was Krieg ist

Ich mag den Song eigentlich gar nicht besonders, aber er passt gerade so.

Dass wir über Kampfdrohnen für die Bundeswehr diskutierten, ist schon eine Weile her, aber Ulrich Ladurners Argumentation hat mich an etwas erinnert, was ich auch damals in dieser Diskussion nicht verstanden habe.

Es gibt natürlich gute Argumente gegen den Einsatz von Giftgas und gegen den von Kampfdrohnen. Aber es gibt auch schlechte. Und zu diesen schlechten hat aus meiner Sicht immer diese Idee gehört, die aus Gegenbeiträgen oft ausdrücklich oder zwischen den Zeilen durchscheint, es sei feige, unanständig oder sonst irgendwie verwerflich, einen Menschen aus der Ferne zu töten, mit dem Joystick, ohne ihm Auge in Auge gegenüberzustehen. Diese Idee, aus der dann folgt, dass verschiedene Mittel, einen Menschen zu töten, per se verschieden moralisch seien, drückt Herr Ladurner in Bezug auf Giftgas zum Beispiel so aus, wie ihr euch vielleicht noch erinnert:

Wer es in welchem Konflikt auch immer gebraucht, behandelt Menschen wie Ungeziefer.  Wer es einsetzt, hat den Gipfel der Unmenschlichkeit erreicht. 

Auch hier geht die Kritik in eine ähnliche Richtung: Der Gegner wird nicht mehr als Mensch betrachtet, als Subjekt, als komplexe Entität mit Wünschen und Gefühlen und Rechten, sondern als ein Objekt, ein Hindernis, etwas zu Beseitigendes.

Der Krieg wird durch Drohnen entgrenzt und enthemmt

zitierte die SZ mal Jan van Aken von der Linksfraktion.

Und ich halte das für Unsinn, zumindest zum großen Teil. Mir scheint, dass diese Argumentation auf einer sonderbar romantisierte Vorstellung von Krieg fußt, als einem möglichst fairen Wettbewerb unter Gegnern, die einander respektieren und herauszufinden trachten, wer den Sieg am meisten verdient hat. Möge der Bessere, und so.

Quatsch.

Was ist denn Krieg? Wann wähle ich denn Krieg als Mittel? Doch erst dann, wenn die Moral und die Vernunft und die Menschlichkeit versagt haben. Wenn ich keine gemeinsame Grundlage mit den anderen finde und mich entscheide, dass das einzige noch verbleibende Mittel darin besteht, ihnen so lange weh zu tun, bis sie vernichtet sind, oder ihre bis dahin vertretenen Interessen nicht länger geltend machen können oder wollen. In einem Krieg habe ich definitionsgemäß das Ziel, andere aus dem Weg zu räumen, sie also als Hindernisse zu behandeln, nicht mehr als Interaktionsparnter und gleichberechtigte Mitbewohner dieser Welt.

An Krieg ist nichts Romantisches, und auch Fairness hat als Konzept darin nichts zu suchen. Es geht nicht darum, herauszufinden, wer der Bessere ist, oder wer recht hat, oder irgendwas verdient hat. Das geht mit Krieg nicht. Im Krieg geht es darum, durch schiere Gewalt die eigenen Interessen gegen die der anderen durchzusetzen. Im Krieg findet man bestenfalls heraus, wer stärker ist, oder brutaler, oder seine Stärke und Brutalität geschickter einsetzen kann, oder was immer dazu führt, einen Krieg zu gewinnen.

Viel entgrenzter und enthemmter geht es eigentlich nicht. Und genau deshalb sollten wir einen Krieg auch vermeiden, wo immer es geht, denn Krieg ist etwas Furchtbares, für alle Beteiligten, ob sie am Ende gewinnen oder verlieren.

Aber wenn er nun einmal das Mittel der Wahl ist, wenn alle anderen versagt haben, und wenn wir uns entschieden haben, dass es keine andere Möglichkeit mehr gibt, als die anderen zu vernichten, und unser Anliegen so überragend wichtig ist, dass es die Vernichtung derer rechtfertigt, die ihm im Weg stehen, dann ist es doch in meinen Augen offensichtlich reichlich albern, zu diesem Zeitpunkt noch zurückzuschrecken und zu sagen: „Oh. Nee. Halt. Diese Leute da drüben, die ich gerade auslöschen will, weil sie mir im Weg sind, sollte ich lieber mit meinem Bajonett ausweiden, denn sie mit einem Joystick aus der Ferne abzuschießen, kommt mir irgendwie entgrenzend vor. Ich würde schließlich niemals diese Leute, deren Vernichtung ich für einen angemessenen Preis zur Erreichung meines Ziels halte, wie Ungeziefer behandeln wollen.“ So lange ich mit jemandem noch auf menschlicher Ebene interagiere, führe ich gar nicht erst Krieg gegen ihn.

Das heißt natürlich nicht, dass wir in einem Krieg auf nichts und niemanden mehr Rücksicht nehmen dürfen. Natürlich hat es immer noch einen Sinn, nicht mehr Menschen zu verletzen, als nötig ist. Natürlich ist es eine verdammt gute Idee, die Kollateralschäden zu minimieren und nur die Ziele zu zerstören, deren Zerstörung wirklich unvermeidlich ist. Das liegt daran, dass die Welt ja nach dem Krieg noch weiter geht, und ich nicht nur dieses eine Ziel habe, und dass die Leute, gegen die ich Krieg führe, auch kein monolithischer Gegnerblock sind, sondern durchaus später mal wieder mit mir menschlich interagieren werden und so weiter. Das sind die guten Argumente, die ich oben meinte. Das sind die Argumente, die sich mit den Konsequenzen meines Handelns befassen statt mit seinem symbolischen Inhalt, oder mit Ehre. Aber über die reden wir gerade nicht, sondern über die schlechten.

Wenn ich entschieden habe, dass die Zerstörung eines Ziels, die Tötung einer bestimmten Gruppe von Menschen nötig und angemessen und richtig ist, dann kann ich (gleiche Wirkung vorausgesetzt) moralisch keinen Unterschied mehr in dem Mittel erkennen, dessen ich mich dazu bediene, und dann kann ich wahrhaftig keinerlei moralische Verpflichtung erkennen, ihnen ins Auge zu sehen oder mein eigenes Leben zu riskieren oder was weiß ich, was man als Kriegsromantisierer noch alles für Erwartungen an Menschen hegt, die sich die systematische Tötung anderer Menschen zur vorrangigen Aufgabe gemacht haben.

Das ist Krieg. Und ja, das ist meinetwegen der Gipfel der Unmenschlichkeit, gewissermaßen. Aber nicht wegen des Giftgases. Nicht wegen der Clusterbomben, und nicht wegen der Drohnen. Sondern wegen des Krieges.

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5 Responses to was Krieg ist

  1. Alien sagt:

    Ich finde die Aussage von van Aken weniger Unsinn. Die SZ zitiert ja noch mehr:

    „Der Krieg wird durch Drohnen entgrenzt und enthemmt“, sagte van Aken zu SZ.de. „Wer Maschinen für sich kämpfen lässt, entscheidet sich eher zum Angriff“.

    In der Theorie mag es den einen Punkt geben, ab dem ein Politiker sich definitiv für Krieg entscheidet, auf Grund der Handlungen des „Gegners“. In der praktischen politischen Entscheidung, ob nun ein Krieg erklärt werden soll, spielt doch aber auch die Frage eine Rolle, mit wie vielen „eigenen“ Verlusten der Politiker rechnen muss. Je höher diese Zahl ist, desto länger wird er sich sicher um eine diplomatische Lösung bemühen.

  2. @Alien
    Gibt es einen Krieg, der nicht entgrenzt und enthemmt ist? Das sind doch nur graduelle Unterschiede. Wer Soldaten benutzt (G.I. = General Item) und nicht selbst geht, hat bereits genügend Abstand um den Mordbefehl zu geben. Ob GI oder Drohne – das macht keinen Unterschied. Hat noch nie einen gemacht.

    Krieg wird von Politikern angezettelt – nicht von normalen Bürgern. Die „Überlegungen“ bei den Kriegstreibern gehen nicht darum, ob sie töten lassen sollen – das tun sie so oder so. Das „wie“ spielt auch nur eine marginale Rolle, um dem Bürger einzureden, es ginge „human“ (für den Gegner) und ungefährlich (für die eigenen Leute) ab. Es geht also um „gesellschaftliche Akzeptanz“.

    Tatsächlich ist es aber für das Ergebnis ohne Bedeutung. Eine Bombe macht genau so wenig Unterschiede bei den Opfern, wie Giftgas oder biologische Waffen. Ein Soldat killt genau das, was ihm als Ziel vorgegeben wird – auch, wenn „Unschuldige“ darunter sein sollten. Dazu reicht es, ihn nach dem „need-to-know“-Prinzip mit Teilinformationen zu füttern. Die belegbaren Fälle aus der Vergangenheit sind zahlreich.

    Ich halte diese Unterscheidung zwischen Soldaten/Kugeln/Bomben und „Massenvernichtungswaffen“ für verlogene Moral. Der Völkermord in Ruanda kam völlig ohne Massenvernichtungswaffen aus. Hauptwaffen waren Küchenmesser und Macheten.

    Das Endergebnis ist dasselbe. Hinterher sind Leute tot. Fast immer trifft es vor allem Menschen, die mit Krieg/Mord/Totschlag gar nichts zu tun haben wollen.

    Muriels Artikel unterschreibe ich vollumfänglich.

  3. Alien sagt:

    @lawgunsandfreedom:

    Ich stimme dir ja in allem zu außer darin, dass ich schon denke, dass es einen Unterschied macht, wie verlustreich ein Krieg für die eigene Seite ist.

    Vietnam wäre sicherlich noch wesentlich länger gegangen, wären nicht so viele US-Soldaten gestorben. Seit Obama seine Drohnen-Armada einsetzt, hält ihn niemand mehr auf, WEIL keine US-Soldaten sterben.

    Natürlich ist der Unterschied nur graduell, aber je verlustärmer ein Krieg zu führen ist, desto eher und desto länger (und damit blutiger) wird er geführt. Und das ist doch eindeutig die falsche Richtung.

  4. Alien sagt:

    Nachtrag: „Nur“ graduell heißt hier doch: egal ob 100 Tote oder 120, Krieg ist grausam. Krieg ist grausam, aber 20 Tote weniger ist dennoch besser, wenn auch nicht gut.

  5. FDominicus sagt:

    Diejenigen die den Krieg wollen, ziehen immer die gleichen Register:
    – Erhöhung für einen selber (wir sind „auswerwählt“, überlegen, moralisch besser etc pp
    – Erniedrigung für den Gegner (Tiere, Mörder, Vergewaltiger, Kinderschänder, Untermenschen, aktuell Ungläubige)

    Dazu passend:
    http://ddr-luftwaffe.blogspot.de/2012/06/das-volk-will-keinen-krieg.html

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