Nolo acerbam sumere

Eigentlich hatte ich mich schon dagegen entschieden, Stefan Schulz‘ Artikel

Die Odyssee der Online-Onkels

aus der Samstags-FAZ zu kommentieren. Das lag daran, dass er kein Material für eine ernsthafte Auseinandersetzung bietet, und für eine humoristische eigentlich auch nicht genug hergibt, denn im Grund wiederholt er nur immer wieder denselben Fehler und sagt ansonsten nichts aus. Dann fand ich ihn aber im heutigen Altpapier wieder und fragte mich, wo eigentlich geschrieben steht, dass meine spöttischen FAZ-Kritiken immer lang sein müssen, und dachte mir zweitens, dass ich den fehlenden Inhalt ja problemlos mit einer unnötig langen Vorrede auffüllen könnte.

(Übrigens: Tut mir leid, Katja. Wir wussten beide, dass ich es nicht durchhalte, oder? Aber ich warte auf Gelegenheit. Wirklich. Ich bin eigentlich ganz anders, ich komm nur so selten dazu.)

Bei „Spiegel Online“ läuft eine „Zeitungsdebatte“, über die man sich nur wundern kann. 

sagt der Teaser, und liegt damit schon leicht daneben, denn ich zum Beispiel vermag es, mich kein bisschen über diese Debatte zu wundern, was zugegebenermaßen eventuell daran liegt, dass ich sie nicht kenne, aber das ist ja egal, wenn ich nur Schulz‘ These widerlegen will, von der man jetzt natürlich, wenn man ähnlich kleinlich wäre, wie ich es Schulz gegenüber bin, sagen könnte, dass man ihr sinnigerweise zugestehen sollte, stillschweigend die Einschränkung zu beinhalten, dass sie nur für Leute gilt, die ein paar Beiträge dieser Debatte gelesen haben, aber solche penetranten Besserwisser haben hier bei überschaubare Relevanz nichts zu suchen, betrachtet diese erste Bemerkung also als Versuch, euch auszusieben, ihr lästiges Pedantenpack.

Dort reden Blinde von der Farbe, verkennen die Vorteile gedruckter Medien und fordern, was es längst gibt.

Und schon seht ihr, warum ich die ursprünglichen Beiträge der Blinden gar nicht lesen muss, um mich über Herrn Schulz‘ Artikel lustig zu machen. Denn ob Herr Sixtus, Herr Knüwer und Frau Berg blind sind oder nicht, ist mir eigentlich herzlich egal, wohingegen mich die Vorteile gedruckter Medien (sc.: gegenüber Online-Medien) brennend interessieren. Spoiler: Sie haben keine. Weil das aber nicht zu Herrn Schulz‘ Teaser passend würde, muss er sich trotzdem welche aus den Fingern saugen, und er wäre natürlich meiner Aufmerksamkeit nicht wert, wenn er sich dabei auf indiskutable Geschmacksfragen wie „Ich les halt lieber gedruckte Zeitungen.“ oder „Vom Bildschirm krieg ich immer brennende Augen.“ beschränken würde. Nein, darum geht es ihm nicht, sondern um (gewissermaßen) objektive, inhaltsbezogene Vorteile, ganz handfeste also, und wie wir das von unseren Qualitätsmedien (Kampfbegriff ironisch verbloggt: Check) kennen, ist er dabei nicht zimperlich und behauptet gleich mal großzügig drauflos:

Die als Fehler benannten Limitierungen einer Zeitung sind tatsächlich Garanten journalistischer Qualität.

Jawoll. Keineswegs ist es nur so, dass diese Fehler gar nicht so schlimm sind, dass man sie ausgleichen kann, oder dass sie teilweise vielleicht sogar zu journalistischer Qualität (was immer die sein soll) beitragen. Vielmehr garantieren sämtliche Limitierungen einer Zeitung sie sogar. Wie? fragt ihr jetzt vielleicht. Na so:

Sie bedingen, dass Redaktionen entscheiden, abwägen und aushandeln, wie ihr Blatt aussieht.

Klar, oder? Dass Redaktionen sowas tun, hat nämlich nicht, wie manche von euch bisher gedacht haben könnten, damit zu tun, dass Redaktionen mit der Gestaltung ihres Blattes ein bestimmtes Ziel verfolgen, am Ende gar den Interessen des Lesers dienen wollen, oder auch nur damit, dass man sowieso gar nicht drum herumkommt, sowas zu entscheiden, ganz gleich, wie man Informationen verbreitet, sondern es ist ausschließlich durch die als Fehler bekannten Limitierungen einer Zeitung bedingt. Deshalb findet für nichtgedruckte Medien bekanntlich auch keinerlei Entscheidung oder Abwägung statt, sondern es wird einfach alles, was den Verfassern gerade so aus den Finger rinnt, wahllos kjasdfpoaihfdpaosdifuüwe09ru039ruÜ=9u8zEü0w8udeü0

Auch das dieser Prozess auf einen täglichen Termin hinausläuft, ist nützlich.

Wir ahnen alle, warum, auch wenn wir es uns vielleicht noch nicht eingestehen wollen, ob aus Restrespekt vor Herrn Schulz, oder schlichtem Selbstschutz.  Deswegen schnell wieder zu einem anderen Thema:

Selbst die Enge auf dem Papier trägt zur Steigerung journalistischer Qualität bei, weil ihr das Zugeständnis an die Aufmerksamkeitsgrenzen der Leser innewohnt. 

Das muss man erst mal verargumentieren. Da gehört schon was dazu. Leser haben Aufmerksamkeitsgrenzen. Zugeständnisse an diese sind Journalisten aber nur möglich, wenn sie auf engem Papier schreiben. Man möchte in Abwandlung eines alten dummen Witzes sagen: Was für ein sonderbarer Glücksfall, dass in eine Zeitung nur genausoviel reinpasst, wie ihre Käufer lesen können. Und welch ärgerliches Missgeschick, dass Menschen nur dann Rücksicht auf die Aufmerksamkeitsgrenzen anderer Menschen nehmen können, wenn Papier sie dazu zwingt.

Ich werde jetzt nicht noch mehr Beispiele aus dem Text aufzählen, denn das wäre unnötig. Ihr kennt sie schon alle. Sie arbeiten ausnahmslos nach diesem Schema: Papier kann bestimmte Dinge nicht, und das ist gut so, weil Leute, die auf Papier schreiben, deshalb diese Dinge nicht machen können, und das ist wiederum gut so, weil man diese Dinge auch sowieso nicht machen sollte.

Vielleicht liegt es an meinem militanten Atheismus, dass ich mich frappierend an das Eutyphron-Dilemma erinnert fühle: Wenn die Dinge, die man auf Papier nicht machen kann, auch unabhängig von den Beschränkungen des Papiers schädlich sind, dann braucht man die Beschränkungen des Papiers nicht, um sie wegzulassen. Dann braucht man nur die Einsicht, dass sie sowieso nicht wünschenswert sind, und vom Vorteil des Papiers bleibt nichts übrig. Dann sollten wir nicht über Papier oder Nichtpapier diskutieren, sondern darüber, wie wir Information verpacken, was Information ist, und welche Aufmerksamkeitsgrenzen die Leser haben, und wie wir auf diese wirklich Rücksicht nehmen können, statt einfach zu hoffen, das sie mit den uns vom Chefredakteur zugeteilten gedruckten Zeilen übereinstimmen.

Letzten Endes geht es doch nun mal offensichtlich nicht um das Substrat, auf dem mir die Information geliefert wird, sondern um etwas ganz anderes:

Das Angebot, das Zeitungen bieten, lautet „Wahrheit“. Sie entsteht im langwierigen Wechselspiel mit dem Vertrauen durch den Leser –das allein dadurch wächst, dass Enttäuschungen ausbleiben.

Und genau das, nicht das Papier, und nicht der Bildschirm, ist der wesentliche Grund, aus dem ich keine Zeitung abonniert habe, weder on- noch offline. Ich kenne keine, die mein Vertrauen erworben hat. Ich kenne keine, der ich ihr Angebot „Wahrheit“ abkaufe. Eins muss ich Herrn Schulz von der der FAZ nun aber in dieser Hinsicht immerhin zugestehen: Ich habe jetzt meinen ersten Beitrag zur Spiegel-Online-Zeitungsdebatte gelesen. Und ich kann bestätigen:

Dort reden Blinde von der Farbe, verkennen die Vorteile gedruckter Medien und fordern, was es längst gibt.

Wundern kann ich mich darüber aber beim besten Willen nicht mehr.

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12 Responses to Nolo acerbam sumere

  1. golda meir sagt:

    bravo! ist so gut, dass selbst dem troll nichts mehr einfällt.

  2. FDominicus sagt:

    Meine Güte, was für eine „stringente“ Argumentation. Und dazu noch den ganz dicken Klops am Ende:
    Zeitungen bieten die „Wahrheit“. Na klar …..

  3. Katja sagt:

    (Das ist natürlich ein Skandal, Muriel! Immerhin waren 100% deiner Leser, die jene Frage beantwortet hatten, meiner Ansicht.)

  4. Muriel sagt:

    @Katja: Das Problem liegt natürlich darin, dass ich mein Blog nicht drucke, und deshalb nicht entscheiden, abwägen und aushandeln, kann, wie es aussieht. Es kommt einfach, wie es kommt, und niemand denkt darüber nach oder könnte das irgendwie beeinflussen oder planen.

  5. Katja sagt:

    Oh, vielleicht liegt da ja mein Denkfehler! Ich drucke deine Blogartikel nämlich vorm Lesen immer aus und bin dann natürlich davon ausgegangen, dass du beim Schreiben die Enge des Papiers und meine begrenzte Aufmerksamkeitsspanne berücksichtigst. So kannst du natürlich nie mein Vertrauen erwerben!

  6. Muriel sagt:

    @Katja: Das bringt mich auf eine Idee.
    Wenn ich alle meine Leser (oder reicht eine qualifizierte Mehrheit?) dazu bringen könnte, meine Artikel zu drucken, statt sie vom Bildschirm zu lesen, könnten wir auf diese Weise nicht garantieren, dass mein Blog dieselben Standards journalistischer Qualität wie …
    Aber halt, ich bräuchte natürlich noch irgendeinen willkürlichen Termin, ab dem ich neue Informationen nicht mehr berücksichtige und mir selbst untersage, meine Artikel in irgendeiner Form zu verändern, wenn ich wirklich journalistische Qualität garantieren will.
    Könnte ich mir den einfach selbst setzen, oder müsste der von der Druckerei (also in meinem Fall von euch) kommen?
    Ich denke da noch mal drüber nach.

  7. Katja sagt:

    Ich glaube, die Absurditätskriterien für Printargumentation sind besser erfüllt, wenn du dir den Termin selber setzt.

    Und es drucken doch schon genug Leser, dein Blog aus. Immerhin liegt die Quote bei 100%!

    (Von denen, die sich hier in diesem Kommentarstrang heute Mittag zu der Fragestellung des Ausdruckens geäussert haben.)

  8. Muriel sagt:

    Dann fehlt mir wohl tatsächlich nur noch der Termin. Glaubst du, sowas wie „21. April 2265“ reicht, oder muss er irgendwelche praktischen Auswirkungen haben?

  9. Katja sagt:

    Herzlichen Glückwunsch! Dein Blog erfüllt jetzt die journalistischen Qualitätsanforderungen!

  10. Zeitung = Wahrheit und journalistische Qualität.
    Aha.

  11. Muriel sagt:

    @wholelottarosie: Herzlich willkommen bei überschaubare Relevanz! Schöne Bilder hast du da in deinem Blog.

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