Die Philosophie zersetzt die Familie – ganz subtil

Die Philosophie verlangt Liebe zur Weisheit. Die Familie beruht auf Liebe zum Partner und zu den Kindern – und zieht den Kürzeren, sagt der Kapitalist Muriel Silberstreif.

Herr Silberstreif, für Sie ist die Philosophie eine familienfeindliche Fachrichtung – wieso?

Zwischen der Familie und der Philosophie besteht ein klassischer Konflikt: Im der Philosophie zählt das ständige Streben nach der Wahrheit, tieferer Einsicht und größerem Verständnis. Dies liegt nun einmal quer zur Familie, in der ein unglaublicher Aufwand für andere Menschen getrieben wird, und kaum noch Zeit für Forschung und Lesen bleibt vor lauter Windelnwechseln und gemeinsamen Ausflügen.

Große Philosophen haben das schon vor hundert Jahren beklagt, aber nie eine Lösung gefunden.

Ausgerechnet der große Philosophieverteidiger Klaus Meier kam zu der Erkenntnis, dass der intellektuelle Anspruch, den die Philosophie generiert, die Gesellschaft und damit die Familie zersetzt. Dieser Anspruch passt nicht zur der Aussicht, dass man zum Beispiel von seinen Kindern in der Säuglingszeit zwei Jahre lang unablässig nichts als unartikuliertes Geschrei und Gebrabbel hört. Die Erkenntnis dieses Konflikts ist tatsächlich keineswegs neu. Wer Familie hat, scheint darüber hinaus auch weniger Zeit zum Nachdenken zu haben…

…was einem Philosophen ja auch nicht gefallen kann.

Keinesfalls. Das ist die zweite, neuere Konfliktlinie. Ein Philosoph will denken, forschen, er braucht hohe geistige Flexibilität und und gedankliche Wandlungsfähigkeit in jeder Hinsicht. Der Philosoph fürchtet die geistige Festlegung wie der Fluss den Frost. Entscheidet man sich für Familie, legt man sich aber in hohem Maße fest – nicht nur mit seinen Gedanken.

Womöglich ist die Eingrenzung der Freiheit das größte Problem.

Früher, vor 30 oder 40 Jahren hatten wir die Vorstellung, dass es irgendwo in den oberen Schichten der Gesellschaft ein paar Philosophen gibt, der Rest der Bevölkerung aber einer festen Arbeit nachgeht, versucht, irgendwie über die Runden zu kommen, und ansonsten in bestimmten Traditionen und familiären Zusammenhängen lebt. Der Grundkonflikt war nicht so offensichtlich.

Und heute?

Heute hat sich die Ansicht durchgesetzt, dass wir irgendwie alle Denker sein sollten. Das verschärft den Konflikt enorm. Denn den Lebensstil des Philosophen haben sich inzwischen auch die Normalsterblichen zu eigen gemacht.

Manchmal stehe ich staunend vor den ausgebreiteten Gedanken anderer Menschen und versuche zu begreifen, wie jemand diesen Mist ernst meinen kann. Das gilt insbesondere für Philosophen, bei denen man doch einerseits meinen sollte, dass eine gewisse Stringenz im Denken und eine gewisse Bereitschaft, den Sinn der eigenen Überlegungen infrage zu stellen, zum Beruf gehören sollte. Trotzdem habe ich manchmal den Eindruck, dass gerade Philosophen dazu neigen, sich in Gedankengebäude zu versteigen, deren Fundamente nicht mal mehr tönern genannt werden können, und deren Statik durch nicht mehr aufrecht erhalten wird als den unerschütterlichen Wunsch, die eigenen Vorurteile irgendwie in ein rationales Gerüst zu zwängen, und sei es noch so durchsichtig und wackelig. Manchmal. Aber es wäre natürlich unsinnig, aus einzelnen Erfahrungen auf eine so große und disparate Gruppe schließen zu wollen.

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18 Responses to Die Philosophie zersetzt die Familie – ganz subtil

  1. „Welcher große Philosoph war bisher verheiratet? Heraklit, Plato, Descartes, Spinoza, Leibniz, Kant, Schopenhauer – sie waren es nicht; mehr noch, man kann sie sich nicht einmal denken als verheiratet. Ein verheirateter Philosoph gehört in die Komödie, das ist mein Satz: und jene Ausnahme Sokrates, der boshafte Sokrates hat sich, scheint es, ironice verheiratet, eigens um gerade diesen Satz zu demonstrieren.“

    – Friedrich Nietzsche

  2. Sehr schön! Ich lachte gern. Fasste mir aber auch an den Kopf als ich heute mittag den Thomä las.

  3. madove sagt:

    Hilfe, meine Feindbilder kollidieren. Mir is schlecht.

  4. Muriel sagt:

    @ars libertatis & not quite like Beethoven: Danke!
    @madove: Man kann ja glücklicherweise problemlos den Kapitalismus für schlimmer als Hitlerkrebs halten und gleichzeitig die Argumentation von Herrn Thoma steindumm finden.
    Es gibt ja auch genug idiotische Religionskritiker, ohne das Religion dadurch eine tolle Sache wird.
    Kapitalismus sollte man aus ganz anderen Gründen toll finden, völlig unabhängig von dem Umstand, dass Herr Thomä offenbar nicht den Unterschied kennt zwischen einem Argument und einem Loch im Boden.

  5. madove sagt:

    @Muriel
    In der Tat. Mit zunehmender Lebenserfahrung kommt auch die Fähigkeit, immer mehr verschiedene und einander paarweise widersprechende Meinungen gleichzeitig für bescheuert zu halten.

  6. Tim sagt:

    Universitätsphilosophen … Darüber hat doch schon Schopenhauer alles Wesentliche gesagt.

  7. ichbindaswortistich sagt:

    Ich bin bekanntermaßen einer der größten Feinde von Religion sowohl als Kapitalismus. Allein ebensowenig als ich Religion zur Ursache allen Übels stilisiere, stilisiere ich den Kapitalismus zu derselben.
    Die traditionelle Familie ist nachgerade zu einem Zwangskorsett geworden, welches man einer veränderten Gesellschaftsstruktur überlstülpen möchte, die sich sowohl positiv als negativ diversifiziert hat. Leider ist die traditionelle Familie kein Allheilmittel aller sozialen Probleme, wenngleich dies manche allzu gern glauben möchten. Dies ist eine weitere Variante einer »Früher-war-alles-besser«-Mentalität, die eine Vergangenheit idealisiert, welche ebenso problembehaftet war als die Gegenwart – so nicht noch stärker.
    Zwar war die traditionelle Familie einmal ein besserer Garant dafür, zu überleben, allein diese Zeiten sind vorüber. Und mit dem Kindeswohl läßt sich nicht für die traditionelle Familie argumentieren. Es gibt genügend Kinder, die mit nur einem Elternteil oder mit getrennten Eltern aufgewachsen sind, ohne Defizite aufzuweisen. Gleichermaßen gibt es genügend Kinder, die in einer traditionellen Familie aufgewachsen sind und massive Defizite aufweisen.
    Aber man braucht eben immer einen Einzeltäter, einen einzelnen Schuldigen, einen Sündenbock, auf den man alle Probleme gleichermaßen abwälzen und somit seine Beseitigung zur Lösung aller Probleme verklären kann.
    Vielleicht suchte man von seiten der Frankfurter Allgemeinen Zeitung aber auch lediglich nach einem Strohmann, um den Antikapitalismus ins Lächerliche zu ziehen. Dies bleibt indes Spekulation, die ich für müßig halte.

  8. Muriel sagt:

    @madove und ichbindaswortistich: Lasst mich vielleicht nach dem kurzen Hinweis darauf, wie froh ich bin, dass auch ausgewiesene Kapitalismusablehner wie ihr in den Ausführungen von Herrn thomä nicht viel Gutes findet, fragen, was genau ihr da eigentlich ablehnt.
    Für mich ist Kapitalismus tendenziell nur das Institut des Privateigentums an Produktionsmitteln.
    Für euch auch, oder versteht ihr darunter mehr, weniger, was anderes?
    Herr Thomä hält es ja nicht für nötig, irgendwo klar zu machen, was genau er eigentlich kritisiert, lässt aber aus dem Kontext erkennen, dass es ihm mehr um eine diffuse Grundhaltung geht als um ein Wirtschaftssystem. Aber ihr denkt bestimmt klarer. Ich wüsste nicht, wie es weniger klar ginge.

  9. madove sagt:

    @Muriel
    Waaah – diese Frage ist eine offensichtliche madove-Falle und das kann ich mir diese Woche zeitlich und nervlich nicht leisten… Mal sehen, vielleicht schreib ich dazu in meiner Weihnachtspause was.
    Ich muß jetzt irgendwie am 27. ankommen, ohne in den nächsten vier Tagen irgendeinen Kunden oder in den darauffolgenden drei irgendein Familienmitglied abzuzmurksen. Please hold the line.

  10. Muriel sagt:

    @madove: Ich hatte schon einmal einen längeren Briefwechsel mit einem Insassen einer JVA und empfand das als sehr angenehm und interessant. Sollte dein Vorhaben misslingen, denk also bitte daran, dass du meine Adresse hast, und meld dich ruhig mal. Man schreibt viel zu selten richtige Briefe.

  11. madove sagt:

    Äh, ja.
    Das ist, äh, tröstlich. Danke.

  12. Muriel sagt:

    @madove: Ich würde dich auch besuchen kommen. Das hab ich nämlich noch nie gemacht, und ich könnte dann vielleicht diese eine Szene in Eine Rieseinmange Geld noch mal durchsehen und mit der Realität vergleichen.
    Weißt du, je länger ich drüber nachdenke, desto sinnvoller scheint mir die ganze Geschichte.
    Bist du sicher, dass du das nicht doch einfach mal machen willst?

  13. Nardon sagt:

    Dir würde auch nicht langweilig werden, da ihr es euch gemeinsam gemütlich machen könntet. Zumindes sollte ein Gericht auf die Idee kommen dieses hier als Anstiftung zu verstehen.
    Dann wird das wieder nichts mit dem Briefwechsel. Vieleicht kommt aber ein interessanter Bericht über den Wert von Zigaretten und anderen Tauschgütern dabei herraus.
    Darauf wäre ich dann wirklich neugierig.

  14. Muriel sagt:

    Es gäbe schlimmere Zellengenossen, aber bis auf Weiteres würde ich trotzdem die Freiheit vorziehen. Zum Glück kann mich ja niemand finden, weil ich kein Impressum habe. Muahahaha!

  15. ichbindaswortistich sagt:

    Nun, ich dachte, daß was ich an Thomäs Ausführungen ablehne, bereits durch meinen letzten Kommentar deutlich geworden wäre. Die traditionelle Familie ist ein Ergebnis der Stammeskultur. Am deutlichsten zeigt sich dies womöglich an der sozialen Grundeinheit einer griechischen Polis oder eines germanischen Stammes. Die Familie, bestehend aus Vater, Mutter, Kindern, Gesinde, Sklaven und Vieh, versammelt sich um den Patriarchen, den Vater. Dieser verfügt über alles, was zum ’óikos (Hausgemeinschaft) gehört, als seinem persönlichen Besitz und mit höchster Autorität. Der Vater ist mithin, wie schon in der Jagdkultur vor der Seßhaftwerdung, Ernährer und Beschützer, aber nunmehr auch Verwalter.
    An diesen Strukturen hat sich in kaum irgendeiner Kultur bis zum zwanzigsten Jahrhundert nach unserer Zeitrechnung etwas verändert. Der Vater blieb weitreichend die zentrale Figur, auch wenn die Familienstruktur sich bezüglich des Wohnens verändert und heute Kinder und Frauen nicht mehr zum Besitz des Vaters zählen, über den er frei verfügen könnte.
    Auch im Kapitalismus ist diese Struktur zunächst erhalten geblieben. Freilich ließen Arbeitszeiten von zehn bis zu achtzehn Stunden kaum ein familiäres Interagieren in der Arbeiterklasse zu. Dennoch erleben wir die allmähliche Erodierung des traditionellen Familienmodells mit dem Vater als Zentralfigur erst seit Ende des zwanzigsten Jahrhunderts. Es ist verlockend, die neoliberale Umsteukturierung der wirtschaftlichen Verhältnisse zugunsten der besitzenden Klasse, die spätestens mit der Regierung Kohl in Deutschland Fuß faßten, als singuläre Ursache für dieses Phänomen zu erklären. Dies greift indes wesentlich zu kurz. Wiewohl es richtig ist, daß der Abbau des Sozialstaates und der daraus erfolgende Zwang zu mehr oder verlängerter Lohnarbeit die gemeinsame Zeit für die Familie verkürzen, ist ebenso eine Verschiebung der Rechtsverhältnisse über die Jahrhunderte zu berücksichtigen. So sind Frauen heute nicht mehr ohne weiteres von einem Mann abhängig. Sie sind gleichsam weder gezwungen, ein Eheleben einzugehen, noch darin zu verweilen, wenn es für sie unerträglich wird. Eine Scheidung ist nicht nur rechtlich beiderseits möglich, sondern führt auch nicht länger zwingend zur völligen sozialen Isolierung einer Frau. Ebensowenig wird sie zwingend wieder abhängig von ihrem Vater. Das traditionelle Familienmodell ist somit zwar noch möglich, aber nicht mehr zwingend erforderlich.
    Ferner gilt es, die Veränderungen im Verständnis von Verbindlichkeiten zu beachten. Heute gibt es mehr Möglichkeiten, sich spontan oder zumindest recht kurzfristig für oder wider etwas beziehungsweise jemanden zu entscheiden, als je zuvor. Außerdem kann man Verbindlichkeiten, die man bereits eingegangen ist, leichter wieder auflösen. Hierzu gehören unter andrem auch Partnerschaften.

    Was ich unter Kapitalismus verstehe, sollte ich wohl einmal in einem eigenen Artikel beleuchten. Vielleicht gelingt es mir ja über die Feiertage.

  16. Muriel sagt:

    @ichbindaswortistisch: Ich warte dann mal in großer Vorfreude ab.

  17. madove sagt:

    was deinen plan, muriel, angeht, muß ich dich enttäuschen: ich habe stolz den freitagabend erreicht, ohne irgendeinen kunden an die wand zu nageln, und meine familie scheint sich auf „buntes buffet“ als weihnachtsessen einigen zu können, sodaß vermutlich mord und totschlag auch hier ausbleiben. sorry.

  18. Muriel sagt:

    Und ich hatte mir das schon alles so schön vorgestellt. Du hättest die Wärter mit Tanz und Gesang abgelenkt, und ich hätte mit einem Löffel den Weg ins Freie …
    Naja, so ganz ausgereift war das vielleicht noch nicht, aber in den Grundzügen machte das schon einen hervorragenden Eindruck.

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