Warum wir DIE WELT verbieten sollten

überschaubare Relevanz prüft ein Verbot der Springer-Zeitung. Das ist ein Eingriff in die Freiheit – aber ein notwendiger: der darin veröffentlichte Unfug nimmt immer beängstigendere Formen an.

Na gut. Man muss natürlich fairerweise sagen, dass es eigentlich nur konsequent wäre, Symbole der DDR zu verbieten, wie es Richard Herzinger in der Zeitung „DIE WELT“ fordert, solange Symbole des Dritten Reiches verboten sind. Je nachdem, was genau unsere Kriterien dafür sein sollen, welche Symbole wir verbieten, sollten wir dann auch gleich noch die von Nordkorea, der UdSSR, Russlands, Chinas, Irans, des Vatikans, Großbritanniens, der USA und Monacos mit einbeziehen. Aber wieso eigentlich? Was rechtfertigt es, Menschen dafür zu bestrafen, anderen Menschen ein bestimmte Symbol zu zeigen?

Da fragt ihr den falschen, ich weiß es nicht. Aber Herr Herzinger weiß es anscheinend, und dankenswerterweise hat er es für uns aufgeschrieben, fragen wir also den:

Volker Kauder, Union-Fraktionschef im Bundestag, hat die makabere Demonstration alter kommunistischer Gesinnungstreue zu Recht als Provokation gegen die Demokratie bezeichnet.

Oh, pardon. Statt eines Arguments ist da irgendwie das Verbalexsudat von Herrn Kauder dazwischen gerutscht. Wie konnte das passieren? Schnell weiter:

 Liegt doch eine wesentliche Qualität der Demokratie darin, auch extreme und freiheitsfeindliche Ansichten aushalten zu müssen und zu können und deren Recht auf Ausdrucksfreiheit grundsätzlich zu respektieren.

Hm. Tut mir leid, schon wieder was, was eigentlich nichts zur Sache tut, aber dieses Missverständnis ist so verbreitet, dass ich es gerne kurz ansprechen möchte: Nein. Das ist keine spezifische Qualität der Demokratie. Demokratie ist ohne diese Qualität denkbar, und undemokratische Staaten mit ihr auch. So, das soll jetzt aber wirklich der letzte Abschwiff gewesen sein. Großes Ehrenwort. Ihr könnt mir trauen. Ihr kennt mich.

 wenn ein gesetzgeberischer Eingriff eine Auseinandersetzung über unseren Umgang mit den Hinterlassenschaften des SED-Regimes auslösen kann, ist er zu begrüßen.

Ja. Ja, nee. Nee, ehrlich! Das steht da so, als Argument. Herr Herzinger ist der Meinung, dass das strafbewehrte Verbot staatlicherseits unerwünschter Äußerungen total gut für die freie öffentliche Diskussion ist, und deshalb begrüßenswert. Das ist als Argument gemeint. Ich schwöre. Lest doch selbst nach. Muss ich aber hoffentlich nichts zu sagen, oder? Möchte ich nämlich nicht.

Im Folgenden lässt er sich dann recht ausführlich darüber aus, dass das DDR-Regime ja in Film und Kunst und überall verharmlost werde, blahfasel, und stellt fest, dass ein Verbot von DDR-Symbolen natürlich keine Gleichsetzung der DDR mit dem Dritten Reich darstelle, dessen Symbole wie gesagt gleichermaßen verboten sind:

Vielmehr stellte es geradezu einen Freibrief für das hemmungslose Zurschaustellen von DDR-Diktatursymbolen dar, wenn eine Ächtung derselben schon per se deshalb ausgeschlossen sein soll, weil es in Deutschland zuvor die NS-Barbarei gegeben hat.

Nicht nur das, Herr Herzinger, hier gehen Sie nicht weit genug. Tatsächlich ist es sogar so, dass ganz unabhängig davon, ob die Begründung auf die NS-Barbarei rekurriert, der Mangel eines Verbots einer Handlung in aller Regel nicht nur geradezu, sondern tatsächlich einen Freibrief für das hemmungslose Ausführen der besagten Handlung darstellt. Klingt komisch, für Sie womöglich unfassbar, aber ist so. Echt jetzt. Und ich setz dem ganzen jetzt noch die Krone auf: Die meisten von uns finden das sogar gut so.

Tatsächlich ist der Vorwurf der „Gleichsetzung“ längst zu einer propagandistischen Waffe geworden, mit der selbst in manchen liberalen Kreisen jede Einordnung des kommunistischen Unterdrückungssystems in den Kontext totalitärer Systeme des 20. Jahrhunderts abgewürgt wird.

Nicht zu glauben. Da gibt es doch tatsächlich Leute, die versuchen, bestimmte Meinungsäußerungen abzuwürgen. Dem müssen wir natürlich wirklich einen Riegel vorschieben, und zwar durch … Denkst du dasselbe, was ich denke, Pinky?

Was Putins heroische, resowjetisierte Geschichtsversion jedoch unterschlägt: Von 1939 bis zum Sommer 1941 war die Sowjetunion mit Deutschland verbündet und half mit günstigen Rohstofflieferungen, die deutsche Kriegsmaschinerie in Gang zu halten. Von Sommer 1940 an musste Großbritannien allein gegen Deutschland die Stellung halten.

Genau. So isses nämlich! Und das wird man doch wohl noch … Verzeihung, Herr Herzinger, ich hab irgendwie den Faden verloren. Warum erzählen Sie uns das alles noch mal?

der neue Wind aus Moskau gibt auch hiesigen Kommunismus-Nostalgikern Auftrieb – Grund genug, die Dreistigkeit, mit der sie neuerdings auftreten, nicht auf die leichte Schulter zu nehmen.

In der Tat. Die relative Freiheit, die wir heute genießen dürfen, ist ein hohes Gut, und wir sollten Bemühungen, sie zu untergraben und immer weiter einzuschränken, sehr ernst nehmen. Das tun wir zum Beispiel, indem wir uns gut überlegen, wo es uns zusteht, andere Menschen für ihr Handeln zu bestrafen, und wo wir Zurückhaltung üben sollten und uns damit abfinden, dass nicht jeder die Welt so sieht wie wir, und dass eine Meinung erst einmal nur eine Meinung ist, und im Interesse einer freiheitlichen Gesellschaft hinzunehmen, auch und gerade wenn sie uns nicht gefällt. Das tun wir zum Beispiel nicht, indem wir einen langen Artikel in einer überregionalen Tageszeitung veröffentlichen und fordern, bestimmte Meinungsäußerungen zu bestrafen, ohne eine einzige vernünftige Begründung dafür zu liefern.

Und ich denke, solche Leichtfertigkeit im Umgang mit Verboten und Zwang können wir nicht hinnehmen, vor allem nicht in einem durch besondere Rechtsvorschriften geschützten Organ des Qualitätsjournalismus der ja keineswegs nur einer unter vielen Marktteilnehmern ist und viel mehr leistet als nur ein Produkt zu verkaufen. Eine solche Dreistigkeit sollten wir nicht auf die leichte Schulter nehmen, nicht tatenlos mit ansehen, sondern …

Denkst du dasselbe, was ich denke, Pinky?

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7 Responses to Warum wir DIE WELT verbieten sollten

  1. Debe sagt:

    Ich habe für sich selbst die härteste mir erträgliche Massnahme gegen DIE WELT schon vor langem beschlossen: Ich kaufe sie nicht, ich lese sie nicht, nicht für billig, nicht zur Probe, nicht geschenkt, nicht KOMPAKT, nicht DER FRAU (oder war das BILD?), nicht AM SONNTAG, nicht auf Papier, nicht online.

    BLÖD und EXZESS müssen mit dem selben Schicksal leben.

    Natürlich tut es mir dann gut (Schadenfreude – ein so schönes Wort), dass die Absatzzahlen der Bild-Zeitung so aussehen, wie sie nun einmal aussehen. Ich meine mich an einen Artikel zu erinnern, dass der Realabsatz der WELT sich ähnlich entwickelt und die Druckerpressen hauptsächlich mit den Gratisexemplaren für Fluggäste beschäftigt sind… [+1] finde ich gut.

  2. FDominicus sagt:

    Ich halte es wie Debe, bin nur etwas weiter gegangen ich kaufe, lese nicht für billig, nicht zur Probe nicht geschenkt etwas von der deutschen „Qualitätspresse“ (jedenfalls was Zeitungen angeht) In der Tat lese ich nur noch jeden Tage in wenig in dem Ortsblatt was meine Frau abonniert hat. Ansonsten, treibe ich mich lieber auf Blogs wie diesen und ähnlichen herum. Dort wird oft genug auf „Qualitätspresse“ verwiesen und man kann eigentlich fast pauschal sagen, ist es eine deutsche „Qualitäts“zeitung kann man es grob und pauschal meist vergessen. Ja es gibt noch einige „Freiheits(f)unken“ und zumindest manche Kommentatoren sind noch nicht völlig im wir-haben-recht-und-wer-das-nicht-glaubt-ist-ein. (Setzen sie hier alles ein. Derzeit ganz böse Klimaleugner), vor denen warnt uns schon das UBA.

    Von den Magazinen lese ich noch einige, so die GEO (auch ein Gutmenschenblatt, aber immer noch mit interessanten Berichten – man muß nur über die Klimahysterie hinweglesen) und nun oute ich mich wahrscheinlich dem Schweizer Monat (ja liebe Grün/Rot Bunten Gutmenschen, rollen Sie ruhig mit den Augen)

    Andere Zeitungen sind unpolitisch und haben was mit Computer und Motorrad zu tun ;-). Alles lesbar und informativ aber Zeitungen aus deutschen Druckpressen in Deutschland – nein danke

    Auch hier hoffe ich mit Debe, daß uns diese Zeitungen nicht mehr lange erhalten bleiben. Aber das wird sich bestimmt auch noch eine „Demokratieabgabe“ finden lassen.

  3. Stoertebeker sagt:

    Muriels Artikel kann ich nur zustimmen. Wirres Zeug, das die Welt da in die Welt setzt.
    Allerdings ist die Frage berechtigt, wieso denn ausgerechnet die Nazisymbolik straffverfolgt wird. Wenn ich recht informiert bin, sagte das BVerfG dazu mal sinngemäß: „Eigentlich können wir so Verbot nicht machen, Naziverbrechen hin oder her. Aber ausnahmsweise winken wir das mal trotzdem durch.“

    Journalismusbashing (oder sei es Tageszeitungsjournalismusbashing) daran aufzuhängen, finde ich dagegen langweilig und sogar ein bisschen doof.

    Oder würde jemand auf den Gedanken kommen, einen schwachen Beitrag von Muriel (wem das zu unrealistisch ist: Auf der „Achse des Guten“) zum Anlass zu nehmen, keine Blogs mehr zu lesen?

    Mir ist klar, dass Debe und FDominicus keine solche Kausalkette gebastelt haben. Aber schon die Assoziation vom schlechten Artikel zu Untergangswünschen geht mir viel zu weit.

  4. FDominicus sagt:

    Nun ich mag es überspitzt haben – nur habe ich diverse Zeitungen gelesen FAZ, Süddeutsche und die leidlich erträglichen Artikel waren nur in Spurenelementen vorhanden. Frag‘ ich aber einfach mal anders herum. Schlagen Sie einige Links vor wo das Bashing nicht verständlich wäre. Und das ich diese Zeitungen nicht brauche und Sie sonstwo hinwünsche, ist meine persönliche Meinung. Sie brauchen die nicht teilen.

  5. Stoertebeker sagt:

    „Schlagen Sie einige Links vor wo das Bashing nicht verständlich wäre.“

    Ohne lang zu suchen:

    http://www.faz.net/aktuell/politik/inland/aerztetag-in-hannover-montgomery-wirft-kassen-kampagne-gegen-aerzte-vor-12198595.html

    http://www.faz.net/aktuell/politik/europaeische-union/syrien-konflikt-um-mitternacht-lenkte-auch-oesterreich-ein-12198128.html

    „Und das ich diese Zeitungen nicht brauche und Sie sonstwo hinwünsche, ist meine persönliche Meinung. Sie brauchen die nicht teilen.“

    Das ist freundlich von Ihnen. Ihre Medienvorlieben gönne ich Ihnen auch von Herzen.

    Ich bin aber genervt von der grassierenden Unsitte, schlechte Artikel in professionellen Medien mit „Qualitätspresse, haha“ zu kommentieren. (Übrigens ist mir das auch bei Muriel schon mal aufgefallen). Das ist nämlich voll die billige Nummer. Und zwar unabhängig davon, dass ich professionellen Journalismus schätze.

  6. FDominicus sagt:

    Nun mein Fehler ich hätte konkreter Fragen müssen. Bashing aus dem Bereich, Geschlecht, Ökozeugs, Klimawandel, Steuern, Zentralbanken und Geld drucken.

    Andere Bereiche mögen gelegentlich noch informativ sein und vielleicht auch eine gewisse „Ausglichenheit“, bei den oben genannten Themen kann ich mich aber an nichts Brauchbares erinnern.

  7. Stoertebeker sagt:

    „Nun mein Fehler ich hätte konkreter Fragen müssen. Bashing aus dem Bereich, Geschlecht, Ökozeugs, Klimawandel, Steuern, Zentralbanken und Geld drucken.“

    Naja. Libertäre Ansichten sind nun mal (noch) die Sache einer verschrobenen Minderheit. Eine andere (vielleicht Mainstream-) Perspektive auf das Zeugs bedeutet nicht unbedingt eklatante Blödheit.

    Die Hauptaufgabe des Journalismus ist auch nicht die Kundgabe von Meinungen. Sondern die Information. Dass schon deren Selektion und Aufbereitung in den Redaktionen weltanschaulich gefiltert wird: geschenkt. Das geht nicht anders.

    Solche Artikel wie die gezeigten machen für mich die Tagespresse aus: sprachlich gut aufbereitete, zuverlässige Informationen über aktuelle Ereignisse, gespickt mit den zur Einordnung notwendigen Hintergrundinformationen.
    Das ist ein Handwerk, das gelernt sein will. Qualitätsjournalismus, wo’s gelingt.

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