme“ oder eine reale Person spricht.

  3. Muriel sagt:

    @whynotveroni: Danke für die Antwort!

    Woher weiss Cora, dass es “William Blight” heisst, wenn sie gar nicht weiss, wer er ist?

    Mark hat ihn beim Vor- und Nachnamen genannt.

  4. Günther sagt:

    1. Die Konfrontation zwischen Leanne und Jill war ein kleines Bisschen verwirrend. Irgendwo aber auch eine interessante Idee, das aus der Perspektive des Nachbarraums zu schildern. Im Fall von Jacky fand ichs gut. (Übrigens: Ich kenne jetzt Namen 😉 )
    2. Nein. Höchstens vom zeitlichen Ablauf; ich hatte den Gouverneur eigentlich nach der letzten Folge schon als tot verbucht.
    3. Nein, überhaupt nicht. Tendenziell eher im Gegenteil, ich hab so das Gefühl, an allen Schauplätzen auf dem Laufenden zu bleiben.
    4. Unbedingt. Endlich mal einer, der sich auflehnt. Und meine Agressionen gegenüber Bright Outlook auslebt. 😉

    A. Ja.
    B. Ja.
    C. Nick.
    D. Rauskommen.

  5. Guinan sagt:

    1. Nein, ich fand das ganz interessant so.
    2. Erst war nicht ganz klar, wer gerade spricht. Beim zweiten Lesen war’s ok.
    3. Nein, das sehe ich wie Günther.
    4. Ja, ich freue mich, dass er aufmuckt. Und ich sehe ihn immer noch ein bisschen durch Coras Augen.

    A. Ja.
    B. Ja.
    C. Die Gruppe mit Claire und Leanne
    D. Rauskommen

  6. Muriel sagt:

    @Günther:

    (Übrigens: Ich kenne jetzt Namen )

    Schön, dass ich behilflich sein konnte.
    2. Die überschneiden sich. Ich habe jetzt quasi zweimal denselben Ablauf aus verschiedenen Perspektiven gezeigt.
    4. Dabei sind die so nett.
    @Guinan: 4. Ich merke schon, wenn ich mal ein geheimes Labor aufziehen will, sollte ich meine Partner nicht aus der Leserschaft dieses Fortsetzungsromans rekrutieren.
    Mir bleibt immer noch Dietmar, und Tim hätte bestimmt auch keine Probleme damit.

  7. Joan sagt:

    1. Zu Beginn der Szene jeweils ein bisschen verwirrend, aber eigenltich ganz gut.
    2. Nein.
    3. Nein.
    4. Ja, irgendwo muss man als Leser ja hin mit seiner moralischen Empörung über dieses Labor. Nick ist toll in seinem verzweifelten moralischen Aktionismus.
    5. Mark beißt auf den Pistolenlauf? Großer Slapstick. Insgesamt haben mir die Dialoge diesmal überdurchschnittlich gut gefallen. Und Reginas zynische Anmerkung zu den 1%.

    A. Ja.
    B. Sie mag ihn, also ja.
    C. Irgendwie ist Claire komplett untergegangen, sie weint nur noch. Also ihre Gruppe, und vielleicht ein bisschen mehr Aktion von ihr.
    D. Rauskommen.

  8. Muriel sagt:

    @Joan: 5. Solche spontanen Hinweise sind für mich immer besonders erfreulich. Natürlich nicht nur, wenn es sich um Lob handelt, aber dann besonders.
    C. Ich werde jedenfalls versuchen, sie wieder ein bisschen mehr rauskommen zu lassen.

  9. Muriel sagt:

    Gütiger Himmel, ich habe ja noch gar kein vorläufiges Ergebnis verkündet.
    Warum sagt denn keiner was? Wie lange wollt ihr denn noch auf den nächsten Teil warten? Bin ich denn der einzige hier, der sich für mein Blog verantwortlich fühlt?
    A: Einstimmig ja.
    B: Einstimmig ja.
    C: 1 Nick, 2 Claire.
    D: Einstimmig rauskommen.
    Na dann mal los.

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