Pfeifen im Wald, dein Name ist

Reinhard Müller, und du schreibst natürlich für die FAZ.

Atemlos berichtet Herr Müller:

 In Greifswald waren kürzlich offenbar alle Exemplare dieser Zeitung ausverkauft. 

Und gebannt lauschen wir seiner Geschichte, die uns mit zeitungstypischer Eloquenz bei gleichzeitig enormem Nachrichtenwert entführt in eine fremde Welt, in der … naja…

etwa 200 […] Professoren und Privatdozenten […] auf ihre tägliche gedruckte Stammlektüre nicht verzichten

wollten. Dunnerkeil, denken wir, da hat man es doch tatsächlich im Rahmen einer Sonderveranstaltung geschafft, irgendwo 200 Leute zusammenzutreiben, die gerne noch Papierzeitungen lesen.

Und das ist ja eigentlich auch okay, um mal kurz auf den Boden der Sachlichkeit zurückzukehren. Ich hab ja nichts gegen Zeitungen an und für sich. Ich les sie nicht gerne, weder inhaltlich noch physisch, aber ich gönne jedem sein Vergnügen, und so besonders bald rechne ich auch nicht mit dem Aussterben dieses Mediums. Da gönne ich Herrn Müller seinen pflichtgemäßen Hinweis, der in keinem solchen Text fehlen darf:

wenn man genau hinschaut, so gilt in ganz Deutschland (und in der Welt?): Geredet wird über das, was in der Zeitung steht. Die zahllosen Foren, Blogs oder Kommentare im weltweiten Netz sind oft lediglich Abziehbilder

Wollte man hämisch sein, man könnte sowas sagen wie: „Richtig, Zeitungen, so siehts aus. Wer redet zum Beispiel über Sachen, die bei Wikileaks stehen? Bitte was Wikileaks ist? Eben. Wer weiß das schon. Darüber redet niemand, denn in Wahrheit reden alle über „Ich Bin Ein Star, Holt Mich Hier Raus!“.“

Aber will ich nicht. Ich will gar nicht bestreiten, dass Zeitungen nach wie vor eine wichtige Rolle spielen und wahrgenommen werden. Keine Frage. Ich rede ja selbst gerade über etwas, das im weiteren Sinne in der Zeitung steht.

Auch „digital natives“, etwa Politiker der Piraten-Partei, sind ganz verzückt, wenn sie erfahren, dass ihr Gastbeitrag nicht etwa nur für den Internetauftritt, sondern für die gedruckte Zeitung vorgesehen ist. Und was wären die öffentlich-rechtlichen Rundfunksender ohne die Zeitungen?

Joa, Herr Müller, nun ist auch mal gut. Wir haben das ja verstanden. Zeitungen sind schon toll. Ehrlich jetzt. Ich meine, wo sonst kann man mit so schöner Regelmäßigkeit und nicht nachlassender Verve darüber lesen, wie toll Zeitungen sind? Nur in der Zeitung. Eben.

(Ja gut. Ich will natürlich doch ein bisschen hämisch sein. Aber nur, weil Herr Müller so unsympathisch schreibt. Und wartet mal ab, das schlimmste kommt erst noch.)

Gebühren freilich werden – zum Glück – nicht für Zeitungen erhoben.

Was natürlich nur an der vornehmen Selbstbeschränkung der Verleger liegt, die uns allen sicherlich aus der Leistungsschutzrecht-Debatte noch erinnerlich ist, bei der es natürlich total überhaupt nicht darum ging, das Wohlergehen von Zeitungen mit zwangsweise erhobenen Abgaben zu subventionieren, räusper, hust, hust.

Es ist kein Gejammer,

Nee, schon klar.

sondern auch aus Gründen des Gemeinwohls geboten,

Jawollja, drunter machen es so hehre Leute wie die, die in Zeitungen schreiben, bekanntlich sowieso nicht.

die unbegrenzte Bestands- und Entwicklungsgarantie kritisch zu sehen, die das Bundesverfassungsgericht dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk zugesteht.

In der Tat. Da würde ich Herrn Müller nicht mal widersprechen wollen, wenn er seine Position nicht gleich im nächsten Satz mit viel Schwung ins peinliche Abseits schießen würde:

Diese Garantie wird dann zu einem Schaden für die Demokratie, wenn mit Gebühren (Online-)Zeitungen betrieben werden.

Nämlich. Ist ja klar, oder? Solange mit den Gebühren nur in das Geschäftsmodell anderer Leute eingegriffen wird, ist das kein Schaden für die DemokratieTM. Der entsteht selbstverständlich erst dann, wenn es an die Zeitungen geht. Wie das halt immer so ist, ne? Und mal wieder findet sich nirgendwo jemand, der den Mumm hat, das offen auszusprechen. Bis auf die Zeitungen halt. Diese tollkühnen, unangepassten Hallodris, die.

Die Landschaft ist durch die Haushaltsabgabe sowie Monopolisten und Kostenlosverwerter wie Google geprägt.

Und das ist die Stelle, an der langsam mein Essen anfängt, wieder hochzukommen, denn Herr Müller ist jetzt nicht mehr nur albern, jetzt wird er massiv unehrlich. Google ist kein Monopolist. Und wenn ihr unerträglichen Heuchler von der Zeitungslobby ernsthaft nicht wolltet, dass eure Inhalte kostenlos verwertet werden („verwerten“ hier in dieser sehr spezifischen, nur unter Verlegern gebräuchlichen Bedeutung von „ohne jede Gegenleistung für das Publikum auffindbar machen und damit einen größeren Markt erschließen“), dann könnt ihr ganz einfach eine kurze Textzeile in den Code eurer Seiten schreiben, und schon ist es vorbei damit. Solange ihr das nicht tut, ist euer Gejammer über die „Kostenlosverwerter“ so unfassbar beschämend, dass ich nicht begreife, wie jemand es noch anstimmen kann, ohne spontan vor Unaufrichtigkeit und Publikumsmissachtung zu platzen.

Dazu kommt, alles überragend, die Gratismentalität des Internets.

Hach ja, die Gratismentalität, die ja bekanntlich jedes internetbasierte Geschäftsmodell völlig unmöglich macht, weil niemand bereit ist, im Internet für irgendwas zu zahlen. Die Gratismentalität, die so zarte aufstrebende Pflänzchen wie ebay, amazon, itunes, steam, und all diese anderen hoffnungsvollen Unternehmen Projekte wie Kickstarter unter ihrem Stiefelabsatz zermalmt hat, die vergeblich darauf hofften, irgendwer würde vielleicht doch ein bisschen Geld ausgeben wollen, in diesem Internet.

Zu dumm. Aber es kommt noch schlimmer:

Zur Unkultur des Netzes, die kaum wieder rückgängig zu machen ist, zählt auch dessen Mangel an Anstand.

Ja, Herr Müller, Sie haben recht. Eine Kultur rückgängig machen, das ist schon eine schwierige Übung. Zum Glück ist der Mangel an Anstand eine Eigenschaft des Netzes und konsequent auf dieses begrenzt. In der gedruckten Fassung ist Ihr Artikel wahrscheinlich von vorne bis hinten okay, ich bin sicher, aber Sie werden sich denken können, dass ich die nicht gelesen habe, weil diese unanständige hier kostenlos online steht. Verdammter Mist, was?

Aber nein, natürlich denkt Herr Müller nicht so kurz, die Unanständigkeit einfach auf das Netz an sich zurückzuführen. Neinnein, er hat schon die wahre Ursache im Auge:

Anonymität kann wichtig sein

gesteht er uns immerhin noch zu, aber

mit gutem Grund gilt für Demonstrationen ein Vermummungsverbot

So ist es, Herr Müller. Und wenn Sie noch einen Schritt weiterdenken, kommen Sie womöglich sogar drauf, dass es mit guten Grund nicht auch überall sonst gilt, sondern eben für Demonstrationen.  Ob übrigens die Gründe für dieses Verbot auf Demonstrationen wirklich so gut sind, wollen wir hier nicht auch noch erörtern. Ich mein nur.

wie im Übrigen selbstverständlich auch das Verbot, Straftaten zu begehen. Anders im Internet.

Wo wir gerade beim Thema „Mangel an Anstand“ waren: Herr Müller würde so etwas gewiss nie schreiben, um zu implizieren, dass Straftaten im Netz nicht verboten wären. So tief würden anständige, ehrliche, analoge Zeitungsmenschen wie er niemals sinken. Dass seine Argumentation das trotzdem ganz gewaltig stark impliziert, ist mutmaßlich nur ein bedauerliches Versehen. Vielleicht ist ihm der Bleistift beim Schreiben abgebrochen, der Füllfederhalter ausgelaufen, oder – wer weiß – irgendwas stimmte mit dem Faxgerät nicht, mit dem er seinen Beitrag an die Redaktion senden wollte. Oder… vielleicht liegts auch daran:

Kein Beitrag, kein Leserbrief kommt unredigiert ins Blatt.

Und ja, das meint er natürlich als Vorteil der gedruckten Zeitung, denn

Das ist nicht mit Zensur zu verwechseln.

Nicht doch, nicht doch. Würden wir nie tun.

Redigieren bedeutet eigentlich: etwas zurückführen, in Ordnung bringen.

Ahhh… Ohhh…

Na gut, ja: Ich habe mich in Rage geschrieben. Natürlich ist es keine Zensur im eigentlichen Sinne, wenn jemand etwas in seiner Zeitung nicht veröffentlichen will. Von Zensur würde ich nur sprechen, wenn jemand eine andere Person mit Zwangsmitteln davon abhält, ihre eigene Meinung kundzutun, nicht, wenn er sich lediglich weigert, ihr dabei zu helfen. Aber so ein bisschen putzig ist die Argumentation doch schon: „In Zeitungen erscheint nichts so, wie der Urheber es mal geschrieben hat, sondern alles wird vor der Veröffentlichung noch verändert. Das ist aber überhaupt kein Nachteil, sondern total toll, weil wir es „redigieren“ nennen!“ Als ob irgendwo auf der Welt ein Zensor seine Handlungen mal anders gerechtfertigt hätte als genau so. „Wie? Nee! Wir verfälschen doch nichts! Wir führen nur zurück und bringen in Ordnung.“

Wie gesagt, solange die Zeitungen nur für sich selbst entscheiden wollen, was sie veröfentlichen, more power to them, aber Herr Müller geht hier darüber hinaus. Er will uns erzählen, das sei generell besser so. Er vergleicht verschiedene Formen der Auseinandersetzung und kommt zu dem Ergebnis, dass die in der Zeitung die bessere ist, weil es da jemanden gibt, der redigiert, und nicht jeder einfach schreiben kann, was er denkt. Oder anders:

Nur Zeitungen ziehen einen Strich unter die Debatte.

Und das ist es ja, was den heutigen Debatten bekanntlich fehlt: Jemand, der sie für beendet erklärt. Und wenn ihr dachtet, das müsste es jetzt langsam doch gewesen sein mit den Vorteilen von Print-Zeitungen, dann liegt ihr weit daneben, denn seinen ultimativen Trumpf hat Herr Müller sich fürs Ende aufgespart:

Nur das Gedruckte kann auch einmal vergriffen sein. Es wird knapper – und immer wertvoller.

Und ich fürchte, er meint das wirklich alles ernst.

17 Responses to Pfeifen im Wald, dein Name ist

  1. Koinzidenz – dank geplatzter Hutschnur: Ich hatte zu dem Herrn auch gerade etwas geschrieben: http://www.stilstand.de/alles-muller-oder-was/

  2. Muriel sagt:

    @Klaus Jarchow: Und sehr gelungen, wenn du mich fragst.

    Unter dem Titel ‘Immer Wertvoller‘ stellt er dort etwas längeres Staatstragendes ins Netz, das in der Folge dann rodeohaft in alle Richtungen auskeilt.

    Schön.

  3. Ich mag Zeitungen physisch, ich mag das taktile Gefühl und das Rascheln. Inhaltlich jedoch scheint das Gute das Schlechte nicht aufwiegen zu können.

  4. Muriel sagt:

    @ars libertatis: Das ist natürlich schwer abzuwägen. In Blogs findet man auch viel Unfug und Dummheit.
    Andererseits gibt es Blogs, die ich als sympathisch und vertrauenswürdig einschätze.
    Das kann ich von Zeitungen nicht sagen.
    Wiederum andererseits arbeiten an Zeitungen natürlich in aller Regel auch viel mehr Personen, insofern ist auch dieser Vergleich wahrscheinlich auch nicht besonders sinnvoll.

  5. @Muriel: Das ist es, was ich sagen sollte. Dass ich die Blogs, die ich abonniert habe, lieber lese als Zeitungen, sagt zwar noch nicht viel aus, da ich bei den Blogs die Autoren beliebig zusammen stellen kann und bei den Zeitungen nicht. Und News kriege ich immer noch aus den Zeitungen. Aber durch die Blogs erhalte ich viel mehr neue Ideen. Vielfältigere sowieso. In den Zeitungen wiederholen sich immer dieselben Argumente, ausser es gibt mal ein Interview mit einem ungewöhnlicheren Menschen.

  6. Adrian sagt:

    Ich mag Zeitungen schon deshalb nicht, weil sie unmöglich zu handhaben sind, besonders am Frühstückstisch oder im Zug.

  7. Joan sagt:

    Haha, redigiert. Bei der FAZ-Lektüre sind mir in letzter Zeit immer mehr Tippfehler und allem Anschein nach inkonsequent geänderte Sätze aufgefallen. Da ist mancher Blog gründlicher.

  8. fichtenstein sagt:

    Er tut mir schon ein wenig Leid, der Herr Müller, wie er sich an seine eigene Relevanz klammert, wie an ein Rettungsboot. Aber er hat Glück, das Internet wird sich eh nie halten, das hat keine Zukunft…

  9. Muriel sagt:

    Es gibt einen Bedarf von zwei oder drei Internet auf der ganzen Welt. Höchstens. Schätze ich.

  10. Marcus sagt:

    Der gute Mann scheint jeglichen Bezug zur Realität verloren zu haben; aber das ist heutzutage wohl eher von Vorteil.

  11. Meine Güte sagt:

    Meine Güte – was hat Dich denn gestochen? Und wer ist Herr Müller? Und was ist an Zeitungen so schlim, außer, dass Du offenbar nicht verstehst, dass Zeitungen nicht gleich Blogs sind und es Milliarden Menschen gibt, die niemals einen Blog lesen, sehr wohl aber mehrere Zeitungen?

    Komm runter und lies mal. Ein Buch. Eine Zeitung. Und anderes, auf schnödem Holz Gedrucktes. Macht Spass.

  12. Muriel sagt:

    @Meine Güte: B-B-Buch?
    Zei…tung?
    Ist das sowas wie ein Blog?
    Bestimmt.
    Muss ja.
    Was sonst?

  13. FDominicus sagt:

    Ich muß mit Ihnen her das Neueste teilen:
    http://blogs.taz.de/hausblog/2013/11/06/die-niedrigen-gehaelter-der-taz/

    Das ist so genial, daß ich Muriel gerne mal darüber schreiben sähe.

  14. Florian sagt:

    @FDominicus: ymmd

  15. Muriel sagt:

    @FDomincus: Ich will nicht widerborstig rüberkommen, aber das ist leider in der Tat so genial, dass ich gar nicht weiß, was ich dazu noch schreiben soll. Ich nehms aber mindestens ins nächste Restebloggen.
    Danke!

  16. […] Die taz ist als schon tendenziell eher linke Zeitung ja durchaus gegen niedrige Gehälter und gegen Ausbeutung und so. Aber natürlich gibt es besondere Fälle, in denen man eine Ausnahme machen kann. [Dank an FDomincus für den Hinweis!] […]

  17. […] Vergleich mit anderen Beispielen ist das heutige dabei gar nicht mal preisverdächtig, aber die paar enthaltenen […]

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