Vor dem Fall. Und dahinter. Daneben auch.

Als ich vor gut einem Monat schrieb, dass ihr auf diesen Reisebericht nicht so lange warten müsst, da dachte ich das auch wirklich, aber dann … kam es anders. Jetzt versuchen wir’s aber. Eigentlich gibt’s ja gar nicht mehr so viel zu erzählen.

Der Weg von unserem Camp in Botswana zu den Victoria-Falls war nicht besonders weit, deswegen sind wir diesmal nicht geflogen, sondern einfach nur mit einem der Safari-Geländewagen zum Chobe gefahren und dann mit einem Boot über den Fluss.

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Dieses Foto sieht unspektakulär aus, aber es zeigt euch einen der wenigen Orte auf der Welt, an dem vier souveräne Länder aneinander grenzen. Also, zumindest hat unser Bootsfahrer uns das so erklärt, aber es scheint nur bei einer bestimmten Interpratation, der nicht unumstrittenen Grenzziehung zu stimmen. Egal. Ungefähr hier stoßen jedenfalls Namibia, Botswana, Sambia und Simbabwe aneinander. Auf der anderen Seite wartete ein freundlicher Fahrer, der uns zu unserem Hotel bringen sollte.

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Er fragte uns gleich zu Einstieg: „You mind if I put on some Christian music? Because this is a Christian country!“ Und ich dachte, na das fängt ja gut an, aber es war sein Auto, und außerdem muss die Musik ja nicht schlecht sein, deswegen sagte ich ihm natürlich, das sei okay, und dann fragte er: „Are you Christian?“ Und ich dachte, das könnte jetzt eine ziemlich unangenehme Fahrt werden, wenn er ein Armleuchter ist, aber andererseits fand ich es auch albern zu lügen und hoffte, dass er uns zumindest nicht gleich wieder rausschmeißen würde, also sagte ich „Sorry, no.“ und hoffte auf das Beste. Wäre jetzt vielleicht nett, wenn ich euch eine total mitreißende Märtyrergeschichte erzählen könnte, in der der Christ der Böse ist und ich für meine Überzeugungen in den Tod ein paar Schritte zu Fuß gehe, aber er lachte einfach nur, sagte „No reason to be sorry!“ und erzählte dann für den Rest der Fahrt ein paar Geschichten von den Angehörigen anderer Religionen in seiner Familie, zum Beispiel von seinem Schwager, der Muslim ist und deshalb diesen komischen Teppichfleck auf der Stirn hat, der beweist, dass er wirklich mehrfach täglich vorschriftsmäßig betet. Es war sehr nett, und wir wollten eigentlich gerne später noch eine Stadtführung mit ihm machen, aber ach, die Zeit reichte nicht, und so sahen wir ihn nie wieder.

Die Musik war allerdings wirklich grässlich.

Unser Hotel war … nett. Mittelmäßig verglichen mit den traumhaften Unterkünften, die wir zuvor erlebt hatten, aber völlig zufriedenstellend.

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Aber wir waren ja auch nicht wegen des Hotels da, sondern wegen der Fälle, und die waren in der Tat umwerfend. Ich habe hier (buchstäblich, keine Hyperbel) fast tausend Fotos von denen, die so ziemlich alle toll aussehen, und sogar alle irgendwie unterschiedlich, aber wie das im Leben so ist, man muss sich entscheiden, deswegen gibt es für euch nur ein paar.

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So ganz grundsätzlich war der Zugang zu den Fällen sehr unproblematisch. Unser Hotel grenzte direkt daran, und wir konnten jederzeit zu Fuß hingehen und sie uns anschauen.

Im Detail wurde es dann ein bisschen knifflig. Zum Beispiel kann man oberhalb der Fälle in der Trockenzeit (die ja gerade on war) herumspazieren und dann sehr schön runtergucken. Das ist allerdings nur mit einem ortskundigen Führer erlaubt, was wir aber nicht wussten, bis uns ein uniformierter Mann mit Kalaschnikow darauf hinwies, woraufhin wir sagten „Oh, okay, sorry“, worauf er dann aber fragte, wo wir hinwollten, und wie weit, und na gut, dann sagten wir ihm halt, dass wir ein paar Schritte weiter wollten, um uns hier oben umzusehen, ohne konkretes Ziel, worauf er wieder sagte: „I’ll go look if everything’s clear!“ und davon sprang, bevor wir ihn aufhalten konnten.

Das war nun auf den ersten Blick sehr nett, aber während ich ihn da für uns die Gegend erkunden sah, dachte ich darüber nach, dass ich keinerlei inländische Währung dabei hatte, und begann mir zu überlegen, wie ich dem unterbezahlten Mann mit der AK47 wohl am sympathischsten seinen unweigerlich bald folgenden Trinkgeldwunsch abschlagen konnte. Aber auch hier wurden wir halbwegs angenehm überrascht. Er kam dann zwar tatsächlich wieder und sagte, dass wir gerne weitergehen konnten und dass es aber sehr heiß und sonnig sei und man dabei schon ziemlich durstig werden könne, aber als ich die Schultern zuckte und ihm ziemlich wahrheitsgemäß sagte, dass ich kein Geld bei mir hatte (Ich hatte noch ein paar Rand, aber laut Reiseführer ist es in Sambia strafbar, mit einer ausländischen Währung irgendwas zu bezahlen zu versuchen.), guckte er zwar kurz ein bisschen verärgert, aber dann zuckte er nur die Schultern und ging seines Weges.

Und von der anderen Seite ist auch nicht einfach. Man hatte uns gesagt, dass der Blick von Zimbabwe aus auch noch mal interessant sein soll, und deshalb machten wir uns die Mühe, die Brücke dahin zu überqueren und mal nach dem Rechten zu sehen.

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Das ging zu Fuß eigentlich ganz gut. Ein bisschen störend waren nur die vielen Leute, die ganz bezaubernde Messingringe, Holznashörner oder sonstige Skulpturen im Schweiße ihres Angesichts erschnitzt hatten, und deren gesamte Familie davon abhing, dass wir mindestens drei davon kaufen, und die natürlich alle kein schöneres Land auf der Welt kannten als Deutschland und sich deshalb von vornherein als unsere besonderen Freunde empfanden, und so erst recht nicht verstehen konnten, dass wir ihnen diesen trivialen Wunsch abschlugen.

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Und das Tragische an dieser Situation ist natürlich, dass wir diese Menschen sehr gut verstanden haben und dass es möglich ist, dass deren Familie wirklich an diesem Tag nichts zu essen bekommen würde, weil wir nichts gekauft hatten, obwohl ich vermute, dass die wirklich, wirklich armen Menschen dort nicht die sind, die Souvenirs an Touristen verscherbeln, aber was weiß ich, jedenfalls war der Weg zwar körperlich einfach, aber emotional durchaus belastend.

Und vergeblich war er außerdem, denn erstens hätten wir für die Einreise nach Simbabwe pro Person 60$ bezahlen müssen, die wir nicht dabei hatten, wir hätten zweitens danach auch noch einmal für die Wiedereinreise nach Sambia 50$ pro Person bezahlen müssen, die wir gerade eben bei der ersten Einreise auch schon bezahlt hatten, und das war uns dann wirklich zu doof, deshalb haben wir auf den Blick von Simbabwe aus verzichtet und wanderten unverrichteter Einreise wieder zurück.

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Zum Trost gab es aber immerhin ein gelungenes Abendessen. Zwar erfasste mich für einen Moment kaltes Grausen, als mir kurz nach Betreten des Restaurants klar wurde, was ich hier gerade bezahlt hatte für ein Buffet für zwei Personen („Moment mal… 500.000 Quatcha, das ist doch ungefähr so viel, wie wir dem Mann vom Zoll heute Morgen gegeben haben, und das heißt dann doch 50$ pro Person, also 100 insgesamt, sag mal gehts noch, hab ich das wirklich gerade unterschrieben?“), aber die Dessert-Station ließ mich diesen marginal überhöhten Preis schnell wieder vergessen.

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Der nächste Tag war auch schon der vorletzte des ganzen Urlaubs, deshalb überlegten wir fieberhaft, wie wir ihn zu einem krönenden Abschluss machen könnten, und tatsächlich hielt das Activity-Center eine mehr als zufriedenstellende Antwort für uns bereit:

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Rafting!

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Zwar war es eine mühsame Kletterpartie hinunter zum Fluss,

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aber dafür konnten wir von unten nicht nur ganz hübsch wieder rauf gucken,

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sondern wir konnten dann auch recht schnell losraften und hatten dabei einen Heidenspaß.

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Das ist das zweite Team. Keoni und ich hatten unser Raft ziemlich für uns alleine und mussten es nur mit zwei Ruderhelfern des Veranstalters teilen, von denen einer klar das Sagen hatte und die Anweisungen gab, wann wir zu paddeln hatten und wann uns festzuhalten, und der andere wohl noch in der Ausbildung war. Ersterer hatte was von einem Drill Sergeant und war mir deshalb sehr sympathisch (Einer seiner Kollegen sagte uns vor dem Einsteigen sinngemäß: „He looks like he hates you, but don’t mind him, that’s just how he looks.“), und letzterer hat uns beim Paddeln geholfen, was ja auch irgendwie für ihn spricht.

Es gab eine Menge guter Sachen zu sehen, vor allem natürlich steile Felswände:

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Aber zum Beispiel auch sehr hübsche kleine weiße Sandstrände:

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Und natürlich mehr Stromschnellen, diesmal aber aus einer anderen Perspektive:

Und zum Schluss durften wir nicht nur an einem dieser hübschen weißen Strände landen,

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nein, uns blieb wunderbarerweise sogar das Wiederraufklettern erspart, vor dem ich mich während der ganzen Fahrt gefürchtet hatte.

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Der anstrengende, aber sehr schöne Tag fand seinen angemessenen Ausklang im Royal Livingstone Hotel, wo wir einen Tisch fürs Abendessen reserviert hatten.

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Das Royal Livingstone ist etwas weiter von den Fällen entfernt als unser Hotel, dafür aber ein bisschen hübscher und eine Klasse teurer. Wir haben nicht unbedingt bereut, uns für das neben den Fällen entschieden zu haben, aber dieses hier hatte auch was.

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Und das Essen war auch gut.

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Mir am meisten im Gedächtnis geblieben sind so kleine frittierte Fische aus dem Sambesi, nicht unähnlich unseren Stinten, mit einer leckeren säuerlichen Soße.

Am nächsten Tag hatten wir noch Zeit für einen letzten kurzen Blick auf die morgendlichen Fälle

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und dann blieb nur noch Warten auf den Flug nach Johannesburg.

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Von da wollten wir zwar eigentlich nur weiter nach Deutschland fliegen, aber weil uns dafür vier Stunden Aufenthalt blieben, dachten wir todesmutig, dass wir die Zeit doch nutzen könnten, um uns die Stadt noch mal anzusehen. Naja. Hat sich … nicht so gelohnt.

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Und dann habe ich außerdem noch vergessen, dass es nicht so ganz reicht, wenn man zum geplanten Abflugzeitpunkt am Gate ankommt, sondern dass man idealerweise eine Stunde vorher da ist, weshalb der Mann am Schalter des Flughafens uns kurz mit einer Mischung aus Mitleid und Frustration anschaute, nachdem wir ihm unsere Bordkarten überreicht hatten, und dann sagte: „I’ll see what I can do. Please start praying now.“

Er sagte uns dann, dass wir so schnell wie möglich zum Gate Sowieso rennen sollten („Run. Don’t walk. Run. Run!“), und das taten wir dann auch. Wir schafften es tatsächlich, und natürlich sagte der Kapitän des Flugzeugs, nachdem wir uns keuchend und schweißgebadet angeschnallt hatten, dass über Frankfurt ein Nachtflugverbot gelte, und dass wir deshalb jetzt noch eine Dreiviertelstunde rumstehen müssten, bevor wir starten könnten. Ja. Klar. Nachtflugverbot. Das kommt sicher jedes Mal überraschend. Das kann man natürlich nicht in die Abflugzeit einplanen.

Egal. Keoni war in diesem Moment wohl vor allem froh, dass wir unseren Flug nicht verpasst hatten, und ich war vor allem froh, dass sie mir mein völliges Planungsversagen nicht übel nahm, und so waren wir in diesem Moment beide eigentlich ganz froh, und fanden außerdem, dass wir da gerade einen ganz fabelhaften Urlaub verbracht hatten. Und ich konnte mich außerdem schon auf das bevorstehende QM-Audit freuen, das um 08:00 Uhr am nächsten Tag auf mich wartete. Good times.

Danke, dass ich die mit euch teilen durfte, und bis zum nächsten Mal!

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6 Responses to Vor dem Fall. Und dahinter. Daneben auch.

  1. Pfeffermatz sagt:

    Danke für die super geschriebene Reportage – witzig und interessant! Aus dir wird ja ein echter Reiseschriftsteller, wie Bill Bryson 🙂

  2. Guinan sagt:

    Schöne Fotos wieder. Der Helm steht dir aber nicht besonders.
    Darf ich die Rafting-Videos sehen?

  3. Muriel sagt:

    @Pfeffermatz: Danke für die freundlichen Worte!
    @Guinan: Der Helm war viel zu eng und hat fürchterlich weh getan.
    Die Videos… Hab ich vergessen, die freizugeben? Pardon, hole ich sofort nach.

  4. UnendlicheFreiheit sagt:

    Ich melde mich zwar nicht allzu oft hier, und wenn dann geb ich meine 2cents zu politischen/philosophischen Themen ab, aber der Reisebericht hat mir sehr gut gefallen. Schöne Bilder und unterhaltsam geschrieben. Danke!

  5. madove sagt:

    Ich weiß gar nicht, ob ich das immer dazugeschrieben habe oder nur die Sternchen geklickt, wenn ich nichts Explizites zu sagen hatte, aber: Vielen Dank, ich hab hab Reiseberichte alle mit viel Vergnügen gelesen!!

  6. Muriel sagt:

    @UnendlicheFreiheit und madove: Vielleicht Dank, das freut mich sehr.

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