Sapere Aude

Nee, ich muss euch enttäuschen, es geht hier nicht um Aufklärung, und ich habe auch nicht mal wieder einen antireligiösen Rant geschrieben, oder sonstwas Tolles.

Gibt nur eine notdürftig angehübschte uralte Nichtmehrganzkurzgeschichte von mir.

Vom 27. September 2001, sehe ich gerade. Und hat trotzdem nichts mit New York zu tun. Egal, seht selbst:

Sapere Aude

Oh. Hallo. Seltsam, dass Sie gerade jetzt hier auftauchen. Hm. Wissen Sie… Mir ist klar, dass das für Sie ein bisschen komisch aussehen muss, wie ich hier in den Scherben einer chinesischen Vase stehe, die meine Mutter ein kleines Vermögen gekostet hat, genau zwischen den regungslos hingestreckten Körpern zweier Männer…

Aber, ob Sie es glauben oder nicht, es gibt eine durchaus vernünftige Erklärung dafür, und ich bin ziemlich sicher, dass Sie mir Recht gäben, wenn Sie die ganze Geschichte kennten… Also, warum erzähle ich sie Ihnen nicht einfach?

Ich weiß nicht, was Georg tun kann. Und ich weiß genau so wenig, was Georg weiß…

Aber ich bin mir ziemlich sicher, dass er im Kern noch ein Mensch ist. Er schläft regelmäßig, er isst (und wie!), er trinkt, und wenn ich ihn erschieße, wird er wohl sterben. Aber das wird sicher nicht nötig sein, schließlich… Nein. Nein, ich fange das ganz falsch an. Ich will es Ihnen richtig erzählen, sonst können Sie es ja nicht verstehen.

 

Wir waren in der Schule ein Paar. Vorher kannte ich ihn nicht, er kam erst in der Zwölften an meine Schule. Wir waren nie richtig verliebt, wir hatten nicht mal Sex. Aber ich fand seine ständig gelangweilte überhebliche Art irgendwie cool, er hatte Geld, er las immer so komische alte Bücher auf… Assyrisch, glaub ich, und… Ich war nach allgemeiner Einschätzung das schönste Mädchen in meinem Jahrgang. Ich hatte nicht so riesige Titten wie Monika, und mein Arsch war nicht so hübsch rund wie der von Ariane, aber in meiner Mittelmäßigkeit war ich doch irgendwie herausragend. Außerdem fand er mich wohl amüsant, und so waren wir beide ziemlich glücklich mit dem Arrangement.

Er kam mir damals schon ein bisschen seltsam vor, aber gerade das gefiel mir ja. Er lächelte immer. Aber man konnte auch immer in seinen Augen sehen, dass es weder ein freundliches noch ein glückliches Lächeln war.

Unsere Trennung verlief denkbar unspektakulär. Nach dem Abitur haben wir uns einfach nicht mehr gesehen, mangels Gelegenheit.

Ich habe dann eine Banklehre gemacht und noch ein Wirtschaftspsychologiestudium dran gehängt, und dann schickte mich die Deutsche Bank nach Mexiko Stadt, wo ich heute in der Zentrale Abteilungsleiterin Privatkredit bin.

Sie können sich also vorstellen, wie überrascht ich war, als es letzten Monat mitten in der Nacht, ich glaube, es muss gegen zwei Uhr gewesen sein, an meiner Tür klingelte und dann Georg vor mir stand, in seinem zweiteiligen schwarzen Anzug mit hellblauem Hemd ohne Krawatte. Ich kann mich nicht erinnern ihn mal in etwas Buntem gesehen zu haben. Er lächelte.

Ich blinzelte ihn an und sagte: „Ist nicht wahr.“

Wenn ich es mir richtig überlege, war ich eigentlich nicht überrascht. Ich hatte nicht damit gerechnet ihn je wieder zu sehen, aber ich war nicht überrascht. Ich war… Na, was weiß ich, was ich war, aber Überraschung ist nicht das richtige Wort.

„Doch“, sagte er, und das Lächeln war noch da. „Ich wollte dich schon seit langer Zeit einmal wieder besuchen, und jetzt hat es sich endlich ergeben.“

Er hatte sich kaum verändert. Sicher, er war eben zehn Jahre älter, seine Schultern breiter, sein Gesicht kantiger, seine Stimme ein bisschen tiefer, aber sonst…

„Wo…“ Ich rieb mir die Augen und schaute kurz an mir hinab um sicher zu gehen, dass mein Bademantel noch ordentlich saß. Nicht, dass Georg in der ganzen Zeit, in der wir uns kannten, auch nur einmal seinen Blick unterhalb meines Kinns hatte schweifen lassen…

„Woher wusstest du denn bloß, wie du mich findest?“

Sein Lächeln wurde breiter, aber seine Lippen blieben verschlossen.

„Ich wusste schon immer mehr als andere.“

„Stimmt allerdings… Tja…“ Ich zögerte einen Moment um ihm Gelegenheit zu geben etwas zu sagen. Aber er sagte nichts. „Und jetzt? Willst du reinkommen? Hast du beschlossen, dass es ein Fehler war mich nicht zu vögeln und willst das jetzt nachholen?“

Wenn man das so liest, klingt es ein bisschen verbittert. Aber ich hielt es damals einfach für eine witzige und –in Anbetracht der Uhrzeit– ziemlich geistreiche Bemerkung.

Für einen kurzen Moment verschwand das Lächeln. Er musste wohl ein bisschen nachdenken um eine passende ausweichende Antwort zu finden.

„Es ist wirklich so, wie ich sagte. Ich musste von zu Hause weg, unangenehme Schwierigkeiten mit der Steuerbehörde. Du bist meine Zuflucht, wenn du so willst.“

Nach allem, was ich wusste, hatte sein Vater es mit diesen Dingen nie allzu genau genommen. Er verfuhr mit dem Erbe wohl nicht wesentlich anders.

„Aber du hättest dir schon bis morgen ein Hotel nehmen können…“ Ich versuchte ein bisschen vorwurfsvoll zu klingen, aber… Eigentlich nahm ich es ihm gar nicht übel, dass er mich geweckt hatte. Die letzten zwei Jahre hier waren viel zu langweilig gewesen. Ich hätte mich wahrscheinlich auch über einen bewaffneten Überfall gefreut. Nicht, dass sowas in Mexiko Stadt schwer zu kriegen wäre.

Er zuckte die Schultern.

„Sie suchen bestimmt nach mir.“

„Komm rein. Aber glaub nicht, dass ich morgen Frühstück mache.“

Ich konnte morgens nie was essen. Wer gleich nach dem Aufstehen Nahrung aufnehmen kann und will, ist mir suspekt.

Er trat an mir vorbei in meine Wohnung.

„Möchtest du … was trinken?“ fragte ich.

„Nein danke.“

Ich ließ meinen Blick durch das Wohnzimmer schweifen.

„Wo willst du denn schlafen? Wenn du willst, kannst du mit in mein Bett kommen. Ich hab sonst keins.“

Vielleicht schwang da ein bisschen die Hoffnung mit, dass er es sich tatsächlich noch anders überlegen würde… Aber vor allem war mein Bett wirklich groß genug für zwei, und ich hatte keine Couch, sondern nur ein paar Sessel. Sessel sind einfach viel bequemer, solange man eben nicht drauf schlafen will.

Er lächelte mich an.

„Ich glaube nicht, dass du das willst, Felia.“ Meine Eltern hatten einen etwas seltsamen Geschmack… „Und ich will dich wirklich nicht stören. Tu einfach, als wär ich nicht da. Ich bleibe auch höchsten zwei, drei Wochen, und natürlich bezahle ich alles selbst.“

„Mach, was du willst. Ich bin müde und geh jetzt wieder schlafen.“ Ich stutzte. „Hast du eigentlich keinen Koffer oder so?“

Er lächelte.

„Ich musste meine letzte Heimstatt recht plötzlich verlassen.“

„Heimstatt…“ Ich zuckte die Schultern und schlurfte in mein Schlafzimmer zurück.

 

Am nächsten Morgen war ich mir nicht mehr ganz sicher, dass das alles wirklich passiert war. Bis ich nach dem Duschen in meine Küche ging um eine Tüte Orangensaft aus dem Kühlschrank zu holen und Georg am Küchentisch sitzen sah. An meinem Küchentisch, vollständig bedeckt mit Lebensmitteln, von denen ich die meisten ganz bestimmt nicht gekauft hatte. Er war schon immer ein Frühaufsteher gewesen.

Vor ihm stand eine Schüssel mit Coco Pops in Milch, daneben drei Gläser mit Nussnougatcreme, zwei Laiber Weißbrot, eine Packung Fruit Loops, zwei Familienpackungen Mars-Riegel, vier Milchkartons, davon zwei leer, ein riesiger Karton mit Kakaopulver… Und noch ein paar andere Sachen, die Sie wohl gar nicht so im Einzelnen interessieren.

„Oh… Du warst einkaufen?“ Ich grinste.

Er hatte früher schon immer viel gegessen, aber das überraschte mich dann doch ein bisschen.

Er blickte von dem Coco Pops auf und erwiderte mein Lächeln, mit echter Freundlichkeit.

„Genau. Bedien dich ruhig.“

Er machte mit seinem Löffel eine unbestimmte Geste über dem Tisch und wandte sich dann wieder dem Essen zu.

„Oh, nein danke, ich verzichte.“

Ich sah eine Weile zu, wie er hastig Löffel um Löffel verschlang, bis die Schüssel nach unglaublich kurzer Zeit leer war. Dann griff er nach einem Weißbrot und einem der Nougatcremegläser, und ich beschloss, dass ich heute auch auf meinen Orangensaft verzichten würde.

„Ich zieh mich jetzt an und geh zur Arbeit“, sagte ich, „Benimm dich, während ich weg bin.“

Er nickte nur und winkte mir zu, denn sein Mund war schon wieder voll.

Kopfschüttelnd verließ ich die Küche.

 

Fürchten Sie sich nicht, ich werde Ihnen nicht von meiner Arbeit erzählen. Lesen Sie was von Arthur Hailey, wenn Sie das interessiert. Der Mann ist gut. Ich komm gerade nicht drauf, wie sein Buch über Banken hieß, aber bestimmt kriegen Sie das irgendwie raus. Money wahrscheinlich. Er hat es nicht so mit einfallsreichen Titeln.

Als ich am Abend wiederkam, begegnete ich dem Concierge. Ich hatte sofort den Verdacht, dass er auf mich gewartet hatte, und inzwischen bin ich mir da ziemlich sicher. Er starrte auf seine Zehenspitzen, als er sagte:

„Guten Abend, Senorita Hansen…“

An den drei Punkten nach meinem Namen erkannte ich sofort, dass ich hier mit einem einfachen „Guten Abend, Senor Luendo“ nicht durchkommen würde.
“Abend. Worum geht’s?“ fragte ich stattdessen.

Mit Mühe blickte er auf und sah mir ins Gesicht.

„Senorita Hansen, natürlich gehen mich Ihre Bekanntschaften nichts an…“

Ich zog meine Augenbrauen ein bisschen zusammen und erwiderte: „Das sehe ich allerdings auch so.“

„Aber…“ Er zögerte. „Aber… Der Senor, in Ihrer Wohnung, er hat heute einen anderen Senor mitgebracht… Einen…“ Er zuckte die Schultern und schüttelte den Kopf, als er all seinen Mut zusammennahm und sich endlich dazu durchrang, zur Sache zu kommen: „Er hat einen Vagabundo mitgebracht, ein scheußliches Untier, Senorita Hansen, betrunken und stinkend wie ein verlauster Köter. Ich bin sicher, die anderen Mieter wären Ihnen sehr verbunden, wenn derartige… Besuche in Zukunft unterbleiben könnten.“

Ich zuckte die Schultern.

„Wissen Sie, vielleicht hatte er einen guten Grund dazu… Aber ich werde mit ihm drüber sprechen, darauf können Sie sich verlassen. Hat er den Kerl in meine Wohnung mitgenommen?“ fragte ich schließlich noch, als mir klar wurde, dass das keineswegs nur ein Problem des Concierges und der anderen Mieter war.

„Ja, Senorita Hansen.“ Er nickte eifrig, offenbar war ihm bewusst, dass ich im Begriff war, mich auf seine Seite zu schlagen.

„Ich werde ganz bestimmt mit ihm reden, Senor Luendo. Danke, dass Sie mir davon erzählt haben. Gute Nacht.“

„Gute Nacht, Senorita Hansen.“

Mit einer leichten Verbeugung öffnete er mir die Tür des Aufzugs.

Ich drückte auf die Taste zum dreizehnten Stock (Ich hatte schon immer mal im dreizehnten Stock wohnen wollen. Ein Appartement Nummer Dreizehn gab es in diesem Stockwerk leider nicht, und das im ersten Stock war schon vergeben.) und eilte dann zu meiner Tür, in der durchaus ernsthaften Befürchtung Georg blutüberströmt und bewusstlos in meinem ausgeräumten Appartement vorzufinden. Der erste Teil dieser Ahnung wurde dann ja auch schließlich wahr, aber so weit bin ich noch lange nicht.

Ich schloss auf – und fand Georg ganz friedlich und allein vor dem Fernseher sitzend vor, in der einen Hand einen riesigen Hamburger, in der anderen eine halbvolle Colaflasche.

„Wie bleibst du bloß so schlank?“ fragte ich, während ich die Tür hinter mir wieder schloss.

Er zuckte die Schultern. „Ich habe einen starken Metabolismus.“

„Was hast du mit diesem Penner gemacht?“ wechselte ich unvermittelt das Thema, „Hast du den auch gegessen?“

Sein Kopf ruckte zu mir herum und für einen Moment, nur einen ganz winzigen Moment, glaubte ich, dass er ihn tatsächlich gegessen hatte, und mich nun töten würde, weil er dachte, ich wüsste davon. Vielleicht kennen Sie dieses Gefühl. Vielleicht auch nicht.

Dann zog er seine Mundwinkel nach oben und brachte noch ein überzeugendes Lächeln zustande. Der winzige Moment war natürlich schon lange Vergangenheit, und ich war gespannt auf seine Geschichte.

„Er hat mich neugierig gemacht“, erklärte Georg einfach.

„Wie, neugierig? Hatte er noch ein Stück Fleisch zwischen den Zähnen?“

Er sah mich missbilligend an und biss ein großes Stück von seinem Burger ab.

„Er hatte da einen ziemlich originellen Spruch, und mir fiel auch gerade eine originelle Antwort ein, auf die er dann wieder was Cleveres sagte. Wie auch immer, am Ende versprach ich ihm einen Schein, wenn er mich beim Mühle schlägt.“

Er zuckte die Schultern und schob sich den Rest des Hamburgers in den Mund. Ich wäre alleine von diesem Stück noch satt geworden. Er hatte sichtliche Mühe mit dem Kauen, schien seine Entscheidung aber nicht zu bereuen.

„Und?“

Seine Geschichte schien mir irgendwie glaubhaft. Ich konnte mir damals ja auch noch keinen Grund vorstellen, aus dem er mich anlügen sollte.

Er grinste mich an, mit seinen Ketchupverschmierten Lippen. „Natürlich hab ich gewonnen. Niemand schlägt mich, das weißt du doch.“ Er schluckte den letzten Rest des Burgers, den er noch irgendwo in seinem Mund gehabt hatte, herunter. „Ich hab ihm einen Schein gegeben, weil er sich ziemlich gut geschlagen hat. Und ich hab geputzt und gelüftet, nachdem er weg war.“

„Brav. Trotzdem sollte das nicht zur Gewohnheit werden.“

„Wieso weißt du eigentlich davon?“ fragte er völlig beiläufig, als würde es ihn eigentlich gar nicht interessieren. Als wäre es ihm inzwischen eigentlich wirklich egal, und er würde nur fragen, weil er es am Anfang eben vorgehabt hatte. Ich hatte tatsächlich den Eindruck, es wäre ihm überhaupt nicht wichtig. Ich habe jetzt ein bisschen zu dick aufgetragen, oder?

„Der Concierge hat es mir erzählt“, antwortete ich wahrheitsgemäß.

„Hausmeister…“ murmelte er, um dann, wieder an mich gewandt, hinzuzufügen: „Wusste nicht, dass es hier überhaupt einen gibt. Du hast doch keine Schwierigkeiten meinetwegen?“

Ich winkte ab. „Ach was. Er fand das nur ein bisschen seltsam.“

In diesem Moment bemerkte ich das Buch, das neben ihm auf dem Sofa lag. Es war in Leder eingebunden und offenkundig sehr, sehr alt. Auf das Leder waren in roter Farbe Schriftzeichen gezeichnet, die zwar kaum noch zu erkennen waren, die mir aber dennoch bekannt vorkamen.

„Wo hast du das denn her?“ fragte ich, „Du hattest doch gar keine Tasche dabei.“

„Wie?“

Er folgte meinem Blick zu dem Buch und antwortete dann, fast ohne zu zögern: „Das hab ich auf einem Flohmarkt hier in der Nähe gefunden.“

„Ist das Assyrisch?“

„Ja. Komischer Zufall, was?“

 

Am nächsten Morgen war Georg nicht da. Ich vermutete, er wäre einkaufen gegangen, und ich war froh, dass mir die Freude an meinem Saft nicht durch den abstoßenden Anblick seiner maßlosen Völlerei verdorben wurde.

Abends kam ich wieder, und abermals wartete der Concierge auf mich. Auch diesmal starrte er auf seine Füße und begrüßte mich verlegen mit den Worten: „Guten Abend, Senorita Hansen…“

Der entscheidende Unterschied war, dass er einen Verband an seinem Kopf hatte, der sein rechtes Auge bedeckte, und einen weiteren an seiner linken Hand. Die Hand sah irgendwie seltsam aus, und nachdem ich sie eine zeitlang aufs Unhöflichste angestarrt hatte, wurde mir klar, das da mindestens ein Finger fehlen musste: Der Ringfinger. Vielleicht auch noch ein paar andere.

„Grundgütiger, was ist Ihnen denn passiert, Senor Luendo?“

Er blickte nicht auf.

„Es… Es ist nichts, Senorita. Nur ein paar von diesen nutzlosen Jugendlichen, die nicht aufhören wollten, vor dem Haus Fußball zu spielen. Ich… Morgen werde ich schon wieder so gut wie neu sein, Senorita.“

Ich hob eine Augenbraue.

„Und…“ begann er wieder, noch bevor ich etwas erwidern konnte, „Ich wollte mich bei Ihnen entschuldigen für gestern. Es geht mich nichts an, was in Ihrer Wohnung passiert, und es war sehr unhöflich von mir mich in Ihre Angelegenheiten einzumischen.“

Jetzt sah er auf und blickte mir in die Augen. Ich glaube heute noch, dass er das ehrlich meinte. „Senorita, verzeihen Sie mir?“ Er streckte mir die unverletzte Rechte entgegen.

Ich schüttelte sie

„Selbstverständlich, Senor Luendo. Machen Sie sich keine Sorgen, Sie haben sich nichts vorzuwerfen. Ich wünsche Ihnen alles Gute, und dass es Ihnen bald wieder besser geht.“

„Vielen Dank, Senorita, Sie sind sehr freundlich zu mir.“

Mit einer leichten Verbeugung öffnete er mir die Tür des Aufzugs.

„Ist wirklich alles in Ordnung?“

„Aber ja. Bitte machen Sie sich keine Sorgen um mich.“

„Bitte machen Sie sich keine Vorwürfe, ja? Sie haben nichts falsch gemacht.“

„Vielen Dank.“

Ihnen mag das unglaublich scheinen, aber Sie müssen bedenken, dass ich damals nicht wusste, dass ich die Protagonistin einer so seltsamen Geschichte war, und so dachte ich keine Sekunde lang daran, dass an den Verletzungen des Concierge jemand anders als die verdammten Jugendlichen schuld gewesen sein könnten, die mich übrigens auch schon öfter belästigt hatten. Behalten Sie diese Worte im Auge, wenn Sie weiterlesen. Versuchen Sie sich in meine Lage zu versetzen und dann fragen Sie sich ganz ehrlich, ob Sie anders reagiert hätten als ich.

Als ich die Tür zu meinem Appartement öffnete, sah ich Georg gerade aus der Küche kommen und deren Tür hinter sich zu zuziehen. Ein seltsamer Geruch hing in der Luft. Ich konnte ihn damals nicht zuordnen, und kann ihn auch jetzt nicht beschreiben.

Ich hatte an diesem Abend Hunger, denn mittags hatte ich zu tun gehabt, und wenn ich beschäftigt bin, esse ich nicht. Deshalb steuerte ich sofort auf ihn zu und fragte: „Kochst du etwa? Und was, um Himmels Willen?“

Er breitete die Arme im Türrahmen aus, offenbar entschlossen, mich nicht vorbei zu lassen.

„Es tut mir leid, Felia“, sagte er mit einem verlegenen Lächeln, das ihn ungewohnt niedlich aussehen ließ, „Mir ist da ein kleines Missgeschick widerfahren. Ich würde das gerne in Ordnung bringen, bevor du da reingehst. Das kann noch ein bisschen dauern, leider…“

„Georg, ich hab Hunger. Lass mich durch, ich verspreche auch, dass ich nicht lache.“

„Sag mir doch, was du möchtest, dann hol ich’s dir. Wirklich, ich würde das gerne in Ordnung bringen, ohne dass du’s siehst.“ Er zuckte die Schultern.

Ich auch.

Ja, gut, vielleicht haben Sie Recht. Vielleicht war ich wirklich zu gutgläubig. Vielleicht freute ich mich einfach, dass er wieder da war. Vielleicht wollte ich das nicht kaputt machen. Vielleicht wollte ich gar nicht herausfinden, was mit ihm nicht stimmte, weil ich mich lange nicht mehr so gut gefühlt hatte. So … nicht allein.

„Dann bring mir doch so einen großen Joghurtbecher. Erdbeer, wenn noch da ist“, sagte ich und ließ mich auf den Sessel fallen, um fernzusehen.

 

Am nächsten Morgen geschah dann etwas, was mich doch ein bisschen misstrauisch machte.

Als ich aufstand und ins Bad ging um zu duschen, schlief Georg noch – es war das erste Mal, dass ich ihn schlafen sah.

Er lag auf dem Fußboden, wie aufgebahrt, auf dem Rücken, vollständig bekleidet und machte alles in allem nicht den Eindruck, als hätte er dort eine Nacht verbracht. Nur seine Schuhe hatte er ausgezogen und ordentlich neben sich abgelegt. Sogar seine Frisur (Sein Haar war immer mit ein bisschen Gel nach hinten gekämmt.) saß noch perfekt. Das war es aber natürlich nicht, was mich an ihm zweifeln ließ, es wunderte mich nur ein bisschen.

Ich zog mich an, trank ein Glas Orangensaft und ging dann in Richtung Tür. Ich war die ganze Zeit über keineswegs besonders vorsichtig gewesen, und trotzdem hatte er sich nicht gerührt. Er schlief wie ein Baby. Ich zog meine Jacke über, öffnete die Tür und sagte:

„Tschüss, bis heute Abend.“

Ich hab keine Ahnung, wieso, aber irgendwie war ich neugierig. Er wachte nicht auf. Wie tot. Aber ich konnte sehen, wie sein Brustkorb sich langsam hob und senkte und hatte also keinen Grund zur Sorge. Zumindest nicht um ihn… Aber daran dachte ich damals ja nicht.

Ich fahre immer mit der U-Bahn zur Arbeit. Das ist zwar jedes Mal wieder ein ziemlich ekelhaftes Erlebnis, zwanzig Minuten in einem völlig überfüllten Waggon mit schwitzenden Mexikanern zu verbringen, aber es ist bei weitem nicht so eklig wie der Verkehr in Mexiko-Stadt um diese Uhrzeit.

Ich war gerade auf der Treppe hinunter zur U-Bahn-Station, als mir jemand auf die Schulter tippte.

„Senora Hansen?“ fragte eine Männerstimme hinter mir.

Ich drehte mich um und blickte in das Gesicht eines ungewaschenen und unrasierten jungen Bettlers, gekleidet in ein zerschlissenes T-Shirt und nur noch rudimentär vorhandenen Jeans. An seiner linken Hand fehlte der Ringfinger, und er trug eine Augenklappe.

„Sie wohnen in Nummer 1305?“ fragte er in gebrochenem Englisch mit einem grauenhaften Akzent.

Ich nickte. „Und wenn ich da auch wohnen bleiben möchte, muss ich pünktlich zur Arbeit kommen.“

„Es dauert nicht lange. Sie sollten nur wissen, dass der Mann in der Wohnung ein böser Mann ist. Werfen Sie ihn raus.“

Ich legte meine Stirn in Falten und musterte den Bettler ein paar Sekunden lang.

„Sind Sie der… Obdachlose, den Georg vorgestern in mein Appartement mitgebracht hat?“

Er nickte eifrig, offenbar erfreut, dass ich ihm glaubte. Was ich eigentlich noch gar nicht tat.

„Er hat“, er stockte unvermittelt, obwohl er den Satz offenbar eigentlich hatte beenden wollen. Dann begann er von vorne: „Er ist ein böser Mann. Behalten Sie ihn nicht.“

Ich sah auf die Uhr. „Nur, weil er Sie geschlagen hat?“ fragte ich mit einer gehobenen Augenbraue.

„Er hat noch viel mehr getan, Miss. Hören Sie auf mich, und bitte sagen Sie ihm nicht, dass ich mit Ihnen gesprochen habe. Ich muss gehen.“

Sprach’s, und lief davon, als befürchtete er, ich würde ihm meine Handtasche nachwerfen.

Nun wurde ich doch ein bisschen nachdenklich. Natürlich war mir aufgefallen, dass er die gleichen Verletzungen hatte wie der Concierge, aber ich hielt das für einen seltsamen Zufall. Vielleicht war er ja der gleichen Bande zum Opfer gefallen… Eine andere Erklärung konnte ich mir nicht so recht vorstellen.

Am Nachmittag verließ ich die Zentrale dann wieder, und ich hatte kaum die Tür nach draußen geöffnet, da kam mir auch schon jemand entgegen, der wohl vor dem Gebäude auf mich gewartet hatte.

Der Mann trug einen abgetragenen schweren Mantel von hellbeiger Farbe, der ihm bis zu den Knöcheln hinabreichte. Das Ding wirkte ziemlich schwer, und er musste fürchterlich schwitzen. Zu dem Mantel gehörte auch eine Art Kapuze, die er tief ins Gesicht gezogen hatte. Er war etwas kleiner als ich, vielleicht ein Meter siebzig.

Ich sagte ja schon, dass ich in den letzten zwei Jahren ein entschieden ereignisloses Leben geführt hatte, und abgesehen von dem merkwürdigen Aufzug sah er eigentlich sehr nett aus. Ich blieb stehen und begrüßte ihn auf Spanisch.

„Seien Sie gegrüßt“, antwortete der Mann in perfektem Deutsch. Er musterte mich mit aufmerksamen hellblauen Augen, die ich nun unter der Kapuze erkennen konnte, und warf dann noch einen prüfenden Blick auf eine Fotografie, die er in den Händen hielt. Anscheinend kam er zu dem Schluss, dass ich wirklich die Richtige war. Er trug einen gründlich gestutzten dunkelblonden Vollbart, der eigentlich recht gut zu ihm passte, obwohl er wohl kaum viel älter als dreißig sein konnte.

„Sie sind Frau Felia Hansen aus Hamburg?“

Ich nickte. „Genau. Und Sie wollen mit mir über Georg von Hass sprechen, richtig?“

„Genau so ist es. Aber ich zöge es vor, dieses Gespräch an einem privateren Ort zu führen.“

Nicht viel älter als ich, wenn überhaupt, aber er stand so gerade, und sprach so formell und so klar artikuliert, dass ich mich beinahe beherrschen musste, um nicht in mein Portemonnaie zu greifen und ihm alle möglichen Papiere zu zeigen.

„Sind Sie von der Polizei oder so was?“

Er dachte einen Moment nach, bevor er antwortete: „Ich habe keinen staatlichen Auftrag, aber ich diene dennoch der öffentlichen Sicherheit.“

Ich grinste. „Ich bin doch noch gar nicht so lange weg… Ist es schon so weit gekommen, dass sich Bürgermilizen gebildet haben?“

Er lachte leise und schüttelte den Kopf.

„Neinnein. Die Zwecke, denen ich diene, sind im Gegenteil recht unbürgerlich. Aber ich würde Ihnen das wirklich gerne anderswo erklären. Vielleicht in einem Restaurant? Dort wären wir unter uns, und dennoch wären Sie nicht völlig alleine, falls Sie mir misstrauen.“

Ich entschied mich für El Rape, ein uriges kleines Fischrestaurant mit einer hervorragenden Küche mitten im Bankenviertel von Mexiko-Stadt. Sie können sich das sicher vorstellen, flackernde Laternen und Fischernetze an den Wänden, keine Tischtücher, Bullaugen als Fenster… Der Besitzer hatte trotz seiner Bemühungen um Gemütlichkeit noch genug Sinn für Diskretion gehabt, die Tische weit genug auseinander zu stellen, um dem Wunsch meines Begleiters nach einem unbeobachteten Treffen zu genügen. Auf dem Weg dorthin stellte er sich mir als Tobias Lechner vor, aus Bayreuth. Ich wunderte mich darüber, dass er einwandfreies Hochdeutsch sprach, und er erklärte, dass er schon in jungen Jahren eine Ausbildung in einem Internat begonnen hatte.

Wir wählten einen Tisch in der schummrigsten Ecke des Restaurants, und zu meiner Überraschung zog Herr Lechner sogar seinen Mantel aus, bevor er Platz nahm. Er hatte schulterlange blonde Haare, als Pferdeschwanz zusammengebunden, und er trug eine dunkelblaue Jeans, ein graues Hemd und eine braune Tweedjacke mit Lederflicken an den Ellenbogen.

Es war noch recht früh, und außer uns war nur ein anderer Gast da, sodass das ohnehin schon sehr aufmerksame Personal des Restaurants sofort bei Fuß stand.

Ich bestellte eine gemischte Fischplatte und ein Glas Cola, Herr Lechner eine Schwarze Paella und einen Liter stilles Wasser. Nachdem die Kellnerin (Conchita stand auf ihrem Namensschild.) uns wieder verlassen hatte, stützte ich meine Ellenbogen auf den Tisch und sah Herrn Lechner tief in seine blauen Augen.

„Also dann, erzählen Sie Ihre Geschichte.“

Er atmete ein und schaute auf seine Hände, offenbar ein bisschen eingeschüchtert von meiner Nähe. Ich lächelte. Es war wohl ein reines Jungeninternat gewesen.

„Ich gehöre zum Bund von Antiochia, der im ersten Jahrhundert unserer Zeitrechnung gegründet wurde –übrigens in Thessalonike,…“

„Bemerkenswert!“

„…um die Welt vor den Übeln der Hexerei zu schützen.“

Ich konnte mir ein Grinsen nicht verkneifen. „Hexerei.“

Er nickte ernsthaft. „Sie glauben nicht daran. Das ist nur natürlich, denn der Bund von Antiochia nimmt Hexer für gewöhnlich in Gewahrsam, noch bevor sie ihre finstere Macht entwickeln. Wir haben Mittel, sie zu finden.“

Zur Demonstration zog er aus einer Tasche seines Mantels, den er über seinen Stuhl gehängt hatte, etwas, das aussah wie die Nadel eines sehr großen Kompasses. In der Mitte des Zeigers befand sich ein Stachel senkrecht zum Verlauf des Zeigers. Auf diesem Stachel stellte Herr Lechner den Zeiger auf den Tisch, und das Ding fiel nicht um. Das war natürlich nicht genug um mich zu überzeugen, ich nahm zunächst an er hätte es einfach nur tief genug in die Tischplatte gedrückt um es aufrecht zu halten.

Dabei konnte ich allerdings nicht lange bleiben, denn kaum hatte er es losgelassen, da begann es sich zu drehen, wie die Kompassnadel, der es ähnelte, nur konnte es sich anscheinend nicht für eine Richtung entscheiden, denn es drehte sich einfach immer weiter, mit ständig wechselnder Geschwindigkeit.

„Leider scheint Herr von Hass sich irgendwie verbergen zu können“, sagte Herr Lechner.

„Netter Trick“, gestand ich ein. Nicht, weil ich ihn wirklich nett fand, oder auch nur clever, sondern einfach um freundlich zu sein.

„Ich versichere Ihnen, es ist keineswegs ein Trick.“

Er steckte die Nadel wieder ein und zog stattdessen einen mattsilbern glänzenden Armreif aus einer anderen Tasche.

„Hiermit binden wir sie. Dieser Bannreif zwingt sie unter die Herrschaft desjenigen, der sein Gegenstück trägt.“

Er zog seinen rechten Ärmel ein wenig hoch um mir seinen Armreif zu zeigen. Dann steckte er den Bannreif wieder ein.

„Wenn das alles wirklich Ihr Ernst ist“, wandte ich ein, „Wieso erzählen Sie es mir denn? Ich könnte doch mit dem bösen Zauberer…“

„Hexer!“

„…Hexer im Bunde sein.“

„Wir sind davon überzeugt, dass Herr von Hass all dies schon weiß. Zudem würde ihm dieses Wissen nicht allzu viel nützen, denke ich.“

Wir unterbrachen unser Gespräch kurz, als Conchita uns das Essen und die Getränke brachte. Nachdem ich einige Bissen von meiner Fischplatte probiert und für gut befunden hatte, nahm ich die Unterhaltung wieder auf.

„Herr Lechner, es ist Ihnen sicherlich nicht entgangen, dass ich Ihnen kein Wort glaube.“

Er nickte und schwieg, bis er die Gabel Paella in seinem Mund heruntergeschluckt hatte.

„Sicher, Frau Hansen, sicher. Es hätte mich sehr überrascht, wenn es anders gewesen wäre. Aber… Sehen Sie, Magie beruht darauf, eine Verbindung zu Gegenständen und Personen herzustellen, die man beherrschen will. Darauf beruht die Macht eines Hexers. Aber es ist auch eine Schwäche für ihn. Der Bannreif zum Beispiel beruht auf dieser Tatsache. Auf Sie würde er nicht wirken.“

Ich hörte ihm lächelnd zu. Seine Geschichte war zumindest interessant ausgedacht.

„Und ebenso ist ein Hexer mit Gegenständen verbunden, die er regelmäßig gebraucht. Er kann gar nicht anders. Die Kleidung und die Schuhe eines Hexers tragen Spuren seiner Magie und können gegen ihn verwendet werden. Wenn Sie an Fingernägel von ihm gelangen könnten, oder abgeschnittene Haare… Aber ich will nicht zu sehr ins Detail gehen. Versuchen Sie es, und Sie werden überzeugt werden.“

„Und dann zieht er aus, und Sie müssen von vorne anfangen. Überhaupt, warum haben Sie mich angesprochen, wenn Sie wussten, dass er bei mir wohnt? Und wie sind Sie eigentlich auf mich gekommen?“

„Das war nicht schwer.“ Er lächelte. „Georg von Hass hatte nie viele Freunde, und Sie waren die letzte Person, die noch in Frage kam. Wir haben befürchtet, er wäre vielleicht völlig alleine untergetaucht, aber das ist ja glücklicherweise nicht eingetroffen. Was Ihre erste Frage angeht… Es gibt einen Grund dafür, dass er bei Ihnen Unterschlupf gesucht hat.“

„Jetzt bin ich gespannt“, nuschelte ich mit vollem Mund, denn offenbar wartete er auf einen Kommentar meinerseits.

„Der Bund von Antiochia dient dem Wohle der Menschheit, und wir sind sehr darauf bedacht unsere enormen Möglichkeiten nicht zu missbrauchen. Deshalb gehört zu der Ausbildung unserer Agenten eine laaange Liste mit Vorschriften, die wir unbedingt einzuhalten haben. So dürfen wir zum Beispiel Unbeteiligten keinen Schaden zufügen, und in Ihre Wohnung einzubrechen wäre wohl eindeutig ein Verstoß gegen diese Vorschrift gewesen.“

„Es ist mir ein Rätsel, wie es Ihnen gelungen ist, jemals auch nur einen Hexer zu fangen, wenn Sie jedes Mal vorher um Erlaubnis bitten müssen.“

Er zuckte die Schultern und lächelte verlegen.

„Wie gesagt, Frau Hansen, normalerweise gehen wir anders vor. Wir… ‚fangen’ eigentlich niemanden. Unter gewöhnlichen Umständen regeln wir diese Dinge auf freiwilliger Basis mit den Eltern des… Betroffenen. Herr von Hass ist ein Sonderfall, und unsere Vorschriften sind für so etwas nicht erdacht worden. Ich habe allerdings meine Vorgesetzten kontaktiert und werde wahrscheinlich bald neue Anweisungen bekommen. Bis dahin werde ich Ihre Wohnung aufmerksam beobachten.“

Ich hatte definitiv den Eindruck, dass er mir noch etwas verschwieg. Aber Sie können sich sicher vorstellen, dass mir das eigentlich herzlich egal war.

„Wie auch immer. Ich danke Ihnen für die nette Unterhaltung, Herr Lechner, aber ich glaube nicht, dass ich Ihnen helfen kann.“

„Wissen Sie, ob er schon Augen und Finger genommen hat?“ fragte er.

„Was?“

Jetzt hatte er mich doch ein bisschen überrascht.

„Für einige Rituale benötigt er menschliche Fingerknöchel und Augen. Es ist viel Macht in Fingerknöcheln. Suchen Sie in Ihrer Wohnung, vielleicht finden Sie welche. Und versuchen Sie einen Gegenstand in die Hände zu bekommen, der eng mit ihm verbunden ist. Versuchen Sie es einfach, was kann das schon schaden?“

Noch bevor ich antworten konnte, fügte er hinzu: „Er isst viel, nicht wahr?“

„Ja… Und jetzt wüsste ich doch gerne, was das mit Zauberei zu tun hat.“

„Einfach: Seine Hexenkünste fordern sehr viel von ihm. Er muss viel mehr Energie aufnehmen als jeder gewöhnliche Mensch, denn er verbraucht natürlich auch viel mehr.“

Ich dachte kurz nach.

„Das ist doch lächerlich. Es tut mir leid, Herr Lechner,…“

„Ich verstehe“, unterbrach er mich, „Aber wenn Sie auch nur den geringsten Funken eines Verdachts haben, ich könnte die Wahrheit sagen, dann bitte ich Sie in Gottes Namen, versuchen Sie es. Versuchen Sie es einfach, Sie müssen ja niemandem davon erzählen, wenn nichts geschieht. Sie können dann einfach behaupten, Sie hätten mir nie ein Wort geglaubt, und es wird nie jemand erfahren. Denken Sie bitte darüber nach.“

Im Verlauf seiner Rede hatte er über den Tisch hinweg eine meiner Hände ergriffen und mir sehr eindringlich in die Augen gesehen. Sein Blick hatte eine ganz bemerkenswerte Intensität gewonnen. Ich bedauerte fast, dass er offenbar ein Wahnsinniger war.

Nun war ihm seine leidenschaftliche Aufwallung offenbar ein bisschen peinlich. Er ließ mich wieder los und blickte auf seine Paella herab.

Mit einem Seufzen zog er einen kleinen Dolch aus einer Tasche seines Mantels.

Ich lehnte mich ein Stück zurück und machte mich bereit, aufzuspringen, aber er hob beruhigend eine Hand, drehte den Dolch mit dem Griff zu mir und schob ihn über den Tisch zu mir rüber. Das Ding schimmerte matt bronzefarben im schummrigen Licht des Restaurants. Es war eine länglich-tränenförmige Klinge ohne Parierstangen, mit einem hölzernen Griff, verziert mit golden glänzenden Ranken und Reben.

„Gibt der +5 TP und einen Geschicklichkeitsbonus?“ fragte ich.

Mit einem melancholischen Lächeln schüttelte er seinen Kopf.

„Das nicht. Aber versuchen Sie es einfach mal. Sie werden sehen.“

 

Ich weiß nicht genau wieso, aber ich erzählte Georg nichts davon, als ich an diesem Abend nach Hause kam. Ich glaubte Lechner kein Wort, und Georg hatte gesagt, dass er verfolgt wurde. Mir war schon klar, dass ich ihm vielleicht sagen sollte, dass seine Verfolger ihn gefunden hatten. Aber andererseits … Ja, das ist halt so eine Sache. Ich konnte diese merkwürdigen Kerl mit seinem albernen Mantel und seinem Hexenkompass eben nicht ernst nehmen, und vielleicht hatte ich ein bisschen Angst, dass Georg abhauen würde, wenn ich ihm davon erzählte.

Dies war auch der erste Abend seit seinem unverhofften Erscheinen, an dem wir tatsächlich eine längere Unterhaltung führten, und wir verstanden uns blendend. Es war ein bisschen wie damals, als wir noch ein Paar waren, wenn Sie mir ein bisschen Nostalgie gestatten. Und schließlich… Gewissermaßen waren wir ja noch ein Paar. Jedenfalls hatten wir uns nie richtig getrennt.

Ich erzählte ihm von meinem Studium, von meinen Kollegen und meiner Familie, er machte ein paar Scherze und brachte mich wirklich zum Lachen. Es war der schönste Abend seit… Nun, ich gebe das nicht gerne zu, aber es war der schönste Abend seit meiner Schulzeit. Und Georg schien es auch zu gefallen.

Nach einer halben Stunde stand er auf um sich aus der Küche eine Packung Mars-Riegel, eine Zwei-Liter-Flasche Cola und eine große Tüte Pan Dulce zu holen. Es war schon ein bisschen seltsam ihm zuzusehen, wie er in den folgenden zehn Minuten all das herunterschlang und damit mehr Kalorien aufnahm als ich unter normalen Umständen in einer ganzen Woche. Verstehen Sie mich nicht falsch, das machte mich nicht misstrauisch oder so, oder ließ mich auch nur ein bisschen mehr an die Erklärungen von Herrn Lechner glauben. Aber es verstärkte meinen unbewussten Widerwillen dagegen, Georg davon zu erzählen.

Ich war kurz davor zu versuchen ihn zu küssen. Aber gerade in diesem Moment stand er auf um ein paar Scheiben Weißbrot in den Toaster zu stecken.

„Du bist echt krank“, sagte ich.

Er lachte leise auf dem Weg in die Küche.

 

Erst als ich ein paar Stunden später in mein Bett fiel, holten mich Lechners Worte wieder ein. Ich wälzte mich eine halbe Stunde von links nach rechts, lag auf der Seite, auf dem Rücken, auf dem Bauch, kurz auch mal mit dem Kopf unter dem Kissen, und kam nicht von meinen Gedanken an das Gespräch mit ihm los, und an den Obdachlosen, und den Concierge.

Und ich beschloss, dass Lechner Recht hatte. Ich konnte es ja einfach mal probieren, und ich würde nie jemandem erzählen müssen, dass ich auch nur eine Sekunde lang die Möglichkeit in Betracht gezogen hatte, Georg würde kleine Kinder fressen und mit dem Teufel im Bunde stehen.

Ich ging früh schlafen und stellte meinen Wecker auf 03:00 Uhr nachts, um sicher zu sein, dass er noch nicht auf war.

Als es soweit war, schlich ich ins Wohnzimmer, ohne das Licht einzuschalten und nahm einen seiner Schuhe.

Ich ging damit in mein Schlafzimmer, setzte mich auf mein Bett und starrte auf diesen Schuh in meiner Hand, der der endgültige Beweis dafür war, dass ich den Verstand verloren hatte. Inzwischen sehe ich das natürlich nicht mehr so, und ich kann Ihnen sagen, dass das meiner Selbstachtung verdammt gut getan hat.

Ich legte den Schuh auf mein Bett, stand auf, tappte zu meiner Handtasche auf dem Stuhl neben der Tür und zog den kleinen Dolch daraus hervor. Nach kurzem Zögern schüttelte ich den Kopf und legte ihn wieder zurück.

Das war doch Blödsinn. Was hatte ich denn jetzt vor?

Aber andererseits… Jetzt war ich so weit gekommen. Jetzt lag der Schuh auf meinem Bett. Zurückbringen musste ich ihn sowieso. Dann konnte ich auch… Nur ein bisschen. Er würde es bestimmt nicht merken, und wenn doch, würde er nie auf die Idee kommen, dass ich seine Sohle mit einem Dolch gestochen haben könnte.

Ich zog das Ding also wieder aus der Tasche, nahm es zurück zum Bett, setzte mich, hob den Schuh auf, schloss also die Augen (Weiß nicht, warum.) und stieß den Dolch von innen in die Sohle des Schuhs. Es ging viel leichter, als ich es mir vorgestellt hatte. Die Klinge glitt in die Sohle wie in einen Pudding und kam am anderen Ende wieder heraus, bevor ich es verhindern konnte.

Können Sie sich mein ungläubiges Staunen vorstellen, als ich in diesem Moment einen Schrei, nein, ein nachgerade weibisches Kreischen aus meinem Wohnzimmer hörte?

Ich eilte der Quelle des Geschreis entgegen. Ich schaltete das Licht ein, und sah dort neben meinem Sofa Georg. Er hüpfte auf dem rechten Bein herum, das andere Bein hielt mit einem Arm auf Hüfthöhe. Mit der anderen Hand wischte er heftig über die Unterseite seines Fußes.

Er kreischte, als würde ihm jemand kochendes Blei in die Ohren gießen.

Ich stand völlig fassungslos im Rahmen der Tür zu meinem Schlafzimmer und starrte meinen Freund Georg an, der schreckliche Schmerzen litt, weil ich einen albernen magischen Dolch in seinen Schuh gesteckt hatte.

Es dauerte sehr lange, bis er mich bemerkte. Mir schien es wirklich schrecklich lange zu dauern, aber tatsächlich kann es unmöglich mehr als eine Minute gewesen sein.

Mit weit aufgerissenen Augen sah er mich an, ohne dabei das Hüpfen einzustellen. Aber mit dem unartikulierten Kreischen hörte er auf.

Sofort darauf fiel sein Blick auf den Schuh in meiner Hand, und seine Augen weiteten sich noch mehr. Es sah aus, als wollten sie gleich auf den Boden fallen.

„Du dumme Kuh“, knurrte er in einer Mischung aus Überraschung und Ärger.

Er ließ den Fuß los und streckte den nun freien rechten Arm mit gespreizter Hand in meine Richtung aus. Ich spürte, wie ich von einer unsichtbaren Kraft vom Boden erhoben wurde.

„Was… Was machst du?“ stammelte ich.

Er wollte gerade antworte, als der schmerzende Fuß, den er nun völlig unbeachtet sinken gelassen hatte, den Boden berührte.

Sofort schrie Georg wieder auf. Sein ganzer Körper krampfte sich so heftig zusammen, dass er in halb sitzender Haltung auf dem Boden endete.

Ich sank langsam wieder auf meine Füße zurück.

„Felia! Zieh das Scheißding da raus! Jetzt!“ schrie er, während er wieder seinen Fuß umklammert hielt und sich krümmte und wand.

Ich war von all dem, was ich in diesen wenigen Minuten erlebt hatte, wie betäubt. Ich dachte überhaupt nicht nach. Ich tat einfach nur, was er mir sagte.

Ich glaube, ich habe noch nie so ein lautes erleichtertes Stöhnen gehört.

Er atmete tief durch und blieb eine zeitlang keuchend auf dem Boden liegen. Ich stand einfach nur da.

Er streckte eine Hand aus, ohne aufzusehen.

„Gib. Mir. Den. Schuh zurück“, sagte er.

Ich nickte.

„Ja, sicher, hier“, murmelte ich schüchtern, während ich zu ihm hinging und ihm den Schuh in die Hand gab.

„Danke.“

„Georg… Du solltest mir das erklären.“

„Und du solltest dich entschuldigen.“

Ich konnte deutlich hören, dass sein Zorn verraucht war. Er war noch nicht so weit, dass er lachte. Er lächelte auch nicht. Aber irgendwie konnte ich hören, dass er es bald tun würde.

Ich jedenfalls lächelte. Nur ein kleines, schüchternes, um Verzeihung bittendes Schlechtes-Gewissen-Lächeln, aber immerhin.

„Es tut mir leid.“

„Na also.“

Ich glaube, jetzt lächelte er auch. Aber er starrte immer noch auf den Boden, deshalb bin ich mir da nicht so sicher.

„Was war das?“ fragte ich.

Jetzt sah er zu mir auf. Da war kein Lächeln mehr. Nur eine gehobene Augenbraue und Spuren von  senkrechten Falten auf seiner Stirn.

„Muss ich dir das wirklich erklären? Ich nehme an, du bist nicht einfach aus undifferenzierter Neugier mitten in der Nacht aufgestanden um nachzusehen, was wohl passiert, wenn du einen von meinen Schuhen piekst…“

„Na ja…“ Ich zögerte. „Nein, eigentlich nicht. Trotzdem gibt es noch ein paar Dinge, die du mir erklären solltest.“

„Erst mal erklärtst du mir, wo du das Ding da her hast!“

Ich weiß nicht, ob mir eine prägnante Antwort eingefallen wäre. Wahrscheinlich hätte mich zunächst interessiert, was er mit den Finger und den Augen anstellte, und wo er sie versteckt hatte. Wie auch immer, die Chance ergab sich gar nicht. In diesem Moment splitterte nämlich die Eingangstür zu meinem Appartement aus ihren Angeln, und zusammen mit ihren traurigen Überresten stürzte Tobias Lechner herein.

Er stürzte tatsächlich, meine ich. Nicht wie die Helden in den Filmen, die einfach hineingerannt kommen, als wäre da gar keine Tür gewesen. Er lag am Ende des Vorgangs am Boden und blickte zu uns auf.

„Ich… Ich habe Schreie gehört“, murmelte er.

Offenbar war ihm auch gerade klar geworden, dass das kein ausreichender Grund für so einen Überfall war.

„Was sind Sie denn für eine Witzfigur?“ knurrte Georg, und noch währenddessen streckte er eine Hand in Lechners Richtung aus.

Der Hexenjäger rappelte sich auf und klopfte sich fahrig seinen Anzug ab, offenbar völlig unbeeinflusst von Georgs Geste.

Georg sah Lechner mit einem Blick an, in dem alle Verwirrung und Unverständnis dieser Welt lagen. Mit offensichtlicher Anspannung ballte er seine Hand zur Faust und vollführte eine seltsame Geste mit der anderen. Nichts passierte.

Tobias zog diesen seltsamen Reif aus seiner Tasche, den er mir bei unserem letzten Treffen gezeigt hatte und ging langsam auf Georg zu. Vielleicht so, wie ein Feuerwehrmann auf einen Selbstmörder zugeht, der direkt am Rand des Daches eines Hochhauses steht.

„Herr von Hass…“ Er sprach ganz langsam und deutlich. „Ich hatte gehofft, dass wir das ohne Gewalt regeln können. Aber dafür scheint es nun zu spät…“

Georg war inzwischen sichtlich verunsichert. Er machte eine ausweichende Bewegung, wahrscheinlich eher unbewusst, aber das reichte schon, um Lechner endgültig auf die Zwangschiene zu bringen. Der Hexenjäger sprang auf Georg zu, mit überraschender Gewandtheit, die ich ihm nie zugetraut hätte. Georg gelang es nicht auszuweichen – er war auch viel zu überrascht –, aber er konnte immerhin verhindern, dass sein Gegner ihn zu Boden warf. Es entspann sich ein lebhafter Ringkampf zwischen den beiden, und als sie gegen die Kommode mit der kostbaren stießen, beschloss ich dem nicht tatenlos zuzusehen.

Ich eilte in das Schlafzimmer zurück, um meine Handtasche zu holen. Als ich zurückkehrte, kniete Lechner auf Georg und versuchte, seine Hände in den Griff zu kriegen, damit er ihm den Reif anlegen konnte.

Ich zögerte nur kurz, bevor ich den Elektroschocker gegen Lechners Nacken drückte und ihn aktivierte.

Das Ding hat mir mein Vater mal geschenkt. Er meinte, sowas müsse man als Frau haben. Es kam mir immer reichlich merkwürdig vor, eine Waffe mit mir herumzutragen aber in dieser Situation kam es mir jedenfalls sehr gelegen. Lechner fiel zu Boden. Er stöhnte, und er versuchte sich zu bewegen, aber er war vorläufig außer Gefecht.

Georg nickte mir mit dem wohl ehrlichsten Lächeln zu, das er mir je geschenkt hatte. Dann kniete er nieder und begann Lechners Taschen zu durchsuchen. Ich wunderte mich ein bisschen, dass er nichts von dem Schock abbekommen hatte. Hätte es ihn nicht genauso erwischen müssen, weil Lechner ihn berührt hatte? Oder funktioniert das anders?

Das war wohl der Zeitpunkt, in dem ich meinen Plan ganz zu Ende dachte. Obwohl ich nicht ausschließen will, dass die Idee grundsätzlich auch vorher schon irgendwo war, ganz weit hinten in einer Ecke meines Verstandes, die ich eigentlich nur als Lagerraum für alte Teppiche und Geschenke entfernter Verwandter benutze.

„Felia, du bist großartig“, sagte Georg, während er Lechner weiter durchsuchte, „Ich wusste immer, dass ich mich“

In diesem Moment zerbrach die Vase von meiner Mutter auf seinem Kopf, und er fiel um, direkt neben seinen Kontrahenten.

„Nun, das alles hier ist mir eine Nummer zu riskant, verzeih mir bitte…“ murmelte ich, während ich meinerseits niederkniete und den Reif aufhob.

Ich sah ihn an, aber ich konnte nirgends ein Scharnier entdecken. Ich drehte ihn in meinen Händen, hielt ihn mir ganz dicht vor die Augen, aber da war nichts. Ich versuchte ihn über Georgs Handgelenk zu schieben, aber auch da hatte ich keine Aussicht auf Erfolg. Das Ding war viel zu eng.

Ich strich mit den Fingern über das Metall, und ich fühlte keine Naht. Dennoch – plötzlich hatte ich zwei halbe Ringe in den Händen. Ich hielt sie versuchsweise aneinander, und schon waren sie wieder eins. Ich zog – zwei halbe. Ich lächelte zufrieden. Das war einfach.

Ich legte Georg den Ring an und stand wieder auf. Ich begann nachzudenken, was ich als nächstes tun würde.

Und genau das ist die Situation, in der Sie mich erwischt haben. Und, was sagen Sie? Klingt doch alles… Na, ich will nicht sagen vernünftig, aber… Sagen wir, Sie hätten es wahrscheinlich genau so gemacht. Seien Sie ehrlich!

 

 

Felia war gerade damit fertig geworden Tobias Lechners Hände auf seinem Rücken zu fesseln und hatte soeben begonnen über einen Knebel nachzudenken, als Georgs Hand zu seinem Nacken wanderte.

„Was… ist passiert?“ nuschelte der Hexer, während er sich massierte.

„Oh… Nun…“ Felia hätte vielleicht eine Erklärung angeboten, aber in diesem Moment sprang Georg auf und brüllte sie an:

„Was ist das an meinem Arm? Warst du das?“

„Nun… Ja.“

Sie zuckte die Schultern. Georg warf die Arme in die Luft.

„Das kann nicht wahr sein! Das kannst du-„

„Sei still.“

Er durchbohrte sie mit einem flammenden Blick. Aber er schwieg.

„Dieses Ding bannt dich, oder?“ fragte Felia mit einem ausgesprochen fröhlichen Unterton, der Georg noch weiter in seinem Zorn bestärkte.

„Mach einen Handstand!“

Felia klatschte fröhlich in die Hände, als Georg gehorchte.

„Fein! Und jetzt… Pack meine Koffer. Nein, was soll’s, wer braucht Koffer? Ruf mir ein Taxi, wir fliegen in die Karibik. Du bist doch ein echter Zauberer?“

Er nickte zähnefletschend.

„Und Geld ist auch kein Problem?“

Er nickte wieder, mit einer Geste, als würde er einer unsichtbaren Person den Hals umdrehen, die genau vor ihm stand und die in etwa so groß war wie Felia.

„Schön. Ruf das Taxi.“

Er verdrehte die Augen, zuckte die Schultern und zeigte auf seinen Mund.

„Du darfst wieder sprechen.“

„Zu liebenswürdig.“

„So bin ich.“

„Felia, überleg dir, was du tust! Du hast keine Ahnung, mit wem du dich anlegst, du machst dir gar kein Bild. Du hast schon eine Menge Sympathiepunkte verspielt, und die Tendenz geht weiter rapide bergab!“

„Ruf. Mir. Ein. Taxi.“

„Ich bin etwas, was du dir nicht einmal vorstellen kannst, Felia, und ich habe dich immer sehr gemocht. Überleg’s dir…“ murmelte er, während er zum Telefon trottete.

 

„Du musst eben auch meine Seite der Sache sehen, Georg.“

Felia schenkte ihm ein verständnisheischendes Lächeln.

„Sicher… Du tust das alles nur aus Sorge um mein Wohlergehen“, knurrte Georg.

Die beiden unterhielten sich auf Deutsch, sie mussten also nicht fürchten, dass der Taxifahrer, der sie zum Flughafen brachte, sie belauschen könnte.

„Na ja…“ Felia grinste verlegen. „Dir muss schon klar sein, dass ich mich irgendwie schützen muss… Immerhin bin ich eine Mitwisserin.“

„Und wenn du sowieso schon mal dabei bist, versklavst du mich und nutzt mich für dein persönliches Vergnügen aus.“

Sie grinste und zuckte die Schultern.

„So könnte man das wohl sehen.“

Er fletschte die Zähne und schwieg, bis der Fahrer schließlich vor Terminal Drei anhielt.

Georg bezahlte, und die beiden stiegen aus.

„Gehen wir noch was essen?“ fragte Felia.

„Ich habe keinen Hunger.“

„Dann check doch schon mal ein, ich komme nach!“

Seine Lippen bildeten stumme, schreckliche Flüche, als er zum Eingang des Terminals trottete.

Georg wartete achtzig Minuten in der Schlange vor dem Schalter, dann noch zwanzig vor dem Sicherheitscheck. Er ging durch den Metalldetektor, und natürlich piepte das Gerät.

„Legen Sie bitte all Ihre Metallgegenstände in die Schale, Sir“, wies ihn der Sicherheitsbeamte mit einem breiten spanischen Akzent an.

Georg zog seine Brieftasche hervor, sein Schlüsselbund, ein großes Zippo-Feuerzeug mit einem Seeadler drauf, und ein Edelstahl-Designer-Taschenmesser. Seine Rado Ceramica legte er auch dazu, obwohl er ziemlich sicher war, dass sie zu wenig Metall enthielt um eine Rolle zu spielen.

Auch diesmal piepte der Detektor. Georg schnitt eine Grimasse.

Ein anderer Sicherheitsbeamter winkte ihn zur Seite und schwenkte eine Kelle vor Georgs Körper. Dann zeigte er auf seinen rechten Ärmel.

Georg krempelte ihn hoch.

„Sie müssen das Armband abnehmen, Sir.“

„Muss das wirklich sein?“

Der Beamte nickte stumm.

Georg verdrehte die Augen, zuckte die Schultern, nahm den Armreif ab, legte ihn in die Schale und ging ein drittes Mal durch den Detektor.

Dieses Mal piepte nichts, und er durfte passieren.

Ein kleines Lächeln umspielte seine Lippen, als er auf einem der vielen freien Sessel im Wartebereich Platz nahm. Den Armreif hatte er wieder angelegt.

Aus einer Innentasche seiner Jacke (die, wie eine genauere Untersuchung gezeigt hätte, gar nicht existierte) zog er ein Büchlein hervor, älter als die Menschheit, das gefüllt war mit vielen winzig kleinen Schriftzeichen, von denen er Felia gegenüber einmal behauptet hatte, sie wären assyrisch.

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5 Responses to Sapere Aude

  1. Guinan sagt:

    Ich freue mich immer sehr, wenn du was aus deiner Schatzkiste kramst.

  2. Muriel sagt:

    @Guinan: Herzlichen Dank.

  3. Joan sagt:

    Spannend. Vielleicht solltest du öfter „notdürftig anhübschen“?

  4. Muriel sagt:

    @Joan: Danke. Ich sollte so vieles öfter machen, aber [Ich muss es nicht schreiben, oder? Ihr kennt das Problem doch alle.]

  5. madove sagt:

    Ojeoje, und jetzt?!
    – Schön. Und spannend. Und ich mag den Erzählstil im ersten Teil!

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