Umsonst ist der Tod. Aber muss er das immer sein?

5. August 2012

Wenn jemand gerne sein eigenes Leben beenden möchte, dann ist das seine Entscheidung, und niemand hat ihm die abzunehmen. Und wenn er es selbst nicht kann oder nicht will, und jemand anders ihm dabei hilft, dann ist das auch seine Entscheidung, die ihm niemand abzunehmen hat. Ich würde sogar so weit gehen, es als unmenschlich zu bezeichnen, jemandem den gewünschten Tod zu verwehren, nur weil er nicht in der Lage ist, ihn selbst herbeizuführen. Deshalb denke ich auch, dass der unsägliche Straftatbestand der Tötung auf Verlangen ersatzlos gestrichen gehört.

Ethisch und menschlich ist die ganze Sache natürlich ganz und gar nicht einfach: Ich persönlich würde sagen, dass Selbsttötung so gut wie immer die falsche, die kurzsichtige Entscheidung ist. Wir haben nur dieses eine Leben, und dieses eine Leben ist alles, was wir haben. Wenn es vorbei ist, ist alles vorbei. Oder wie ich gerne etwas kompakter sage: Ich bin noch lange genug tot.

Einerseits ist das leicht zu sagen, solange man noch jung ist, gesund, glücklich, und nicht unter Schmerzen leidet. Andererseits erleichtern Unglück, Krankheit und starke Schmerzen nicht unbedingt das Treffen rationaler Entscheidungen, und gerade in dem kritischen Stadium, in dem man üblicherweise die Entscheidung für oder gegen einen Freitod trifft, ist die Grenze zur Entscheidungsunfähigkeit wohl auch sehr fließend. Und natürlich ist es immer auch die Entscheidung des Helfers: Bin ich bereit, das Leben dieses Menschen zu beenden? Habe ich gute Gründe für meine Entscheidung? Bin ich emotional zu involviert, um überhaupt eine vernünftige Entscheidung zu treffen?

Aber gerade weil diese Fragen so schwierig sind, so persönlich, und so individuell, halte ich es für eine Abscheulichkeit, dass unser Staat sich anmaßt, sie so strikt zu regulieren, wie er es tut. Noch einmal: Wer einem Menschen zwangsweise den Tod verweigert, den er sich (aus für ihn persönlich sicher sehr bedeutenden Gründen) wünscht, der fügt diesem Menschen potentiell einen furchtbaren Schaden zu. Wenn ich den Begriff der Menschenwürde für irgendwie nützlich hielte, würde ich darauf  vielleicht auch noch rekurrieren, aber ich glaube, schon genug Pathos versprüht zu haben.

Juristisch bleibt da aus meiner Sicht nicht mehr als ein Beweisproblem: Wollte der Tote wirklich sterben? Das kann im Einzelfall auch schwierig werden, aber erstens gibt es dafür Mittel und Wege, wie zum Beispiel Formvorschriften oder sonstige Vorgaben zur Beweissicherung, zweitens gibt es juristisch zu jedem Sachverhalt potentiell schwierige Beweisfragen, und drittens geht es darum in der aktuellen Diskussion nicht.

Ich verstehe auch nicht die offenbar einstimmige Ablehnung der gewerblichen Sterbehilfe. Es gibt nun einmal Menschen, die niemanden haben, der ihnen bei der Selbsttötung hilft. Es gibt Menschen, deren Angehörige und Freunde nicht bereit sind, das für sie zu tun, oder die sie damit nicht belasten wollen. Warum sollen diese Menschen nicht die Dienste von jemandem im Anspruch nehmen können, der es professionell macht? Ich will nicht zu weit ausholen, aber ich finde diese verbreitete Verachtung gegenüber der Arbeit für Geld heuchlerisch und unanständig. Wir alle müssen unseren Lebensunterhalt von irgendwas bestreiten, und auch wenn es intuitiv verwerflich scheinen mag, das mit dem Töten anderer Menschen zu tun, sollten wir uns an den Grundsatz erinnern, dass nur verboten sein kann, was jemandem schadet. Eine medizinische Operation ist schwere Körperverletzung, wenn sie ohne Zustimmung des Opfers erfolgt. Erfolgt sie mit, ist sie völlig in Ordnung, und (fast) niemand sieht ein Problem darin, dass die ausführenden Personen damit Geld verdienen.

Genau so ist das mit der Sterbehilfe: Sie ist Totschlag, wenn sie ohne Zustimmung erfolgt. Mit Zustimmung sollte sie völlig legal sein, wie auch immer und von wem auch immer die Betroffene sie gerne ausgeführt haben will.

Die dahinterstehenden Beweisprobleme und die ethischen Fragen sind nicht einfach zu beantworten und sollten wir gründlich durchdenken. Aber den Grundsatz, dass jeder Mensch das Recht haben sollte, über seinen eigenen Tod frei zu bestimmen, sollten wir anerkennen.


Call a spade a spade

2. August 2012

Das Thema Organspende ist ja eines meiner vielen Steckenpferde. Ihr wisst alle, was ich davon halte. Ich will mich deshalb kurz fassen. Ist ja auch mal schön: Es mangelt an Spenderorganen. Menschen sterben, weil sie nicht rechtzeitig Spenderorgane erhalten. Organe zu spenden rettet also ziemlich direkt Menschenleben. Wer tot ist, braucht keine Organe mehr. Da sind wir uns so ziemlich alle einig. Sogar religiöse Menschen sind meines Wissens zur überwältigenden Mehrheit sicher, dass Organe in einem Grab nichts anderes tun als zu verrotten. Sie helfen dort niemandem. Der Tote kann genauso gut ohne seine Organe da unten liegen. Er merkt keinen Unterschied, sogar wenn er nicht, wie wir eigentlich alle wissen, einfach weg ist, sondern, wie leider immer noch viel zu viele Menschen glauben wollen, irgendwo anders.

Dem sehr wahrscheinlichen Vorteil, ein Menschenleben zu retten, steht also im Falle einer Organspende keinerlei Nachteil für den Spender gegenüber. Buchstäblich gar keiner.

Ich begreife nicht, wie in Anbetracht dieser Tatsachen jemand der Meinung sein kann, man solle keinen moralischen Druck aufbauen. Warum denn nicht? Wenn jemand die Möglichkeit hat, ohne irgendeinen Nachteil für sich selbst das Leben eines anderen Menschen zu retten, warum um Himmels Willen sollten wir auf diesen Jemand keinen Druck ausüben, es zu tun? Wir sollten.

Und kein hehreres Ziel hat dieser Beitrag: Wenn du als Angehöriger oder selbst Betroffener (dann natürlich im Vorhinein per Verfügung) eine Organspende verweigerst, zum Beispiel, weil du Angst hast, dass das Organ vielleicht das Leben von jemandem rettet, der es deiner Meinung nach nicht verdient hätte, weil er jemanden bestochen hat, um an das Organ zu kommen, dann macht dich das nach so ziemlich jedem denkbaren moralischen Maßstab zu einem … Spaten.

Zum Glück hast du die Wahl. Sei kein Spaten. Spende Organe. Zumindest, bis es legal wird, sie zu verkaufen.


Bright Outlook (15)

1. August 2012

Ich hätte euch eigentlich gerne schon pünktlich zum Wochenende ein neues Kapitel unseres interaktiven Fortsetzungsromans angeboten, aber dieses Wochenende habe ich an Nimmermehr und dem Exposé dafür geschrieben – ich hasse Exposés übrigens -, und meine erste Hausaufgabe für einen Novel Writing Course an der London School of Journalism erledigt. Ist doch auch was. Außerdem wäre Keoni sowieso nicht da gewesen, um probezulesen, und so war es für alle Beteiligten eindeutig besser, bis heute zu warten.

Bitte sehr.

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