Wer braucht eigentlich Würde?

Und wozu? Echt jetzt. Ich kann mich nicht erinnern, wann mir das Konzept mal im Rahmen einer sinnhaften Argumentation untergekommen oder auch nur schlüssig definiert worden wäre. Würde als Beschreibung eines bestimmten Habitus‘ kann ich gerade noch durchgehen lassen, aber in ihrer nebulös-magischen Anrufung etwa als „Menschenwürde“ ist sie mir schon lange nicht mehr nur suspekt.

Ein zugegebenermaßen sehr zu Gunsten meiner Position ausgewähltes Beispiel: Der Bundespräsident. Dessen Würde war gerade vor ein paar Tagen Thema in einer FAZ-TV-Kritik, und ich würde das gerne einmal mit euch durchsprechen, um zu sehen, ob ich es nur einfach nicht raffe, oder ob das wirklich alles Quark ist.

Frank Lübberding schreibt dort:

Maybrit lllner fragte nämlich: „Präsidenten vor dem Richter. Gerechtigkeit für Wulff und Hoeneß?“ […] Offenkundig kommt kaum noch jemand auf die Idee, zwischen einem Manager aus der Unterhaltungsindustrie und dem Staatsoberhaupt dieses Landes zu unterscheiden.

Und man muss zugeben: Ja gut. Das sind schon zwei sehr unterschiedliche Positionen. Der eine von den beiden hat einen echten Job, von dem viel abhängt, er muss echte Leistung bringen für sein Geld, und trägt eine hohe Verantwortung, wohingegen der andere … Staatsoberhaupt dieses Landes ist.

Ja, pardon, ich weiß, aber das musste sein, und ist doch so, und wird man doch wohl noch sagen dürfen.

Aber mal im Ernst: Was meint Frank Lübberding? Welche Unterscheidung fordert er ein? Es gibt vielleicht einen Kontext, in dem diese Unterscheidung einen gewissen Sinn ergäbe: Der Bundespräsident ist ein Staatsorgan. Er bekommt sein Geld vom Staat und muss sich damit vor der gesamten Bevölkerung verantworten, wenn er die damit verbundene Aufgabe, worin auch immer die bestehen mag, nicht angemessen erfüllt, wie immer er das auch machen sollte. Der Funktionär eines Unternehmens ist vielleicht eher nur den Leuten verantwortlich, denen dieses Unternehmen gehört, vielleicht auch noch dessen Kunden und Mitarbeitern und sonstigen Stakeholdern, aber irgendwann ist halt Schluss. Aber auch das finde ich nicht recht überzeugend, denn beide sollen gegen Strafgesetze verstoßen und damit etwas getan haben, das nach Auffassung des Gesetzgebers ein Vergehen gegen das gesamte Volk ist. Welcher Unterschied also?

Auch Lübberdings weitere Argumentation lässt Ungutes erahnen. Er schreibt, der FDP-Politiker Wolfgang Kubicki habe zwar Hoeneß als „arme Sau“ betitelt, nicht aber Wulff, und meint dazu:

Kubicki gewährte Wulff damit jenen Rest an Würde, der einem ehemaligen Staatsoberhaupt zugestanden werden muss, sich nämlich nicht nur als Opfer zu begreifen. Das Amt verträgt sich nicht mit dieser Rolle des Wehrlosen.

Liegt es an mir, oder kann man das nur so lesen, dass einem ehemaligen Staatsoberhaupt ein „Rest an Würde“ zusteht, anderen Menschen aber nicht? Dass es okay ist, einfache Bürger „nur als Opfer zu begreifen“, und ihnen die „Rolle des Wehrlosen“ zuzuweisen, aber bei ehemaligen Staatsoberhäuptern plötzlich inakzeptabel wird?

Liegt es an mir, oder findet ihr das auch ziemlich eklig?

Für Wulff gilt protokollarisch nicht ohne Grund immer noch die Anrede „Herr Bundespräsident“.

Ahja. Nicht ohne Grund. Ich bin gespannt.

 Er übt das Amt zwar nicht mehr aus, aber der Ehrensold und die Büroausstattung gelten nicht ihm persönlich, sondern der Würde dieses Staates, den er immer noch repräsentiert.

Wie jetzt? Der Ehrensold gilt der Würde dieses Staates? Dann kriegt Wulff den gar nicht auf sein privates Konto? Naja, doch. Dann kann er persönlich nicht damit machen, was immer er für richtig hält? Naja, doch. Was genau soll das bedeuten, dass dieser Kram „nicht ihm persönlich“ gilt?

Und inwiefern repräsentiert Christian Wulff die Bundesrepublik Deutschland? Was genau bedeutet das? Wenn Wulff wehrlos wäre, verurteilt würde, eine arme Sau wäre, was würde das über unseren Staat aussagen, den er repräsentiert?

Und was zur Hölle ist eigentlich die „Würde dieses Staates“? Unser Staat ist ein Abstraktum. Er ist eine Organisation, eine Struktur. Wie kann sowas Würde haben? Und was genau bedeutet das, wenn es sie hat? Und inwiefern hängt diese Würde einer abstrakten Organisationsform an der Büroausstattung von Christian Wulff?

Begreife ich das nur nicht, weil ich in meinem anarchistischen Totalitarismus die Augen verschließe vor der praktischen Realität der Demokratie? Könnt ihr mir das erklären? Irgendjemand?

Ich wäre sehr dankbar.

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9 Responses to Wer braucht eigentlich Würde?

  1. Ich verstehe auch nicht, was Herr Lübberding genau meint (jedenfalls nach Deinen Auszügen seines Textes nicht). Aber um den ersten Absatz aufzunehmen: Eine mögliche Unterscheidung zwischen Staatsoberhaupt und Manager sehe ich schon. Bei ersterem ist schon der Anschein von Bestechung/Vorteilsnahme schädlich, und zwar für das politische Amt. Bei letzterem mag vieles noch als Normal oder gar unternehmerische Gewieftheit (oder eben Idiotie) durchgehen.

  2. Vielleicht noch zur Erläuterung: Ich meine, beides unterscheidet sich in den Konsequenzen. Beim einen hat die Person, die die Funktion ausfüllt, einen fauxpax begangen, beim anderen etwas, das das wofür er steht, nicht ins Mark trifft.

  3. Muriel sagt:

    @not quite like beethoven: Ich würde dir da, in aller Freundlichkeit, gleich vierfach widersprechen.
    Einerseits, weil es bei Hoeneß gar nicht um Korruption geht, sondern um Steuerhinterziehung. Insofern kann der Unterschied nicht darin bestehen, dass es bei einem Manager nicht schädlich wäre, wenn der Anschein entsteht, er sei bestechlich, denn dieser Vorwurf steht ja gar nicht im Raum.
    Zweitens, weil ich nachdrücklich bezweifeln würde, dass es nicht schädlich wäre, wenn der Eindruck entsteht, jemand sei korrupt, auch wenn er nicht für den Staat arbeitet, sondern für private Auftraggeber.
    Drittens finde ich es kein bisschen schädlich für das Amt, wenn der Eindruck entsteht, sein Träger sein korrupt. Dreipunkterstens deshalb, weil man Leute meiner Meinung nach gar nicht genug dran erinnern kann, dass Eliten nicht besser sind als sie, sondern ungefähr so schwach und egoistisch und dumm wie wir alle, und dreipunktzweitens weil der Charakter des Trägers nichts über Sinn und Unsinn seines Amtes aussagt.
    Und viertens ist es doch nun wirklich völlig egal, ob ein Bundespräsident korrupt ist oder nicht, weil der sowieso nichts machen kann. Ministerpräsident schon eher, aber auf dem Titel reitet Lübberding ja nicht rum.

  4. Ein Staat, ein Amt, eine Position, können keine Würde haben. Eine Person kann Würde haben oder würdig sein.

    Die Würde einer Person kann geschädigt werden.
    Eine Person kann ihre eigene Würde schädigen.

    Das war’s dann aber auch schon. Allerdings scheine ich ein recht individuelles Verständnis von Würde zu haben. Das werde ich jetzt aber nicht ausbreiten, da muß ich erst mal drüber Hirnen, was Würde für mich persönlich wirklich bedeutet und was andere Leute so unter „Würde“ verstehen.

  5. FDominicus sagt:

    Heute durfte ich in den BNN lesen: (zum Thema Frauenquote)
    „Insofern ist es konsequent, die Unternehmen mit gesetzlichem Druck zu ihrem Glück zu bringen“.

    Wer braucht Würde wenn er Glück hat?

  6. De Benny sagt:

    Ich denke, auch Ämter können Würde haben, wenn sie Achtung genießen, bzw genießen sollen.
    Insofern ist die Würde des Amtes des Bundespräsidenten eine geforderte Würde. Hängt vielleicht damit zusammen, daß ein gewisser Schutz aufgebaut werden soll, wenn auch nur ideell, weil sonst ist das Staatsoberhaupt ja fast auf einer Stufe mit dem Staatsbürger. Und ja, ich denke, man könnte auch von einer Würde des Volkes sprechen (wär vielleicht mal ein Schlagwort gegen den Umgang der Regierung mit ihrem ausspionierten Unterta…ähm Bürgern).
    Ansonsten ist „Würde“ auch bei Personen ne recht schwammige Sache. So, das waren meine 10 Pfennige…

  7. Fußlos sagt:

    Versuche es doch ‚mal mit dem Wort Respekt!
    Hilft Dir vielleicht jetzt nicht so viel über Dein Problem hinweg, doch zeigt auf, dass es viele Worte gibt, die ein und das Gleiche meinen!
    Ich weiss nicht, ob ‚Deutsch‘ mehr einzelne Worte für ein und den selben Sinn beinhaltet als Ausländisch, doch im vermeintlichen Ausland ist die Bezeichnung für einen SUV, nämlich Pajero, nicht in jeder Unterhaltung angebracht.
    Und wenn Du Pajero gegoogelt hast, wirst Du darauf kommen, dass man besser selber Hand an sich legt, bevor man in diesem Staat nach Würde fragt. Und WÜRDE ich jetzt mit Dir zusammen sitzen, WÜRDEN wir uns noch ’n Bier aufmachen und unseren lieben Atheisten da oben einen guten Mann sein lassen….

  8. okasch sagt:

    Das mit der Menschenwürde / Würde im allgemeinen ist fiese Propaganda von Möchtegernphilosophen. Der Begriff ist doch nur ein Kunstgriff, um die Menschen- und Grundrechte scheinbar auf ein logisches Fundament zu stellen. „Der Menscht hat [eine ganz besondere, spezielle] Würde. Also hat er auch fundamentale, unveräußerbare Rechte.“ Der Mensch gibt nicht gerne zu, dass er etwas äußerst Wichtiges nicht mittels Logik zu etwas Allgemeinverbindlichem erklären kann. Lieber erschafft er sich eine Scheinlogik. Wahrscheinlich hängt es auch damit zusammen, dass die Willkürherrschaft von Religionen stark eingebüßt hat (zum Glück), und dass man nicht mehr einfach so ins Blaue hinein etwas als gottgegeben deklarieren kann. Also versucht man die Willkür jetzt zu verstecken.
    Ich für meinen Teil habe diesen Kunstgriff nicht nötig und bin trotzdem fest darin gesattelt, dass der Mensch gewisse innere Rechte hat.

    Andere aber machen dieses Versteckspiel um das Scheinfundament „Würde“ mit und verheddern sich dabei selbst. Und was da in der Öffentlichkeit sonst noch so als Würde gehandelt wird, ist für mich so offensichtlich absurd, dass ich es nicht für wert halte, mich da reinzudenken, oder es ernsthaft zu versuchen. Warum tust Du es? Hast Du immernoch nicht begriffen, dass die Welt voller Spinner ist, und dass Du in der Tat eine der seltenen Ausnahmen zu sein scheinst? 🙂

  9. Muriel sagt:

    @okasch: Ich weißt die (mutmaßlich) freundliche Absicht hinter dem Kompliment zu schätzen, aber wir haben alle Bereiche, in denen wir Blödsinn glauben, aus schlechten Gründen, und es nicht merken. Ich bin dankbar, wenn jemand mich darauf hinweist, wenn ich es tue, und erweise umgekehrt gerne anderen Menschen den gleichen Dienst.
    Also danke für dein Lob, aber ich zweifle an der Existenz der Elite, zu der du mich freundlicherweise zählen möchtest.

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