und wenn wir in dieser Welt eins zu viel haben, dann ja wohl Empathie!

Okay, so kanns gehen, gestern habe ich es noch entrüstet von mir gewiesen, und heute ist es schon so weit, heute bashen wir doch mal ein bisschen die taz. Na gut, sie wird es verschmerzen können, nehme ich an. Von der Zeit sind mir seit meinem gestrigen Post auch noch keine Suiziddrohungen oder Ergebniswarnungen bekannt geworden.

Worum gehts?

Dank des wunderbaren Altpapiers habe ich bei taz. de eine kurze KRITIK zur Verleihung des diesjährigen Nannen-Preises gefunden:

 „Zeit“-Autorin Heike Faller mag den Nannen-Preis für ihre Pädophilenporträts verdient haben. Für den Gegenstand ihres Stücks „Empathie für Pädos“ ist er ein Skandal

Ich traue mich ja schon gar nicht mehr das zu sagen, aber: Wat? Hä? Wie? Sie mag den Preis verdient haben. Aber er ist ein Skandal. Der Preis ist verdient, aber ein Skandal. Für den Gegenstand. Wie „für“? Mutmaßlich doch im Sinne von „Wegen“. Aber trotzdem. Sie hat den Preis für diese Arbeit verdient. Aber wegen des Themas der Arbeit ist es ein Skandal, dass sie ihn bekommt. Sie hätte ihn also für diese Arbeit ruhig bekommen sollen, aber die Arbeit hätte ein anderes Thema … ? Ich begreifs nicht. Und so langsam glaube ich wirklich, dass das an mir liegen muss. Es kann doch einfach nicht sein, dass jeder Artikel, den ich in deutschen Zeitungen lese, gleich mit völligem Blödsinn beginnt. Es muss doch auch hin und wieder mal ein Journalist was Konsistentes schreiben.

Egal.

Frau Faller hat offenbar eine Fallstudie anhand eines pädophilen Menschen verfasst (die ich nicht gelesen habe), für diese den Nannen-Preis gewonnen (über den ich nichts weiß), und Christian Füller hat in die taz geschrieben, dass er darin einen Skandal sieht. Wieso denn jetzt? An Frau Fallers Arbeit hat er explizit nichts auszusetzen, im Gegenteil, er gratuliert ihr.

Die Nannen-Jury freilich hat keinen Preis verdient, im Gegenteil, sie muss sich fragen lassen, wie sie darauf kommt, Empathie für einen Pädophilen auszuzeichnen.

Hat er Recht. Jede Jury sollte sich fragen lassen, nach welchen Kritierien sie ihre Preise vergibt, denke ich auch. Aber nee, so meint er das ja nicht. Ihn stört ja der Gegenstand des Stücks. Empathie für einen Pädophilen. Und es ist ja nicht so, dass die Jury es nicht erklärt hätte.

„Vielleicht ist es gerade diese [sc: kühle, neutrale] Haltung, die es möglich macht, dass ein Leser irgendwann ungewollt beginnt Anteil zu nehmen, vielleicht sogar so etwas wie Verständnis zu empfinden.“ zitiert Füller die Laudatio, und schreibt dazu:

Dieser Satz ist eine Geschmacklosigkeit. Und ein Schlag ins Gesicht der Opfer.

Und sicher wird er es mir nachsehen, wenn ich ähnlich meinungsfreudig wie er dazu schreibe: Dieser Kommentar ist eine Dummheit, und ein Schlag ins Gesicht derer, die sich ehrenwerterweise dafür einsetzen, diese blödsinnige Dichotomie in Täter und Opfer, in Gute und Böse, in Monster und Menschen aufzubrechen, und die gerne in einer Gesellschaft leben wollen, in der das Bemühen um Empathie und Verständnis keine Geschmacklosigkeit ist, kein Skandal und auch kein Schlag ins Gesicht von irgendwem, sondern eine gottverdammte Selbstverständlichkeit und eine universell als solche akzeptierte Kardinaltugend.

[Die Opfer] nämlich brauchen unser Ohr, unsere Empathie und, ja, unsere konkrete Hilfe.

Das ist gewiss so, aber wie Herr Füller es schreibt, impliziert er damit, die Täter bräuchten das alles nicht. Tun sie aber. Und ich würde sogar, wie üblich unberührt von tieferer Sachkunde, für offensichtlich halten, dass es von vornherein viel weniger Opfer gäbe, wenn wir den Tätern nicht unser Ohr, unsere Empathie und unsere konkrete Hilfe verweigern würden, wenn wir aufhören würden, öffentlich den Eindruck zu erwecken, als würde einen schon die bloße Pädophilie an sich, also das reine sexuelle Verlangen nach Minderjährigen, zu einem Unmenschen machen, der keine Empathie verdient, und kein Verständnis, der ausgeschlossen und dämonisiert gehört. Ich sehe nicht, wie man daran zweifeln kann, dass die heutige Einstellung unserer Gesellschaft zu Pädophilie, namentlich genau die Haltung, die Herr Füller vertritt und fördert, zumindest mit verhindert, dass Pädophile sich die Unterstützung suchen, die sie brauchen, dass sie zu ihrer gefährlichen Neigung stehen und versuchen, damit zu leben, und bei anderen Menschen die Hilfe zu finden, die sie brauchen, um sie in den Griff zu bekommen.

Tausende Opfer sexueller Gewalt haben bis heute keinen Cent Hilfe bekommen – aber für ein knappes Hundert Männer, die kein Täter werden wollen, gibt die Justizministerin 387.000 Euro aus.

Ich kann dazu inhaltlich nichts sagen. Aber die Gegenüberstellung finde ich schon mal bedenklich. Wenn die Opfer Hilfe brauchen, brauchen sie Hilfe. Und wenn das Geld für die Pädophilen diesen hilft, keine Täter zu werden, dann ist es in meinen Augen umwerfend gut angelegt, denn – man könnte mit wenig bösem Willen schon fast zweifeln, ob Herr Füller diesen Zusammenhang versteht – zu jedem potenziellen Täter, der keiner wird, weil wir ihm helfen, gehört ja mindestens ein, oft genug sogar viel mehr potenzielle Opfer, die keine werden.

Opfer bekommen Millionen leerer Versprechen, die potenziellen Täter Geld, Verständnis und einen herausragend wichtigen Preis.

Während die Gegenüberstellung zuvor noch nur bedenklich war, ist diese schon weit jenseits jeder aufrichtigen Argumentation; ich bin versucht, von Demagogie zu sprechen. Die Täter bekommen keinen Preis. Den Preis hat die Journalistin bekommen, die über einen berichtet hat [, der kein Täter geworden ist, wie Triffels in den Kommentaren dankenswerterweise ergänzt]. Und dass die Opfer von Pädophilen kein öffentliches Verständnis bekommen, wird wohl niemand im Ernst behaupten, oder? Und das grassierende Problem des völlig überhand nehmenden Verständnisses für Pädophile in unserer Gesellschaft ist mir bisher auch verborgen geblieben.

Wie das mit dem Geld ist, weiß ich nicht, aber zwei von drei reicht mir eigentlich auch, um festzustellen, dass Herr Füller sich hier weit von einer anständigen Auseinandersetzung entfernt hat.

Und das ist schade. Denn womöglich hat er ja Recht damit, dass wir zu wenig für die Opfer tun. Womöglich hat er Recht damit, dass die alleine gelassen werden, und dass wir mit den Tätern auch falsch umgehen, darüber besteht zumindest grundsätzlich ja sogar Konsens. Es wäre also dringend angezeigt, etwas zu ändern, etwas zu unternehmen.

Es wäre dringend angezeigt, sich mit dem Problem offen und eingehend auseinanderzusetzen und gemeinsam nach Lösungen oder zumindest besseren Wegen zu suchen. Frau Fallers Artikel, auch wenn ich ihn nicht kenne, ist offenbar ein Beitrag dazu. Herr Füllers ist das Gegenteil.

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3 Responses to und wenn wir in dieser Welt eins zu viel haben, dann ja wohl Empathie!

  1. D’accord. Diese Sorte oberflächlichen Betroffenheitsjournalismus braucht’s nicht – die kriegt ja glücklicherweise auch keinen Preis.

    Frau Faller hat da ein exzellentes und differenziertes Stück Journalismus abgeliefert, das man sich von anderen Journos häufiger wünscht.

    Herr Füller dagegen ist an scheinend für ausgrenzen und wegsperren. Hauptsache seine kleine, spießige, heile Welt bleibt sauber. Nur nicht hingucken – wäre ja ein Skandal.

  2. Triffels sagt:

    Dieser Kommentar ist eine Dummheit, und ein Schlag ins Gesicht derer, die sich ehrenwerterweise dafür einsetzen, diese blödsinnige Dichotomie in Täter und Opfer [..] aufzubrechen.

    Frau Fallers preisgekrönter Arikel berichtet von einem Pädophilen, der eben nicht Täter geworden ist, sondern gegen seine Neigung ankämpft. Der taz-Kommentar ist daher noch doppelt und dreifach dämlicher, als Muriel angenommen hat.

  3. Florian sagt:

    Gedankenverbrechen ist hier das Stichwort.

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