Welche Leistung nochmal? (2)

Feigheit ist so ein Vorwurf, den ich eigentlich nie verstehe. Was ist Feigheit in der Regel anderes als Wertschätzung für das eigene Wohlergehen? Nicht unbedingt ein Charakterzug, mit dem ich ein Problem habe.

Was ich außerdem nicht verstehe, ist das System, nachdem deutsche Zeitungen die Leute auswählen, die bei ihnen prominent Kommentare schreiben dürfen. Wenn ich eine Zeitung hätte, würde ich da wahrscheinlich jemanden für haben wollen, dessen Wertesystem halbwegs gerade hängt und sich einigermaßen an dem orientiert, was ich für Vernunft und Anstand halte. Na gut, wenn man das Auftreten unserer Presseverlage in letzter Zeit beobachtet, kommt man womöglich auf die Idee, dass die das durchaus auch so machen.

Wie komme ich auf diese kryptischen Bemerkungen? Jemand hat Kurt Beck bei einem Interview mit der Bemerkung unterbrochen, Bayern bezahle den Nürburgring und den Betzenberg. Beck sagte darauf hin, er solle „Smaul halten“- Und für die FAZ kommentiert Timo Frasch diesen Vorfall. Das ist per se schon ein bisschen merkwürdig, weil ich da nicht viel zu kommentieren sehe. Zwei Menschen sind unhöflich miteinander umgegangen. Willkommen im Leben. Mehr fiele mir dazu wohl nicht ein. Was fällt Herrn Frasch ein?

Hatte der Mann recht? Womöglich. Hatte er das Recht dazu? Vielleicht.

„Vielleicht.“ Naja gut, als Mitarbeiter einer international hoch angesehenen Zeitung muss man vielleicht nicht wissen, ob es verboten ist, andere Menschen bei Interviews zu unterbrechen, aber man sollte zumindest eine Möglichkeit finden können, es herauszukriegen, bevor man seinen Artikel veröffentlicht, oder?

Heute glauben ja auch Fußballfans, sie dürften die Spieler als Hurensöhne beleidigen.

Äh, hm, wie bitte was? Wo kam der denn her? Wen hat der Mann denn beleidigt? Ich sehe den Zusammenhang nicht, und Frasch anscheinend auch nicht, denn er erwähnt diesen Aspekt nicht mehr und springt zu seinem eigentlichen Anliegen, dem Kern dieses Vorfalls, der Frage, die uns allen unter den Nägeln brennt:

War es mutig, was der junge Mann getan hat? Eher nicht.

Hä? War es mutig? Aber … wieso das denn? Wer hat denn behauptet, es wäre mutig gewesen, und wofür soll das eine Rolle spielen? Ich meine, Herr Frasch hat Recht, es ist wohl eher nicht mutig, an einem Interview mit Kurt Beck vorbeizulaufen und was dazwischen zu rufen, aber… Würfelt er das aus? Hätte er genauso fragen können, ob es grün war, oder grammatisch korrekt?

Im Gegensatz zu seiner überraschenden Fußballfan-These breitet Frasch seine Behauptung, der Einwurf sei nicht mutig gewesen, sehr breit aus. Vier Sätze in seinem kurzen Kommentar wendet er auf, um uns zu erklären, warum er diese belanglose Aktion eines Menschen, den wir alle nicht kennen und der niemanden von uns interessiert, nicht für mutig hält, und das auch nur, um auf eine noch steilere These hinzuleiten. Es war nicht nur nicht mutig, was der junge Mann getan hat, es war ein Akt der Feigheit, jawoll!

Feige war die Aktion des Mannes aber vor allem deshalb, weil er eigentlich sicher sein durfte, dass sich ein Politiker vom Range Kurt Becks nicht leisten kann, was ein Kiez-König einst mit einem Passanten auf der Reeperbahn […]

Und jetzt noch mal, auf die Gefahr hin, mich zu wiederholen: Ich begreife es nicht. Was versucht er, uns mitzuteilen?

Was geht in den Köpfen der beteiligten Personen vor, wie kam es zu dem Beschluss, diesen Kommentar zu veröffentlichen?

„Hey, Beck hat ‚Smaul‘ gesagt, da müssen wir unbedingt was drüber schreiben!“

„Also, ich find das ja total feige, was zu jemandem zu sagen, bei dem ich ziemlich sicher bin, dass er mir dafür nicht die Nase abbeißen wird.“

„Au ja! Schreib das mal!“

„Ähm… Warum denn?“

„Beck hat ‚Smaul‘ gesagt!“

„Ach ja.“

Qualitätsjournalismus. Leistungsschutzrecht. Vierte Gewalt. Unverzichtbar für eine lebendige Demokratie. Ich reklamiere das alles nicht für mich, und ich schreibe nur zum Spaß und nehme kein Geld dafür, und deshalb fühle ich mich auch nicht schlecht dabei, in meinem Blog irgendwelchen wirren, zusammenhanglosen, bewusstseinsstromhaften Blödsinn zu veröffentlichen, der keinem hehreren Ziel dient, als die Welt an meiner persönlichen Wahrnehmung ihrer selbst teilhaben zu lassen.

Welche Entschuldigung hat die FAZ?

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17 Responses to Welche Leistung nochmal? (2)

  1. Dietmar sagt:

    Verstehst Du falsch, Muriel: Es geht nicht darum, etwas zu berichten, aufzuklären oder herauszufinden oder so. Es geht darum, Menschen charakterlich einzuteilen. Wofür? Weil man es kann, weil man sich dann leichter bestätigen kann, auf der richtigen Seite zu stehen und ein guter Mensch zu sein, weil man dann nicht recherchieren und Fakten checken muss, sondern einfach nur sagen braucht, „Der da ist ganz dolle doof!“, weil man damit die dummen, dummen Leser erreicht, die die ganzen komplizierten Hintergründe ja doch nicht verstehen, weil man damit die Sprache der Leute spricht. Und das Wichtigste: Weil es Zeit verschwendet. Mit blödsinnigen Dummgerede von Leuten, die sich gerne wichtig nehmen oder als wichtig wahrgenommen werden wollen.

  2. freiheitistunteilbar sagt:

    Feigheit ist so ein Vorwurf, den ich eigentlich nie verstehe. Was ist Feigheit in der Regel anderes als Wertschätzung für das eigene Wohlergehen? Nicht unbedingt ein Charakterzug, mit dem ich ein Problem habe.

    Ganz genau, besonder lustig wird es, wenn bekannte Maulhelden einem diesen Vorwurf machen. Es lebe die Profilneurose. 😀

  3. Dietmar sagt:

    @freiheitistunteilbar: „Verstehst“ Du eigentlich selbst, was Du sagen willst?

  4. David sagt:

    Werde nie verstehen, warum „Hurensohn“ eine Beleidigung ist. Zumal das ja auch oft Söhne hoch angesehener Männer sind.

  5. freiheitistunteilbar sagt:

    @freiheitistunteilbar: “Verstehst” Du eigentlich selbst, was Du sagen willst?

    Aber klar doch, wenn der Dietmar mir vorwirft, ein Feigling zu sein, weil ich mich nicht hirnlos in die Fluten stürze, um den Job eines Rettungsschwimmer zu machen, für den ich nicht ausgebildet bin und mir dabei vorwirft, nicht für Andere mein Leben zu riskieren, für das er bereit zu sein vorgibt, kurzum ist er höchstwahrscheinlich ein Maulheld.

    Dass Maulhelden ein gewisses Geltungsbedürfnis haben, versteht sich von selbst.

    Ich warte hoffnungsvoll auf deine Konklusion, hoffentlich frei von linker Dialektik. 😉

  6. David sagt:

    Ich beginne zu verstehen. Wer den Vorwurf macht, ist höchstwahrscheinlich ein Maulheld und wenn ein Maulheld den Vorwurf macht, wird es besonders lustig. Wenn immer der Vorwurf erhoben wird, wird es also höchstwahrscheinlich besonders lustig.

    Höchstwahrscheinlich ist mir als Freund des beherzten Ablachens jedoch nicht genug, weshalb ich zu diesem Zweck auch weiterhin auf freiheitistunteilbars Versuche, sich an Diskussionen zu beteiligen, zurückgreifen werde.

  7. Dietmar sagt:

    @freiheitistunteilbar: Das nehme ich mal als „Nein“.

  8. Tim sagt:

    Frasch muß halt ab und zu irgendwas hinrotzen, weil: Grund für Erwerbstätigkeit.

  9. Muriel sagt:

    Nennt mich naiv, aber ich finde seine Kommentare diesmal für seine Verhältnisse ziemlich okay. Sogar ich bin dann nicht naiv genug, darin einen Trend zu erkennen, aber so ziemlich alles, was er bisher geschrieben hat, hätte nachdrücklichere Kritik verdient, oder?

  10. Dietmar sagt:

    @Muriel: Ich weiß aber immer noch nicht, was er eigentlich will. Gut, hätte ich anders, gutmütiger, formulieren können, okay.

  11. Guinan sagt:

    Hey, weißt du, was das für eine Leistung ist, so eine Zeitung immer genau voll zu kriegen? Ganz ohne weiße Stellen, und dann auch noch immer mit gerader Seitenzahl? Da kann man auf die Qualität des Inhalts nicht auch noch Rücksicht nehmen.

  12. Muriel sagt:

    @Guinan: Aber es gibt doch diese wunderschönen Blindtexte, die zumindest auf die Leser, die des Lateinischen nicht mächtig sind, auch noch einen enorm gebildeten Eindruck machen.
    Warum verwendet man die nicht öfter?

  13. Guinan sagt:

    @Muriel: Dann rufen die Oberlehrer an. Und die fürchtet der Durchschnittsredakteur mehr als irgendwelche Blogger von überschaubarer Relevanz.

  14. Muriel sagt:

    @Guinan: Aber… wir Blogger sind doch… Ich bin bei meinen Lesern sehr…
    Ich habe doch auch ziemlich viele…

  15. freiheitistunteilbar sagt:

    @freiheitistunteilbar: Das nehme ich mal als “Nein”. Troll du ruhig wieder. 😉 Mit Null-Argumenten zu implizieren, dass ich meine eigene Argumentation nicht verstünde ist näher an der Trollerei, als an einer sinnvollen Diskussionsgrundlage.

    Ich-kritisiere-aber-ich-sage-nicht-was-Spielchen sind endenwollend hilfreich. 😉

  16. freiheitistunteilbar sagt:

    Es sollte natürlich

    @freiheitistunteilbar: Das nehme ich mal als “Nein”. …

    sein

  17. […] ihr vielleicht schon mitbekommen habt, ist mir das mit dem Mutigsein sowieso schon nicht ganz klar, und gerade im Zusammenhang mit einer Bundespräsidentenwahl kommen […]

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