Projekt 52 Bücher (2) – in dem ich gleich mal demonstriere, dass ich die Regeln und das ganze Projekt nicht ernst nehme und sowieso schreibe, wonach mir gerade ist

Na logo. Lebt Frank Zander eigentlich noch? Ich habe ihn ja mal persönlich kennengelernt. War profund gruselig.

Unsere zweite Aufgabe lautet:

Stell dir vor, du könntest dein Frühstück, dein Mittag und dein Abendessen auf verschiedenen Kontinenten einnehmen, wohin würdest du reisen, was würdest du essen und welche Bücher würdest du auf die Reise mitnehmen?

Und ich dachte beim Lesen gleich:

01-how-about-no-bear

 

Das funktioniert bei mir nicht. Ich esse sowieso keine drei Mahlzeiten am Tag, ich sehe nicht, was Essen mit Büchern zu tun hat, derzeit habe ich überhaupt keinen Appetit, weil ich krank bin, ich würde nie im Leben mehrere Bücher für einen Tag mitnehmen, weil ich Bücher nicht durcheinander lese, sondern der Reihe nach, und ich habe zurzeit nicht mal Lust zu reisen, was zugegebenermaßen etwas ungewöhnlich ist, aber wir müssen trotzdem damit leben. Also werde ich jetzt hier unter der äußerst fadenscheinigen Vorspiegelung, die Frage notdürftig beantwortet zu haben, einen anderen Beitrag schreiben, den ich sowieso beabsichtigt hatte.

Alibiantwort: Ich würde an den Südpol reisen, in einen ansonsten verlassenen Außenposten, weil letzten Freitag unsere Unternehmensfeier war und ich jetzt für Wochen genug davon habe, so zu tun, als wäre ich ein Mensch, und ich würde nicht frühstücken und Mittags nur ein bisschen Müsli essen, und Abends vielleicht eine Stulle./Alibiantwort

Mitnehmen würde ich zwei Bücher. Das erste wäre Let the Right One In, weil ich das inzwischen durchgelesen habe und es zur Hand haben will, um euch mein Fazit zu geben: Ganz. Großes. Kino. Unbedingt lesen. Richtig gut. Wie ichs schon beschrieben hatte, bis zum Schluss: Keine Sekunde langweilig, alle Charaktere wunderbar überzeugend getroffen, clever, tadellose Prosa, unterhaltsame Dialoge, es stimmt einfach alles, von vorne bis hinten kann man absolut nichts

(Muriel!)

Was? Wie? Höre ich Stimmen?

(Muriel, sag mal, bist du da auch wirklich ganz ehrlich?)

Ehrlich? Ja, aber … Ja, klar. Ist so. Ein makelloses Buch, ohne …

(Makellos? Ganz … makellos?)

Ja… Na gut… Vielleicht nicht ganz makellos, aber fast. So gut wie.

(Also nicht ganz? Erzähl uns mehr davon.)

Na gut, wenns sein muss: Also, erst mal ist das so, dass der Vampirmythos nicht so richtig Sinn ergibt. Eli (das Vampirmädchen) ist in der Geschichte eigentlich permanent in akuter Lebensgefahr, sei es durch Mangelernährung, durch Leute, die sie bei irgendwas überraschen und angreifen, durch Sonnenlicht, durch alles Mögliche. Man kann sich kaum vorstellen, dass sie zwei Monate übersteht, geschweige denn die zweihundert Jahre, die sie angeblich schon existiert. Außerdem geht sie echt nicht besonders subtil vor. Sie erzeugt in dem kurzen Zeitraum, den die Geschichte überspannt, zwei andere Vampire, sie wird wie gesagt permanent von irgendwem überrascht und beobachtet, und deshalb scheint es reichlich unplausibel, dass die Lebendigen unter diesen Umständen so ahnungslos sind, zumal sie so ziemlich jeden Tag jemanden tötet, oder es zumindest versucht. Die Welt dieses Romans müsste voller merkwürdiger Serienmörder sein, deren Opfer entweder vollständig ausgeblutet sind, ohne dass man das Blut irgendwo findet, oder in der Leichenhalle dann unter mysteriösen Umständen verschwinden, oder beides. Zusammen mit den zahlreichen Augenzeugenberichten sollte doch da früher oder später mal jemand auf die richtige Idee kommen.

Gut, es gibt da diesen Erklärungsansatz, dass die meisten Vampire sich schnell selbst vernichten, weil sie ihre Existenz einfach nicht ertragen können, und dass es deshalb nur sehr wenige von ihnen gibt, aber das ist doch Quatsch, so schlimm ist das nun auch wieder nicht nicht. Ich zum Beispiel hätte zu keiner Zeit ein Problem damit, wenn ich ewig leben könnte und dafür bloß jeden Tag einen anderen Menschen rituell ermorden müsste. Tatsächlich habe ich schon oft mal überlegt, ob man nicht versuchsweise … Was? Äh, vergesst das, und lasst uns schnell zum letzten Problem kommen:

Zu viel Information.

Ich sagte ja, dass mir das Buch erheblich besser gefällt als der Film. Das ist auch nach wie vor so, aber es gibt eine Ausnahme: Im Film wird vieles nur angedeutet. Man sieht Eli im Schatten ganz vage eine Häuserwand emporhuschen, man sieht sie als Schatten im Schatten von einem Baum eine Frau anfallen, man kriegt nie richtig mit, was genau sie eigentlich kann, was sie ist, wie sie das alles macht.

Und das ist gut so. Weil es unserer Fantasie Spielraum lässt. Nichts ist so gruselig wie eine verschlossene Tür. Ihr kennt das aus Filmen. Sobald man das Monster einmal direkt im Scheinwerferlicht in seiner ganzen CGI-Pracht gesehen hat, ist es nicht mehr gruselig. Der Schatten in der Dunkelheit ist ein Albtraum, das Monster im Verborgenen ist eine archaische Angst, die in uns allen wohnt. Sobald man den Werwolf, die Riesenspinne, den Blob, wirklich begutachten konnte, und die Regeln kennt, nach denen sie funktionieren, sind sie einfach nur noch ein kalkulierbares Risiko, irgendwie sogar lächerlich in ihrer absurden Physiognomie.

Und dass das in Let the Right One in nicht so richtig passiert, obwohl wir nun erfahren, was die Vampire zu dem macht, was sie sind, obwohl wir genau erfahren, ob Eli nun ein Mädchen ist, und was mit ihr passiert ist, obwohl wir nun wissen, wie sie die Wände hochklettert, das liegt nur an John Ajvide Lindqvists hervorragendem Stil. Der Mann weiß, wie man Geschichten webt. Und natürlich hilft es, dass Eli auch gar nicht nur ein albtraumhaftes Monster sein soll, dass wir uns nicht nur vor ihr fürchten sollen. Da passt sowas dann wieder besser rein. Ich fands trotzdem schade.

Aber im Ergebnis bleibt eine enthusiastische, nachdrückliche, leidenschaftliche Empfehlung für diesen wundervollen Vampirroman. Warum immer noch Leute ihrer Zeit mit Leuten wie Dean Koontz, Frank Schätzing, oder Tolkien (Boah, von Tolkien will ich gar nicht erst anfangen. Jessas!) verschwenden, wenn es da draußen Bücher von John Ajvide Lindqvist gibt, wird mir auf ewig ein Rätsel bleiben. Let the Right One In ist ein Roman, zu dem man Sie sagen muss.

Und was das zweite Buch wäre? Das Sterben der Bilder, weil ich das bald rezensieren muss. Aber dazu mehr, wenn es so weit ist.

Advertisements

22 Responses to Projekt 52 Bücher (2) – in dem ich gleich mal demonstriere, dass ich die Regeln und das ganze Projekt nicht ernst nehme und sowieso schreibe, wonach mir gerade ist

  1. Guinan sagt:

    Wen interessieren schon Regeln.
    Schätzing geht aber. Ich mochte zumindest den Schwarm, der Rest war eher Mttelmaß.

  2. Muriel sagt:

    Nee. Nee. Schätzing geht überhaupt nicht. Ich habe den Schwarm gelesen, weil ihn mir jemand geschenkt hat, dem ich sehr nahe stehe (Nicht Keoni, die würde mir sowas nicht antun.), und es war eine der schlimmsten Bucherfahrungen meines Lebens.
    Ich weiß, dass das Geschmackssache ist, und dass jemand anders mit nicht mehr oder weniger Berechtigung das gleiche über George R.R. Martin oder eben über Lindqvist sagen könnte, aber Schätzings Romane sind ein Affront, und ich würde mit Freuden die ganze Twilight-Serie zu Ende lesen, bevor ich noch mal eines seiner Machwerke aufschlage.

  3. Schön wie sachlich und nüchtern hier mit den Helden meiner Jugend umgegangen wird^^ Nein, Schätzing kann ich auch nicht leiden, aber ein derart vernichtendes Urteil würde ich mir nicht anmaßen 😉 Trotzdestonichts: Der Kaufbefehl Buchtipp lässt mich nun allerdings nach Blut lechzen – Danke dafür.

  4. @Muriel und auch @DarkJohann(DJ): Ich weiss, ich sollte darüber nicht sprechen, aber was findet ihr so schlimm an Schätzings Schwarm? Was gefällt euch daran nicht?

  5. Muriel sagt:

    @ars libertatis: Alles.
    Wirklich. Es gibt in dem Buch nichts, das ich gerne gelesen habe, und darüber hinaus sehr vieles, das mich aktiv gestört und verärgert hat.
    Die Dialoge sind uninspiriert und trivial.
    Die Handlung ist dämlich, und was passiert, ist mir egal, weil die Charaktere zweidimensionale klischeehafte Abziehbilder sind, von denen mir keiner sympathisch genug ist, dass ich bereit wäre ihnen ein gebrauchtes Kaugummi zu überlassen, um ihr Leben zu retten.
    Und die machtgeilen Militärs als Bösewichte? Boah.
    Darüber hinaus hat Schätzing einfach insgesamt einen Stil, der mich aggressiv macht, nicht nur in seinen schwachsinnigen Dialogen, sondern auch in seinen lahmen Beschreibungen und völlig missglückten Versuchen, lustig zu sein.
    Ich habe ja kürzlich auf nachdrückliche Empfehlung meiner Lektorin Die Dunkle Seite angefangen, das habe ich aber auch sehr schnell aufgegeben, weil ich es einfach nicht aushalte, seinen Schund zu lesen. Es ist also nicht nur der Schwarm.
    Twilight war wirklich maßlos angenehmer, das hat wenigstens nicht weh getan. Der Plot ist da zwar auch Mist, und überhaupt stimmen die meisten Kritikpunkt überein, aber es fehlt diese extrem abstoßende, ganz besondere, schwer zu konkretisierende Qualität, die mir Schätzing unerträglich macht.
    (Und auch wenn es jetzt nicht mehr viel rettet: Ich weiß wie gesagt, dass das Geschmackssache ist. Jemand anders kann Frank Schätzing total toll finden, und ich kann kaum was dagegen sagen, außer dass ich es nicht begreife.)

  6. @ars libertatis: Mich hat die Umsetzung enttäuscht. Denn ich finde die Idee, die „Der Schwarm“ beherbergt (oder doch eher verbirgt), wirklich großartig! Weshalb ich mich damals auch sehr auf das Buch freute. Doch mit jeder gelesenen Seite ließ die Begeisterung nach; bis nur noch Entsetzen blieb. Denn ich wurde nicht warm mit den Protagonisten, die Handlung lief an mir vorbei. Ich war nicht mittendrin. Ich wurde im Laufe des Buches sogar richtig ärgerlich – bis dann „das Schiff“ vom Militär angegriffen wurde. Dann wurde ich sogar wütend und warf das Buch in die Ecke. Da liegt es immer noch. Ich las es nicht zuende. Zu krude, zu doof, zu platt war es geworden – was ich immer noch als bedauerlich empfinde. Denn die Idee … seitdem ist Schätzing für mich passé.

  7. Guinan sagt:

    @Muriel: So ähnlich ging es mir bei Twilight. Meiner Gesundheit zuliebe habe ich da schon in der Mitte von Band 1 aufgegeben.

  8. Muriel sagt:

    @Guinan: Interessant. Und was hat dich da so gestört? Gerade in der Mitte fand ich es eigentlich noch gar nicht so furchtbar. Nicht gut, aber auch nicht besonders schlimm. Egal halt.

  9. Guinan sagt:

    @Muriel: Bella, dieses unerträgliche Ding, verursachte mir Anfälle von Übelkeit und Fremdscham. Ich verspürte andauernd das Bedürfnis, meinen Kopf quasi stellvertretend gegen harte Gegenstände zu schlagen.

  10. Muriel sagt:

    @Guinan: Ja gut. Aber schlimmer als bei Schätzings Charakteren? Oder kennst du die noch nicht?
    Ich weiß gerade nicht, ob du schon mal zu ihm Stellung bezogen hast.

  11. Das ist immerhin die bisher längste URL bisher im Projekt, das ist ja auch ’ne schöne Leistung.
    Ein Vampirroman, der besser als Tolkien ist? Hm, ich bin gespannt…

  12. Muriel sagt:

    @Fellmonsterchen: Ich muss dich warnen (Nicht, weil ich fürchte, dass es noch nicht rübergekommen wäre, sondern weil ich es nicht oft genug sagen kann.): Tolkien liegt für mich als Schriftsteller irgendwo zwischen einem alten Käse und meiner Tapete.
    Aber Let the Right One In ist trotzdem toll. Wenn du den Film mochtest, solltest du unbedingt. Wenn du ihn doof fandest, kannst du dir den Versuch aber mutmaßlich sparen. Das ist schon eine sehr treffende Umsetzung.

  13. Guinan sagt:

    @Muriel: Richtig in Erinnerung geblieben ist mir nur der Schwarm. Den fand ich so spannend geschrieben, dass mir die Defizite bei den Charakteren nicht so wichtig waren. Ich kann gut über kleine Schwächen hinwegsehen, wenn mir die Story gefällt.
    Bei Limit danach war das anders. Ich hatte mir viel davon versprochen – und dann kam ich überhaupt nicht in die Geschichte rein. So ein typischer, hingerotzter Folgeband nach einem Bestseller.
    Dann kann ich mich noch vage an Tod und Teufel erinnern, aber das war als Krimi schon genremäßig nicht so mein Fall.

  14. Muriel sagt:

    @Guinan: immer wieder kann ich staunen, wie unterschiedlich man Dinge wahrnehmen kann.

  15. Guinan sagt:

    @Muriel: Ich auch. Eigentlich sollte ich dich vor jedem Bücherkauf nach deiner Meinung fragen. Wenn du begeistert bist, lasse ich besser die Finger davon.

  16. Muriel sagt:

    @Guinan: Echt jetzt? Welche Bücher, von denen ich begeistert war, haben dir denn bisher nicht gefallen?
    Ich wusste gar nicht, dass du da schon was ausprobiert hast.

  17. @Muriel: Kann es sein, dass Du Tolkien nicht besonders schätzt? 🙂 Ich habe damit kein Problem, wäre ja furchtbar, wenn alle den gleichen Geschmack hätten…
    Was das Vampirbuch betrifft, ich kenne den Film gar nicht, sondern bisher nur Deine Rezension, die mich neugierig gemacht hat. An sich habe ich mit Vampirliteratur nicht viel im Sinn, kenne aus dem Genre bisher nur Dracula.

  18. Muriel sagt:

    @Fellmonsterchen: Hat auch wenig Gemeinsamkeiten mit sonstiger Vampirliteratur. Ist mit Dracula und sowas nicht vergleichbar. Ich sag das jetzt einfach mal, obwohl ich Dracula nie gelesen habe.

  19. Guinan sagt:

    @Muriel: Alastair Reynolds hast du mir mal empfohlen, sonst nichts. Da habe ich Revelation Space ausprobiert. Du lobst nicht so oft Bücher, eher gefallen dir Sachen nicht, die ich sehr gern mag. Tolkien z.B.,und Anne Rice. Ich meine, da war noch mehr, aber ich führe nicht Buch…

  20. Muriel sagt:

    @Guinan: Anne Rice mag ich sogar manchmal einigermaßen, aber…
    Du mochtest Alastair Reynolds nicht? Also, so gar nicht?
    Sachma!

  21. Guinan sagt:

    @Muriel: Vielleicht hat er sich ja weiterentwickelt, aber ich konnte mich wirklich nicht überwinden, ein zweites Buch von ihm zu kaufen.

  22. Muriel sagt:

    @Guinan: Nee, keine Entwicklung.
    Ich hab allerdings nach ein paar Büchern auch aufgehört, weil mir seine Plots und Charaktere nicht so besonders gefallen. Aber ich mag ja generell auch Science Fiction nicht so gerne.

Gib's mir!

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: