It is dishonest to assert as fact that which is not evidently true.

Gerade lese ich auf FAZ.net (gratis übrigens) den Kommentar von Berthold Kohler, in dem er uns erklärt, warum es in seinen Augen unfair ist, die für die Griechenland-Hilfen verantwortlichen Politiker zu beschimpfen:

Folgt man dem dominierenden Meinungsbild an den Stammtischen des Internets, dann sind die 473 Abgeordneten des Deutschen Bundestages, die am Freitag für die neuesten Griechenland-Hilfen stimmten, im besten Fall Dummköpfe, Feiglinge, Opportunisten.

Aber in seinen Augen sind sie „weder Vollidioten noch Verbrecher„, und zwar aus diesem Grund:

Den unumstößlichen Beweis dafür, welcher Schrecken kleiner wäre, kann keine Seite erbringen. Die Materie ist viel zu komplex, als dass man sich auf Vorhersagen absolut verlassen könnte. Und wie sollte der politische Schaden beziffert werden, der beim Auseinanderbrechen der Eurozone oder gar der ganzen EU entstünde – eine Gefahr, die auch beim Festhalten am bisherigen Kurs besteht?

Aha. Das ist das argumentum ad ignorantiam. Wir wissen nicht, was wir tun, und deshalb ist nichts falsch, sondern alles richtig, solange es nur mit guten Absichten passiert. Oder so.

Ich stimme Herrn Kohler zu, dass es nicht nur nicht hilfreich, sondern auch unfair und unangemessen ist, unsere Abgeordneten pauschal als Vollidioten oder Verbrecher zu beschimpfen, denn jeder von ihnen versucht nur, das aus ihrer Sicht beste aus einem idiotischen System zu machen, aus dem sie genauso wenig entkommen können wie du oder ich. Aber Kohlers Argumentation ist trotzdem kaputt.

Ich zum Beispiel werfe unseren Politikern nicht vor, dass sie nicht wissen, wie die derzeitige Krise optimal zu lösen wäre. Ich werfe ihnen nicht vor, dass die Materie zu komplex ist, als dass sie sie endgradig prognostizieren könnten. Ich werfe ihnen nicht vor, dass sie keinen unumstößlichen Beweis dafür erbringen können, dass ihr Kurs der bessere ist. Das kann man ihnen nicht vorwerfen, denn das ist nicht ihr Fehler, sondern es liegt in der Natur der Sache.

Vorwerfen sollten wir ihnen, dass sie es nicht zugeben. Dass sie so tun, als wüssten sie genau, wo die Reise hingeht. Als könnten sie genau berechnen, wie hoch das Risiko ist, und uns deshalb versprechen, dass unsere Betroffenheit auf [Summe A] begrenzt und außerdem [Verschlimmerung B] völlig ausgeschlossen und schließlich [Maßnahme C] alternativlos und umumgänglich ist.

Und da begreife ich wirklich nicht, wie Herr Kohler sich das denkt. Es ist unmöglich, den politischen Schaden zu beziffern, schreibt er. Deswegen sollten wir den Politikern keinen Vorwurf machen, wenn sie den Schaden falsch beziffern, schließlich wissen wir es auch nicht besser?

Verdammt noch mal, nein. Wer ein Verbrecher ist, und wer ein Vollidiot, das Urteil will ich Leuten überlassen, die die fraglichen Personen besser kennen als ich, obwohl ich natürlich auch bei der einen und dem anderen meine Vermutungen habe. Aber wer öffentlich als Tatsache behauptet, wovon er nicht einmal entfernt einschätzen kann, ob es wahr ist, der ist zumindest ein Lügner.

Kann ja sein, dass Herr Kohler das auch so sieht und einfach stillschweigend davon ausgeht, denn schließlich reden wir ja über Politiker, aber das finde ich dann auch wieder traurig, und – auch wenn es schwer fällt, muss ich das jetzt hier einfach mal sagen – das wäre in meinen Augen derzeit wirklich mal ein Sympathiepunkt für die Piratenpartei: Sicher wirkt sie unprofessionell, ahnungslos und in ihren Inhalten für mich völlig inakzeptabel. Das gilt aber bei den anderen Parteien genauso, und bei den Piraten habe ich immerhin manchmal das Gefühl, dass sie im Großen und Ganzen aufrichtig sind. [Bestimmt findet ihr in den Kommentaren für mich ganz viele Gegenbeispiele. Aber ich lerne ja gern dazu.]

Und wenn ich schon mal dabei bin, einen Haken zu schlagen, bringe ich ihn auch zu Ende: Das stört mich auch an der Berichterstattung über die Piratenpartei immer wieder, so sehr ich sie inhaltlich auch ablehne. Es ist ja in der Regel genau diese Ehrlichkeit und Transparenz, die ihnen hauptsächlich zum Vorwurf gemacht wird. Die Kaiser sind alle nackt, aber nur über den einen, der es offen zugibt, ergießt sich Hohn und Spott ob seiner Unbekleidetheit, und den anderen Nackten wird zugute gehalten, dass ja schließlich niemand endgradig beweisen kann, dass sie nicht doch unsichtbare Kleider anhaben? [Ach, was solls, machen wir das Themenbingo komplett.] Soll das die Leistung sein, für die unsere Nachrichtenmedien ein besonderes Schutzrecht verdienen?

Ich weiß ja nicht.

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17 Responses to It is dishonest to assert as fact that which is not evidently true.

  1. Catio sagt:

    Zum Einen war ich immer der Ansicht, wir hätten damals schon den Griechen das ganze Geld schenken sollen – einmalig. So wie es die Alliierten mit uns gemacht haben – nach dem zweiten Weltkrieg (Marshallplan). Wenn wir das, was wir von ihnen erhalten haben zurückzahlen müssten, dann hätten wir nie ein Wirtschaftswunder gehabt und hätten heute griechische Verhältnisse. Und wer jetzt meint, die Griechen hätten ihr Land schließlich selbst ruiniert – das haben wir damals auch – nur noch viel schlimmer…
    Deshalb wissen die Abgeordneten eigentlich schon ganz genau, wie Griechenland geholfen werden könnte. Aber die Deutschen wären nicht deutsch, wenn sie auf die Fehler der Anderen nicht gerne mit dem Finger zeigen würden, an dem Leid der Anderen nicht noch ordentlich verdienen wöllten und zum Verschenken von Geld nicht viel zu geizig wären.
    Übrigens haben damals beim Marshallplan auch die Griechen sowohl auf Reparationsleistungen als auch auf Rückzahlungen verzichtet…

    Zum Anderen will ich nur anmerken, dass ein Leistungsschutz nichts mit Qualität zu tun hat. So kann jemand, dem der Fotoapparat heruntergefallen ist und dabei zufällig die Kamera auslöst, genauso sein Urheberrecht auf dieses Bild anmelden wie bei jedem normalen Foto. Auch wenn manche Artikel so aussehen, als sei der Computer zwischendurch mehrmals heruntergefallen oder der Kopf des Schreibers auf die Tastatur – sein Urheberrecht sei ihm sicher. Das Leistungsschutzgesetz geht allerdings darüber hinaus und ist schlichtweg eine Frechheit.

  2. Muriel sagt:

    @Catio: Du weißt nicht nur, wie Griechenland zu retten wäre, sondern auch, dass alle unsere Abgeordneten das auch wissen?
    Glückwunsch!

  3. Catio sagt:

    Deutschland wurde mit dem Marshallplan immerhin gerettet, das wussten die Allierten genauso wenig vorher wie wir das wissen können, wenn wir mit Griechenland so verfahren würden.
    Aber Du hast natürlich recht – ich weiss nicht, ob dass alle Abgeordneten wissen – ich weiss ja nicht einmal, ob die alle geschichtsbewusst sind 😉

  4. Muriel sagt:

    @Catio:

    das wussten die Allierten genauso wenig vorher wie wir das wissen können, wenn wir mit Griechenland so verfahren würden.

    Du sagst es. Und wir können nicht mal wissen, ob Deutschland wirklich mit dem Marshallplan gerettet wurde. Wir werden ja nie erfahren, was ohne ihn aus dem Land geworden wäre.

  5. Catio sagt:

    Na ja, immerhin hatten wir mal ein paar Jahre Vollbeschäftigung – ich weiss, es ist schon länger her. Und ob wir gerettet wurden oder nicht ist ja auch immer eine Frage der Sichtweise. Ich meine ja.

  6. Muriel sagt:

    @Catio: Ich denke, wir können uns zumindest darauf einigen, dass die Situation eines vom Krieg zerstörten Landes eine völlig andere ist als die eines überschuldeten, und dass deshalb Schlüsse vom einen auf das andere sogar dann sehr gewagt wären, wenn die menschliche Einsicht in gesellschaftliche und ökonomische Zusammenhänge weitaus besser wäre als sie es heute ist.

  7. Catio sagt:

    @Muriel, es spielt doch keine Rolle, ob ein Schuldenschnitt mit zerstörtem Land oder ohne zerstörtem Land gemacht wird. Immerhin wurde über einen Schuldenschnitt schon häufiger nachgedacht aber immer wieder verworfen. Und es gibt nur einen einzigen Grund, der gegen einen solchen Schnitt spricht – die angeblichen Milliardenverluste der Gläubiger.
    Seien wir doch ehrlich: Griechenland wird das Geld niemals zurückzahlen können, gestern nicht, heute nicht und morgen nicht, davon bin ich überzeugt. Der Schuldenschnitt wird kommen, daran wird auch ein Rauswurf aus der Eurozone nichts ändern. Und mit jedem Tag vergrößern sich die Schulden und damit die absehbaren Verluste für die Gläubiger. Die Griechen können sich nur dann erholen, wenn ihnen wirklich „geholfen“ wird. Und insofern passt dann der Vergleich mit dem Marshallplan wieder.

  8. Muriel sagt:

    @Catio:

    es spielt doch keine Rolle, ob ein Schuldenschnitt mit zerstörtem Land oder ohne zerstörtem Land gemacht wird.

    Woher weißt du das? Und denkst du wirklich, dass die kaputten Gebäude der einzige relevante Unterschied zwischen Deutschland 1945 und Griechenland 2012 sind?

  9. Catio sagt:

    @Muriel
    Im Prinzip hat das mit den Ländern an sich gar nichts zu tun – vielleicht etwas mit der Mentalität. Dass aber die meisten Schuldner fast alle den gleichen Weg gehen, kann an den unzähligen Insolvenzen abgelesen werden, die in Deutschland jedes Jahr in den Amtsgerichten zur Abwicklung angenommen werden. Es liegt nunmal in der Natur der Sache, wenn Menschen nicht vernünftig gehaushaltet haben (egal ob 1945 oder 2012, egal ob Firma oder Land), dann gehen sie irgendwann baden, auch wenn man ihnen noch so viele Kredite gibt und sie gleichzeitig zum Sparen zwingt. Wenn jemand Kredite braucht und aufgrund von Sparzwängen nicht investieren kann, kann man sich Einnahmenrückgang und damit die zunehmenden Schwierigkeiten, die Zinsen zu bedienen, an einer Hand abzählen.
    Dazu kommt ja noch, dass Länder keine Unternehmen sind und Sozialausgaben haben müssen, wollen sie ihre Bürger nicht auf der Strasse verhungern lassen. Wo also soll dann das ganze Geld herkommen, wenn die halben Finanzmittel schon für Zinsen draufgehen? Und mit welchem Geld sollen die Griechen investieren, damit sich die Wirtschaft erholt?

    Deutschland hat nach dem Krieg mit dem Schuldenschnitt auch nur deshalb vernünftig gehaushaltet, weil die Alliierten es eine Zeitlang überwacht haben, und bei den Griechen würde es wahrscheinlich ebenso nur auf diese Art und Weise funktionieren.

  10. UnendlicheFreiheit sagt:

    Ich hab ja eher das Gefühl, dass wirklich JEDER hinterletzte Politiker/ Stammtischler/ VWLer/ Komiker/ (Troll?) die Lösung für Eurobremse&Schuldenkrise etc. bereit hält. Wird ja soviel darübr geschrieben und gelabbert. (Ja ich schreibe bewusst nicht diskutiert) Und zu allem Übel entsteht noch Metagelabber über das Gelabber. Wenn ich’s mir recht überlege ist das gerade Meta-Meta-Gelabber. Hilfe!
    PS: Insgeheim weiss ich natürlich auch wieso, weshalb und wie jetzt weiter aber ich sags nicht. Wär ja dann nicht mehr lustig und so.

  11. Muriel sagt:

    Ich denke ja, wir sollten mal versuchen, Magnus Gäfgen zu foltern. Die Situation ist schließlich verzweifelt, und es steht das Wohlergehen von Milliarden Menschen auf dem Spiel. Da darf man in meinen Augen nichts unversucht lassen und darf nicht auf strenge wissenschaftliche Beweise für die Wirksamkeit…
    Entschuldigung. Falscher Thread.

  12. madove sagt:

    Diesem Post (und Deinem letzten Comment… *grins*) stimme ich mal wieder so sehr zu, daß mir Sternchenklicken nicht reicht.

  13. freiheitistunteilbar sagt:

    Ich stimme Herrn Kohler zu, dass es nicht nur nicht hilfreich, sondern auch unfair und unangemessen ist, unsere Abgeordneten pauschal als Vollidioten oder Verbrecher zu beschimpfen, denn jeder von ihnen versucht nur, das aus ihrer Sicht beste aus einem idiotischen System zu machen, aus dem sie genauso wenig entkommen können wie du oder ich. Aber Kohlers Argumentation ist trotzdem kaputt.

    Deshalb biedern sie sich dem System an, „sell out opportunis“ oder streben nach Macht und Pfründen in ihm. Vollidioten wissen nicht, was sie tun, das würde ich den Politzampanos nicht unterstellen wollen.

    Die Sicht des Opfers des Systems ist verdammt naiv. Der Wechsel von einer „freiheitlichen Grundordnung“ – Euphemismus für totale Demokratur – zu einer Ordnung der Freiheit müsste in den Köpfen beginnen, und genau dort setzt die Staatspropaganda an, vom Kindergarten bis zur Hochschule. Das es auch anders geht, siehe PDV. Die meisten Politzampanos. Politzampanos sind nicht Opfer des Systems sondern Gestalter.

  14. UnendlicheFreiheit sagt:

    @ freiheitistunteilbar
    Der Wechsel zu einer „Ordnung der Freiheit“ muss tatsächlich in den Köpfen beginnen. Das Problem ist nun mal, dass man gegen die Staatspropaganda von Aussen gar nicht mehr ankommt. Das System von Innen heraus zu ändern, so wie es z.B die PdV versucht, ist zwar lobenswert, aber aussichtslos. Libertäre/ Klassisch liberale Parteien müssten zu viel Wasser in ihren freiheitlichen Wein kippen um auf brauchbare Wähleranteile zu kommen. Ich bin mir auch nicht sicher, ob sich Libertäre überhaupt am Politzirkus beteiligen sollten. Sich der Verbrecherbande anschliessen um die Verbrecherbande aufzuhalten? Ich weiss ja nicht.

  15. Tim sagt:

    @ Catio

    Du überschätzt die Wirkung des Marshallplans. Sehr viele europäische Ländern haben Hilfen aus dem Marshallplan erhalten. Relativ gesehen haben (soweit ich weiß) alle anderen Länder mehr Geld erhalten als Deutschland, teilweise (England) sehr viel mehr Geld.

    Und trotzdem setzte das Wirtschaftswunder so stark nur in Deutschland ein. Warum? Weil Finanzhilfen nicht wichtig für den wirtschaftlichen Erfolg sind. Es gibt eine ganze Reihe anderer Faktoren. Der wichtigste ist meiner Meinung nach aber die Etablierung der Marktwirtschaft, vor allem die Freigabe der Preise. Nach dem Krieg waren viele Staaten ja der Meinung, daß nur eine staatlich gesteuerte Wirtschaft Wohlstand generieren kann.

    Ludwig Erhard war genau gegensätzlicher Ansicht: Nur ein freier Markt kann Wohlstand für alle schaffen. Dafür haben ihn natürlich praktisch alle gehaßt. Den ganzen Spaß nannte er Soziale Marktwirtschaft, die heute oft als das Gegenteil dessen verstanden wird, wie er sie damals meinte.

    Übrigens, wenn wir schon mal off-topic sind: Ludwig Erhard hätte Margaret Thatcher sicher für eine überzeugte soziale Marktwirtschaftlerin gehalten, Ronald Reagan aber wohl eher für einen Miltärsozialisten.

  16. Muriel sagt:

    @Tim: Ich dachte schon, ich hätte dich verloren. War eine dunkle Zeit.

  17. Tim sagt:

    @ Muriel

    Ich mußte zwischendurch die Welt retten, Euro-Krise usw. Ihr könnt aber alle wieder ruhig schlafen, nun wird alles gut.

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