in irgendeinem Kreis

Quelle: Die Sendung mit der Maus / unknown street artist Urheber: Bunnyfrosch (Ähm, naja. Das steht da halt so.) GNU Free Documentation License

Ich bin fassungslos. Nee. Man soll nicht dauernd so übertreiben. Ich wäre fassungslos, wenn ich geglaubt hätte, dass unsere Medien informations- und bildungsmäßig irgendwelche ernsthaften Ansprüche an sich stellen. Aber ein bisschen überrascht und verärgert bin ich schon.

Ich habe nämlich gerade die Sendung mit der Maus gesehen, wie jeden Sonntag, und diesen Sonntag ging es natürlich um dieses bizarre Ritual, das unsere Gesellschaft heute abhält. Armin Maiwald hat den ehrenhaften Versuch unternommen, seinen Zuschauern zu erklären, wie so eine Bundestagswahl eigentlich funktioniert, und teilweise hat er das auch gewohnt gut und kindgerecht getan, aber gerade am Anfang ist die Sendung mit der Maus hier auf spektakuläre Art gescheitert.

Schaut mal selbst, wenn ihr mögt. Ab 01:51. (Für die, die etwas später dran sind: Dieser Link zerstört sich nach einer Woche selbst, weil unsere von allen Haushalten zwangsfinanzierten öffentlich-rechtlichen Fernsehsender ihre von allen Haushalten zwangsfinanzierten öffentlich-rechtlichen Sendungen nicht länger als sieben Tage lang allen Haushalten zur Verfügung stellen dürfen, von denen sie zwangsfinanziert werden, was wir hier lieber nicht vertiefen wollen, weil sonst mein Kopf platzt, und weil ich auf einem hellen Sofa sitze, wäre das echt unschön.)

Die Sendung mit der Maus hat hier, um sich den Vorwurf der unfairen Berichterstattung zu ersparen, ihre eigenen Parteien erfunden, mit ihren eigenen Wahlplakaten, und erklärt uns dieses System so:

Und wie die richtigen Parteien haben unsere Parteien auch ein Wahlprogramm. Die orange Partei verspricht: „Wenn ihr uns wählt, setzen wir uns dafür ein, dass jedes Kind doppeltes Taschengeld bekommt.“ Woher das kommt, weiß noch niemand, aber das verspricht die orange Partei. Die lila Partei  […] Was von all diesen Wahlversprechungen nun sinnvoll ist, oder was machbar oder auch nicht, das muss sich jeder durch den Kopf gehen lassen, bis einem die Gedanken schwirren, und dann muss sich jeder für eine der Parteien entscheiden.

Während dieser Erklärung zeigt die Kamera uns die Plakate der fiktiven Parteien, auf denen dann eben sowas steht wie „Doppeltes Taschengeld für alle!“ oder „Durchblick total“, und beim letzten Satz dreht sich die Kamera in einem Kreis aus diesen Plakaten, um zu illustrieren, wie die Gedanken schwirren.

Mit keinem Wort wird klargestellt, dass die Programme der Parteien nicht nur aus den Sprüchen auf ihren Plakaten bestehen. Mit keinem Wort wird erwähnt, dass es noch andere Informationsquellen als die Plakate gibt. Für jemanden, der es nicht besser weiß (also für die Zielgruppe dieses Beitrags) impliziert die Sendung hier ganz klar, dass man vor der Wahl eben die Plakate anguckt und dann eben mit schwirrenden Gedanken ins Wahllokal begibt, ohne die geringste Ahnung haben zu können, wie und ob die Versprechungen und Sprüche der Plakate nun umgesetzt werden sollen, und dann wähle ich halt jemanden.

Ob mir die Nase nun sympathisch ist, oder die Leute, bleibt mein Geheimnis, aber in irgendeinen Kreis neben der Person muss ich dann gleich mein Kreuzchen machen.

Mit keinem Wort erwähnt Armin so etwas wie eine Verantwortung, sich zu informieren, um eine Grundlage für eine vernünftige Entscheidung zu schaffen. Mit keinem Wort deutet er auch nur an, dass es nicht nur lange, ausführliche Wahlprogramme jenseits der Plakate und Flyer gibt, dass man Veranstaltungen besuchen und mit den Vertretern der Parteien diskutieren kann, oder welche anderen Möglichkeiten zur Information noch infrage kommen.

Nun kann man sagen, dass es ja eine Sendung für Kinder ist, und dass ich das alles nicht zu ernst nehmen sollte, und da wäre natürlich was dran. Oder man könnte sagen, dass doch mutmaßlich wirklich die meisten Erwachsenen genau so ihre Wahlentscheidung treffen, wie die Sendung mit der Maus es darstellt, und auch da wäre unbestreitbar was dran.

Aber andererseits sollte doch gerade eine Sendung, die darauf abzielt, junge Menschen darüber zu informieren, wie Demokratie funktioniert, wie Wahlen ablaufen, und wie unsere Stimme die Politik unseres Landes beeinflust, den Ehrgeiz haben, auch das Gewicht dieser Entscheidung darzustellen und zu betonen, dass eine demokratische Wahl eben nicht ein Sympathiewettbewerb ist, der aus schicken Sprüchen und netten Fotos besteht, sondern ein Wettbewerb um Gesellschaftsmodelle und Konzepte dafür, wie wir aus dieser Welt eine bessere machen können, nicht nur für uns und unsere spezifischen Interessengruppen, sondern womöglich für alle ihre Bewohner. Ich glaube nicht, dass ich zu hohe Anforderungen an diese Sendung stelle, wenn ich sage, dass sie in dieser Hinsicht vollständig versagt hat.

Und ihr?

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9 Responses to in irgendeinem Kreis

  1. Nesselsetzer sagt:

    Um Gottes … äh …oder wem auch immer Willen. Du verlangst allen Ernstes, dass irgendwer in Deutschland den Nachwuchs dazu animiert, sich kritisch mit Inhalten auseinander zu setzen? Sich richtig informieren? Das ist ja nicht Dein Ernst. Kritische gebildete Bürger, die sich über den Populismus hinaus eine dezidierte Meinung bilden können? Nee, also das geht echt zu weit. Nachher widersprechen die dann auch noch. Also wirklich!

  2. Finde ich nicht so dramatisch. Die Zielgruppe sind ja Kinder von 4-8 Jahren und für die ist eine sehr vereinfachte Darstellung noch ziemlich angemessen. Das das tatsächliche Alter der Zuschauer so um die 39 Jahre ist, ist ja nun kaum Schuld der Sendung.

  3. Muriel sagt:

    @rolandschwarzer:

    Finde ich nicht so dramatisch.

    Ich auch nicht.

    Die Zielgruppe sind ja Kinder von 4-8 Jahren und für die ist eine sehr vereinfachte Darstellung noch ziemlich angemessen.

    Ich kritisiere nicht, dass die Darstellung vereinfacht ist. Ich kritisiere, dass sie falsch ist. Das finde ich nicht angemessen. Wäre es nicht mehr kindgerecht, wenn man sowas dazu sagt wie: „Natürlich sind die Sprüche auf den Plakaten nicht alles. Es gibt lange, ausführliche Bücher mit den Programmen, in denen die Parteien erklären, wie sie ihre Vorhaben umsetzen wollen, und Veranstaltungen, auf denen man mit den Parteivertretern drüber diskutieren kann.“?
    Ich kenn mich ja nicht aus mit Didaktik und Pädagogik, aber ich würde sagen, das hätte man machen können, ohne die zu überfordern.

  4. Stoertebeker sagt:

    Jo, schließe mich Muriel an. So vermittelt man den Kindern ja den Eindruck, die Art, wie die CDU Wahlkampf gemacht hat, sei genau die richtige.

  5. Muriel sagt:

    @Stoertebeker: Fandest du die anderen denn besser? Ich würde da als Ausnahmen bestenfalls mit sehr, sehr viel gutem Willen und eineinhalb zugedrückten Augen die Piraten und die Grünen anerkennen. Und man sieht ja, was es ihnen gebracht hat.

  6. Stoertebeker sagt:

    Also ich habe den Wahlkampf tatsächlich größtenteils nur auf den Plakaten mitbekommen. Und bei der Linken stand was von Mindestlohn und aufhören mit Kriegführen, z.B.. Bei der FDP was von „Schluss mit Schulden“. Die AFD hatte natürlich auch ein Thema. Bei SPD und Grünen ahnte man zumindest, wohin die Reise gehen soll – wiederum Mindestlöhne, „Kampf der Altersarmut“ und ähnlich Schwachbrüstiges aber immerhin – ja doch – sowas ähnliches wie Standpunkte.

    Bei der CDU las ich nichts dergleichen. Man kann natürlich ein „Wenn ihr wollt, dass es bleibt wie’s ist, wählt CDU“ reininterpretieren und ihr zugutehalten, dass sie ja immerhin regiert hat und daher auf das Geschehene (oder auch Nicht-Geschehene) als Referenz verweisen kann. Aber ich finde, das fiel inhaltlich noch mal ab. Gut, ist natürlich auch naheliegend. Wenn man seit Ewigkeiten regiert, was soll man auf Plakaten versprechen, was man nicht schon längst hätte tun können. Vermutlich können Regierungsparteien kaum anders.

  7. Muriel sagt:

    @Stoertebeker: Na gut, da ist was dran.

  8. Tobert sagt:

    Sorry, bin spät dran.
    Ich finde eigentlich, dass die Sendung mit der Maus das gut gemacht hat.
    Du sagst, es sei „inhaltlich falsch“, auszulassen, dass es auch Wahlprogramme neben den Plakaten gibt und dass alles viel komplizierter ist, aber meinesachtens ist das Auslassen hier legitimes Mittel der Vereinfachung.
    Schließlich steht auch in den Programmen selten: „§Tätarätätä muss geändert werden und zwar gemäß folgendem Gesetzesentwurf: Tschingderassabumm“, sondern auch höchstens mal „Spitzensteuersatz hoch auf …“. Insofern sind die Programme sicher präziser als Plakate, aber noch lange nicht so, dass du als Wähler weißt, was du tust. Den grundlegenden Unterschied zwischen Plakat und Programm, der das Auslassen des Programms sinnentstellend macht, sehe ich nicht (aber hau’s mir um die Ohren, wenn ich blind bin.)

    Der große Nachteil DEINER Modifikation („Natürlich sind die Sprüche auf den Plakaten nicht alles. …“) wäre, dass der Tenor des Beitrags wäre: „Wahl funktioniert im Kern gemäß unseres Beitrags, außer dass das nicht stimmt und noch nebulöse Faktoren hinzukommen, die aber total relevant sind, und ihr also außer einer bunten Illustration mehr im Kopf keinen Schritt weiter im Verstehen dieses Wahlprozesses seid.“
    Da finde ich das Herstellen einer Grundvorstellung bei Kindern die bessere Methode.

  9. Muriel sagt:

    @Tobert: Ich verstehe deine Position, aber ich kann sie beim besten Willen nicht teilen. Wesentliche Informationen einfach zu verschweigen, ist in meinen Augen keine akzeptable Form der Vereinfachung, und genau das ist hier meines Erachtens passiert.

    Insofern sind die Programme sicher präziser als Plakate, aber noch lange nicht so, dass du als Wähler weißt, was du tust. Den grundlegenden Unterschied zwischen Plakat und Programm, der das Auslassen des Programms sinnentstellend macht, sehe ich nicht

    Grundlegend ist immer so eine Sache. Die Programme sind halt ausführlicher. Dass sie trotzdem oft schlecht und unaufrichtig und unvollständig sind, ist sicherlich Konsens hier. Unter anderem deswegen habe ich oben im Artikel ja auch noch andere Möglichkeiten aufgezählt, wie etwa die, die Politiker direkt zu fragen, wie sie was machen wollen.
    Es geht mir darum, dass die Sendung hier in meinen Augen klar und völlig unkritisch impliziert, dass Demokratie so läuft, dass man sich ein paar bunte Plakate mit sinnmäßig grenzwertigen Sprüchen anschaut und dann halt den sympathischsten Kandidaten ankreuzt. Und das ist in meinen Augen eine verheerende Botschaft für Kinder, nicht obwohl, sondern gerade weil viele Erwachsene das wirklich so machen.

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