wie wir sie kennen, Zug 3 (2)

Auch der beeindruckende dritte Zug unseres beeindruckenden Mail-Rollenspiels musste früher oder später zu beeindruckendem Ende gehen. Das und noch mehr könnt ihr heute hier miterleben. Und morgen natürlich auch noch.

Nina

Unten aus dem Keller hört Nina sehr leise ein Klopfen. Sie vermutet, dass man es nicht wahrnimmt, wenn man nicht bewusst danach lauscht, aber ihr selbst kommt es kontinuierlich lauter vor.

„Zoo!“ ruft Ben begeistert und fällt Nina strahlend um den Hals. „Oma!“

Alex ist weniger begeistert. Er freut sich zwar, aber sein Lächeln flackert ein wenig. „Kommt Papa mit?“ fragt er.

„Papa ist noch bei Oma Hilde, Schatz. Es geht ihr im Moment niht so gut. Aber bestimmt kommt er später nach, wenn es zeitlich hinhaut. Es ist doch nur für ein Wochenende!“ Liebevoll streicht sie Alex über den Kopf. „Und jetzt packen wir ganz schnell ein paar Sachen und dann geht’s los!“ Betont munter geht Nina mit den beiden Jungs nach oben und beginnt relativ wahllos, ein paar Kleidungsstücke einzupacken. Sie denkt sogar an Bens Kuschelelefanten und Alex‘ Teddybären.

„Ihr sucht euch jetzt noch jeder ein Buch für die Zugfahrt aus, das ihr mitnehmen wollt. ich bin gleich wieder zurück.“ Schnell verlässt Nina das Kinderzimmer und betritt Walters Arbeitszimmer. Und da steht er immer noch, der alte Schreibtisch seines Großvaters, abgeliebt und etwas wackelig, aber von Walter heißgeliebt. Nina weiß, dass Walter ein Gewohnheitstier ist und ist sich sicher, dass in der mittleren, verschlossenen Schublade unverändert seine Bargeldreserve für Notfälle liegt. Irgendwann, als de Dinge zwischen ihnen schon nicht mehr zum Allerbesten standen, hatte Nina auf der verzweifelten suche nach Geld so lange mit dem Brieföffner das Schloss traktiert, bis dass sie die Schublade aufbekommen hatte. Walter hatte das offenbar nie bemerkt oder zumindest nicht kommentiert. Nina entdeckt den Brieföffner auf der Tischplatte und findet in der schnell vn ihr geöffneten Schublade 500 Euro. Ohne zu zögern nimmt sie sich das gesamte Geld und hinterlässt Walter eine kurze Nachricht:

Walter, Jessi ist in der Waschküche und ich habe mir deine 500 Euro genommen, um mit den Jungs eine kurze Reise in den Süden zu unternehmen. ich melde mich in den nächsten Tagen bei dir. Sorry, N

Nina geht ins Kinderzimmer, nimmt ihre Tasche und die der Kinder und treibt Alex und Ben zur Eile an. „Wir müssen uns etwas beeilen, wenn wir den Zug nach Berlin noch erwischen wollen.“ Sie verlässt mit den Jungen das Haus und hat Glück; nach wenigen Metern winkt sie einem leeren Taxi.
Hustend und schniefend bringt der Taxifahrer Nina und ihre Kinder zum Parkplatz an der Kirchenallee hinter dem Hauptbahnhof, kassiert seine 12,80 Euro und fährt weg. Verglichen mit normalen Freitagabenden ist der Bahnhof beinahe gespenstisch leer, trotz der kleinen Grüppchen von Demonstranten, die davor herumschleichen. Einige tragen tendenziell wohl politisch gemeinte Schilder mit Aufschriften wie „CIA=Taliban=Bioterror“ oder „Tod© Monsanto“, andere gehen einen eher religiösen Weg mit Aufschriften wie „Da sah ich ein fahles Pferd; und der, der auf ihm saß, heißt „der Tod““, wieder andere haben sich für schwerer einzuordnende Slogans wie „Wahrheit jetzt!“ oder „Afrika, Peru, Indien!“ entschieden.

Als Nina mit Ben und Alex das Gebäude betritt, wird ihr schnell klar, dass dies nicht die beste Entscheidung war. Zwar stehen einige Züge auf den Gleisen, aber die Anzeigetafel ist voll mit „120 Minuten Verspätung“, „Verspätet auf unbestimmte Zeit“ und „fällt aus“, und trotz der insgesamt auffälligen Leere steht vor der Information ein praller Pulk aus mehr oder weniger wütenden Menschen, die auf mehr oder weniger undiplomatische Weise ignorieren, dass die zwei tapferen verbliebenen Bahnmitarbeiter hinter ihrem Schalter weder für die Probleme verantwortlich sind, noch etwas daran ändern können. Nina steht eine Weile unentschlossen herum, bevor sie schließlich einsieht, dass sie so hier nicht wegkommt, und entscheidet, den Bahnhof wieder zu verlassen – vielleicht reichen die 500 Euro ja für ein Taxi nach Berlin, man kann ja zumindest fragen – als Alex an ihrem Ärmel zieht und auf eine schlanke Figur zeigt, die mit dem Rücken zu ihnen zusammengesunken auf der obersten Stufe einer der Treppen zum S-Bahn-Gleis sitzt. Sie trägt einen dunkelgrauen Hoodie mit hochgezogener Kapuze und hat eine blaue Timbuk2-Tasche neben sich stehen. Ihre Schultern beben, und Nina kann sie leise schluchzen hören.

„Mama, was hat denn die Frau?“ fragt Alex.

Nina ist überhaupt nicht in der Stimmung, sich mit den Problemen anderer Menschen auseinanderzusetzen. In ihrem Kopf rasen die Gedanken und sie sieht sich suchend nach einem Autoverleih um. Aber da sie ihren Sohn kennt und seinen traurigen, leicht verstörten Blick fürchtet, den sie mit einer harschen Abwehrreaktion ernten würde, und da sie ein unwilliges Kind nun so gar nicht gebrauchen kann, lächelt sie Alex an und sagt: „Ich weiß es nicht, Schatz, wir fragen sie einfach mal, vielleicht können wir ihr ja helfen.“ Langsam nähert Nina sich der Frau, Alex und Ben fest an der Hand haltend und fragt: „Ist alles ok mit Ihnen?“

Erst als Nina näherkommt, sieht sie den tiefdunklen Fleck an der linken Seite der Kapuze.

Das Beben der Schultern lässt auf ihre Frage hin ein wenig nach, und nach einem langen, zerrissenen Atemzug dreht die Figur sich um.

Unter der Kapuze blinzelt eine auffällig junge schwarzhaarige Frau mit tränenverquollenen Augen zu Nina und ihren Kindern auf.  Sie hat eine Wunde an der linken Schläfe, die teilweise schon mit geronnenem Blut verkrustet ist, aus der aber immer noch frisches rotes Blut fließt. Für einen Laien würde es beängstigend aussehen, aber Nina hat genug medizinisches Grundwissen und Erfahrung, um sicher zu sein, dass es nicht lebensbedrohlich ist. Kopfwunden bluten nun mal stark.

„Ehrlich gesagt“, schnieft sie, „Eigentlich nicht. Ich … Mir ist schlecht, und … Ich weiß nicht, ob ich aufstehen kann.“

Gehirnerschütterung vielleicht? Würde zu der Kopfwunde passen. So gut, dass sie auf Anhieb stumpfen Schlag, Messer oder Streifschuss unterscheiden könnte, kennt Nina sich dann doch nicht aus.

„Ich … hab versucht, nen Krankwagen zu rufen, aber … war besetzt. War kein guter Tag.“

Den letzten Satz sagt sie mit verwirrt zusammengekniffenen Augen und Falten in der Stirn, als würde sie selbst nicht ganz verstehen, wo der herkam.

Nina zuckt zurück und verflucht sich dafür, dass sie mit den Kindern nicht einfach weitergegangen ist. Tief in ihrem Inneren schrillen diffuse Alarmglocken und am liebsten würde sie sich Alex und Ben schnappen und losrennen. Aber was, wenn die Frau ernsthaft verletzt ist?

„Ganz ruhig, das kriegen wir schon hin“, lächelt sie beruhigend. „Sie legen sich jetzt auf den Rücken.. so, sehr gut.. Jetzt legen wir Ihre Beine hoch, das tut dem Kreislauf gut.“ Nina schiebt ihre Tasche unter die Beine der jungen Frau und ihr Blick irrt über den Bahnhofsvorplatz. Sie winkt einem vorbeilaufendem Passanten zu, in der Hoffnung, dass dieser sie bemerkt.

Der einzige Passant wendet seinen Blick schnell ab und eilt weiter.

Die Junge frau lässt sich zwar auf den Boden legen und wehrt sich auch nicht gegen die Tasche unter ihren Beinen, aber Nina hat das Gefühl, dass das weniger an ihrem Einverständnis liegt, als an ihrer möglicherweise gehirnerschütterungsbedingten allgemeinen Verpeiltheit. Ihr alarmierter Gesichtsausdruck und kraftlose Bemühungen, sich wieder aufzurichten, deuten nämlich darauf hin, dass sie sich in der Situation unwohl fühlt.

„Danke, das, aber …“ murmelt sie. „Ich … Können Sie mir helfen, hier wegzukommen?“

Ben und Alex stehen daneben und sehen bewundernd zu, wie ihre Mutter die Schwerverletzte mit wenigen professionellen Handgriffen wieder gesund macht.

„Wegzukommen?!“ Nina guckt etwas fassungslos. Die Frau weiß ganz offensichtlich nicht, was die sagt, vielleicht hat die auch Drogen genommen. „Sie bleiben jetzt liegen und basta. Wir holen Hilfe und Fond gleich wieder da.“ Nina nimmt Alex und Ben und läuft mit ihnen Richtung Bahnhof. Irgendwo muss doch eine Polizeidienststelle sein. Oder eine Bshnhofsmission. Irgendwas oder irgendwer, dem sie diese Angelegenheit aufs Auge drücken kann.

„Nein, nein bitte, warten Sie, können wir das nicht ohne den offiziellen Teil machen? Bitte lassen Sie mich nicht alleine!“

Nina wird nun endgültig nervös. Das läuft alles aus dem Ruder, sie kann jetzt keine stundenlangen Diskussionen gebrauchen. Wenn die Frau noch genug Elan hat, mit ihr zu diskutieren, besteht zumindest keine ernsthafte Gefahr, findet Nina und sagt nur knapp: „Sie warten hier!“

Sie läuft mit Alex und Ben zu einer Bäckereifiliale, die nur wenige Meter entfernt liegt. „Rufen Sie bitte einen Krankenwagen, an der Treppe zu Gleis 9 liegt eine verletzte Frau, die aus einer Kopfwunde blutet.“

Die meisten der Geschäfte am Bahnhof sind geschlossen, aber Nina findet tatsächlich eine Bäckerei, die von einer einsamen Verkäuferin bewacht wird. Die Frau ist sichtlich enttäuscht, dass Nina keine Kundin ist, greif aber doch pflichtbewusst zu einem Mobilteil eines Telefons unter ihrem Tresen. Sie wählt, hält sich den Hörer ans Ohr, stutzt, wählt noch mal.

Alex zupft wieder an ihrem Ärmel. „Wollen wir ihr nicht helfen?“ fragt er.

Diesmal nickt die Verkäuferin zufrieden. Als sie gerade wieder beginnt, ungeduldig zu werden, hellt sich ihr Gesicht plötzlich auf.

„Ja, hallo!“ ruft sie in den Hörer, „Wiener Hofbäcker in der Wandelhalle im Hamburger Hauptbahnhof. Hier steht gerade eine Kundin, die sagt, sie hat an Gleis 9 eine verletzte Frau gefunden, können Sie … Oh. Ja. Nein, weiß ich nicht.“ Sie bedeckt das Mikrofon mit der freien Hand und fragt Nina: „Ist sie schwer verletzt?“

Sie gibt Ninas wahrheitsgemäße Auskunft weiter, dass es zwar schlimm aussieht, aber wohl nicht lebensgefährlich ist, dann hört sie noch kurz zu, will etwas sagen, unterbricht sich aber und legt bestürzt den Hörer wieder zurück.

„Sie sagen, sie wissen nicht, wann sie einen Wagen schicken können, aber sie tun ihr bestes“, sagt sie, selbst ein bisschen ungläubig. „Sie haben gesagt … Wenn jemand hier ist, der Erste Hilfe leisten kann, sollte er das so gut wie möglich tun und auf sie aufpassen. Es kann wohl … dauern.“

Langsam wächst Nina die Situation über den Kopf. Sie hatte sich das alles ganz anders vorgestellt. Nun hängt sie mit Alex und Ben auf einem Bahnhof mit lauter seltsamen Menschen fest, sie hat keine Ahnung, wann Walter wieder da ist, ob Jessi noch in der Waschküche sitzt und was sie mit der verletzten jungen Frau machen soll. Plötzlich hat sie eine Idee. Sie bittet die Verkäuferin höflich um das Telefon und ruft Klaus an. „Klaus? Hier ist Nina. Gut, dass ich dich erreiche. Hast du noch das Auto von deinem Kumpel? Super. Hör zu, ich habe gerade wenig Zeit für Erklrungen, kannst du mich und die Kinder am Bahhnhof einsammeln? Wir sind in der Wiener Hofbäckerei in der Wandelhalle. Ja. Und Klaus? Bitte beieil‘ dich. Danke, ich schulde dir was!“

Nina gibt der Verkäuferin den Hörer und lächelt entschuldigend. „Ist irgendwie ein schwieriger Tag heute.“ Sie wendet sich an Ben und Alex. „Ihr beide bleibt jetzt hier. Setzt euch da hinten an den Tisch und rührt euch nicht von der Stelle. Ich hole jetzt die junge Frau hierher, wir können sie ja schlecht alleine da draußen liegen lassen.“

Die Verkäuferin nickt mitfühlend und sichtbar dankbar, dass sie sich nicht selbst weiter um das Problem kümmern muss.

„Können wir nicht mitkommen?“ fragt Alex.

„Wisst ihr was?“ sagt die Verkäuferin, „Wenn ihr hier wartet, schenke ich jedem von euch einen Berliner … falls das okay ist?“ fügt sie mit einem fragenden Blick zu Nina hinzu.

Nina nickt. „Das ist sehr nett, vielen Dank. Ich bin sofort wieder da.“ Schnell verschwindet sie durch die Ladentür.

Als Nina zurückkommt, steht die Junge Frau so halbwegs aufrecht, schwer auf das Treppengeländer gestützt, und schaut nachdenklich auf die Tasche herab, die vor ihrem Füßen auf dem Boden liegt. Sie bemerkt Nina deshalb erst, als sie direkt vor ihr steht, und weicht unwillkürlich einen unsicheren Schritt zurück.

„Haben Sie jetzt jemanden gerufen?“ fragt sie. „Ich … ich will nicht ins Krankenhaus, ich brauch nur … n bisschen Ruhe.“

„Sie kommen jetzt erst mal mit.“ Resolut legt Nina sich einen Arm der Frau um die Schulter, angelt mit dem Fuß ihre Reisetasche und zieht sie mühevoll in die Bäckerei. „Was ist überhaupt passiert?“ keucht Nina, während sie die Frau auf eine Sitzbank hievt.

Die junge Frau lässt sich gehorsam führen und absetzen. Nachdem Nina mit ihr angekommen ist, versammeln Ben und Alex sich sofort um sie und bestaunend abwechselnd die Verletzte und ihre Mutter.

„Ich … äh … bin in so ne … Demonstration geraten, in der Mönckebergstraße, und … hab einen Pflasterstein abbekommen.“

Es hätte plausibel sein können, wenn da nicht diese auffälligen Pausen gewesen wären, und der unmissverständliche „Verdammt! Was sag ich denn jetzt? Ich muss mir schnell was ausdenken!“-Blick.

„Mir is so schlecht…“

Nina wechselt einen Blick mit der Bäckereiverkäuferin. „Ich bin gleich mit etwas Wasser zurück“, sagt sie und schlüpft hinter den Tresen. „Hören Sie“, sagt Nina sehr leise zu der Verkäuferin, „Ich habe ein Problem: ich kann hier nicht länger bleiben. Ich muss mit meinen Kindern dringend weg. Tun Sie mir den gefallendes kümmern Sie sich um die Frau, ja?“

„Ich weiß nicht“, sagt die Verkäuferin, „Ich muss mich hier um den Laden kümmern, ich kenn mich mit Erster Hilfe nicht aus, und wir haben ja keine Ahnung, wann der Krankenwagen jetzt wirklich kommt… Können Sie nicht-“

„Krankenwagen?“ unterbricht die junge Frau sie. „Ich brauche keinen … Ich kann jetzt nicht … Hören Sie, können Sie mir nicht vielleicht einfach nach Hause helfen? Ist nicht weit, und…“ Sie fummelt umständlich ihre Umhängetasche auf und beginnt, darin herumzukramen. „Ich hab Geld. Ich kann bezahlen. Haben Sie ein Auto? Ich glaube … Ich …“

Sie hält sich eine Hand vor den Mund, aber es nützt nichts. Ein Schwall Erbrochenes ergießt sich über ihre Finger, ihre graugrüne Cargohose und die orangegestreiften Nike-Laufschuhe. Alex und Ben weichen erschrocken zurück und stoßen laute Ausrufe des Ekels aus, in denen Spuren von faszinierter Begeisterung über das Abenteuer mitschwingen.

„Na toll…“ murmelt die Verkäuferin.

„Scheiße…“ keucht die junge Frau, und wischt sich mit dem Ärmel über den Mund. „Das tut mir leid. Ich … Können Sie mich nach Hause bringen, bitte?“

Nina spürt, wie die Panik sich einen Weg nach draußen sucht. Angewidert betrachtet sie das Erbrochene. Wer weiß, was diese Frau hat, hinterher ist es etwas Ansteckendes. Nina weicht langsam zurück. Ihr Mund ist trocken, das linke Augenlid zuckt unkontrolliert. „Ich… das ist… es tut mir leid!“ Nina reißt Alex und Ben an sich und zerrt sie aus der Bäckerei. „Los, schnell! Raus hier!“ Sie rennt mit den Kindern zum Ausgang und betet, dass Klaus bereits auf dem Parkplatz auf sie wartet.

„Ich … Nein! Sie können mich doch nicht …!“

„Hey, Sie können doch nicht einfach so abhauen, was soll ich denn jetzt mit der machen?“

Nina ignoriert die Rufe der Verletzten und der Verkäuferin ebenso wie das aufgeregte Geplapper und den Widerstand ihrer Kinder.

Auf dem Parkplatz ist vorerst außer der ungefähr gleichen Mischung von Demonstranten wie vorhin und einem verwaisten Bus mit offener Tür niemand zu sehen, jedenfalls kein Klaus. Dafür hört sie von der anderen Seite des Bahnhofs vages Geschrei, Ansagen durch Lautsprecher, Gesänge und hin und wieder einen Knall.

„Können wir ihr nicht helfen, Mama?“ fragt Alex noch mal schüchtern. „Ich glaub, die ist nett.“

„Bäh eeeeeeklig!“ ruft Ben.

„Ben, was ist eklig?“ Nina sucht immer wieder mit Blicken den Parkplatz ab. Wo bleibt Klaus? Den Lärm im Hintergrund registriert sie nicht wirklich, sie ist zu angespannt. Was, wenn Klaus nicht auftaucht? Taxis sind keine mehr zu sehen, Züge fahren offenbar auch nicht, der Notruf ist überlastet. Nina dreht sich um und blickt auf den Bahnhof. Langsam wird ihr klar, dass etwas Außergewöhnliches im Gange ist. „Jungs, Klaus ist noch nicht da. Ich will gerne mal hören, was sie in den Ansagen im Bahnhof sagen. Wir gehen noch einmal kurz rein.“„Helfen wir der Frau doch noch?“ fragt Alex. „Du hast ihr so toll geholfen, warum mussten wir plötzlich los?“

„I-bäh!“ sagt Ben.

Die automatischen Lautsprecherdurchsagen des Bahnhofs bieten nichts Hörenswertes, nur gelegentliche Computerstimmenhinweise, dass dieser Zug ausfällt und jener sich auf unbestimmte Zeit verspätet. Ein Arko-Laden steht offen und verlassen, und ein Obdachloser steckt sich die Taschen seines Mantels voll mit Pralinen und Schaumgummi.

„Guck mal!“ ruft Alex und zeigt mit dem Finger auf ihn. „Der klaut!“

„Ja“, sagt Nina, „das darf man nicht.“ Sie entdeckt einen Schaffner, der gerade von einem der Gleise kommt, und steuert zielstrebig auf ihn zu. „Können Sie mir sagen, was hier los ist?“

Der Mann zuckt die Schultern, murmelt irgendwas von Reisebeschränkungen und Störungen im Betriebsablauf und Signalfehlern und verschwindet hinter einer Tür, die sich nur Eingeweihten mit Schlüssel öffnet.

Nina guckt etwas verdutzt. Sie hat von diesem Bahnhof mittlerweile gründlich die Nase voll. Sie kommt sich reichlich albern vor, als sie mit den Kindern erneut zum Parkplatz vor dem Bahnhof läuft und ist erleichtert, als sie Klaus entdeckt, der neben dem Auto seines Schwagers steht und unruhig von einem Bein aufs andere tritt.

Klaus winkt ihr zu und kommt ihr ein Stück entgegen.

„Was macht ihr denn hier am Hauptbahnhof?“ fragt er hustend, ohne sich eine Hand oder irgendwas anderes vor den Mund zu halten.

Als er die Tür zu den Rücksitzen für die Kinder öffnet, erstarrt Nina. Auf der gegenüberliegenden Seite sitzt die junge Frau mit dem blutigen Hoodie. Sie hat ihren Kopf an die Scheibe gelehnt und starrt aus dem Fenster, anscheinen ohne die Ankunft von Nina, Ben und Alex auch nur zu bemerken.

„Mach dir keine Gedanken“, raunt Klaus ihr zu, hustet, und ergänzt: „So’ne Frau mit Schürze hat die gerade hier rausgebracht, als ich ankam. Die hat mir 150 Euro gegeben, bloß damit ich sie kurz am Dimpfelweg rumfahre, kannst du dir das vorstellen?“

Er greift in seine Hosentasche und zeigt Nina eine Handvoll zerknitterter scheine, bis über beide Ohren grinsend, völlig begeistert von seiner eigenen Geschäftstüchtigkeit.

Nina fragt sich, wann sie aus diesem seltsamen Traum endlich aufwachen wird. Sie hätte es nie für möglich gehalten, aber fast vermisst sie Jessi. Das alles hier ist um ein Vielfaches nerviger als zehn Jessis auf einmal.

Nina verfrachtet Alex auf den Beifahrersitz und setzt sich auf der Rückbank in die Mitte, damit keines der Kinder direkt neben dieser ominösen Frau sitzen muss.

„Dimpfelweg? Ist da nicht das Universitätskrankenhaus?“

Die junge Frau dreht sich zu ihr um und blinzelt Nina mit müden verheulten Augen an.

„Nee, da wohn ich“, sagt sie. Und dann nach einer Pause: „Sind Sie nicht die von vorhin, mit den beiden …? Ja klar. Sie sind einfach abgehauen!“

Sie sagt das mit echter Entrüstung, als wäre es das schlimmste und erstaunlichste, was ihr den ganzen Tag über passiert ist.

„Wir wollten dir helfen!“ ruft Alex. „Echt.“

„I-bäh!“ sagt Ben.

Tatsächlich riecht es im Auto unangenehm nach Erbrochenem.

„Ich bin nicht abgehauen, ich musste weg.“ Nina knibbelt nervös an ihrem rechten Daumennagel. „Klaus, können wir los? Ich.. habe es etwas eilig.“

„Jaja, schon gut, geht los.“

Er lässt den Motor an und fährt vorsichtig durch die Menge der Demonstranten. Einige schauen böse, manche rufen, aber niemand tut irgendwas Bedrohliches.

Die verletzte junge Frau schließt die Augen, seufzt und lehnt ihren Kopf zurück.

„Falls Sie sich Sorgen machen, dass ich Sie anstecke“, murmelt sie, „Müssen Sie nicht. Ich bin immun.“

„Was heißt ihmon?“ fragt Alex.

„Stinkt“, murmelt Ben leise.

„Immun wogegen?!“ fragt Nina und rückt unwillkürlich ein Stück zur Seite.
„Die Grippe. Oder was das ist“, antwortet die Frau, ohne ihre Augen zu öffnen. „Wer immun ist, kann sie auch nicht übertragen. Außerdem ist sie harmlos. Nur ein bisschen Schnupfen, Husten, Gliederschmerzen. Warum sind Sie so nervös?“

Nina ignoriert die Frau. „Klaus, ist es noch weit?“ Sie versucht, möglichst flach zu atmen i d wendet ihr Gesicht ab. Nina hat das Gefühl, sich überall kratzen zu müssen. Jetzt eine Dusche, danach gemütlich zuhause auf dem Sofa sitzen, etwas trinken und dabei fernsehen. Aber stattdessen sitzt sie auf der Rückbank eines fremden Autos und hat keine Ahnung, wo sie heute Abend sein wird und wie das alles weitergehen soll.

„Ach was, wir sind gleich da!“ antwortet Klaus mit bemühter guter Laune. „Höchstens fünf Minuten.“

Immerhin sind die Straßen einigermaßen frei.

„Fahren wir jetzt alle zusammen zu Oma?“ fragt Alex.

„Will nach Hause“, grummelt Ben. „Stinkt.“

„Ja, mein Schatz, es

gibt Probleme mit der Bahn, deshalb fährt

Klaus uns hin.“ Nina guckt Ben an. „Was stinkt, Ben?“

„Die Luft hier.“

„Moment mal“, sagt Klaus, „Also, ich dachte, ich soll euch nur nach Hause bringen! Wo wohnt denn deine Mutter?“

Ohne ersichtlichen Grund beginnt die junge Frau neben Nina plötzlich wieder zu weinen. Sie beugt sich vor, vergräbt ihr Gesicht in ihren Händen und wimmert.

„Klaus, bitte! Wir müssen nur kurz…“ Nina stockt und blickt auf die junge Frau. „Lass uns erst mal dieses Bündel Elend zu Hause absetzen, dann reden wir in Ruhe.“
„Mama, was heißt ihmon?“

„Immun heißt, dass du dich nicht anstecken kannst.“
„Magst du die Frau nicht?“

„Ich kenne sie doch gar nicht, Alex.“

„Kennst du denn den Mann mit dem Auto?“

„Das ist Klaus, mein Nachbar.“

„Magst du Klaus?“

Nina streicht Alex über den Kopf. „Er ist nett.“

„Ich find die Frau aber auch nett.“

„Bäh eklig“, sagt Ben.

„Sie kann doch nichts dafür, wenn sie krank ist.“

Nina hofft, dass Klaus bald wieder kommt. Zerstreut sucht sie in ihrer Tasche nach etwas Essbarem für die Kinder, findet aber nur einen etwas zerdrückten Müsliriegel.

Es vergehen noch ein paar Minuten peinlichen Schweigens, in denen Ben hin und wieder ostentativ schnüffelt und sich dann die Nase zuhält, bis Klaus schließlich zurückkehrt – noch immer mit der Verletzten. Ihr laufen immer noch Tränen über die Wangen, und sie stützt sich schwer auf ihn. Sie murmelt irgendetwas, aber Nina kann sie nicht verstehen.

„Ihr Schlüssel ist weg“, erklärt Klaus. Es ist ihm sichtlich unangenehm. „Ich denke … Ich meine, wir können sie ja nicht einfach im Flur liegen lassen, oder?“

Nina ist sich nicht ganz sicher, wie viel von Klaus‘ Hilfsbereitschaft aus ethischen Erwägungen rührt, und wie viel davon, dass diese junge Frau, die unter den Tränen und dem Blut erkennbar sehr hübsch und gut geformt ist, sich so eng an ihn schmiegt.

Sie mustert die junge Frau angewidert. Wer weiß, was sie hat? Im Übrigen hat Nina keine Lust mehr auf das ganze Theater. Seitdem sie mit den Kindern das Haus verlassen hat, geht alles schief. Sie nimmt ihre Tasche, schiebt Ben nach draußen und lächelt Alex aufmunternd an. „Nichts für ungut, Klaus, aber da vorne ist eine Tankstelle. Wir nehmen uns besser ein Taxi.“

„Aber … Aber …“ Er schaut ratlos von Nina zu der Verletzte zu den Kindern zu seinem Auto. „Wieso denn? Ich kann euch doch mitnehmen, und … Wer weiß, ob ihr überhaupt noch eins kriegt? So bekloppt, wie hier gerade alles ist, ist vielleicht nicht mal die Tankstelle geöffnet. Was hast du denn?“

„Keine Lust, den Tag in einem Krankentransporter zu verbringen“, schnauzt Nina ihn an.

„ICH BIN NICHT ANSTECKEND!“ schreit die junge Frau mit sich überschlagender Stimme. Sie stößt sich von Klaus ab, taumelt ein paar Schritte auf den Wagen zu und sinkt schließlich auf dem Gehweg auf die Knie. „Ich bin nicht ansteckend“, wiederholt sie, jetzt leise und ziemlich jämmerlich, und fügt nach ein paar zerrissenen Atemzügen mit mühsam gewonnener Fassung hinzu: „Ich hab mir nur den Kopf angeschlagen, sonst ist alles in Ordnung. Warum glauben Sie mir denn nicht? Ich hab doch … Ich …“

Sie verstummt.

Klaus steht ratlos hinter ihr, die Arme halb ausgestreckt, um ihr wieder auf zu helfen, aber mit einem besorgten Blick in Richtung Nina.

„In dem Zustand kann man sie nicht alleine in ihrer Wohnung lassen.“ Nina beäugt die junge Frau erneut. „Klaus, bitte! Dann lad‘ sie an der Uniklinik ab. Ich…“ Sie rückt näher an Klaus heran, damit niemand außer ihm ihre nächsten Worte hören kann. „Ich habe Angst, dass sie die Jungs mit irgend etwas ansteckt.“ Und mich auch, fügt sie in Gedanken hinzu. „Bitte!“

„Ich … Ich meine … Ich kann auch noch mal den Schlüsseldienst versuchen“, schlägt er vor.

Er schaut besorgt zu der zusammengekauerten Gestalt auf dem Gehweg hinter sich.

„Aber sie hat doch gesagt … Ja na gut … Wenn du meinst …“

Er hilft ihr wieder ins Auto, setzt sich selbst hinters Steuer und fährt los, in Richtung der Klinik.

„Danke“, sagt die Verletzte. „Ich … Können Sie vielleicht … Ich weiß, dass das viel verlangt ist, aber ich glaube, morgen geht’s mir schon wieder besser … Kann ich vielleicht … irgendwo bei Ihnen bleiben über Nacht? Morgen sind Sie mich dann los, versprochen.“

Klaus dreht sich kurz zu Nina um, wartet aber nicht auf ein Signal von ihr, bevor er antwortet: „Eigentlich haben wir gedacht, dass es besser für Sie ist, wenn wir Sie in ein Krankenhaus bringen, damit Sie -“

Sie lacht bitter auf, beginnt ihren Kopf zu schütteln, zuckt zusammen und hört sofort wieder damit auf.

„Waren Sie in den letzten Tagen mal in einem Krankenhaus? Da wäre ich bei mir im Flur besser aufgehoben. Im UKE haben die Betten in die Tiefgarage gestellt, wussten Sie das? Und als ihnen die ausgingen, haben sie angefangen, die Leute auf Matratzen auf den Boden zu legen. Ich brauch wirklich nur n bisschen Ruhe. Ehrlich.“

Klaus stöhnt und wischt sich mit einer Hand durchs Gesicht.

„Okay“, sagt er, „Mir ist das jetzt alles egal. Ich fahr jetzt zu uns nach Hause, und dann können Sie da auf dem Sofa schlafen – mir doch egal, was Susanne sagt“, wirft er murmelnd ein, wahrscheinlich mehr zu sich selbst als für seine Zuhörer, „Und dann können wir uns überlegen, was wir mit euch machen? Okay?“

„Das wäre wundervoll! Vielen Dank!“

Die junge Frau strahlt, als würde sie zum ersten Mal in ihrem Leben einen Weihnachtsbaum sehen.

Nina schweigt resigniert und nimmt sich vor, Walter anzurufen, sobald sie Zuhause ist.

Es dauert eine ganze Weile, fast eine Stunde, bis sie das Mietshaus erreichen. Einige Straße sind gesperrt, und Klaus muss mehrere Umwege fahren, bis er schließlich nach Hause gefunden hat.

Er findet keine Parklücke, hält schließlich in der Feuerwehreinfahrt und dreht sich zu Nina um.

„Du, sag mal, oder könnten wir nicht vielleicht … Ich meine, du weißt ja, wie Susanne immer ist, und wenn ihr sowieso nach Berlin …?“

Nina nickt ergeben. „Aber du musst nach ihr sehen, ich gebe dir dann meinen Schlüssel. Die Jungs und ich müssen zu Walter, wenn die Reise nicht klappt.“

„Klar, das mach ich dann.“

„Ist schon gut“, murmelt die Verletzte. „Das geht schon, ich brauch bloß ein bisschen Ruhe.“

Klaus hievt sich aus dem Auto, öffnet ihre Tür, lässt sich Ninas Schlüssel geben und hilft der Frau auf die Beine.

„Soll ich euch noch was mitbringen?“

„Können wir mit?“ fragt Alex.

Nina fallen die Katzen ein. Die hatte sie komplett vergessen. „Klaus, kannst du dich bitte um die Katzen kümmern? Und in der Küche liegen Zigaretten, auf der Anrichte.. könntest du? Wir warten hier.“

„Klar, ich kümmer mich drum.“

Während Nina mit den beiden Kindern wartet, fährt langsam ein Schützenpanzer am Auto vorbei, was die beiden völlig begeistert und sämtliche Langeweile beseitigt, bis Klaus nach rund zwanzig Minuten zurückkehrt. Er sieht aus wie ein geprügelter Hund und braucht mehrere Ansätze, bevor er schließlich sagt: „Nina, da oben … ist so ein komisches Mädchen, das sagt, dass du es im Keller eingesperrt hast, und die Kinder… also, die spinnt doch, oder? Ich hab ihr jetzt gesagt, dass ich von nichts weiß und nur deine Katzen füttern soll. Son komischer Schlabberpulli, zerrissene Jeans, Piercings. Kennst du die? Ach Schei…“ Sein Blick fällt auf Alex und Ben. „benkleister Ich hab die Zigaretten vergessen.“

„Kommt Jessi doch mit?“ fragt Alex freudig überrascht.

„Klaus, wann hast du zuletzt Nachrichten gehört? Da ist gerade ein Panzer an uns vorbei gerollt?!“

„Keine Ahnung. Wahrscheinlich irgendein Manöver, oder wasweißich. Aber was ist mit dieser anderen Sache? Dieses Mädchen spinnt doch, oder? Du hast nicht wirklich…?“

„Das ist eine lange Geschichte… Ich gehe gleich mal hoch. Wo ist die kranke Frau?“

„Die liegt auf deinem Sofa. Ich hab… ein Laken aufgezogen vorher. Ich bin nicht sicher, ob du da hingehen solltest. Das Mädchen scheint ziemlich sauer zu sein…“

Nina schweigt. Sie geht in ihrem Kopf alle Optionen durch, die ihr einfallen. Alleine die Vorstellung, mit Jessi UND der Verrückten in einem Raum zu sein, macht sie nervös.

„Klaus, wie voll ist dein Tank?“

„Nina, tut mir leid, aber ich weiß wirklich nicht… Ich kann doch nicht einfach …

Was hast du vor?“

„Hast du oder hast du nicht?“ Nina guckt Klaus flehend an. „Ich kann da jetzt nicht hoch, ich.. ich hab Mist gebaut… Ich muss dringend nach Berlin.“ Sie flüstert fast, damit Alex sie nicht hört.

„Du hast nicht wirklich die beiden einfach …?“ flüstert er zurück. „Das kann doch nicht dein Ernst sein!“

„Ich.. sie ist furchtbar und Walter war nicht da und da dachte ich..“ Nina merkt, wie ihr die Tränen kommen und versucht, sich nichts anmerken zu lassen. „Ich wollte mit ihnen nur nach Berlin, zu meiner Mutter. Für ein paar Tage.“ Sie beginnt leise zu weinen.

„Scheiße…“ murmelt er und legt hilflos einen Arm auf Ninas Schulter. „Weißt du, das … Ich kann dir mein Auto nicht geben. Ich bin vorbestraft wegen dieser Sache mit Susanne, und wenn die mitkriegen, dass … Ich kann mich da nicht reinhängen, sorry. Ich geh in den Bau dafür. Aber … Kannst du nicht vielleicht mit ihr reden? Wenn du ihr erzählst, dass das alles ein Missverständnis war…? Wer ist die denn überhaupt?“

Nina unterdrückt den Impuls, Klaus‘ Arm abzuschütteln. „Du müssest uns nur fahren, Klaus, bitte! Ich.. dieses Mädchen ist angeblich nur der Babysitter, aber ich glaube, da steckt mehr dahinter. Ich kann nicht da rein!“

Er sieht sie lange nachdenklich an.

„Ich bin auf Bewährung“, flüstert er. „Ich kann dir nicht helfen, deine Kinder zu … Die sperren mich ein, Nina. Kann ich nicht vielleicht noch mal mit ihr reden? Ich mein, sie hat nicht die Polizei gerufen. Vielleicht heißt das was.“

Nina guckt Klaus zweifelnd an. „Du willst mit ihr reden?“

„Naja, ich dachte .. Ich kann zu ihr gehen und sagen, dass ich dich angerufen habe, oder so … Und dann seh ich ja, wie sie reagiert. Vielleicht freut sie sich einfach nur, wenn die Kinder .. Also, ich weiß ja nicht, was du vorhast, aber … Du weißt doch auch, dass es so nicht geht, oder? Ich meine, was willst du denn machen, sogar wenn dus nach Berlin schaffst?“

„Ich wollte meine Mutter besuchen. Mit den Kindern in den Zoo gehen. Einfach ein paar ruhige Tage haben.“ Nina guckt ratlos. „Ich war wohl etwas impulsiv, was?“

„Kann ja mal passieren“, sagt Klaus, mit einem bemühten, aber gut gemeinten Lächeln. „Aber vielleicht kriegen wir das ja wieder hin, hm? Ich erkläre der eben, dass du es nicht böse gemeint hast und … irgendwas Dringendes mit den Kindern erledigen musstest, und jetzt bist du eben wieder da. Oder so. Was meinst du?“

„Und deshalb habe ich sie in der Waschküche eingesperrt? Die ist doch nicht bescheuert.“

„Hmja… Ich kann ihr ja sagen, dass dir das leid tut, und es nur ein Witz sein sollte, oder so?“

Nina fragt sich, wie naiv ein Mensch sein kann. Und sie fragt sich, wieso Jessi keine Polizei gerufen hat. Wie ist sie aus dem Keller gekommen? Wo ist Walter? Sie nimmt Alex und Ben an die Hand. „Kommt Jungs, gucken wir mal, was Jessi macht?“

Klaus folgt ihr, offensichtlich vage schuldbewusst. Die beiden Kinder hingegen sind gut gelaunt und freuen sich darauf, Jessi wieder zu sehen.

Oben in Ninas Wohnung liegt erwartungsgemäß die verletzte junge Frau auf dem Sofa und schläft entweder oder liegt jedenfalls mit geschlossenen Augen und halb offenem Mund da.

Offenbar hat sie – mit ohne ohne Hilfe – ihre Kleidung notdürftig von dem Erbrochenen gereinigt.

Auf der Armlehne am derzeitigen Fußende des Sofas sitzt Jessi und tippt mit grimmig zusammengekniffenem Mund auf ihrem Telefon herum. Als sie zur offenen Tür aufblickt und Nina und die Kinder hereinkommen sieht, springt sie auf.

Sie geht zwei Schritte auf Nina zu, bevor ihr klar wird, dass sie keine Ahnung hat, was sie eigentlich machen will, wenn sie bei ihr angekommen ist, und dass Nina viel größter ist als sie, und sie schon mal angegriffen hat, dass dieser kräftige Typ da neben ihr wahrscheinlich auch auf Ninas Seite ist.

„Ich … äh …“ beginnt sie, und fragt schließlich in ausgesprochen zahmem Tonfall: „Warum haben Sie das vorhin gemacht?“ Nach einer kurzen Pause und einem Blick über ihre Schulter zum Sofa fügt sie hinzu: „Und wer ist das da eigentlich?“

Nina registriert erstaunt und erfreut, dass Jessi offenbar nicht auf Ärger aus ist. Sie hat keine Lust auf weitere Schwierigkeiten und beschließt daher, es mit Jessi auf die freundliche Art zu versuchen. „Es tut mir leid, da sind die Gäule mit mir durchgegangen. Du warst so.. du hast mich.. ach, schon gut. Sagen wir einfach, ich hatte einen verdammt schlechten Tag.“ Sie streckt Jessi spontan die Hand entlegenen. „Entschuldigung! Können wir nicht einfach noch mal von vorne anfangen?“

Jessi schaut verwirrt auf Ninas ausgestreckte Hand.

„Sie haben mich im Keller eingesperrt. Und dann haben Sie einfach die beiden Kinder genommen und…“

Sie lächelt versonnen und schüttelt den Kopf.

„Eigentlich ne ganz witzige Aktion. Und was ist denn jetzt mit der auf dem Sofa? Wollen Sie für die Lösegeld erpressen, oder hat sie Sie nur komisch angeguckt?“

„Die haben wir gefunden.. ist eine längere Geschichte. Sag mal, weißt du, was da draußen momentan los ist? Eben kam hier ein Panzer vorbei.“

„Gefunden?“ Jessi fragt sich sichtlich, wie sehr sie hier gerade auf den Arm genommen wird. „Von Panzern weiß ich nix. Vielleicht wegen der Demos in der Innenstadt? Manchmal setzen die Cops doch da welche ein.“

„Jessi, irgendwas stimmt nicht. Wir wollten für sie einen Krankenwagen rufen, man hat uns gesagt, es kann keiner kommen. Züge fahren nicht. Lass uns Nachrichten gucken. Oder im Internet.“

“ Ich hab gerade mal versucht, aber auf meinem Handy hab ich keine Verbindung. Haben Sie hier einen Fernseher?“

Nina schaltet ihren Fernseher ein und setzt sich auf das Sofa.

„… kam die kleine Eluina auf die Welt. Wie alle neugeborenen Giraffenbabys musste das bereits 1,70 große Mädchen als erste Erfahrung einen Sturz aus zwei Metern Höhe …“

„Kevin! Kevin! Jetzt beruhig dich erst mal und lass die Nadine auch mal zu Wort …“

“ … wird der gigantische Flugzeugträger mit der Bevölkerung einer Kleinstadt von einem Atomreaktor …“

Immerhin läuft auf n-tv während der Flugzeugträgerreportage unten im Bild ein Textband mit, das mit viel Geduld schließlich auch ein paar magere Informationen über die aktuelle Lage bietet:

„Bundesregierung empfiehlt Bürgern, zu Hause zu bleiben und nicht notwendige Besorgungen aufzuschieben. Auch Arbeitnehmer sollen bis zur Entwarnung nach Möglichkeit ihre Wohnung nicht verlassen. +++ Nach Urteil des Obersten Gerichtshofes: Bald Brangelina-Hochzeit? +++ Krawalle in London wegen Quarantäne-Maßnahmen +++ Indischer Präsident Mukherjee ruft Bevölkerung zu Geduld und Besonnenheit auf +++ E-Coli: Forscher warnen vor Fertigsalaten aus dem Supermarkt +++ Sommergrippe oder Terroranschlag: Expertenrunde auf n-tv ab 19:50 Uhr“

„Quarantäne? Zuhause bleiben?“ Nina guckt Jessi und Klaus verunsichert an. „Was Ansteckendes?“ Sie guckt auf die kranke Frau und weicht ein Stück zurück Richtung Tür.

Alex und Ben folgen Nina, ohne zu verstehen, was los ist und ebenfalls mit fragenden Blicken in Richtung Jessi.

„Na, von der Grippe werden Sie doch wohl was mitbekommen haben“, sagt die.

„Eine Grippe, wegen der Quarantäne herrscht und Panzer fahren?!?“

„Naja…“ sagt Jessi, „Haben Sie das damals mit der Vogelgrippe mitgekriegt? Wir haben in der Schule gelernt, dass eine echte große Grippepandemie echt bedrohlich sein kann, und wenn wirklich schon so viele infiziert sind …“ Sie zuckt die Schultern. „Wer weiß, was die Bonzen sich dann ausdenken, um ihre Pfründe zu schützen.“

Nina zieht Jessi zur Seite. „Sie wird uns alle anstecken.“ Sie zeigt auf die kranke Frau. „Wir müssen uns was einfallen lassen.“

„Hat sie denn überhaupt die Grippe?“ fragt Jessi skeptisch. „Sie hat weder geniest noch gehustet.“

„Sie kotzt und sie ist völlig neben sich.“

„Von Erbrechen hab ich da aber noch nichts gehört. Kann nicht auch ihr Loch im Kopf was damit zu tun haben?“
„Worüber redet ihr denn?“ fragt Klaus.

„Sie ist vollkommen neben sich, irgendwas stimmt nicht mit ihr.“

„Vielleicht können wir sie im Keller einschließen und hoffen, dass sich das Problem irgendwie von selbst erledigt?“

„Sehr witzig!“ faucht Nina. „Kannst du eigentlich noch was anderes außer blöden Sprüchen?“

Für eine Sekunde wirkt Jessi eingeschüchtert, aber dann ziehen sich ihre Brauen zusammen und sie faucht zurück: „Sie haben mich im Keller eingesperrt und Ihre eigenen Kinder entführt! Wenn Sie glauben, dass ich das ein paar Stunden später schon wieder vergessen habe, dann sind Sie auf dem Holzweg! Schlagen Sie doch was vor, was wir mit der Frau machen sollen?“

„Fangt jetzt nicht an rumzukeifen!“ sagt Klaus, „Ich hasse das. Was ist denn los?“

Die Kinder schauen bedröppelt im Raum herum.

„Klaus“, sagt Nina bemüht geduldig, „da draußen braut sich irgendwas zusammen, eine Grippeepidemie oder so. Wir müssen uns was einfallen lassen.“ Sie wendet sich an Jessi. „Wo ist eigentlich Walter ?“

„In Frankfurt.“

„Gerade deshalb sollten wir jetzt nicht anfangen, miteinander zu streiten“, grummelt Klaus.

„Was… Wasisdennlos?“ murmelt die Frau auf dem Sofa und blinzelt verwirrt in den Raum.

„Was hat denn das eine mit dem anderen zu tun?“

Nina beobachtet die Frau. Das Sofa ist bestimmt schon total kontaminiert. Warum kann ihr Leben nicht einfach langweilig sein dir bei anderen Menschen?

„Bleiben Sie am besten einfach liegen!“

„Na … Ich meine … Wegen der Situation“, sagt Klaus.

„Was schlagen Sie denn vor?“ fragt Jessi.

Die Frau auf dem Sofa bleibt einfach liegen und schweigt vorerst.

„Ich finde, sie schuldet uns jetzt erst mal ein paar Erklärungen. Wer sie ist und woher ihre Verletzungen kommen. Bisher ist sie nicht sehr gesprächig gewesen.“ grummelt Nina.

„DashabichIhnendochallesschonerklärt“, schlurrt die Verletzte.

„Sie ist von einem Dämon mit einem Stein gehauen worden“, erklärt Alex mit gewichtigem Kopfnicken.

„Alex, jetzt nicht.“ Nina guckt die Frau an. „Gar nichts haben Sie mir erklärt. Also? Was ist passiert?“

„Habichdochschongesagt…“

Sie stöhnt, manövriert ihre Beine vom Sofa auf den Boden und bringt sich so umständlich in eine sitzende Position. Mit einer Hand hält sie ihren Kopf, während sie nach einem weiteren leidenden Seufzen erklärt: „Ich bin in der Innenstadt in eine Demonstration geraten und hab einen Pflasterstein abbekommen.“

„Hab ich doch gesagt!“ kräht Alex empört.

„Kann mich nicht mal mehr erinnern, wie ichs bis zum Bahnhof geschafft habe, aber da haben Sie mich dann gefunden. Und glauben Sie mir doch endlich, ich bin nicht krank, ich hab nur ne Gehirnerschütterung, ehrlich! Hören Sie mich husten?“

Nina guckt hilfesuchend zu Klaus und dann zu Jessi. „Mir gefällt das alles nicht.“

„Das ist aber schade“, sagt Jessi, „Wo wir anderen doch alle so viel Spaß haben.“

Klaus schaut hilflos zwischen Nina und der Verletzten hin und her.

„Was ist, wenn wir einen Arzt rufen?“ fragt er schließlich.

Jessi und die Frau auf dem Sofa schnauben beinahe gleichzeitig ein Lachen.

„Sie müssen sich echt keine Sorgen machen“, sagt die Verletzte. „Erstens bin ich immun, und zweitens sind Sie es garantiert auch. Glauben Sie nicht, wenn Sie die Grippe kriegen könnten, hätten Sie sie schon?“

„Aber die haben doch gesagt, man soll im Haus bleiben, um sich nicht anzustecken“, widerspricht Klaus.

Diesmal schnaubt nur Jessi abfällig. „Ja klar“, sagt sie. „Wenn die Regierung das sagt, muss es ja stimmen, ne?“

„Woher wollen Sie eigentlich wissen, dass Sie immun sind?“

Sie zögert kurz, bevor sie antwortet: „Ich wurde getestet. Und außerdem hab ich die Krankheit nicht. Tut mir leid, ich will echt nicht unfreundlich sein, das ist schließlich Ihre Wohnung, und ich bin Ihnen dankbar, aber … Ich fühl mich diesem Verhör echt nicht gewachsen gerade.“

„Getestet? Von wem? Und wieso?“ Nina guckt die Frau skeptisch an. „Ihr könnt rhig auch mal was sagen“, faucht sie Klaus und Jessi an. Sie fühlt sich hilflos, der Situation ausgeliefert. Und sie hat keineAhnung, was sie tun soll, geschweige denn, wie die Geschichte weitergehen soll.Walter, denkt sie plötzlich, ja Walter, der hätte sofort gewusst, was zu tun ist.

Die Frau seufzt und schaut zweifelnd in die Runde.

„Ich bin Polizistin“, sagt sie.

Jessi stöhnt und verdreht die Augen.

„Ich glaub, die haben uns alle getestet, um zu wissen, wie sie planen können, für … den Ernstfall.“

Nina schnaubt. „Polizistin, klar. Deshalb haben wir Sie auch verletzt und in Zivil alleine gefunden. Verarschen kann ich mich alleine.“

„Wir verbringen nicht unser ganzes Leben in Uniform, wissen Sie? Wir haben auch mal frei. Moment…“

Sie sieht sich kurz nach ihrer Umhängetasche um, findet die neben dem Sofa, kramt darin, bis sie ihr Portemonnaie gefunden hat und zieht eine kleine Kunststoffkarte hervor. Sie hält sie Nina entgegen.

„Freie und Hansestadt Hamburg

POLIZEI

DIENSTAUSWEIS

Dohms

Christina

Nr. 629114“

„Na toll“, murmelt Jessi. „Und ich hab mich noch für sie eingesetzt.“

„Das.. es tut mir leid..“ stammelt Nina. Sie hat von Kindesbeinen an gelernt, dass die Polizei zu den Guten gehört und dementsprechend großen Respekt vor den Beamten. „Sie.. Sie waren nur so seltsam und da draußen ist auch alles komisch.. da dachte ich, man weiß ja nie.“ Sie verstummt abrupt und kommt sich reichlich dumm vor.

„Ach, und jetzt kann sie auf einmal nicht mehr krank sein, oder was?“ fragt Jessi.

„Machen Sie sich keine Sorgen“, sagt Christina Dohms, „Sie wollten ja nur vorsichtig sein, und ich versteh das alles auch nicht, aber … macht es Ihnen was aus, wenn ich mich wieder hinlege und versuche, ein bisschen zu schlafen? Ich fühl mich echt nicht gut.“

„Pfff!“ macht Jessi. „Als ob ihr irgendwann mal Rücksicht genommen hättet, wenn ich sowas gesagt hab!“

„Sind Sie echt von der Polizei?“ fragt Alex. „Haben Sie auch einen Colt?“

„Ja sicher.. aber gibt es niemandem, den wir anrufen sollten? Und Ihr Kopf.. vielleicht sollte sich das besser mal jemand ansehen?“

„Nein Nein, schon gut.“ Sie schwingt ihre Beine zurück auf das Sofa, lehnt sich zurück und schließt die Augen.

„Sie ist ein ganz anderer Mensch, seit sie Ihnen diesen Ausweis gezeigt hat, hm?“fragt Jessi.

Nina nickt zerstreut. Sie hätte jetzt furchtbar gerne eine Zigarette und ein Bier, aber mit Ben und Alex ist das unmöglich. Außerdem fürchtet sie Jessis Blicke.

„Ihr habt doch sicher Hunger, Jungs. Ich gehe schnell zum Supermarkt und hole was zu essen. Ihr könnt solange mit Jessi etwas fernsehen.“

„Ähm“, sagt Jessi, „Wenn das jetzt wieder so eine Aktion wird, bei der sie irgendwann übermorgen erst wieder auftauchen: Jessi sieht gerne kurz mal noch mit den beiden fern, aber Jessi muss auch irgendwann nach Hause und weiß noch nicht, wie sie das überhaupt hinkriegt, weil das mit Bus und Bahn gerade ziemliche Glückssache ist.“

„Ich kann ja sonst auch auf die beiden aufpassen“, sagt Klaus.

Alex schaut den fremden Mann zweifelnd an.

„Ich gehe wirklich nur kurz einkaufen! Ninas Bedarf an weiteren Komplikationen ist sichtbar gedeckt. „Klaus kann gerne mitkommen.“

„Ich gehe dann einfach, wenn Sie nicht wiederkommen“, sagt Jessi. „Ich lass die beiden dann halt alleine. Mir doch egal.“

„Ich kann dir gern tragen helfen.“

„Komm, Klaus, wir gehen.“ Nina guckt Jessi giftig an. „Bis gleich, Jungs, ih beeile mich.“

Aufatmend zieht Nina die Wohnungstür hinter sich zu. „Ich brauche jetzt erst mal ein Bier und eine Zigarette.“

„Bist du sicher, dass das ne gute Idee ist?“ fragt Klaus. „Wegen der beiden, mein ich?“

„Das ist eine prima Idee. Sonst kriege ich Anfälle hier. Du willst doch bestimmt auch was, oder?“

„Ja klar, ich könnt auch ein Bier vertragen, aber … naja …“

Er lässt das Satzende so lose hängen und versucht, Nina möglichst vielsagend anzusehen.

„Wie du meinst. Lass uns mal schnell gehen.“ Nina zieht auf dem Weg nach draußen ihre Zigaretten und ein Feuerzeug aus der Tasche.

„Hast du vielleicht auch eine für mich? Glaubst du, die ist wirklich ne Polizistin? Ich fand die irgendwie komisch. Andererseits hat sie ja auch echt was abgekriegt. Und was ist eigentlich mit diesem Grufti los?“

„Klar!“ Nina gibt Klaus eine Zigarette. Draußen angekommen zünden beide sich ihre Zigaretten an und genießen schweigend einen kurzen Augenblick der Ruhe.

„Sie hatte einen Dienstausweis. Wieso soll das gelogen sein? Na ja, und Jessi… sie ist von meinem Exmann als Babysitter engagiert worden. Ich glaube, er schläft mit ihr. Sie ist seltsam, oder?“

Klaus‘ Augen weiten sich. „Ist die nicht ein bisschen jung? Ich mein, sieht ja unter dem Schlabberkram vielleicht ganz nett aus, aber kann doch nicht älter als 16 sein, das Mädchen. Steht Walter auf sowas?“

Die Polizistin hat er anscheinend vorerst wieder vergessen.

„Ach, was weiß ich! Ist mir auch egal, sie soll mich einfach in Ruhe lassen.“ Missgelaunt tritt Nina die Zigarette aus. „Können wir gehen?“

„Klar.“ Nachdem die beiden sich auf den Weg gemacht haben, fügt Klaus noch hinzu: „Aber du hast recht, die ist echt komisch. Unverschämt vor allem. Bestimmt so antiautoritäre Erziehung oder sowas, oder? Wenn meine Kinder sich so aufführen würden …“

„Klar.“ Nachdem die beiden sich auf den Weg gemacht haben, fügt Klaus noch hinzu: „Aber du hast recht, die ist echt komisch. Unverschämt vor allem. Bestimmt so antiautoritäre Erziehung oder sowas, oder? Wenn meine Kinder sich so aufführen würden …“

„Du hast Kinder?“

„Naja, nee, ich meinte, wenn… Wär das überhaupt legal, wenn dein Mann mit der …? Ich meine, sowas ist doch strafbar, oder?“

Wenn Blicke töten könnten, wäre Klaus jetzt tot. Nina stapft wortlos Richtung Supermarkt.

„Hab ich jetzt was Falsches gesagt??“
Als Nina und Klaus den Supermarkt erreichen, ist er geschlossen.

Nina sucht nach einem Schild oder einem anderen Hinweis darauf, warum der Markt geschlossen hat, wobei sie eigentlich schon eine recht genaue Vorstellung davon hat, was los ist. „Lass es uns vorne an der Tankstelle versuchen.“

„Ist gut…“

Klaus hält sich eine Hand vor den Mund und räuspert sich heftig.

An der Tankstelle ist die Kassiererin gerade dabei, die Tür abzuschließen, als Klaus und Nina ankommen.

„Entschuldigung, hallo, können Sie eventuell kurz.. ich meine, wieso schließen Sie denn schon so früh? Wir wollten gerade ein paar Dinge einkaufen.“

„Hab gerade nen Anruf bekommen, Gesundheitsschutzbehörde oder so… Keine Ahnung, aber klang offiziell, und mal ehrlich, arbeitet doch auch sonst keiner mehr. Was brauchen Sie denn? Aber schnell!“

Nina wechselt mit Klaus einen schnellen Blick. „Wir brauchen nur ein paar Konserven, Zigaretten und etwas zu trinken. Wir beeilen uns auch.“

„Na gut.“ Sie schließt wieder auf und geht zur Kasse.

„Ich werf das Ding jetzt nicht extra wieder an. Schreib Ihnen ne Quittung per Hand, bringen Sies mal her.“

„Klaus, ich glaube wir sollten jetzt zusehen, dass wir uns ein bisschen mit Vorräten eindecken. Ist nur so ein Gefühl.“ Nina lächelt die Kassiererin an. „Vielen Dank, wir beeilen uns auch!“

„Okay.“

Er folgt Nina in die Gänge der Tankstelle. Ist eine recht große, mit viel Auswahl.

Nina steuert als erstes die Kühltheke an und packt zwei Sixpack Bier ein. Sie frut sich auf ein kühles Bier, das hat sie sich nach diesem Tag mehr als verdient. Suchend blickt sie sich um und entdeckt ein Regal mit Konserven. Drei Dosen Linsensuppe, drei Dosen Ravioli und 2 Dosen Baked Beans wandern in die mitgebrachte Einkaufstasche. „Nudeln“, murmelt Nina gedankenverloren, „Toastbrot, Kekse…“ Sie packt für Alex und Ben ein paar Schokoladenriegel ein. „Klaus? Sollen wir sowas wie Batterien mitnehmen?“

Er guckt sie an, als hätte sie gerade vorgeschlagen, ein Pferd zu kaufen.

„Wozu das denn? Nee, Lebensmittel reichen!“

„Na, aber in den Katastrophenfilmen machen sie das auch immer so. Batterien, Kerzen, Streichhölzer und so.“

Er lacht.

„Das ist kein Film hier. Montag spätestens fahren wir wieder einkaufen. Zur Not müssen wir halt ein bisschen weiter raus.“

„Dauert das noch lange?“ fragt die Kassiererin.

„Lass uns trotzdem Kerzen mitnehmen“; beharrt Nina. „Und Zigaretten.“ Schwer bepackt trotten die beiden Richtung Kasse.

„Ein paar Konserven, hm?“ fragt die Kassiererin mit einem genervten Blick, aber sie macht ihre Job, und dann laufen die beiden mit ihren Tragetaschen nach Hause. Es wird allmählich dunkel, aber trotzdem scheinen die Straßen sich eher zu beleben. Es sind mehr Autos unterwegs, und in vielen Einfahrten sieht Nina Menschen ihre Autos packen. Manche gesund, manche hustend und niesend und schlurfend.

Hin und wieder hört sie das laut dröhnende Motorengeräusch schwerer Fahrzeuge von der Hauptstraße.

„Wohin fahren die Leute alle? Vielleicht sollten wir auch lieber die Stadt verlassen?“ Nina erinnert sich wieder an die unzähligen Katastrophenfilme, die si schon gesehen hat und mustert Klaus. Mit Klaus und Jessi ist kein Blumentopf zu gewinnen, die Polizistin kann man auch vergessen, Alex und Ben sind viel zu klein, um eine Hilfe sein zu können. Und Walter ist in Frankfurt. Nina seufzt leise und hofft, dass sich alles als halb so wild herausstellen wird. Bei den Unwetterwarnungen ist es am ende ja auch immer alles halb so schlimm.

Kurz bevor sie wieder Zuhause ankommen, hält Nina kurz an. „Da vorne an der Bank, wollen wir uns da kurz hinsetzen und was trinken?“

„Ich weiß gar nicht, ob wir noch rauskommen. Ist dir vorhin aufgefallen, wie viele Straßen gesperrt sind. Und was die von der Tankstelle da vorhin sagte, von wegen Seuchenschutz… Ich glaub du hast recht, irgendwas stimmt hier nicht. Ja, lass uns kurz ausruhen, bevor wir dieser Rotzgöre mal die Ohren langziehen.“

„Wir könnten Fahrräder nehmen.“ Nachdenklich öffnet Nina eine Flasche Bier und nimmt einen tiefen Schluck.

Klaus lacht auf. „Fahrräder… Ich weiß gar nicht, ob ich das noch kann… Wie weit kommen wir denn mit Fahrrädern? Und Ben? Kann der überhaupt radfahren?“

Er öffnet sich auch eine Flasche.

„Ach, ich weiss auch nicht.“ Nina trinkt weiter. „Was sollen wir machen? Einfach rumsitzen und abwarten?“ Sie überlegt kurz. „Ich könnte Walter mal anrufen, der weiss immer, was zu tun ist.“

„Und dann erzählst du ihm, dass du die Kinder entführt hast und mit der Babysitterin und so ner komischen Frau in deiner in deiner Wohnung gelassen hast, und jetzt gerade draußen mit mir beim Biertrinken nicht wusstest, was wir machen sollen? Ist vielleicht besser, ihn da rauszulassen, oder?“

„Weisst du, wenn jetzt alle an irgend einer Grippe sterben, ist das doch auch egal“, erwidert Nina trocken, trinkt ihr Bier aus und steht auf. „Komm, wir müssen zurück.“

„Noch ist ja keiner gestorben. Du weißt doch, wie die immer übertreiben. Warts ab, nächste Woche lachen wir drüber.“

Er trinkt auch hastig aus – seine Flasche war noch fast halb voll – und folgt ihr.

Als die beiden oben in der Wohnung ankommen, redet Jessi gerade in ungewohnt aufgebrachtem Ton auf die Polizistin ein, die sie verwirrt blinzelnd ansieht und kein Wort dazwischen bekommt.

„… und dann hat er mir mit seinem Schlagstock in den Bauch gestoßen, so richtig fest, und ich hatte sogar schon Handschellen an, bloß weil ihm nicht passte, dass ich mal gesagt hab, was ich von euch halte, und da wundern Sie sich, wenn …“

„Halt doch einfach den Rand“, knurrt Klaus sie an, „Und lass die Erwachsenen reden, okay?“

Sie dreht sich zu ihm um und öffnet den Mund, um etwas zu antworten, besinnt sich dann aber nach einem Blick in die Runde eines Besseren.

„Macht doch was ihr wollt.“

Nina beschliesst, dass Klaus vielleicht doch ganz brauchbar sein könnte und packt ihre Einkäufe aus. „Habt ihr nochmal Nachrichten geguckt, während wir weg waren?“

„Nee“, antwortet Jessi. „Wozu auch? Glauben Sie, die erzählen uns die Wahrheit, wenn es ernst wird?“

„Junge Dame, willst du vielleicht mal über deinen Ton nachdanken?“ fährt Klaus sie an. „Du bist hier nicht unter der Brücke, unter der du dich immer mit deinen Kumpels triffst.“

Jessi sieht ihn beleidigt an, traut sich aber wieder nicht, gegenzuhalten. Sie murmelt nur leise an Nina gewandt: „Was ist denn plötzlich sein Problem?“

Sie schafft es dabei tatsächlich, so zu klingen, als würde sie gar nicht begreifen, was irgendjemand gegen so einen unschuldigen Engel haben könnte.

Nina hat keine Lust auf eine Diskussion mit Jessi. „Sagte er doch, dein Ton. Jetzt lasst uns doch mal gucken, ob im Fernsehen was kommt. Das ist doch komisch, normalerweise kommt zu jedem Furz eine Sondersendung.“ Verstohlen räumt Nina das Bier weg und gibt Alex und Ben ein paar Kekse und sucht für sie nach etwas Spielzeug.

Draußen wird es übrigens allmählich dunkel.

Im Fernsehen läuft immer noch eine bunter Mischung aus Zoosendungen, Seifenopern und Schwertransportdokus, aber nach ein bisschen Hin und Her findet Nina schließlich eine Diskussionssendung auf Phoenix, in der drei Mediziner an Pulten stehen und versuchen, dem Moderator zu erklären, dass es eigentlich keine Grippe ist, und dass der Keim ein paar Eigenschaften aufweist, die ihn zu einer geradezu sensationellen Entdeckung machen, deren Erforschung möglicherweise unser Verständnis von Biologie und Evolution auf eine ganz neue Ebene bringen könnte. Der Moderator wirft ein, dass es ja ein besonderer Glücksfall sei, dass die Erkrankung anscheinend völlig harmlos ist, und fragt, ob man wohl davon ausgehen könnte, dass sie wie eine normale Erkältung nach ein bis zwei Wochen von alleine verschwindet. Die Mediziner relativieren das ein bisschen und betonen, dass es nur bis jetzt zu keinen bleibenden Schäden oder Todesfällen gekommen ist, dass aber der weitere Verlauf noch unbekannt sei. Natürlich soll aber niemand in Panik geraten. Wichtig sei jetzt, Ruhe zu bewahren, zu Hause zu bleiben um sich und andere vor Infektion zu schützen, und die üblichen Hygienevorkehrungen einzuhalten, und sobald klar sei, worum es sich handele, würden auch konkrete Empfehlungen zur …

„Beachten Sie bitte nicht den Mann hinter dem Vorhang“, murmelt Jessi, sehr leise, und tritt einen Schritt zurück in Richtung Tür, als Klaus sich zu ihr umdreht.

Nina guckt irritiert. „Welcher Mann?!“

Jessi stöhnt.

„Das ist so ne Redewendung“, sagt sie. „Vergessen Sie’s. Soll ich den Kindern was zum Essen machen?“

„Ähm, ja, bitte.“ Nina runzelt die Stirn. „Was denn nun? Ist es gefährlich oder nicht?“ Sie guckt fragend die Polizistin an.

Die Polizistin bemerkt das nicht, denn sie schläft entweder, der tut zumindest recht überzeugend so.

„Jessi, unter welcher Nummer kann ich Walter erreichen?“

„Wieso denn? Der kann von Frankfurt aus eh nichts machen, oder? Und Sie haben doch garantiert seine Nummer, er hat doch versucht Sie anzurufen.“

„Ich finde die Nummer nicht mehr“, sagt Nina kleinlaut. „Ich würde gerne mit ihm telefonieren.“

„Muss das sein?“ fragt Jessi, und klingt dabei zur Abwechslung kein bisschen maulig und herblassend. „Er muss das alles hier doch nicht unbedingt wissen, dann macht er sich nur Sorgen …“

„Gib mir jetzt die Nummer!“

Mit einem Blick wie ein zu Unrecht gescholtener Dackel zieht sie ein Mobiltelefon aus ihrer Hostentasche, drückt ein paar Tasten – es ist noch so ein altes zu Aufklappen ohne Touchscreen – und reicht es Nina. Der Kontakt „Walter“ ist bereits geöffnet.

Nina nimmt das Telefon und geht damit auf den Balkon. Sie möchte Walter jetzt hören, nur kurz, wenn es sein muss auch wütend und voller Vorwürfe. Walter wusste immer, was zu tun ist und so wird es auch dieses Mal sein. Erwartungsvoll drückt sie auf das Anrufsymbol auf der Tastatur des Telefons.

„Hallo Jessi, na ist heute alles okay mit Nina, oder gabs Probleme?“

Als Nina Walters Stimme hört, fühlt sie sich spontan getröstet.

„Hallo Walter, hier ist nicht Jessi. Ich bin’s, Nina.“ Unsicher macht Nina eine Pause.
„Hallo“, sagt er, und hält das Telefon etwas weiter weg, während er hustet. „Hab mir wohl auch diese komische Grippe eingefangen. Ist alles in Ordnung mit euch und den Kindern?“

Nina ist erleichtert, dass Walter sie nicht mit Vorwürfen überhäuft. Sie überlegt kurz, ihm freiwillig zu beichten, was sie getan hat, entscheidet sich dann aber dagegen. Dafür ist später immer noch Zeit und sie will die Stimmung nicht verderben. Wenn Walter böse auf sie ist, wird er vielleicht einfach auflegen, das will sie nicht riskieren.

„Walter, wann kommst du zurück nach Hamburg? Hier ist alles… kompliziert und ich weiß nicht, was ich tun soll.“

„Ich wollte eigentlich morgen fahren, aber ich hab gehört, dass man vielleicht gar nicht durchkommt, und Züge fahren anscheinend auch nicht. Haltet ihr noch ein bisschen ohne mich aus? Kommst du mit Jessi jetzt besser zurecht?“

„Walter, wir sind im Moment alle in meiner Wohnung. Jessi, die Kinder, ein Nachbar und eine verletzte Polizistin. Der Supermarkt ist zu, die Tankstelle auch, der Notruf ist überlastet, der Bahnhof ist dicht. Im Fernsehen reden sie von Quarantäne und dass alles nicht so schlimm ist. Ich weiß nicht, was ich machen soll. Ich … ich habe Angst.“

Walter seufzt. „Ja, das … ist alles gerade sehr kompliziert, oder? Ich wusste nicht, dass es bei euch auch so… Wieso seid ihr denn eigentlich in deiner Wohnung, und wieso eine verletzte …? Geht es euch denn gut? Also, seid ihr gesund?“

„Das ist alles sehr kompliziert zu erklären.“ Ninas Stimme zittert leicht. „Den Kindern geht es gut, sie finden alles spannend. Wir sind alle soweit ok. Nur die Polizistin ist irgendwie verletzt, am Kopf oder so. Und sie übergibt sich, vermutlich eine Gehirnerschütterung.“

„Wieso ist die am Kopf…? Also…?“

Nina hört, wie Klaus sich im Hintergrund noch mal laut räuspert und irgendetwas murmelt. Klingt fast wie ein Husten.

„Aber wovor hast du denn Angst, wenn es allen gut geht?“ fragt Walter.

„Sie ist irgendwie krank, Walter. Und ich habe Angst, dass wir alle krank werden. Und wir können nichts zu essen kaufen, weil alles zu ist. Ich weiß auch nicht..“ Nina seufzt und schiebt ein lahmes „Ach, schon gut.“ hinterher. Sie nimmt sich vor, unbedingt ihre Mutter anzurufen, um zu hören, ob alles ok ist in Berlin.

„Das… Weißt du was, ich versuch’s einfach. Meine Mutter ist ja hier im Krankenhaus eigentlich gut versorgt, und irgendwie komm ich schon durch. Ich mach mich jetzt auf den Weg und kann dann irgendwann morgen früh bei euch sein. Schafft ihrs bis dahin?“

„Das wäre ganz…“ Jetzt nicht weinen, Nina, ermahnt sie sich, er hasst das. „Das wäre toll, danke.“

„Ich bin unterwegs“, sagt er. „Danke, dass du dich um alles kümmerst. Ich komm dann zu dir in die Wohnung, ja?“

„Ja. Walter, kannst du zwischendurch eine SMS schreiben, damit wir wissen, wo du gerade bist? Bitte.“

„Während ich fahre? Ich glaub, das mach ich besser nicht, wenn ich ankommen will. Aber ich beeil mich, okay? Du hast ja auch noch Jessi, die kann doch bestimmt auch helfen. Frag sie doch mal, ob sie über Nacht bleiben kann, ich klär das schon irgendwie mit ihren Eltern, und ich bezahls natürlich auch.“

„Ja.“ Nina ist alles andere als begeistert. Dann fällt ihr ein, dass Jessi vermutlich ohnehin nicht nach Hause kommt. „Ja, das ist eine gute Idee. Bis morgen, Walter.“ Nina drückt das Telefonat weg und gibt Jessi ihr Handy zurück. „Danke, Jessi. Walter kommt morgen hierher. Es ist wegen der Umstände wohl am besten, wenn du über Nacht hier bleibst, alter klärt das mit deinen Eltern.“

„Wir machen ne Pyjamaparty!“ ruft Alex.

Jessi guckt Nina an wie ein Goldfisch.

„Aber … Wo soll ich denn hier überhaupt schlafen, und .. was machen wir denn jetzt eigentlich mit der da?“

Sie zeigt mit dem Daumen auf die schlafende Christina Dohms.

Klaus stöhnt leise und hustet jetzt ganz unverkennbar.

„Die Jungs aben ein ganz kleines Zimmerchen her, wenn sie mich über Nacht besuchen. Da passt bestimmt noch eine Luftmatratze rein. Es ist ja nur für eine Nacht.“ Nina guckt besorgt von der schlafenden Polizistin zu Klaus. „Die Polizistin lassen wir am besten auf dem Sofa liegen.“ Klaus sieht blass aus, findet Nina, und sie beschließt, erst einmal ein Fieberthermometer zu suchen, bevor sie ihre Mutter anruft. Andererseits kann das eigentlich auch seine Frau machen, findet sie. Nina möchte Klaus nicht zu nahe kommen. Sie dreht sich etwas zur Seite und tut so, als ob sie im Schrank im untersten Fach etwas sucht. „Klaus, ähm, Jessi bleibt hier und die Kinder müssen gleich ins Bett. Vielen Dank, dass du uns so geholfen hast.“ Erwartungsvoll guckt sie af Klaus‘ Füße und hofft, dass er sich Richtung Wohnungstür bewegt.

„Wissen Sie, ich hätt schon gern irgendwann am Tag auch mal ein bisschen Privatsphäre“, nölt Jessi.

„Klar doch!“ sagt Klaus. „Wollen wir jetzt Abendbrot machen?“

„Solltest du nicht mal deiner Frau Bescheid sagen, dass du wieder da bist? In meiner kleinen Wohnung wird es langsam auch ein bisschen voll.“ Nina versucht, den letzten Satz lustig klingen zu lassen. Jessi ignoriert sie, sie muss erst einmal Klaus elegant aus der Wohnung befördern.

Jessi grinst breit, dreht sich dabei aber von Klaus weg.

Der guckt Nina kurz fragend an, hüstelt, und nickt schließlich.

„Na gut“, sagt er. „Wenn du mich brauchst… Du weißt ja, wie du mich findest. Soll ich später noch mal nach dem Rechten schauen, so sicherheitshalber?“

Er guckt auf seine Füße, während er auf die Antwort wartet.

„Nein, nicht nötig, vielen Dank!“ Nina steht auf und wischt verlegen mit den Händen über ihre Oberschenkel. „Dann.. gute Nacht.“

„Ja… Gute Nacht…“
Klaus schlurft von dannen und zieht die Tür hinter sich zu.

„Sie können sich echt nicht entscheiden, oder?“ fragt Jessi. „Ich wird mich nicht beklagen, dass Sie den Typen rausgeworfen haben, aber sind Sie sicher, dass es so ne tolle Idee ist, die einfach hier zu lassen? Vorhin haben Sie noch gesagt, die könnte auch krank sein. Und wenn das Sofa frei wäre, dann … Naja, und Sie haben ja auch gemerkt, wie komisch die sich benimmt.“

„Wir wollen die Polizistin nicht rauswerfen!“ protestiert Alex. „Die kann uns beschützen!“

„Jessi, Klaus wird krank. Und ich will kein Risiko eingehen. Und dieser Haufen Elend auf meinem Sofa da hinten macht mir weniger Angst als ein hustender und schniefender Klaus.“

„Aber … Kann sie nicht vielleicht bei den Kindern …?“ Sie beißt auf ihre Unterlippe und verdreht die Augen, als ihr selbst klar wird, was das für ein Vorschlag ist. Sie bläst eine imaginäre Haarsträhne aus ihrem Gesicht und zuckt die Schultern. „Na g- Nee, was ist denn mit Ihnen? Wollen Sie nicht vielleicht sowieso bei den beiden sein?“

„Die beiden freuen sich doch schon so, dass du hier übernachtest. Verdirb ihnen nicht den Spaß, es ist ja nur eine Nacht.“ Nina lächelt und hofft, dass sie dabei einigermaßen freundlich aussieht, denn am liebsten würde sie Jessi nehmen und schütteln. Wieso muss diese Person immer alles hinterfragen, in Zweifel ziehen und ausdiskutieren? „Soll ich euch noch Kakao machen?“ fragt Nina Ben und Alex.

„Jaaaa Kakao!“ ruft Ben.

Alex nickt eifrig und sagt: „Wir wollen gerne, dass Jessi bei uns schläft, dann kann sie uns noch was vorlesen, und was mit uns singen, und wir können noch spielen, und …“

Jessi betrachtet sehnsüchtig das Sofa, sagt aber nichts weiter.

Nina findet in der Küche noch drei saubere Tassen und kocht für die Jungs und Jessi Kakao. Danach geht sie ins Wohnzimmer und guckt nach der Polizistin.

Als Jessi ihren Kakao von Nina bekommt, wirft sie ihr einen „Im Ernst?“-Blick zu, widerspricht aber nicht.

Die Polizistin schläft immer noch, auf dem Rücken liegend, mit halb offenem Mund, unregelmäßigem Atem, heftigen Augenbewegungen unter ihren Lidern und gelegentlichem Stöhnen und Zucken.

„Nein“, murmelt sie leise, dann etwas Unverständliches, aus dem Nina nur den Namen „Bernd“ und das Wort „Tabletten“ heraushört.

Nina überlegt kurz, ob sie die Jackentaschen der Beamtin durchsuchen soll, traut sich dann aber nicht. Sie steht etwas unschlüssig im Wohnzimmer, dann fällt ihr ein, das sie ihre Mutter anrufen wollte.

„Jessi, hast du alles für die Nacht? Ich muss gleich noch telefonieren und würde den Jungs vorher noch Gute Nacht sagen, damit ich euch später nicht störe.“

Jessi verdreht die Augen.

„Wäre ja schlimm, wenn ich nicht in Ruhe schlafen könnte, sehr rücksichtsvoll. Nee, wir haben alles, danke.“ Sie steht auf. „Dann mal los, ihr beiden.“

Ben und Alex verabschieden sich von Nina und lassen sich dann gehorsam von Jessi in das kleine Schlafzimmer schieben.

Nina nimmt ihre Zigaretten und eine Flasche Bier und geht mit dem

Telefon auf den Balkon. Sie ist ganz zufrieden mit sich. Klaus ist wieder weg, Jessi hat sich gefügt und Walter kommt her. Nina macht sich keine Illusionen, Jessi und Walter immer

Doppelpack werden sie in den Wahnsinn treiben, aber das Mädchen kann ja morgen nach Hause. Dann kann Walter auch direkt die Polizistin am nächstgelegenen Revier absetzen und es kehrt endlich wieder Ruhe ein.

Nina zündet sich eine Zigarette am und wählt die Nummer ihrer Mutter.

Nina erreicht ihre Mutter nicht, es ertönt das Besetzt-Signal. Ein zweiter Versuch ein paar Minuten später führt zum selben Ergebnis.

Nina beschließt, sich ein Bier zu holen. Sie hat das ungute Gefühl, dass etwas mit dem Telefonnetz nicht stimmt. Als sie mit ihrer Bierflasche zurück ist, wählt sie mehrere Berliner Telefonnummern an, um zu testen, ob auch dort überall besetzt ist.

Gleich unter der ersten anderen Nummer klingelt es.

Nina legt auf und fragt sich, mit wem ihre Mutter da wohl telefoniert. Sie schließt kurz die Augen, es war ein wirklich anstrengender Tag.

Sie hört, wie drinnen die Polizistin mit einem lauten, erschrockenen Atemzug aufschreckt und irgendetwas murmelt.

Leise seufzend steht Nina auf, um im Wohnzimmer nach dem rechten zu sehen.

Die junge Frau sitzt auf dem Sofa, die Arme um die Knie geschlungen, ihren Kopf darauf gestützt. Nina ist sich nicht sicher, ob sie weint, oder einfach nur schwer atmet.

Vorsichtig berührt Nina die Polizistin an der Schulter. „Sind Sie in Ordnung?“

Sie zuckt zusammen und dreht sich mit erschrocken geweiteten und von Tränen geröteten Augen zu Nina um.

„Ich … ja … Alles in Ordnung. Ich hab nur schlecht geträumt.“

„Wollen Sie einen Tee oder sowas?“ Nina überlegt kurz, ob sie sich nach dem Inhalt des Traumes erkundigen soll, aber sie hat keine Lust, sich wirre Geschichten anzuhören. Und morgen ist die Frau hoffentlich ohnehin weg.

„Neinnein, danke, schon gut.“ Sie lacht auf. „Aber wenn Sie vielleicht einen Schokoriegel hätten, oder sowas …“

„Ich kann Ihnen Schokoladenkekse anbieten.“

„Ich wäre bereit, dafür Ihre Füße zu küssen, aber ich fürchte, wenn ich mich jetzt runterbeuge, wird mir wieder schlecht …“

Nina geht in die Küche und sucht nach der Packung Schokoladenkekse, die sie an der Tankstelle gekauft hatte. Sie beschließt, zusätzlich einen Pfefferminztee zu kochen.

Sehr schön. Dann also willkommen zurück.

In der Wohnung ist ja nun weitgehend Ruhe eingekehrt, und außer dem noch immer unregelmäßigen schweren Atem der Polizistin und gelegentlichen Schritten aus den Nachbarwohnungen ist kein Geräusch zu hören.

Die junge Frau nickt ihr dankbar zu, als sie ihr die Kekspackung übergibt. Gierig reißt sie sie auf und schiebt sich gleich zwei auf einmal in den Mund. Kauend lehnt sie sich zurück und seufzt zufrieden.

Nina betrachtet die Frau. „Sind Sie wirklich Polizistin? So richtig mit Waffe und so?“

Sie lacht bitter auf und schlägt ihre Augen nieder.

„Ja“, sagt sie. „So richtig mit Waffe und so. Ich hab sogar fürs MEK trainiert.“

„Was bedeutet MEK?“

„Mobiles Einsatzkommando“, antwortet sie. „Sondereinheit für Observation und Zugriff in speziellen Einsatzlagen. Naja ist ja egal. Und was machen Sie?“

Sie nimmt noch einen Keks – diesmal nur einen – und beißt ein großes Stück davon ab.

„Eine spezielle Einsatzlage..“ Nina guckt die Frau forschend an. „Sie wissen mehr, als Sie uns gesagt haben, oder?“

Die junge Frau schaut Nina ein paar Sekunden lang mit halb offenem Mund an, bevor sie schließlich versteht.

„Oh! Sie meinen wegen der Grippe? Nein, das – das MEK ist der Kriminalpolizei zugeordnet, da hätte ich mit sowas nicht mal zu tun gehabt, wenn ich schon drin gewesen wäre. Die werden für Zugriffe auf gefährliche Verdächtige gerufen, und sowas. Über die Grippe weiß ich auch nur, dass die uns getestet haben und dass die wohl versucht haben, die Einsatzkräfte dafür entsprechend einzuplanen, wenn sie wissen, wer immun ist und wer nicht.“

Sie zuckt die Schultern und schaut sich ostentativ um.

„Hat wohl nicht so viel gebracht.“

„Ich habe irgendwie Angst.“ Nina fasst zunehmend Vertrauen zu der Frau, ohne dass sie begründen könnte , wieso das so ist. „Das fühlt sich alles nicht gut an.“

Nach einer langen Pause antwortet die Polizistin: „Ich auch. Ich habe heute …“ beginnt sie gedankenverloren, blinzelt und hält inne. „Immerhin ist bisher noch niemand an der Grippe gestorben“, sagt sie bemüht optimistisch. „Sie hat sich rasend schnell verbreitet, aber sie scheint harmlos zu sein. Vielleicht sind in ein paar Wochen wieder alle gesund, und es geht alles normal weiter. Für die meisten von uns.“

„Meinen Sie?“ Nina schweigt lange, sie denkt an ihre Mutter und wie es ihr wohl geht. Sie wäre jetzt gerne wieder bei ihr, um ihre Umarmung zu spüren. Müde rafft sie sich schließlich auf und beschließt, schlafen zu gehen. „Gute Nacht. Rufen Sie einfach, wenn Sie was brauchen.“

„Vielen Dank, ich komm schon zurecht. Geht mir sogar jetzt schon viel besser. Bis morgen!“

Nina geht zurück auf den Balkon, setzt sich in den etwas wackeligen Plastikstuhl und hofft, dass Walter morgen wirklich kommt. Sie schließt die Augen und schläft innerhalb weniger Minuten tief und fest.

 Cléo, David und Vera

Als Vera bei Cléos ankommt, steht die gerade mit ihrem Schlüsselbund in der Hand vor der Tür und ist dabei, abzuschließen. Aus dem Augenwinkel sieht sie die Bewegung auf der ansonsten leeren Straße und dreht sich zu ihr um.

Vera freut sich schon sehr auf die Schokolade. Nach dem Marsch durch die Stadt ist es genau das, was sie jetzt braucht. Als sie Cleo vor der Tür sieht, bleibt sie unentschlossen stehen. Es ist schon geschlossen? Jetzt schon?

„Oh“, sagt Cléo, als sie die Besucherin erblickt. „Wollen Sie zu mir?“

„Äh, ja.“ Zögernd geht Vera noch ein paar Schritte weiter. „Wollte ich eigentlich.“ Fast sehnsüchtig blickt sie auf die Angebotstafel neben der Tür „Ich wusste nicht, dass Sie schon schließen.“

„Normalerweise geht es um diese Uhrzeit erst richtig los. Aber heute war kaum jemand da.“ Cléo gibt sich einen kleinen Ruck und dreht den Schlüssel kurz entschlossen wieder um. „Was bedeutet, ich habe eine Menge Kuchen übrig. Oder was darf ich Ihnen anbieten?“ Sie öffnet die Tür des Cafés und lächelt Vera einladend an.

Vera zögert noch einen Moment. Sie will wirklich keine Umstände machen. Aber Cléo scheint die Aufforderung ehrlich zu meinen, und ihr Lächeln wirkt echt, also tritt sie kurz entschlossen ein. „Eine Schokolade wäre toll. “

Als David beim Cléos ankommt, scheint die gerade dabei zu sein, für eine unauffällig gekleidete Frau mit teilweise ergrauten dunklen Haaren in einem Pferdeschwanz die Tür aufzuschließen. Hä? Aufzuschließen? Um diese Zeit?

‚Polizeiauto? Sitzen da zwei Typen mit Trenchcoats und Ferngläsern drin, mit Pappbechern und nem Donutkarton auf dem Armaturenbrett? Nee danke, wollte nur wissen, wie viel Flugraum Woodstock hat.‘ schreibt ihm Vero.

’nein, ist leer. weiß nicht ob das besser ist. flugraum, lol‘ antwortet er, steckt sein Handy zurück zu Theo in die Bauchtasche und geht auf Cléo und die Frau zu. „Oh, hallo, hast Du heute zu?“ Er schaut sich ein bisschen misstrauisch um. „Alles okay hier?“

Als sich noch ein Gast nähert, weicht Vera auf auf ihre übliche Art aus. Nur nicht zu viele Leute auf einmal. Sie sucht sich einen Platz im hinteren Teil des Cafés und setzt sich auf eine kissenbedeckte Bank.

„David, Hallo!“, sagt Cléo. „Naja, okay würde ich den Tag heute nicht nennen, jedenfalls nicht fürs Geschäft. War ziemlich leer und ich wollte grade gehen, aber dann“ sie nickt Richtung der Ecke, in die sich die Dunkelhaarige verkrümelt hat, „kam doch noch jemand. Ich kann doch Gästen nichts abschlagen. Und du glaubst nicht, wer heute hier war. Seit wann hast du Freunde bei der Polizei? Und gleich auch noch solche konfusen? Auch einen Kakao, wo ich gerade dabei bin?“ Sie geht hinter die Theke und sucht die Zutaten für den Kakao zusammen, behält David dabei aber im Auge.

David nickt dankbar.

Er steht ein bisschen unentschlossen und unbeholfen in der Mitte des Raumes rum, weil sein Stammplatz belegt ist. Nach einer Weile folgt er Cléo an die Theke und fragt leise: „Och nein, warn die schon wieder da?

Oder nur die Frau? Wann war das? Wo sind sie hin? Haben sie gesagt, was sie wollten? Du glaubst ja gar nicht, was das alles für ein Durcheinander ist…“

Er lässt sich auf einen Barhocker fallen und setzt Theo auf den Tresen.

„Pass auf, dass das Tier nirgendwo hinkackt“, sagt Cléo mit gespielter Entrüstung und streichelt dann aber kurz über Theos Rücken. „Heute morgen war der Dicke da. Der, der gestern Abend so reingeplatzt ist. Wollte wissen, was sie mit dir besprochen hat. Ein paar Stunden später kommt deine schwarzhaarige Freundin und will wissen, ob ihr Kollege da war und was er wollte und ob ich ihm was erzählt hätte. Viel durcheinanderer geht´s doch bald nicht mehr?“

David lächelt und hält Theo mit einem Arm auf Abstand von der Zuckerdose.

„Also die reden nicht miteinander, sondern spionieren gegenseitig hintereinander her?! So wird das tatsächlich alles noch absurder, als es eh schon war. Und wirkt ja auch schon so’n bisschen… unprofessionell.

Hast Du Ihnen irgendwas erzählt?“

„Als hätte ich was mitgekriegt. Aber was wollten die denn nun von dir? Hast du mir nicht ne Erklärung versprochen?“

„Wahrscheinlich ist es strategisch sinnvoller, daß Du möglichst wenig weißt, wenn die hier immer noch rumhängen und dich ausfragen?

Aber ’strategisch sinnvoll‘ ist irgendwie in den letzen Tagen eh kein Kriterium für meine Handlungen, und vielleicht ist ja auch besser, wenn Du weißt, was lost ist, insofern… “ David guckt sich um und spricht leiser weiter „… also, Du hast ja vielleicht mitgekriegt, dass ich in meiner Freizeit in meiner Wohnung ein bisschen gegärtnert habe,“ er hebt vielsagend die Augenbrauen, „eigentlich vor allem aus rein wissenschaftlichem Interesse, naja, und für den Eigenbedarf und so.

Ja, und irgendjemand muß mich verpfiffen haben, deshalb standen dann irgendwann vorgestern die Bullen vor der Tür, aber ohne Durchsuchungsbefehl, deshalb mußte sie wieder gehen. Ich hab dann in der Nacht meinen Garten, äh, aufgelöst, aber dann kam die Polizistin nochmal vorbei, so total einen auf kooperativ und freundschaftlich gemacht – sie hätten mein Zeug gefunden und ich soll lieber freiwillig alles zugeben.

Das war gestern abend hier bei Dir, weißt Du? Und eh ich irgendwas sagen konnte, kam ihr Kollege und hat sie mitgenommen – das hast du ja mitgekriegt gestern.

Ich mein, ich wusste ja generell, daß mir sowas passieren kann, aber daß die sich so komisch benehmen, hätt ich nicht erwartet.

Ich hoffe, die fangen jetzt nicht an, hier rumzuhängen und dir Ärger zu machen.“

Von ihrem gemütlichen Platz aus verfolgt Vera das Geschehen an der Theke. Ist das da etwa ein Kaninchen? Niedlich. Aber wer trägt denn bitteschön ein Kaninchen mit sich herum? Und haben die eben über die Polizei geredet? Das ist ja wie fast im Krimi. Was sagt der Typ da über Pflanzen? Sie kriegt nicht alles mit, das war zu leise. In der Wohnung gegärtnert, wissenschaftliches Interesse? Vera ist höchst interessiert.

Während sie wie gebannt Davids Erklärung lauscht, fängt die Milch an zu dampfen. Cléo starrt David ungläubig an. Und fängt an zu grinsen. „Das ist total abgefahren. Was machen die dann bloß, wenn einer richtig was verbrochen hat?“ Sie dreht sich gerade noch rechzeitig um, um zu sehen, wie heißer Milchschaum über ihre Theke läuft. „Mist. Wart mal kurz.“ Sie rettet die restliche Milch und rührt zwei Tassen Kakao an. Eine schiebt sie zu David, die andere auf ein Tablett und geht damit zu Veras Tisch.

„Tut mir leid, dass es ein bisschen länger gedauert hat“, entschuldigend lächelt Cléo ihren Gast an, als sie den Kakao auf den Tisch stellt.

„Danke“ Vera greift nach der Tasse. „Nett, dass Sie mir aufgemacht haben. Ich wollte Sie nicht von irgendwas abhalten.“  Sie deutet auf das Kaninchen, das gerade den Tresen inspiziert: „Interessanter Gast.“

„Ja, nicht?“ Etwas schuldbewusst – Die Hygienevorschriften! Das Gesundheitsamt! – folgt Cléo ihrem Blick. „Eigentlich sollte der da gar nicht sitzen, aber, naja… der Kakao ist jedenfalls garantiert kaninchenhaarfrei.“

„Und sehr lecker.“  Vera weiß nicht recht, wie sie das Gespräch in Gang halten soll, Smalltalk liegt ihr nicht. Und eigentlich möchte sie ja mehr über diese ominöse Pflanzenzucht hören. Mit beiden Händen nimmt sie die Tasse und nickt Richtung Kaninchen. „Ich verrate nichts. Es ist ja auch ganz brav.“

David, der vage irgendwas von Kaninchen aufgeschnappt hat, schiebt Theo mit einer Armbewegung auf seinen Schoß. Er dreht den Kopf und grinst „Sorry, Theo und ich sind ein bisschen durch den Wind grade. Stört er Sie?“

„Theo heißt er?“ Vera lächelt. „Stört mich absolut nicht. Ich mag Kaninchen.“

Weil Theo gerade grob in ihre Richtung schnuppert, antwortet David fröhlich „Das scheint auf Gegenseitigkeit zu beruhen!“

Damit ist sein Smalltalkangebot auch weitestgehend ausgeschöpft, und er beschränkt sich auf ein freundliches Lächeln. Die Frau sieht nett aus, und sie hat sich freundlich zu Theo geäußert – das gleicht in etwa aus, daß sie auf seinem Platz sitzt.

Der andere Gast wirkt freundlich. Vera würde ihn zu gern nach seinen Pflanzen fragen, aber sie bringt kein weiteres Wort heraus. Also hält sie sich nur weiter an ihrem Kakao fest und lächelt noch einmal dem Kaninchen zu.

Theo hat sich daran gemacht, bedächtig und mit höchster Konzentration das kleine Loch im Knie der alten Jeans, die David für seine Malerarbeiten anhat, in ein großes zu verwandeln. David schaut ihm eine Weile dabei zu, dann fällt ihm auf, daß die Frau zwar nichts sagt, aber immer noch freundlich herschaut, und er sagt in Ermangelung einer kreativen Idee „Ich hab Sie hier noch nie gesehen. Neu hier? Gute Idee.

Bester Kakao der Stadt.“

Cléo, die immer noch am Tisch der Dunkelhaarigen steht, schaut etwas ratlos zwischen ihren beiden Gästen hin und her. Sie hätte sich den ganzen Tag über mit ihrem neuen Gast unterhalten können, aber jetzt, wo David allmählich ein bisschen Licht in die Sache mit den Polizisten bringt, will sie ihn am liebsten noch eine Runde ausquetschen. Sie ist sich nur nicht sicher, ob es David recht ist, seine Pflanzenprobleme vor völlig fremden Menschen auszubreiten, also lächelt sie Vera noch einmal aufmunternd an: „Stimmt, ein neues Gesicht. Hat sie denn jemand empfohlen?“ Und dann kann sie es sich, mit einem Seitenblick auf David, doch nicht verkneifen. „Hoffentlich niemand Uniformiertes?“

„Ich war im letzten Sommer schon mal hier. Und konnte mich noch gut an die heiße Schokolade erinnern.“  Vera lässt den Blick kurz zwischen der Wirtin und dem anderen Gast hin und her schweifen. „Da war’s aber ziemlich voll hier.“  Dann schaut sie wieder hilfesuchend zum Kaninchen. Warum musste das nur immer so schwierig sein? „Jemand Uniformiertes?“ bringt sie schließlich noch heraus.

David ergibt sich einem seltsamen Anflug von Plauderlaune und dreht sich ganz in ihre Richtung.

„Ja, Theo und ich sind nämlich gerade auf der Flucht vor der Polizei!“

Er lacht. „Oder manchmal wirkt es auch eher so, als sei die Polizei auf der Flucht vor uns. Oder nein, eher voreinander… Alles nicht dramatisch, nur eine etwas blöde und unerwartet absurde Situation wegen ein paar Pflanzen.“ Er zuckt mit den Schultern.

„Die Polizei interessiert sich für Ihre Pflanzen?“ Vera wirft ihm einen aufmunternden Blick zu. Mit einem Lächeln in Richtung der Wirtin lehnt sie sich in die Kissen zurück.

„Najaaa…“ und nochmal der vielsagende Blick „…es gibt ja durchaus Pflanzen, für die sich die Polizei interessiert… – und das ist wirklich ein Jammer, wenn man den unglaublich vielseitigen Nutzen bedenkt, den sie erlauben. Also ohne jetzt auf die ganze Drogendebatte einzugehen, also, auch zu der könnte man auch wirklich viel zu sagen, zum Beispiel, also wenn man die tatsächlich statistisch erfassten Fälle von – aber da wollte ich ja jetzt gar nicht hin. Nein, ich meinte mehr, das ist eine wunderbare Faser für Kleidung und technische Textilien, und die Samen sind nährstoffreich und gesund, und total lecker, vor allem, wenn man sie ein bißchen röstet, mit Zimt und Honig, aber auch als Beigabe zum Brotteig, und man kann…“ David gestikuliert so wild, dass Theo sich hektisch an seiner Hose festkrallt, um nicht von seinem Schoß zu rutschen.

„Sorry. Ich werde da immer ein bißchen leidenschaftlich. Aber sind — waren schon tolle Pflanzen. Ich hatte auch ein paar kleine Optimierungen gezüchtet, aber da war noch viel Potential drin…“

Er seufzt. „Naja, Shit happens.“

„Ja, und weil deine Pflanzen so toll sind, David, hast du mir nie davon erzählt“, schnaubt Cléo. „Wobei, die Polizei scheint auch was zu rauchen“, wendet sie sich an ihren Gast. „Heute waren zwei bei mir, und haben nicht etwa nach unserem Delinquenten hier gefragt, sondern wollten wissen, was ihr Kollege gerade macht.“

Vera  erwidert den Blick der Wirtin – ob das wohl Cléo ist? –  erstaunt. Normales Verhalten der Polizei hat sie sich eigentlich anders vorgestellt. „Ich dachte, Polizisten kommen immer zu Zweit.  Jedenfalls im Fernsehen.“  Sie schaut wieder zu dem Mann an der Theke „Was war denn so außergewöhnliches an Ihren Züchtungen? Einfache Cannabispflanzen sind für die Polizei doch sicher Routine.“

„Naja, nichts wirklich Besonderes, zumindest nichts, was DIE burteilen können. Ich hatte, ausgehend von den Pflanzen, die ich ursprünglich hatte, ein paar interessante Fortschritte gemacht in Bezug auf den Ertrag, mehr Blüten bei etwa gleichbleibendem THC-Gehalt, und ein bisschen robustere Pflanzen (insbesondere in Bezug auf das Überleben in widrigen Umständen, haha, harte Selektion), aber nichts, was den Weltmarkt umkrempeln würde. Es war wirklich nur ein privates Hobby.

Deshalb verstehe ich auch den Zirkus nicht, den die jetzt machen.

Andererseits weiß ich auch, dass das eben nicht legal ist, man muß theoretisch als immer mit sowas rechnen, deshalb“, mit einem entschuldigenden Seitenblick zu Cléo, „hab ich es ja auch nicht an die große Glocke gehängt. Aber die Polizei sprach explizit von einem Hinweis, also wußten es wohl doch zuviele Leute.“

Er zuckt mit den Schultern und grinst.

„Wenn das alles vorbei ist, dann werden Theo und ich uns wohl am besten irgendwas Unkontroversem zuwenden, Modellbahnbau oder so.“

Vera überlegt kurz, ob sie von ihrer eigenen Pflanzensammlung erzählen soll, aber ihre kleinen Experimente erscheinen ihr im Vergleich mit dieser Story viel zu langweilig. Und wer außer ihr interessiert sich schon für die Wirkungsweise von Dünger und so? Also beschränkt sie sich auf ein verständnisvolles Nicken.

„Vielleicht probiere ich das mit den gerösteten Samen mal im Kakao aus“, sinniert Cléo. „Mir hat mal ein Gast erzählt, es gäbe eine THC-haltige – ich weiß nicht mehr, Lavendelsorte? Salbei? Irgendein Gartenkraut jedenfalls, dass nicht vom Gesetz erfasst ist und das man deswegen ganz legal im Balkonkasten anbauen kann. Allerdings müsste ich dich dann als Gärtner anstellen, David, ich hab den schwarzen Daumen.“ Ihr Blick folgt Theo, der zum Kühlschrank gehoppelt ist. Ihren Kuchen kriegt sie heute wohl nicht mehr los.

„Davon hab ich noch nie was gehört! Das klingt ja wirklich interessant, da muß ich mich mal schlau machen. Das wäre vielleicht eine Alternative; mein Spieltrieb vermißt die Pflanzen nämlich erheblich, und meine Wohnung ist auch schrecklich trist ohne. Ich werd das mal googlen; ich lad Dich dann auf die ersten Ergebnisse ein, wenn’s klappt!!“

Die Frau an seinem Stammtisch schaut immer noch freundlich und explizit interessiert, sagt aber nichts. Komisch.

„Gärtnern Sie auch?“ versucht David.

„Hm, naja“, druckst Vera herum. „Gärtnern würde ich das nicht gerade nennen.“ Es ist zu ungewohnt, so direkt angesprochen zu werden. „Ich sammle Pflanzen, aber nichts annähernd Spannendes,“ fährt sie fort, „nur, was mir gerade so auffällt oder mich irgendwie interessiert.“ Sie schaut dem Kaninchen nach, das gerade in der Küche verschwindet. „Essbares ist jedenfalls nichts dabei, und für ihn da wäre das wohl auch nichts.“

Cléo findet das ein bisschen merkwürdig – Pflanzen sammeln? Wie Briefmarken? Das erinnert sie an die Herbarien ihrer Schwester, und an die Bücherstapel über den gepressten Pflanzen, über die sie daheim immer gestolpert ist. Sie ist sich nicht sicher, ob die Pflanzensammlerin sich wirklich unterhalten will – sie lächelt, aber ihre Körpersprache sagt eher das Gegenteil – aber sie versucht es einfach mal. „Was für Pflanzen interessieren Sie denn?“, fragt sie.

Zögernd wendet Vera sich Cléo zu.

„Ach, ich hab ursprünglich mal angefangen, Orchideen zu sammeln. Da gibt es so viele verschiedene Sorten. Ich fand spannend, dass die keine Erde brauchen und wirklich ungewöhnliche Ansprüche stellen. Da kann man mit der richtigen Nährstoffkombination ganz viel beeinflussen.“
Ob sie das wirklich interessiert? Vera verstummt und spielt unsicher an ihrem Kakaobecher herum.  „Naja, und dann kam immer mehr dazu, was irgendwie außergewöhnlich war.“ fährt sich schließlich fort. „Jetzt ist es mehr so eine Art Kuriositätenkabinett als eine strukturierte Sammlung.“

„Die brauchen keine Erde? Echt? Aber was ist dann dieses dunkle Zeug, was da manchmal vor sich hin schimmelt, bei den Kaufhausorchideen?“, fragt Cléo. Sie hatte sich die Pflanzensammlung eher als einen Haufen langweiliger Gräser und Kräuter vorgestellt, aber Orchideen sind immerhin etwas, was sie zumindest vom Namen her kennt und was bunt ist.

Die Wirtin guckt so freundlich, und der andere Gast scheint auch ganz nett zu sein, so dass Vera sich schließlich doch traut. „Die meisten Orchideen sind Epiphyten, sie wachsen als Aufsitzpflanzen auf Bäumen, in Astgabeln oder so.  Wenn man die in Erde pflanzt, verfaulen die Wurzeln.“

Da die beiden nicht zu gelangweilt wirken,  fährt sie fort „ Das dunkle Zeug, das Sie meinen, das ist meist Torf, das taugt nicht viel. Wer von seinen Orchideen länger was haben will, der sollte das besser gleich entsorgen. Ein gutes Substrat, mit dem viele Sorten zurechtkommen, besteht aus Pinienrinde. Man kann Kork untermischen, und etwas Holzkohle ist auch nicht schlecht, evtl. auch  Kalk.  Es kommt immer auf die Art an,  und darauf,  wie die Wurzeln ausgebildet sind. Je dünner die sind, desto feiner muss die Körnung sein. Bei Jungpflanzen kann man auch gut Steinwolle nehmen, und mit Kokosfasern habe ich auch gute Erfahrungen gemacht. Einige Sorten von Erdorchideen brauchen aber auch Humus.“

Vera zögert. Was macht sie hier eigentlich? Textet sie völlig fremde Menschen zu? „Entschuldigung, ich glaube, ich rede zuviel. Ich wollte keinen Vortrag halten.“ Peinlich berührt zieht sie ihren Becher heran und versteckt sich hinter ihrem Kakao.

David, der aufgestanden war, um Theo hinter der Theke vorzuholen, geht ein paar Schritte zu dem Tisch der fremden Orchideenkennerin und

strahlt: „Gut zu wissen! Das erklärt alles… ich habe schon ein paarmal welche geschenkt bekommen und habe sie immer relativ schnell umgebracht, aber nie verstanden, warum. Ich bin ja eigentlich gar nicht so ungeschickt mit Pflanzen, aber ich hab mich eben auch nie genauer informiert. Die armen Baumbewohner, ich hab die wahrscheinlich einfach ersäuft?!“

„Von Ihnen kann man wirklich was lernen“, bestätigt Cléo. Die Orchideendame scheint einfach nur sehr zurückhaltend zu sein, wer weiß, wann sie mit ihrem Hobby das letzte Mal so viel Aufmerksamkeit geerntet hat.

„Mag eigentlich jemand Kuchen? Der ist ganz frisch von heut morgen, aber wenn Sie heute meine einzigen Gäste bleiben, wonach es ganz stark aussieht… naja, also, nur, wenn jemand mag. Zum Wegschmeißen wär´s schade, und ich kann nicht immer alles aufessen.“ Sie kann gerade noch dem Impuls widerstehen, sich vielsagend auf den Bauch zu klopfen.

Vera nickt dem anderen Gast zu „Gut möglich, Staunässe mögen Orchideen überhaupt nicht.“  Allmählich entspannt sie sich. Der Kakao ist  köstlich, die Bank mit den Kissen so gemütlich, sie möchte hier gar nicht wieder weg. Sie erwidert das freundliche Lächeln der Wirtin „Kuchen? Ähm, ja, ich glaube, ich hätte jetzt doch gern ein Stück.“

Auch David guckt interessiert. „Was für Kuchen hast Du denn da? Ich nehm gern welchen!“

„Entweder Schokoladenkuchen, oder Rhabarberkuchen mit Streuseln.“ Cléo holt die Kuchenteller aus dem Kühlschrank und stellt beide auf die Theke. Der Schokoladenkuchen ist noch gänzlich unangeschnitten, flach und dunkel, riecht aber ausgesprochen schokoladig. „Hier ist eigentlich fast nur Schokolade drin“, erläutert sie den beiden, „und der Rhabarberkuchen… ein normaler Obstkuchen halt. Nicht ganz so sauer, wie Rhabarberkuchen manchmal ist.“ Im Sommer gehen erfahrungsgemäß die fruchtigen Sachen besser weg, aber es gibt immer wieder Hartgesottene, die sich auch in der größten Hitze ein bis x Schokoladenstücke einverleiben. Cléo hat daher gerne beides vorrätig.

„Schokolade?“ Vera strahlt. „Oh, ja.“

David ist unenschlossen.

Die sehen beide furchtbar lecker aus.

Und Vero hat ihm beim Mittagessen wieder scherzhaft gesagt, er sei zu dürr. Das stimmt zwar überhaupt nicht, aber ihm soll jeder Vorwand recht sein.

„Dann hätt ich gerne einmal Schoko für mich, und einmal Rhabarber für Theo, bitte!“ grinst er. …Jeder Vorwand.

Aha, eine Hartgesottene… und ein ganz besonders Hartgesottener. Cléo kommt beim Anschneiden nicht umhin, sich selbst zu gratulieren, weil trotz des knusprigen Randes der Schokoladenkuchen innen noch schön saftig ist. Zuerst bekommt die Orchideendame ihr Stück Kuchen. „Guten Appetit!“ Dann packt sie David seine zwei Stück Kuchen plus eine Gabel auf den Teller und reicht sie über die Theke. „Brauchst du ein Lätzchen für Theo, oder kann der das?“, fragt sie und grinst zurück.

„Danke, ich glaube wir kriegen das auch so hin. Und wenn es gar nicht klappt, muß ich ihn halt essen.“

David probiert den Schokoladenkuchen. Er schmeckt und fühlt sich and, als wäre außer Schokolade wirklich kaum eine andere Zutat dabei. Nach etwa einem halben Stück erinnert er sich mühsam, dass er nicht allein auf der Welt ist, macht die Augen wieder auf und bietet Theo ein Stückchen Rhabarber an, das dieser gleichmäßig auf Davids Hose verteilt. Mit gespielter Resignation widmet sich David daraufhin auch dem Rharbarberkuchen.

Er nickt zu der anderen Frau rüber „Cléo macht den besten Kuchen weit und breit…! Sie haben Glück, dass es Sie hierher verschlagen hat. Darf man in Zukunft öfter mit Ihnen rechnen?“

Vera ist ganz auf den Kuchen konzentriert. Sie liebt Schokolade, und dieser ist wirklich perfekt gelungen. Nur langsam dringt zu ihr durch, dass sie angesprochen wurde. „Oh, äh, ja, gut möglich.“

Sie wendet sich an Cléo „Werden Sie weiterhin geöffnet haben? Es ist ja recht leer überall.“

„Eigentlich dachte ich, nur heute wäre ein ganz besonders schlechter Tag. Wieso, sieht es denn in der restlichen Stadt genauso aus?“

Vera zuckt die Schultern. „Ich weiß auch nicht so recht. Bei uns in der Firma scheint jedenfalls die die Hälfte krank zu sein, und auf dem Weg hierhin war auch kaum jemand zu sehen.“

David schaut von seinem restlichen Kuchen auf:

„Das ist ja seltsam. Bei uns ist die Kanzlei wegen des hohen Krankenstands sogar für mehrere Tage geschlossen! Was da wohl umgeht?

Ich hab schon lange keine Nachrichten mehr gehört…“

„Heut kam im Radio was von wegen Sommergrippe“, erinnert sich Cléo. „So richtig hingehört hab ich allerdings nicht, ich dachte, das wäre das übliche Sommerlochgerede. Das erklärt aber auch, warum heute bei mir fast keiner war und ich bei einem Gast dachte, der fällt mir um. Das scheint ja irgendwas Schlimmeres zu sein… aber von euch fühlt sich keiner fiebrig?“

Noch bevor jemand eine Chance hat, Cléos Frage zu beantworten, öffnet sich die Tür, und ein junger Mann, höchstens Ende 20, betritt das Café. Er würde sogar dann hier völlig deplatziert wirken, wenn nicht gerade jeder Gast außergewöhnlich wäre, denn im Gegensatz zu Cléos sonstiger Klientel scheint er mit seinen streng zurückgegelten Haaren, seinem perfekt sitzenden dunkelblauen Anzug mit makellos, geradezu strahlend weißem Hemd, kombiniert mit einer weinroten Krawatte, und mit seinen glänzend polierten schwarzen Budapester Schuhen weniger einem Jay&SilentBob-Film entsprungen, als vielmehr dem Original von Wall Street, oder vielleicht American Psycho.

Er zeigt perfekte Zähne, ebenso leuchtend weiß wie sein Hemd, in einem erleichterten Grinsen und hebt dankbar beide Hände zum Himmel, oder vielmehr stellvertretend zur Decke des Cafés.

„Nicht zu fassen!“ sagt er, in einer Lautstärke, als ginge er selbstverständlich davon aus, dass im ganzen Raum sowieso gerade niemand sonst sprechen wollte, „Habe ich tatsächlich einen Ort in dieser Stadt gefunden, an dem ich noch einen Espresso bekomme?“

„Ja, das haben Sie.“, sagt Cléo, und fügt hinzu: „Espresso kommt gleich.“ Sie schickt noch ein, wie sie hofft, halbwegs professionelles Lächeln hinterher. Jemanden Sympathischeres hätte sie vielleicht noch gefragt, ob es ein einfacher oder doppelter sein soll, aber davon abgesehen, dass sie solche Typen nicht besonders gut leiden kann, hat er gerade die ganze, wie sie fand, gemütliche Stimmung kaputt gemacht. Sie stampft den Espresso etwas fester als unbedingt notwendig in den Siebträger.

„Danke!“ ruft der Anzugträger und schlendert auf die Theke zu. Seine Schuhe klacken in der Stille sehr sehr laut auf den Holzbohlen.

Als er angekommen ist, lässt er beide Hände schwungvoll auf den Tresen fallen, lehnt sich daran über den Tresen in Richtung Cléo und schaut erwartungsvoll zu, wie sie den Espresso zubereitet. Kurz fährt eine seiner Hände in seine rechte Hosentasche, zieht ein Smartphone heraus, schaltet kurz den Bildschirm ein und wieder aus, und lässt es wieder in der Tasche verschwinden. Während er wartet, schaut er kurz durch den Raum, von Vera zu David zu Theo zu Cléo, dann wieder zurück zu Theo. Er stößt sich vom Tresen ab, dreht sich zu David und schaut nachdenklich auf Theo hinab, dann wieder in Richtung Cléo. Er lacht nervös.

„Hab ich – sind – Sie haben doch geöffnet, oder bin ich jetzt bei etwas dazwischen gekommen?“

Kurz huschen seine Hände zu seinem sehr breiten, aber tadellos gebundenen Krawattenknoten und überprüfen den richtigen Sitz, bevor sie wieder herabsinken und die linke locker an seiner Seite hängt, die rechte sich wieder auf den Tresen stützt. Als er die Frage stellt, klingt seine Stimme nicht mehr so übertrieben kraftvoll wie vorher.

„Danke!“

Er betrachtet nachdenklich den Espresso, murmelt: „Ach was soll’s“, und sagt zu Cléo: „Haben Sie vielleicht einen Key Lime Pie? Ich hab was zu feiern.“

Kurz senkt er seinen Blick in Richtung seiner Tasche, zieht kurz das Smartphone hervor, schaltet das Display ein, wieder aus, und steckt es wieder zurück.

„Heute ist es hier einfach ein bisschen… familiärer als sonst, aber geöffnet habe ich durchaus. Es sind nur so wenig Leute unterwegs. Da kommt man dann ins Plaudern“, sie blickt kurz zu Vera und David. Während die Espressomaschine zischend ihr Werk verrichtet, besinnt Cléo sich ein bisschen mehr auf ihre gute Erziehung und füllt ein Glas Wasser, dass sie dem Gast dann zusammen mit dem fertigen Espresso über die Theke reicht.

„Bedaure“, sagt Cléo, „könnten Sie vielleicht auch mit einem Stück Schokokuchen feiern? Oder Rhabarber?“

Er sieht Cléo noch gute fünf Sekunden lang erwartungsvoll an, bis ihm klar wird, dass die Aufzählung bereits beendet ist.

Er blinzelt, öffnet seinen Mund und braucht aber doch eine ganze Weile, bevor er sich für eine Erwiderung entscheidet: „Was … ist denn das für ein Schokoladenkuchen? Was für Schokolade haben Sie darin verarbeitet? Hat der so einen geschmolzenen Kern? Das mag ich sehr gerne. Gibt es vielleicht einen Fruchtspiegel dazu?“

Cléo packt der Einfachheit halber den Schokoladenkuchen aus dem Kühlschrank und stellt ihn zur Begutachtung vor ihrem Gast hin. „Der hat einen saftigen Kern, und besteht im Wesentlichen aus Vollmilchschokolade, mit etwas bitterer Kuvertüre. Und Eischnee natürlich. Was den Fruchtspiegel betrifft, kann ich gern nachschauen, was ich hinten im Küchenkühlschrank habe.“ Sie wendet sich zum Gehen, und rollt dabei, sobald sie der Theke den Rücken zugewandt hat, mit den Augen.

„Ah … ja …“ Der junge Mann in dem Anzug schaut mit dem sichtbaren aufrichtigen Bemühen, seine Enttäuschung zu verbergen, auf den Schokoladenkuchen hinab. „Das ist ja … Das … Vollmilchschokolade und Kuvertüre, haben Sie gesagt? Also, ich glaube … hm … Was ist denn da für Kakao verarbeitet, in der …“ Er blinzelt hektisch, legt eine Hand an seine Stirn und wirft schließlich resigniert beide Hände hin die Luft. „Ach, ist ja auch egal“, sagt er, „Ich probiere den einfach mal. Machen Sie sich keine Umstände, der sieht toll aus. Kann ich dazu vielleicht noch einen Oolong Tee bekommen? Den Jun Chiyabari … wenn Sie haben.“

Er zieht sich einen Hocker zurecht, setzt sich neben David an den Tresen, zieht kurz noch mal sein Telefon aus der Tasche, um es zu kontrollieren, steckt es wieder ein und zeigt lächelnd auf Theo.

„Eine Freundin von mir hat einen Lepus Tibetanus. Er hier ist aber ein Feldhase, oder?“

David lacht. Er ist ein bißchen erleichtert, weil er den Mann jetzt sorglos als Bluffer einordnen kann.

„Den genauen wissenschaftlichen Namen kann ich Ihnen nicht sagen, ich hab ihn gebraucht bekommen, es war kein Schildchen mehr dran – aber Theo ist eher sowas wie ein Kaninchen. Feldhasen sind meines Wissens deutlich weniger handlich.“ Er macht eine Geste, mit der er etwa die Größe eines Dobermannes andeutet, was wahrscheinlich auch wieder nicht ganz hinkommt.

„Ah!“ Der Mann nickt sehr nachdrücklich und schaut so interessiert, als würde David ihm gerade das Geheimnis verraten, wie man Stroh zu Gold spinnt. „Dann wissen Sie gar nicht, ob das jetzt ein Hauskaninchen ist, oder was Exotischeres, oder überhaupt welche Rasse? Könnte ein Tierarzt doch aber bestimmt sagen, oder?“

Beiläufig trinkt er seinen Espresso aus und beginnt dann ohne hinzusehen mit der rechten Hand an der Manschette seines linken Ärmels herumzufummeln.

Scheinbar nur auf ihren restlichen Kuchen konzentriert, beobachtet Vera das Geschehen an der Theke unauffällig. Das so provokant zur Schau gestellte Selbstbewusstsein des neuen Gastes ist ihr nicht geheuer. Sein nervöses Rumgehampel passt so gar nicht zu seinem sonstigen Gehabe. Beim „Feldhasen“ kann sie ein kleines Grinsen nicht unterdrücken, das sie schnell hinter ihrem Kakaobecher versteckt. Besser erst mal zurückhalten und abwarten, was sich weiter ergibt.

David zuckt mit den Schultern.

„Ich glaube, ein Hauskaninchen oder so. Und zum Tierarzt mussten wir zum Glück noch nie…. eigentlich war mir das bisher ziemlich egal. Schall und Rauch, und so, Sie wissen schon.

Haben Sie Haustiere?“ setzt er dann noch hinzu, um nicht ganz so ablehnend zu klingen. Er versucht sich vorzustellen, wie der andere Gast von einem haarenden sabbernden Haustier angesprungen wird, das sich extrem freut, ihn zu sehen. Irgendwie funktioniert die Vorstellung nicht. Höchstens irgendwelche teuren exotischen Fische vielleicht…

Der Mann im Anzug schüttelt den Kopf.

„Nein, ich hab eine Anwältin zu Hause, die ist mir anstrengend genug.“

Mangels Reaktion auf seinen Scherz stellt er sein Grinsen schnell wieder ein und wendet sich dem Kuchen zu. Er sticht mit der Gabel ein Stück ab, kippt es um, spießt es auf, führt es zum Mund und kaut konzentriert darauf herum. Seine Miene hellt sich wieder zu einem Strahlen auf und her hebt einen Daumen in Richtung Cléo.

„Sehr sehr gut!“ sagt er, jetzt wieder in derselben leicht überzogenen Lautstärke wie am Anfang, „Der ist toll! Ich würde sagen, dass ich jetzt öfter herkomme, aber ich fürchte, ich wohne ein bisschen zu weit weg.“

„Danke für das Lob. Dann sollte ich in Zukunft wohl etwas Oolong bestellen, den hab ich leider nicht vorrätig.“, erwidert Cléo. „Nehmen Sie auch Darjeeling, oder vielleicht einen Grüntee?“ Und um die wahrscheinlich ohnehin unvermeidliche Nachfrage vorwegzunehmen, fügt sie hinzu: „First flush, Margaret´s Hope, und der Grüne ist ein Lung Ching.“

Mit geradezu demonstrativer Sorgfalt brüht Cléo den Tee auf, schaut dabei auf die Uhr, um ihn exakt drei Minuten ziehen zu lassen, und dann muss sie erst mal eine Runde Theo kraulen, der immer noch dort neben dem Kuchen sitzt.

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7 Responses to wie wir sie kennen, Zug 3 (2)

  1. unendlichefreiheit sagt:

    Auch der beeindruckende dritte Zug unseres beeindruckenden Mail-Rollenspiels musste früher oder später zu beeindruckendem Ende gehen.

    Ich hoffe mal, euer Mail-Rollenspiel ist nicht früher als geplant zu Ende gegangen?

  2. Muriel sagt:

    @unendlichefreiheit: Keine Sorge. Wir sind noch dabei, und es ist mir eine ganz kapitale Freude, dass du auf unseren nächsten Zug wartest.
    Er ist sogar eigentlich schon fertig, aber ich muss erstmal dazu kommen, ihn nett zusammenzukopieren und zu veröffentlichen. Ist zurzeit etwas schwierig bei mir. Sollte aber diese Woche noch was werden.

  3. unendlichefreiheit sagt:

    @ Muriel
    Okay, dann gedulde ich mich noch ein wenig. Ich kann mir ja vorstellen, was das für ein Aufwand ist, da sind die zeitlichen Abstände verständlich. Habe einfach befürchtet, ihr hättet das Projekt eingestellt und du hast darauf gehofft, dass dies niemand merken würde.

  4. Muriel sagt:

    @unendlichefreiheit: Keine Sorge, wir bei überschaubare Relevanz legen Wert auf Verbindlichkeit, Transparenz und Beständigkeit. Wir stellen unsere Serien nicht einfach stillschweigend ein. Niemals. Echt nicht.
    Ich gebe Ihnen mein Ehrenwort.

  5. Muriel sagt:

    @unendlichefreiheit: Du siehst, ich bin ein bisschen wie Jahwe. Worum man mich bittet, das bekommt man auch. Man muss halt nur manchmal sehr lange warten.

  6. unendlichefreiheit sagt:

    @ Muriel
    Welches Opfer ist dir lieber? Schaf oder Rind?

  7. Muriel sagt:

    @unendlichefreiheit: Hauptsache brennendes Fleisch. Ich mag den Geruch so.

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