Das Sterben der Bilder – ach, wie gern hätt ich’s gemocht

Als ich kürzlich mehr oder weniger zufällig die Seite „Blogg dein Buch“ entdeckte, die uns auffordert, die dort angebotenen Bücher in unseren Blogs zu besprechen und uns im Gegenzug anbietet, die Rezensionsexemplare kostenlos zur Verfügung zu stellen, da fand ich die Idee spontan sehr sympathisch und beschloss sofort, das mal auszuprobieren. Das Resultat seht ihr nun hier.

Die Auswahl war nicht ganz unproblematisch, wer hier schon länger liest, der ahnt warum, und wer nicht, dem ist es mutmaßlich egal, dem sei aber trotzdem der Form halber gesagt, dass ich einen einerseits sehr spezifischen, andererseits aber sehr eklektischen Geschmack habe, was komisch klingt, aber so ist. Meine Entscheidung fiel schließlich auf

Das Sterben der Bilder von Britta Hasler,  bestellbar hier, erschienen im sicherlich wundervollen dotbooks-Verlag, den ich hier als letzte Auflage noch verlinken muss, von nun an bin ich frei in der Gestaltung dieser Rezension. (Abgesehen davon, dass sie mindestens 250 Wörter umfassen muss, was zu erwähnen aber nun wirklich völlig unnötig wäre.)

Der Verlag bietet uns folgende Inhaltszusammenfassung:

Wien, 1906. Die Stadt lebt in Angst vor einem Serienmörder, der seine Opfer scheinbar zufällig auswählt – und sie dann brutal und effektvoll tötet. Zur gleichen Zeit wird dem arbeitslosen Julius Pawalet überraschend eine Stelle im Kunsthistorischen Museum angeboten. Julius‘ Leben wendet sich weiter zum Guten, als er die junge Krankenschwester Johanna kennenlernt – doch schon bald fallen ihm Details der Morde auf, die auf seinen neuen Arbeitsplatz hinweisen, in dem nicht alles mit rechten Dingen zugeht …

Und das sprach mich durchaus an. Wien mag ich, 1906 ist doch keine schlechte Zeit für ein Buch, und Serienmörder sind ja irgendwie mein Ding. Auch sonst kann ich eigentlich nichts Nachteiliges über das Buch sagen. Britta Hasler hat hier saubere Arbeit abgeliefert. Gelegentliche Tippfehler wollen wir ihr nicht vorwerfen, und ansonsten kann ich nicht im Ernst sagen, dass sie irgendwo dramatisch daneben gegriffen hätte. Ich kann jetzt Beispiele für Formulierungen nennen, die mich ein bisschen irritiert haben, wie

Die Tatsache, dass heute sein Glückstag zu sein schien, machte ihn verlegen.

was ich unnötig umständlich und eigentlich sogar rundum unnötig fand, oder

Auf der Visitenkarte stand der geheimnisvolle Hinweis, den Eingang um die Ecke zu nehmen und die Klingel mit dem Namen Gruber zu betätigen.

woran ich beim besten Willen nichts Geheimnisvolles finde, oder

appetitlich geschnittene Käsestücke

aber da werde ich nun wirklich kleinlich, denn Käse kann ja vielleicht je nachdem, wie man ihn schneidet, wirklich mehr oder weniger appetitlich aussehen, aber …

Ihr merkt schon, dass das nicht das eigentliche Problem ist. Das liegt woanders, und ich konnte sehr lange nicht genau sagen, wo, bis es mir ungefähr zur Mitte hin klar wurde:

Der Vogel Dieses Buch hat keinen Humor. Wirklich gar nicht. Dieses Buch ist bierernst, von vorne bis hinten, von Anfang bis Ende, von der ersten bis zur letzten Seite. Ohne Ausnahmen? Natürlich nicht. Es gab eine Stelle, die mir ein Lächeln abgerungen hat, als der unsympathische Leutnant Tscherba unseren Protagonisten festnehmen will und erklärt, warum es ganz leicht fiel, ihm auf die Schliche zu kommen:

Seine Begleiter warfen ihm einen anerkennenden Blick zu, und wenn sie keine Handschuhe getragen hätten, sie hätten ihm zweifelsohne applaudiert.

Das war nett. Und hart an der Grenze zu echt gut ist auch die Szene, in der ein Zoowächter mit dem Mörder darüber plaudert, dass er besonders aufpassen muss, weil der finstere Bösewicht ja jetzt schon zweimal im Zoo war. Ich konnte an dieser Stelle eine echt gute, eine fantastische Szene regelrecht mit Händen greifen, die Ansätze waren da, und jedenfalls hätte ich auch hier beinahe schmunzeln können, aber …

Das Buch hat einfach keinen Humor. Das spricht nicht unbedingt gegen das Buch, oder seine Autorin, aber für mich ist es nun mal ein Todesurteil. Was keinen Humor hat, ist für mich unbrauchbar, und so war es leider auch das Sterben der Bilder, und daran können auch die durchaus stimmungsvollen, sicher mühevoll recherchierten Schilderungen der Stadt Wien und seiner Gesellschaft im Jahre 1906 nichts mehr ändern, und nicht einmal die wirklich sehr originelle und wenig klischeehafte, um nicht zu sagen: völlig überraschende Entwicklung der Beziehung zwischen Julius Pawalet und der Krankenschwester mit ihrem, naja, nicht fulminanten, aber doch eindrucksvollen Ende, und die sympathisch entspannte Einstellung der Erzählung zur Prostitution können da noch irgendwas reißen.

Für mich. Für euch mag das anders sein. Wenn Humor für euch nicht zu den Grundbedingungen eines angenehmen Leseerlebnisses zählt, ihr historische Kriminalromane schätzt, euch mit blutrünstigen psychopathischen Serienmördern wohl fühlt und vielleicht noch eine Vorliebe für Wien und die kuk-Monarchie in euch tragt, dann ist das Ding für euch garantiert seine 6,99 Euro wert.

Blogg dein Buch freut sich, wenn ich Sterne vergebe, was hier aus den genannten Gründen denkbar schwer fällt, aber ihr wisst ja, ich brauche Harmonie und kann niemandem einen Wunsch abschlagen, also hier:

3 von 5, mit eine klaren Tendenz zur 4 wenn ich es so objektiv bewerte, wie ich kann, und 2 von 5, wenn ich lediglich mein eigenes Lesevergnügen bewerten soll. Frau Hasler ist hier eine originelle, wohl formulierte, kein bisschen schmerzhafte Geschichte gelungen, die eigentlich nur an dem einen Defizit krankt, nicht meinem persönlichen Geschmack zu entsprechen. Schade.

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11 Responses to Das Sterben der Bilder – ach, wie gern hätt ich’s gemocht

  1. Trotz der 3 Punkte ein guter Tipp. Ich geb dem Buch ne Chance, denn ich brauch nicht zwingend Humor, wenn es sonst gut geschrieben ist. Sehr hilfreich rezensiert. Danke.

  2. d.b. sagt:

    Ich werd’s mir auch zulegen – eine verhalten zustimmende Besprechung hier und mehrere begeisterte Leser bei Amazon plus ein interessanter Klappentext sind mir lieber als inhaltsfreie Lobhudelei, und ich will meinen neuen Ebuch-Leser mal mit echtem Material füttern.

  3. Guinan sagt:

    Bin gerade mal drüben stöbern gegangen – interessante Angebote.
    Hast du das hier gesehen http://www.dotbooks.de/e-book/201645/the-hunter-medinas-fluch
    Fängt ziemlich heftig an.

  4. Muriel sagt:

    @kiezneurotiker und d.b.: Danke für die Kommentare. Mich würde sehr interessieren, wie es euch gefallen hat, und ob ihr es z.B. auch so bierernst fandet, oder mir der Humor einfach nur entgangen ist.
    @Guinan: Normalerweise würde ich ja bei

    Sie ist sexy.
    Sie ist tough.
    Und sie jagt paranormale Wesen.

    sofort je nach aktueller Stimmungslage schreiend weglaufen oder einfach nur einschlafen, jedenfalls das ganze unter „Sie-ist-sexy-und-tough-und-jagt-paranormale-Wesen, die vierunddrölfzigste“ ablegen, aber wenn du sagst, dass sich ein Blick in die Leseprobe lohnt, merke ich mir das mal für heute Abend vor.

  5. Muriel sagt:

    So. Nee, mir wirkt das zu unbeholfen und uninteressant, aber das mag auch daran liegen, dass ich es nicht geschafft habe, meine sexy-tough-jagt-paranormale-Wesen-Voreingenommenheit abzulegen.

  6. Guinan sagt:

    Ja, stimmt leider. Ich hab’s jetzt auch durch. Den Anfang fand ich wirklich vielversprechend, aber dann kam nichts nach.

  7. Muriel sagt:

    Es kommt ja nicht oft vor, aber da hätte ich jetzt gern Unrecht gehabt.
    Also, dass ichs gern gehabt hätte, kommt nicht oft vor, so meine ich das, nicht, dass ichs habe, das ist schon einigermaßen regelmäßig der Fall.

  8. […] nicht schlecht wäre, und wie man das machen sollte, da sehe ich diesen Buchtrailer für Das Sterben der Bilder.  Was haltet ihr von […]

  9. Triffels sagt:

    Als Thriller, der sich selbst nicht zu Ernst nimmt, kann ich „Das Albtraumreich des Edward Moon“ empfehlen. Allerdings muss man Skurrilität mögen.

  10. Muriel sagt:

    @Triffels: Danke für den Tipp. Hab mir gerade eine Leseprobe schicken lassen. Mal sehen.

  11. […] igitt – von “Blogg dein Buch” – die eine oder andere von euch wird sich daran erinnern. Die Parade trägt den […]

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