Sockenpuppen; Sockenpuppen überall!

toy story

Nicht nur in meinem eigenen betulichen kleinen Blog möchte man manchmal wetten, dass die Kommentatoren, die versuchen, dem Verfasser zu widersprechen, in Wahrheit nur dessen Marionetten sind, virtuelle Pappkameraden, die er aufbaut, um die Gegenseite schlecht dastehen zu lassen. Nach meiner Erfahrung ist diese Tendenz am staunenswertesten ausgeprägt, wenn es um Sexismus geht.

Stefan Niggemeier habe ich das jüngste Beispiel für diesen Effekt zu verdanken, der hier mal wieder in so unfassbarer Dummheit Deutlichkeit zu Tage tritt, dass ich schon überlegt habe, einfach mehr zu essen, damit ich irgendwann mal dick genug werde, dass ich es mit meinem Kopf nicht mehr auf die Tischplatte schaffe, denn das tut weh und ist auf Dauer bestimmt auch ungesund, aber ich schweife ab.

Worum geht es eigentlich? Barack Obama hat eine neue Generalstaatsanwältin vorgestellt, und zwar als die mit „Abstand bestaussehende Generalstaatsanwältin“. Ja. Hm. Also. Mmmmm… Ich schrieb vor einer Weile mal, dass ich ihn ja eigentlich mag. Ich weiß, dass es in gewissen Kreisen einfach noch üblich ist und als Selbstverständlichkeit gilt, deren Ausbleiben schon als Affront aufgefasst werden kann, die Koitusfähigkeit einer Frau hervorzuheben, wenn man über sie spricht. Trotzdem könnte ich jedes Mal in den dicken Lederriemen beißen, den ich für solche Zwecke ständig bei mir trage, wenn ich sowas lese oder höre. Manchmal ist das sozial inopportun, dann beschränke ich mich darauf, die Augen zu verdrehen, oder betreten zu Boden zu stieren, aber es regt mich jedenfalls auf.

Gar nicht so sehr, weil ich prinzipiell ein Problem damit hätte, das Aussehen eines Menschen zu bewerten, oder zu kommentieren. Ich bin gegenüber anderen ein ziemlich optischer Mensch, und ich habe den Eindruck, dass ich damit eher der Norm entspreche. Wenn ich jemanden kennenlerne, dann sehe ich ihn nunmal zuerst von außen (Seltene Ausnahmen bestätigen diese Regel nur und sollen hier wegen ihrer eventuellen strafrechtlichen Relevanz nicht weiter thematisiert werden.), und ob ich das nun richtig finde oder nicht, wenn mir dieser Anblick gefällt, dann bin ich positiv voreingenommen für diese Person, insbesondere, wenn sie weiblich ist. Ich kann das nicht ändern, versuche aber, mir dessen bewusst zu sein und es meine beruflichen Entscheidungen möglichst wenig beeinflussen zu lassen. Privat sieht das sogar noch mal ein bisschen anders aus, denn da reicht es mir völlig aus, jemanden gerne um mich zu haben, ohne dass ich einen besonderen Drang verspüre, zu untersuchen, ob die Gründe dafür rational stichhaltig sind. Und tatsächlich würde ich es sogar begrüßen, wenn unsere Gesellschaft aufgeklärt genug wäre, dass wir offen und vernünftig über dieses Thema reden könnten. Das nur so als Zu-viel-Information-Bonus-Content.

Um es noch mal anhand eines Beispiels zu illustrieren: Wenn mir ein Lieferant einen neuen männlichen Ansprechpartner vorstellt und dabei auch erwähnt, dass dieser echt hübsch aussieht, wäre ich vielleicht erst mal ein bisschen verwirrt ob der Unüblichkeit dieser Bemerkung, hätte aber letzten Endes kein Problem mit ihr, vor allem, wenn sie erkennbar nicht ernst gemeint wäre, oder wenn sie sogar einen sachlichen Bezug hätte (Denn machen wir uns nichts vor, gutes Aussehen hilft, Leute zu überzeugen, und die Vertreter unserer Lieferanten haben öfter auch Kontakt mit unseren Kunden und Vermittlern.). Bei diesem Lieferanten würde es mich fürderhin auch nicht mehr stören, wenn er bei Frauen genauso verfährt. Wenn jemand hingegen nur bei Frauen fortwährend deren Aussehen kommentiert, und das auch dann, wenn es nichts zur Sache tut (wie etwa bei einer Generalstaatsanwältin, und bevor es jemand schreibt: Ja, die hat die Aufgabe, Richter und Geschworene zu überzeugen, und dabei kann es helfen, wenn sie hübsch ist, aber wir sind uns wahrscheinlich einig, dass es trotzdem für einen Präsidenten eher nicht angemessen ist, das öffentlich zu betonen.), dann vermittelt dieser Lieferant (der natürlich auch durch einen weiblichen Avatar verkörpert werden kann, auch wenn ich ihn hier konsequent maskulin bezeichne) damit den Eindruck, dass er Frauen vorrangig oder zumindest auch maßgeblich in der Pflicht sieht, dekorativ zu sein, Männer hingegen eher zur produktiven Aufgabenbewältigung schätzt, und das ist nun mal eine sehr unsympathische Einstellung.

Trotzdem habe ich mit Obamas kurzer Bemerkung jetzt kein Riesenproblem (wozu sicherlich auch beiträgt, dass er einfach eminent sympathisch aussieht). Zwar sollte er inzwischen wirklich eine gewisse Routine erworben haben, aber andererseits kann ich schon die Unsicherheit verstehen, die sich daraus ergeben kann, abschätzen zu müssen, was für das Publikum, zu dem ich gerade spreche, passt, und was nicht, und was wie rüberkommt, womöglich unabhängig davon, was ich selbst denke. Wenn wir uns einfach hinterher drauf einigen könnten, dass diese Bemerkung nicht so doll war und dergleichen in Zukunft vielleicht besser unterbleibt, wäre für mich alles vergessen.

Ein Problem habe ich mit Leuten wie Andrea Seibel, die eine solche Einigung torpedieren, indem sie mit breiten ungewaschenen Füßen auf dem Thema herumtrampeln und springen, bis überhaupt nicht mehr erkennbar ist, worum es eigentlich ging.  Das klingt dann zum Beispiel so:

Schönheit wird so zum Makel in einer Welt, die alles gleichmachen will.

oder so:

Man darf in Amerika nicht mehr sagen, wenn ein Mensch schön ist, sondern nur, dass er gut arbeitet. Mann und Frau können sich so einzig als aseptische Roboter im öffentlichen Raum begegnen, da jede menschliche Regung als Sexismus ausgelegt und von einer unerbittlichen Gesinnungspolizei geahndet wird.

Weiß jemand einen guten Begriff für diese Art der Nichtdiskussion, die auf sachliche Kritik reagiert, indem sie sie mit gewaltsamen Angriffen gleichsetzt und ihren Inhalt gleich mal so rabiat verkennt, dass man sich fragt, ob das noch Dummheit oder schon böse Absicht ist?

„Strohmann“ trifft es meiner Meinung nach schon gar nicht mehr so richtig, weil ein Strohmann wenigstens meistens noch einen gewissen Bezug zur Position des Gegners hat, und „Derailing“ weckt mir zu viele Beißreflexe auch bei Leuten, mit denen man manchmal ganz vernünftig über Sex- und Feminismus reden kann.

Es ist doch eigentlich ganz einfach. Von mir aus darf privat gerne jeder entscheiden, wie viel Bedeutung er dem Aussehen anderer Menschen beimisst, solange ich dann auch entscheiden darf, ob ich ihn oder sie deshalb für einen Arsch halte. In der öffentlichen Diskussion über einen Menschen in einer bestimmten Funktion, insbesondere einer Funktion für den Staat, der aufgrund seiner Sonderrolle verpflichtet ist, mehr als Privatrechtssubjekte auf Gleichbehandlung, Sachlichkeit und Rationalität zu achten, ist es aber evident unangemessen, Eigenschaften des Funktionsträgers hervorzuheben, die mit der Erfüllung seiner Aufgaben nichts zu tun haben. Nkay?

Und verdammt noch mal, kann bitte jemand, der körperlich ein bisschen imposanter ist als ich, hingehen und die Vertreter der „Soll sie sich doch freuen, kann sie doch stolz drauf sein, darf ich jetzt keine Komplimente mehr machen“-Fraktion kräftig ohrfeigen? Ich glaube, die brauchen das.

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14 Responses to Sockenpuppen; Sockenpuppen überall!

  1. Guinan sagt:

    Ich wollte nur mal gerade Zustimmung hinterlassen.
    Und passend zum Thema erscheint als hübsch blinkende Werbung: Abspecken innerhalb von 7 Tagen.

  2. Der Niggemeier will halt wegen seiner schriftstellerischen Qualitäten gelobt werden, nicht wegen seines guten Aussehens.

  3. Muriel sagt:

    @Hermine Hagestolz: Kann ich verstehen. Ich sag mal so, zwar fühlte ich mich durchaus sehr gekitzelt, wenn mir jemand sagte, ich sei attraktiv (gerne auch mit deutlicheren Worten), aber wenn es zum Beispiel Sitte würde, das als vorrangiges oder sogar einziges Lob unter meine Artikel und Geschichten zu schreiben, würde ich es mutmaßlich mit der Zeit doch als sehr frustrierend und unangemessen empfinden.
    Das ist natürlich auch der Hauptgrund, aus dem ich bisher anonym schreibe.
    Ähem.

  4. Marcus sagt:

    Eigentlich alles recht deutlich und einleuchtend. Für so manch vollständig Merkbefreiten sind die Nuancen aber wohl immer noch zu fein…

    Danke für diesen erfrischend vernünftigen Beitrag.

  5. Muriel sagt:

    @Marcus: Willkommen bei überschaubare Relevanz, wo alle Beiträge erfrischend vernünftig sind und immer die Sonne scheint, oder zumindest regelmäßig.
    Dein eigenes Blogdings ist aber auch gar nicht schlecht, soweit ich das überblicken kann, und du hast es jedenfalls wesentlich prägnanter ausgedrückt als ich.

  6. Triffels sagt:

    Noch schlimmer sind ja die Leute, die glauben frau (oder mann) sagen zu müssen, was ihnen an ihr (/ihm) nicht gefällt.

  7. Muriel sagt:

    @Triffels: Ohja. Die gibt es auch …
    @Alle: Jezebel hat es übrigens auch noch viel besser gesagt als ich. Unbedingt lesenswert:
    You Can’t Tell the Attorney General She Has an Epic Butt, But Here’s What You CAN Do.

  8. madove sagt:

    Du sprichst mir so aus dem Herzen, danke.
    Jetzt habe ich dreimal ausführlich versucht, auszdrücken, wie diese Art von Argumentation, also nicht Deine, die von diesen Leuten, auf mich wirkt, aber es überschreitet mein Tagespensum an Großbuchstaben und Ausrufezeichen.
    Ich versteh ja, daß man(n) denken kann „Was haben die denn, stellt Euch nicht so an, ich versteh dieses Feminismusdings nicht, ich möchte einfach nur hier sitzen“. Aber wie unglaublich viele Leute es dann für wichtig und angemessen halten, laut und entschieden eine bescheuerte Gegenposition zu vertreten, das …überrascht mich jedesmal, um es euphemistisch auszudrücken.

  9. Muriel sagt:

    Es hängt zwar nur sehr vage mit diesem Thema zusammen, aber ich sag gerade bei Facebook den Post von Matt Dillahunty:
    It’s just so sad that saying „stop the slut-shaming“ and „don’t hit kids“ manage to spark heated discussions. These are no-brainers .
    Das denke ich auch immer. Es gibt ja durchaus ein paar schwierige Fragen in der Welt, und wäre es nicht schön, wenn wir uns mit denen befassen könnten, statt drüber zu streiten, ob es angemessen ist, dass ein Präsident die Leckerheit einer neuen Staatsanwältin kommentiert?

  10. PlantPerson sagt:

    Tatsächlich komme ich grade vom Niggemeier Blog und hoffe, dass da einige Sockenpuppen dabei sind (obwohl ich das Herrn Niggemeier nie unterstellen würde)

    Interessant finde ich immer den „DARF-man-jetzt-keine-Komplimente-mehr-machen“-Reflex.

    1. Klar darf man. Obama wurde ja nicht des Amtes enthoben und nach Guantanamo verfrachtet.
    2. Sollte man im geschäftlichen Umfeld Komplimente über Äußerlichkeiten machen? Kommt evtl. auf den Job an, aber bei der Generalstaatsanwältin eher nein. Außer man macht das bei Männern, Frauen, Transgender im gleichen Maß, da gebe ich dir recht.
    3. Man kann auch Komplimente zu anderen Bereichen als dem Äußeren geben – im Berufsleben gerne zur Qualifikation!

    Es folgt dann gerne ein bockiges: „Dann mache ich Frauen ab jetzt keine Komplimente mehr!“
    Oh Schock! Wo doch der gesamte Lebensinhalt von uns Frauen darin besteht, Komplimente von Männern zu bekommen! Das haben wir jetzt von unserem Feminismus, wir doofen Emanzen!

    (damit wir uns nicht falsch verstehen: klar bekomme ich gerne Komplimente – wer nicht? Es kommt aber doch auf den Kontext an. Kontext ist wichtig…)

  11. Muriel sagt:

    @PlantPerson: Eben. Und manche Komplimente sind halt in manchen Situationen manchen Personen gegenüber unpassend. Diese schlichte Erkenntnis sollte doch nun wirklich jedem zugänglich sein.

  12. ratiogeraet sagt:

    Volle Zustimmung für PlantPerson. Und wenn ich die Wahl hätte zwischen einem Kompliment für mein Aussehen (das ich nur begrenzt beeinflussen kann) und einer selbsterbrachten Leistung oder Kompetenz (wofür ich mich ins Zeug lege), dann würde ich doch jederzeit letzteres bevorzugen.

    Ich nehme mal an, dass in einem beruflichen Kontext auch die meisten Männer lieber ein Kompliment für ihre Fachkenntnisse als für, sagen wir mal, volles Haar erhalten würden.

  13. Ich finde Muriels Profilfoto total geil. Wo war nochmal gleich der Text? 🙂

  14. Marcus sagt:

    @Muriel, Danke, aber prägnant ist eben nicht immer gleich besser (und soll doch bei mir eher über die Unfähigkeit, einen kohärenten Satz zu bilden, hinwegtäuschen; aber lassen wir das…).

    @PlantPerson: Leider sind beim Thema Sexismus Sockenpuppen gänzlich überflüssig, auch da scheinbar gar keine Hemmungen existieren, was das Ausbreiten der eigenen Ignoranz betrifft, weil der Sexismus so tief in der Gesellschaft verankert ist.
    Und mein Lieblingswort: Kontext <3. Kontext hilft.

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