Gravity

Ich bin ja aus irgendwelchen mir selbst nicht ganz einsichtigen Gründen versucht, sowas zu schreiben wie „Man sieht heute kaum noch richtig gute Filme im Kino.“ Aber das ist Quatsch, weil nichts dafür spricht, dass sich da im Laufe der Zeit was geändert hätte. Es war – geradezu tautologisch – schon immer ein seltenes Ereignis, einen besonderen Film zu sehen, der einen schwer beeindruckt. Für mich war es letzten Freitag mal wieder so weit:

Ich habe Gravity gesehen.

Und verdammt noch mal, war der gut. Ich bin versucht, sowas zu schreiben wie dass das wahrscheinlich das beste Dingsda von son Dingern war, das ich je gesehen habe. Aber das wäre natürlich auch Quatsch, weil es keinen einen besten Film gibt. Trotzdem sollten wir festhalten, dass Gravity wahnsinnig gut ist, dass ich ihn wirklich jedem vorbehaltlos empfehle, der nicht schon beim Anblick von Sandra Bullock, George Clooney oder der Erde aus dem Weltall Krätze kriegt, und ich gehe sogar noch ein Stück weiter und sage:

Gravity ist für alle praktischen Zwecke ein perfekter Film.

Kurzplot: Es geht um eine Wissenschaftlerin (gespielt von Sandra Bullock), die zum ersten Mal im All ist und dort ihr Forschungsprojekt verwirklichen will, aber etwas geht schief, und plötzlich interessiert sich niemand mehr für Fehler im Messsystem, weil alle zu beschäftigt sind, um ihr Überleben zu kämpfen. Mehr muss man eigentlich nicht wissen.

Eigentlichauchaberdanndochnichtganzsokurzkritik: Es stimmt einfach alles. Die Darsteller sind wundervoll. Die Musik ist wundervoll. Der Blick auf die Erde, die Darstellung des Weltalls, der 3D-Effekt, ihr ahnt es: wundervoll. Die Dialoge sind gelungen, klug, berührend, sympathisch. Der Plot ist – halbwegs – plausibel, und den physikalischen Gesetzen wird kaum Gewalt angetan. Der Film illustriert sehr schön und anschaulich, was im Weltall in Schwerelosigkeit anders ist als auf der Erde, und welche Probleme das mit sich bringt. Die Effekte sind mörderisch eindrucksvoll. Sogar das Ende ist genau so, wie es sein muss, und Enden sind immer extrem heikel. Ich habe absolut nichts auszusetzen an diesem Meisterwerk von einem Film, und mir tut jeder leid, der ihn sich nicht ansieht.

Naja.

Ja, doch, dazu stehe ich schon. Aber einen Aspekt gibt es doch, über den wir mal reden sollten. Er wird auch in dieser sehr aufschlussreichen Review der Sexy Cripples kurz angesprochen, aber eben nur kurz und völlig unkritisch, was ich sehr schade fand.

Die Protagonistin, Dr. Ryan Stone, ist eine Frau. Wolf und Kim sagen in ihrer Review sinngemäß, das sei nicht zentral, die Rolle könne eigentlich auch ein Mann spielen, aber es sei doch schön, dass es eine Frau sei, weil dadurch ein bisschen Verletzlichkeit und so weiter reinkomme. Und thematisieren das nicht weiter.

Was ich merkwürdig finde, und dann doch wieder nicht, weil es einerseits bei mir da mächtig hakte, und weil mir andererseits aber klar ist dass nicht jeder so denkt wie ich. Deswegen ist es völlig okay, das nicht zu kritisieren. Vielleicht gibt es nicht mal was zu kritisieren, aber eben zum Drüberreden. Gerade für mich.

Denn es stimmt, Sandra Bullock spielt eine verletzliche Protagonistin. Ihre Figur ist zum ersten Mal im Weltall. Sie weiß vieles nicht, sie kann vieles nicht, sie fürchtet sich, sie schreit, sie weint, sie verzweifelt. Das ist in Ordnung. Das ist normal. Ich zum Beispiel neige wirklich sehr, sehr wenig zum Schreien, zum (lauten) Weinen und Verzweifeln, aber wenn ich mit hoher Geschwindigkeit um mich selbst rotierend in einer Trümmerwolke ohne eigenen Antrieb und ohne jede Möglichkeit der Rettung von meinem Space Shuttle fortgeschleudert würde, ohne auch nur so richtig zu wissen, was eigentlich los ist, dann würde ich es sicherlich auch tun, weil es in dieser Situation einfach die einzig sinnvolle Option darstellt. Oder so.

Insofern wäre es völlig unbedenklich, dass die Frau in diesem Film viel weint und schreit und sich fürchtet und verzweifelt, weil das der Situation angemessen ist und niemand von uns sich vorstellen kann, anders zu reagieren.

Dann steht der Protagonistin aber andererseits die Figur von George Clooney gegenüber. George Clooney spielt Matt Kowalski, einen erfahrenen Astronauten auf seinem letzten Flug. Einen Mann. Und er ist während all dieser fürchterlichen Ereignisse so unfassbar ruhig, und selbstsicher, und gut gelaunt, und rettet seine Kollegin wieder und wieder, das alles so mühelos und gekonnt … dass es doch ein bisschen komisch wird.

Ja, klar, ich weiß. Es gibt halt einfach nicht so viele sehr erfahrene ältere Astronautinnen, deswegen wäre es komisch, wen Clooneys Charakter eine Frau wäre. Aber doch: Hysterische, weinende, ängstliche, unsichere Frau wird von gelassenem, witzemachendem, furchtlosem, abartig gelassenem Kerl gerettet. Sie weiß nicht, welche Knöpfe sie drücken muss. Er kennt jedes Detail, jeden Handgriff im Schlaf.  Sie weiß nicht weiter, er tröstet sie und macht ihr Mut. Sie ist in Gefahr, er opfert sich.

Der Film ist zu gut, als dass es mich während der Vorstellung wirklich aktiv gestört hätte. Die Charaktere sind beide zu sympathisch, zu rund, zu gelungen, als dass ich mich darin hätte festbeißen wollen.

Aber es ist mir entschieden zu viel Stereotyp, wenn ich doch mal gründlich drüber nachdenke, und eigentlich fast schon ein bisschen eklig.

Die Sexy Cripples sagen, es sei ja interessanter, in der Rolle eine Frau zu casten, wegen der Verletzlichkeit und so.

Aber das ist doch Mist. Also, nicht dass die beiden es sagen. Sie haben ja nicht ganz unrecht. Ich mache das in meinen eigenen Geschichten ja sogar auch so.

Aber es ist trotzdem Mist.

Ich würde gerne mal einen Film mit einem männlichen Protagonisten sehen, der genauso schwach und ängstlich und verzweifelt ist wie Bullocks Charakter. Ich sag das jetzt so, aber eigentlich ist ihr Charakter ja gar nicht schwach. Im Gegenteil. Sie macht das toll. Sie kriegt mehr auf die Reihe als es wahrscheinlich jeder reale Mensch in ihrer Situation könnte. Aber wir vergleichen Protagonisten in solchen Filmen nicht mit realen Menschen. Wir vergleichen sie mit abartig gelassenen Charakteren wie dem von George Clooney, die immer alles im Griff haben, und jederzeit genau wissen, was sie tun. Mit Actionhelden eben. Und neben so einem Actionhelden sieht Bullocks Figur schwach aus, infantil, und ängstlich.

Und Wolf und Kim haben völlig recht: So dürfen im Kino nur Frauen sein, oder Männer, wenn sie unsympathische Witzfiguren oder lächerliche Sidekicks sind.

Und das ist Mist.

Oder?

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11 Responses to Gravity

  1. Christina sagt:

    Man sollte nie vergessen, das kein Film das „wahre Leben“ darstellt. Insofern genießen und wissen, dass man sich ein „Märchen“ anschaut. 😉

  2. Habe den Film noch nicht gesehen, aber Deine Empfehlung ist stark. Und so wie es klingt, hätte man doch vermutlich schon Clooneys Rolle nicht ganz so lässig anlegen können, ohne dass dies dem Plot Abbruch tut.

  3. Muriel sagt:

    @not quite like beethoven: Geschmacksfrage. Ich mag extrem angelegte Charaktere (Sind meine ja auch immer.), und ich fand Kowalski toll, so wie er war. Seine Gelassenheit und Professionalität auch im größten Chaos waren unheimlich angenehm.
    Mir wäre deshalb eine andere Lösung lieber gewesen.
    Den Plot hätte es aber natürlich nicht erschüttert, da hast du recht.

  4. nandalya sagt:

    Danke für den Tipp! Den Film schaue ich mir auf jeden Fall an. Weißt du was das Problem mit den „Guten Filmen“ ist, die wir scheinbar nicht mehr im Kino sehen? Es gibt zu Viele davon! 😀 Und zu viele Filme sowieso. Und wir schauen und schauen und schauen und das früher vielleicht vorhandene „Super, Klasse“ Erlebenis ist einfach nicht mehr da.

  5. Triffels sagt:

    @christina: Aber es wird von wahren Menschen gesehen.
    (@blogführmensch: Wenn die Artikel jetzt alle von Herrn Elfeld verfasst werden, heißt das Muriel ist tot?)

  6. Muriel sagt:

    @Triffels: Muriel ist keineswegs tot. Er erfreut sich sogar bester Gesundheit und ist lediglich überfordert von WordPresseseses Benutzerverwaltung.

  7. Muriel sagt:

    @Triffels: So, jetzt hat Muriel sich aus seinem kalten Grab gewühlt, seine bläulichgraue Hand in die Nachtluft ausgestreckt, während kleine Erdbröckchen davon auf den Rasen herunterregneten, und … das Benutzernamenproblem gelöst, sodass jetzt wieder alles stimmen sollte bei den Verfassern der Beiträge der beiden Blogs.
    Naaaaaaaaaaaaaaames.

  8. Guinan sagt:

    So ganz richtig klappt das mit den Namen aber noch nicht. Oder funktioniert das nicht rückwirkend?
    Ich stand Samstag vorm Kino und war von den Auswahlmöglichkeiten schlichtweg überfordert. Letztendlich haben wir uns gegen Gravity und für Prisoners entschieden, was ich jetzt etwas bedauere, obwohl der auch wirklich gut war.

  9. Muriel sagt:

    @Guinan: Wo steht der falsche Name denn noch?

  10. Guinan sagt:

    @Muriel: Da steht „geschrieben von am Donnerstag“

  11. Muriel sagt:

    Ach so, da. Ja, ich glaube, das war schon immer so. Das ist einfach nur ein Fehler des Themes.

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