Man kann sich drehen wie man will, der Arsch bleibt immer hinten.

Es ist ein bisschen schwierig, Seriosität zu bewahren bei dem Versuch, darüber zu berichten, dass man es nicht statthaft hält, über ein bestimmtes Thema zu berichten. Ich habe in dieser Hinsicht zwar nicht viel zu verlieren, aber über die Trennung der Wulffs hätte ich aufgrund der monumentalen Egalheit der ganzen Geschichte wahrscheinlich trotzdem geschwiegen, hätte ich da nicht zufällig bei Spiegel Online diesen bemerkenswerten Beitrag Stefan Kuzmanys gelesen, der von dem putzigen kleinen Spruch da oben offenbar noch nicht gehört hat. Er beginnt durchaus vielversprechend:

Es geht uns nichts an. Wir wissen nichts.

Darauf folgt sogar noch ein ganzer Absatz, in dem Kuzmany uns erklärt, warum es uns nichts angeht. Und dann beginnt natürlich das unvermeidliche Aber, seinen unheilvollen Schatten über Kuzmanys bis hierhin noch durchaus zustimmungsfähige Argumentation zu werfen:

Es wird am Tag dieser Nachricht keinen Abendbrottisch in diesem Land geben, an dem nicht über diese Trennung geredet wird.

Hach … Ich weiß gar nicht, was ich schlimmer fände: Wenn er das wirklich glaubt, oder wenn er es einfach nur wider besseres Wissen behauptet, um langsam auf das unvermeidliche Ergebnis hinzulenken, das wir alle kommen sehen. Die Entwicklung ist schleichend. Von „Wir wissen nichts“ sind wir inzwischen angelangt bei

Wir meinen viel zu wissen über das Ehepaar Wulff

Und was Herr Kuzmany meint zu wissen, das teilt er uns dann auch umgehend mit:

Wohl im Austausch für eine wohlwollende Berichterstattung […] hat Christian Wulff […] Reporter in die gemeinsame Wohnung gelassen.  Ende 2007 konnte „Bild“ die Nachricht von […] verkünden – die Journalisten mussten wohl kaum einen Arzt bearbeiten, um davon zu erfahren.

„Wohl“. Ah ja.
Und dann zählt Kuzmany noch ein paar Details auf, die er nach eigenem Bekunden Bettina Wulffs Buch entnommen hat und zieht daraus diesen wunderbar dummdreisten Schluss, der mich an der Apologetik von Boulevardmedien immer wieder beeindruckt: Wenn jemand Reportern Dinge über sich erzählt, sind diese damit nicht nur gezwungen, darüber zu berichten, auch wenn sie es für noch so unangemessen halten, nein, die betreffende Person gibt damit auch jegliches Recht auf Privatsphäre für alle Zeit auf. Herr Kuzmany formuliert das natürlich ein bisschen anders:

All das sind private Angelegenheiten. Doch die Wulffs haben eine öffentliche Beziehung geführt – daraus folgt, dass über den Charakter dieser Beziehung geredet wird.

Joa, ne. Ist halt so. Kann man nichts machen. Und damit fallen für Spiegel Online sämtliche Hemmungen. Herr Kuzmany hat sich nun offenbar endlich hoch genug  in seine eigene Rechtfertigungsspirale geschraubt, um nach seinem vielversprechenden Start (Wir erinnern uns: „Es geht uns nichts an. Wir wissen nichts.“) in vollen Wilde-Spekulationen-Modus überzugehen:

Die Wulffs können auch ehrlich verliebt gewesen sein, wir wissen das nicht, aber von außen betrachtet kann man feststellen: Bettina und Christian Wulff haben voneinander profitiert. […]  Die damalige PR-Frau wurde durch die Beziehung mit Wulff an die Spitze der Gesellschaft katapultiert.

Oh. Ah. Ach so. Ähm. Und warum geht uns das jetzt auf einmal doch etwas an?

weil es gesellschaftliche Relevanz hat.

Oh. Ah. Ach so. Ähm… Wie jetzt?

 Mag sein, dass Christian für Bettina Wulff jetzt, als machtloser Hausmann, wieder der ist, für den sie ihn damals im Gespräch mit den Kolleginnen am Kaffeeautomaten gehalten hat,

Oh. Ah. Ach… Nee, Moment. Was ist denn nun kaputt? Wollen wir jetzt gar nicht mehr über die gesellschaftliche Relevanz reden? Ich hab das nämlich noch nicht verstanden, was es damit auf sich hat. Oder ist sie das jetzt? Nein, ich weiß schon. Sie meinen eigentlich, dass sie darin besteht, dass „die ehemalige PR-Frau […] an die Spitze der Gesellschaft katapultiert wurde“. Was wohl heißt, dass diese Sache gesellschaftliche Relevanz hat, weil sie gesellschaftliche Relevanz hat. Oh. Ah. Ach so.

 Mag sein, dass Wulff, verbittert durch seinen Absturz, keine Lust mehr hat und keine Notwendigkeit mehr sieht, die Fassade einer heilen Familie aufrecht zu erhalten.

Mag sein, dass Herr Kuzmany, verbittert durch die Würdelosigkeit seiner eigenen Arbeit, keine Notwendigkeit mehr sieht, die Fassade von seriösem Journalismus aufrecht zu erhalten. Mag sein, dass er sich und seinen Beruf aufgegeben hat und als rückgratloser Opportunist einfach nur schreibt, was man von ihm verlangt, und sich dabei einen Kehricht darum schert, wie unanständig das ist, öffentlich unfundiert Mutmaßungen über andere Menschen anzustellen, und dabei nicht einmal merkt, wie albern das ist, einerseits zu betonen, das uns das alles nichts angeht und wir nichts wissen, um dann trotzdem den Mund an unser Ohr zu legen und „Hast du schon gehört?“ zu tuscheln. Mag sein, dass er charakterlich schon so verkommen ist, dass er nichts dabei findet, feige hinter dem Deckmantel von „Mag sein“ einfach mal was über sie zu behaupten, das er überhaupt nicht beurteilen kann.  Mag natürlich auch sein, dass er eigentlich ein total netter Kerl ist, der einfach nur seinen Job macht, so wie wir alle, weil er ja schließlich von irgendwas leben muss.

Es geht mich nichts an. Ich weiß nichts.

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13 Responses to Man kann sich drehen wie man will, der Arsch bleibt immer hinten.

  1. recotard sagt:

    Kuzmany verkörpert den Prologus, um uns die Zeit zu verkürzen, bis Severin Weiland sich gefasst hat und seine eigene Exegese mit dem Satz einleitet:

    Das Klatschblatt „Bunte“ hatte es vorausgeahnt.

    http://www.spiegel.de/politik/deutschland/christian-wulff-sucht-seine-neue-rolle-nach-trennung-von-bettina-wulff-a-876129.html

  2. Hessenhenker sagt:

    Abendbrot hab ich heut alleine gegessen.
    Da ich keine Selbstgespräche beim Essen führe und auch nicht mit dem Essen rede („entschuldige, verehrtes Brot, daß ich dich esse“),
    war mein Abendbrottisch „wohl“ der einzige „in diesem Land“, an dem nicht ber die Wulffs geredet wurde.

  3. Muriel sagt:

    @recotard: Mr. Pot, may I present Mrs. Kettle?
    @Hessenhenker: Du kriegst also schon gar nicht mehr mit, worüber du beim Abendessen redest. Mag sein, dass das an übermäßigem Drogenkonsum liegt. Mag sein, dass du einfach schon so völlig gaga bist, dass du überhaupt nicht mehr weißt, was du tust. All das wären deine privaten Probleme. Aber du hast einen öffentlichen Kommentar abgegeben – daraus folgt, dass über deine Persönlichkeitsstörungen geredet wird.

  4. […] ich heute nicht beim SPIEGEL, sondern hier erfahren habe, schrieb der SPIEGEL heute online über die ehemalige First Lady und ihr […]

  5. Hessenhenker sagt:

    Ja, ich HABE eine Persönlichkeitsstörung, da meine persönliche Abendbrotgesprächspartnerin kein Abendbrotbesuchsvisum bekommt wegen der Krümelkacker-Politik der Frühstücksdirektoren die dieses Land regieren!
    Es handelt sich also bei mir um Isolationsfolter beim Abendessen, falls das Wort noch Relevanz hat, jetzt wo ich es verwende.
    Der Bundespräsident hat in Marburg in meinem Beisein übrigens dazu aufgerufen, all dem ein Ende zu machen.

  6. Hessenhenker sagt:

    Gespräch am deutschen Abendbrottisch:
    Schatz: „Liebling, schon gehört? Chrsitian Wulff ist zu Hause ausgezogen.“
    Liebling (vollmundig): „Hmmmmmmm.“
    Schatz: „Wann packst DU eigentlich Deine Sachen?“

  7. fichtenstein sagt:

    Jetzt würde ich aber schon gerne wissen, was Herr Kuzmany so zum Abendbrot isst, wenn er über die Wulffs spekuliert. So traditionell mit Stulle und Wurstbelag oder doch unkonventionell mit Antipasti-Teller und Bruschetta, so dass das „Die Christina stand ja auch bei seiner Entschuldigung ganz abseits, da war eigentlich schon klar, dass sie sich trennen würden“ mit einem „Schatz, reichst du mir mal bitte die in Basilikumöl eingelegten, getrockneten Tomaten“ serviert werden kann. Aber ich gebe es zu, einer meiner Traumberufe – wenn mir wirklich mal so alles egal ist – wäre es, Promiexperte zu sein und Menschen, die ich nicht kenne, die wildesten Absichten und Beweggründe zu unterstellen. Dafür wird man sogar bezahlt!

  8. hubert der freundliche sagt:

    Ein anderer Abendbrottisch: Frei nach Siggi F.: Der Chrischan hat sein Alpha-Tittel als Mann verloren (ob er denn je einen hatte?), da geht natürlich so ein egozentrisches Weibchen und sucht sich eine lohnendere Beischlafbleibe.

  9. PlantPerson sagt:

    Ich hatte gestern noch den Vorsatz, nix über die Wulff-Trennung zu lesen. Bin hiermit gescheitert. Allerdings gerne 🙂
    Ich finde die Klatsch-Berichterstattung bei den „seriösen“ Medien (bzw. denen, die sich dafür halten) noch ekelerregender als die der Klatschpresse. Denn gerne wird in diesen Artikeln erwähnt, wie niveaulos sich Bunte und co. das Privatleben anderer Menschen auseinander nehmen, um dann genau das Gleiche (oder das Selbe?) zu tun. Da das ja wahnsinnig gesellschaftsrelevant ist und so. Logo.

    So, jetzt aber note to myself: Nix mehr über die Wulff’s lesen!

  10. gnaddrig sagt:

    @ PlantPerson: Streng genommen ist dies ja gar kein Artikel über die Wulff-Trennung, sondern über das Journalismusverständnis des SPON-Autors Kuzmany am Beispiel seines Artikel zur Wulff-Trennung.

  11. PlantPerson sagt:

    @gnaddrig: stimmt, aber ich habe ja geschrieben, ich wollte ja NIX über die Wulff-Trennung lesen. NIX! Jetzt weiß ich ja doch, was die Nasen beim SPON darüber schreiben. Selbst schuld…

    Ich muss außerdem noch zugeben: Stefan Niggemeier hat einen link zu einem ZEITonline-Artikel über die Wulff’s getweetet. Den Artikel hab ich dann auch gelesen. Das Resultat war, dass ich mich wahnsinnig ärgern musste. Über den ZEIT-Autor (Namen vergessen) und über mich, weil ich den Quatsch gelesen hab.

  12. gnaddrig sagt:

    @ PlantPerson: Ok, über die Trennung steht hier natürlich nebenbei schon was drin. Der Zeit-Artikel ist aber wenigstens sachlich, referiert nur knapp das Ereignis und ein bisschen Hintergrund und kommt ohne ethisch-moralische Verrenkungen aus.

    Die Wulff-Trennung interessiert mich auch nicht weiter, aber wenn, dann erfahre ich lieber wie in der Zeit als wie im Spiegel davon. Obwohl, die Schlagzeilen, denen man kaum irgendwo entkommt, verraten ja sowieso schon alles, was man dazu wissen muss. Wenn man das überhaupt wissen muss.

  13. freiheitistunteilbar sagt:

    Diese Opferbereitschaft, diese an Masochismus grenzende Lesebereitschaft deutscher „Qualitätsmedien“ betreffend. Dafür hast du meinen vollen Ali-Respekt, Muriel.

    Diese Generation Journalisten preferiert ideologische Scheuklappen über Wahrheitsliebe, Opportunismus über Idealismus, dass du speien könntest.

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