Der Ruf nach Gerechtigkeit

Wenn irgendwo ein Philosoph zu Wort kommt, ist das für mich immer ein Grund, die Ohren zu spitzen, denn das ist nach meiner Erfahrung ein Garant für ganz großen Stuss, der sich hier in meinem verbitterten Häme- und Hassblog dankbar auseinander nehmen lässt. In Ermangelung von Freunden, Träumen oder anderen lohnenden Lebensinhalten setze ich mich dann mit dem Text des Philosophen hin und arbeite kleinlich und verbissen heraus, wo er sich unscharf ausgedrückt hat und wo ich mit ihm nicht einverstanden bin. Ich weiß mit den Stunden meines Lebens eh nichts Besseres anzufangen.

Klingt nach Spaß? Dann an mein Herz, verwandte Seele, lass uns hinter den Trennstrich verschwinden uns uns etwas Gemütlicheres anziehen …

„Der Staat ist die gierigste Instanz der Weltgeschichte“

titelt die SZ ihr Interview mit dem Philosophen Otfried Höffe, und das fängt doch schon mal gewohnt gut an, denn ich würde diese These von der Sinnhaftigkeit und Diskutabilität irgendwo auf dem Level von „Nachts ist es kälter als draußen“ oder

Aber damit wollen wir uns nicht länger als nötig aufhalten, denn

JA, Kanye, wir habens doch gehört! Wir wollen jetzt zum eigentlichen Thema des Interviews kommen, und das ist die allseits beliebte und weidlich überschätzte Gerechtigkeit, hier insbesondere in Bezug auf Steuern. Die SZ beginnt mit dem naheliegenden Schritt, zunächst einmal zu fragen, ob Herr Höffe eine Definition für Gerechtigkeit zur Hand habe, und während ich mir bis zu dieser Stelle noch gar nicht sicher war, ob das Interview für einen Blogpost taugt, habe ich nach seiner Antwort gewusst:

Nein! Ruhe jetz, Kanye! Das meinte ich nicht. Ich meinte, ich habe nach seiner Antwort gewusst: Da muss ich noch nicht einmal weiterlesen, bevor ich anfange zu schreiben. Da geht was.

Denn zuerst einmal beantwortet Herr Höffe die Frage gar nicht und erzählt stattdessen irgendwas davon, dass

die gesamte Menschheit über die Epochen und Kulturen hinweg eine Gerechtigkeitsgemeinschaft darstellt, weil sich allerorten im Wesentlichen gleiche Gerechtigkeitsansichten finden.

Öh, aha, wird der SZ-Interviewer sich gedacht haben, und traute sich dann zwar nicht ganz, explizit zu bitten, doch jetzt vielleicht mal die Frage zu beantworten, hakte aber immerhin doch nach, indem er nach „wesentliche[n] Teile[n] der Gerechtigkeit“ fragt. Die Antwort wird nun zwar ein wenig konkreter, dafür aber auch falscher, wie das oft ist, wenn Philosophen konkret werden. Nein, das war unangebracht, das ziehe ich zurück. So schlimm sind Philosophen wahrscheinlich gar nicht. Das Problem scheint sich eher auf Leute zu beziehen, die Zeitungsinterviews geben. Egal. Herr Höffe antwortet jedenfalls:

Boah, jetzt ist aber gut. Klappe, Kanye! Herr Höffe antwortet:

Ein elementares Gerechtigkeitsprinzip ist die goldene Regel: „Was du nicht willst, dass man dir tu‘, das füg‘ auch keinem anderen zu.“

Hier schnappe ich schon nach Luft, aber so einen Satz kann man noch retten. Er hat ja immerhin „goldene Regel“ gesagt, was impliziert, dass ihm bewusst sein könnte, dass es sich eben nicht um ein Prinzip im eigentlichen Sinne handelt, sondern mehr um eine grobe Faustregel, die oft genug auch ins leere läuft. Ich will zum Beispiel nicht massiert oder gestreichelt werden, weil ich das als unangenehm empfinde. Keoni hingegen findet das toll. Würde ich diese goldene Regel nun als „elementares Gerechtigkeitsprinzip“ betrachten und streng einhalten, würde unsere Beziehung daran zwar hoffentlich nicht zerbrechen, aber zumindest für eine von uns ein bisschen weniger erfreulich werden. Meine eigenen Vorlieben und Abneigungen auf andere zu übertragen, kann als Faustregel funktionieren, weil wir Menschen in vieler Hinsicht ähnlich ticken – zum Beispiel sind fast alle von uns lieber lebendig als tot, lieber gesund als krank, lieber reich als arm, lieber glücklich als traurig -, aber sie ist eben auch nicht mehr, denn es gibt wohl keine einzige Vorliebe, die wirklich allen Menschen gemein ist, es sei denn, man konstruiert jetzt einen tautologische Selbstgänger wie „Wir mögen, was uns gefällt“.

Zweiter Versuch, und wieder setzt sich die Tendenz fort, dass Herr Höffers Aussagen mit zunehmender Konkretisierung stetig falscher werden:

Seit der Aufklärung, spätestens mit Immanuel Kant, besteht das erste Gerechtigkeitsprinzip in der größtmöglichen gleichen Freiheit aller Menschen.

Ja, naja, nee. Das ist zwar nett gemeint, aber doch jetzt wirklich nicht mehr vertretbar. Wer „Freiheit“ mit in „Gerechtigkeit“ packt, der überdehnt den Begriff damit. Kann man in einer schwungvollen politischen Rede vielleicht mal machen, wenn man nicht so ein pedantischer Arsch ist wie ich, aber als Philosoph in einem Interview, in dem es zentral um diesen Begriff geht, sollte ich doch etwas vorsichtiger sein. Wenn alle Menschen gleich unfrei sind, ist das nicht ungerecht. Wenn ich alle Menschen gleich schlecht behandle, einschließlich meiner selbst, ist das nicht ungerecht. Nur weil für die meisten von „Gerechtigkeit“ in der Regel etwas Erstrebenswertes ist (aus durchaus guten Gründen), sollten wir der Versuchung widerstehen, den Begriff auch gleich noch mit allen anderen schönen Dingen gleichzusetzen. Mit „Demokratie“ wird das auch gerne gemacht, aber das ist ein anderes Steckenpferd von mir, das ich heute nicht auch noch aus dem Schrank holen will. Natürlich kann im Prinzip jeder jeden Begriff so definieren, wie er möchte, aber wenn ich mit „Delfin“ dieses Tier mit dem Schweif bezeichne, das auf vier Beinen läuft und auf dem Menschen gerne reiten und über Hindernisse springen, dann fordere ich Missverständnisse heraus.

Andererseits will ich auch zugestehen, dass ich vielleicht mal wieder unnötig kleinlich bin. Wenn wir unter Gerechtigkeit sowas verstehen wie „eine Gesellschaftsordnung, in der die Interessen alle Mitglieder zu einem möglichst angemessenen Ausgleich gebracht werden“, dann kann man wohl schon gut vertreten, dass größtmögliche Freiheit für alle Menschen ein erstrebenswertes Ziel wäre, allerdings ist das dann wieder kein „Prinzip“, und wie ich schon sagte, würde ich gerade von einem Philosophen im Experteninterview ein bisschen mehr Trennschärfe in der Wortwahl erwarten, wenn ich noch nie ein Experteninterview mit einem Philosophen gelesen hätte.

Uiuiui. Merkt ihr, wie die Luft allmählich dünn wird für mich? Hoffentlich kommt bald noch ein richtiger Klopper, bevor ihr euch gelangweilt abwendet.

Oh, ja, da haben wir auch gleich was: Die SZ erzählt einen Witz, und kündigt ihn vorsichtshalber an mit:

Es gibt einen Witz:

Technisch gesehen korrekt. Und er lautet?

„Alle Menschen sind gleich. Und Könige? Könige sind auch gleich.“

Muaha. Ja, Spassss muss sein, oder? Die SZ will nun von Herrn Höffe wissen, ob „da“ nicht was dran sei. Und der antwortet mit gewohnter Souveränität auf was völlig anderes, wobei ich ihm zugestehen muss, dass ich auch nicht in der Lage gewesen wäre, diese Frage zu beantworten. Und wer weiß, vielleicht hätte ich in meiner Verwirrung ja auch sowas Sonderbares gesagt wie:

Neben den Regeln, die Gerechtigkeit herstellen sollen, existierten in früheren Rechtsordnungen auch unterschiedliche Regeln für Adlige und das gemeine Volk. Es gab überdies Leibeigenschaft, Sklaverei, Kolonialismus, Imperialismus – lauter Dinge, die nach unserem heutigen, aber auch nach dem damaligen Verständnis ungerecht sind.

Ich will mich nicht dümmer stellen als nötig, ich sehe natürlich den Zusammenhang mit der Frage, aber diese beiden Sätze wirken auf mich doch reichlich hilflos. Der erste Satz bestätigt, dass früher mal für Adlige andere Regeln galten als für Nichtadlige, impliziert aber, dass diese „neben“ den anderen Regeln existierten, die „Gerechtigkeit herstellen sollen“. Nun ist „sollen“ ohnehin ein schwieriges Wort, gerade bei sowas Komplexem wie einer Gesellschaftsordnung, aber wenn wir schon so pauschale Begriffe verwenden, würde ich auch behaupten, dass der Gesamtsatz der damaligen Regeln Gerechtigkeit herstellen sollte, und dass zumindest hier und da die Vorstellung vorherrschte, die Sonderstellung der Adligen sei gerecht, zum Beispiel, weil der unsichtbare Zauberer das so wolle, oder weil die Adligen eben besser seien als das gemeine Volk und es deshalb zu beherrschen hätten. Ebenso verwundert mich der zweite Satz, denn der klingt so, als sei schon immer allen klar gewesen, dass Leibeigenschaft und das ganze andere gute Zeug ungerecht ist, und außerdem spricht er fortwährend von „dem“ Verständnis von Gerechtigkeit, was merkwürdig ist, denn einen Satz später sagt er ganz richtig, dass Menschen natürlich schon immer über Gerechtigkeit gestritten haben.

Das illustriert er anhand verschiedener Vorstellungen wie „der gesetzlich geregelten Gerechtigkeit, also der Justiz“, neben der noch „die Tausch- und die Verteilungsgerechtigkeit“ existieren, was ich wieder eher als Vernebelung denn als Klärung empfinde, denn erstens ist die „gesetzlich geregelte Gerechtigkeit“ ohnehin schon ein merkwürdiger Begriff, denn sie ist ja eigentlich keine eigene Form von Gerechtigkeit, sondern nur unser Versuch, sie (neben anderen Zielen) durch staatliche Mittel zu erreichen und überschneidet sich zweitens dadurch mit Tausch- und Verteilungsgerechtigkeit, die ja unzweifelhaft auch Gegenstand der Justiz sind, und drittens sind die anderen beiden keine eigenen Formen von Gerechtigkeit, sondern auch wieder nur Anwendungen der Prinzipien von Gerechtigkeit (die Herr Höffe zwar immer wieder erwähnt, zu denen er aber bisher noch nichts Zutreffendes erklärt hat) auf verschiedene Themen.

Von da an kommen wir natürlich mühelos zur sozialen Frage, worauf Herr Höffe sich zu der sehr gewagten These versteigt:

 Wir hinterlassen unseren Kindern und Kindeskindern eine ärmere Welt. 

Pfff… Lohnt es sich, darüber zu reden? Das ist ja eigentlich schon wieder so eine These von solch atemberaubender Pauschalität, das sie am Ende wieder inhaltsleer und damit indiskutabel wird. Was heißt schon „ärmer“, und im Vergleich zu welcher Welt hinterlässt wer welchen Kindern eine solche Welt? Ich kann nicht erkennen, dass unsere heutige Welt in irgendeiner Hinsicht dramatisch schlechter wäre als die vor zehn, zwanzig, fünfzig oder hundert Jahren. Es gibt Probleme, aber das war schon immer so, und es gibt auch große Fortschritte, sowohl in sozialer als auch in wirtschaftlicher Hinsicht, und technologisch sowieso. Ich glaube, wir vertiefen das lieber nicht, denn Herr Höffe tut es auch nicht und verkürzt seine wilde These wenig später auch auf:

Obwohl die Steuereinnahmen sprudeln und die kommunalen Abgaben steigen, haben wir kein Geld, um es in Musikschulen, Sportvereine oder Stadtbibliotheken zu investieren. Und Straßen, Kanalisationen, Telefonnetze, Eisenbahnwege – Dinge, für die wir unseren Eltern und Großeltern dankbar sein müssen, werden für unseren Nachwuchs nicht ausreichend erneuert.

Darum geht es also. Weiß ich nicht, mag sein, bräuchte man wahrscheinlich Zahlen und Fakten für (Gott behüte, dass wir in einem Experteninterview mal über sowas sprechen!), aber sogar wenn es so wäre, wäre die Welt dadurch gleich insgesamt ärmer? Naja.

Jedenfalls ist es von da aus natürlich nicht weit bis zum Neid – nur damit ihrs wisst: doof, wenn man sich dadurch schlecht fühlt, aber gut, wenn er einen anspornt – und von da aus nicht weit bis zu Managervergütungen. Wenn man über die spricht, sollte man übrigens

 nicht immer das große Wort „gerecht“ verwenden, sondern bescheidener von „gerechtfertigt“ und bei den angedeuteten immensen Gehältern von „nicht gerechtfertigt“ reden.

Warum? Wo ist der Unterschied? Warum ist das eine Wort größer, das andere bescheidener? Die Antwort des Philosophen: Is so. Und falls ihr euch schon immer fragt, was gelehrte Männer, deren Beruf sich mit „Liebe zur Weisheit“ übersetzen lässt, sonst noch für heiße Tips für die Manager unter uns parat haben, will ich euch auch nicht vorenthalten:

Vielleicht sollten die Manager auch auf Anstand achten, und nicht zuletzt wieder lernen, dass die wichtigsten Dinge sich ohnehin mit einer Extra-Million nicht bezahlen lassen.

Ahhh, ohhh… Problem gelöst, bitte, danke, Gern geschehen.

Und weil das Interview sich ja um Steuern dreht, kommt die SZ schließlich auch irgendwann mal zu einer Steuerfrage, nämlich, ob die Flat Tax (gleicher prozentualer Steuersatz für alle), die Kopfsteuer (gleicher Steuerbetrag für alle) oder unser Progressionsmodell (prozentualer Steuersatz steigt mehr oder weniger mit dem Einkommen) gerecht sei. Herr Höffe sagt darauf zu nächst mal:

Hier würde ich wieder eher von „gerechtfertigt“ sprechen als von „gerecht“. 

was enorm hilfreich ist, nachdem er uns von keinem der beiden Begriffe bisher erklärt hat, was er eigentlich damit meint, aber immerhin kommt er dann am Ende zu einer für eine so komplexe Frage überraschend klaren Antwort: Man muss

von seinem Einkommen leben können. Die, die weniger Geld haben, müssen deshalb weniger Steuern zahlen. Das Prinzip der Progressionssteuer ist richtig.

Joa. Na gut. Ich hätte jetzt vermutet, dass Logik zur Grundausbildung eines Philosophen gehört. Mein Fehler.

Die SZ schlägt später eine hohe Erbschaftssteuer vor, mit der Begründung, die Erben hätten ja für das Geld nichts geleistet, das ihnen zufällt. Herr Höffe will bei dieser Frage interessanterweise nicht lieber über „gerechtfertigt“ sprechen und geht direkt auf die Gerechtigkeit mit gewohnt schlagenden Argumenten, die ich hier ihrer absurden Schönheit wegen vollständig zitieren will:

Erstens eine Frage: Sollen wir als Eltern alles Geld ausgeben, oder sollen wir sparen, damit unsere Kinder etwas erben können? Diese Entscheidung sollte unsere eigene bleiben. Zweitens wurde das Vermögen ja bereits versteuert. Und drittens bemängeln wir die Gier, aber vergessen gern, dass eine der gierigsten Instanzen der Weltgeschichte der Staat ist.

Wer mir einer plausible Beziehung aufzieht zwischen auch nur einem dieser drei … weiß nicht, sagen wir in Ermangelung eines besseren Begriffs mal: Argumente und der Frage, ob eine hohe Erbschaftssteuer vor dem Hintergrund der Leistungsgerechtigkeit eine gute Idee wäre oder nicht, die gewinnt ein Erdbeereis, muss es sich aber selbst abholen.

Zugleich wird, wie schon gesagt, in vielen Bereichen gekürzt.

Ach ja, ja klar, das ändert natürlich alles. Nee. Pardon. Mein Fehler. Das tut natürlich auch nichts zur Sache.

Wenn also eine Erbschaftsteuer eingeführt werden sollte, dann bitte als Nullsummenspiel:

Ja, ach, das verführerische „also“. Es lässt auch das gewagteste Non Sequitur noch wie eine total vernünftige Schlussfolgerung klingen, solange mein Gesprächsartner mir nicht richtig zuhört. Die Frage war, ob eine Erbschaftssteuer gerecht wäre, weil die Erbschaft nicht durch Leistung verdient wurde. Die Gesamtsteuerlast und die Entwicklung anderer Steuern sollte mit der Antwort darauf nichts zu tun haben. Also schuldet Herr Höffe mir hundert Euro. Bankverbindung und PayPal-Adresse gibt es auf Mail-Nachfrage.

Und jetzt, aufpassen, ich weiß, ihr seid müde, aber wenn ihr bis hierher durchgehalten habt, lohnt es sich vertraut mir, jetzt kommt noch ein richtiger Knaller, eines meiner Lieblingsthemen: Die Umstatzsteuer!

Die SZ fragt nicht ganz abwegig, ob es nicht doof ist, dass auch die Ärmsten der Armen hier genauso viel bezahlen müssen wie die Reichsten der Reichen. Und die Antwort von Herrn Höffe ist ein Traum. Also, für mich:

Über die Mehrwertsteuer zahlen die Reichen auch für Luxusgüter wie Yachten und Rennpferde. Davon profitiert der Staat. Aber wir könnten überlegen, ob wir Grundnahrungsmittel wie Brot und Wasser aus der Steuer herausnehmen

Super. Mal wieder rundum Spitze. „Davon profitiert der Staat“ können wir rauskürzen, der profitiert nämlich von den Steuern der Reichen wie auch von denen der Armen. Und dann bleibt ein ähnlich absurdes Prinzip, wie wir es auch jetzt schon ansatzweise in unserem bekloppten Umsatzsteuerrecht haben, nämlich dass wir versuchen, Dinge nach „Dinge für Reiche“ und „Dinge für Arme“ zu kategorisieren, was für jeden sofort erkennbar ein absurdes Unterfangen ist. Klar, bei Yachten und Rennpferden mag das noch klar scheinen, aber kaufen reiche Menschen kein Brot und kein Wasser? Und sowas wie Lachs und Kaviar und Langusten, was ja auch arme Menschen durchaus hin und wieder mal kaufen können, was machen wir damit? Das ist doch Quatsch. Wenn wir eine Steuer nach dem Einkommen wollen, sollten wir eine nach dem Einkommen machen. Zu versuchen, an einer Umsatzsteuer zwischen Luxus- und Nichtluxusgütern zu unterscheiden, finde ich absurd.

Andererseits werden die Armen vielerorts mehr durch die hohen Wohnungspreise als durch die Mehrwertsteuer belastet.

Ähm, ja. Wir spielen jetzt „freie Assoziation“, oder? Ich habe mich kurz durch das „Andererseits“ verwirren lassen, das einen Zusammenhang suggeriert.

Mich zum Beispiel belastet gerade die Hitze mehr als die Wohnungspreise. Aber ich bin auch nicht arm. Ich dachte, ich erwähn das mal.

Jedenfalls gibt es sowohl gute Gründe für als auch gegen die Mehrwertsteuer.

Ganz anders als bei allen anderen Fragen, über die wir bisher gesprochen haben. Bei der Flat Tax oder der Erbschaftssteuer zum Beispiel, das sind klare Sachen, aber Mehrwertsteuer … Hm… Außerdem ist die Mehrwertsteuer wie die Progression, aber anders als die Erbschaftssteuer, wieder eines dieser Themen, bei denen wir sowieso gar nicht über Gerechtigkeit sprechen sollten: Hier liegt das aber nicht an der Bescheidenheit, sondern

Die Frage aber, ob sie gerecht ist, halte ich für zu pathetisch.

Klar soweit?

Zu guter Letzt darf Herr Höffe noch beantworten, ob unser Steuersystem Reiche bevorzugt, weil die sich Steuerberater leisten können. Die Antwort ist hier jetzt mal wieder so schlicht wie verblüffend: Nee, keinesfalls, schließlich

gibt es ausführliche Begleitinformationen, preisgünstige Ratgeber und Unterstützung gegen geringe Gebühren.

Trotzdem wäre ein einfacheres System aber besser, denn

Die permanente Gesetzgebung und Novellierung, die wir nicht nur im Steuersystem kennen, entmachtet den Bürger.

Inwiefern? Naja, pff… Ach, ist doch egal.

Ein einfacheres Steuersystem würde so gut wie alle zufriedenstellen, ohne die Reichen zu bevorteilen oder zu benachteiligen und ohne dem Staat weniger Geld einzubringen.

Echt jetzt? Krass. Bloß gut, dass wir einen Philosophen gefragt haben. Dann wissen wir ja jetzt Bescheid.

Nein, wissen wir natürlich nicht. Diese Antwort ist, wir kennen das bereits, schon wieder so unfassbar

Ja… Ja, Kanye, weißt du was?

Ich glaube, du hast Recht.

Advertisements

21 Responses to Der Ruf nach Gerechtigkeit

  1. Triffels sagt:

    Wenn alle Menschen gleich unfrei sind, ist das nicht ungerecht.

    Aber doch nur, wenn man Gleichbehandlung mit Gerechtigkeit gleichsetzt.

  2. Muriel sagt:

    @Triffels: Welche Definition von Gerechtigkeit schlägst du denn vor?

  3. Triffels sagt:

    @muriel: Puh, das ist schwer. Aber ich will es versuchen: Ich empfinde es als ungerecht, einem anderen Menschen etwas vorzuenthalten bzw. vorzuschreiben, einzig ausgenommen Situationen, in denen dies meinen Handlungsspielraum / den Handlungsspielraum einer dritten Person noch weiter einschränken würde.

    Okay, das war jetzt keine eigentliche Definition. Und ein bisschen Gleichbehandlungsgrundsatz ist auch drin. Klingt es trotzdem irgendwie sinnvoll?

  4. Muriel sagt:

    @Triffels: Ich verstehe schon, worauf du hinauswillst, aber nach meinem Verständnis ist das keine Gerechtigkeitsfrage mehr. Ob ich jemandem etwas vorschreibe oder nicht, ist doch keine Frage der Gerechtigkeit. Nach meinem Verständnis ist Gerechtigkeit vielleicht nicht ganz identisch mit Gleichbehandlung, aber doch weitgehend, im Sinne des Bundesverfassungsgericht, das Art. 3 GG als das Gebot auslegt, wesentlich Gleiches gleich und wesentlich Ungleiches ungleich zu behandeln. Daraus könntest du nun, wie mir gerade auffällt, in der Tat die Forderung herleiten, nicht alle Menschen ohne guten Grund einzusperren.
    Aber zum Glück habe ich ja oben auch bereits eingeräumt, dass gewisse nicht ganz abwegige Definitionen von Gerechtigkeit sogar mit Herrn Höffes Ideen übereinstimmen.
    Insofern wäre ich bereit, die von dir kritisierte These zurückzuziehen, halte aber daran fest, dass das jedenfalls kein Prinzip der Gerechtigkeit ist, sondern bestenfalls eine Folge der Anwendung ihrer Prinzipien.

  5. Triffels sagt:

    @muriel:

    Ob ich jemandem etwas vorschreibe oder nicht, ist doch keine Frage der Gerechtigkeit.

    Als ungerecht empfinde ich auch weniger den Akt (hihi, Akt) des Vorschreibens an sich, sondern die Tatsache, dass (unnötige) Einschränkungen existieren.

  6. Muriel sagt:

    @Triffels: Im Hinblick auf Willkür bin ich da ja dann auch bei dir, aber ich sehe nicht unbedingt, dass Gerechtigkeit dazu viel zu sagen hat.
    Na gut, das ist eben dann wirklich eine Frage der Definition, und hätte Herr Höffe irgendwo mal eine geliefert, könnte ich auch abschätzen, ob seine Thesen nach seiner einen Sinn ergeben.

  7. Muriel sagt:

    Ah so, ja, hihi, Akt.

  8. Triffels sagt:

    @muriel:

    Im Hinblick auf Willkür bin ich da ja dann auch bei dir.

    Willkür ist doch, wenn gleiches verschieden behandelt wird, oder? Damit sind wir da, wo wir angefangen haben: Dass Gerechtigkeit Gleichbehandlung bedeute.

  9. Muriel sagt:

    @Triffels: Nicht nur. Wenn ich zum Beispiel ohne guten Grund (nicht, dass es keine gäbe, aber wir tun mal so) die gesamte Erde verglasen würde, dann wäre das perfekte Gleichbehandlung, aber es wäre trotzdem noch willkürlich und damit ungerecht.
    Ich habe mich damit mehr oder weniger deiner Vorstellung angeschlossen, dass es ungerecht ist, einem (oder allen) Menschen ohne vernünftigen Grund einen Schaden zuzufügen.

  10. Triffels sagt:

    @muriel: Ach so. Na gut, dann bin ich still. Aber eins noch, um nicht nur zu kritisieren: Dem Rest deines Posts stimme ich zu und so. Ich picke mir halt gerne unwichtige Details raus, damit ich einen Grund zum rumnörgeln habe.

  11. Muriel sagt:

    @Triffels: Ich kann überhaupt nicht begreifen, wie man seine Zeit mit solchen trivialen Besserwissereien vergeuden kann.

  12. bloß gut, dass wir einen philosophen gefragt haben, denn hätten wir nicht, wäre uns das, was du daraus gemacht hast entgangen – großes kino, uneingeschränkt. so.

  13. TakeFive sagt:

    Ich habe immer den Eindruck dass Gerechtigkeit sich genau durch die Abweichung von der Gleichbehandlung definiert:
    Man hat eine Norm, ein Ziel oder einen Idealzustand vor Augen, welcher bei Gleichbehandlung stationär wäre. Die „gerechte“ Handlung behandelt ungleich, um die Gesamtsituation diesem Ziel anzunähern.
    Der Streit über Gerechtigkeit kommt dann zwangsläufig erstens aus der Uneinigkeit über das Zielideal, und zweitens über den besten Weg da hin.

    Das ist die allgemeinste Definition/Abgrenzung die mir bisher eingefallen ist.

    O belesener Herr Silberstreif, ist möglicherweise bereits eventuell ein respektabler (i.e. zeitungsinterviewabstinenter, optional vollbärtiger) Philosoph auf dieser Erde gewandelt dessen Geistesfrüchte ich in diesem Kontext in meinen EInkaufskorb legen könnte?

  14. Muriel sagt:

    @kurzgeschnitten: Meine Güte, vielen Dank.
    @TakeFive: Da fragst du nun eigentlich eher den Falschen. Es gibt kaum eine Fachrichtung, vor der ich weniger Respekt habe. Theologie natürlich, aber mehr fallen mir ad hoc echt nicht ein. Von Popper hab ich bisher noch nichts gelesen, das ich für abwegig hielt, aber das liegt wahrscheinlich vorrangig daran, dass ich auch von Popper bisher überhaupt noch fast nichts gelesen habe.
    Aber so ganz grundsätzlich plädiere ich bis auf Weiteres für Abstinenz von der Philosophie und stattdessen dafür, was Nützliches zu lesen, wie naturwissenschaftliche Texte, oder natürlich Fiktionales, das du übrigens völlig kostenlos zum Beispiel auch

  15. aussteiger sagt:

    wir leben leider in zeiten von globalisierter gleichgültigkeit und mit kritiklosen befehlsempfängern::
    http://campogeno.wordpress.com/2013/07/17/globalisierte-gleichgultigkeit/
    http://campogeno.wordpress.com/2013/07/18/die-kritiklosen-befehlsempfanger/

    unsere gesellschaft und vor allem unser gesellschaftssystem lassen sich wahrscheinlich nicht ändern. die regierungen, die gewählt wurden, regieren in wirklichkeit nicht und die, die regieren (goldmänner & komplizen), wurden nie gewählt. ich habe mal gelesen: “unwissenheit ist der schlüssel zum glück” und es liegt nahe, dass die mächtigsten deshalb die totale verblödung unserer bevölkerung vorantreiben.

  16. […] Ultimativ. Ich wünsche mir beinahe die Bescheidenheit von Herrn Höffe zurück. Aber ganz abgesehen von  dem Begriff: Wie soll denn das funktionieren? Wenn ich alle […]

  17. Muriel sagt:

    @aussteiger: Aber du bist ja am Ball. Viel Erfolg weiterhin.

  18. ChB sagt:

    Philosophen sind in meinen Augen keine Experten wie ein Metereologe ein Experte fürs Wetter oder ein Mediziner für Medizin – weil es bei philosophischen Fragen in dem Sinne kein (irgendwie gesichertes) Expertenwissen gibt. Philosophische Fragen kann und sollte jeder selber beantworten. (Insofern halte ich Ethikkommissionen für ethisch bedenklich.)

    Das mit der Gerechtigkeit sehe ich anders: Wenn ich alle gleich schlecht behandele, ist das in meinen Augen nicht gerecht. Beispiel: Wenn ein Unternehmer einem Angestellten nur einen geringeren Lohn als den vereinbarten zahlen will – mit der Begründung, dass auch alle anderen Angestellten nur diesen geringeren Lohn erhielten -, dann ist dasin meinen Augen ungerecht – und eine gerechte Rechtsordnung sieht dann die Möglichkeit davor, dass dieser Angestellte den Lohn einklagen kann. (Man kann das Beispiel auch so modifizieren, dass der Unternehmer keinem Angestellten einen Lohn bezahlen will.) Ich denke deshalb nicht, dass der formale Gleichheitssatz genügt.

  19. FDominicus sagt:

    Also ich habe heute in den BNN lesen dürfen. Gerecht ist was die Staatseinnahmen erhöht. Unfair aber nicht Unrecht ist es wenn Firmen sich an Gesetze halten. Und ich durfte in der jüngeren Vergangenheit lernen, das Alternativlos immer Recht ist. Also ist die Schlußfolgerung. Was die Politiker für „Recht“ halten und das was in den Gesetzen steht hat nichts mit dem „Recht“ zu tun. Kurz Recht scheint eine Chimäre zu sein, man kann Sie wohl jagen, aber niemals „fangen“…

  20. Muriel sagt:

    @ChB:

    Philosophen sind in meinen Augen keine Experten wie ein Metereologe ein Experte fürs Wetter oder ein Mediziner für Medizin – weil es bei philosophischen Fragen in dem Sinne kein (irgendwie gesichertes) Expertenwissen gibt.

    Leuchtet mir überhaupt nicht ein. Ja, Philosophie ist keine Naturwissenschaft, aber das sind Mathematik, Jura, Literaturwissenschaft und viele andere auch nicht. Trotzdem gibt es da Expertenwissen und eine Methodik, an die man sich zu halten hat, wenn man wissenschaftlich arbeitet.

    Wenn ich alle gleich schlecht behandele, ist das in meinen Augen nicht gerecht.

    Was ist denn Gerechtigkeit für dich? Ich denke, dass das sinnvollerweise der Einstieg in eine solche Diskussion sein sollte, sonst wissen wir ja gar nicht, worüber wir reden.

    Beispiel: </blockquote
    Dein Beispiel illustriert nicht das, wovon du sprichst. Der Unternehmer behandelt nicht alle gleich schlecht, er verschafft sich selbst einen unfairen Vorteil. Um diesem Missverständnis vorzugreifen, hatte ich in meinem Beitrag ausdrücklich dazugeschrieben, dass ich auch den Handelnden selbst einschließe.

  21. […] in Interviews öfter mal was über ihr eigentliches Fachgebiet sagen würden, statt zum Beispiel Blödsinn über Armut, Wirtschaft und Gier zu erzählen, dann wäre mein Respekt vor ihnen sicherlich wesentlich größer, denn ich muss ja […]

Gib's mir!

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: