Verdammte Axt

Wo kommt eigentlich diese merkwürdige Idee her, dass wir heterosexuellen Zwei-Personen-Ehen mit Kindern irgendwas wegnehmen, indem wir auch anders orientierten Menschen gestatten, sich auf eine Art miteinander zusammenzutun, die die gleichen Rechtsfolgen auslöst, die wir gemeinhin mit dem Begriff „Ehe“ umschreiben? Und warum erklärt nie jemand diese Idee, der öffentlich drüber schimpft?

Der Aufschrei kommt diesmal aus Daniel Deckers zerrissener Seele und beginnt mit den Worten

Was? Nein, völliger Quatsch. Anders:

Es gibt nicht viele Normen des Grundgesetzes, deren Wortlaut alle Veränderungen seit 1949 überdauert hat. Eine davon ist Artikel sechs Absatz eins: „Ehe und Familie stehen unter dem besonderen Schutze der staatlichen Ordnung.“

Ja, so ist es richtig. Warum beginnt er so? Keine Ahnung. Es spielt später keine Rolle mehr. Ich vermute, dass er damit andeuten will, dann müsse die Norm ja wohl gut und richtig sein. Muss man wahrscheinlich nicht dazu sagen, wenn man generell „Tradition“ nicht nur für ein gutes, sondern letzten Endes für das einzige echte Argument hält. In diesem Sinne müssen wir auch nicht rätseln, wie Herr Decker die von ihm wahrgenommenen Veränderungen in Sachen Ehe und Familie bewertet:

Wenn Lebensformen sich in den vergangenen Jahrzehnten gewandelt haben, dann Ehe und Familie. […] Gleichzeitig haben nichteheliche Partnerschaften jeder Couleur jedes Stigma verloren.

Man stelle sich das vor! Jedes Stigma! Da leben einfach Leute zusammen, ohne staatliche Erlaubnis, ohne irgendwen gefragt zu haben, ob das überhaupt okay ist, haben am Ende sogar noch miteinander … na… also… Ihr wisst schon, was, und werden dafür nicht mal stigmatisiert! Wer soll denn das noch verstehen?

Wo die Juristen von „eingetragener Lebenspartnerschaft“ sprechen, schallt als Echo kurz und bündig „Homo-Ehe“ zurück.

Völlig anders als in anderen Lebensbereichen, wo die Bevölkerung sich an den Sprachgebrauch der Juristen hält und treu und gehorsam von „Arbeitslosengeld II“ spricht, von „Kindertagesstätten“ oder vom „Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend“. Aber das ist ja noch nicht mal das Schlimmste:

Die Betonung liegt auf dem Wort „Ehe“.

Ja-ha! Homo-Ehe spricht man das nämlich aus. Die Betonung liegt auf dem letzten Wort, wie immer Herr Deckers sagt wahrscheinlich auch Bauantrag und Schublade.

Aber das ist immer noch nich das Schlimmste, denn, ihr werdet es schon ahnen:

In manchen Landstrichen werden längst mehr als die Hälfte der Kinder außerehelich geboren.

Das Ursache-Wirkungs-Verhältnis scheint auf den Kopf gestellt. Nicht Eheleute machen Kinder, sondern Kinder stiften Ehen – wenn überhaupt.

Öh… Herr Deckers, wir müssen reden. Thema Ursache-Wirkung: Kinder entstehen nicht durch Eheschließung. Die entstehen durch  … na… also… Sie wissen schon, was.

bis weit in das konservative Spektrum hinein lautet das Mantra, dass Familie da ist, wo Kinder sind.

Möge Gott uns allen gnädig sein! Was soll aus dieser Welt werden, wenn Menschen jetzt schon einen Haushalt mit Kindern als „Familie“ bezeichnen, ganz unabhängig davon, ob die Eltern eine staatliche Erlaubnis haben, ihr Leben miteinander zu teilen? Was nur?

Aber das ist immer noch nicht das Schlimmste! Nein! Denn ein Bollwerk der behördlich sanktionierten Liebe steht nach wie vor: Ehegattensplitting und Adoptionsrecht. Leider kann man den charakterlosen Lumpenhunden in unserem Parlament nicht zutrauen, diese völlig ungerechtfertigte Diskriminierung nur am Kindeswohl und existenziell wichtigen gesamtgesellschaftlichen Belangen orientierte Unterscheidung weiter aufrecht zu erhalten:

Stellten die Parteien den Bundestagsabgeordneten eine Entscheidung in der Sache frei, würden beide Wünsche eher morgen als übermorgen Wirklichkeit.

Zum Glück sind unsere Abgeordneten in ihren Entscheidungen nicht frei, denn so können die Parteien vorläufig noch das Schlimmste verhindern, auch wenn es ihnen nicht gelungen ist, die letzten verbliebenen Unterstützer der unsinnigen Privilegierung heterosexueller Paare des Schutzes von Familien und Ehen vor dem schleichenden Gift der Moderne zu schützen, das sich wie ein Krebsgeschwür in das Innerste unserer Gesellschaft frisst und jeden, der sich ihm in den Weg stellen will, schonungslos mit der Homophobiekeule zur Seite prügelt (Nein, ich werde nicht eingestehen, dass mir diese Metapher völlig entglitten ist!):

Wer es wagt, die Lebenslügen einer Gesellschaft mit spitzfindigen Unterscheidungen oder grundsätzlichen Erwägungen zu stören, der kann sicher sein, wegen „Diskriminierung“ und „Homophobie“ an den Pranger gestellt zu werden.

Und das sagt doch schon alles über diese Gesellschaft, dass man sich nicht mal für Diskriminierung von Homosexuellen aussprechen kann, ohne dass einem gleich Diskriminierung von Homosexuellen vorgeworfen wird! Oder? Oder? Sagt doch mal ehrlich! Sowas muss man doch wohl… Naja.

Ob das Grundgesetz als letzte Barriere gegen eine Bagatellisierung der Ehe („Verantwortung übernehmen“) und eine weitere Entleerung des Familienbegriffs taugt, steht vor dem Hintergrund der bisherigen Entscheidungen der obersten Bundesgerichte dahin.

Genau. Durch den schnöden Begriff der Verantwortung wird das Konzept der Ehe völlig bagatellisiert, wo doch jeder weiß, dass eine Ehe nichts mit Verantwortung füreinander zu tun hat, sondern ausschließlich der Produktion von Kindern zu dienen hat! Und komme mir bloß keiner Liebe, Erziehung oder einem gemeinsamen Leben! Wer den Familienbegriff mit solch abwegigen Konzepten entleert, der verkennt den wahren Sinn dieses Konzepts, der verdammt noch mal ausschließlich durch den behördlichen Trauschein (Die Betonung liegt auf Schein!) definiert wird, das kann doch nicht so schwer zu begreifen sein, zum Donnerwetter!

Okay. Ich merke schon. Keine nimmt das Problem hier richtig ernst. Na gut. Dann passt mal auf. Herr Deckers zeigt uns jetzt, wie ernst das Problem ist:

Die Verfasser des Grundgesetzes hatten mit eigenen Augen gesehen und mitunter am eigenen Leib erfahren, wie die Nationalsozialisten Ehe und Familie in den Dienst völkischer Ideologie nahmen und zu zersetzen versuchten. In der DDR vollzog sich Ähnliches wenig später im Namen des Sozialismus.

Ja, genau. Hitler war auch schon für die Homo-Ehe! Ähm. Hab ich gehört. Oder… Naja egal. Nationalsozialismus! DDR! Da führt der Weg hin, wenn wir erst mal unverheitratete Paare entstigmatisieren! Und das will doch nun wirklich niemand, oder?

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37 Responses to Verdammte Axt

  1. Tim sagt:

    Du willst damit doch nicht sagen, daß Du schon wieder … dieses komische Käseblatt … na, dieses Frankfurt-Dingens halt … also irgendwie … äh … na, das mit F am Anfang …

    Oder Du bist Hitler, das wäre die andere mögliche Erklärung.

  2. Muriel sagt:

    @Tim: Ich habe ein FAZ-Problem, und meine einzige Chance ist, dass Dietmar sie mir irgendwann verbietet.

  3. Dietmar sagt:

    Ich habe ein FAZ-Problem, und meine einzige Chance ist, dass Dietmar sie mir irgendwann verbietet.

    ó.Ó

    Höh?

    Never ever!

    Aber schön, dass ich es könnte 🙂 (Allmachtsphantasien und so …)

    (Und nein: nur weil meine Familie dem klassischen Bild entspricht, meine ich nicht, dass das für alle so gelten müsse. Wie ticken solche Leute? Ach, ich will´s gar nicht wissen…)

  4. Henk sagt:

    Es ist ja alles richtig, was du schreibst, Muriel, aber du musst doch eingestehen, dass dir die Metapher mit dem Gift, dem Geschwür und der Keule völlig entglit… ääh… wie bitte?

  5. Muriel sagt:

    @Henk: Der Zahn der Zeit, der schon so manche Träne getrocknet hat, wird auch über diese Wunde Gras wachsen lassen.

  6. David sagt:

    Stigmatisiert sein ist doch völlig OK, ist schließlich ein christliches Land!

  7. DasSan sagt:

    Ach mensch ist das langweilig, wenn du so total meiner Meinung bist. Was soll ich dazu noch sagen.

  8. Muriel sagt:

    @DasSan: „Ich will ein Kind von dir!“ ist eine gängige Formulierung, wenn ich nicht irre.

  9. DasSan sagt:

    Muriel, wenn ich Kinder haben wöllte, wärst du unter den ersten 3 Vaterschaftswunschkandidaten – gut so?

  10. Christina sagt:

    Möge Gott uns allen gnädig sein!

    Ja.

  11. Muriel sagt:

    @DasSan: Mehr, als ich erwartet hätte.
    @Christina:

  12. Tim sagt:

    @ Henk, Muriel
    Metaphern sind wie eine geschenkte Grube, in der man den Wald nicht sieht. Vergeßt es einfach.

  13. Muriel sagt:

    Meine Großmutter hat immer gesagt, der frühe Vogel spart die Tapete.

  14. Tim sagt:

    Tapeten sind keine Lösung.

  15. Muriel sagt:

    Das kommt auf das Problem an.

  16. Tim sagt:

    Probleme sind übrigens ebenfalls keine Lösung.

  17. Muriel sagt:

    Ein homogenes Gemisch aus mindestens zwei Stoffen hingegen schon.

  18. IMustSaythishalfAnonymously sagt:

    Ihr seid bekloppt. Aber auf eine liebenswerte Art.

  19. Muriel sagt:

    @IMustSaythisishalfAnonymously: Danke, und willkommen bei überschaubare Relevanz.

  20. Florian sagt:

    (Ja… ich weiß…)

  21. fichtenstein sagt:

    Normalerweise liebe ich ja diese endlos langen Diskussionen, die mir den Schlaf rauben (ich nehm selten teil aber lese sie viel zu oft), aber so eine fast vollkommen harmonischer Austausch an Liebeswürdigkeiten ist auch mal schön. Und jetzt alle : Kumbaya my Lord…

  22. madove sagt:

    Ich Euch auch alle. ❤

  23. malefue sagt:

    was hat es eigentlich mit diesem neumodischen youtube-einbinden und meme-herumschleudern auf sich, muriel? das riecht mir verdächtig nach faulheit.

  24. malefue sagt:

    achja, ähem, zum thema:
    mir scheint den größten anstoß nimmst du an texten auf die man nur mit „und wo war jetzt nochmal das problem?“ antworten kann.
    verständlich, aber – wie sag ich das jetzt diplomatisch – unterfordernd, nicht?
    ich bin da bei dietmar, gewisse regionen des netzes muss man einfach meiden, wenn man noch empörungspotenzial hat. scheint diese gehört dazu.

  25. Muriel sagt:

    @malefue:

    was hat es eigentlich mit diesem neumodischen youtube-einbinden und meme-herumschleudern auf sich, muriel?

    Das ist nur so eine Phase.

    verständlich, aber – wie sag ich das jetzt diplomatisch – unterfordernd, nicht?

    Das überschaubare-Relevanz-Kundenzufriedenheits-Optimierungsteam bedauert, dass wir den hohen Ansprüchen, die Sie zu Recht an uns stellen, nicht gerecht werden konnten.
    Wir versichern Ihnen, dass wir unser Bestes tun, in Zukunft Ihren Erwartungen besser zu entsprechen.

  26. […] fair zu bleiben: Herr Siedenbiedel ist nicht so ein Quatschkopf wie Daniel Deckers, und deshalb ist dieser Artikel auch nicht so albern wie der vorletzte. Siedenbiedel wägt ab und […]

  27. freiheitistunteilbar sagt:

    Kirchlich wird der Ehe eine bestimmte Funktion zuteil und das Arschloch ist eben kein Geschlechtsorgan, daher genügt die bloße Verbundenheit zweier Menschen nicht zur Eheschließung unter christlichen Gesichtspunkten.

    Sieht man hingegen die Ehe als Vertrag, zweier Menschen, indem weder Leviathan, der Fürst der Finsternis, noch irgendwelche Pfaffen notwendig sind, dann ist die Ehe sowohl für Hinter- als auch Vorderlader beiden Geschlechts zugänglich. 🙂

    Eigentlich geht es den Gays und Lesbinchen nur um Privilegien, die Undank Leviathans mit der Ehe verbunden sind. 🙂

  28. David sagt:

    Etwa so, wie es Dir beim Kommentieren eigentlich nur darum geht, ein paar Smileys zu deplazieren?

  29. Nardon sagt:

    In meiner Familie gibt es leider auch so ein paar Fälle von Homophobie. Wie würdet ihr die Aussage interpretieren?
    „Ich habe nichts gegen Schwule und Lesben, ich will nur nichts mit ihnen zu tun haben.“
    Da sich in meinem Freundes und Bekanntenkreis einige dieser gefährlichen Individuen tummeln hab ich die mal interwiet zu Personen mit (in meinen Augen) besonders starker Homophobie.
    Zu 90% konnte sich niemand vorstellen mit einer der Personen Sex zu haben, geschweige sie kennen lernen zu wollen.
    Lustig finde ich auch immer wieder die Annahme das Schwule und Lesben jenen Mann bzw. Frau flachlegen wollen. Als wenn diese Menschen keinen Geschmack haben der ganz klar die Auswahl ihres Parterns/Partnerin bestimmt.
    ……….mist, ich wollte das ganze mit einem Satz beenden der meine Meinung noch mal auf den Punkt bring, bin aber anscheinend zu müde. Gute Nacht, wenn ich Zeit habe vieleicht morgen.

  30. freiheitistunteilbar sagt:

    Homophobie? Du meinst diese Krankheit, die Heterosexuelle befällt, wenn sie Schwulsein nicht für das Normalste der Welt halten. Linksradikale Pejorative sind äußerst amüsant. 😉

    Etwa so, wie es Dir beim Kommentieren eigentlich nur darum geht, ein paar Smileys zu deplazieren?

    Eher so, wie es dir darum geht, dies zu behaupten. Daraus lässt sich jetzt eine nichtendenwollende Kaskade von Behauptungen anstellen, die keinerlei Bezug mehr zum eigentlichen Thema haben wird. 😉

  31. David sagt:

    Dein Deppentum ist auch viel interessanter als das ursprüngliche Thema, Smileyboy.

  32. Muriel sagt:

    Da haben sich ja zwei gefunden…
    @Nardon: Tja… Was man vor dem „aber“ sagt, zählt in der Regel nicht.
    Oder mit Matt Dillahunty:
    „I’m not a racist, but-“
    „Yes, you are a racist butt, now shut up.“

  33. David sagt:

    Rassismus? Ist das nicht diese Krankheit, die Weiße befällt, wenn sie Schwarzsein nicht für das Normalste der Welt halten?

  34. Christina sagt:

    Nee, dieses Denken (Rassismus) kann eigentlich Menschen jeglicher Hautfarbe befallen.

  35. Florian sagt:

    Und Gott war auch einer.

  36. Christina sagt:

    So, so. Du bist aber ein Schlaumeier.

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