Like a one-legged guy in an ass-kicking contest

Eine Gewerkschaft prozessiert gegen eine Kirche, für das Recht auf Streik, das sie aus ihrer Koalitionsfreiheit herleitet, und die Kirche beruft sich im Gegenzug auf die Religionsfreiheit.

Wow.

Ich fühle mich völlig überfordert von diesem aktuellen BAG-Urteil. Nicht nur zeitlich, inhaltlich, und allgemein von der Komplexität der Aufgabe, dazu Stellung zu nehmen, sondern auch emotional. Ich weiß gar nicht, wo und wie ich anfangen soll. Es gibt kaum einen Aspekt an der Sache, den ich nicht völlig blödsinnig, ärgerlich, unfassbar dumm und auch ethisch und sonst rundum verachtenswert finde. Hätten die Richter mich gefragt, hätte ich ihnen wahrscheinlich empfohlen, das Gebäude zu verlassen und einen schwungvollen Luftschlag anzufordern, vielleicht ergänzt um einige großzügig verteilte Napalm-Abwürfe, um eventuelle Überlebende …

Pardon.

Geht schon wieder.

Zur Sache: Ich muss jetzt ganz, ganz stark sein. Ich muss mich mental ein bisschen vorbereiten, um meine zitternden Finger unter Kontrolle zu bekommen. So. Jetzt. Seid ihr so weit? Gut. Ich jetzt auch: Die Gewerkschaften haben natürlich recht.

[Caveat: Es handelt sich hier nicht um eine Kritik am Urteil des Bundesarbeitsgerichts. Mir geht es darum, wie Recht nach meinem Verständnis sein sollte. Diesen Luxus haben die Richter nicht. Sie müssen ermitteln, wie unser Recht tatsächlich ist. Ob sie das in diesem Fall eher gut gemacht haben, oder eher nicht, weiß ich nicht. Es interessiert mich auch nicht besonders.]

Selbstverständlich kann es nicht angehen, dass für kirchliche Einrichtungen ein anderes Arbeitsrecht gilt als für andere, ganz unabhängig davon, wie ich grundsätzlich zu diesem Arbeitsrecht stehe. Ich will das jetzt auch lieber nicht thematisieren, aus den genannten Gründen. Ich bleibe bei der hier zu klärenden Frage, und die ist in meinen Augen grundsätzlich ganz einfach geklärt: Natürlich sollte es für Kirchen kein Sonderrecht geben. Fertig, Ende, aus.

Ich halte das für völlig offensichtlich, und ich habe noch nie begriffen, warum Religionsfreiheit (die als solche ja ihre Berechtigung hat) das Recht einschließen sollte, sich nicht an dieselben Gesetze halten zu müssen wie Menschen, die nicht meiner Religion angehören. Ich habe nie begriffen, warum eine religiöse Überzeugung rechtlich anders behandelt werden sollte als eine nicht religiöse Überzeugung. Das gilt natürlich nicht nur für das Streikrecht, das gilt in meinen Augen universell. Warum sollte ein kirchlicher Arbeitgeber Dinge von seinen Mitarbeitern verlangen dürfen, die nicht auch jeder andere Arbeitgeber verlangen darf? Sicher, den Kirchen ist es wichtig, dass sie ihre Aufgabe, die Frohe Botschaft zu verkünden, vernünftig erfüllen können, und dabei stören Streiks natürlich. Na und? Coca-Cola ist es auch wichtig, ihre braune Brühe zu verkaufen, und das wäre für die bestimmt auch einfacher, wenn sie Ausnahmen von Rechtsvorschriften bekämen, die ihnen nicht passen. Das eine ist eine religiöse Aufgabe, das andere eine kommerzielle. Religiöse Menschen werden Ersteres je nach Neigung für viel wichtiger halten, und Letzeres für nachrangig, wenn nicht sogar unmoralisch. Ich halte Ersteres für schädlich, und Letzteres ist mir ziemlich egal, weil ich das blöde Zeug nicht trinke. Ihr seht das vielleicht wieder anders. So ist das nun mal, Menschen setzen unterschiedliche Prioritäten und haben unterschiedliche Interessen.

Deswegen haben wir ja Regeln in unserer Gesellschaft, die bewirken sollen, dass diese Prioritäten und Interessen zu einem vernünftigen Ausgleich gehen und der Eine seine Vorlieben nicht auf Kosten anderer auslebt. Das kann in meinen Augen aber nur funktionieren, solange diese Regeln fair sind, und nicht einzelne Gruppen bevorzugen. Eigentlich herrscht in unserer Gesellschaft auch ein Konsens, dass das grundsätzlich so sein sollte. Trotzdem haben wir aus irgendwelchen Gründen immer noch Sonderregeln, die nur für religiöse Interessen gelten, nicht aber für kommerzielle, literarische, sexuelle, oder sonstige säkulare Vorlieben. Das ist Unsinn, und gehört abgeschafft.

Nennt mir einen einzigen vernünftigen Grund, und ich ändere meine Meinung. Bis dahin staune ich, dass vernünftige Menschen sowas überhaupt diskutieren müssen.

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17 Responses to Like a one-legged guy in an ass-kicking contest

  1. David sagt:

    Du magst Coca-Cola nicht?!?!!11

  2. TakeFive sagt:

    @David: Keine Angst der will nur provozieren.

  3. Muriel sagt:

    Ich kann das blöde Zuckerwasser wirklich nicht ausstehen. Tatsächlich mag ich überhaupt keine Softdrinks. Wie ein Einbeiniger beim Arschtretwettbewerb. Ich dachte, das wäre schon durch die Überschrift klar.

  4. eumloquatur sagt:

    Vielleicht eine Stimme aus dem Lager der Gläubigen? Ich bin völlig eins mit Dir in der Frage, dass man religiösen Gemeinschaften im weitesten Sinn keine Sonderrechte zugstehen kann, nur weil sie religiös sind. Warum auch?!
    Aus meiner religiösen Sicht halte ich es ja auch, umgekehrt, für ausgemacht dumm, dass Fußballer in aller Welt für allen Mist Werbung machen dürfen, aber nicht mal den lieben Herrn Jesus unterm T-Shirt zeigen dürfen, oder von mir auch den Halbmond oder den Davidstern (obwohl: Damit kämen sie sicher durch).
    Was mir allerdings – als Christ – hier und da Sorgen macht, das sind Gesetzentwürfe und politische Ideen, die den Rechtsstaat mit einem Wertestaat verwechseln wollen oder dabei sind, ersteres in zweiteres zu verwandeln. Die Antidiskriminierungsgesetzentwürfe vielleicht als Stichwort.

  5. Muriel sagt:

    @eumloquatur:

    Aus meiner religiösen Sicht halte ich es ja auch, umgekehrt, für ausgemacht dumm, dass Fußballer in aller Welt für allen Mist Werbung machen dürfen, aber nicht mal den lieben Herrn Jesus unterm T-Shirt zeigen dürfen, oder von mir auch den Halbmond oder den Davidstern (obwohl: Damit kämen sie sicher durch).

    Das hielte ich auch für dumm, aber mal zum Verständnis: Das ist doch keine gesetzliche Regelung, sondern eine Entscheidung der Organisationen, die Fußballspiele durchführen, oder? Aber während der Spiele dürfen die Spieler doch auch sonst nicht einfach eigenmächtig irgendwas bewerben. Und außerhalb dürfen sie sowieso machen, was sie wollen. Was meinst du denn überhaupt genau?

    Was mir allerdings – als Christ – hier und da Sorgen macht, das sind Gesetzentwürfe und politische Ideen, die den Rechtsstaat mit einem Wertestaat verwechseln wollen oder dabei sind, ersteres in zweiteres zu verwandeln. Die Antidiskriminierungsgesetzentwürfe vielleicht als Stichwort.

    Ja…. Also, das ist für mich ein heikles Thema, weil ich das Konzept „Staat“ schon von vornherein ablehne, aber wenn wir mal auf der Ebene unserer jetzigen bestehenden Ordnung bleiben, stimme ich dir da wohl vorsichtig zu. Gleichbehandlungsgesetze finde ich zum Beispiel auch fürchterlich, obwohl natürlich am Ende jedes Gesetz eine Wertentscheidung voraussetzt. Die Trennlinie ist eben schwer zu ziehen.

  6. ichbindaswortistich sagt:

    Du schreibst von »vernünftige[n] Menschen«, und damit hast Du Deine Frage bereits selbst beantwortet. Selbstredend müßten vernünftige Menschen derlei Angelegenheiten nicht ernsthaft diskutieren. Es handelt sich aber leider weder beim Gesetzgeber noch bei Religionen um vernünftige Menschen. Vernünftige Menschen glauben nicht Widersinniges, und vernünftige Menschen lümmeln sich nicht ins Parlament wie eine Horde Halbstarker, um die Reden anderer mit pubertären Zwischenrufen zu begleiten. Diejenigen Menschen, von welchen hier die Rede ist, tun aber eben diese Dinge. Von ihnen ist weder vernünftiges Denken noch vernünftiges Handeln zu erwarten.

  7. Muriel sagt:

    @ichbindaswortistich: Ich glaube, da denkst du zu schwarzweiß. Ich glaube, dass ich selbst auch Widersinniges glaube. Leider weiß ich nicht, wo und was, aber es wäre schon ziemlich außergewöhnlich, wenn ich völlig frei von Denkfehlern sein sollte.
    Keiner von uns ist immer und nur vernünftig, leider. Aber sowohl in unserem Parlament, als auch in den Gremien der Kirchen, als auch – horribile dictu – in den Reihen der Gewerkschaften sitzen Menschen, die grundsätzlich durchaus vernünftig sind, aber leider in bestimmten Bereichen ihre Denkfehler pflegen.
    So stelle ich mir das jedenfalls vor.

  8. eumloquatur sagt:

    @Muriel: Klar, stimmt schon. Ich sprach von den FIFARegeln, die jegliche religiöse ‚Werbung‘ untersagen, während sie und die Vereine mit sonstiger, kommerzieller Werbung Riesensummen zusammentragen.
    Man meint da aus einer, wie ich finde, ziemlich dämlichen Haltung heraus verbieten zu müssen, dass ein Spieler am Ende einen Schriftzug zeigt, der verkündet, dass Jesus sein Halt ist oder dass er den Propheten cool findet. Dahinter steht eine derzeit recht gängige Meinung, weltanschauliche Neutralität fordere eine Art generelles Missionsverbot. Aber das Thema ist hier einigermaßen offtopisch, zugegeben.

  9. Muriel sagt:

    @eumloquatur: Wenn sie nur religiöse Werbung untersagen, finde ich das auch albern. Wenn die damit aber ihre kommeriellenn Interessen schützen, wird es wieder legitim. Ein Fußballverein ist ja kein Staat.
    Und Mission befürworte ich ja bekanntlich mit Nachdruck.

  10. eumloquatur sagt:

    Ne, das geht ziemlich ausdrücklich nur gegen religiöse Aussagen (Werbung ist das ja nur bedingt, weil ja eben ohne kommerzielle Interessen) – allgemein allerdings, wie gesagt. Stimmt, ziemlich dämlich. Ich vermute allerdings, dass es auch gelbe Karten geben würde, wenn ein Atheist sein „Es gibt keinen Gott, genieße das Leben“ unterm Trikot lüften würde.

  11. freiheitistunteilbar sagt:

    Mensch Muriel, bei einer Tätigkeit die im Zusammenhang einer religiösen Tätigkeit steht, andere Gepflogenheiten, und wer diese Tätigkeit als legitim anerkennt, erkennt auch an, dass die damit verbundenen Arbeitsverträge andere Grundlagen haben. 🙂

    Gleiches gilt für die religiöse Schnippelei an den Schnideln kleiner Jungs. Ist die Büchse der Pandora geöffnet, wird es schmutzig. Soviel zum falschen System.

    Aus konsequent liberaler Sicht hat keiner der Beiden recht. 1. ist die Privillegierung der Gewerkschaften hinsichtlich staatlich legitimierten Vertragsbruchs abzulehnen. 2. ebenso die falsche Freiheit der Religionsausübung. Schließlich kann es nur gegenseitige Freiheit geben. Also nix mit ABSOLUTER Religionsfreiheit. 🙂

  12. […] das Urteil nicht. Dennoch möchte ich ein, zwei Gedanken mitteilen in Bezug auf den Artikel von Muriel. Muriel schreibt ziemlich am Anfang, daß es nicht um das Urteil des Gerichts gehe, da dieses sich […]

  13. […] orgen habe ich einen Artikel als Erwiderung auf einen Artikel von Muriel geschrieben. Muriel war nun so freundlich, meie Erwiderung zu kommentieren und da ich wohl am Thema […]

  14. UnendlicheFreiheit sagt:

    Für mich beginnt das ganze schon mit bescheidenen Vorzügen und Sonderrechten. Religiöse Kofbedeckungen auf dem Führerausweis? Kein Problem! Sie dürfen kein Schweinefleisch essen? Wir krempeln die Karte für sie um! (Ich spreche jetzt explizit von staatlichen Einrichtungen, wenn Private sich die Mühe machen/bevorzugen ist mir das egal) Aber wieso werden religiöse Gefühle gegenüber anderen so stark bevorzugt?

  15. Muriel sagt:

    @UnendlicheFreiheit: Ich würde sagen, weil sie als Faustregel stärker sind und unflexibler gehandhabt werden als andere. Religiöse Menschen (wenn sie ihre Religion ernst nehmen) finden die fraglichen Handlungen ja nicht nur unerfreulich, sondern glauben zumindest, dass sie sie wirklich absolut nicht begehen dürfen, oder sogar, dass sie ganz konkret schädliche Konsequenzen nach sich ziehen.
    Das ist zwar in meinen Augen keine Rechtfertigung für eine rechtliche Ungleichbehandlung, aber wie ich auch schon mal zum Thema Abhängigkeiten und psychische Krankheiten schrieb: Wenn das Ichwillnicht nur stark genug ist, verschwimmen die Unterschiede zum Ichkannnicht bis zur Unkenntlichkeit.

  16. georg sagt:

    Also Cola ist doch super! Nahrhaft!
    Aber ansonsten stimme ich voll zu.

  17. […] fühle mich jedenfalls wieder wie ein Einbeiniger beim Arschtrittwettbewerb. Nur dass zum Glück im realen Leben, anders als in […]

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