They say in heaven love comes first

Eigentlich ist die taz zurzeit aus guten Gründen der Punching-Bag du jour, aber weil ich trotz unüberbrückbarer politischer Distanz immer große Sympathie für das linke Blatt empfand, andererseits aber ohne genau sagen zu können, warum, schon immer einen besonderen Flecken in meinem Herzen für Hass auf die Zeit reserviert hatte, stammt unser heutiges Beispiel für schlechten Journalismus nicht aus der Zeitung mit dem kleinen t, sondern aus dem großen alten deutschen Intellektuellendings, und falls euch das als Anreißer nicht reicht:

SEX! SEX! ES GEHT UM SEX!

(Nein, ich werde damit nicht aufhören, weil ich auch nicht glaube, dass es sich sonst irgendwann abnutzt. Das wird immer funktionieren.)

Sexualität: Vom Himmel auf Erden heißt das Interview, das das ZEITmagazin mit dem Sexualpsychologen Dr. Christoph Joseph Ahlers geführt hat, und wer auf Basis dieser Überschrift noch nicht bereit ist, alle Hoffnung fahren zu lassen, wird das zumindest im Angesicht der darauf folgenden Teaser-Frage nicht länger verweigern können:

Wissen wir wirklich alles über Sex?

Hä? Was … Was soll das denn? Herrscht in der Bevölkerung die ubiquitäre Überzeugung, dass wir alles über Sex wissen? Ich hatte bisher den Eindruck, das Gegenteil sei der Fall. Die meisten Leute, die ich kenne, halten das mit dem Sex für einigermaßen eigenartig und schwer verständlich, und auch davon abgesehen gibt es offensichtlich kein Themengebiet auf der Welt, über das wir alles wissen und … oder nee, jetzt weiß ich. Das soll gar nicht heißen „Wir Menschen“, sondern „Wir, die ZEIT-Redaktion“. Dann ergibt es natürlich wieder Sinn, denn jeder weiß, dass in der Zeit-Redation in der Tat die Auffassung grassiert, alles über alles zu wissen. Weiter also.

Herr Ahlers, noch nie war Sex so sichtbar und leicht verfügbar wie in unserer Zeit, noch nie gab es so viel Offenheit gegenüber allen möglichen Spielarten.

fragt das ZEITmagazin, und ich fürchte, dass ich heute mit diesem Post nicht mehr fertig werde, wenn ich mich weiterhin an solchen Kleinlichkeiten aufhängen will, aber weil es gleich der erste Satz im Interview ist, will ich das eine Mal noch fragen: Ach ja? Stimmt das? Sicher?

Wie würden Sie einem Außerirdischen erklären, was das eigentlich ist: Sex?

Äh, hm, ja … Ähm. Es gibt ungefähr eine Antwort, die Herr Dr. Ahlers hierauf geben könnte, ohne sofort sämtliche seriöser-Experten-Cred zu verspielen, und sie lautet zumindest sinngemäß: „Dafuq?“ Er gibt natürlich eine andere:

 Sex ist die intimste Form von Kommunikation, die uns Menschen zur Verfügung steht.

Ich muss schon zugeben, dass meine These da oben etwas zu steil geraten ist. Natürlich gibt es mehrere Antworten, die er hätte geben können, ohne umgehend sämtlichen Respekt meinerseits zu verlieren. Natürlich gibt es verschiedene Möglichkeiten, wie er darauf hätte erwidern können, und trotzdem noch Anspruch darauf erheben, als Fachmann ernst genommen zu werden. Leider hat er sich für keine davon entschieden.

Zunächst mal ist Sex nur dann eine Form von Kommunikation, wenn ein Faustschlag auch eine ist. Also irgendwie schon, aber nur im weiteren Sinne, und nicht vorrangig. Weiterhin ist Herrn Dr. Ahlers in seiner langen Zeit als Sexualpsychologe anscheinend niemals aufgefallen, dass es verschiedene Menschen gibt, die auf unterschiedliche Arten Sex haben, und denen dieser Sex unterschiedlich viel bedeutet. Für manche von uns ist Sex etwas unheimliche Bedeutendes und Intimes. Für manche von uns ist es etwas total Nebensächliches, und für manche ein alltäglicher, sehr angenehmer aber letzten Endes bedeutungsloser Zeitvertreib. Und für manche ist er mal dies, mal das, und mal was anderes. Sowohl das ZEITmagazin als auch sein Interviewpartner haben also gleich mal ihre erste Äußerung benutzt, um sich von vornherein zu totalen Schießbudenfiguren zu machen. Das ist ehrlich und vielversprechend.

Herr Dr. Ahlers fügt hinzu, dass Sex für ihn schon vor Geschlechtsverkehr im engeren Sinne beginnt nämlich mit bestimmten Berührungen, „die uns etwas bedeuten“, worauf ZEITmagazin fragt – Himmel, ich will eigentlich nicht das ganze Interview Satz für Satz mit euch durchgehen, denn es ist echt mordslang, aber … die Gegenfrage der Interviewer ist schon wider so dadaistisch, dass ich sie euch nicht vorenthalten will:

Deshalb erinnern sich die meisten Menschen an ihr erstes Mal ein Leben lang, obwohl tatsächlich vielleicht ein Arzt die erste fremde Person war, die ihre Genitalien berührte?

Liebe Kinder, ihr müsst euch keine Sorgen machen. Lasst euch bitte nicht verwirren. Die Konjunktionen „deshalb“ und „obwohl“ bedeuten wirklich genau das, was ihr in der Schule gelernt habt. Es ist alles okay. Die Leute vom ZEITmagazin wissen das nur nicht.

Wir könnten jetzt ein lustiges Ratespiel machen. Ich unternehme einen ersten Versuch. Nicht schummeln: Was denkt ihr, was Dr. Ahlers auf diese crazy Quatschfrage antwortet? Sagt er vielleicht:

a) „Hä? Sprechen Sie noch mit einem anderen Experten, oder hatte ich gerade einen narkoleptischen Anfall und habe im Schlaf weitergeredet?“

Oder sagt er vielleicht:

b) „Tschuldigung, ich muss mich irgendwie verlaufen haben, ich wollte zu einer Zeitung. Wärter? Können Sie mir bitte die Tür öffnen? Sind diese Patienten gefährlich?“

Oder sagt er womöglich:

c) „Dafuq?“

Naja nein, da wird nichts draus. Das Ratespiel ist sinnlos, denn jeder weiß, was Dr. Ahrens antwortet. Er sagt natürlich:

d) „Was zum Naschen.“

Hm? Bitte? Na gut… Nein, das sagt er auch nicht. Seine Antwort ist weitaus weniger vernünftig. Er sagt:

So ist es.

was cool wäre und mir einigen Respekt abnötigte, wenn ich aufgrund seiner ersten Antwort nicht davon ausgehen müsste, dass er es ernst meint. Und es geht noch weiter:

Ob wir etwas als erotisch erleben oder nicht, hängt nicht nur davon ab, was auf der Handlungsebene passiert, sondern vor allem davon, wie wir es bewerten.

you don't say

Mhm. Joa… Mensch, ZEITmagazin, bloß gut, dass ihr einen Psychologen eingeladen habt. Wie sonst hätten wir erfahren, dass es bei der Frage, wie wir etwas erleben, vor allem darauf ankommt, wie wir es erleben?

ZEITmagazin hakt daraufhin mit der inzwischen gewohnten Schlagfertigkeit und schonungslosen Härte nach:

Sex ist also, wenn es erregend ist?

und begeht damit einen Fehler, der nach meiner unmaßgeblichen Erfahrung in schlechten Experteninterviews (Is there any other kind?) früher oder später einfach kommen muss: Sie fragen den Experten nach einer Definition eines umgangssprachlichen und mehrdeutigen Begriffs, als läge die Mehrdeutigkeit nur daran, dass die Leute eben nicht Bescheid wissen, als ließe sie sich dadurch beseitigen, dass der Experte nun die eine richtige Definition bekannt gibt, und zeigen uns damit, dass sie weder verstehen, wozu Experten da sind, noch, wie Sprache funktioniert.

Hier stimmt Herr Dr. Ahlers ausnahmsweise mal nicht vorbehaltlos zu, sondern sagt, dass die „zentrale Bedeutung“ von Sex eine andere sei:

Angenommensein, Zugehörigkeit

Ach so. Na, gut, dass ich das jetzt weiß. Ich könnte jetzt wieder darauf hinweisen, dass er da natürlich unzulässig pauschalisiert, aber ich will mal nicht so sein, denn „zentrale Bedeutung“ muss ja nicht heißen, dass es allen Menschen beim Sex Zentral um diese Grundbedürfnisse geht. Vielleicht will er damit ja nur sagen, dass die meisten so empfinden, dass das die häufigste Assoziation ist, denn ein solcher Fachmann wie er glaubt natürlich nicht im Ernst, dass Menschen so gleich fühlen und dass man mit so schlichten Einheitsantworten –

Alles, was wir im Leben tun, zielt darauf ab.

Oooookay. Offenbar glaubt er das doch.

Das ist die tiefere Bedeutung von Sex. Das, was die Kirche Himmel nennt.

Ähhh… Jetzt mal ehrlich. Sagt es mir, ich kann das ab: Das liegt an mir, oder? Es kann doch nicht sein, dass dieses Interview wirklich so unsinnig ist, wie es mir vorkommt. Das wäre dann doch nie veröffentlicht worden. Ich bin doch hier auf der falschen Schiene, oder?

Und die frohe Botschaft der Sexualpsychologie ist: Ein bisschen was davon können wir auch auf Erden haben.

Ich gehe nicht großartig darauf ein, dass man als Wissenschaftler vielleicht nicht zuviel Gewicht auf das Verbreiten einer frohen Botschaft legen sollte, und lieber mehr auf … weiß nicht, die Wahrheit, oder sowas, aber … Was ist denn nun die frohe Botschaft? Ich fasse es mal für die nicht Bewusstseinserweiterten unter uns zusammen:

  • Bei Sex geht es um Zugehörigkeit und Angenommensein.
  • Die Kirche nennt das Himmel.
  • Davon können wir auch ein bisschen was auf Erden haben.

Den Umweg über den mittleren Satz können wir weglassen, der hebt sich auf. Es bleibt also als die frohe Botschaft: Wir können auf Erden ein bisschen dazu gehören und ein bissen angenommen werden. Joa. Och Mensch, ZEITmagazin, was wären wir ohne deine Experteninterviews? Wir würden immer noch glauben, Sex wäre ein Teller mit Spaghetti, und auf Erden gäbe es das nicht, oder so.

Und so dissoziativ geht es weiter. Herr Dr. Ahlers erklärt nun, dass sexuelle Lust ja eigentlich keine Bindung braucht, weil man sie auch selbst machen oder kaufen kann, und dass auch Fortpflanzung heute ohne Sex geht, dass wir also nur das Gefühl angenommen zu werden, nicht alleine machen können.

Und darum tun wir uns auch heute noch als Paare zusammen

Manche von uns, ja, aber was hat das denn jetzt noch mit Sex …?

und wollen auch in langjährigen Partnerschafen im Idealfall immer wieder miteinander schlafen.

Ach so. Ja klar. Äh… Nee, doch nicht. Hä?

Wie gesagt, liegt bestimmt an mir, aber ich höre, während ich das lese, quasi vor meinem inneren Ohr, wie Herr Dr. Ahlers den ersten Halbsatz vor dem „und“ so halb in der Luft hängen lässt, während er kurz nachdenkt, und ihm klar wird, dass er gerade seine These ad absurdum geführt hat, dass wir Sex brauchen, um uns angenommen zu fühlen, und wie er dann schnell noch den zweiten Halbsatz hinterherhaspelt, als wären Partnerschaft und Sex das gleiche, als wären die untrennbar und als wäre Sex das Zentrum einer jeden Partnerschaft.

Ach…

Ich frage mich gerade, ob euch das nicht zu doof wird. Ich hab jetzt ungefähr die erste Hälfte der ersten Seite des Interviews. Es geht über fünf. Und ich habe zwar auch noch nicht weiter gelesen, aber ich glaube, das würde die ganze Zeit so weiter gehen.

Was meint ihr? Wollen wir noch weiter machen? Oder hören wir auf? Ich hätte Lust, aber ich will euch nicht langweilen.

In jedem Fall würde ich mich über eure Antworten auf meine obige Frage freuen: Liegt es an mir? Oder begreift ihr auch überhaupt nicht, was das alles soll? Bin ich nur schlecht gelaunt, oder ist dieses Interview wirklich so unfassbar abwegig, wie es mir vorkommt? Und wissen wir jetzt alles über Sex, oder nicht?

13 Responses to They say in heaven love comes first

  1. Guinan sagt:

    Ich zumindest würde mich freuen, wenn du den Rest des Artikels auch noch sezierst. Viel mehr als eine Einleitung war das bisher ja nicht.
    Eigentlich mag ich die Zeit sonst ganz gerne. Und Herrn Ahlers würde ich zugute halten, dass er beruflich mehr mit Störungen zu tun hat als sonstwas, das mag seinen Blick trüben.

  2. TakeFive sagt:

    Tu’s! Tu’s! Tu’s!

  3. Robroy sagt:

    Würd mich freuen, wenn du weiter machst, ich mag die Art von Blogeinträgen – so kann ich auf unterhaltsame Weise den Inhalt unsinniger Artikel erfahren, die ich selber nie durchhalten würde zu lesen.

  4. PlantPerson sagt:

    Ja, weitermachen! Sonst muß ich den Artikel noch selber lesen.

    Zu den anderen Fragen: liegt nicht an dir, ich begreife auch nix. Das Interview ist gaga, ob du schlecht gelaunt bist kann ich von hier schlecht einschätzen. Und IH-ICH wußte ja schon vorher alles über Sex! (wer sowas sagt, hat natürlich keine Ahnung. Daher tut der rest des Artikels auch bitter Not)

  5. […] so kanns gehen, gestern habe ich es noch entrüstet von mir gewiesen, und heute ist es schon so weit, heute bashen wir doch […]

  6. madove sagt:

    POD CAST POD CAST POD CAST

  7. TakeFive sagt:

    Jaaa!
    Gib uns ein P!
    Gib uns ein O!
    Gib uns ein D!
    Gib uns ein C!
    Gib uns ein A!
    Gib uns ein S!
    Gib uns ein T!

  8. DasSan sagt:

    „Das ist die tiefere Bedeutung von Sex. Das, was die Kirche Himmel nennt.“ – Und deshalb ruft man dabei oftmals „Oh Gott!“
    Ja, ich bin ein alberner Mensch.

    Ansonsten finde ich auch diese Verallgemeinerungen ziemlich befremdlich wie ‚die zentrale Bedeutung von Sex ist allgemein blablubb‘ oder ‚alles was wir im Leben tun rhabarberrhabarber‘, schließlich ist Sex ein extrem weites Feld und es soll sogar Leute geben, die wollen überhaupt gar keinen.
    Aber von mir aus kannst du gerne auch noch den Rest des Artikels auseinandernehmen, da schließe ich mich dem Fanclub an.

  9. Muriel sagt:

    Ich rufe ja immer nur „Dawkins!“ und „Evolution!“ Manchmal auch „Ingersol!“ oder „Zufall!“
    Fand keoni am Anfang komisch, aber sie hat sich inzwischen dran gewöhnt.

  10. madove sagt:

    „Zufall!“ *prust*

  11. DasSan sagt:

    Tatsächlich habe ich mich ja manchmal gefragt, was Atheisten anstelle von ‚oh Gott‘ so sagen. Wie gut, dass es dieses informative Serviceblog hier gibt.

  12. […] auf Podcasts, eine merkwürdige, aber klare Unterscheidung zwischen den Interessen einiger weniger mächtiger einflussreicher Kommentatoren und der stimmlosen entrechteten Minderheit. In Anbetracht meiner politischen Orientierung muss ich […]

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