Boah, sag mal

Meinen die das eigentlich noch ernst, die bei der FAZ, oder veröffentlichen die schon mit Absicht Artikel, um ihre Leser zu verwirren?

Ein Plagiat, also „geistiger Diebstahl“, ist ein Vergehen und kann nach §106 des Urheberrechtsgesetzes mit Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren oder mit Geldstrafe geahndet werden. Bei nachgewiesenem Plagiat handelt es sich also nicht um eine Bagatelle oder ein Kavaliersdelikt. Abwegig ist, wenigstens zurzeit, deshalb die Auffassung, wie sie im Grundsatzprogramm der Piratenpartei deutlich wird, wonach das geltende Urheberrecht eine unzumutbare Beschränkung der „aktuellen Entwicklung“ darstelle, da es „auf einem veralteten Verständnis von so genanntem geistigem Eigentum“ basiere.

eröffnet Wolfgang Bittner dort seinen Artikel anlässlich der aktuellen Plagiatsdiskussion um Frau Dr. Schavan (die mich übrigens nicht die Bohne interessiert).

Die Sätze sind ein bisschen verschachtelt und nicht ganz unkompliziert, aber wenn wir sie mal für etwas schlichtere Gemüter umformulieren, dann steht da:

Das geltende Urheberrecht sieht Strafen für Plagiate vor, deswegen ist es abwegig, das geltende Urheberrecht zu kritisieren.

Müsste nicht sogar bei der FAZ jemand gemerkt haben, dass das unfassbarer Blödsinn ist? Lesen die ihren Kram noch, bevor sie ihn veröffentlichen?

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31 Responses to Boah, sag mal

  1. Henk sagt:

    Da verkürzt du aber unzulässig. Richtig heißt es natürlich:

    Das geltende Urheberrecht sieht Strafen für Plagiate vor, daraus kann man ablesen, was für ein schlimmes Delikt ein Plagiat objektiv ist. Deswegen ist es abwegig, das geltende Urheberrecht zu kritisieren.

    So macht’s doch gleich viel mehr… äähh…

    Ja!

  2. 19Uhr30 sagt:

    Scheint als hätte die FAZ das Universalargument gegen Gesetzesänderungen gefunden: „Das Gesetz sagt dazu aber das, was das Gesetz derzeit dazu aussagt…“

  3. Jetzt scheint der Artikel weg zu sein, oder funktioniert bei euch der Link noch?

  4. Aleks sagt:

    Nope, tut er nicht.
    Aber FAZ ist ein gutes Stichwort, hab da gerade noch über ein Glanzstück der Grafikerkunst gelesen:
    http://www.annotazioni.de/post/1050

  5. Muriel sagt:

    Also, bei mir führt der Link jetzt (wieder?) zum Originalartikel. Vielleicht war das nur ein vorübergehender Fehler.

  6. UnendlicheFreiheit sagt:

    Also bei mir funktioniert der Link (wieder?).
    Diese Argumentation hört man doch öfters. [Hier einsetzen] ist verboten und wird geahndet. Wenn es nicht schlimm wäre, wäre es ja nicht verboten. Also muss es weiterhin verboten sein. Aber fairerweise schreibt der Autor am Ende des Artikels noch, wieso es sich bei Plagiaten um einen ,,perfiden Diebstahl‘‘ handelt. Hätte er sich doch eigentlich sparen können?

  7. David sagt:

    Ärgerlicher finde ich allerdings die implizite Unterstellung, die Piraten wollten das Plagiieren ‚erlauben‘. Hat bei der FAZ aber System, glaube ich. Was interessiert die Wahrheit, wenn man auch schön agitieren kann.

  8. freedomforce sagt:

    Also bei mir funktioniert der Link (wieder?).
    Diese Argumentation hört man doch öfters. [Hier einsetzen] ist verboten und wird geahndet. Wenn es nicht schlimm wäre, wäre es ja nicht verboten. Also muss es weiterhin verboten sein. Aber fairerweise schreibt der Autor am Ende des Artikels noch, wieso es sich bei Plagiaten um einen ,,perfiden Diebstahl‘‘ handelt. Hätte er sich doch eigentlich sparen können?

    Nur ist Legitimität nicht selbstevident. Um etwas zu verbieten bedarf es nicht zwangsläufig der Vernunft, höchstens Gewalt.

  9. freiheitistunteilbar sagt:

    Geistiger Diebstahl? Irgendwann erfinden die Rechtspositivisten auch noch die schwangere Jungfrau und dann „gnade den schwangeren Jungfrauen Gott.“ 😉

    Korporatismus ist die Kraft, die Gesetze wie diese schafft. 🙂

  10. Dietmar sagt:

    Verstehe die Kritik nicht: Wenn´s aber doch da im Gesetz steht?! Es ist ja schließlich GESETZ! Gesetze sind doch für die Ewigkeit bindend und mit allumfassender Weisheit geschöpft. Egal, was kommt.

    In der Sache bin ich aber für den Schutz der Urheberrechte. Das Argument FAZ ist aber mehr als wackelig.

  11. Muriel sagt:

    @Dietmar: Was sind denn die guten Argumente, die dich zu deiner Meinung geführt haben?
    Ich stehe in dieser Frage immer noch ziemlich zwischen den Stühlen.

  12. UnendlicheFreiheit sagt:

    @ freedomforce
    Das ist mir klar. Das war bloss ein Hinweis darauf, dass da öfters etwas durcheinander gebracht wird. Schlussendlich ist jedes Gesetz nackte Gewalt und hat mit Vernunft nichts zu tun.

    @ Dietmar & Muriel
    Weiter unten stehen doch die dollen Argumente für Urheberrechte:

    “Plagiatoren begehen einen besonders perfiden Diebstahl. Dem Urheber gehen die gestohlenen Ideen und Inhalte weitgehend verloren, weil sie nicht mehr originär sind. Und der Plagiator profitiert unrechtmäßig in mehrfacher Hinsicht: Er brilliert mit fremdem Geistesgut, fördert seine Karriere und steigert sein Einkommen durch die Aneignung fremder Arbeit. Dass nach neueren Untersuchungen ständig Ideen gestohlen und wissenschaftliche, literarische oder künstlerische Werke ausgebeutet werden, ist keine Entschuldigung, eher ein Armutszeugnis für unsere Kultur.“

  13. Nachash sagt:

    Du solltest wirklich die Finger von der FAZ lassen. Das ist nicht gut für den Blutdruck.

  14. Dietmar sagt:

    @Muriel: Wenn ich persönlich argumentieren darf? Das, was ich kreativ geschaffen habe, möchte ich auch finanziell verwerten. Dass das bisher nicht so geklappt hat, steht auf einem anderen Blatt. Ärgern würde mich aber schon sehr, wenn ein anderer mit meinen Werken Geld verdient.

  15. Muriel sagt:

    @Dietmar: Ja gut. Ich bin da in der gleichen Situation wie du. Und darüber hinaus möchte ich noch vieles anderes, das ich auch nicht kriege.
    Aber das reicht doch nicht als Grundlage einer allgemeinen Gesetzgebung, oder?

  16. Dietmar sagt:

    @Muriel: Ich sehe schon einen Unterschied, ob ich etwas nicht kriege, was ich gerne hätte, oder ob ich aus der Leistung, die ich erbracht habe, Wert schöpfen möchte. Das Urheberrecht hat einen wesentlichen Anteil daran, dass Künstler frei und von Dienstherren unabhängig arbeiten können. Mozart Werke wurden beispielsweise von Kopisten, die nicht annähernd Vergleichbares leisten konnten, für Klavier transkribiert. Daran wurde richtig verdient, ohne den eigentlichen Urheber zu beteiligen. Wenn er selbst daraus etwas ziehen wollte, musste er selbst, statt zu komponieren, Klavierauszüge schreiben. Ich würde das als einen Missstand ansehen und es hat lange gedauert, bis die Künstler zu ihrem Recht kamen. Das würde ich nicht wieder umkehren wollen, auch, wenn ich nicht selbst potenziell betroffen wäre.

  17. Muriel sagt:

    @Dietmar:

    Ich sehe schon einen Unterschied, ob ich etwas nicht kriege, was ich gerne hätte, oder ob ich aus der Leistung, die ich erbracht habe, Wert schöpfen möchte.

    Ich unterstelle dir keine böse Absicht, aber ich denke, hier machst du, was mich auch an anderen Befürwortern eines solchen Schutzrechtes gelegentlich stört: Du möchtest nicht nur Wert aus der Leistung schöpfen. Du möchtest anderen verbieten, dein Idee zu verwenden, um selbst Wert zu schöpfen. [Nachtrag, vergessen:] Und du schreibst, als wäre das ein und dasselbe.
    Ein Eigentumsrecht an Sachen finde ich deshalb sehr naheliegend, weil Sachen zum Beispiel nur von einer Person gleichzeitig benutzt werden können, weil sie kaputtgehen können, wenn man sie nicht sorgsam behandelt, und so weiter.
    Diese Eigenschaften haben Ideen nicht. Ich finde Schutzrechte für Ideen deshalb weitaus weniger naheliegend.
    Dass es für Urheber schön ist, wenn sie anderen verbieten können, ihre Ideen zu nutzen, zweifle ich nicht an, obwohl es natürlich auch die Kehrseite gibt, dass man als Urheber permanent andere um Erlaubnis bitten muss, um deren Ideen verwenden zu können. Ich denke da zum Beispiel an George R.R. Martin, der seinen Armageddon Rag nicht so veröffentlichen konnte, wie er wollte, weil die Zitate aus Songs ihn ein Vermögen gekostet hätten.
    Was mir an deiner Argumentation noch fehlt, wäre ein Grund, aus dem es für die ganze Gesellschaft wünschenswert wäre, so eine Regel zu haben, und wie du sie gern gestaltet hättest.
    Ich weiß, das ist viel verlangt, aber man kanns ja mal versuchen.

  18. Dietmar sagt:

    @Muriel: Ich will Dir auch keine böse Absicht unterstellen und verstehe Dich auch möglicherweise falsch, aber ich verstehe „Idee“ als einen eher singulären Gedanken, der kreativ oder banal oder was auch immer sein kann. Die Idee steht eher am Anfang eines Werkes und Ideen werden im Verlauf gebraucht. Das Werk am Ende ist mehr als eine Sammlung von Ideen. Wenn Du eine Geschichte über Liebe und Tod schreiben willst, ist das eine Idee. Wenn sie auf „Romeo und Julia“ basiert, kann das ein eigenes Werk sein. Wenn Du „Romeo und Julia“ abschreibst, ist das ein Plagiat. Die Grenzen dürften fließend sein. Wenn ich die Idee für irgendein Werk habe, muss ich sie verwirklichen, um sie zu verwerten. Die Idee alleine ist nichts und nicht schützensfähig oder -wert. Mir wurde übrigens schon eine Idee geklaut, indem der „Dieb“ diese mit anderen Mitteln umsetzte. Das regt mich nicht auf, ist weder verhinderbar, noch ist es wünschenswert, das zu verhindern, weil das Teil des kreativen Prozesses ist. Zudem weiß ich selber nicht, wie ich auf die Idee gekommen bin und halte es für möglich, sie woanders her und diese Quelle vergessen oder nur unbewusst wahrgenommen zu haben. Es geht also um die Wertschöpfung aus einem Werk, nicht aus einer Idee, denn das wäre zu wenig.

    Ein Eigentumsrecht an Sachen finde ich deshalb sehr naheliegend, weil Sachen zum Beispiel nur von einer Person gleichzeitig benutzt werden können, weil sie kaputtgehen können, wenn man sie nicht sorgsam behandelt, und so weiter.

    Hier könnte man rhetorisch fragen, wieso Du nicht möchtest, dass andere Sachen mitbenutzen, wenn man davon ausgeht, dass sie pfleglich behandelt werden und warum die Möglichkeit der Benutzung nacheinander den Nachteil nicht aufwiegt, dass man Dinge nicht immer gleichzeitig benutzen kann. Du hast gerne Dinge für Dich allein, ich hätte gerne Gummibärchen. Oder so ähnlich.

    obwohl es natürlich auch die Kehrseite gibt, dass man als Urheber permanent andere um Erlaubnis bitten muss, um deren Ideen verwenden zu können.

    Ich bin im Urheberrecht allgemein zu wenig bewandert, kann aber für meinen „Bereich“ antworten. Und muss widersprechen: Ich darf alle vorhandenen Werke verwenden, ohne zu fragen. Im Rahmen eines „kleinen Nutzungsrechts“ (der genaue Terminus will mir jetzt nicht einfallen) darf ich alle Werke aufführen, eigene Bearbeitungen der Werke aufführen und damit aus Konzerten Geld einnehmen. Die eigene honorierte Leistung besteht in der Aufführung, der Urheber erhält Geld aus dem Leistungsschutz. Wenn ich darüber hinaus Tonträger oder die eigenen Arrangements verkaufen will, dann muss ich die Rechte für diese Verwertung erwerben. Ich finde das fair und richtig, denn bei aller Satzkunst, die ich mir einbilden mag, ist diese nichts ohne die Wirkkraft der zugrunde liegende Musik, ihrer kompositorischen Qualität oder schlicht Beliebtheit. Die Ideen der zitierten Werke, also Motive, kann ich jederzeit und überall einsetzen, wenn sie Bestandteil eines erkennbar eigenen Werkes sind, es also mehr ist, als die bloße Aneinanderreihung von Werkzitaten.

    Was mir an deiner Argumentation noch fehlt, wäre ein Grund, aus dem es für die ganze Gesellschaft wünschenswert wäre, so eine Regel zu haben, und wie du sie gern gestaltet hättest.

    Ich will das Urheberrecht nicht gestalten. Für mein Fachgebiet ist es gut durchdacht, wie ich finde. Ich kann eigentlich nur die Gegenfrage stellen, warum Du es gesellschaftlich nicht für wünschenswert hälst, wenn Künstler aus ihren Werken Eigentum erzielen.

    Ich vermute, Du benutzt den Begriff „Idee“ umfassender als ich für eine geistige Leistung unabhängig von ihrer materiellen Erscheinung und damit für das ganze jeweilige Werk. Wenn diese in dieser Form weder schützenswert noch schützenswürdig noch schützensfähig ist, dann frage ich mal über das Thema hinausgehend, wie es denn mit den Dissertationen ist, die ja auch eine solche Form der Idee repräsentieren. Ist es da auch so abwegig, auf die Eigenständigkeit des Werkes zu bestehen? Warum darf eine Doktorarbeit nicht einfach andere Doktorarbeiten oder Arbeiten allgemein kopieren? Wenn man da die Originalität (so nenne ich das jetzt mal vereinfachend) überprüfen kann, warum nicht bei künstlerischen Werken? Wenn am Ende einer solchen Arbeit der Lohn des Titels steht, warum denn nur für den Urheber und nicht auch für den, der diese Arbeit auch für sich verwerten möchte?

  19. Muriel sagt:

    @Dietmar: Na gut, Idee war eine ungünstige Wortwahl. Ich meinte, wie du ganz richtig vermutest, immaterielle Güter allgemein.

    Hier könnte man rhetorisch fragen, wieso Du nicht möchtest, dass andere Sachen mitbenutzen, wenn man davon ausgeht, dass sie pfleglich behandelt werden und warum die Möglichkeit der Benutzung nacheinander den Nachteil nicht aufwiegt, dass man Dinge nicht immer gleichzeitig benutzen kann.

    Und ich würde sogar trotz der rhetorischen Frage antworten, dass ich hier schon mehrmals geschrieben habe, dass ich auch sehr offen wäre für alternative Modelle und nicht besonders versessen bin auf unser heutiges Eigentumsmodell.

    Ich darf alle vorhandenen Werke verwenden, ohne zu fragen.

    Das kommt auf die Art der Verwendung an, schreibst du ja selbst.
    Ich wollte aber auch keine Diskussion über die letzten Tiefen unserer Schutzrechte für Immaterialgüter einsteigen und wollte lediglich darauf hinweisen, dass sie auch für Urheber nicht ausschließlich vorteilhaft sind. Was überwiegt, muss jeder für sich selbst beurteilen.

    Ich kann eigentlich nur die Gegenfrage stellen, warum Du es gesellschaftlich nicht für wünschenswert hälst, wenn Künstler aus ihren Werken Eigentum erzielen.

    Weil ich bisher keine guten Argumente dafür sehe.
    (Und wenn wir schon bei sprachlichen Unschärfen sind: Tun sie nicht, und will auch niemand im Ernst. Eigentum ist was anderes als das, was wir gelegentlich als „geistiges Eigentum“ bezeichnen, weshalb ich den Begriff auch nicht besonders schätze.)
    Darüber hinaus empfinde ich allgemein einen Widerwillen dagegen, Menschen das Recht zuzugestehen, Zwang gegen andere Menschen auszuüben. Aber um das auch noch mal klar auszusprechen: Ich habe mich bisher auch nicht abschließend gegen solche Schutzrechte positioniert. Bisher habe ich dazu keine eigene Überzeugung. Ich sehe durchaus auch die Vorteile zum Beispiel eines Urheberrechts. Ob sie die Nachteile überwiegen, das kann ich eben nicht einschätzen.

    Wenn diese in dieser Form weder schützenswert noch schützenswürdig noch schützensfähig ist, dann frage ich mal über das Thema hinausgehend, wie es denn mit den Dissertationen ist, die ja auch eine solche Form der Idee repräsentieren. Ist es da auch so abwegig, auf die Eigenständigkeit des Werkes zu bestehen? Warum darf eine Doktorarbeit nicht einfach andere Doktorarbeiten oder Arbeiten allgemein kopieren? Wenn man da die Originalität (so nenne ich das jetzt mal vereinfachend) überprüfen kann, warum nicht bei künstlerischen Werken? Wenn am Ende einer solchen Arbeit der Lohn des Titels steht, warum denn nur für den Urheber und nicht auch für den, der diese Arbeit auch für sich verwerten möchte?

    Diese Fragen sprechen aus meiner Sicht zwei völlig verschiedene Dinge an. Das Eine ist wie gesagt Urheberrecht, zu dem ich keine Überzeugung habe.
    Das andere ist der Nachweis der Fähigkeit zum vertieften wissenschaftlichen Arbeiten, zum Erstellen eigener Beiträge zum Fortschritt in der wissenschaftlichen Erkenntnis und Wasweißichnoch.
    Dass es für die Sinnhaftigkeit einer Prüfung entscheidend ist, dass der Prüfling nicht einfach eine fremde Leistung kopiert, halte ich für evident, obwohl wir insbesondere bei der Promotion trefflich über die Sinnhaftigkeit der Prüfung an sich streiten können, auch wenn ich selbst mich auch gerade immer noch in diesem Prozess befinde.
    Oder anders: Wenn jemand für seine Dissertation einfach andere plagiiert, dann muss das selbstverständlich anders beurteilt werden, als wenn er eine eigene Leistung vorlegen kann.
    Genauso fände ich es albern, jemanden für einen begnadeten Komponisten zu halten, bloß weil er eine Partitur von Brahms abgeschrieben hat, und ich würde sogar so weit gehen, jemanden einen unethisch handelnden Lügner zu nennen, der zum Beispiel eine meiner Geschichten in seinem Blog veröffentlichen und vorspiegeln würde, sie wäre von ihm.
    Aber ich bezweifle, dass ich mir das Recht anmaßen würde, Zwangsmittel gegen ihn anzuwenden, damit er damit aufhört. (Ich sage das im Sinne einer mir vorschwebenden Gesellschaftsordnung. Im Rahmen der Gesellschaftsordnung, in der wir alle nun einmal leben müssen, ob wir wollen oder nicht, werfe ich es niemandem vor, der es für die vernünftige Entscheidung hält, seine Urheberrechte durchzusetzen, wenn er sie schon einmal hat. Die Welt wird ja nicht besser, bloß weil ich als einsamer Don Quijote so tue, als wäre sie’s schon.)
    Leuchtet die Unterscheidung ein, die ich da aufmache?

  20. Dietmar sagt:

    @Muriel:

    Na gut, Idee war eine ungünstige Wortwahl. Ich meinte, wie du ganz richtig vermutest, immaterielle Güter allgemein.

    Alles klar.

    Und ich würde sogar trotz der rhetorischen Frage antworten, dass ich hier schon mehrmals geschrieben habe, dass ich auch sehr offen wäre für alternative Modelle und nicht besonders versessen bin auf unser heutiges Eigentumsmodell.

    Entschuldige bitte, ich wollte Dich nicht mit etwas nerven, das Du schon vorher klargestellt hattest. Jetzt wage ich fast nicht zu sagen, dass, wenn man über alternative Modelle nachdenken will, man erst einmal einen Grund haben müsste, das aktuelle Modell abzulehnen. Ich lehne es nicht ab und sehe auch keinen Grund, es abzulehnen.

    Ich wollte aber auch keine Diskussion über die letzten Tiefen unserer Schutzrechte für Immaterialgüter einsteigen und wollte lediglich darauf hinweisen, dass sie auch für Urheber nicht ausschließlich vorteilhaft sind.

    Okay. Ich verstehe nicht, warum es erstens ausschließlich vorteilhaft sein sollte (bzw. was ist denn schon ausschließlich vorteilhaft?) und wo die Nachteile den lägen. Ich kann meine Werke selbst verlegen. Kostet viel, Erfolgschancen gering. Oder ich versuche, sie in einem Verlag veröffentlichen zu lassen, der im Wesentlichen Vorteile in der Werbung hat. Dann muss ich aber etwas abgeben. Dass das zu viel ist in meinen Augen, ist kein Fehler des Rechts sondern der Praxis, den man abstellen müsste. Ich weiß aber nicht wie. Andere Nachteile fallen mir aber nicht ein.

    Ich kann eigentlich nur die Gegenfrage stellen, warum Du es gesellschaftlich nicht für wünschenswert hälst, wenn Künstler aus ihren Werken Eigentum erzielen.

    Weil ich bisher keine guten Argumente dafür sehe.

    Es ist kein gutes Argument, wenn man sagt, dass derjenige, der Leistung erbracht hat, dafür entlohnt wird? Mal abgesehen von dem enormen Existenzrisiko in künstlerischen Berufen allgemein, und das bekomme ich gerade sehr unangenehm zu spüren (Btw: Ich hatte bisher eine einzige Arbeit für den öffentlich rechtlichen Rundfunk zu machen, mehr wird wohl nicht kommen: die waren in meiner ganzen Laufbahn die einzigen, die meine Leistung vollumfänglich vergüteten. Meistens bekommt man wenig aber dafür zusätzlich wohlmeinende Worte.), sollen die, die erfolgreich produzieren, daraus keine Früchte ziehen bzw. dies der Allgemeinheit einfach so zur Verfügung stellen?

    Darüber hinaus empfinde ich allgemein einen Widerwillen dagegen, Menschen das Recht zuzugestehen, Zwang gegen andere Menschen auszuüben.

    Finde ich gut. Aber jemanden Rechte nicht zuzugestehen, seine Arbeit auszuwerten, ist zwar kein direkter Zwang, aber ein Druck, der künstlerische Arbeit zum Broterwerb unterläuft und eigentlich unmöglich macht.

    Ich habe mich bisher auch nicht abschließend gegen solche Schutzrechte positioniert.

    Okay, das hatte ich so noch nicht verstanden. Danke für die Klarstellung.

    Diese Fragen sprechen aus meiner Sicht zwei völlig verschiedene Dinge an.

    Ja, ich weiß. Aber ich dachte mir, nur wenn Vergleiche humpeln, sind sie gute Vergleiche. 😉 Deshalb leuchtet mir die Unterscheidung auch ein; ich sehe da ja selbst so. Die Schlussfolgerung sehe ich aber anders: Brahms kann man (meines Wissens) durchaus abschreiben, weil da kein Urheberrecht mehr betroffen ist. Abgesehen von der lächerlichen Durchschaubarkeit wird auch niemand ein Interesse daran haben, Brahms abzuschreiben. Es geht eher um aktuelle oder zeitnahe Werke. Wenn ich mir sage, ich schreibe jetzt mal einen tollen Roman über einen Zauberlehrling, der nicht weiß, dass er zaubern könnte, und nenne ihn Harry Potter, ich habe sogar schon Filmmusik für die spätere Kino-Auswertung im Kopf, finde ich, muss man das untersagen können und mit Zwangsmitteln durchsetzen.

  21. Muriel sagt:

    @Dietmar:

    Entschuldige bitte, ich wollte Dich nicht mit etwas nerven, das Du schon vorher klargestellt hattest. Jetzt wage ich fast nicht zu sagen, dass, wenn man über alternative Modelle nachdenken will, man erst einmal einen Grund haben müsste, das aktuelle Modell abzulehnen. Ich lehne es nicht ab und sehe auch keinen Grund, es abzulehnen.

    Und man bräuchte einen Grund, sich überhaupt ein Modell zu wünschen und nicht einfach jeden machen zu lassen, was er will. Bei körperlichen Sache halte ich den wie gesagt für evident. Bei nichtkörperlichen nicht. Übrigens kein Grund für eine Entschuldigung. Kann ja nicht jeder alles hier lesen.

    Ich verstehe nicht, warum es erstens ausschließlich vorteilhaft sein sollte

    Sollte es nicht.
    Ich wollte das nur klarstellen, weil ich vorher geschrieben hatte, dass ich schon verstehe, warum es für Urheber was Gutes ist.

    Es ist kein gutes Argument, wenn man sagt, dass derjenige, der Leistung erbracht hat, dafür entlohnt wird?

    Sagen wir, es wäre eins. Erstmal ist es nur eine Behauptung. Dann stehe ich natürlich generell der Idee kritisch gegenüber, den Lohn für eine Leistung zu erzwingen. Wenn eine Leistung nicht ohne Zwang entlohnt wird, dann empfinden andere Menschen sie offenbar nicht als entlohnenswerte Leistung. Das mag in vielen Fällen bedauerlich sein (Ich gönne dir jeden Erfolg, weine immer noch jeden Tag, dass Firefly nach einer Staffel eingestellt würde und würde echt gerne sehr viel Geld mit meinen Geschichten verdienen.), rechtfertigt aber nicht die Zwangsmittel.
    Aber sogar wenn wir diesen grundsätzlichen Vorbehalt mal vernachlässigen, müsste ich noch überzeugt werden, dass eine bestimmte Form von Schutzrecht angemessenen Lohn für Leistungen gewährleistet. Bin ich nämlich bisher nicht. Wir beide zum Beispiel leisten echt Großes, aber die Entlohnung lässt zu wünschen übrig, trotz ausgefeilten Urheberrechtsschutzes.

    Aber jemanden Rechte nicht zuzugestehen, seine Arbeit auszuwerten, ist zwar kein direkter Zwang, aber ein Druck, der künstlerische Arbeit zum Broterwerb unterläuft und eigentlich unmöglich macht.

    Wer will denn sowas?

    Die Schlussfolgerung sehe ich aber anders: Brahms kann man (meines Wissens) durchaus abschreiben, weil da kein Urheberrecht mehr betroffen ist.

    Fändest du es denn in Ordnung? Wo ist denn da der Unterschied? Weil der Urheber tot ist?

    Abgesehen von der lächerlichen Durchschaubarkeit wird auch niemand ein Interesse daran haben, Brahms abzuschreiben. Es geht eher um aktuelle oder zeitnahe Werke. Wenn ich mir sage, ich schreibe jetzt mal einen tollen Roman über einen Zauberlehrling, der nicht weiß, dass er zaubern könnte, und nenne ihn Harry Potter, ich habe sogar schon Filmmusik für die spätere Kino-Auswertung im Kopf, finde ich, muss man das untersagen können und mit Zwangsmitteln durchsetzen.

    Und das wäre nicht lächerlich durchschaubar?
    Naja. Ich finde das eher nicht, glaube ich. Aber vielleicht ändere ich meine Meinung ja noch, wenn Nimmermehr verfilmt wird.

  22. stefanolix sagt:

    Stefanolix schreibt ein Buch. Er verkauft das Manuskript für ein Fix-Honorar an einen Verlag und der Verlag bringt das Buch auf einen [abgeschlossenen] Markt. Die Verkaufszahl dürfte irgendwo zwischen 5.000 und 10.000 Stück pro Jahr liegen. Ich weiß es nicht genau.

    Der Inhalt des Buches interessiert aber auch andere Leute (über den abgeschlossenen Markt hinaus).

    Stefanolix erfährt zufällig, dass der Inhalt seines Buches von einer Autorin im Selbstverlag verwendet wurde: In Form von Aufzählungen, Nummerierungen, Tabellen, kurzen Absätzen. In dem »neuen« Büchlein wird nicht nur der Inhalt wiedergeben, sondern bestimmte Wortgruppen sind auch deckungsgleich.

    Manchmal sind in den Inhalt des Originals banale Einsprengsel eingefügt, die keinen Erkenntnisgewinn bringen. Allerdings muss ich fairerweise sagen: Es wurden aufgrund der Tabellenform keine kompletten Passagen übernommen und es wurden Abbildungen ergänzt.

    Der Anteil des (paraphrasiert) übernommenen Inhalts beträgt etwa 40 bis 50 Prozent. Eine Quellenangabe ist natürlich nicht vorhanden.

    Die Autorin verkauft das Buch online. Ich wusste als Autor davon nichts und mein Verlag weiß es auch noch nicht. Zwei Fragen an die versammelten Kommentatoren:

    Wozu raten Sie mir?

    Wie würden Sie urteilen, wenn Sie über den Fall im Gericht entscheiden müssten?

    Ich freue mich über jedes gute Argument. Morgen muss ich zum Telefonhörer greifen.

  23. Muriel sagt:

    @Stefanolix: Fragst du jetzt gerade mich? Soll ich auch Sie sagen? Und falls ja: Warum fragst du mich?
    Habe ich irgendwie den Eindruck erweckt, ein guter Berater bei solchen Fragen zu sein, oder ein kompetenter Urheberrechtler?
    Ich meine, ich schreibe auch, aber mangels kommerziellen Erfolgs hat es bisher noch niemand für nötig gehalten, was von mir zu plagiieren, soweit ich weiß.
    Insofern kann ich da eigentlich nicht so recht mitreden, fürchte ich.

  24. stefanolix sagt:

    Tut mir Leid, wenn mein Anliegen nicht deutlich wurde. Ich bin nicht an der juristischen Seite interessiert. Ich habe schon entschieden, was ich tun werde.

    Ich bin eigentlich an ethischen bzw. moralischen Aspekten und Argumenten interessiert.

    Ich habe drei Optionen: Ich kann morgen die Autorin des »anderen« Werkes anrufen und versuchen, mit ihr zu verhandeln; ich kann den Verlag anrufen [der sehr gute Anwälte hat]; ich kann auf beides verzichten.

  25. Muriel sagt:

    @stefanolix: Ich persönlich würde wahrscheinlich den Verlag anrufen, wenn du es wirklich wissen möchtest.
    Aber eigentlich kann ich die Situation ethisch gar nicht angemessen beurteilen, und außerdem bin ich nicht mal sicher, ob sich zwischen deinen drei Alternativen überhaupt ethisch entscheiden lässt.
    Soweit ich das erkennen kann, geht es doch nur um die Frage, ob und wie sehr dich stört, was sie da macht.

  26. stefanolix sagt:

    PS: Und nein, ich wollte nicht auf das Du verzichten. Das war sozusagen in die Runde gesprochen.

    Ich dachte, dass ein praktischer Fall als Beispiel ganz gut wäre. Was ich beschrieben habe, ist nämlich gar nicht so selten.

  27. stefanolix sagt:

    Ich rufe den Verlag an. Dann setzt der Verlag seine Anwälte in Bewegung und die Autorin wird allein für ihre eigene Rechtsvertretung so viel Geld ausgeben, dass es ihr richtig weh tut.

    Der Fall sieht für sie nicht gut aus. Wenn sie verliert oder wenn sie einem Vergleich zustimmt, wird sie ein sattes Verlustgeschäft gemacht haben. Wenn man es realistisch betrachtet, kann sie das in die Insolvenz treiben. Es besteht die Vermutung, dass sie auch andere Bücher auf diese Weise hergestellt hat.

  28. Wolfgang sagt:
    Danke, Dietmar, für Deine kenntnisreiche Sachlichkeit, stefanolix für das Beispiel. Es ist eben differenzierter, als manche Laien meinen. Es gibt Künstler, Musiker, Schriftsteller, Publizisten, die leben von ihrer kreativen Arbeit, die mehr oder weniger für die Kultur einer Gesellschaft wichtig ist. Und es gibt nicht wenige Leute, auch in der Kulturszene, denen selber nichts Originäres (mehr) einfällt, die sich bei den wirklich Kreativen schamlos einfach bedienen und damit ihre Geschäfte machen.

  29. Muriel sagt:

    @Dr. Wolfgang Bittner: Danke für Ihre Kommentare, und da mir gerade die Namensgleichheit in’s Auge fällt und ich vermute, dass Sie der von mir gescholtene Urheber sind: Hätten Sie womöglich Lust, mir Ihre Argumentation zu erläutern, auf dass ich Abbitte leisten kann, falls ich Ihnen Unrecht getan haben sollte?

  30. […] Ist das noch Wahnsinn, oder hat es Methode, dass die FAZ offenbar gerne mit dem Inhalt eines Gesetzes für dessen Inhalt argumentiert? Nee, Herr Müller, wenn der Gesetzgeber die schon beschlossen hätte, müsste das […]

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