Wie wir sie kennen, Zug 4

Wie versprochen, wenn auch mit etwas Verspätung, geht es weiter mit unserem ganz ganz ganz großartigen Mail-Rollenspiel, für das ich den anderen Teilnehmerinnen gar nicht genug danken kann. Auf den fünften Zug müsst ihr mutmaßlich nicht so lange warten. Zur Entschädigung habe ich immerhin auch einen neuen Teilnehmer zu bieten: Suresh Panda.

Nina

Nina ist nicht sicher, wie lange sie geschlafen hat, aber es fühlt sich nicht so an, als wäre es besonders lange gewesen, bevor sie durch eine quäkende Lautsprecherdurchsage von draußen geweckt wird:

„Sehr geehrte Bürgerinnen und Bürger,

Sie werden hiermit darüber informiert, dass das Amt für Gesundheit und Verbraucherschutz als Absonderungsmaßnahme gemäß § 30 II Infektionsschutzgesetz eine Ausgangssperre angeordnet hat. Diese Maßnahme dient Ihrer eigenen Sicherheit und dem Schutz vor Infektionen. Sie sind angewiesen, in geschlossenen Räumen zu verbleiben oder diese schnellsmöglich aufzusuchen. Jeder Verstoß kann gemäß § 75 III Infektionsschutzgesetz mit einer Freiheitsstrafe von bis zu fünf Jahren bestraft werden.

Diese Anordnung tritt mit sofortiger Wirkung in Kraft und gilt bis auf Weiteres unbegrenzt. Wir bedanken uns für Ihre Kooperation und bitten Sie, ruhig zu bleiben und Panik zu vermeiden. Die Situation ist unter Kontrolle und diese Maßnahme dient ausschließlich dem Schutz vor weiterer Ausbreitung der Infektion. Sobald die Infektionsgefahr hinreichend reduziert und die Anordnung aufgehoben wurde, werden Sie umgehend informiert werden.“

Nina schreckt hoch und braucht einige Augenblicke, bis sie weiss, wo sie ist. Erst die 2. Durchsage kommt inhaltlich bei ihr an und sie stürzt ins Wohnzimmer, um die Polizistin zu wecken. Sofort denkt sie an Walter. Wo ist er jetzt?
Christina Dohms ist bereits wach, als Nina das Wohnzimmer betritt. Sie sitzt aufrecht, atmet sehr flach und schnell, und murmelt etwas Unverständliches, ihre Augen geschlossen, die Hände so fest zu Fäusten geballt, dass die Knöchel weiß hervortreten. Sie scheint Ninas Anwesenheit nicht zu bemerken.

Nina versucht, die Frau anzusprechen und beschliesst dann aber, lieber Jessi zu holen und ein Fieberthermometer zu suchen.

Jessi scheint einen leichten Schlaf zu haben, denn sie blinzelt Nina bereits verschlafen an, als sie die Tür zum Kinderzimmer öffnet.

„Jessi“, flüstert Nina, „du solltest dir mal die Polizistin ansehen, die ist irgendwie komisch.“

Jessi blinzelt noch eine Weile weiter, bevor sie schließlich zurückflüstert: „Hä? Wie, komisch? Bin ich jetzt Fachärztin für Sheriffologie?“

„Komm einfach mit.“ Nina schiebt Jessi Richtung Wohnzimmer und beide Frauen gucken etwas ratlos auf die Polizistin. „Ich messe mal Fieber.“ Umständlich packt Nina das Fieberthermometer aus.

Als sie leise die Tür hinter sich geschlossen und das Wohnzimmer betreten haben, prustet Jessi in die vor den Mund gehaltene Hand. „Was ist denn mit der los?“ fragt sie.

Die Polizistin zuckt zusammen, als sie die Stimme hört, blickt zu den beiden auf öffnet den Mund, um etwas zu sagen, vielleicht zu erklären, was los ist, aber anscheinend fällt ihr nichts ein.

„Ich … Das …“ stammelt sie nur.

Von draußen kommt noch einmal die Durchsage von vorhin, diesmal aber schon leiser und weiter weg.

„Ich hatte nur … Ich leide unter Schlafstörungen“, bringt sie schließlich hervor. „Schon lange. Tut mir leid, wenn ich Sie beunruhigt habe.“

Ihre Augen irrlichtern dabei durch den Raum, als würde sie jeden Moment damit rechnen, dass jemand hinter den Vorhängen hervorspringt, oder aus der Besteckschublade.

„Ich messe jetzt trotzdem erst mal Fieber.“ Resolut schiebt Nina der Polizistin das Thermometer unter die Zunge. „Sie sehen aus als ob Sie den Tod gesehen haben.“

„Was … Was war das denn gerade?“ fragt Jessi. „Wir sind hier jetzt eingesperrt, oder? Haben Sie das auch so verstanden? Was ist denn das für eine Scheiße!“

Christina Dohms hat nicht den Nerv, Widerstand zu leisten, sagt aber mit zitternder Stimme um das Thermometer herum: „Ich hab kein Fieber, aber wenn Sie drauf bestehen …“

Das Thermometer gibt ihr recht.

„Wir müssen in der Wohnung bleiben. Was auch immer da draußen los ist. Es sei denn, unsere Polizistin hat eine schlaue Idee.“ Nina packt das Thermometer wieder ein. „Ich koche uns erst mal einen Kaffee.“

„Was soll denn das heißen, was immer da los ist? Wir müssen gar nichts! Bloß weil da irgendsoein dummer Sack einen Lautsprecher hat, wollen Sie jetzt kuschen? Nee! Nee, seh ich gar nicht ein!“

Sie huscht in Richtung Kinderzimmer und zieht vorsichtig die Tür hinter sich wieder zu.

Nina verdreht die Augen. War ja klar, dass Jessi keine brauchbaren Antworten zu der ganzen Sache beitragen würde. Offenbar ist dem Mädchen immer noch nicht klar, dass hier irgend etwas ganz gehörig schief läuft.

Müde balanciert Nina zwei volle Kaffeetassen und ein paar Kekse ins Wohnzimmer und setzt sich zu der Polizistin. Sie reicht ihr eine der beiden Tassen und sagt leise: „Wir stecken richtig in der Scheiße, oder?“

„Ich … weiß nicht“, antwortet die, ohne Nina direkt anzusehen. „Ich bin nicht sicher. Diese ganze Sache … kam so plötzlich.“

Nina ist sich nicht sicher, ob sie beide von derselben Sache reden.

Wenig später kommt Jessi wieder aus dem Zimmer, komplett angezogen und mit ihrer Tasche.

„Ich will das jetzt selbst mal sehen, was da draußen los ist“, sagt sie.

Nina traut ihren Augen nicht. „Du willst einfach gehen?!“ Sie schnaubt. „Na ja, bitte. Du lässt dir ja eh nichts sagen. Ih nehme an, du bist schnell wieder da.“ Und dann wissen wir vielleicht, wie schlimm es wirklich da draussen ist, fügt sie in Gedanken hinzu.

Bevor sie die Tür hinter sich schließt, streckt Jessi Nina noch einen Mittelfinger entgegen, ohne sich zu ihr umzudrehen.

„Mami“, hört Nina in diesem Moment Ben sagen. „Mir geht’s nicht so gut…“

Er steht in seinem Schlafanzug neben der halb offenen Schlafzimmertür, eine Hand an seiner Brust, und hustet leise.

„Der Teufel soll sie holen“, murmelt Nina und eilt zu Ben, um seine Stirn zu fühlen. „Mami kocht dir Medizin, Schatz. Komm mal mit in die Küche.“ Sie nimmt Ben an die Hand und versucht, nicht allzu besorgt auszusehen.
Ben lässt sich von ihr widerstandslos in die Küche führen. Seine Stirn fühlt sich nicht besonders heiß an, aber er hustet und scheint sich tatsächlich irgendetwas eingefangen zu haben.

Nina sucht in ihrem

Küchenschrank nach Salbei, Thymian und Kandiszucker. Während sie ein paar Zwiebeln schneidet und etwas Wasser in einen Topf gibt, schaut sie Ben kritisch an. „Tut dir was weh? Schläft dein Bruder noch?“
„Tut alles weh“, sagt Ben traurig. „Alex schläft.“

„Was tut weh?!“ Nina tastet Bens Lymphknoten ab. „Zeig mir mal deine Zunge.“

„Alles!“ wiederholt Ben. „Aaaaaaaaaah!“

Seine Zunge sieht unauffällig aus, aber wenn sie genau hinschaut, sieht sie, dass sein Rachen gerötet ist und die Mandeln ein bisschen angeschwollen.

Nervös hantiert Nina in der Küche herum und überlegt fieberhaft, was sie nun tun soll. Jessi ist weg, Walter ist irgendwo da draußen und die Polizistin ist auch irgendwie zu nichts zu gebrauchen. Nina findet im Tiefkühlfach noch eine alte Packung Vanilleeis und lächelt Ben an. „Vanilleeis ist die beste Medizin bei Halsschmerzen!“ Sie stellt ihm eine Schüssel hin und drückt ihm einen Löffel in die Hand.

Ben strahlt und stürzt sich voller Begeisterung auf das Eis. Die Polizistin liegt auf dem Sofa, den Kopf zurückgelehnt, die Augen geschlossen, und atmet tief ein und aus, als würde sie versuchen, sich zu beruhigen.

Nina ist furchtbar müde. Sie versucht noch einmal, ihre Mutter zu erreichen.
„Der Teilnehmer ist nicht erreichbar. Bitte versuchen Sie es zu einem späteren Zeitpunkt.“

Achselzuckend legt Nina das Telefon zur Seite. Sie hat das Gefühl, in einem überdimensional großen Kaugummi gefangen zu sein, das jede Bewegung und jeden Gedanken so verlangsamt, dass es sich eigentlich gar nicht mehr lohnt, sich überhaupt noch um irgend etwas zu kümmern. Sie bringt Ben noch einmal ins Bett und geht auf den Balkon, in der Hoffnung, dort etwas

zu sehen, was ihr Aufschluss über die aktuelle Lage geben könnte.

Vom Balkon aus gibt es nichts zu sehen. In den Häusern der Umgebung sind wie immer einige Fenster beleuchtet, einige nicht. Auf den Straßen herrscht Ruhe, nur hin und wieder ist von Weitem das tiefe Grollen eines großen Motors zu hören, und ganz weit weg Lautsprecherdurchsagen, die Nina nicht verstehen kann.

Der Nachthimmel ist zwar nicht völlig klar, aber die meisten Sterne sind gut zu sehen. Vom Großen Wagen fehlt nur das hinter Rad und – Moment. Nina stutzt. Jetzt ist plötzlich auch der Stern darüber weg, und jetzt die beiden vorderen, und nur noch die Deichsel ist zu sehen. Jetzt verändert sich vorerst nichts mehr, aber war das nicht viel zu schnell für eine Wolke?

Nina ist zu müde für weitere Beobachtungen und schließt die Augen. Sie will sich nur kurz ausruhen, nur für fünf Minuten die Augen schließen. Kurz darauf ist sie eingeschlafen.

Nina träumt. Es ist ein warmer und sonniger Tag, Walter ist da. Sie sitzen auf einer Wiese auf einer großen Picknickdecke. Ben und Alex spielen mit einem Ball. Sie haben einen Hund, der entspannt im Schatten eines Baumes vor sich hin döst. Nina lehnt sich an Walter, der ihr etwas Wichtiges aus seinem Arbeitsalltag erzählt und ihr dabei zärtlich über das Haar streicht. Es ist ganz still, bis auf die Spielgeräusche der Kinder und Vogelgezwitscher ist nichts zu hören. Nina ist glücklich. Sie fühlt sich warm und geborgen und unbesiegbar. Plötzlich ist in der Ferne ein tiefes Grollen zu hören. Walter springt auf, der Hund beginnt wie Wild zu bellen und Ben weint. Walter nimmt Ben auf den Arm, Alex an die Hand und wirft einen letzten Blick auf Nina. „Wir müssen jetzt los. Du musst das alleine schaffen.“ Er rennt los, der Hund ist bereits verschwunden und das Grollen wird immer lauter und bedrohlicher. Nina versucht, ebenfalls wegzulaufen, aber jede ihrer Bewegungen erfolgt in extremer Zeitlupe. Sie schafft es nicht, sich fortzubewegen, egal wie sehr sie sich auch anstrengt. Verzweifelt versucht sie, hinter Walter und den Kindern herzulaufen, die nur noch als kleine Punkte in der Ferne zu sehen sind, aber sie kann sie einfach nicht erreichen.

Mit galoppierendem Herzen wacht Nina auf und hat zunächst Mühe, sich zu orientieren.

Cléo, David, Vera

Der Mann sieht aufmerksam zu, wie sie den Tee eingießt, drückt eine Taste an seiner Armbanduhr und sagt nach zwei Minuten mit einem entschuldigenden Lächeln: „Könnte ich ihn bitte jetzt schon haben? Ich bin da ein bisschen eigen.“

Von draußen ist ein lautes, tief dröhnendes Motorengeräusch zu hören, das langsam näher kommt

Er nimmt die Tasse mit einem gemurmelten „Danke!“ entgegen, nippt daran, seufzt zufrieden.

Der Mann in dem dunklen Anzug schaut verwundert zur Tür, dreht sich dann wieder zu den anderen und öffnet den Mund, um etwas zu sagen. Doch bevor er dazu kommt, ertönt von draußen eine quäkende Durchsage aus einem Lautsprecher:

„Sehr geehrte Bürgerinnen und Bürger,

Sie werden hiermit darüber informiert, dass das Amt für Gesundheit und Verbraucherschutz als Absonderungsmaßnahme gemäß § 30 II Infektionsschutzgesetz eine Ausgangssperre angeordnet hat. Diese Maßnahme dient Ihrer eigenen Sicherheit und dem Schutz vor Infektionen. Sie sind angewiesen, in geschlossenen Räumen zu verbleiben oder diese schnellstmöglich aufzusuchen. Jeder Verstoß kann gemäß § 75 III Infektionsschutzgesetz mit einer Freiheitsstrafe von bis zu fünf Jahren bestraft werden.

Diese Anordnung tritt mit sofortiger Wirkung in Kraft und gilt bis auf Weiteres unbegrenzt. Wir bedanken uns für Ihre Kooperation und bitten Sie, ruhig zu bleiben und Panik zu vermeiden. Die Situation ist unter Kontrolle und diese Maßnahme dient ausschließlich dem Schutz vor weiterer Ausbreitung der Infektion. Sobald die Infektionsgefahr hinreichend reduziert und die Anordnung aufgehoben wurde, werden Sie umgehend informiert werden.“

Der Anzugträger stellt mit deutlich vernehmbaren Klirren seine Tasse ab, verschüttet dabei einen erheblichen Teil seines Tees und steht auf.

„Das ist doch“, murmelt er, „Das hätte doch … Ich muss morgen früh um 8 in Marburg sein!“

Vera erstarrt an ihrem Platz. Panik steigt auf.  Ausgangssperre?  In geschlossenen Räumen bleiben? Mit sofortiger Wirkung? Soll das etwa heißen, sie kann hier nicht weg? Das geht nicht, sie kann nicht hier bleiben. Unmöglich. Sie will nur noch raus.

Vera springt auf und hastet quer durch den Gastraum. Kein Gedanke daran, dass sie noch nicht gezahlt hat. Mit den Worten „Ich muss weg!“ stößt sie die Außentür auf.

David braucht ein bißchen, um die Informationen einzuordnen.

Es klappt nicht.

Nach den komischen Polizisten jetzt diese extrem skurrile Typ und dann

eine Seuchenwarnung? Er sucht in seinem Körpergefühl nach Anzeichen für

einen wirklich quergelaufenen Trip. Aber soweit er sich selber

einschätzen kann, fühlt er sich nüchtern.

Die Orchideenfrau springt auf und scheint rauszurennen.

Er macht den Mund auf und wieder zu. Dann wieder auf. Er murmelt „Ich dachte, wir sollen drinnen bleiben?!“ und schaut fragend zu Cléo, in der Hoffnung, daß sie ihm erklärt, was los ist und was er machen soll.

Cléo fängt Davids Blick auf und schaut entgeistert zurück. Und dann zur sprintenden Pflanzensammlerin. „Vielleicht sollten wir sie aufhalten“, sagt sie, läuft hinter der Theke hervor, bekommt schmerzhaft  die Außentür auf die Nase und läuft hinter Vera her. „Warten Sie!“, ruft Cléo. „Wo wollen Sie hin?!“ Sie greift nach Veras Arm.

„Ich würde das nicht tun“, ruft der Mann in dem Anzug Vera halbherzig hinterher, unternimmt aber keinen Versuch, sie aufzuhalten.

Das Brummen wird gleich ein gutes Stück lauter, als sie die Tür öffnet, und seine Quelle wird auch unübersehbar. Auf der Straße vor Cléos Café steht ein Panzer auf sechs riesigen Reifen, und um ihn herum drei Soldaten in ausgesprochen hässlichen und für das Wetter sichtbar ungeeigneten olivfarbenen Schutzponchos mit Atemschutzmasken.

Einer von ihnen tritt vor, senkt den Lauf seines G36, das er in Vorhalte trägt, in Richtung Boden und ruft Vera gedämpft durch die Maske zu:

„Das Amt für Gesundheit und Verbraucherschutz 30 II Infektionsschutzgesetz eine Ausgangssperre angeordnet. Bitte kehren Sie in das Gebäude zurück und verbleiben Sie darin, bis die Maßnahme aufgehoben wurde.“

Vera versucht gar nicht erst, Cléos Hand abzuschütteln. Schutzsuchend bleibt sie dicht neben ihr stehen. „Haben die wirklich gesagt, wir dürfen nicht mehr rausgehen? Aber, aber, das geht nicht. Das geht einfach nicht.“

Fassungslos schaut sie auf die bedrohliche militärische  Kulisse. „Ich gehöre hier nicht hin.“ Ruft sie hinüber. „Ich will nach Hause.“

„Tut mir leid“, ruft er zurück, „Das spielt keine Rolle. Bitte verbleiben Sie in geschlossenen Räumen, bis die Sperre aufgehoben ist. Sie gefährden ansonsten nicht nur Ihre eigene Gesundheit, sondern auch die Ihrer Mitbürger.“

„Das ist doch lächerlich,“ murmelt der Mann in dem Anzug hinter Vera, unternimmt aber ansonsten nichts.

Auf der gegenüberliegenden Straßenseite öffnet sich eine Tür. Eine Frau läuft heraus auf ein Auto zu und ruft: „Ich muss dringend nach Hause! Meine Kinder warten auf mich.“

Die beiden anderen Soldaten laufen ihr entgegen.

„Bleiben Sie stehen!“ ruft einer von ihnen.

Der Soldat, der mit Vera gesprochen hatte, sieht sich kurz in Richtung der anderen um, sagt etwas, aber sie kann es nicht verstehen, und schüttelt seinen Kopf. Er zeigt in Richtung Cléos Café.

„Gehen Sie zurück!“ ruft er. „Sofort!“

Dann dreht er sich um und läuft den beiden anderen nach, die die Frau gerade gepackt haben und zurück zu dem Hauseingang zerren, aus dem sie herausgekommen ist. Sie wehrt sich und ruft etwas von ihre Kindern und dass sie sie los lassen sollen.

David geht zu den beiden Frauen und schielt an ihnen vorbei aus der Tür.

Das scheint alles tatsächlich real zu sein. Er will sich jetzt aber nicht zu ihnen in die Tür quetschen, die Besucherin wirkt sowieso schon ein bißchen angespannt.

Er setzt Theo wieder auf die Theke und versucht, Cléos Küchenradio zum Laufen zu bekommen. Es hat keinen Sendersuchlauf, und er keine Übung ohne. Dann kommt er sich albern vor. Er fragt den Mann im Anzug „Sie haben doch so ein Ding! Steht denn nichts im Internet? Minsterium für  Dings, hat er doch gesagt. Die müssen doch was veröffentlichen. Was das soll, und vor allem, wie lange?!“

Vera überlegt, wie sie die Anweisung umgehen kann. Sie will hier nicht bleiben. Die Soldaten scheinen gerade abgelenkt – und vor der Tür parkt ein dunkler SUV, der ihr etwas Sichtschutz geben könnte. Allerdings wirken die Männer mit den Waffen ziemlich entschlossen. Und mit der Mutter gegenüber gehen sie auch nicht gerade zimperlich um. Vorne ist eine Flucht zu riskant.  „Gibt es hier einen Hinterausgang?“ fragt sie Cléo. Ohne die Antwort abzuwarten, läuft sie wieder in den Gastraum, schiebt sich an den beiden Gästen an der Theke vorbei und sucht in der Küche nach einem Ausweg.

„Geben Sie sich keine Mühe, der Hinterhof ist ummauert.“, ruft Cléo in die Küche. Wenn die Frau keine Spitzensportlerin ist, kommt sie alleine nicht über die Mauern rüber. Moment mal…

„David“, sagt Cléo. „Habt ihr was rausgefunden?“ Die beiden Männer starren auf das Smartphone, als würde es demnächst anfangen zu reden. Sie kommt sich vor wie in einem schlechten Film – verbarrikadieren sich die Überlebenden von Katastrophen nicht immer in Kaufhäusern, Cafés oder Militäranlagen? Cléo hofft inständig, dass es eine sinnvolle Erklärung für die Ausgangssperre und die Panzer gibt, eine, nach der alle verstehend nicken können, und die Sinn ergibt.

Er tippt ein paar Momente auf dem Telefon herum, schaut auf den Bildschirm und murmelt:

„Verdammt, das kann doch nicht sein!“

Als David sich neben ihn stellt, zeigt er ihm das Gerät, auf dem zu Davids Verwirrung vor allem ein Foto von Olaf Scholz zu sehen ist.

„Man sollte doch meinen, dass er als Erster Bürgermeister Hamburgs zumindest jemanden hat, der ihn bei der Abstimmung seiner Krawatten auf seinen Anzug berät, oder?“

Als ihm bewusst wird, dass er hier nicht damit rechnen darf, dass irgendjemand sein Entsetzen spiegelt oder auch nur versteht, wendet er sich wieder dem Telefon zu und tippt noch eine Weile darauf herum.

„Nichts“, sagt er schließlich. „Dachte ich mir auch schon.“

In diesem Moment betritt einer der Soldaten mit Atemschutzmaske den Raum, blickt kurz von David zu dem Anzugträger zu Cléo zu Vera

„Sind Sie alle symptomfrei?“ fragt er.

„Ich denke schon“, sagt Cléo irritiert und wirft einen hilfesuchenden Blick in die Runde. „Das heißt – was sind denn die Symptome?“

Vera ist enttäuscht, dass sich nach hinten raus keine Fluchtmöglichkeit bietet. So gemütlich dieses Café auch ist, sie hat keine Lust, sich hier für unbestimmte Zeit einsperren zu lassen. Aber über Mauern zu klettern ist auch nicht ihr Ding. Jetzt gilt es erst mal, den Soldaten loszuwerden, vielleicht ergibt sich dann eine andere Möglichkeit. Am liebsten würde sie sich wieder in der Küche verkriechen, aber sie will nicht verdächtig wirken. Wer weiß, auf was für dumme Ideen der Typ dann kommt. Also reißt sie sich zusammen und bemüht sich, Ruhe und Kompetenz auszustrahlen. Sie tritt vor und sagt mit aller Überzeugungskraft, die sie aufbringen kann.

„Hier sind alle gesund.“

David nickt.

Der Mann in dem dunklen Anzug schaut nachdenklich zu Boden, eine Hand an seinem Hinterkopf.

„Nein“, sagt er schließlich. „Ich leide unter Abgeschlagenheit, Kopf- und Gliederschmerzen, Reizhusten, Halsschmerzen und Schluckbeschwerden, und die anderen habe ich auch husten gehört.“

Der Soldat dreht den Kopf langsam in seine Richtung und betrachtet ihn ein paar Sekunden.

„Sie sehen nicht krank aus“, sagt er dumpf durch die Atemschutzmaske.

Nach einem verärgerten Seitenblick auf den anderen Gast – Ja, spinnt der denn? beschwichtigt Vera „Keine Sorge, das ist nur Einbildung. Hier ist niemand krank, der auch nicht.“

David stellt sich ein bißchen aufrechter und setzt ein Lächeln auf, das er für ‚gesund und kraftvoll‘ hält, das aber eher an eine Zahncremewerbung erinnert, und nickt erneut. Er widersteht mühsam der Versuchung, den Gast im dunklen Anzug gegen das Schienbein zu treten.

„Hier hustet niemand“, bekräftigt Cléo. Und weil sie dem Teetrinker am nächsten steht, zischt sie ihm so leise, wie sie kann, zu: „Sind Sie verrückt geworden?!“

Der Mann schaut still leidend von Vera zu David zu Cléo und zuckt schließlich resigniert die Schultern, während der Soldat seine linke Hand hebt und kreisförmig über seiner Schulter bewegt.

„Bitte treten Sie mit mir auf die Straße“, sagt er, und verlässt vorsichtig das Café, sichtlich bemüht, keinen der vier Zivilisten aus den Augen zu verlieren.

Der Anzugträger hustet so gut er kann in seine Ellenbogenbeuge, aber der Soldat beachtet ihn nicht einmal.

Cléo leistet der Anweisung teilweise Folge, tritt hinter der Theke hervor und geht ein paar Schritte auf die Tür zu, nur um kurz davor wieder stehen zu bleiben und die Arme zu verschränken. „Vor fünf Minuten noch sollten wir unbedingt in geschlossenen Räumen bleiben. Ich bin sicher, Sie haben einen guten Grund für Ihren Gesinnungswandel.“, sagt sie kühl. Sie dreht sich kurz zu David um, lässt ihre selbstsichere Miene herunterfallen und wirft ihm einen hilfesuchenden Du-bist-doch-hier-der-Anwalt-Blick zu. Dann fixiert sie wieder den Soldaten.

Davids Blick zurück zu Cléo hätte wahrscheinlich „Leider nicht; ich bin nur ein kiffender verpeilter und im Moment sehr besorgter Büroangestellter“ bedeuten können, wenn diese Komplexität in Blicken kommunizierbar wäre. In der Praxis bringt er wahrscheinlich nur „verpeilt“ und „besorgt“ rüber, aber das ist auch seine Hauptaussage.

„Was? Wir alle? Aber ich habe gar keine Erkältungssymptome, und sie“, er deutet auf die Frauen, „auch nicht, soweit ich weiß…!“ sagt er, aber eher zu leise, weil er gleichzeitig auch keine Aufmerksamkeit auf sich ziehen will.

„Treten Sie jetzt mit mir auf die Straße. Sie können gegen Anweisungen zum Infektionsschutz beim Amt für Gesundheit und Verbraucherschutz schriftlich oder mündlich zur Niederschrift Widerspruch einlegen.“ Er lädt sein Gewehr durch. „Der Widerspruch hat keine aufschiebende Wirkung.“

„Das ist bestimmt nicht notwendig, wir sind alle gesund. Wirklich.“

Vera deutet auf den Anzugträger „Dieser Herr hier zeigt auch keine Symptome, er macht sich nur wichtig.“

„Sie werden jetzt alle vor dieses Café auf die Straße treten, oder wir werden Sie auf die Straße führen.“

David setzt Theo in seine Bauchtasche und schaut sich im Raum um. Die anderen scheinen genauso ratlos zu sein wie er.

Er versucht es mir seiner Sekretärinnenstimme: „Sehen Sie, ich glaube nicht, daß das nötig ist; wir sind in der Tat symptomfrei und wenn dies tatsächlich eine dramatische Epidemie ist, möchten wir auch die Infrastruktur nicht unnötig belasten. Wir werden hier bleiben und den Raum nicht verlassen, ehe die Ausgangssperre nicht aufgehoben ist, und wenn jemand unter uns Symptome an sich feststellt, melden wir uns unverzüglich, in Ordnung?“ Er schiebt ein verbindliches Lächeln hinterher.

Das Klicken des Gewehrs hallt unnatürlich lange in Cléos Kopf nach – sie hört, wie irgendjemand spricht, versteht aber den Sinn des Gesagten nicht und starrt entgeistert auf die Mündung der Waffe. „Sie können doch nicht – in meinem eigenen Café…!“, hört sie eine viel zu hohe Version ihrer eigenen Stimme sagen. Hätte ich doch bloß abgeschlossen und wäre heimgegangen, denkt sie.

Vera ignoriert weiterhin die Waffe und lächelt den Soldaten freundlich beruhigend an. Solange die anderen nicht rausgehen, wird sie mit Sicherheit nicht gehorchen.

„Sie sollen doch bestimmt jetzt nach Erkrankten suchen. Gehen Sie ruhig, hier ist alles in Ordnung.“

Ihr bestimmter Tonfall holt Cléo ein wenig näher an die Realität zurück. „Ja, genau“, pflichtet sie Vera bei und registriert erleichtert, dass ihre Stimme ihr wieder einigermaßen gehorcht. „Sie verschwenden Ihre Zeit mit uns, fürchte ich. Irgendwo gibt es sicher dringendere Fälle, die auf Ihre… Hilfe angewiesen sind.“

Der Soldat seufzt und dreht sich kurz zu seinen beide Kameraden um, die sich inzwischen hinter ihm versammelt haben.

„Wissen Sie was“, sagt er, „Sie haben völlig recht. Hier drinnen ist es sowieso viel einfacher. Wenn Sie sich jetzt bitte umgehend mit dem Gesicht zu der Wand da drüben“ – er zeigt mit seiner linken Hand in Richtung einer freien Wand – „aufstellen, sich mit den Händen daran stützen und die Beine spreizen könnten. Dies ist das letzte Mal, dass ich Sie mündlich auffordere. Das ist hier keine Diskussionsrunde.“

Cléo weicht vor der geballten exekutiven Gewaltbereitschaft zur Wand zurück und blickt unsicher zu den anderen.

David zuckt mit den Schultern, setzt Theo auf einen Kaffeetisch und

schlurft zur Wand und stellt sich neben Cleo.

Vera wirft dem Soldaten einen genervten Blick zu und stellt sich dann auf Cléos andere Seite.

Der noch immer namenlose Mann in dem Anzug fügt sich ebenfalls mit resigniert-genervtem Gesichtsausdruck.

Während der Soldat, der bisher gesprochen hat, auf seiner Position stehen bleibt, tasten die anderen beiden die vier Zivilisten ab und schnüren ihre Handgelenke mit Kabelbindern hinter dem Rücken zusammen.

„Entsprechend der Ermächtigung in § 7 II SASchVO sind Sie vorläufig festgenommen. Ich weise Sie darauf hin, dass wir Fluchtversuche als Widerstand gegen Seuchenschutzmaßnahmen gemäß § 9 I SASchVO werten werden, zu dessen Verhinderung wir zur Anwendung tödlicher Gewalt befugt sind. Bitte begleiten Sie uns nun nach draußen und folgen Sie dem Spürpanzer.“

Nicht gerade brutal, aber auch nicht sonderlich vorsichtig drehen und schieben die anderen beiden Soldaten euch in Richtung Ausgang.

David, der eigentlich vorhatte, Theo mehr oder weniger heimlich mitzunehmen, hat dazu so ja nun keine Gelegenheit und fängt an zu zappeln: „Halt! Entschuldigen Sie, aber was wird denn jetzt aus meinem Kaninchen? Geben Sie mir doch zumindest die Gelegenheit, das zu versorgen oder jemandem zur Betreuung zu geben?! Wo bringen Sie uns denn hin? Und wie lang ist das vorgesehen! Halt! Moment! Das könne Sie doch nicht machen!“

„Hey, nicht so grob!“ Vera hat sichtlich Mühe, das Gleichgewicht zu halten. Im Vorbeigehen taumelt sie mit der Schulter gegen den ersten Soldaten.

Cléo begnügt sich mit einem bösen Blick. „Ich nehme an, Abschließen wäre auch ein Verstoß gegen die Seuchenverordnung? Wenn mir hier irgendwas wegkommt…!“

Suresh

Suresh sieht verträumt zu, wie die Landschaft an ihm vorbeizieht. Es ist erst kurz nach sieben und außer ihm sitzen nur drei weitere Leute im Abteil des Zuges in Richtung Westerland. Der Zug war mit über einer halben Stunde Verspätung abgefahren, offenbar weil ein Ersatz für den Zugführer gefunden werden musste. Suresh schmunzelt bei dem Gedanken daran, wie sehr sich die Deutschen über so eine banale Verspätung aufregen konnten.

Er ist auf dem Weg nach Elmshorn, von wo aus er sein Rad bis zu seinem Ziel nehmen wird, und er freut sich, dass die zwei Seminare, die heute auf seinem Plan standen, ausgefallen sind. Wie an jedem Tag, an dem er die Zeit erübrigen kann, hat er sich aufgemacht, zu seinen Schafen zu fahren. Naja, eigentlich waren es natürlich Frieder Tadsens Schafe, aber er hatte sich vor einigen Monaten mit dem Schäfer angefreundet und dieser sah es nur zu gerne, wenn er ihm einige Arbeiten abnahm. Schafe waren Sureshs große Leidenschaft. Sie erfüllten ihn mit Freude und Glück, so sehr, dass er schon vor Jahren beschlossen hatte, sich seinen Traum zu erfüllen und sie eingehend zu studieren. Hierfür hat er sein altes Leben in Indien nur zu gerne hinter sich gelassen.

Als er sich und sein Fahrrad bereit macht, um in Elmshorn auszusteigen, fällt sein Blick auf einen Passanten, den er zuvor nicht gesehen hatte, wahrscheinlich weil dieser regungslos zusammengekrümmt auf dem Sitz kauerte. Er sah fürchterlich blass und mitgenommen aus und Suresh fragte sich, weshalb er in seinem Zustand überhaupt das Haus verlassen hatte.

Er schließt seinen Friesennerz – Frieder hat ihn ihm überlassen – über einem dicken Schafswollpullover, verlässt den Zug und radelt zur Koppel.

Als er dort ankommt, kommt auch die Sonne heraus und er freut sich auf einen ungestörten Tag, allein mit der Herde und seinen Gedanken. Er versorgt die Schafe mit frischem Wasser, prüft den Zaun und den heilenden Huf einer Zibbe. Dann zückt er seine Kamera und schießt Aufnahmen vor allem von den Lämmern, deren Entwicklung er dokumentiert. Später nimmt er auf einer Holzbank Platz und isst ein Daal, das er gestern in der Gemeinschaftsküche des Wohnheims für den indischen Abend gekocht hat. Er fühlte sich schrecklich unwohl, so im Mittelpunkt zu stehen, dabei mag er die anderen eigentlich. Die anderen waren ebenfalls Teilnehmer eines intensiven Deutschkurses im Goethe-Institut, der ihn auf sein Doktorstudium vorbereiten sollte. Er hat nur noch wenige Wochen vor sich und freut sich sehr auf seine Forschung, auch wenn er nervös ist und sich Sorgen macht, ob er gut zurecht kommen wird. Bei diesem Gedanken zieht er seine Hausaufgaben für Montag aus seinem Rucksack und vertieft sich in die Regeln für den Gebrauch des erweiterten Infinitivs.

Am späten Nachmittag schaut er bei Frieder vorbei, der nicht weit ab der Koppel wohnt, um ihm eine zweite Dose des Daals zum Probieren zu geben. Er hatte den alten Mann gern und war dankbar für die Freundschaft, auch unabhängig von den Schafen.

Sie versinken in ein Fachgespräch über das Scheren, vergessen die Zeit und Suresh verpasst beinahe seinen Zug. Doch als er am Bahnhof eintrifft, erfährt er, dass die letzten Züge zurück nach Hamburg komplett und ersatzlos gestrichen wurden. Übers Telefon schildert er Frieder sein Dilemma, woraufhin dieser ihn herzlich einlädt, bei ihm zu übernachten.

 

Frieder und Suresh teilen sich zum Abendessen das Daal und Reste vom Labskaus, das Frieder gestern Abend hatte, weil beides alleine nicht für zwei reichen würde. Dabei hören sie Radio, und Suresh erfährt zum ersten Mal, dass die Krankheit offenbar gerade weltweit umgeht. Davon hatte er bisher nichts mitbekommen, weil er so in seine Aufgaben versunken war. Die Nachrichten berichten von fast nichts anderem. In einem Vorort von Madrid soll es heute zu Plünderungen gekommen sein, und die Regierung hat den Notstand verkündet und das Militär eingesetzt. Nach ersten Berichten wurden mehrere Hundert Menschen verletzt und mindestens zehn getötet. In Ägypen hat Präsident Mursi das Kriegsrecht verhängt und das Militär…

Frieder lehnt sich zum Regal rüber und schaltet das Radio ab. Er schmunzelt bekümmert und schüttelt langsam den Kopf.

„Sie nehmen jeden Grund, um sich die Schädel einzuschlagen, was?“ murmelt er. „Man sollte meinen, dass so eine Notlage die Menschen zusammenbringt, und dass sie merken, dass sie aufeinander angewiesen sind, und stattdessen …“ Er hält inne und starrt konsterniert auf seinen halb leeren Teller. Seine Hand sinkt nach unten und sein Löffel schlägt mit einem deutlichen Klick auf den Steingutteller. „Oh“, grollt er mit seiner tiefen Reibeisenstimme. „Oh Gott, das tut mir leid, Suresh, was bin ich denn für ein Esel? Wolltest du … Ich habe vorhin gehört, dass in Indien auch … Aufstände waren, und ich hab dir nicht mal was gesagt. Möchtest du … versuchen, deine Familie zu erreichen, oder Freunde?“

Er gestikuliert in Richtung des alten Wählscheibentelefons, das neben der Eingangstür auf einem kleinen wackeligen Tischchen steht.

 

Suresh springt erschrocken auf, zieht sein Mobiltelefon aus der Tasche und wählt die lange Nummer, doch als nach dem vierten Klingeln noch niemand geantwortet hat, legt er wieder auf, denn ihm wird klar, dass es dort dreieinhalb Stunden später ist als in Deutschland, und dass alle bestimmt schon schlafen. Er beschließt, es morgen früh noch einmal zu versuchen und hofft, dass sein Vater ihn wegen des Versäumnisses nicht tadeln wird, wenn er mit ihm spricht.

Frieder bringt Suresh ein Kissen und eine Decke, und er macht es sich auf dem Wohnzimmersofa bequem. Weil er mit einer Hand den davor auf dem Boden liegenden Border Collie streicheln kann, und weil es ein langer Tag an der frischen Luft war, schläft er trotz der Unsicherheit schnell ein.

Suresh weiß nicht genau, wie lange er geschlafen hat, bis er von einem lauten grollenden Motorengeräusch und einer Lautsprecherdurchsage geweckt wird:

 

„Sehr geehrte Bürgerinnen und Bürger,

Sie werden hiermit darüber informiert, dass das Amt für Gesundheit und Verbraucherschutz als Absonderungsmaßnahme gemäß § 30 II Infektionsschutzgesetz eine Ausgangssperre angeordnet hat. Diese Maßnahme dient Ihrer eigenen Sicherheit und dem Schutz vor Infektionen. Sie sind angewiesen, in geschlossenen Räumen zu verbleiben oder diese schnellstmöglich aufzusuchen. Jeder Verstoß kann gemäß § 75 III Infektionsschutzgesetz mit einer Freiheitsstrafe von bis zu fünf Jahren bestraft werden.

Diese Anordnung tritt mit sofortiger Wirkung in Kraft und gilt bis auf Weiteres unbegrenzt. Wir bedanken uns für Ihre Kooperation und bitten Sie, ruhig zu bleiben und Panik zu vermeiden. Die Situation ist unter Kontrolle und diese Maßnahme dient ausschließlich dem Schutz vor weiterer Ausbreitung der Infektion. Sobald die Infektionsgefahr hinreichend reduziert und die Anordnung aufgehoben wurde, werden Sie umgehend informiert werden.“

 

Suresh eilt zum Fenster, um die Ansage besser zu verstehen und zu erfahren, was vor sich geht. Als er gerade versucht, es zu öffnen, hört er Frieder hinter sich von der Treppe aus rufen:

„Lass das mal lieber zu!“

Er setzt sich mit Frieder an den Tisch und lässt sich, soweit möglich, erklären, was vor sich geht. Aber weil Frieder auch nicht mehr weiß, als der Lautsprecher ihnen mitgeteilt hat, verbringen sie die nächste halbe Stunde mit dem vergeblichen Versuch, über Radio und Fernsehen Genaueres herauszufinden. Es laufen keine Nachrichten mehr, nur noch Wiederholungen von Fernsehserien und Filmen, die sporadisch durch Werbung unterbrochen werden.

Sie versuchen auch, telefonisch Freunde und Verwandte zu erreichen, hören aber nur das Besetzsignal.

Frieder bereitet einen starken Friesentee zu, über dem die beiden schweigend in der Küche sitzen und ihren Gedanken nachhängen, ohne über das Übel zu sprechen, das sich draußen zu entwickeln scheint.

Suresh zieht sich zurück und betet zu seinen Lieblingsgöttern, bis er durch ein heftiges, lautes Klopfen an der Tür unterbrochen wird. Er hört Frieders Schritte über die Holzbohlen in Richtung Tür und begibt sich daraufhin zu ihm in den Flur, und sagt:

„Tut mir leid, ich wollte ein bisschen allein sein, aber jetzt geht es wieder. Soll ich lieber hier bleiben, wenn du die Tür öffnest?“

Frieder nickt und zuckt gleichzeitig die Schultern-

„Klar, warum nicht.“

Er öffnet die Tür und ein schwarzhaariges ungefähr sechzehnjähriges Mädchen stürzt herein. Es trägt eine ausgeblichene Jeans, die zum größeren Teil aus Löchern zu bestehen scheint und einen schlabberigen Wollpullover mit einem „Anarchy no rules OK!“, einem „Eat the Rich!“, einem Guevara- und einem Tibet-Button dran. Außerdem hat es ein großes silbernes Piercing in der Unterlippe, je ein kleineres mit einem glitzernden Stein im rechten Nasenflügel und der linken Augenbraue, und unzählige kleine Ringe in ihrer Ohrmuschel.

Das Mädchen starrt mit panisch geweiteten Augen um sich.

„Schnell!“ keucht es, „Machen Sie sie Tür wieder zu!“

Die Dunkelheit draußen wird von Scheinwerfern durchbrochen, und ein paar kleinere Lampen bewegen sich auf das Haus zu.

Suresh zögert zwar kurz, schließt dann aber die Tür, als Frieder einfach nur verdattert da steht.

„Was haben Sie denn?“ fragt er das Mädchen. „Geht es Ihnen gut?“

Das Mädchen stützt sich an die Wand, während es versucht, wieder zu Atem zu kommen. Suresh fällt auf, dass ihre Haare mehr schlecht als recht gefärbt und von Natur aus anscheinend blond sind.

„Die … Die sind hinter mir her!“ stößt sie hervor.

Suresh schaut zunähst zu Frieder, der besorgt durch das kleine Fenster in der Tür nach draußen späht.

„Wer ist hinter Ihnen her?“

„Irgendwelche Armee-Arschlöcher!“ antwortet sie, und Frieder grummelt:

„Ich glaube nicht, dass du Zeit hast, uns das ausführlich zu erklären. Hinten durch die Küche kannst du raus, und wenn du über den Zaun klettern kannst, entwischst du ihnen vielleicht.“

Die Lichtstrahlen der Lampen von draußen sind jetzt durch das kleine Fenster schon an den Wänden des Flurs sichtbar.

„Warum verfolgen sie dich denn?“ fragt Suresh.

Es läuft ihm kalt den Rücken herunter, und er betrachtet verstört die sich nähernden Lichter.

Das Mädchen läuft in Richtung Küche, ohne ihm zu antworten. Frieder und Suresh folgen ihr, und schon wenige Sekunden später hämmert wieder jemand gegen die Eingangstür.

Stimmen erklingen von draußen, jemand ruft etwas, das nach Befehl klingt.

„Ich hätte …“, beginnt Frieder, und beendet den Satz über zwei dumpfe Schläge, das Splittern von Holz und den scharfen Schlag des Türblattes gegen die Wand hinweg: „… vielleicht abschließen sollen.“

„Niemand bewegt sich!“ ruft jemand vom Eingang aus. Die Stimme klingt gedämpft, als würde der Sprecher eine Maske tragen.

Als er die aufbrechende Tür hört, wirbelt Suresh herum, und er sieht, dass darin ein Soldat in Tarnfleck-Kampfanzug mit Atemschutzmaske und Gewehr im Anschlag steht.

Er selbst bleibt stocksteif stehen. Ihm ist schlecht, und er zittert. Fragend schaut er zu Frieder, aber der zuckt nur die Schultern.

Hinter sich hört er, wie sich die Küchentür öffnet.

„Stop!“ ruft der Soldat.

Er läuft an Suresh vorbei und stößt ihn dabei unsanft zur Seite. Zwei weitere folgen ihm.

„Was machen wir mit denen?“ fragt einer.

„Auch mitnehmen“, bekommt er zur Antwort. „Jetzt sind wir schon mal hier.“

Einer der Soldaten dreht Suresh gegen die Wand, tastet ihn ab und fesselt seine Hände mit Kabelbindern auf dem Rücken.

„Entsprechend der Ermächtigung in § 7 II SASchVO sind Sie vorläufig festgenommen. Ich weise Sie darauf hin, dass wir Fluchtversuche als Widerstand gegen Seuchenschutzmaßnahmen gemäß § 9 I SASchVO werten werden, zu dessen Verhinderung wir zur Anwendung tödlicher Gewalt befugt sind. Bitte begleiten Sie uns nun nach draußen und folgen Sie dem Spürpanzer.“

Nicht gerade brutal, aber auch nicht sonderlich vorsichtig drehen und schieben die Soldaten Suresh und den ebenfalls gefesselten Frieder in Richtung Ausgang und führen euch zu ihrem Panzer. Der Motor läuft mit einem bemerkenswert tiefen und lauten Brummen. Einer von ihnen tritt ein paar Schritte zur Seite und spricht mit seinem Funkgerät. Ein anderer öffnet die Klappe am Hinterende des Panzers und führt euch hinein. Sie weisen euch an, euch auf die unbequemen Bänke zu setzen, und zu warten.

Suresh leistet physisch keinerlei Widerstand und lässt sich schieben. Er schaut sich in der Dunkelheit um, ob ihm etwas Ungewöhnliches auffällt, aber er kann nichts erkennen.

„Frieder, ist alles in Ordnung?“ fragt er, und an die Soldaten gewandt: „Ist das nicht gefährlich, wenn Sie uns jetzt einfach so nach draußen führen, ohne Masken?“

Frieder nickt. „Keine Sorge“, sagt er. „Das wird schon alles wieder.“

Die Soldaten reagieren nicht auf seine Fragen.

Nach ein paar Minuten Wartezeit kommt einer von ihnen mit dem Mädchen. Sie ist nun auch gefesselt und zappelt und tritt gelegentlich nach ihm, hat ihm aber nicht ernsthaft etwas entgegenzusetzen. Sie schimpft und schreit irgendetwas Unverständliches, und kurz bevor die beiden den Panzer erreichen, gelingt es ihr, in seinen Handschuh zu beißen.

Er schreit auf, flucht und stößt sie mit dem Kopf gegen die Türkante. Sie erschlafft, und er hebt sie in das Fahrzeug.

„Beim nächsten Mal schieße ich einfach“, murmelt er, während er das bewusstlose Mädchen zu Suresh und Frieder in den Panzer setzt. Wenig später setzt das Fahrzeug sich in Bewegung. Da keiner von euch auf seine Uhr schauen kann, sogar wenn ihr welche tragt, wisst ihr nicht genau, wie lange es dauert, bis es schließlich wieder stehen bleibt, aber es kommt euch nicht sehr lange vor.

Die Klappe öffnet sich wieder und ihr werdet durch eine praktisch leere Tiefgarage durch einen von Leuchtstoffröhren erhellten Betongang zu einer stählernen Tür geführt, die von einem weiteren Soldaten bewacht wird. Der Anführer eurer Gruppe spricht kurz mit diesem, dann öffnet er die Tür und das Mädchen wird hineingetragen.

Frieder und Suresh werden weiter bis zu einem Fahrstuhl geführt. Die Soldaten drücken eine Taste, und diese beginnt zu leuchten.

„Wir werden Sie nun in unsere Erstaufnahme führen, um einige Untersuchungen an Ihnen durchzuführen“, erklärt einer von ihnen durch seine Maske. „Ihnen wird kein Schaden zugefügt, wenn Sie kooperieren.“

Die Türen des Aufzugs öffnen sich.

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3 Responses to Wie wir sie kennen, Zug 4

  1. unendlichefreiheit sagt:

    Auch wenn mich die drei ersten Züge inhaltlich nie gelangweilt haben, bin ich doch froh, dass das Tempo jetzt ansteigt. Mir ist etwas aufgefallen:

    Nicht gerade brutal, aber auch nicht sonderlich vorsichtig drehen und schieben die anderen beiden Soldaten euch in Richtung Ausgang.

    und

    Da keiner von euch auf seine Uhr schauen kann, sogar wenn ihr welche tragt, wisst ihr nicht genau, wie lange es dauert, bis es schließlich wieder stehen bleibt, aber es kommt euch nicht sehr lange vor.

    Da schimmert doch eine andere Erzählperspektive durch und ich weiss nicht, ob das so gewollt ist. Scheint mir ein spiel-internes Überbleibsel zu sein. Egal ob absichtlich oder nicht, fand ich irgendwie ganz interessant. (verdammt, bin ich leicht zu begeistern)

  2. Muriel sagt:

    @unendlichefreiheit: Ich müsste jetzt nachsehen, ob das vorher schon mal war, aber jedenfalls habe ich mich bewusst dafür entschieden, hier stilistisch das Rollenspiel zu zeigen und nicht alles so zu formulieren, wie ich es in einer Geschichte machen würde. Alles, was ihr hier lest, ist echt und weitgehend unbearbeitet. Nur Rechtschreibfehler korrigiere ich, und auch das nur, wenn sie mir zufällig ins Auge fallen.

  3. […] Das mag nicht so besonders beeindruckend klingen, als Gelöbnis, aber wenn ihr bedenkt, dass das letzte Kapitel (das ihr vielleicht noch mal lesen wollte, um euch in Erinnerung zu rufen, was zu…, dann ist es eine dramatische Verbesserung gegenüber dem bisherigen Verfahren. Und wenn ihr mich […]

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