wie wir sie kennen (1)

Es gibt zwar eine eigene Seite für unsere fröhliche Mail-Rollenspielrunde, aber weil es da erstens für eventuelle Mitleser schwer ist, den Überblick zu behalten, was wann neu dazu kommt, und weil ich zweitens denke, dass wir auch ein bisschen Aufmerksamkeit haben sollten, wenn wir uns schon die Mühe machen, werde ich hier regelmäßig die Aktualisierungen im Blog veröffentlichen.

Wer kein Interesse an unserem Rollenspiel hat, sollte die entsprechenden Posts naheligenderweise ignorieren, empfehlen kann ich das allerdings nicht. Auch wenn es meinen Stolz als Autor ein bisschen kränkt, muss ich bisher sagen, dass die Spielerinnen sich als sehr talentiert erwiesen haben und ich nicht sicher bin, ob unser Rollenspiel-Log meinen Fortsetzungsromanen in nennenswertem Umfang nachsteht.

Auf der Seite stehen zurzeit noch nur meine eigenen Ausgangsszenariobeschreibungen, und in diesem Beitrag hier findet ihr nun den weiteren Verlauf von da an. Bei Nina und Vera handelt es sich um die reinen Text der Spielerinnen, bei David teilweise um ein Chatprotokoll, denn das Gespräch zwischen ihm und den beiden Polizisten haben wir per IRC gespielt.

Nina

„Natürlich traue ich mir das zu!“

Nina ist beleidigt. Immer zweifelt Walter an ihr, egal worum es geht. Dabei haben Alex und Ben mit ihr beim letzten Mal so viel Spaß gehabt.

„Was soll das überhaupt heißen, der Babysitter bleibt bis zur Schlafenszeit? Hältst du mich für so unfähig?“

Bremse dich, Nina, ermahnte sie sich innerlich. Das bringt nichts.

„Ich packe ein paar Sachen ein, dann komme ich rüber. Oh, hast du übrigens Aspirin im Haus? Ok, gut, ich beeile mich, bis gleich.“

Nina legt auf und sucht ihre Tasche. Das passt ihr alles so gar nicht in den Kram; wahllos stopft sie ein paar Kleidungsstücke und ihre Zahnbürste in die Tasche. Als sie schon an der U-Bahn angekommen ist, fällt ihr ein, dass sie vergessen hat, den Katzen Futter hinzustellen. Wütend stapft sie den ganzen Weg zurück und hat große Lust auf ein Bier. Aber Walter würde es merken, das will sie nicht riskieren.

30 Minuten später steht sie vor Walters Hautüre. Während sie darauf wartet, dass er auf ihr Klingeln reagiert, betrachtet sie die unkrautlosen Fugen der Hsauszuwegung, den frisch gestrichenen Zaun und die liebevoll angelegten Blumenbeete und hat schon wieder den starken Drang, etwas zu trinken.

Walter öffnet die Türe und sieht sie gehetzt an. Seine Haare stehen wirr vom Kopf ab, die Hose ist nicht sauber. „Gut, dass du da bist. Wieso hast du so lange gebraucht?“ „Es gab irgendein Problem mit der U-Bahn“, lügt Nina und schielt verlegen auf Walters Füße. „Die Kinder sind schon oben“, sagt Walter. „Ich muss jetzt wirklich dringend weg. Ich rufe dich an.“ „Was denn, keine stundenlangen Ermahnungen und Vorträge?“ „Ich muss los!“ Walter schliesst hinter sich die Haustüre und Nina sieht, wie er im Laufschritt zu seinem Auto rennt.

Vera

Seufzend sackt Vera hinter ihrem Schreibtisch zusammen. Warum? Warum ausgerechnet sie?
Und dann hier weitergeben, was wir gemacht haben. Sie schnaubt missbilligend. Der hat vielleicht Vorstellungen. Das kann doch nur schief gehen. Er kennt sie doch wohl lange genug. Und von SAP scheint er auch keine Ahnung zu haben. Mal so eben. Als interne Schulung.  Pah.

Eine Woche. Die Gedanken kreisen in ihrem Kopf. Ihre Pflanzen. Koffer packen. Und dann das fremde Hotel. Alles fremd. Nur so wenig Zeit. Muss sie noch etwas einkaufen? Wer macht ihre Arbeit weiter? Und wieso überhaupt fliegen? So ein Unsinn. Wenn doch nur Mutter noch leben würde, dann wären wenigstens die Pflanzen versorgt. Eine ganze Woche. Und dann auch noch das Wochenende. Und mit Eva. Kann die das denn überhaupt? Sie hat noch nie mit ihr zusammengearbeitet. Hat sie mit niemandem. Sie begegnet ihr manchmal im Kopierraum, das ist auch schon alles.

Egal. Widerspruch ist zwecklos. Vera ist lange genug in dieser Abteilung, um das eingesehen zu haben. Mühsam zwingt sie sich zur Ruhe. Nach einigen tiefen Atemzügen öffnet sie ihre To-do-Liste und beginnt mit der Planung.

Kurz überlegt sie, ein paar Aufgaben an Kollegen abzugeben, aber bei dem hohen Krankenstand hätte das nicht viel Sinn. Und es kennt sich eh keiner in ihrem Fachgebiet aus. Ehe sie erst alles mühselig erklärt, sucht sie lieber nach anderen Möglichkeiten.
Bis zum Feierabend hat sie die Projekte der kommenden Woche umgeschichtet und sich den notwendigen Freiraum verschafft.

Es ist schon spät, als sie sich endlich auf den Heimweg macht. Die kühle Luft hilft ihr, einen klaren Kopf zu bekommen. Nach einem eiligen Abendessen – wie immer aus der Mikrowelle – geht die Planung weiter. Schritt für Schritt erarbeitet sie eine individuelle Bewässerungslösung  für ihre Pflanzen. Ein System aus Eimern, Flaschen und verschieden dicken Wollfäden sollte die Versorgung für eine Woche sicherstellen. Schnell notiert sie noch, was sie morgen dafür alles besorgen muss, ehe sie schließlich Ruhe findet.

David

Das mag unplausibel klingen, aber David hat sich noch nie Gedanken darüber gemacht, wie er sich in einem solchen Fall verhalten soll. Er ist einfach davon ausgegangen, dass der Fall nicht eintritt, schließlich weiß außer sehr wenigen Bekannten ja niemand von seinem Hobby.

Wahrscheinlich wollen die gar nichts von ihm. Die wollen sicher nur irgendwas fragen, wahrscheinlich ist bei den Nachbarn was passiert, und sie fragen jetzt rum, ob jemand was gehört hat oder so. Kennt man ja aus dem Fernsehen.

Also, er macht die Tür zum Schlafzimmer und zur Küche zu. Zum Glück stehen im Flur nur einige wenige, vertrocknete Pflanzen, die runter in den Biomüll sollten. er wirft im Vorbeigehen leise einen Mantel drüber, dann nimmt er Theo auf den Arm, in der Hoffnung, dadurch harmlos auszusehen, und   öffnet mit seinem besten, neutral-sachlichen Lächeln die Tür ein Viertel weit.

Das Lächeln der jungen schwarzhaarigen Polizistin wird noch breiter und freudiger, als sie ihn sieht. Es ist beinahe beängstigend, wie viel Enthusiasmus sie mitbringt. Davids Augen fallen auf die Waffe an ihrer Hüfte. Das Ding sieht abartig riesig aus, gerade an so einer eher zierlichen Person, und wie weit der Griff absteht, als müsste sie sich dauernd irgendwo damit stoßen.

„Guten Abend!“ sagt sie, und klingt dabei wie eine Moderatorin bei Viva. „Sind Sie Herr David …“ Sie zögert kurz.

„Herrnstadt?“ fragt David.“ Nein, bin ich nicht, das ist im Stockwerk drunter. Was hat er denn angestellt?“

Sie beginnt erst eifrig zu nicken, und hält dann verwirrt inne. „Äh … Wie? Aber an der Tür steht…“ Sie zeigt verwirrt auf Davids Klingelschild.

Ihr Kollege hinter ihr hat die ganze Zeit über nicht mal von seinem Display aufgesehen. Sein Uniformhemd spannt über seinem Bauch, und er hat Ringe unter den Augen.

David schaut immer noch freundlich, während sein Gehirn absurde Fluchtpläne schmiedet und Theo seinen Ärmel anknabbert.

„Er macht einen Witz“, murmelt ihr Kollege ungeduldig.

„Oh, ach so. Also, dann ist dies Ihre Wohnung?“

David sagt, immer noch lächelnd „Ja, natürlich. Entschuldigen Sie meinen Humor. Worum geht es denn?“

Ihr freudiges Lächeln verändert sich, als sie ihre Augenbrauen ein Stück zusammenzieht. „Darf ich Sie fragen, wie lange Sie hier schon wohnen?“

„Seit ….“ Er rechnet sichtbar. „… knapp drei Jahren? Warum?“

David sieht die Handschellen auf der anderen Seite ihres Koppels. Sie hängen in so einer klobigen Kunststoffhalterung und blitzen in der grellen Neonbeleuchtung des Flurs.

„Nur zum Datenabgleich“, antwortet sie, und fährt ohne Pause fort: „Was machen Sie beruflich, Herr Herrnstadt?“

Sein Gehirn hat die erste Panik überwunden und kehrt langsam in seine Kontrolle zurück. Er fährt das Lächeln eine Stufe runter. „Ich wundere mich schon ein bisschen, sagt er „,was für eine art von Datenabgleich, also womit gleichen sie ab und vor allem warum? Ich helfe ja gerne, aber ich wüsste schon gerne, worum es geht.“

Sie grinst jetzt wieder so breit und freundlich wie eine Gameshow-Gastgeberin. „Klar, kann ich verstehen, würde ich an Ihrer Stelle auch. Herr Herrnstadt, wohnen Sie hier alleine?“

C. Dohms steht auf ihrem Namensschild.

David überlegt kurz und kommt zu dem Ergebnis, dass sie vielleicht wieder gehen, wenn er kooperiert, und ihn eher auf den Kieker nehmen, wenn er Ärger macht. Da er nunmal was zu verbergen hat, entscheidet er sich fürs Kooperieren, fährt sein Lächeln wieder eine halbe Stufe höher und antwortet, auf Theo deutend „Fast.“

„Also keine anderen Bewohner außer Ihnen und Ihrem Haustier?“

Ihr Kollege steckt sein Telefon schließlich ein, verschränkt die Arme und betrachtet nachdenklich ihren Hintern. David hat er die ganze Zeit über noch kein einziges Mal angesehen.

David nickt.

„Okay!“ Sie nickt mit. „Hat irgendjemand außer Ihnen noch einen Schlüssel für die Wohnung? Ein Nachbar vielleicht, ein Freund, oder Verwandte?“

„Nein, nicht dass ich wüsste. Vielleicht mein Vermieter, aber wenn, hat er mich nichts davon gesagt.“

Sie nickt weiter und zwinkert ihm verschwörerisch zu. „Die behalten eigentlich immer mindestens einen, ob sie’s nun sagen oder nicht.“

David entspannt sich und kann es sich nicht verkneifen, noch mal „Worum geht’s denn?“ zu fragen.

„Herr Herrnstadt, würde es Ihnen was ausmachen, wenn wir kurz mit reinkommen?“

Sie stemmt die linke Hand in die Hüfte und winkelt diese dabei an. Ihre Waffe steht jetzt noch weiter ab, und sieht dadurch wirklich grotesk riesig aus an ihr.

„Das passt mir gerade nicht so gut. Wenn Sie möchten, können wir einen Termin für ein Gespräch ausmachen?“ Er versucht es mit freundlich-abwimmelnder Sekretärinnenautorität und versucht, nicht auf die Waffe zu starren.

Sie schließt ihren Mund zum womöglich ersten Mal völlig und lächelt jetzt nur noch warm und mitfühlend, ohne Zähne zu zeigen. Sie zuckt die Schultern. „Klar“, sagt sie, „Das kann ich verstehen. Wir würden jetzt auch lieber was anderes machen.“ Ihr Kollege schiebt abwägend die Unterlippe vor und wiegt unschlüssig seinen Kopf von links nach rechts, aber das sieht sie natürlich nicht.

„Es würde aber überhaupt nicht lange dauern. Wir würden nur gerne kurz was mit Ihnen besprechen, was wir nicht gerne hier im Flur machen würden.“

David hat das Gefühl, gegen eine Betonwand zu reden. Aber solang er nicht weiß, dass sie von den Pflanzen wissen, kann er sie nicht reinlassen. Kurzentschlossen murmelt er irgendwas von „Wir können doch auch hier draußen reden?“, macht einen Schritt nach vorne und zieht die Tür hinter sich zu „Sie bringen mich ganz durcheinander, jetzt habe ich den Schlüssel drinnen gelassen… So ein Ärger. Naja. Egal, kümmere ich mich später drum. Wollen wir nebenand zu Cléos, da bekommt man einen wunderbaren Kakao?“

Sie lacht leise. „Ich hasse es, wenn das passiert. Schlüsseldienste sind so teuer und unfreundlich!“

Sie blickt David erwartungsvoll mit großen Augen an, als hätte sie eine Frage gestellt, und ihr Kollege hebt jetzt auch seinen Blick von ihrem Gesäß und sieht zum ersten Mal überhaupt in Davids Gesicht.

Er hat dunkelbraune Augen und sieht ziemlich müde aus, aber nicht unfreundlich.

David hält den Kopf schief „Kakao ist nicht so ihre Sache? Wollen sie mir nicht sagen, womit ich Ihnen helfen kann?“

Sie seufzt sehr tief. „Sie wollen uns also nicht reinlassen?“ fragt sie.

Ihr Kollege schaut David zwar weiter an, scheint seine Frage aber überhaupt nicht wahrgenommen zu haben.

Okay. Keine Chance. David stellt das Lächeln ab und zuckt mir den Schultern. „Das haben Sie gut erkannt. Aber jetzt kann ich auch tatsächlich nicht mehr, der Schlüssel ist ja drinnen. Was haben Sie in diesem Fall für mich geplant?“

Sie seufzt noch mal, und David kommt nicht umhin zu bemerken, wie ihr Uniformhemd über ihren Brüsten spannt [Male gaze ist überall.] Sie lächelt ihn an und sagt im Tonfall von jemandem, der zwischen zwei wütenden Streithähnen zu vermitteln versucht: „Schauen Sie, Herr Herrnstadt, wir können uns auch einen Durchsuchungsbeschluss holen, aber dann müssen wir auch Zeugen mitbringen, Leute von der Staatsanwaltschaft, vielleicht will der Ermittlungsrichter sogar selbst dabei sein, es gibt ein offizielles Protokoll, und alles wird für uns alle viel komplizierter und anstrengender. Oder Sie machen jetzt wieder die Tür auf und wir sehen uns kurz bei Ihnen um. Wenn Sie wollen, kann mein Kollege auch draußen warten.“

David seufzt ebenfalls „Ah, ja, das kenne ich aus dem Fernsehen. Ich hatte mir immer vorgenommen, aus pädagogischen Gründen auf die Umsetzung der Drohung zu bestehen, Sie wissen schon, Gewaltenteilung und so. Aber ich hätte wahrscheinlich nicht die Eier dafür gehabt. dummerweise ist mein Schlüssel wirklich drin, deshalb schlage ich vor, Sie rufen einen Schlüsseldienst Ihres Vertrauens, und bis der da ist, können wir doch tatsächlich einen Kakao trinken gehen. Ich hatte noch nichtmal zu Abend gegessen.“ er macht Anstalten, an ihr vorbei die Treppe runtergehen zu wollen.

„Sie meinen, Sie sind einverstanden, dass wir uns bei Ihnen umsehen, nachdem der Schlüsseldienst die Tür geöffnet hat?“ Sie klingt überrascht.

Der schweigsame Polizist sieht nun direkt in Davids Augen, und ein verwirrtes Lächeln spielt um seine Mundwinkel.

David überlegt.

Er hat ein plötzliches und völlig unzutreffendes Gefühl von Unverwundbarkeit, wie man es bekommt, wenn alle Alternativen so übel sind, dass man nichts falsch machen kann. Er stellt sich in einer theatralischen Drehung vor seine Tür, verkreuzt den freien Arm vor Theo, und verkündet:

„Nein, einverstanden natürlich nicht. Ich hatte nicht gedacht, dass ich sie daran hindern kann. Aber wenn sie so fragen, muss ich sie bitten, mit einem Durchsuchungsbeschluss wiederzukommen.“ Es fühlt sich an wie ein Bluff. Er schaut grimmig

Sie presst frustriert ihre Lippen zusammen und sieht mit einer Mischung aus Resignation und letzter Hoffnung zu ihm auf. „Muss das wirklich sein?“ fragt sie. „Können wir das nicht schnell hinter uns bringen? Ich meine, wir sind hier alle noch auf Ihrer Seite. Ich hab noch zu tun, er hat noch zu tun, da draußen warten echte Kriminelle auf uns. Wir können einfach kurz da reingehen, ich seh mich kurz um, dann geh ich wieder und kann aufschreiben, dass ich drin war und nichts Ungewöhnliches gefunden habe. Wäre Ihnen das nicht auch lieber?“

„Doch, deutlich lieber, aber man kann halt nicht alles haben. Die einzige Chance, die Sie haben, um mich zu überzeugen, ist, indem Sie mir zumindest einen anhaltspunkt geben, worum es geht. Vielleicht leuchtet mir Ihr Anliegen ja ein?“

Sie grinst David an, als hätte er schon zugestimmt. Dann schneidet sie eine genervte Grimasse und gestikuliert unbestimmt in Richtung der unteren Stockwerke oder der Strasse oder der Welt insgesamt. „Wir haben einen anonymen Hinweis bekommen, und wir sind verpflichtet, dem nachzugehen. Sowas passiert dauernd. Irgendwer ist sauer auf irgendwen, und dann müssen wir hingehen und uns zum Affen machen. Kindergartenkram. Aber haben wir jeden Tag. Ich müsste nur schnell mal schauen, ob alles in Ordnung ist, und dann können Sie zu Abend essen. Müssen damit wirklich noch mehr Leute ihre Zeit verschwenden als ohnehin schon?“

Der männlichen Polizist stöhnt leise, guckt auf seine Uhr und dann zur Decke. Eine dieser dünnen langbeinigen Spinnen sitzt in einer Ecke und wartet auf Beute, oder was Spinnen sonst so machen.

David runzelt die Stirn. „Sie haben wirklich ein Problem mit der Kundenkommunikation. Hätten sie das mal gleich gesagt, dann hätten wir alle viel Zeit gespart. Leider ist das jetzt dumm gelaufen mit dem Schlüssel, und ich gehe jetzt einen Kakao trinken und schlage vor, Sie gehen ihren Staatsanwalt anrufen.“ Seine Beine zittern etwas, aber zum glück sieht man das unter der weiten Jogginghose nicht.

„Also wenn Sie mich im Moment nicht brauchen, ich bin drüben bei Cléos.“ Er geht, so entschlossen er kann, die Treppe runter. Weg von der wohnung. Weg ist gut.

Als er dabei den Polizisten passiert, legt der eine Hand an Davids Arm, nicht grob, nur um ihn anzuhalten.

„Wir kümmern uns dann jetzt um den Beschluss“, sagt er leise, „Und wir beeilen uns dabei, damit Sie die Zeit nicht nutzen können, um eventuelle Beweismittel zu vernichten, denn dann wäre die ganze Mühe ja völlig umsonst gewesen.“ Er sieht David mit weit gehobenen Augenbrauen an, als wollte er sagen: ‚Botschaft angekommen?‘

Natürlich ist die Botschaft angekommen, aber David setzt wieder sein neutrales Sekretärinnenlächeln auf und sagt „Alles Gute dabei und einen schönen Abend noch.“ und geht weiter die Treppe runter, während er jeden Moment damit rechnet, von Kugeln durchsiebt oder zu Boden geknüppelt zu werden. Zwei Treppenabsätze später bleibt er kurz stehen und lauscht.

Der männliche Polizist murmelt irgendwas Tiefes und Leises, worauf die Frau etwas Schnelles zurückzischt.

Der Mann schnaubt belustigt. „Mach keinen Quatsch, Chris. Willst du die ganze Nacht hier stehen? Du glaubst doch nicht im Ernst, dass wir heute noch den Beschluss kriegen? Bis wir da reinkommen, finden wir da nichts mehr, wenn der Typ kein Vollidiot ist.“

Etwas ist merkwürdig, an der Art, wie er spricht. Zwar gedämpft, aber in so einer Art Bühnenflüstern, als wollte er, dass nicht nur seine Partnerin ihn hören kann.

David glaubt nicht, wirklich, dass sie die Tür eintreten, und er wüsste auch nicht, was seine Anwesenheit daran ändern würde. Also mach er ihnen den Rückweg frei, indem er, laut mit der Tür schlagend, das haus verlässt. Er geht ein paar Meter in Richtung Cléo und stellt sich in einen Hauseingang, um zu schauen, ob sie weggehen.

Er hört sie noch irgendwas Quengeliges sagen, aber die Antwort des Mannes hört er schon nicht mehr. Wenig später sieht er, wie sie das Haus verlassen. Chris kommt zuerst heraus, und ihr Partner folgt ihr in ein paar Metern Abstand. Sie steigt auf der Fahrendenseite [Ausgleich für den Male-Gaze-Vorfall vorhin] ein, und seine Tür hat sich kaum geschlossen, da fährt sie auch schon los.

David drückt Theo ein bisschen zu fest vor Freude, wartet gefühlt unendlich lange, um sicherzugehen, dass sie weg sind. Dann holt er seinen Zweitschlüssel aus dem Bauch eines der schrecklichen Gartenzwerge, die Frau Schuster in dem 70 cm breiten Grünstreifen verteilt hat, und hetzt die Treppe hoch zu seiner Wohnung. Er traut sich nicht, das Treppenhauslicht anzumachen, und braucht gefühlte Stunden, um im dunkeln mit zitternden Händen seine Wohnung aufzuschließen.

Er setzt Theo in seinen Käfig (damit er ihn wiederfindet), und fängt an, seine Pflanzen in Mülltüten zu stecken. Am Anfang noch vorsichtig, während er fieberhaft überlegt, wie er sie retten könnte, aber je länger er mit austopfen und einpacken beschäftigt ist, wird ihm klar, dass er keinen Ort hat, wo er sie aufbewahren könnte, und dass es sträflich bescheuert wäre, ein Risiko einzugehen, wenn er nun schonmal im Fokus irgendwelcher Ermittlungen steht. Er muss sie also entsorgen. Zumindest hat er die Samen der bisher gezüchteten Generationen sauber katalogisiert und in einem kleinen Kistchen aufbewahrt (think Dexters bloodslides im Lüftungsschacht ;).

Ihm fällt ein weiteres Problem auf, während er den siebten Müllsack

füllt: Er kann sie ja unmöglich hier in den Hausmüll werfen. Um sie mit seinem Roller irgendwohin zu transportieren, bräuchte er mehr Zeit, als er zu haben hoffen darf.

Er braucht Hilfe.

Und einen Transporter.

Er ruft seine Cousine Vero an.

Sie ist ein bisschen ungehalten, weil er sie aus der Badewanne geholt hat, aber sie erkennt an seiner Stimme sofort, dass es ein Problem gibt, und verzichtet auf weiteres Genöle.

Deutlich mehr erkennt sie allerdings erstmal nicht, denn er traut sich in einem Anfall akuter Überwachungsparanoia nicht, irgendwas Konkretes am Telefon zu sagen, nur dass er ihre Hilfe braucht, und ein großes Auto, und zwar sofort.

Was sie alles genau unternimmt, um ihren Mitbewohner Pierre im Nachtdienst zu erreichen, sich mit dem Rad erst dessen Autoschlüssel und dann dessen weit abgelegen geparkten Bulli zu holen und tatsächlich schon um kurz vor zwei damit bei David einzutreffen, der inzwischen bei

13 Müllsäcken angekommen ist, wollen wir gar nicht so genau wissen.

Gemeinsam tragen sie die durch nasse Erde schweren Müllsäcke sowie einen großen Stapel von Farbeimern, mit Folie ausgeschlagenen Kisten, Blumenkübeln und Gurkengläsern zum Bus und fahren auf Umwegen zu einem Wäldchen am Stadtrand, wobei sie ständig nach Verfolgern Ausschau halten.

Die Stimmung schwankt zwischen Panik, Erschöpfung und hysterischer Abenteuerlust, vielleicht auch, weil sie sich mit den Resten der letzten Ernte bei Laune halten.

Sie leeren die Müllsäcke im Dickicht aus, David versucht sich mit ein paar Handgriffen zumindest die Illusion zu verschaffen, ein paar der Pflanzen könnten hier wieder anwachsen, dann verteilen sie die leeren Säcke und Gefäße auf gelbe Tonnen im nächsten Wohnviertel und fahren zurück, um die Wohnung aufzuräumen und irgendwie den Eindruck zu erwecken, sie sei auf eine ganz normale, junggesellenhafte Weise karg eingerichtet und nicht soeben drei Viertels ihrer Ausstattung beraubt worden.

Vero überzeugt David, bei ihr zu schlafen. Erstens passt das besser zur Geschichte vom fehlenden Schlüssel, und zweitens wirkt er so verloren in seiner leeren Wohnung, dass sie es nicht über sich bringt, ihn dort zu lassen. Also packt er sich das allernötigste ein, setzt Theo in seine Reise-Sporttasche, packt das Kästchen mit den Samen und seinen Aufzeichnungen sorgsam separat in mehrere Schichten Plastik und fährt auf seinem Roller dem Bulli hinterher. Er versteckt sein Schatzkistchen in ihrem Garten, man weiß ja nie, duscht kurz und verbringt den glücklicherweise kurzen Rest der Nacht zusammenknautscht auf Ihrem Sofa, wo er dem leise vor sich hinmümmelnden Theo alle mögliche Horrorszenarien schildert und kein Auge zumacht.

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