Das sensationelle Interview mit einem verrückten Reformerpapst. Oder so.

Kann jemand mir erklären, wo diese Begeisterung für den aktuellen Papst herkommt? Ich fand die Jungs ja an und für sich immer schon persönlich sympathisch, aber inhaltlich inakzeptabel, und ich kann da beim besten Willen keinen grundlegenden Unterschied zwischen den drei letzten sehen.

Spiegel Online zum Beispiel titelt:

Schwule, Frauen, Abtreibung: Der Papst rüttelt die Kirche auf

und schreibt drunter

Franziskus, der Reformer

Und ich bin nun kein intimer Kenner der PR der katholischen Kirche, aber wenn wir die einzelnen Punkte mal durchgehen, dann finden wir da meines Erachtens nichts, was jemanden aufrütteln sollte, und erst recht keine Reform.

Beispiel Schwule:

Wenn eine homosexuelle Person guten Willen hat und Gott sucht, dann bin ich keiner, der sie verurteilt

Hat einer seiner beiden Vorgänger mal was anderes gesagt? Würde nicht so ziemlich jeder zeitgenössische katholische Theologe genau das gleiche sagen, übrigens nicht nur von Schwulen, sondern auch von Mördern, Räubern und Vergewaltigern?

Beispiel Frauen:

Die Kirche kann nicht sie selbst sein ohne Frauen und deren Rolle. Die Frau ist für die Kirche unabdingbar. Maria – eine Frau – ist wichtiger als die Bischöfe

Sehe ich es einfach nur nicht, oder ist das genau das gleiche? Ist das nicht genau die Position, die die katholische Kirche schon immer vertreten hat? Oder war Herr Ratzinger der Meinung, Frauen sei für die Kirche verzichtbar und die Bischöfe wichtiger als die Muttergottes? Nein, der hat doch auch immer gesagt, dass er Frauen total toll und wichtig findet, dass sie aber trotzdem nicht die Männerjobs kriegen dürfen. Genau wie Franziskus auch, nur dass er offenbar clever genug ist, den zweiten Teil nicht explizit dazu zu sagen.

Beispiel Abtreibung:

Wir können uns nicht nur mit der Frage um die Abtreibung befassen, mit homosexuellen Ehen, mit den Verhütungsmethoden

Ja Mensch. Sensationell, oder?

Beispiel Kirche:

Diese Kirche, mit der wir denken und fühlen sollen, ist das Haus aller – keine kleine Kapelle, die nur ein Grüppchen ausgewählter Personen aufnehmen kann.

Wir erinnern uns ja alle an die berühmte Enzyklika Karol Wojtylas, in der er verkündete, dass die römisch-katholische Kirche nur für eine kleine Gruppe ausgewählter Menschen bestimmt und der großen Mehrheit verschlossen ist, gell?

Wir müssen also ein neues Gleichgewicht finden, sonst fällt auch das moralische Gebäude der Kirche wie ein Kartenhaus zusammen

Okay. Das klingt jetzt wenigstens tatsächlich nach Reform, aber erstens erinnere ich mich vage, dass auch Herr Ratzinger fortwährend davon sprach, was ändern zu wollen (wie das ja überhaupt jede Führungskraft überall tut, denn Stillstand ist ihr wisst schon), aber solange Franziskus nicht mal dazu sagt, was er denn nun eigentlich machen will, ist es doch arg früh, ihn einen Reformer zu nennen oder von seinen völlig inhaltslosen Äußerungen aufgerüttelt zu sein, ganz gleich ob im positiven oder negativen Sinne.

Oder übersehe ich da was? Kennt jemand von euch eine Äußerung des aktuellen Papstes, die irgendwas inhaltlich an der Position seiner Kirche ändert? Und wenn es eine gibt, warum zitiert Spiegel dann nicht die, statt dieses leeren Gefasels da oben?

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4 Responses to Das sensationelle Interview mit einem verrückten Reformerpapst. Oder so.

  1. recotard sagt:

    Nunja…. es ist eine P.R.-Aussage. Als solche hat sie immerhin a href=“http://recotard.wordpress.com/2013/09/20/moge-uns-gott-bald-einen-neuen-papst-schenken/“>funktioniert. Ebenso erfahren wir, dass der Papst Filme kuckt, was man sich bei Herrn Ratzinger schwer denken kann, und das mag zwar komplett egal sein, doch siehe, es jubeln die Gottlosen und das ZdK (was man sich bei Herrn Ratzinger auch schwer denken konnte) und man träumt vom Ende des Zölibats und überhaupt einem ganz tollen neuen Markenkern (in etwa: Evangelen mit Heiligenverehrung und effektiverer Hierarchie), bis sich die Fundamentalisten abspalten und Ratzinger zum Gegenpapst wählen. Auch sind die dauernden Wahlkampfberichte langweilig.

  2. Soundcheck sagt:

    Generell ist ein reaktionärer Simpel besser… dann kommen mehr von diesen katholischen Irrgläubern auf den rechten Weg….

  3. spritkopf sagt:

    Die Worte von Franziskus sind nur deshalb was Besonderes, weil da einer nicht mehr 5000 km von der Lebenswirklichkeit der Menschen entfernt ist, sondern nur noch 1000 km. Zu weit zum Laufen isses aber immer noch.

    Letztlich ist es aber auch wurscht. Die Evangelen sind bei vielen Positionen lang nicht so abgedreht wie die Katholen und dennoch ist mir ihr Glaube (auf den ich mal getauft und konfirmiert wurde) so fern wie nur was.

  4. Was Franziskus sagt, dünkt mich inhaltlich nicht neu oder überraschend oder ungewöhnlich. Aber Rhetorik ist durchaus wichtig. Und dass Franziskus eine progressivere Rhetorik wählt als sein Vorgänger, kann durchaus bedeuten, dass er vorhat, die Kirche progressiver und weniger traditionell zu machen.

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