Ähm … Äh … Pffffff… Nee, tut mir leid.

Mir fällt keine Überschrift ein.

Mir fällt eigentlich fast gar nichts ein. Ich finde keine Worte, um die unfassbare … Ja. Wie gesagt. Ich finde keine Worte.

Anders.

Ranga Yogeshwar hat für die FAZ einen „Überwachungsselbstversuch“ unternommen. Das lief wohl so, dass er ein ferngesteuertes Smartphone zugeschickt bekam auf dessen Daten und Sensoren jemand aus der Ferne zugreifen konnte. Und – ihr werdet das jetzt nicht glauben, vielleicht wollt ihr euch lieber setzen, oder eine Dosis der Beruhigungsdroge eurer Wahl nehmen, bevor ihr weiterlest:

Es fühlt sich anscheinend ein bisschen komisch an, wenn man weiß, dass man permanent von einer unbekannten Person beobachtet wird.

Ja. Ich weiß. Das ist für mich genauso ein Schock wie für euch, und wir hätten damit alle nie im Leben gerechnet, deswegen hält Herr Yogeshwar es für nötig, es uns wieder und wieder und wieder und immer immer immer wieder zu erklären. Mit dem kindlichen Staunen, das für einen Wissenschaftsjournalisten wie ihn vielleicht unverzichtbar ist, kann er sich über den trivialsten Mist entsetzen.

In der Bäckerei zum Beispiel.

per Mikro könnte die andere Seite vielleicht herausbekommen, was wir denn gleich frühstücken werden. 

Und noch gruseliger als die Möglichkeit, dass jemand weiß, welche Brötchen er kauft, findet Herr Yogeshwar, dass die Leute, die ihn belauschen, in ihren Protokollen seine Freunde und ihn anders nennen als er selbst:

 Aus meinem Freund „Wolferl“ ist plötzlich eine „Begleitperson“ geworden, und ich werde reduziert auf „R.Y.“

Das geht die ganze Zeit so weiter.

Selbst die Fotos, die ich an diesem Vormittag mit dem Handy knipse, tauchen im Protokoll wieder auf – Beweismaterial nennt man das wohl …

Dafuq, Herr Y.? Das war so verabredet! Wieso „Selbst die Fotos“? Was haben Sie denn gedacht? Und wie, „Beweismaterial“?

Ein harmloser morgendlicher Flohmarktbesuch verwandelt sich in dieser Sprache zu einer subversiven Tätigkeit.

Jaja… Schon erschreckend, wie man durch das Einstreuen bestimmter Worte die Wahrnehmung von Menschen manipulieren kann, um ihnen eine bestimmte Einstellung nahezubringen, gell?

Die Genauigkeit ist unmenschlich, denn im Protokoll lese ich Gesprächspassagen, die ich selbst inzwischen vergessen habe.

Jaha. Stellt euch das mal vor. Ich meine, denkt nur mal drüber nach!

Und jetzt vergesst es lieber schnell wieder, sonst könnt ihr heute Nacht nicht schlafen bei dem Gedanken, dass man in Protokollen manchmal Dinge wiederfindet, an die man sich gar nicht mehr erinnert. Wozu das führen kann, darüber sollten wir erst recht nicht wagen, nachzudenken:

Wie lange wird es wohl noch dauern, bis wir unser Verhalten ändern und uns nicht mehr trauen, bestimmte Gedanken aussprechen, nur weil wir dadurch ein bestimmtes Profil erfüllen?

Eine erschreckende Zukunftsvision, oder? Eine Welt, in der man sich nicht mehr traut, alles auszusprechen, was man denkt, aus Angst, dafür von anderen verurteilt zu werden! Dieses verdammte Internet, das so etwas erst ermöglicht hat!

Ich weiß nicht, ob es mir gelingt, das Entsetzliche an Ranga Yogeshwars Artikel herauszuarbeiten. Die Heuchelei. Den ganzen, grauenvollen Schwachsinn, den er vor uns ausbreitet. Vielleicht muss man seinen Artikel im Ganzen lesen, um es wirklich zu erfassen, aber ich kann das andererseits nicht empfehlen.

Warum nicht? mag der eine oder andere fragen. Klar, R.Y. schießt vielleicht ein bisschen übers Ziel hinaus im Bemühen, die Bedrohlichkeit des Szenarios herauszuarbeiten, das er uns präsentieren möchte, aber im Prinzip hat er doch Recht: Die Überwachung ist doch wirklich bedrohlich und nicht okay, und wenn wir aus Angst vor Zuhörern nicht mehr wagen, unsere Meinung zu äußern, dann ist das doch wirklich eine schlimme Sache.

Ja. Und wir sollten die Grenzüberschreitung durch Regierungen, durch Geheimdienste, und meinetwegen auch durch private Unternehmen auch ernst nehmen. Wir sollten auf unseren Rechten bestehen und einen offenen fairen Umgang voneinander fordern.

Aber diesem Ziel dient Yogeshwar nicht mit diesem furchtbar unaufrichtigen Artikel. Er raunt irgendwelchen Unfug von Computern, die „damit begonnen [haben], uns zu programmieren“ und versucht uns durch bestimmte emotional aufgeladene Worte zu manipulieren. Damit macht er das Gegenteil von dem, was richtig wäre: Er klärt nicht auf, sondern er wirft Nebel. Er macht es schwerer, sachlich über unsere Situation nachzudenken, indem er Tatsachen mit Un- und Halbwahrheiten und sinnloser Hysterie vermischt.

Die Unfassbarkeit, dass Geheimdienste Grundrechte missachten, nicht nur durch Überwachung, sondern auch und gerade durch tätliche, physische Übergriffe, und dass Regierungen das mit dummem Gefasel von „Supergrundrechten“ zu rechtfertigen versuchen, erwähnt er beiläufig und euphemistisch mit

Ja, die Dienste sind zu weit gegangen in ihrer Sammelwut

, aber das eigentliche Problem macht er wie erstaunlich viele Artikler zum Thema Datenschutz nicht bei denen aus, die uns schwarze Säcke über den Kopf ziehen und uns in exterritoriale Gefängnisse entführen dürfen, wo sie uns so lange Wasser über den Kopf schütten, bis wir gestehen, sondern bei denen, die uns darum anbetteln, auf ihre Anzeigen zu klicken.

Wir selbst, unser ganz persönliches Leben ist zum Produkt geworden, zum lukrativen Businessmodell, und unser digitales Abbild bestimmt zunehmend unser Sein. 

Was soll das heißen? Und ist das etwas Neues? Früher hatten andere ein Bild von uns, und wir haben uns davon beeinflussen lassen. Heute haben Leute ein Bild von uns, und wir lassen uns davon beeinflussen. Früher ging das über persönliche Interaktion und Wählscheibentelefone und Briefe, heute geht es außerdem über Facebook und Youtube. Früher wollten Leute Geschäfte mit uns machen, heute wollen sie das auch noch. Und? Warum ist das schlecht? Er verrät es uns nicht. Darin mögen Risiken liegen, über die man aufklären könnte. Aber das will Yogeshwar nicht. Er will das Gegenteil, oder erweckt zumindest sehr überzeugend den Eindruck.

Wie lange wird es brauchen, bis wir den digitalen Porträts mehr vertrauen als den Menschen aus Fleisch und Blut, wie lange, bis die Mündigkeit des Bürgers von der Maschine aufgelöst wird?

Ich weiß nicht, wie ich es deutlicher machen soll als mit diesem Zitat. Seht ihr das auch, oder liegt es an mir, dass ich hier nichts als sinnlose Panikmache finde, die ihre Kraft daraus nimmt, dass sie nicht klar sagt, wovor sie eigentlich warnt, sondern es dem Zuhörer überlässt, sich seine eigenen Horrorphantasieen heraufzubeschwören? Dass ich staune, wie ein Mensch so auf sozialen Netzwerken und Googles Wettervorhersage (Im Ernst!) herumreiten und dabei die Übermacht und Rücksichtslosigkeiten von Regierungen und Geheimdiensten nur in einem kurzen Nebensatz als „Ja gut, das ist auch nicht so toll“ erwähnen kann?

Wieso und wie wird die Mündigkeit des Bürgers von der Maschine aufgelöst, und was hat das mit diesem Selbstversuch zu tun, in dem Yogeshwar eben gerade von Menschen aus Fleisch und Blut überwacht wird, nicht von Maschinen? Was genau kritisiert er, was schlägt er vor, was sollen wir tun, was will er uns sagen?

Ich weiß es nicht. Ich glaube, gar nichts. Ich glaube, er versucht nur, eine bestimmte Emotion zu vermitteln, und ich will zu seinen Gunsten unterstellen, dass er das tut, weil er sie selbst auch empfindet, und sie für richtig hält. Es ist die Angst vor dem, was man nicht versteht, die sich erstaunlicherweise bei manchen Menschen darin ausprägt, dass sie es auch gar nicht mehr verstehen wollen und sich stattdessen in diffuse Schreckensszenarien flüchten, und um darin nicht alleine bibbernd in der Ecke zu kauern, versuchen sie, möglichst viele von uns mitzunehmen.

Ist es schon zu spät? Vielleicht …

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12 Responses to Ähm … Äh … Pffffff… Nee, tut mir leid.

  1. Jan sagt:

    Der werte Herr geht mir gelinde gesagt sowieso auf den Sack.
    Das ist nicht der erste Artikel indem er so ein Müll schreibt. In einem Buch in dem es eigentlich um Physik ging stand auch ein Artikel über „gefährliche Killerspiele“ der noch lächerlicher war.

  2. DasSan sagt:

    mir ist der ja auch gerade eher mindersympathisch, nachdem er auch noch diese bescheuerte anti-prostitutionskampagne unterstützt: http://www.emma.de/hefte/ausgaben-2013/novemberdezember-2013/appell-gegen-prostitution/

  3. nandalya sagt:

    Ich habe den FAZ Artikel bis „Das Handy liegt unter der Kommode – wir sitzen am Frühstückstisch, aber sind wir wirklich allein?“ gelesen, dann gab ich auf. Vielleicht war nicht nur ein Trojaner im Handy, sondern Hirnzersetzende Substanzen? Ich rufe mal eben bei Fox Mulder an und frage um seinen Rat. Herr Y. hat jedenfalls ein Rad ab.

  4. recotard sagt:

    Und die Algorithmen waren früher auch wärmer:
    „Wie lange wird es wohl noch dauern, bis kalte Algorithmen uns den Spiegel unserer eigenen Zukunft vorhalten?“
    Das mag zunächst läppisch klingen, aber bei genauerem Nachdenken erkennt man, dass dieser Satz, den ich hier einfach pars pro toto als Symptom nehme, tatsächlich eine Information transportiert. Wir erfahren – und das kann uns mit Recht beunruhigen – , dass die FAZ kein Lektorat hat. Selbst eine Lektorats-App hätte Yogeshwar darauf hingewiesen, dass
    a) man an Algorithmen keine Temperatur messen kann,
    b) hingegen Spiegel kalt sind, was aber in Ordnung geht, da sie sich ansonsten wellen oder gar zerspringen könnten,
    c) Algorithmen, kalt oder warm, wenig Grund haben dürften, uns Spiegel fremder Zukünfte vorzuhalten (dann wären es nämlich Leinwände oder Bildschirme), und
    d) der Satz des Autors versucht, der Zukunft des Lesers einen Spiegel vorzuhalten, in dem sich der Spiegel der Algorithmen widerspiegeln wird, was zwar insofern tröstet, als das schiefe Sprachbild auf diese Weise seine konsequente Pointe findet, andererseits aber dem mündigen Bürger immerhin die Option lässt, sein Smartphone auszuschalten, was er aber nicht tut:
    „Als ich das Spionagehandy ausschalte, wird mir bewusst, dass mein eigenes Smartphone noch immer eingeschaltet ist und wohl ebenfalls mithört.“

  5. Muriel sagt:

    Frank Schirrmacher sagt:
    Ein wirkliches Lehrstück auch zur Psyche von Überwachern
    Lukas Thiele sagt
    Interessant, schockierend, regt zum Nachdenken an!
    und Rainer Bleek sagt
    Soviel zum Thema FREIHEIT. Danke Ranga Yogeshwar.
    Und ich frage mich, was diese Menschen von mir trennt. Was mit denen los ist. Und mit mir.
    Naja.
    Könnte alles so einfach sein.

  6. Steffan sagt:

    Ich kann das einfach erklären: Ihr Mega-Auskenner habt immer noch nicht verstanden, dass sich die Leute überhaupt erst im Schneckentempo der Erkenntnis nähern, dass ein Handy keine Brieftaube ist. Leute wie ihr betreiben das Geschäft der Überwacher besser als jede NSA. Avantgardeattitüde nur um sich für ein paar Stunden etwas besser zu fühlen.

  7. FDominicus sagt:

    Früher habe ich Quarks & Co gerne geschaut, da ging es noch um wirklich interessante Wissenschaft, aber irgendwann wurde es dann esoterisch und weltverbessernd. So wie es aussieht ist es sogar noch schlechter geworden. Naja Demokratieabgabe bei der Arbeit – wahrscheinlich.

  8. Muriel sagt:

    @Steffan: Und du glaubst, diesen Leuten, die den Unterschied zwischen Telefon und Brieftaube nicht verstehen, ist mit Yogeshwars BILDhafter Panikmache-Fragetechnik geholfen? Bräuchten nicht gerade die dieses Dings, wie sagt man, sachliche und unaufgeregte Information?

  9. Muriel sagt:

    @Christina: Auf so vielen Ebenen, doch …

  10. […] haben. Aber sogar das könnte meinetwegen dahinstehen, denn es ist in diesem Kontext anscheinend guter Brauch, maßlos zu […]

  11. […] wäre jetzt wahrscheinlich nicht angemessen, von gewissen grundsätzlichen Positionen der FAZ auf den Umgang von deren Redakteur(inn)en mit modernen vernetzten Gerätschaften zu […]

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