Ich würde echt gerne mal ein Buch von Jonas Lüscher lesen. Vielleicht.

Die 2. Episode meiner Bloggdeinbuch-Teilnahme. Falls es jemanden interessiert: Von der Verlinkung ist nicht viel zu erwarten. Genau einen Klick habe ich über meine letzte Rezension gewonnen. Aber darum geht es ja nicht, und deshalb habe ich mich entschieden, noch ein weiteres Buch zu rezensieren, diesmal sogar ein richtiges. Also, naja, so ganz stimmt das nicht. Aber das wollen wir hier noch nicht vertiefen. Es ist jedenfalls ein Buch aus richtigem Papier.

2013-03-29 10.04.48

Frühling der Barbaren von Jonas Lüscher aus dem Verlag C.H. Beck, in dem übrigens auch die unter ihren Lesern sehr verbreitete NJW erscheint.

Beck sagt:

Der Protagonist dieser raffiniert gebauten Debütnovelle von Jonas Lüscher, der Schweizer Fabrikerbe Preising, wird auf einer Geschäftsreise in einem gehobenen tunesischen Oasenresort Zeuge aufwendiger Hochzeitsvorbereitungen. 
Reiche junge Engländer aus der Londoner Finanzwelt haben Freunde und Familie für ein großes Fest um sich versammelt und feiern schon im Voraus ausschweifend, als sich die wirtschaftlichen Krisensignale zur Katastrophe verdichten: Das britische Pfund stürzt ab, kurz danach ist England bankrott, mit unabsehbaren Folgen, die auch Tunesien nicht unberührt lassen. Preising, als Schweizer zwar von den schlimmsten Folgen ausgenommen, muss miterleben, wie dünn die Decke der Zivilisation ist, und lernt seine ganz eigene Lektion in Globalisierung, denn seine Firma lässt in Tunesien fertigen. Auch Preising bleibt nicht ungeschoren. Spannend, klug konstruiert, durchaus auch komisch, mit unvergesslichen Bildern und einer reichen, beweglichen Sprache erzählt, seziert dieses Buch menschliche Schwächen und zielt dabei mitten ins Herz der Gegenwart.

Und wenn ihr jetzt denkt: „Och naja, das klingt ja nach einer interessanten Prämisse, ich möchte wissen, wie das weitergeht, das kauf ich mir!“ Dann muss ich euch leider sagen: „Vorsicht! So läuft es hier nicht. Das ist keine Prämisse, da geht gar nichts weiter, das ist der gesamte Inhalt des Buches.“

Frühling der Barbaren umfasst im DIN-A5-Format 125 nicht sonderlich eng bedruckte Seiten und ist bannig schnell vorbei. Was da oben steht, stimmt durchaus, zum großen Teil zumindest. Das Ding ist klug konstruiert, komisch und sprachlich in der Tat sehr mobil (das mit der Spannung habe ich nie ganz verstanden, und das Bild, das ich nicht vergessen kann, muss erst noch gemalt werden.). Ob das für jeden ein Vorteil ist, bezweifle ich allerdings noch. Aber die Entscheidung kann ja jeder von euch für sich treffen:

„Der Flug war ausgesprochen angenehm“, versicherte mir Preising. „Ganz gegen meine Angewohnheit trank ich Alkohol. Die Stewardess hatte mich falsch verstanden und brachte statt des gewünschten Safts einen Scotch, den ich ihr dennoch abnahm, da mich Ihre plumpe Gestalt rührte, die in so hartem Kontrast zu den zahllosen stilisierten Gazellen, die ihre Uniform schmückten, stand. Sie war wirklich nicht hübsch, und die Passagiere, die sich um ein Erlebnis betrogen fühlten, welches sie mit dem Erwerb eines Flugscheins glaubten, mitgekauft zu haben, machten es ihr schwer. Es wäre nicht recht gewesen, nicht jede Chance nutzen, freundlich zu ihr zu sein, und so musste dem Ersten ein zweites und dem zweiten ein drittes Glas folgen.“

Wenn ihr glaubt, diesen affektierten Habitus ein paar kurze Stunden lang ertragen zu können, oder ihn vielleicht sogar wie ich als einigermaßen amüsant zu empfinden, dann könnte Frühling der Barbaren euch auch Spaß machen, allerdings mit zwei Einschränkungen.

Zuerst die wesentliche: Frühling der Barbaren erzählt keine Geschichte. Das muss einen nicht stören, denn es ist recht unterhaltsam erzählt und trotzdem leidlich interessant, aber man sollte es vorher wissen. Es gibt keine Struktur, es gibt keinen Abschluss, es gibt keine Entwicklung, und es gibt keine Pointe. Es gibt eben nichts, was normalerweise eine Geschichte ausmacht. Es gibt einfach nur Ereignisse, die dem eigentümlich passiven Erzähler und einer entsetzlich klischeehaften englischen Hochzeitsgesellschaft aus jungen Bankern und einem älteren Ehepaar widerfahren. Insofern würde ich trotz meines beschränkten Einblicks in das Thema der Ansage mit der Spannung vorsichtig widersprechen wollen, denn Spannung setzt schon irgendwie voraus, dass einen interessiert, was geschieht. Genau das halte ich hier aber für weitgehend unmöglich, denn es gibt keine Charaktere, vielleicht mit Ausnahme des besagten Erzählers, der aber ohnehin nur unbeteiligter Zuschauer ist.

Dann die unwesentliche: Der Verlag hat es mit 14,95 € sehr großzügig bepreist.

Man kann jetzt ausrechnen, dass das erheblich mehr ist als zehn Cent pro Seite, aber Literatur in Euro pro Kilogramm zu messen, ist natürlich schon ein reichlich albernes Unterfangen. Trotzdem muss ich sagen, dass ich heilfroh bin, das Ding umsonst als Rezensionsexemplar bekommen zu haben. Die Lektüre hat mir nämlich durchaus Spaß gemacht, wäre mir aber garantiert keine 14,95 € wert gewesen. Dafür fehlte mir dann doch zu viel von dem, was für mich ein gelungenes Buch ausmacht.

Frühling der Barbaren ist nackter Stil, und vielleicht noch so eine Art Kapitalismuskritik, denn es gibt Kinderarbeit, skrupellose Geschäftsleute, und natürlich die Banker, die so schlecht dastehen, dass ich mich womöglich drüber geärgert hätte, wenn es irgendwelche Figuren gäbe, die halbwegs gut wegkämen. Zum Beispiel:

Quicky, noch keine vierzig, wie Preising schätzte, hatte in unbeobachteten Momenten ein müdes Gesicht und legte ansonsten eine aggressive Virilität an den Tag, die Preising unangemessen sexuell und schmuddelig vorkam. Eine Hyäne unter Tigerbabys hatte Pippa [der weibliche Teil des älteren Ehepaars] gedacht, ein Oberarschloch unter gewöhnlichen Arschlöchern, hatte Sanford [der männliche] gesagt, als er ihn mit zwei Bierflaschen in der Hand einer Arschbombe hatte vorführen sehen.

Wie gesagt: Wenn euch wie mir dieser Stil gefällt, wenn ihr diese Art lethargisch-ratloser Erzählung, die nirgendwohin führt, sympathisch findet findet und nicht mehr von einem Buch erwartet, dann ist Frühling der Barbaren was für euch. Sonst nicht. Ach so, und der Vollständigkeit halber: Seziert wird hier gar nichts, und Frühling der Barbaren zielt weder ins Herz der Gegenwart, noch in ein anderes Herz, oder zumindest ist es dem Verfasser gelungen, sehr gründlich vor mir zu verbergen, dass er überhaupt auf irgendwas zielt außer vielleicht auf eine maulige misanthrope Gesellschaftskritik.

3 von 5 Sternen, aber innerhalb dieser Kategorie sicherlich was Besonderes, und sollte Herr Lüscher irgendwann einmal ein Buch schreiben, dann könnte ich mir vorstellen, das zu kaufen. Ich würde dann womöglich sogar bereit sein, noch mehr als 14,95 € auszugeben.

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One Response to Ich würde echt gerne mal ein Buch von Jonas Lüscher lesen. Vielleicht.

  1. […] – von “Blogg dein Buch” – die eine oder andere von euch wird sich daran erinnern. Die Parade trägt den […]

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