wie wir sie kennen, Zug 3 (1)

Ich rechne zwar damit, dass die Züge demnächst etwas zugiger werden. Derzeit sind sie noch identisch mit den Tagen, weshalb die Bezeichnung eigentlich keinen … Naja, ist ja auch egal. Weil sich Zug 3 noch ein bisschen hinziehen wird, veröffentliche ich schon mal den ersten Teil. Wir begrüßen mit Cléo eine neue Mitspielerin und stauen über die dramatische Wendung, die Ninas Teil der Geschichte nimmt. Seht selbst:

David

Die Assistentin des Chefs der Kanzlei ruft gleich morgens bei David an, um ihm im Tonfall völliger Routine mitzuteilen, dass ihm für heute bis auf Weiteres Urlaub erteilt wird, da die Kanzlei aufgrund des hohen Krankenstandes und aufgrund der Empfehlung des Bundesministeriums für Gesundheit geschlossen ist.

David, der wegen eines mittleren Katers (das Rum-Kakao Verhältnis hatte sich im Lauf des gestrigen Abends fast komplett zugunsten des Rums verschoben) nur sehr mühsam und widerwillig aufgestanden war, schleppt sich nach dem Anruf erleichtert wieder ins Bett. Ihm ist ein bisschen schlecht, und er hat Kopfschmerzen, aber er kann trotzdem nicht wieder einschlafen. Seine Wohnung fühlt sich überhaupt nicht wie seine Wohnung an, und ihm ist völlig klar, dass die Sache mit der Polizei noch nicht vorbei ist. Ihm ist aber überhaupt nicht klar, was er machen soll. Da ist immer noch die naheliegende Idee mit dem Anwalt, aber die Vorstellung, daß ihm irgendso ein rausgeputzter Schwätzer wegen seines bisherigen unvernünftigen Verhaltens ins Gewissen redet, lässt seine Übelkeit sofort Oberhand gewinnen.

Er schreibt Vero eine SMS um zu fragen, ob sie sich in der Mittagspause mit ihm treffen möchte. Vero hat erfahrungsgemäß einen guten Einfluss auf ihn und seinen Geisteszustand.

Theo, dessen Futternapf leer ist, nagt energisch an einem der Bettpfosten. Irgendwann rappelt David sich resigniert auf, teilt die kläglichen Inhalte seines Kühlschranks mit Theo, und während sie beide an leicht gummiartigen Karotten knabbern, beschließt er, den überraschenden Urlaub dazu zu nutzen, seine Wohnung umzugestalten. Er bringt sich durch eine kalte Dusche, einen doppelten Espresso und zwei Aspirin in einen halbwegs menschlichen Zustand und fährt in den Baumarkt.

Vero antwortet: ‚Ja, unbedingt! Was gibt’s Neues? Haben die sich noch mal gemeldet? Alles okay?‘

Im Baumarkt kauft er verschiedene Abtönfarben, eine Wandgarderobe, einen neuen Duschvorhang und aus Mitleid einen abgeknickten runtergesetzten Gummibaum. Zuhause ist Theo so begeistert von dem neuen Mitbewohner, daß David den Gummibaum auf die Kommode stellen muß.

David schiebt ein paar Möbel rum legt das Wohnzimmer zum Streichen mit Zeitung aus, und dann ist es auch schon halb eins und er macht sich auf den Weg in die Stadt, wo er sich beim Afghanen mit Vero verabredet hat.

Vero und David haben kaum Platz genommen, als sie schon mit weit aufgerissenen Augen flüstert, so dramatisch, dass man es durch das ganze Restaurant hören könnte, wenn irgendjemand da wäre, um es zu hören:  „Und? Haben sie jetzt deine Wohnung durchsucht? Bist du in Schwierigkeiten? Hast du schon einen Anwalt?“

David knautscht an seiner Serviette rum. Er sagt leise und konzentriert „Nein. Ja. Nein.“ und lacht verlegen.

„Nein, im Ernst, durchsucht haben sie noch nichts. Aber. Sie haben wohl das Zeug gefunden. Zumindest hat mir das die Polizistin erzählt, die ist nämlich gestern Abend nochmal bei mir vorbeigekommen, um mir das mitzuteilen und mich dazu zu überreden, alles irgendwie zuzugeben und so. Das war ganz komisch, sehr inoffiziell und sie sah so ein bisschen mitgenommen aus, und es war ihr offensichtlich ziemlich wichtig.

Wahrscheinlich hätt ich das sogar gemacht; ich war ziemlich fertig und wollte eigentlich nur, dass alles möglichst schnell über die Bühne geht und so…“ David lehnt sich schüchtern ein bisschen zurück, damit Vero Platz zum facepalmen hat, falls sie das möchte „…ja, ich weiß, aber sie hat das echt nett rübergebracht, und ich dachte, mein Gott, wenn die das Zeug eh gefunden haben… also jedenfalls wollte ich das grade unterschreiben, da kam ihr Kollege rein – wir waren bei Cléo – und hat sie weggeholt. So richtig hab ich das nicht verstanden.“

Der Facepalm bleibt aus; Vero hört ihm aufmerksam und geradezu atemlos gespannt zu, und sieht ihn nach Ende der Geschichte erwartungsvoll an. Einige marginal peinliche Sekunden vergehen, bevor sie endlich begreift, dass David nichts mehr zu erzählen hat.

„Wie?“ fragt sie, „Ich begreif das jetzt nicht. Du hast alles zugegeben, und dann kam aber ein anderer Polizist und hat sie … wie ‚weggeholt‘? Festgenommen? David, hast du schon mit ’nem Anwalt über die Sache gesprochen? Du arbeitest doch sogar für welche, oder nicht?“

Endlich erscheint ein Kellner. Er sieht sehr mitgenommen aus, fragt mit belegter Stimme: „Guten Tag, was darf ich ihnen bringen?“ und hustet leise in seine linke Hand.

David bestellt Auberginencurry mit Reis und antwortet Vero „Ja, echt, ich versteh das auch nicht, aber so war das. Ich glaub nicht, daß er sie festgenommen hat, und es war auch grenzwertig – er hat schon versucht, den Eindruck zu erwecken, als müssten sie nur auf einen wichtigen Einsatz oder so, aber es wirkte eben, als ob sie wirklich nicht wollte, und ihre ganze Aktion mit mir vorher war ja auch schon komisch. Obwohl sie fast funktioniert hätte… ich weiß auch nicht, ich kann mich einfach nicht dazu durchringen, einen Anwalt anzurufen. Von denen, die ich aus der Kanzlei kenne, will ich mit keinem was zu tun haben, und das ist ja auch nicht ihr Fachgebiet. Aber was ist denn das überhaupt für ein Fachgebiet, meine Güte? Drogendelikte? Betäubungsmittelgedings? Kampfgärtnern? Ich hab doch echt niemandem was getan!“ Er zerlegt seine Serviette nervös in kleine Stücke.

Vero bestellt beiläufig das Aschak, als wäre das Essen nur eine sehr lästige Nebenbedingung des Gesprächs.

Nach der Erläuterung von David sitzt die noch mal eine Zeit da und denkt nach.

„Okay, aber ich kann mir das immer noch nicht vorstellen. Wieso wolltest du denn alles zugeben, und was genau hat sie dir erzählt, und – hab ich das richtig verstanden, ihr wart bei Cléo? Wie zur Hölle? Und wie meintest du das mit inoffiziell und mitgenommen? Sie hatte aber schon ihre Uniform an, oder wie? Hast du einen Ausweis gesehen?“

David erzählt ihr, so detailliert er sich erinnern kann, nochmal den ganzen Ablauf von gestern abend – vom Vorschlag der Polizistin, Kakao trinken zu gehen, über den fehlenden Knopf bis hin zu ihrem seltsamen Abgang.

„Einen Ausweis hab ich nicht gesehen, aber ich kannte sie ja vom Tag vorher! Andererseits, jetzt wo ich nachdenke – ich hatte mir auch gestern keine Dokumente zeigen lassen…

Ich kann das alles überhaupt nicht einordnen – war die erste Aktion ein Bluff, damit ich das Zeug aus der Wohnung schaffe, sodass sie drankommen?

Oder blufft sie, wenn sie sagt, sie hätten es gefunden?

Aber weißt Du, eigentlich ist es mir egal; daß es illegal ist, wusste ich, und dass es rausgekommen ist, ist dann eben Pech.

Ich hab nur keine Lust auf jahrelange Bürokratieschlachten; ich hätte ihr wahrscheinlich auch meine Seele verkauft und mit meinem Blut unterschrieben, wenn sie mir glaubhaft gemacht hätte, dass ich das Ganze dadurch abkürzen kann…“

Sie nickt nachdenklich.

„Aber weißt du, mir wär’s schon lieber, wenn du nicht ganz so lange in den Knast gehen würdest. Kannst du vielleicht nächstes Mal wenigstens mich anrufen, bevor du denen was unterschreibst? Außerdem …“ Sie schaut mit eng zusammengezogenen Brauen auf die Tischplatte und schüttelt energisch den Kopf. „Irgendwas stimmt doch mit der nicht. So’n Knopf reist ja vielleicht mal ab, und wer weiß, was zwischen den beiden abgeht, aber welche Polizistin geht denn alleine mit nem Verdächtigen Kakao trinken, um …“ Sie hält inne und legt nachdenklich einen Finger auf ihre Unterlippe. „Andererseits auch wieder irgendwie klar“, sagt sie schließlich. „Sie hat halt drauf gebaut, dass du ’n Kerl bist, oder? Wahrscheinlich war der Knopf auch nicht zufällig ab… Und du bist sicher, dass es dir nur darum ging, das Verfahren zu vereinfachen?“

Der Kellner kommt und bringt das Essen, David bekommt zwar sein Auberginencurry, aber Veros Essen sieht gar nicht nach Aschak aus. Als sie nachfragt, entschuldigt der Kellner sich umständlich und sieht aus, als würde er gleich in Tränen ausbrechen oder den Kopf seines erstgeborenen Kindes als Entschuldigung anbieten, aber Vero versichert ihm – glaubhaft, denn David weiß aus Erfahrung, dass sie da flexibel ist – dass sie ihr Narendji Palau gerne behält und überhaupt nicht böse ist. Er zieht schließlich halbwegs getröstet ab, nachdem er ihr noch ein kostenloses Dessert und einen Tee versprochen hat.

„Also versprichst du, solchen Quatsch nicht noch mal zu machen? Ich hab keinen Bock, mich jedesmal abtasten zu lassen, wenn ich dich besuchen will.“

David lacht.

„Ja, das mit dem Knopf hat seine Wirkung nicht verfehlt, klar, und ich fand sie auch sonst sehr… sympathisch, aber sie wirkte auch sonst ein bisschen lädiert, also,  wenn ich gezielt einen auf sexy machen wollte, hätte ich das an ihrer Stelle anders angefangen.

Was würdest Du denn jetzt machen? Wenn ich mich jetzt stur stelle, ändert das ja auch nichts an den Fakten, irgendwann hauen sie mir das dann dafür richtig um die Ohren. Ich werd die ja jetzt nicht mehr los, wenn die einmal Blut geleckt haben?“

Er wendet seine Aufmerksamkeit seinen Auberginen zu. „Willst du probieren? Sehr lecker. Ist Dein Essen okay? So richtig fit sind die hier heute ja auch nicht.“

Vero grinst. „Hast du gesehen, welche Farbe ihr BH hatte? Ich frag mich immer, was die Revolvermänner für Unterwäsche tragen unter ihren Uniformen. Ähm… Was du machen sollst?  Nimm dir nen Anwalt, wenn du mich fragst. Ehrlich. Aber wenn du partout nicht willst, ich glaub, gar nichts. Ehrlich jetzt: Wenn die was in der Hand hätte, glaubst du, dann würd sie noch nett fragen und bitten? Ich glaub, die ist einfach verzweifelt. Ja, gerne, gib mal ne Gabel rüber. Meins ist toll. Bin total froh, dass er mir das gebracht hat. Du auch mal?“

David weist mit gespielter Empörung (und leichtem Bedauern) jegliches Wissen über Polizeiunterwäsche zurück. Er probiert Veros Gericht und drückt Begeisterung und moderaten Neid aus, dann gabelt er wieder nachdenklich, aber nicht unzufrieden in seinen Auberginen herum.

„Ich glaube, darauf wirds rauslaufen. Ich mache das, was ich am besten kann und stelle mich erstmal tot. Du hast schon recht, wenn die was in der Hand hätten… ich bin ja echt gespannt, wie das ausgeht. Und ich werd mir wohl ein neues Hobby suchen müssen. Aber erstmal muß ich es zuhause ein bißchen netter machen – heute nachmittag streich ich mein Wohnzimmer neu.“

„Ich würd dir helfen, aber ich muss leider gleich noch arbeiten. Vielleicht fragst du deine neue Freundin mal …?“

David streckt ihr die Zunge raus.

„Komisch, das mit ihrem BH lässt mich jetzt nicht mehr los. Glaubst du, sie hat so einen ganz pragmatisches Sport-Dings, oder ist sie eher der Typ für rote Spitze, oder – nein! Ich weiß! Ich wette, sie hat einen mit Snoopy und Woodstock drauf!“

Vero kichert noch eine Weile zufrieden in sich hinein, bevor sie auf die Uhr schaut und sich auf die Suche nach dem Kellner macht.

„Ich lad dich ein“, sagt sie, „Du hast schon genug Ärger, du brauchst nicht noch ne Rechnung oben drauf. Alles Gute, und nicht vergessen: Ruf an, bevor du was Dummes tust, okay?“

David versucht einen Moment lang, etwas Sinnvolles auf ihre Überlegungen zu antworten, aber es gelingt ihm nicht wirklich – die Bilder, die er sich von den verschiedenen BH-Varianten macht, lenken ihn von jeder sinnvollen Abwägung ab. Er kichert ein bisschen verlegen mit ihr mit, versichert ihr dann, sie fernmündlich an seinen zukünftigen Dummheiten teilhaben zu lassen, dankt ihr für die Einladung und macht sich wieder auf den Weg nach Hause.

Seine Stimmung hat sich in der Tat deutlich gebessert.

Zu Hause erwartet David immer noch kein Mobiles Einsatzkommando, sondern abermals nur seine leere Wohnung, und Theo. Allerdings sieht er ein (leeres) Einsatzfahrzeug der Polizei zwei Häuser weiter am Straßenrand geparkt.

Er ist unschlüssig, wie er das deuten soll; sein Adrenalinhaushalt scheint aber eine klare Vorstellung zu haben – nach zehn Minuten fällt ihm auf, daß er eigentlich nur hektisch zwischen dem Fenster zur Straße und dem Türspion hin- und herläuft und sich noch nicht einmal die Jacke ausgezogen hat.

Er kocht sich einen Kamillentee, wird aber ungeduldig, während der noch zieht, und gießt sich ein Glas Rotwein ein. Dann setzt er sich mit Theo aufs Sofa, aber statt daß das Kaninchenstreicheln David beruhigt, überträgt sich seine Unruhe auf Theo, der hektisch scharrend auf dem Sofa rumwuselt. David steht resigniert auf und zieht sich um und wendet sich seinen Malerarbeiten zu.

David kann nach Herzenslust malern, denn niemand klopft und niemand stört, von einer SMS von Vero abgesehen: ‚War sie schon wieder da? Und würdest du sagen, sie ist eher eine B, oder mehr C? :P‘

David antwortet „nein, war noch nichts, aber ein polizeiauto in der straße?! woher soll ich denn die größe wissen, ich hab doch gar nicht genau hinge- okaywhoamikidding, ich denk c. warum? willst du ihre nummer?“

David verbringt die nächsten zwei Stunden damit, zu lernen, daß ‚Blattgrün‘ nichts ist, mit dem er sich großflächig umgeben möchte, und daß mit Blattgrün abgetöntes Weiß ihn ihm nicht etwa zarte Assoziationen von Pflanzen weckt, sondern heftige Assoziationen von Krankenhaus.

Irgendwann unterbricht er resigniert und beschließt, sich mit einem Kakao trösten zu gehen. Vielleicht kennt Cléo sich ja besser mit Innendesign aus als er. Er wirft sich einen Kapuzenpulli über und setzt kurzentschlossen Theo in die Bauchtasche – er macht sich ein bißchen Sorgen, ihn so lange in den frischen Farbausdünstungen sitzen zu lassen

– und geht rüber zu Cléos.

Vera

Am nächsten Tag kann auch Vera trotz ihrer Gleichgültigkeit gegenüber anderen Menschen nicht übersehen, wie wenig Verkehr zu dieser Zeit herrscht, zu der normalerweise die Straßen verstopft und auch die Bürgersteige spürbar übervölkert sind. Im Büro fehlen zwar heute noch mehr Kollegen – Eva hat sich auch krank gemeldet, und sogar Ralf ist anscheinend nicht da -, aber dafür herrscht von Seiten der Kunden auch ziemliche Ruhe. Die Telefone schweigen fast die ganze Zeit, und so kann sie sich fast uneingeschränkt auf die Vorbereitung ihrer Abwesenheit und die Abarbeitung von älteren Aufgaben geringer Priorität widmen. Die einzige Unterbrechung ist der Versuch von Pierre Buttner, einem sehr gutaussehenden Kollegen aus der Rechtsabteilung, über diese Grippeepidemie zu sprechen, die anscheinend nicht nur ganz Deutschland zur Hälfte lahmlegt, sondern weltweit grassiert.

Jeden anderen würde Vera abwimmeln, Pierre ist ein Sonderfall. Zwar kann sie nicht sonderlich gut mit Menschen, trotzdem ist sie aber optischen Reizen nicht abgeneigt – und er sieht wirklich verboten gut aus. Was sie sich aber natürlich nie würde anmerken lassen, zumindest nicht absichtlich. Aber ihm gegenüber benimmt sie sich etwas zugänglicher als sonst bei ihr üblich, was sich daran zeigt, dass sie seine Anwesenheit sofort zu Kenntnis nimmt, als er die Teeküche betritt, während sie sich gerade Wasser holt. Wobei es natürlich nicht so ist, dass sie ihn von sich aus anspricht, das ginge zu weit.

„Ach, hallo Vera, du auch hier.“ Er lacht, seinem Gesichtsausdruck nach weniger über den Spruch an sich, als über seine eigene Einfallslosigkeit. Ist fast egal, denn Vera hört ihm einfach gerne zu. Er hat eine dunkle, angenehm ruhige Stimme. „Wir scheinen zu den wenigen Glücklichen zu gehören. Hast du von den Krawallen in Madrid gehört? Da war wohl richtig was los, Tote und verletzte, und in Asien siehts wohl auch schrecklich aus. Glaubst du, das ist natürlich, oder ist das jetzt der Bioterrorismus, vor dem das Fernsehen uns seit Jahren warnt?“

Vera ist verwirrt. Diese Begegnung kam zu plötzlich. Sie hält sich an ihrem Glas fest und mustert Pierre betont unauffällig, während sie nach einer Erwiderung sucht. „Ich sehe nicht oft fern, ich hab nichts davon mitgekriegt.“ Um etwas Zeit zu gewinnen, trinkt sie einen großen Schluck und nimmt sich am Wasserspender nach. „Wieso Bioterrorismus? Ist das eine neue Verschwörungstherorie?  Ich hab nur von Sommergrippe gehört.“ Sie lehnt sich gegen die Spüle, scheinbar ganz auf das Glas in ihrer Hand konzentriert.

„Ganz schön aggressive Sommergrippe, oder?“ fragt er, aber eher nachdenklich als im sonst für Verschwörungstheoretiker üblichen vorwurfsvoll-aggressiven Ton. „Ich bin ja kein Biologe, oder wer halt sowas erforscht, aber ich hab vorhin in den Nachrichten gehört, dass die schätzen, dass jetzt schon sechzig Prozent der Bevölkerung infiziert sind, oder so. Immerhin sieht’s bisher harmlos aus. Müssen wir nur hoffen, dass bald alle wieder gesund werden, damit nicht die ganze Arbeit an uns hängen bleibt, was? Obwohl’s ja schon irgendwie auch angenehm ist jetzt, so ruhig hier. Von mir aus können wir noch eine Weile unter uns bleiben.“

Vera wagt ein zaghaftes Lächeln. „Ja, ist ziemlich leer hier, das stimmt. 60 %? Das ist wirklich ungewöhnlich.“ Vera geht noch einmal zum Wasserspender. Sie möchte das Gespräch nicht sofort wieder abbrechen, wie sonst immer. Aber was soll sie nur sagen?
„An mir wird nicht viel Arbeit hänge bleiben.“ greift sie schließlich Pierres Bemerkung auf. „Ich soll nächste Woche zur Schulung. Zusammen mit Eva, aber die scheint jetzt auch krank zu sein.“ Die Tickets! fällt ihr siedend heiß ein. „Und Ralf ist auch nicht da – und wir haben noch gar keine Unterlagen bekommen. Ich frag mich, wer dafür jetzt zuständig ist.“

Pierre lacht leise.

„Mit Eva? Das tut mir leid. Ich würd dir da gern helfen, aber ich kenn niemanden, der mit verschreibungspflichtigen Narkotika dealt. Vielleicht helfen Oropax, wenn du welche mit spezieller Hochfrequenzabschirmung kaufst?“

Wegen der Tickets sagt er, dass er nachher sowieso noch zu Herrn Botner muss und ihn danach fragen kann, „Aber ich glaub, deine Chancen stehen vielleicht sogar gut, dass das gar nichts wird. Vorhin haben sie was davon gesagt, dass viele Flüge gestrichen wurden wegen der Geschichte.“

Jetzt kann sich Vera ein Grinsen nicht verkeifen. Die Unterhaltung läuft ja besser als erwartet.
„Wie ich den Einkauf kenne, buchen die uns auf die Bahn um. Ist ja egal, wie lange das dann dauert.“ Ein leises Glucksen entfährt ihr.
„Das fände ich eigentlich sogar gut. Dann müsste ich nicht noch das ganze Wochenende dranhängen, nur um Kosten zu sparen.“

Er zuckt die Schultern.

„Ich fahr eigentlich auch lieber mit der Bahn. Da muss ich mich wenigstens nicht halb ausziehen, bevor ich einsteige, und mich von irgendwem befummeln lassen. Und wenn ich zu spät komme, kann ich einfach den nächsten Zug nehmen. Und ich muss nicht ein Dutzend mal meine Koffer wiegen, bis … Tschuldigung. Übers Fliegen schimpfen ist so ein Hobby von mir.“

Er lächelt verlegen.

Veras Gedanken geraten auf Abwege. Sie hat die Flughafenszene gleich plastisch vor Augen – und die Bilder sind nicht so schnell wieder loszuwerden. Röte steigt ihr ins Gesicht und das Glas in ihrer Hand wird plötzlich wieder über alle Maßen interessant.

„Ja, ich – also – ich fliege auch nicht gern, wirklich nicht.“ stammelt sie.

Er will sich gerade lächelnd abwenden, hält dann aber inne, als er ihr Gesicht sieht, kommt näher und legt vorsichtig eine Hand auf ihre Schulter.

„Alles in Ordnung, Vera? Wenn du dich doch nicht so gut fühlst, solltest du vielleicht doch lieber … Ich mein, nicht, dass ich dich los werden will, aber vorhin haben sie sogar im Radio gesagt, dass die Regierung alle auffordert, zu Hause zu bleiben, wenn sie nichts Dringendes zu tun haben, um die Infektionsgefahr zu minimieren.“

„Schon okay. Mir gehts gut.“ Vera dreht sich weg und ist erstmal sehr damit beschäftigt, ihr Glas in die Spülmaschine zu räumen, ehe sie fast fluchtartig den Raum verlässt. „Ich muss jetzt weitermachen. “
In der Tür wendet sie sich noch einmal halb um. „Sagst du mir Bescheid, wenn du was rauskriegst wegen der Schulung?“ fragt sie über die Schulter.

Er sieht ihr verwirrt nach, und ein bisschen betroffen, als sei er sich nicht ganz sicher, ob er sich gerade daneben benommen hat und um Entschuldigung bitten sollte, entscheidet sich aber letzten Endes für ein kurzes: „Klar, mach ich.“

Anschließend kommt Vera mit ihrer Arbeit nicht mehr so gut voran. Immer wieder kehren ihre Gedanken zu dem kurzen Gespräch in der Teeküche zurück. Sie ertappt sich dabei, minutenlang den Bildschirm anzustarren. ‚Reiß dich zusammen‘, fährt sie sich schließlich selbst an. Da war nix. Jetzt geht erstmal die Schulung vor.

Allmählich wird sie unruhig, weil sie immer noch keine endgültige Info hat, was denn nun eigentlich Sache ist. Es sind schon wieder zwei Stunden rum. Pierre hat sich noch nicht gemeldet, und so setzt sie sich per Mail mit Frau Hofmann aus der Einkaufsabteilung in Verbindung. Soweit sie sich erinnert, war die früher auch meist für solche Sachen zuständig. Und sie hat Glück. Frau Hofmann gehört zu den wenigen Kolleginnen, die immer noch die Stellung halten, und sie weiß tatsächlich Bescheid. „Die Schulung ist längst gecancelt, die Grippewelle hat auch Walldorf erreicht, die SAP-Zentrale ist lahmgelegt. Ihr Abteilungsleiter ist schon seit gestern informiert.“ schreibt Frau Hofmann. Vera bedankt sich und behält den Gedanken ‚Das ist ja mal wieder typisch Ralf‘ vorsichtshalber für sich.

Eine Welle der Erleichterung durchströmt Vera – aber es ist auch eine Spur Enttäuschung dabei. So ein ganz kleines bisschen hatte sie sich doch auf die kommende Woche gefreut, merkt sie jetzt. Dann überlegt sie, wie sie die unverhofft gewonnene Freizeit nutzen könnte. Sie beschließt, den Heimweg etwas auszudehnen. Da war doch so ein nettes Café, etwas abgelegen. Hervorragende heiße Schokolade gab es da, das weiß sie noch von ihrem letzten Besuch. Und genau danach steht ihr jetzt der Sinn.

Cléo

Cléos Arbeitstag beginnt ohne Auffälligkeiten, wenn auch ausgesprochen ruhig. (Ich nehme jetzt mal an, dass sie auch Frühstück anbietet, ansonsten ist daran natürlich auch nichts Ungewöhnliches.) Sie stellt die Stühle von den Tischen, bereitet die Speisen vor, initialisiert die große Kaffeemaschine, stellt die Tafel mit den aktuellen Spezialitäten vor die Tür … und wartet. Aber eine ganze Stunde lang kommt niemand, und ihr erster Kunde ist dann nicht einmal ein richtiger, sondern der übergewichtige Uniformierte mit den Augenringen von gestern. Er sieht heute noch müder aus als gestern Abend und stützt sich schwer auf den Tresen, während er sagt:

„Morgen. Ich weiß, das ist jetzt eine ungewöhnliche Frage, aber andererseits sind Sie womöglich schon erleichtert, dass ich weder schlechte Nachrichten noch Anschuldigungen bringe: Würde es Ihnen etwas ausmachen, mir möglichst genau zu erzählen, was gestern zwischen meiner Kollegin und dieser langhaarigen Bohnenstange passiert ist, bevor ich reingekommen bin?“

Er spricht mit gedämpfter Stimme, als wäre jemand anwesend, der sie belauschen könnte.

Cléo notiert sich im Geiste, David bei seinem nächsten Besuch ordentlich auszuquetschen. Dass der Polizist allerdings nicht einmal den Anstand hat, sich pro forma eine Tasse Kaffee zu bestellen – zumal er aussieht, als könnte er eine oder auch gleich mehrere gut gebrauchen – ärgert sie an diesem ungewöhnlich ruhigen Morgen allerdings schon ein bisschen. Oder wird er so schlecht bezahlt bei seinem Job, dass das gar nicht drin ist? Sie zuckt mit den Schultern. „Wissen Sie was, ich habe keine Ahnung. An dem Abend war ganz schön viel los hier. Vielleicht hatten die zwei ja ein Date.“

Er verzieht sein Gesicht und erwidert ihr Schulterzucken.

„Schade“, murmelt er. „‘n Date war’s nämlich bestimmt nicht, schön wär’s. Dann verzeihen Sie bitte die Störung, und ‘nen schönen Tag noch. Ruhig wird’s ja zumindest ziemlich sicher werden.“

Er schlurft aus dem Café, und bis Mittag hat Cléo nur zwei Gäste, von denen einer hundeelend aussieht und in einem Fort niest und hustet, der zweite einen recht lebendigen Eindruck macht, aber leider nur einen Tee bestellt, eine halbe Stunde unter minütlichen Blicken auf seine Uhr wartet, und dann wieder verschwindet. Immerhin bestellt der Nieser und Huster ein großes Frühstück und hinterlässt ein veritables Trinkgeld, trotzdem sieht es nicht so aus, als würde das ein besonders profitabler Tag werden.

Nachdem sie die Theke geputzt, die Zapfanlage zum Glänzen gebracht, sämtliche Flaschen sortiert und an den Tischen Salz und Pfeffer wiederaufgefüllt hat, überfällt Cléo endgültig lähmende Langeweile. Ich könnte ein Buch lesen, denkt sie. Oder mal wieder Zeitung. Oder meine Steuererklärung machen. Oder die Essigflaschen umhäkeln. Oder… Entspann dich, ermahnt sie sich selbst. Genieß den quasi-freien Tag, du wolltest einen Job, wo es auch mal ruhiger zugeht. Ihr blick schweift über die Einrichtung des Cafés. Mit den Sitzecken ist sie soweit ganz zufrieden, aber das Ganze könnte ihrer Meinung noch mehr Farbe vertragen. Mehr bunte, nicht zusammenpassende Kissen zum Beispiel, oder ein paar Vorhänge. Vielleicht noch ein Sofa, hinten am Fenster, mit Bezug? Sie sucht sich in der Abstellkammer Papier und Stifte zusammen. Wenn schon heute niemand da ist, kann sie wenigstens in Ruhe ein paar Pläne schmieden. Cléo schaltet das Uralt-Radio an der Theke ein, und während im Hintergrund Musik dudelt, kritzelt sie Schnittvorlagen und Muster vor sich hin und richtet im Geiste das Café ein wenig um.

Im Radio laufen zurzeit neben der gelegentlichen Musik vor allem diverse Sondersendungen zur Grippe-Pandemie, die von den Sprechern natürlich verpackt wird, als stünde der Weltuntergang unmittelbar bevor. Diverse Experten dürfen erklären, wie gefährlich so eine echte Pandemie ist, und wie wehrlos unsere eng vernetzte Welt ihr ausgeliefert ist, blahfasel, Aufstände hier, Plünderungen da, in den USA wurde in einigen Bundesstaaten der Notstand verhängt, snafu.

Als gerade eine Expertenrunde darüber diskutiert, wie die Bundesregierung auf die Situation reagieren sollte (von „Kriegsrecht“ über „Kurzarbeit“ bis hin zu „Ignorieren“ ist alles dabei), öffnet die Tür sich wieder. Cléos erwartungsvolles Lächeln dämpft sich merklich, als sie die junge hübshce Polizistin mit den kurzen schwarzen Haaren von gestern wieder erkennt. Sie trägt nun wieder ein Hemd mit allen Knöpfen, aber der auffällige Kratzer am Kinn ist noch da, ihre Frisur wirkt ziemlich zerzaust, und die Hose weist auf dem rechten Oberschenkel einen dunklen Fleck auf, der auf dem dunkelblauen Stoff zwar nicht besonders auffällt, je nach Beleuchtung aber doch gut zu sehen ist.

Die junge Frau begrüßt Cléo und beginnt sofort von dem Kakao zu schwärmen, den sie gestern hatte, wie ein freundlicher Wasserfall. Sie bestellt noch so einen, und ein Stück Kuchen, und nachdem sie es bekommen hat, redet sie minutenlang darüber, wie wunderbar das alles schmeckt und wie sehr es sie an ihre Kindheit erinnert, und dass sie gar nicht mehr wusste, wie gut so ein Becker Kakao mit Sahne tun kann.

„Tun Sie da irgendwas Besonderes rein?“ fragt sie, „Zimt vielleicht, Koriander, irgendwas Weihnachtliches? Oder erinnert mich das einfach nur an Weihnachten, weil wir im Winter auch immer so tollen Kakao mit Sahne von unserer Mutter bekommen haben?“

Sie schaut schmunzelnd versonnen auf ihre Hände auf dem Tresen hinab, bevor sie ihre blauen Augen wieder zu Cléo hebt.

„Tut mir leid“, sagt sie mit einem beschämten Lachen, „Wahrscheinlich gehe ich Ihnen gerade total auf den Geist.“

Nachdem Cléo das entrüstet von sich gewiesen hat, nickt sie freundlich.

„Danke.“

Sie trinkt den letzten Schluck Kakao, steht halb auf und zieht ihr Portemonnaie aus einer Tasche.

Und dann fügt sie, als wäre es ihr gerade eben noch eingefallen, hinzu: „Ach, war eigentlich mein Kollege heute früh noch hier? Der von gestern, wissen Sie noch?“

„Ihr Kollege von gestern war heute früh hier“, bestätigt Cléo. „Macht 4,70 €. Ist das so eine Art ´Stille Post´, was Sie beide da spielen?“

„Wieso?“ Fragt die junge schwarzhaarige Polizistin, und sieht dabei kein bisschen besorgt aus. Sie lächelt einfach nur verwirrt, als verstünde sie nicht, was Cléo meint, wäre sich aber ganz sicher, dass die Auflösung des Ganzen bestimmt sehr lustig wird. „Was hat er denn gesagt?“
Sie legt einen Fünf-Euro-Schein und eine Ein-Euro-Münze auf den Tresen.
„Stimmt so“, murmelt sie beiläufig.

„Dankesehr“. Die Polizistin mit ihrem Dauerlächeln fängt allmählich an, Cléo etwas unheimlich zu werden. „Naja, ihr Kollege war heute morgen hier und wollte wissen, was Sie gestern mit Da-, also, mit Herrn Herrnstadt zu besprechen hatten. Ich wundere mich ja nur ein bisschen, warum Sie und Ihr Kollege so aneinander vorbei… also, ich will Ihnen da natürlich nicht zu nahe treten.“ Cléo setzt ihr strahlendstes Lächeln auf, dass sie sonst für unzufriedene Kunden reserviert hat. Sie würde wirklich gern fragen, was zur Hecke die Polizei eigentlich von David will, aber als sie das Gesicht ihrer Gesprächspartnerin sieht, lässt sie es lieber bleiben.

„Oh, keine Sorge!“ Sie kichert verlegen. „Ich kann mir gut vorstellen, wie das für Sie aussehen muss, käme mir an Ihrer Stelle auch total albern vor. Aber Sie wissen ja, wie schwierig das manchmal ist mit der Kommunikation. Ist mir ja auch peinlich, aber wissen Sie vielleicht noch, was Sie ihm gesagt haben?“
Sie sieht Cléo sehr erwartungsvoll an, und ihr eigentlich nach wie vor sehr offenes und freundliches Lächeln friert mit jedem Augenblick, den sie auf die Antwort wartet, ein bisschen mehr ein.

Cléo spürt, wie ihr eigenes Lächeln mitzugefrieren droht. Ihr wäre das Ganze megapeinlich. Kommunikationsprobleme, na klar, denkt sie. „Ich hab ihm nur gesagt, dass ich gestern nichts von Ihrem Gespräch mitbekommen habe, weil ich echt viel zu tun hatte. Möchten Sie ihm vielleicht einen Brief dalassen?“ Verdammt, das ist ihr jetzt einfach rausgerutscht.

Sie lacht, ganz aufrichtig, als fände sie den Spruch tatsächlich lustig.

„Brief dalassen“, wiederholt sie mit einem breiten Grinsen, „Nette Idee. Und verdient hab ichs ja irgendwie wirklich. Muss für Sie alles total komisch rüberkommen.“ Sie zuckt die Schultern, immer noch lächelnd, als wäre ihr das Ganze zwar schon ein bisschen unangenehm, andererseits aber auch gerade deshalb eine nette absurde Geschichte, die sie sich schon freut, mal jemandem zu erzählen. „Danke jedenfalls für Ihre Geduld mit mir, und den tollen Kakao. Sie haben hier echt ein tolles Café, ich werds weiter empfehlen. Schönen Tag noch, machen Sie’s gut!“

Sie winkt noch beim Rausgehen, und zwinkert Cléo zu, als würde sie das alles selbst nicht so richtig ernst nehmen. Aber Cléo hat doch mitbekommen, dass die junge Polizistin für einen Moment sehr, sehr erleichtert aussah, als sie sagte, dass sie nichts gehört hat.

„Und übrigens, es ist Piment!“, ruft Cléo ihr halbherzig hinterher, aber die Tür fällt gerade ins Schloss. „Zimt“, schnaubt sie dann. „Zimt!“ Wüsste sie, wo David wohnt, würde sie wahrscheinlich stante pede hinspazieren und ihn ausquetschen, was er mit diesen konfusen Gesetzeshütern zu schaffen hat. Ob das so gut ist, dass die ihr Café weiterempfehlen… wer weiß, welche Gäste dann aufkreuzen. Andererseits, wenn diese Grippepidemie wirklich so übel sein sollte, und das so weitergeht wie heute, kann sie sich über jeden freuen, der nicht vorm Bezahlen vom Fieber dahingerafft wird. Das Radio bringt schon wieder irgendeine Expertenrunde. [Nehme ich mal an?]. Cléo hat es allmählich satt, in ihrem leeren Café zu sitzen und auf Gäste zu warten, die dann möglicherweise bloß vom Stuhl kippen. Ist eigentlich ihr Erste-Hilfe-Kasten noch auf dem notwendigen Stand? Eine Stunde, beschließt sie. Eine Stunde wartet sie noch, und wenn dann niemand gekommen ist, ist der Nachmittag fast rum und sie kann genauso gut früher zu machen und sich einen freien Abend gönnen.

Nina (mit Fortsetzung von Zug 2)

Nina schnaubt.Am liebsten will sie das Mädchen auf den Mond schiessen, aber gleichzeitig tut sie ihr leid. Sie sieht wirklich so aus, als ob sie das Geld gut gebrauchen könnte. Und es ist eine Genugtuung, wie das Mädchen vor ihr steht und endlich nicht mehr diese aufsässige Art an sich hat. „Von mir aus, aber ein falscher Ton und ich zerre dich eigenhändig an den Haaren bis zur nächsten Straßenecke!“ Nina guckt das Mädchen kurz von oben bis unten an. „Und jetzt geh‘ in die Küche und iss erst mal was, du siehst furchtbar aus.“

Die Babysitterin starrt weiter auf ihre Füße, nur hin und wieder flackert ihr Blick zu Nina hoch. Ein paar Sekunden steht sie so da, bevor sie noch ein bisschen in sich zusammensinkt und ohne ein weiteres Wort in Richtung Küche schlurft.

Nina bleibt mit Ben im Garten zurück und spielt dort mit ihm. Sie genießt diese Stunden maßlos und ist so glücklich wie schon lange nicht mehr.

Schließlich öffnet sich die Tür zur Küche wieder, und die Babysitterin schaut heraus, in einer ähnlichen Haltung wie vorher, den Kopf gesenkt, den Blick von Nina abgewandt. Trotzdem ist nicht zu übersehen, dass ihre Augen gerötet sind. Sie steht ziemlich lange so da, mit halb offenem Mund, bevor sie schließlich hervorpresst:

„Ich … hab jetzt mit Alex seine Hausaufgaben fertig, und … also, normalerweise essen die beiden jetzt. Ist natürlich Ihre Entscheidung, aber wenn Sie wollen, mach ich Abendbrot. Oder … möchten Sie lieber selbst?“

Ihre Stimme hat merkwürdigerweise immer noch diesen leierigen gelangweilten Tonfall, obwohl die unterdrückte Anspannung aus ihrer Körpersprache nur so schreit.

„Mach ruhig“, erwidert Nina, die sich immer noch nicht richtig entschieden hat, ob weiterhin für die Unverschämtheiten böse auf das Mädchen sein soll, oder ob ihre Genugtuung über den Sieg überwiegt.

Nina versucht, einen Blick auf die Pupillen des Mädchens zu werfen. Vielleicht nimmt sie ja Drogen und benimmt sich deshalb so seltsam? Nina überlegt, ob sie unter einem Vorwand den Tisch verlassen soll, um heimlich in der Handtasche des Mädchens herumzuschnüffeln, entscheidet sich dann aber dagegen.

Die Pupillen der Sitterin sehen ganz normal aus, keine auffällig Weitung oder sonstige Unregelmäßigkeit, die auf Betäubungsmittel schließen ließe.

Das Abendessen (Weizentoast und diverse Beläge aus dem Kühlschrank, teilweise an den Rändern schon ein bisschen angetrocknet, aber genießbar.) ist deshalb eine ziemlich ungemütliche Angelegenheit. Die Babysitterin, deren Namen Nina immer noch nicht kennt, sagt die ganze Zeit über kein unnötiges Wort und ist zwar gegenüber Nina gehorsam bist zur Servilität, aber eben auch spürbar hin und her gerissen zwischen Wut, Verachtung und Angst um ihren Job, was Nina wiederum ein schlechtes Gefühl macht, weil sie einerseits findet, dass das Mädchen es verdient hat, andererseits aber (Korrigier mich, wenn das nicht passt.) fühlt sie sich deshalb nun selbst blöd, weil sie sich an Zeiten erinnern kann, als sie selbst ihrem Chef gegenüber so empfand, aber um ein klärendes Gespräch anzubieten, ist sie dann doch wieder zu stolz.

Die beiden Kinder verstehen nicht, was geschieht, und trauen sich nicht zu fragen, warum die Erwachsenen (im weiteren Sinne) so komisch sind. So verhalten sie sich die meiste Zeit auch sehr ruhig und unsicher, und die wenigen Gelegenheiten, bei denen es zu lautstarken Ausbrüchen von guter Laune kommt, sind von so kurzer Dauer, und enden so plötzlich, dass sie die schlechte Stimmung nur noch betonen.

Nach dem Essen steht das Mädchen auf, murmelt „Sie kommen dann ja bestimmt selber klar, ich komm morgen Nachmittag wieder, okay?“ und verlässt das Haus, falls Nina keine Einwände erhebt.

Als Nina ihre Kinder zu Bett bringt, sagt Ben ihr sehr enthusiastisch, dass er sie lieb hat und sich freut, dass sie wieder da ist – was verdächtig danach klingt, als würde er das nun für einen Dauerzustand halten, aber sie bringt es nicht über sich, ihn aufzuklären -, während Alex sie schüchtern fragt, ob sie ein bisschen netter zu Jessi sein könne, denn die sei heute sehr traurig gewesen.

Nina streicht Alex liebevoll über den Kopf und wünscht sich zum hundertsten Mal ein kaltes Bier. Was soll sie nur machen, wenn Walter sich nicht bald meldet?

„Jessi heisst sie also, soso. Und warum war sie heute traurig?“

„Weiß nicht, das wollte sie nicht sagen. Jessica eigentlich, aber sie mag so nicht genannt werden, deswegen machen wir das nur, wenn wir sie ärgern wollen.“

„Ich finde sie…“ Alex guckt Nina an und sie sieht, wie sein linkes Augenlid zuckt. „… eigentlich ganz nett“, sagt Nina mit der letzten Selbstbeherrschung, über die sie noch verfügt. „Und jetzt schlaf gut, mein Schatz.“ Nina küsst Alex auf die Stirn, streicht noch einmal die Bettdecke glatt und steht dann etwas unbeholfen an seiner Zimmertür. „Schläfst du noch mit einem Nachtlicht?“ Alex ist entrüstet. „Mama! Ich bin doch kein Baby mehr!“

Als Nina wieder im Erdgeschoss angekommen ist, beginnt sie damit, systematisch alle Schränke in Küche und Vorratsraum zu durchforsten. Irgendwo muss doch etwas zu trinken sein, nur ein ganz kleiner Schluck für einen Moment der Ruhe. Aber Walter hat nicht einmal Koch-Sherry im Haus. Nina zittert leicht, es ist kalt heute Abend. Aus den Kinderzimmern ist kein Ton zu hören. Nina beschließt, kurz das Haus zu verlassen, um an der 500 Meter entfernten Tankstelleetwas zu trinken und ein paar Zigaretten zu kaufen. Die Kinder werden gar nicht merken, dass sie kurz das Haus verlassen hat.

An der Tankstelle ist kein Mensch außer dem Verkäufer in seiner Aral-Uniform hinter dem Tresen. Seine Nase läuft und er hustet permanent, während er Nina bedient, aber er ist sehr freundlich und hat alles parat, was sie gerne haben möchte. Er weist sie auf ein Sonderangebot für Neptun-Bräu hin, da gibt es gerade zwei Sixpacks zum Preis von einem.

Nina ignoriert den Hinweis auf das Sonderangebot geflissentlich und betrachtet leicht angewidert den Mann hinter dem Verkaufstresen. Sie nimmt sich vor, sich gründlich die Hände zu waschen, sobald sie wieder bei Walter ist. Eine Erkältung ist das nun wirklich das Letzte, was sie jetzt gebrauchen kann. Nina entscheidet sich für ein Six-Pack Alcopops, eine Tüte Chips, ein paar Salzstangen und eine Schachtel Zigaretten und murmelt irgendetwas von unangekündigtem Besuch, der nun bewirtet werden wolle.

Der Verkäufer nickt freundlich und fragt noch, ob Nina vielleicht zwei Mars für einen Euro kaufen möchte, aber als sie auch das ablehnt, kassiert er sie feindlich plaudernd ab und wünscht ihr und ihren Freunden noch einen schönen Abend.
Als sie wieder zu Hause ankommt, findet sie alles ruhig vor, die Kinder schlafen noch, und auch ansonsten scheint niemand ihren Ausflug bemerkt zu haben.

Nina stellt das Sixpack in den Kühlschrank und entnimmt nur eine einzige Flasche. Leise öffnet sie die Terrassentür. Ordentlich stehen die frisch geölten Holzmöbel auf der Terrasse, und Nina bildet sich ein, dass sie einen stillen Vorwurf ausstrahlen, als ob sie den Geist von Walter mit der letzten Lasur aufgenommen hätten. Müde setzt sie sich auf einen der Stühle, öffnet die Flasche und zündet sich eine Zigarette an. Es ist frisch heute Abend und Nina holt sich aus dem Wohnzimmer eine Decke. Zwei Stunden später liegt Nina schlafend auf einer der beiden Liegen, neben ihr stehen sechs leere Flaschen, von denen sie eine als Aschenbecher benutzt hat.

Nina erwacht von einem leisen Klirren, und als sie die Augen öffnet, sieht sie die Babysitterin, die gerade ihre Flaschen einsammelt und ins Haus tragen will. Als das Mädchen bemerkt, dass Nina begonnen hat, sich zu regen, bleibt es stehen und dreht sich halb zu ihr hin, ohne sie wirklich anzusehen.

„Frau Glässler hat mich angerufen“, murmelt sie, „Sie ist krank, und weil die Schule eh ausfällt, bin ich her gekommen. Walter hat gesagt, das wär okay.“

Nina blinzelt verwirrt. Sie braucht eine ganze Weile, bis dass ihr klar wird, wo sie ist und wer dieses seltsame Mädchen ist, das da vor ihr steht und auf sie einredet.

„Wiespätissndas?“ Ihr Mund fühlt sich an wie mit Watte gefüllt und Nina hat entsetzlichen Durst.

„Kurz nach neun“, murmelt das Mädchen.

Mühsam schält Nina sich aus ihrer Decke und geht langsam in die Küche. Während sie nach den Kaffeekapseln für Walters Kaffeemaschine sucht, lässt sie Jessis Worte Revue passieren. Wer ist Frau Glässler? Und wieso ruft sie Jessi an, wenn die Schule ausfällt? Und wieso sagt Walter, das sei ok?

Nina wartet auf den Kaffee, nimmt die Tasse und begibt sich zu Jessi, die ihr noch auf der Terrasse ist. „Schläfst du eigentlich mit meinem Mann?“

Drinnen hört sie den Fernseher, und wie die Kinder sich davor streiten. Es klingt aber nicht so ernst, dass jemand eingreifen müsste; sie können sich nur nicht einigen, ob sie QVC sehen, oder Dexters Labor.

Auf Ninas Frage starrt die Babysitterin sie mit weit offenem Mund an, als hätte sie gerade mächtige Schwingen entfaltet und abgehoben.

„Ob ich …?“ Sie lacht auf, und der Laut klingt so merkwürdig hell, ganz anders als ihre nölige Stimme sonst, dass Nina sich unwillkürlich umsieht, ob er von jemand anderem kommt. „Der könnte mein Vater sein!“ sagt sie, und klingt schon wieder so wie immer. „Außerdem … sind Sie doch gar nicht mehr verheiratet, oder?“

„Als ob das jemals ein ernsthaftes Argument gewesen wäre…“ Nina ist plötzlich furchtbar müde. „Ich fahre jetzt nach Hause, ich fühle mich nicht gut. Du hast ja offenbar alles wunderbar im Griff hier.“ Sie lässt Jessi stehen und sucht im Haus ihre Sachen zusammen. Sie will nur noch hier raus, weg von diesem vermeintlichen Idyll, das in ihr das Bedürfnis weckt, irgend etwas zu zerschlagen; weg von den Kindern, die sie immer ansehen, als

ob sie gerade vom Himmel vor ihre Füße gefallen wäre; weg von allem, was sie daran erinnert, wie es mal gewesen ist.

Jessi steht einfach nur da und guckt hinter ihr her. Aber als Alex mitkriegt, was sie tut, schleicht er vom Fernseher zu ihr rüber und fragt traurig und schüchtern: „Mama, fährst du weg?“

„Ich muss kurz nach Hause. Und was erledigen. Und dann komme ich irgendwann wieder, also wenn ich fertig bin“, sagt Nina und merkt selbst, wie lahm sie klingt. Sie umarmt Alex ein bisschen zu fest und merkt, wie die Tränen in ihr hochsteigen. „Ich hab‘ dich lieb! Und jetzt geh zu deinem Bruder.“

Inzwischen ist Jessi zu ihr ins Haus geschlurft und steht mit nachdenklich vorgeschobener Unterlippe da. Während Alex mit hängendem Kopf tut wie geheißen, nimmt sie einen tiefen Atemzug und sagt mit ihrer trägen nuscheligen Stimme: „Sie können doch jetzt nicht einfach abhauen. Ich muss nachher nach Hause. Sollen die beiden dann über Nacht alleine hier bleiben?“

„Ruf Walter an, ich muss jetzt gehen.Bitte!“ Fast flehend sieht Nina das Mädchen an.

Jessi schaut ratlos zurück.

„Der ist in Frankfurt“, sagt sie. „Was soll der denn machen?“ Sie blinzelt und blickt nachdenklich auf ihre Füße in den ausgetretenenen schwarzen Springerstiefeln. „Können Sie nicht einfach … hier bleiben? Sie müssen ja nix machen, ich kann mich ja um alles kümmern. Von mir aus legen Sie sich ins Bett und kommen nicht mehr raus bis er zurück ist. Einfach nur über Nacht da sein und aufpassen, dass die nicht das Haus anzünden?“

Nina weiß, dass es sinnlos wäre, Jessi ihren aktuellen Zustand zu erklären. Sie versteht ja selber nicht so recht, was heute mit ihr los ist.

„Ich bin bis 14h zurück. Ich muss jetzt wirklich los.“

Auf dem Weg zur U-Bahn kommt Nina an der Tankstelle vom Vorabend vorbei. Es ist gerade wenig Betrieb und an der Kasse steht ein junges Mädchen. Nina kauft zwei Sixpacks Neptun-Bräu und eine Schachtel Zigaretten. Dann macht sie sich auf den Weg nach Hause.

Als sie die Wohnungstür aufschließt, hört sie Geschrei aus der Nachbarwohnung. Offenbar schlägt Klaus offenbar wieder seine Frau. Noch bevor Nina einen Entschluss gefasst hat, ob sie eingreifen soll oder nicht, geht schon die Tür auf und Klaus fällt ihr halb entgegen. Er blutet an der Schläfe und guckt ziemlich verdattert. Hinter ihm sieht Nina seine Frau, die mit einer Mischung aus Wut und Verzweiflung einen langen Schuhanzieher aus Metall in der Hand hält. „Scher‘ dich zum Teufel, du verdammtes Arschloch!“, brüllt sie und knallt die Tür zu. Klaus guckt Nina an, er sieht so harmlos aus, dass sie sich gar nicht vorstellen kann, dass er eben noch auf seine Frau losgegangen ist, und sagt nur:“Die Alte spinnt doch! Kann ich kurz mit zu dir?“ „Macht das unter euch aus, ich kann jetzt nicht“; erwidert Nina nur und betritt ihre Wohnung.

Laut maunzend kommen ihr ihre beiden Katzen entgegen, sie haben Hunger. Nina füttert die beiden und setzt sich, noch in der Jacke, auf das Sofa. Sie will jetzt nicht nachdenken, sie möchte nur noch schlafen und alles um sich herum vergessen. Während im Fernseher eine Reality Soap nach der anderen läuft, trinkt Nina vier Flaschen Neptun-Bräu und schläft dann endlich tief und fest ein

Sie weiß nicht genau, wie lange sie geschlafen hat, bevor sie von ihrem Telefon geweckt wird. Es ist ein Anruf mit unterdrückter Nummer.

Nina tastet orientierungslos nach dem

Hörer. Keine Nummernanzeige. Sie lässt den Hörer neben das Sofa fallen und schläft sofort wieder ein.

Es klingelt noch ein paar Mal, aber Nina ignoriert ihr Telefon.

Als sie schließlich wieder aufwacht, ist es schon kurz nach fünf.

Nina erwacht aus einem intensiven, ziemlich unangenehmen Traum, in dem

es darum ging, dass sie und Walter noch einmal heiraten und gemeinsam mit den Kindern und sechs Hunden in einer großen Villa wohnen. Walter maßregelt Nina, weil sie schon wieder die Hinterlassenschaften der Hunde

nicht sorgfältig genug vom Rasen entfernt hat.

Verwirrt und etwas orientierungslos sitzt Nina auf ihrem Sofa und braucht eine kleine Weile, bis dass sie wieder ganz und gar in der Realität angekommen ist. Irgendwas sollte sie heute noch erledigen. Etwas Wichtiges. Nina braucht erst einmal einen Kaffee und eine Zigarette. Plötzlich fällt es ihr wieder ein: die Kinder! Jessi! Hektisch sucht Nina nach ihrem Telefon und findet es schließlich neben dem Sofa. Sie wählt Walters Nummer und wartet auf das gelangweilt klingende ‚Hallo‘ von Jessi am anderen Ende der Leitung. Sie nimmt sich vor, unbedingt Walter anzurufen. Das kann so nicht tagelang weitergehen.

„Ja?“

„Nina hier, wie sieht’s aus? Hat Walter sich mittlerweile mal gemeldet?“

„Ähm, naja, ja…“ sagte Jessi. „Also, ich hab mit ihm gesprochen, weil ich nicht wusste, was ich machen sollte, und er hat wohl dann versucht, Sie anzurufen…“

„Wann ist er wieder Zuhause?“

„Eigentlich wohl frühestens morgen, aber er hat gesagt, wenn Sie sich nicht mehr melden, muss er eben heute noch. Wollen Sie ihn vielleicht direkt fragen?“

„Direkt fragen? Wo ist er denn gerade?“

Sie stöhnt.

„Na ich mein telefonisch. In Frankfurt halt. Dass Sie ihn anrufen.“

Nina hat keine Lust, weder auf eine Fortsetzung dieses Telefonates, noch auf ein Gespräch mit Walter. Sie weiß nicht, was Jessi Walter alles erzählt hat. „Nicht nötig, ich komme jetzt rüber.“

„Ja, aber können Sie ihm das vielleicht auch sagen? Er findet das bestimmt nicht so toll, wenn er jetzt extra aus Frankfurt rüberkommt und Sie dann doch hier sind“, sagt sie, und fügt nach einer kurzen Pause murmelnd hinzu: „Obwohl, wäre vielleicht eh besser.“

„Herrgott nochmal, du wirst ihn ja wohl selbst anrufen können, oder? Ich habe jetzt keine Zeit mehr für den Quatsch, ich komme gleich und bleibe bis morgen früh. Danach ist es Walters Problem.“

Sie stöhnt noch mal. Vorhin klang es noch wirklich wie eine unwillkürliche Gefühlsäußerung, aber diesmal ist Nina ziemlich sicher, dass es ostentativ für sie gedacht ist.

„Haben Sie keine Angst, dass ich dann übers Telefon was mit ihm anfange?“

„Ach, fick dich doch ins Knie!“ Nina legt auf, füttert die Katzen, nimmt ihre Tasche und verlässt die Wohnung.

An der Haltestelle muss Nina feststellen, dass die U-Bahnen wegen irgendeines nicht näher beschriebenen Problems nur noch sehr unregelmäßig fahren. Dafür ist die Bahn zwar angenehm leer, als sie schließlich kommt, aber sie erreicht das Haus auch erst kurz nach halb sieben.

„Sind Sie über Berlin gekommen?“ fragt Jessi, als Nina die Tür öffnet. „Und denken Sie nicht mal dran, mich wieder rauszuwerfen. Walter hat sich dazu klar geäußert.“

Alex und Ben schauen verwirrt, aber mit hoffnungsvoller Freude auf ihre wieder zurückgekehrte Mutter.

Nina küsst Ben und Alex liebevoll zur Begrüßung. „Ich muss mal in den Keller, meine Waschmaschine ist kaputt, da kann ich ja sicher hier waschen.“ Zielstrebig macht sie sich auf den Weg und würdigt Jessi dabei keines Blickes. „Ihr bleibt schön hier oben, Jungs. Ihr wisst ja, dass Papa nicht erlaubt, dass ihr die steile Kellertreppe runtergeht.“^

„Ist gut“, sagt Alex unsicher.

Jessi steht mit verschränkten Armen da und pustet sich eine imaginäre Haarsträhne aus dem Gesicht.

Nina betritt die Waschküche und sieht sich um. Waschmaschine und Trockner stehen einträchtig nebeneinander auf einem Podest und sehen aus wie neu. Daneben befinden sich die Körbe für die Schmutzwäsche, natürlich nach Farben sortiert. Auf der Leine hängen Walters Oberhemden, die darauf warten, von wem auch immer gebügelt zu werdden. Das Bügelbrett mit Dampfbügeleisen-Station sieht sehr kompliziert aus. Neben dem Schuhregal ist die Tür zur Kelleraußentreppe. Sie ist mehrfach gesichert und verriegelt. Nina erinnert sich plötzlich an ihre erste gemeinsame Wohnung. Sie befand sich in einem heruntergekommenen Altbau, und im Keller war eine kleine Waschküche mit einer einzigen Waschmaschine, die sich alle Mieter des Hauses teilen mussten. Auch hier führte eine Tür zur Kelleraußentreppe, und Walter regte sich immer wieder aufs Neue darüber auf, dass diese Tür nie verschlossen war. „Sie werden irgendwann einbrechen und das ganze Haus ausräumen“, sagte er. Nina hatte hatte nur gelacht und ihn gefragt, welcher vernünftige Einbrecher auf die Idee käme, dass bei ihnen oder den anderen Mietern etwas zu holen wäre. Walter aber hatte keine Ruhe gegeben und auf eigenen Kosten einen Querriegel an der Tür angebracht. Nina hatte das damals sehr beeindruckt, wie technisch versiert und dezidiert Walter sich um das Thema gekümmert hatte.

Nina stellt ihre Tasche neben der Waschmaschine ab, für einen kurzen Augenblick wirkt sie sehr abwesend. Dann blickt die auf die Waschmaschine, gibt sich einen Ruck und ruft laut: „Jessi! Kannst du bitte mal kurz runterkommen? Ich habe hier ein kleines Problem.“

Mit ein paar Sekunden Verzögerung antwortet die Sitterin: „Okay, ich … komm gleich …“

Vielleicht bereitet es Nina ein bisschen Genugtuung, vielleicht verärgert es sie auch nur noch mehr, dass Jessis Stimme höher und leiser und unsicher klingt, als sie sich durch die Kellertür zur Treppe hereinlehnt und ohne herabzukommen fragt: „Was … gibt’s denn?“

Stirnrunzelnd guckt Nina auf die Waschmaschine. „Kannst du mir bitte mal kurz zeigen, wie das funktioniert? Eine einfache Wäsche, 40 Grad?“

„Ja … Ja klar, mach ich.“

Jessis Stimme klingt immer noch merklich heller, während sie die Treppe runterkommt, und sie schaut Nina zwar die ganze Zeit nicht direkt in die Augen, wendet ihren Blick aber auch nicht ab von ihr.

Erst als sie vor der Waschmaschine steht, dreht sie sich von Nina weg, sieht auf die Bedienelemente, atmet tief durch und murmelt schließlich: „Tut mir leid, wie ich … was ich … Ich war nur sauer, weil Sie einfach so abgehauen sind.“

Nina atmet tief durch, dann stößt sie Jessi mit großer Wucht auf die Wäschekörbe, die unter dem Gewicht des Mädchens sofort nachgeben und ihren Inhalt, farblich sortiert, auf

Jessi ergießen. Mit erstaunlicher Wendigkeit sprintet Nina mit ihrer Tasche zur Tür des Waschkellers und sperrt diese von außen zu. „Nichts für ungut, Jessi, ich sage Walter dann Bescheid, wo du bist.“

Nina dreht sich um, schultert ihre Tasche, geht die steile Kellertreppe hinauf und schließt sorgfältig hinter sich die Türe ab. Sie ist etwas erschrocken über sich selbst und in ihrem

Kopf reift ein ungeheurer Plan.

Jessi schreit erschrocken auf, scheint sich aber nicht ernsthaft zu verletzen. Hinter sich hört Nina, wie die Sitterin versucht, die Tür zu öffnen.

„Hey!“ ruft sie, oder was bei ihr halt als Rufen durchgeht. „Hey, was machen Sie denn? Was haben Sie vor? Sie können mich doch nicht einfach …“

Alex steht vor Nina und sieht sie mit großen Augen an. Er scheint wissen zu wollen, was passiert ist, ohne die Frage so richtig formulieren zu können.

Nina schließt ruhig hinter sich die Kellertüre und strahlt Alex und Ben an.

„Jessi ist gleich wieder da, es gibt da nur ein kleines Problem mit der Waschmaschine.“ Sie geht in die Hocke und zieht beide Jungs zu sich heran. „Und ich habe für euch eine Überraschung. Wir machen jetzt ein kleines Abenteuer. Wir packen ein paar Sachen und dann fahren wir zu Oma nach Berlin! Und morgen gehen wir alle zusammen in den Zoo!“

 

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2 Responses to wie wir sie kennen, Zug 3 (1)

  1. unendlichefreiheit sagt:

    Die Pupillen der Sitterin sehen ganz normal aus, keine auffällig Weitung oder sonstige Unregelmäßigkeit, die auf Betäubungsmittel schließen ließe. (Ich füge das an passender Stelle ein.)

    Hmm, ich laufe zwar höchstwahrscheinlich wieder einmal in Gefahr, meine grenzenlose Dummheit und Naivität zu offenbaren, aber ich schätze mal, die Klammer ist unbewusst stehen geblieben? Jetzt denke ich nämlich, dass sie Drogen nimmt. Mkay?
    (soo und jetzt sagst du, was du eigentlich sagen wolltest, dass du dich auf den nächsten Teil freust und so…sonst halten dich die Leute für ein pingeliges asoziales ..)

  2. Muriel sagt:

    @unendlichefreiheit: Danke für den Hinweis, ich habs repariert. Das kam zustande, weil die Spielerin mir nachträglich noch den Hinweis zukommen ließ, dass sie sich Jessis Augen genau anschauen will, deshalb stand dieser Klammerzusatz in meiner Antwort an sie, und ich habe versäumt, ihn zu streichen, wie ich das ansonsten mit meiner direkten Spielerkommunikation mache, bevor ich veröffentliche.
    Schön, dass du mitliest. Ich bin immer noch ganz begeistert davon, wie schön das läuft.

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