Wie wir sie kennen (2)

Meine Güte. Ich hatte mir dieses Mail-Rollenspiel zwar schon ganz gut vorgestellt, aber dass es so toll und so umfangreich wird, hatte ich nicht erwartet. Viel Spaß mit dem zweiten Zug.

Wieder ein kurzes Vorwort:

Die Trennung zwischen Spieler- und Spielleiterzügen habe ich aufgrund der großen Dialoglastigkeit nun vorerst aufgegeben. Außerdem wird euch auffallen, dass Davids Anteil schon wieder viel länger ist als der aller anderen. Das war nicht geplant, es hat sich so ergeben, und hat nichts weiter zu sagen. Und falls ihr euch wundert: Ja, bei Nina ist der Tag noch nicht ganz zu Ende. Das holen wir dann im nächsten Zug nach. Noch muss es nicht unbedingt synchron sein.

Vera

Am nächsten Tag ist die Lage im Büro noch angespannter. Fast die Hälfte ihrer Kollegen ist nicht zur Arbeit erschienen, manche ohne Krankmeldung, wie es scheint. Eva ist aber da, und begegnet ihr sogar tatsächlich kur nach der Mittagspause im Kopierraum. Tatsächlich sieht es sogar so aus, als hätte sie das geplant, denn als Vera hereinkommt, steht sie einfach nur unschlüssig herum, ohne dass irgendwelche Dokumente im Kopierer wären, oder ein anderer Grund für ihre Anwesenheit erkennbar.

Eva ist sehr dünn und trägt unheimlich gerne hohe Schuhe und kurze Röcke und hat so lange künstliche Fingernägel, dass Vera sich fragt, wie sie damit überhaupt tippen kann.

„Hallo Vera!“ ruft sie ihr zu laut und zu schrill entgegen, offenbar in einem Versuch, so zu tun, als wäre sie freudig überrascht, sie hier zu treffen. Ihr aufgesetztes Grinsen wechselt sofort, nachdem es seinen Zweck verfehlt hat, in ein nicht minder aufgesetztes Schmollen. „Du, hat Ralf dir das auch schon erzählt, mit dieser Schulung? Also, mir hat er das gestern erzählt, mit dieser Schulung, und ich hab ihm dann gleich erzählt, dass das eigentlich nicht so gut passt für mich, mit dieser Schulung, aber er hat gesagt, das muss sein, und ich muss schon sagen, dass passt für mich wirklich eigentlich nicht so gut, und ich dachte jetzt, bestimmt passt es dir doch eigentlich auch nicht so gut, mit dieser Schulung, und deshalb dachte ich jetzt, weil ja auch sehr viele gerade krank sind hier, ob wir ihm nicht zusammen sagen können, dass uns das eigentlich nicht so gut passt, und dass wir doch vielleicht besser hier bleiben sollten, damit nicht so viel Arbeit liegen bleibt, und ob er die Schulung nicht verschieben kann, deshalb? Meinst du, das wollen wir machen?“

Vera weicht vor dem Wortschwall zurück. Sie muss erst nach Worten suchen. „Das hat doch keinen Zweck, die Schulung ist gebucht.“ bringt sie schließlich heraus.

Eva blinzelt Vera an, legt ihre Hände aneinander und tippt einen Zeigefinger gegen den anderen.

Irritiert blickt Vera auf Evas Hände und dreht sich dann Richtung Drucker, der gerade ihre Drucke ausspuckt. „Irgendwer muss da hin. Wer sollte das sein außer uns?“

„Ja, aber, ich dachte, weil jetzt so viele krank sind, wäre es doch bestimmt eine gute Idee, wenn wir doch lieber hier bleiben.“

Zweifelnd schüttelt Vera den Kopf. „Wenn du es nochmal versuchen willst, kein Problem, ich fahre notfalls auch allein.“
Eva sieht Vera einige Sekunden verwirrt an, bevor sie wiederholt: „Aber ich dachte, bestimmt passt es dir doch eigentlich auch nicht so gut, mit dieser Schulung, und wenn wir jetzt auch noch eine Woche weg sind, dann bleibt so viel Arbeit liegen, da können wir doch vielleicht zusammen versuchen, noch mal mit ihm zu reden?“

Vera atmet tief durch. Was denkt sich die Kleine? Denkt sie überhaupt? Oder redet sie nur so vor sich hin?

„Dir ist aber schon klar, dass du demnächst mit SAP arbeiten musst?“

Eva öffnet und schließt empört ihren Mund. „Ach … Du bist immer so …“ Sie blinzelt, und Vera kann richtig sehen, wie sie sich an die letzte Teamentwicklungsschulung erinnert. „Ich finde, es kommt mir oft so vor, als ob du … irgendwie ein Problem mit uns hast und nichts mit uns zu tun haben willst…“ Ihre Augen glänzen, und ihre Unterlippe beginnt zu zittern.
Auch das noch. Vera seufzt und schließt kurz die Augen. „Das täuscht, ganz sicher. Ich will da auch nicht hin, aber ich lasse mir das lieber von Profis beibringen. Womöglich fährt Ralf selbst, wenn wir uns weigern. Stell dir mal vor, wie das hier dann bei einer internen Schulung abläuft.“
Eva beruhigt sich ein wenig, und das Tippen ihrer Zeigefinger gegeneinander, das vorher beängstigende Geschwindigkeit erreicht hatte, verlangsamt sich. „Ja, aber, die können doch bestimmt auch eine neue Schulung vereinbaren, in zwei oder drei Wochen vielleicht, dann fahre ich da ja auch hin, ich will mich da ja nicht sperren, ich seh das ja auch ein, aber jetzt dieses Wochenende passt es mir eigentlich wirklich überhaupt nicht, deshalb dachte ich, und es ist ja auch sehr kurzfristig, und jetzt wegen der vielen Krankheiten auch so ungünstig, oder nicht?“

„Es ist nie günstig, egal wann. Bald kommt auch noch die Urlaubszeit, dann wird es auch nicht besser.

Ich rede jedenfalls nicht nochmal mit Ralf drüber. Ich hab das schon gestern versucht. Ohne Erfolg.“

Eva seufzt. „Naja, wenn du meinst, dass du das besser weißt, und dass du das einfach so für dich alleine entscheiden musst, was richtig ist, dann musst du das eben-“ Die Tür des Kopierraums öffnet sich, und Ralf lehnt sich hinein, sich mit einer Hand am Türrahmen festhaltend. „Ähm, also, ihr zwei“ sagt er, „Ich weiß nicht, obs euch aufgefallen ist, aber wir haben gerade ein bisschen Kapazitätsengpass hier, und da draußen klingeln die Telefone. Ihr kopiert doch hier gar nichts, oder wie?“
„Wir hatten was zu besprechen. Wegen der Schulung.“ Nach einem kurzen Blick auf Ralf wendet Vera sich wieder dem Drucker zu.
„Ja? Was denn? Da ist doch eigentlich, denk ich doch jetzt, alles schon besprochen, oder nicht? „Wir hatten gedacht, dass es vielleicht jetzt nicht so gut ist, auch wegen der Krankheiten, und dass man die Schulung deshalb besser verschieben sollte!“ platzt Eva heraus.“
Vera vermeidet weiterhin Blickkontakt und murmelt Richtung Wand „Hmm, ja genau“.
Ralf schaut verwirrt von Vera zu Eva und zurück. „Aber die Schulung ist doch nun gebucht“, sagt er, „Und dann muss da auch jemand hin, sowas kostet doch Geld. Ich meine, ihr wisst doch, dass ihr auf jeden Fall bald damit arbeiten müsst, dann ist euch doch bestimmt auch klar, dass es besser ist, wenn ihr das von den richtigen Fachleuten lernt, oder wie?“
Vera wirft einen Seitenblick auf Eva: „Ja, schon klar.“
„Ja… Und worüber wollt ihr dann jetzt noch reden?“ Er schaut auf seine Uhr. „Ich muss dann jetzt leider auch weiter. Also, von den Tickets hab ich jetzt noch nichts gehört, aber die sollen ja heute kommen, glaub ich. Tschüss erstmal!“
Vera nickt. „Ja, wir sind soweit durch. Komm Eva, lass uns weiterarbeiten.“
Ralf verschwindet. Eva sieht Vera nicht an und sagt zum Kopierer: „Also, naja, dann kann man da wohl nichts machen, was?“
Vera zieht ihren Stapel Dokumente aus dem Drucker und wendet sich mit einem abschließenden Nicken ab.  Aufatmend zieht sie die Tür ihres Büros hinter sich zu. Das war für ihren Geschmack diese Woche schon wirklich viel zu viel Kommunikation, erst gestern die Diskussion mit Ralf – und nun dieses Theater. Ihr graut vor der Woche mit Eva. Wie kann man nur so kindisch sein. Und dann dieses nervige Gezappel. Und sie redet wirklich ununterbrochen.

Vera gefällt die Situation ja genauso wenig, sie mag es nicht, die vertraute Umgebung,  die gewohnten Abläufe zu verlassen. Aber noch eine Auseinandersetzung hier im Büro, das wäre noch schlimmer.

Und sie sieht es ja auch ein, es ist so wirklich die vernünftigste Lösung. Jedenfalls sagt sie sich das, mantramäßig,  immer und immer wieder.

Ralfs Bemerkung mit den Fachleuten kommt ihr in den Sinn. Ob er gehört hat, was sie über ihn gesagt hat? Das klang fast so.  Es ist ihr ein bisschen unangenehm. Nicht, dass er nicht schon an unpassende  Ansagen von ihr gewöhnt sein sollte, Vorgesetzter hin oder her. Diplomatie ist nicht gerade ihre Stärke.

Sie macht sich wieder an die Arbeit, um noch möglichst viel von dem, was in der kommenden Woche fällig wäre, zu erledigen. Nach 17 Uhr wird es still in den Nachbarräumen, nach und nach verlassen die letzten Kollegen das Büro. Auch das Telefon klingelt nun nicht mehr, mit weiteren Störungen braucht sie nicht zu rechnen. Voller Konzentration versinkt sie in ihren Aufgaben.

Als sie sich endlich auf den Heimweg macht, ist schon fast Ladenschluss. In letzter Minute schlüpft sie noch schnell in einen Resteladen und nimmt verschieden starke Garne für ihre am Vorabend geplante Konstruktion mit.

Während sie Zuhause die notwendigen Arbeiten erledigt, kommt wieder Panik auf.  Zu viele Gedanken schießen durch ihren Kopf. An was muss ich noch alles denken? Ich darf nichts vergessen! Solange war ich seit meiner Kindheit nicht von zu Haus weg. Was nehme ich mit? Wie wird das mit Eva?

Vera zwingt sich zur Ruhe. Das hat doch alles keinen Sinn. Heute schafft sie nichts mehr, sie ist viel zu angespannt. Sie hat ja noch Zeit, und eigentlich ist sie ja auch mit den Vorbereitungen gut im Rennen. Sie holt sich den restlichen Rotwein aus der Küche und verzieht sich an ihren Computer. Eine Runde Spielen kann jetzt nicht schaden, das wird  sie entspannen. Sie startet ihr Lieblingsspiel, das hilft ihr immer. Als Statthalter entwirft und verwaltet sie die perfekte Stadt, beobachtet das Herumgewusel ihrer Bewohner und vergisst für eine Weile Firma, Schulung und sonstige Probleme.

Nina

Als Nina das Haus betritt, warten Ben und Alex bereits am oberen Treppenabsatz und spähen herunter zur Haustür.

„Mama!“ ruft Ben, und rüttelt an dem Treppenschutzgitter.

Alex, der ältere, ist ein bisschen zurückhaltender und betrachtet seine Mutter zuerst nur skeptisch, aber als sie ihre Tasche neben der Tür abstellt und die Treppe zu den beiden hinauf eilt, strahlt er auch, und beide springen geradezu in ihre Arme.

Während Nina noch die Umarmung ihrer Kinder genießt, kommt ein vielleicht sechzehnjähriges Mädchen aus Alex‘ Schlafzimmer. Das Mädchen trägt eine ausgeblichene Jeans, die zum größeren Teil aus Löchern zu bestehen scheint und einen schlabberigen Wollpullover mit einem „Anarchy no rules OK!“, einem „Eat the Rich!“, einem Guevara- und einem Tibet-Button dran. Es trägt ein großes silbernes Piercing in der Unterlippe, je ein kleineres mit einem glitzernden Stein im rechten Nasenflügel und der linken Augenbraue, und unzählige kleine Ringe in ihrer Ohrmuschel. Seine nicht besonders fachmännisch schwarz gefärbten Haare sind offensichtlich von Natur aus blond und fallen zwar bis auf ihre Schultern herunter, sind aber an den Schläfen auf wenige Millimeter geschoren.

„Oh“, sagt das Mädchen mit einem Blick, als hätte es gerade ein altes Apfelgehäuse unter dem Sofa gefunden. „Sie sind wohl die Mutter, oder?“

„Nein, man hat mich an einer Straßenlaterne ausgesetzt und ich bin jetzt adoptiert worden.“ Nina fühlt sich auf einmal furchtbar alt, dick und lächerlich. Alex und Ben versteifen sich etwas in ihren Armen und Nina weiss, dass ihre Jungs sich gerade sehr für sie schämen. Sie löst sich vorsichtig aus der Umarmung ihrer Söhne, steht auf, streicht mit den Händen über ihre Oberschenkel und sagt dann leicht verlegen: „Das war natürlich nur ein Spaß. Ich bin Nina, die Mutter, ja. Und wer bit du?“Dabei streckt sie dem Mädchen zur Begrüßung die Hand entgegen.
„Ich pass auf die beiden auf“, sagt das Mädchen, und schaut dabei kurz zögernd auf Ninas Hand, bevor sie sie schließlich mit sichtbarem Widerwillen nimmt. Ihre Hand fühlt sich in Ninas an wie ein toter Fisch, und sie zieht sie schnell wieder zurück. Dann steckt sie beide Hände in die Gesäßtaschen ihrer löchrigen Jeans und schaut auf ihre fröhlichen bunten Ringelsocken, die einen merkwürdigen Kontrast zu ihrer restlichen Erscheinung bilden. „Ich wollte gerade mit Alex mit seinen Hausaufgaben anfangen. Alex, geh doch schon mal vor. Du hast danach noch Zeit zum Spielen. Sie können sich so lange um Ben kümmern.“

Es klingt nicht wie ein Vorschlag, eher wie eine Arbeitsanweisung. „Seien Sie vorsichtig mit dem Treppengatter, das versucht er immer aufzumachen, und geben Sie ihm nichts mehr zu naschen bis heute Abend, er hat schon gegessen.“

Alex schlurft widerwillig in Richtung seines Zimmers, während Sina das Mädchen mustert  und bemerkt seine unreine Haut bemerkt. „Mit der Nascherei solltest du wohl besser selbst etwas aufpassen“, sagt sie und nimmt Ben an die Hand. „Komm, mein Schatz, zeig‘ mir mal, was aus deinem tollen Gartenbeet geworden ist.“ Auf dem Weg zur Terrassentür dreht Nina sich noch einmal um. „Ich weiss nicht, was mein Mann dir erzählt hat, aber du legst dir besser einen etwas höflicheren Ton zu, wenn du keinen Ärger haben willst.“

Die Sitterin steht ein paar Sekunden nur mit weit offenem Mund da und starrt Nina an.

„Wie Sie meinen“, grummelt sie schließlich, „Aber was ich esse, ist ja wohl meine Sache, ich mein, Sie müssen gerade reden!“

Nina hat nun endgültig genug. „Ben, mein Schatz, geh schon mal in den Garten, ich komme gleich nach.“ Der kleine Junge sieht seine Mutter etwas zweifelnd an, trabt aber gehorsam nach draußen. Nina dreht sich zu dem Mädchen um und sieht an der Garderobe eine Tasche im Retro-Blumen-Look und mit Fransen an der Unterseite. Sie nimmt die Tasche, geht zu dem Mädchen und packt es am Oberarm: „Nimm deine Sachen und mach‘, dass du rauskommst, sofort! Ich will dich hier nicht mehr sehen!“ Mit diesen Worten öffnet sie die Haustür und schiebt das Mädchen unsanft nach draußen.

„Hey, was soll denn – Sie können doch nicht – hey!“

Die Sitterin wirkt weniger verärgert als aufrichtig verwirrt und erschrocken, wie sie nun vor der Tür steht, ihre Tasche unbeholfen so umklammert, wie Nina sie ihr eben in die Arme gedrückt hat. Ihr dunkle, nölige Stimme klingt ulkiger Weise trotzdem eher gelangweilt. Nina fragt sich, ob das Mädchen Drogen nimmt, oder sich vielleicht diesen ennui-Tonfall angewöhnt hat, weil der in ihrer Subkultur gut ankommt.

„Sie können mich nicht einfach rauswerfen, das ist nicht mal Ihr Haus! Ihr Mann hat ausdrücklich gesagt, dass ich ein Auge auf –“ Sie stockt und senkt unsicher ihren Blick. „Also, er hat gesagt …“ Sie wühlt ein altes Klapptelefon voller Sticker aus der Tasche und hält es Nina herausfordernd entgegen. „Wollen wir ihn anrufen und fragen, was er von der Sache hält?“

„Tu‘ das“, schnaubt Nina. „Mein Mann hat bestimmt Zeit, mit dir zu telefonieren, während er neben seiner in Lebensgefahr schwebenden Mutter im Krankenhaus sitzt. Und jetzt verschwinde!“ Nina knallt dem Mädchen die Haustür vor der Nase zu und verriegelt sie von innen demonstrativ zweimal. Dann stellt sie die Klingel ab, atmet kurz durch und geht zu Ben in den Garten.
Nina hat ungefähr zehn Minuten Zeit, mit Ben zu spielen, bis die Sitterin im Garten steht. Ihre Tasche hat sie jetzt über eine Schulter gehängt, und sie starrt mit gesenktem Kopf auf ihre Hände, die sie auf Hüfthöhe verschränkt hat.

Sie vermeidet Blickkontakt und kaut auf ihrer Unterlippe herum, bis sie schließlich leise, kaum verständlich, murmelt: „Kann ich vielleicht doch wieder reinkommen, bitte?“ Nach einer kurzen Pause mit mehr Lippenbeißen fügt sie hinzu: „Ich hab Walter jetzt nicht angerufen. Ich brauch das Geld von dem Job …“

David

Am nächsten Morgen fährt David bei seiner Wohnung vorbei, in der festen Erwartung, dort entweder eine Großrazzia vorzufinden oder aber alle seine Pflanzen und die Erkenntnis, dass das nur ein wirklich übler Trip war. Es bewahrheitet sich allerdings keine der beiden Möglichkeiten. Er findet seine Wohnung ganz genau so vor, wie er sie in der Nacht zurückgelassen hat, ohne Razzia, aber natürlich auch ohne Pflanzen. Nachdem er sich einige Minuten lang der Nostalgie hingegeben hat, macht er sich in Ermangelung sinnvoller Alternativen auf den Weg zur Arbeit. Davon findet er in der Kanzlei dann auch reichlich vor, denn heute sind gleich drei seiner Kollegen nicht zur Arbeit gekommen. Zwei hatten immerhin noch den Anstand, sich krank zu melden, aber vom dritten fehlt jede Spur.

So hat er bis 11:18 genug zu tun, um den Vorfall gestern Abend beinahe schon wieder vergessen zu haben, zumal die ganze Nacht ihm zunehmend surreal vorkommt, bis dann der Juniorchef sich die Nase putzend vor seinem Schreibtisch auftaucht und mit stark geröteten Augen und nasaler Stimme sagt:

„Herr Herrnstadt, hier hat gerade jemand von der Polizei angerufen und mir einige sehr suggestive Fragen zu Ihrer Person gestellt. Ich hab ihr natürlich gesagt, dass sie uns doch bitte schreiben soll, und dann von uns eine wohlabgewogene Erwiderung erhalten wird, aber ich frage mich nun doch, ob da etwas stattfindet, wovon ich wissen sollte.“ Er hustet in seine Ellenbogenbeuge. „Sollte ich?“

David sieht ihn an, zögert nur kurz, und sagt so ruhig, sachlich und unmißverständlich er kann:

„Nein. Nein, Herr Winterhalter. Es findet da nichts statt, wovon SIE wissen sollten.“

Dann wendet er sich wieder dem Bildschirm zu und hofft, daß der Juniorchef weggeht. Daß es alles weggeht. Daß sie ihn alle in Ruhe lassen.

Seine Gedanken rasen. Wenn es wirklich nur um die Pflanzen geht, was zum Henker will die Polizei dann an seinem Arbeitsplatz? Nehmen sie an, er dealt sein Gras in der Kanzlei? Absurd. Oder wollen sie nur Druck machen? Auch generell scheint ihm der Aufwand seltsam in Proportion zum Delikt; er hat ja nichtmal mit seiner Ernte gehandelt, nur gelegentlich allein und mit Freunden ein bißchen Spaß gehabt … wenn ihn ein Nachbar verpfiffen hat, würde die Polizei doch nicht so einen Aufwand machen?

Auf Kosten des Steuerzahlers?

Eine Stimme in ihm versucht ihn darauf hinzuweisen, daß es eine gute Idee wäre, sich mal mit einem Anwalt zu besprechen, aber er kennt nur Fachanwälte für Wirtschaftsrecht. Und ist denen gegenüber immernoch geringfügig mißtrauischer als der Polizei gegenüber, deshalb hört er nicht auf sie.

„Herr Herrnstadt, wenn Sie glauben, dass das ein angemessener Tonfall mir gegenüber ist, dann sollten Sie Ihre Vorstellungen noch einmal überdenken. Mir ist egal, was Sie privat machen, aber Ihnen sollte klar sein, dass auch Sie unsere Kanzlei repräsentieren, und spätestens wenn öffentliche Strafverfolgungsorgane“ Er sagt das einfach so ganz selbstverständlich, als würde er den Begriff immer so benutzen. „direkt mit uns in Kontakt treten, um Fragen über Sie zu stellen, sollte Ihnen schon klar sein, dass wir einen Anspruch haben, zu erfahren, was der Grund für diese Ermittlungen ist. Lassen Sie mich meine Frage noch einmal deutlicher stellen: Wessen werden Sie beschuldigt, und wie gedenken Sie damit umzugehen?“

Wäre auch zu schön gewesen; David blickt resigniert auf. Er setzt sein Sekretärinnenlächeln auf.

„Herr Winterhalter. Sie können sich vorstellen, daß diese Situation auch für mich nicht einfach ist, und ich hätte meinen Tonfall gerne nur als ’sachlich‘ verstanden gewußt. Einen Anspruch Ihrerseits auf Auskunft kann ich nicht erkennen; ein Interesse natürlich durchaus, deshalb nur

soviel:

Auch mir ist nicht mitgeteilt worden, was der Grund für diese Ermittlungen ist, und ich bin in aller Aufrichtigkeit auch selber darüber im Unklaren, was er sein könnte. Sie werden verstehen, daß ich Ihnen jetzt keine Spekulationen über jegliches potentielle Fehlverhalten meinerseits in den letzten zwanzig Jahren auflisten werde.

Nach meiner Sicht der Dinge gibt es nichts zu sagen, was die Kanzlei beträfe, außer daß ich selbstverständlich bedauere, daß die Polizei Sie meinetwegen in Aufregung versetzt hat.“

Der Juniorchef sieht David eine viel zu lange Zeit einfach nur mit zu deutendem Gesichtsausdruck an, bevor er noch einmal in seine Ellenbogenbeuge niest und sich kopfschüttelnd abwendet.

„‚Aufregung‘ würde ich das jetzt nicht nennen, ich war ja nur um die Reputation der Kanzlei besorgt…“ murmelt er im Weggehen noch.

Im weiteren Verlauf der Tages ereignet sich nichts weiter Bemerkenswertes, abgesehen davon, dass David ein Gespräch eines der Seniorberater mit seinem Assistenten mithört, in dem ersterer sich fassungslos darüber entrüstet, dass seine Frau gestern mit ihrer gemeinsamen Tochter im UKE war, um diese untersuchen zu lassen, aber wegen Überlastung ans Bundeswehrkrankenhaus in Wandsbek verwiesen wurde, wo sie dann fast vier Stunden warten musste und dann nur ganz oberflächlich untersucht wurde, und stellen Sie sich das mal vor, für das Geld, das man jeden Monat für seine KV bezahlt!

Außerdem bekommt David eine SMS von seiner Cousine, ob alles in Ordnung ist, wegen der Sachen gestern.

Und dann ist auch schon wieder Feierabend.

Er antwortet Vero ‚halbwegs. die haben meinen chef nach mir gefragt.

ärgerlich. und komisch alles. ich fahr jetzt mal zuhause vorbei und schau, wie da die lage ist‘ und tut genau das.

Bei ihm zu Hause scheint die Lage ruhig. Niemand da, außer ihm und Theo.

‚Hast du ne Idee wer dich angeschissen hat?‘ fragt Vero.

‚überhaupt nicht. die paar, die davon wußten, haben doch eigentlich alle davon profitiert :). keine ahnung, was das soll.‘

David setzt sich auf sein Sofa und starrt resigniert ins Leere.

Er kommt sich plötzlich extrem verarscht vor.

Wahrscheinlich sollte er froh sein und jede Minute, in der nichts Schlimmeres passiert, aber nach der gigantische Aktion letzte Nacht bräuchte er ein fulminanteres Finale, um sich nicht albern vorzukommen.

Jetzt sitzt er hier, alles ist wie vorher, nur ohne seine schönen Pflanzen, und er weiß nichts mit sich anzufangen. Er gabelt frustriert in dem kalten Abendessen von gestern herum und zappt durchs Fernsehprogramm.

Das Finale bleibt aus, und als er gerade beginnt, vor dem Fernseher einzunicken, klopft es an seiner Tür.

Sofort beginnt sein Herz zu schlagen wie eine Kirchenglocke, ihm bricht der Schweiß aus und sein Atem wird schwer.

Er geht zur Tür und späht durch den Spion. Auf dem Weg malt er sich die fürchterlichsten Horrorszenarien aus. Spezialkommandos mit jaulend an ihren Ketten zerrenden Kampfhunden – lächerlich, die würde er ja hören – eine ganze Armada von Spurensicherern in weißen Anzügen mit Sensoren und Analysegeräten, die noch die feinsten Spuren …

Vor lauter Aufregung fühlt er sich richtig schwindelig, und er muss eine Hand vor seinen Mund schlagen, um nicht aufzuschreien, als er dieselbe Polizistin von gestern wieder erkennt. Panisch atmet David in seine Hand, bis ihm klar wird, dass sie alleine da steht und anscheinend nicht einmal einen Partner mitgebracht hat. Sie grinst immer noch so breit wie gestern Abend, aber ihre Augen strahlen diesmal nicht ganz so überzeugend mit, ihre Schultern sind ein bisschen weniger gerade, und ihre kurzen schwarzen Haare sitzen nicht ganz so perfekt. David entdeckt schließlich sogar einen Kratzer an ihrem Kinn, und der vierte Knopf an ihrem blauen Uniformhemd ist nicht geschlossen. Oder ist er abgerissen?

Seine Panik lässt nach und weicht teilweise einer gewissen Neugier.

Er atmet nochmal tief durch, sortiert seine Gesichtszüge und öffnet die Tür einen Spalt. Ihm fällt kein lustiger Spruch ein, deshalb schaut er sie einfach nur erwartungsvoll an.

Ihre Gesichtszüge hellen sich noch einmal auf, als sie ihn sieht, und sie nickt ihm geradezu freundschaftlich zu.

„Guten Abend Herr Herrnstadt“, sagt sie. „Schön, dass Sie das Problem mit Ihrem Schloss in den Griff gekriegt haben. Ich hoffe, der Schlüsseldienst war nicht zu teuer? Als mir das mal passiert ist, hab ich fast zweihundert Euro bezahlen müssen, und musste mir noch dumme Sprüche von diesem Affen anhören.“

David murmelt etwas in der Richtung, dass schon alles ganz in Ordnung war und fragt, was er für sie tun kann.

„Ja, Sie haben recht“, stimmt sie ihm sofort zu, „Es ist schon spät und Sie sind wahrscheinlich genauso froh wie ich, diesen Tag hinter sich zu haben. Ihr Vorgesetzter sagte mir, dass bei Ihnen in der Kanzlei zurzeit auch sehr viele Kollegen krank sind. Wir haben das gleiche Problem, und es ist ein Albtraum, aber wem erzähle ich das, ich sagte ja gerade noch, dass es Ihnen wohl kaum besser geht.“

Er erwidert ihr strahlendes Lächeln reichlich lustlos und hebt seine Augenbrauen und breitet seine Arme ein wenig aus in einer „Und weiter?“-Geste.

Sie nickt enthusiastisch. „Genau, Sie wollen wahrscheinlich wissen, was ich schon wieder von Ihnen will. Sehen Sie, Herrn Herrnstadt, wir haben Ihren … Nennen wir es mal „Abfall““ (Sie macht kleine Gänsefüßchen mit Zeige- und Mittelfinger.) „gefunden und lassen ihn gerade untersuchen. Das Labor ist dummerweise ziemlich überlastet, das gleiche Problem wie überall, diese fürchterliche Sommergrippe, aber darüber hatten wir ja gerade gesprochen, deswegen dauert es wahrscheinlich noch bis übermorgen, bis wir die Ergebnisse haben, Fingerabdrücke, Faserspuren, Haare, sonstige Partikel, Sie kennen das wahrscheinlich, Sie sagten ja beim letzten Mal schon, dass Sie viel fernsehen.“

David seufzt und nickt.

„Und jetzt dachte ich, weil Sie einen sympathisch Eindruck machen, und weil ich überzeugt bin, dass Sie das alles ohne bösen Willen gemacht haben, ich komm noch mal bei Ihnen vorbei, bevor ich nach Hause fahre und in mein Bett falle, und gebe Ihnen die Gelegenheit, mir alles zu erzählen. Ich würde aufschreiben, dass Sie das freiwillig gemacht haben, und dass der Hinweis auf den … Lagerort auch von Ihnen kam. Sowas kommt beim Richter immer irre gut an, nicht nur weils im Gesetz steht, sondern weil die bei nem Geständnis nicht so lange an ihrem Urteil schreiben müssen und früher zum Golfspielen kommen, und ich wette, ein unbescholtener gut integrierter Bürger wie Sie kommt mit einer Bewährungsstrafe davon, wenn er nicht nur geständig ist, sondern quasi Selbstanzeige erstattet. Wer weiß, vielleicht kriegen wir den Staatsanwalt sogar dazu, das Verfahren gegen Auflagen einzustellen, wenn Sie uns gute Informationen liefern. Ich finde das immer furchtbar, wenn wirklich anständige, steuerzahlende Bürger, die nie jemandem was getan haben, eingesperrt werden, einfach nur weil sie zu stur sind, zu kooperieren, und ich verstehe Ihre Position ja auch, ich hätte gestern an Ihrer Stelle genauso reagiert und gedacht, dass ich da vielleicht noch rauskomme.“ Sie grinst und zwinkert ihm zu. „Naja, ich dachte halt, ich tu Ihnen den Gefallen und geb Ihnen noch die Chance, hier einigermaßen sauber rauszukommen. Was meinen Sie? Sind Sie dabei? Wenn Sie wollen, gehen wir dann auch noch den Kakao trinken. Ich könnte jetzt wirklich einen heißen Kakao gebrauchen, wenn ich mal drüber nachdenke.“

Sie lächelt ihn so offen an, dass er kaum anders kann, als sie trotz allem irgendwie sympathisch zu finden, und das verursacht eine so heftige kognitive Dissonanz, dass er beinahe Kopfschmerzen bekommt.

Die werden noch verschärft dadurch, dass in seinem Kopf zahlreiche Stimmen aufgeregt durcheinanderplappern. – Allerhöchste Eisenbahn für einen Anwalt – Kein Wort mehr sagen – Das ist nur eine Masche, diese verständnisvolle Tour – Überhaupt, das Ganze ist eine Falle – Von Anfang an gewesen, einschließlich dem Bullen, der ihn ermutigt hat, das Zeug aus seiner Wohnung zu schaffen – Vielleicht hätten sie sonst gar keinen Beschluss bekommen – Aber daß die Geld haben für SpuSi wegen ein bißchen Kiffen? – Das ist alles nur ein Bluff – Kein. Wort. Mehr. – Anwalt. – Aber seltsam, je lauter und entsetzter die Stimmen werden, desto mehr verschwimmen sie zu einem Hintergrundrauschen, vor dem eine trotzige Gleichgültigkeit aufsteigt, und große Lust auf Kakao. Die Polizistin kommt ihm sekündlich netter vor.

Er greift nach seiner Jacke und seinem Schlüsselbund.

„Gehen wir.“ sagt er. „Und Sie erklären mir, wie Sie sich das vorstellen und wozu Sie bevollmächtigt sind.“

Die Stimmen verstummen fassungslos.

Für einen Sekundenbruchteil, so kurz, dass David sich kurz danach fragt, ob er es sich eingebildet hat, entgleisen ihre Gesichtszüge, ihr Lächeln flackert, und ihre Augenbrauen ziehen sich verwirrt zusammen und nach oben, doch dann erstrahlt ihr Lächeln wieder, und sie schaut David an, als wäre sie schon lange total in ihn verschossen, und er hätte sie nun endlich auf ein Rendezvous eingeladen.

„Gerne“,  sagt sie, während ihre Hand kurz abwesend über den blutigen Kratzer an ihrem Kinn streift, und tritt zur Seite. „Gehen Sie vor? Ich weiß ja nicht mal, wo das ist.“

David geht vor ihr die Treppe runter. Seine Zweifel melden sich wieder, aber er unterdrückt sie und versucht, einen léger beschwingten Schritt anzuschlagen, was ihm auch fast stolperfrei gelingt. Er hält ihr mit einer ironischen Verbeugung die Haustür auf und deutet nach links. „Hier entlang.“

Cléo hat ihr kleines Café direkt um die Ecke.

Bei Reinkommen nickt David grüßend in die Runde und führt die Polizistin zu seinem Lieblingstisch in der Ecke, allerdings bietet er ihr seinen Stammplatz auf der Bank zwischen den vielen nicht zueinanderpassenden Kissen an und zieht sich einen Stuhl ran.

Er tut, als ob er die schockierten Blicke und das Tuscheln angesichts seiner Begleitung nicht bemerken würde und lächelt, fast unverkrampft.

„Ich nehm eine große Schoki mit Sahne, für Sie auch?“

Sie folgt ihm und nickt den Gaffern und Tuschlern sehr offensiv freundlich zu. Den angebotenen Platz nimmt sie dankbar an, legt sich zwei dicke Kissen in den Rücken, schließt die Augen, verschränkt die Hände hinter ihrem Kopf, streckt sich und rollt tief durchatmend ihre Schultern. David kann nun unzweifelhaft erkennen, dass der Knopf an ihrem Uniformhemd nicht einfach nur offen ist, sondern wirklich abgerissen.

„Klingt guut…“ seufzt sie.

Als Cléo die Bestellung aufnimmt, tut sie sichtbar ihr Bestes, die Polizistin nicht anzugaffen, nutzt aber einen unbeobachteten Moment, um David einen beinahe theatralischen WTF-Blick zuzuwerfen.

David erwidert den Blick und versucht in seinen Gesichtsausdruck eine Botschaft zu legen wie „Guck nicht so, alles okay, ich erklär Dir das später“, ist sich aber nicht sicher, ob er in seinem momentanen Geisteszustand nicht doch eher „Hilfe, ich werde von Außerirdischen entführt“ kommuniziert hat und wirft, damit sie nicht irgendwas Falsches unternimmt, noch ein möglichst entspanntes Grinsen hinterher.

Sie hält den Kopf schief und schaut skeptisch und geht zurück zum Tresen.

Um zu vermeiden, daß sein Blick danach wieder an dem fehlende Knopf hängenbleibt, was vielleicht Mißverständnisse auslösen könnte, schaut er konzentriert auf das linke Ohr der Polizistin und fragt:

„Also, was schlagen Sie vor?“

Sie hat inzwischen ihre Arme wieder gesenkt und ordentlich vor sich auf die Tischplatte gelegt, sitzt ihm nun sehr gerade gegenüber und hat immer noch dieses unheimlich offene Lächeln im Gesicht.

Schräg hinter ihrem Rücken sieht er ihren Schlagstock. Es ist ein eigenartiges Modell, das er so noch nicht gesehen hat, und das nicht an ihrem Gürtel herabhängt, sondern nach oben steht, sodass sie damit problemlos sitzen kann, zumindest solange sie sich nicht anlehnt.

„Hab ich ja eigentlich schon gesagt.“ Sie spricht leise und beugt sich dabei noch ein bisschen zu ihm vor. „Sie erzählen mir alles, das müssen wir natürlich dann verschriftlichen, wenn Sie’s nicht gleich aufschreiben wollen, und dann ist schon mal dokumentiert, dass sie von sich aus alles zugegeben und sogar unsere Ermittlungen erleichtert haben. Das wird Ihnen nachher im Verfahren schon mal enorm helfen, und ich schwärme dann natürlich auch davon, wie kooperativ und einsichtig Sie waren, wenn mich jemand fragt, und ich werd mein Bestes geben, den Staatsanwalt davon zu überzeugen, dass keine Flucht- und Verdunklungsgefahr besteht. Ist ja auch plausibel, Sie sind sozial integriert, haben Familie hier in Deutschland, einen hoch qualifizierten Job … Sie sparen sich die Festnahme, die Untersuchungshaft, und können sicher sein, dass Sie im schlimmsten Fall mit ner Bewährungsstrafe rauskommen.“ Sie sieht ihn kurz erwartungsvoll an, bevor sie hinzufügt: „Und? Was meinen Sie?“

Ihr linkes Ohrläppchen ist übrigens durchstochen und der Knorpel am oberen Rand der Ohrmuschel auch, aber sie trägt keinen Schmuck dran.

David ist sich völlig sicher, dass ihre aufrichtige Herzlichkeit nur gespielt ist, aber er kann trotzdem nicht glauben, dass das nur eine ganz normale Ermittlungstaktik ist. Irgendwas ist extrem seltsam an der ganzen Geschichte. Er erinnert sich von gestern noch an das Gefühl, gegen eine Wand zu reden, wenn auch gegen eine sehr charmante, aber er versucht es doch nochmal direkt:

„Aber vielleicht können Sie mir doch kurz helfen, die Situation besser einzuschätzen? Sie sind also dienstlich hier, und sie sind bevollmächtigt, mir sowas in Aussicht zu stellen? Warum ist Ihr Kollege nicht dabei? Irgendwie kommt mir die ganze Aktion seltsam vor, und ich vestehe auch immer noch nicht, wieso en solcher Aufwand getrieben wird?

Wenn Sie tatsächlich Dinge gefunden haben, die sie mir zuzuordnen können glauben, dann müssten Sie doch auch eine Vorstellung von der dramatischen Unwichtigkeit der ganzen Problemstellung haben. Haben Sie nicht irgendwie Leute zu fangen, die tatsächlich Schaden anrichten? Was soll denn das alles?“

Der Kakao kommt. David schaufelt sich einen größen Löffel Sahne in den Mund.

„Ich hab Ihnen anscheinend einen falschen Eindruck vermittelt“, sagt sie nachsichtig, „Tut mir leid. Wäre natürlich auch einfacher gewesen, wenn ich das nicht alles zwischen Tür und Angel erklärt hätte, aber finden Sie denn, dass ich aussehe, als wäre ich eine offizielle Delegation? Ich bin hier, weil ich Ihnen einen Gefallen tun wollte. Weil ich Sie irgendwie nett fand und nicht will, dass Ihr Hase als Waise aufwachsen muss.“ Sie kichert, und der kindliche Laut passt zwar ganz gut zu ihrem netten jugendlichen Gesicht und ihrem kumpelhaften Auftreten, kontrastiert aber scharf mit ihrer Uniform und diesem schwarzen Schlagstock in seiner sehr technisch wirkenden Kunststoffhalterung an diesem breiten Gürtel, den David jetzt kaum noch ausblenden kann, nachdem er ihm einmal aufgefallen ist. Wie kriegt sie den denn da raus, wenn sie ihn braucht? Und natürlich mit der Pistole, die David zwar gerade nicht sehen kann, an die er sich aber noch gut erinnern kann.

Als könnte sie seine Gedanken lesen, verblasst ihr Lächeln, und ihr Tonfall wird ernster.

„Ich bin alleine hier, weil das kein offizieller Besuch ist. Der Staatsanwalt würde das hier nicht mitspielen. Der hat keine Zeit, sich um sowas Gedanken zu machen, und hat auch nicht so besonders viel Verständnis für Drogenproduzenten. Es gibt das Betäubungsmittelgesetz aus guten Gründen, und ich bin sicher, dass Sie glauben, das sei alles total harmlos, aber gerade letzte Woche habe ich in einem Verfahren gegen jemanden ausgesagt, der genau das gleiche gemacht hatte wie sie, und der wurde zu zwei Jahren und elf Monaten Freiheitsstrafe verurteilt. Der hat überhaupt nicht kooperiert und nichts zugegeben, obwohl schon alles klar war. Hat der Richter ihm sehr übel genommen.“

Zum ersten Mal scheint sie den großen Becher mit Kakao mit dem leicht angeschlagenen Rand vor sich wahrzunehmen. Sie umfasst ihn mit beiden Händen und nimmt einen sehr tiefen Schluck. Mit geschlossenen Augen stellt sie den Becher wieder ab und seufzt leise.

„Hmmm… Der ist wirklich gut hier. Danke für den Tipp.“ Sie zwinkert David zu. „Also, wie ich schon gestern sagte: Wenn die Sache erst einmal offiziell ist, dann kann ich Ihnen nicht mehr helfen. Dann gibt es keine Sympathie mehr und kein Entgegenkommen, weil die Leute, die den Fall bearbeiten, Sie nicht mal zu Gesicht kriegen und ihre Anweisungen direkt aus der Behörde für Inneres, und die wiederum soll hart durchgreifen, weil das im CDU-Wahlkampf gut kommt. Ich kann Ihnen nur sagen, wenn Sie jetzt alles zugeben, dann kann ich einen freundlichen Bericht schreiben, und der Richter wird dann auch erst mal positiv an die Sache rangehen. Wir alle sparen uns ne Menge Arbeit, und Sie sich die Freiheitsstrafe. Aber wenn Sie jetzt hier ne Grundsatzdiskussion draus machen wollen, dann nehmen Sies mir bitte nicht übel, dass ich dafür zu müde bin. War kein so toller Tag, und dann würde ich einfach nur meinen Kakao austrinken, nach Hause fahren und die Mühlen mahlen lassen.“

David ist müde. Sein Tag war auch nicht so toll. Und die Nacht vorher erst recht nicht. Der warme Kakao macht ihn ein bisschen zuuu entspannt, und die Frau guckt so nett und er will sie nicht enttäuschen, und er ist schon wieder ergriffen von dem irreführenden Gefühl, dass alle Alternativen so unerfreulich sind, dass es eigentlich egal ist, was er macht.

Er lehnt sich ein bisschen zurück und fragt resigniert:

„Okayokay, also mal angenommen, ich habe wirklich ein bißchen gegärtnert. Nur so zum Spaß, für mich, und auch aus Interesse. Wissen Sie eigentlich, was das für tolle Pflanzen sind? Was man damit alles machen kann, außer dem, warum Sie hier sind? Super Textilien, Leckere Samen, alles total gesund und so? Gibt auch Sorten fast ohne THC!

Ist schon klar, das ist jetzt für Sie nicht so von Interesse, aber für mich halt.

Also, angenommen, ich hätte da dieses Hobby, und ich hätte jetzt plötzlich eingesehen, daß das ja extrem gesetzwidrig ist, obwohl es absolut niemandem schadet, aber ja, okay, also total gesetzwidrig, und ich hätte mit diesem schrecklichen Gewissenskonflikt nicht mehr leben können und aus eigenem Antrieb meinen kleinen Garten aufgelöst…“

sein Blick schweift einen Moment ab und er schluckt kurz, in Gedanken an die Arbeit von Jahren, die jetzt irgendwo in einem Wäldchen vor sich hingammelt „… und mich vertrauensvoll in die Hände der Starfverfolgungsorgane gegeben, auf dass sie mit mir verfahren, wie es Recht und Gesetz verlangen, wo müsste ich dann unterschreiben?“

Sie hört ihm sehr aufmerksam zu, und wenn David bisher noch Zweifel hatte, worum es ihr wirklich geht, beseitigt die sehr notdürftig unterdrückte Ekstase ihrem Gesicht die jetzt restlos. Sie atmet durch ihren halb offenen Mund, und immer wieder zuckt ein Grinsen um ihre Mundwinkel, die sie dann schnell wieder in eine ernstere verständnisvolle Freund-und-Helfer-Form bringt. Ihre Wangen werden sogar ein bisschen rot.

Sie nimmt einen weiteren großen Schluck Kakao, bevor sie antwortet: „Es gibt dafür natürlich kein fertiges Formular.“ Wieder dieses Kichern. „Am besten ist es, wenn Sie selbst alles aufschreiben. Aber ich kann das natürlich auch für Sie machen, Sie müssen dann nur noch unterschreiben“, fügt sie hastig hinzu.

Ihr Enthusiasmus sorgt nur dafür, dass Davids letzte Energie sich in Luft auflöst. Er merkt plötzlich nur noch, wie unglaublich müde er ist.

„Kriegen Sie eigentlich eine Provision, oder glauben Sie ernsthaft, Sie haben gerade Die Gute Sache einen großen Schritt weitergebracht? Oder gehts um Ruhm und Ehre?“ fragt er resigniert, und eher rhetorisch.

Er lehnt sich zurück.

„Setzen Sie irgendwas auf, und wenn das nicht völliger Bullshit ist, unterschreib ich Ihnen das.“ Er hat das einmal erlebt, als er auf einer Polizeidienststelle einen Fahrraddiebstahl gemeldet hat – der Beamte hatte in höchst zweifelhafter Ortographie einen Erlebnisaufsatz in Ich-Erzähler-Perspektive verfasst, den David dann unterschreiben mußte, und David hatte viel Spaß dabei gehabt. Diesmal stellt er sich die Konsequenzen unerfreulicher vor, aber vielleicht wird ja wenigstens der Vorgang an sich ähnlich unterhaltsam. Die Art von unangenehmem Erlebnis, die man hinterher wenigstens als Anekdote benutzen kann.

Oder wenn nicht, ist es ihm an diesem Punkt auch egal.

„Ja… Ja gut, das mach ich.“

Sie nickt, beinahe ein bisschen zögerlich, und zieht einen Notizblock aus einer Tasche. Gerade als sie ihn aufklappt und ihren Kugelschreiber klickt, hört David, wie sich hinter ihm die Tür öffnet. Ihr Partner von gestern Abend, der übergewichtige Polizist mit den müden Augen, kommt herein, und sie wendet ihr Gesicht schräg nach unten ab von der Tür, als bestünde Hoffnung, dass ihm die uniformierte schwarzhaarige Frau mit dem Schlagstock nicht auffällt. Er geht zu dem Tisch, den David mit ihr teilt, und sie sieht zu ihrem Partner auf und zwingt ein Lächeln auf ihr Gesicht.

„Es passt gerade nicht so gut“, sagt sie, „Wir besprechen hier gerade etwas Wichtiges -“

„Chris“, unterbricht er sie, „Tut mir leid, aber das müsst ihr ein ander Mal weiter machen. Wir haben einen Notruf reinbekommen. Mehrere, eigentlich. Wir müssen los.“

„Aber ich hab – hat das nicht fünf Minuten Zeit?“ fragt sie aufgebracht.

Alle Gespräche um sie herum sind verstummt. In dem Café ist niemand mehr, der nicht mehr oder minder offensichtlich zu David und den beiden Beamten starrt.

Mit einem müden Stöhnen lehnt der Polizist sich zu ihr herab und raunt etwas in ihr Ohr. Sie hört mit zusammengezogenen Augenbrauen und schmalen Lippen zu und zischt etwas zurück. Er murmelt wieder etwas. David meint, das Wort „versprochen“ aufzuschnappen, ist sich aber nicht sicher.

Sie wirft ihm einen teils sehnsüchtigen, teils verbitterten Blick zu, seufzt und steht auf. Ihr Partner legt eine Hand auf die ihre ihm abgewandte Schulter. Er umarmt sie nicht direkt. Es ist mehr, als wollte er sie führen.

Sie bleibt kurz vor David stehen und öffnet und schließt ihren Mund ein paar Mal.

„Das tut mir jetzt leid für Sie“, sagt sie schließlich leise und kraftlos, schüttelt den Kopf und wendet sich ab. Die beiden verlassen das Café.

Cléo steht an Davids Tisch, als die Tür sich noch nicht ganz hinter ihnen geschlossen hat.

„Was. War. DAS denn?“

David starrt den beiden Polizisten hinterher. Er weiß nichtmal, ob er jetzt erleichtert oder besonders besorgt sein soll.

Er schüttelt den Kopf.

„Du, ich hab wirklich. Nicht die geringste Ahnung. Wenn das alles vorbei ist und ich weiß, wie es ausgegangen ist, erzähl ich es Dir, aber im Moment hab ich einfach den Eindruck, die spinnen alle. Und ich auch.

Vielleicht sogar am meisten. Oder als Einziger. Ich weiß es nicht.“

Er setzt sich endlich wieder rüber auf seinen Lieblingsplatz auf der Bank, lehnt sich in die Kissen und bittet Cléo, ihm noch einen Kakao zu bringen, aber diesmal mit einem Schuss Rum. Oder noch besser umgekehrt.

Er möchte friedlich noch ein bisschen hier versumpfen, eh er wieder nach Hause in seine kahle Wohnung muss.

Morgen früh sieht bestimmt alles schon viel klarer und verständlicher aus. Hofft er.

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