My body, no choice

„My body, my choice“ only makes sense when someone else’s life isn’t at stake.

Fun fact: If my younger sister was in a car accident and desperately needed a blood transfusion to live, and I was the only person on Earth who could donate blood to save her, and even though donating blood is a relatively easy, safe, and quick procedure no one can force me to give blood. Yes, even to save the life of a fully grown person, it would be ILLEGAL to FORCE me to donate blood if I didn’t want to.

See, we have this concept called “bodily autonomy.” It’s this….cultural notion that a person’s control over their own body is above all important and must not be infringed upon. 

[via zwischendenstuehlen]

Sooooo …

Ich bin mir nicht so ganz sicher, wie ich an diese Sache rangehe, ohne dass bei euch der Eindruck entsteht, dass ich in der etwas länglichen Pause hier angefangen habe, schlechte Drogen zu nehmen, oder einfach meine Blogzugangsdaten irgendwem anders gegeben habe, um zusätzliche Freizeit für eine neue, unterhaltsamere Passion zu gewinnen.

Egal. Ich glaube, wir kriegen das schon hin, zumal die Indizien für diese Position in meinem Blog schon seit langer Zeit zu finden sind, und ich hoffe, dass ich sie einigermaßen plausibel vertreten kann.

Ans Werk:

Ich stimme natürlich dem ersten Zitat nicht zu. Und das zweite Zitat entspricht der Wahrheit in dem Sinne, dass es etwas Korrektes über die in unserer Gesellschaft geltenden rechtlichen und moralischen Regeln zu dem Thema aussagt, dass es zutreffend auf die inkonsistente Wertung hinweist, und natürlich im Ergebnis, dass schwangere Menschen über ihren Körper entscheiden dürfen sollten.

Aber es reizt mich natürlich trotzdem zum Widerspruch, allein schon wegen so einer Formulierung wie „above all important“. Bei sowas geht immer sofort mein Alarm. Ich glaube, dass diese Regeln Quatsch sind. Ich halte es sogar für alles andere als offensichtlich, dass in dem geschilderten hypothetischen Beispielfall die potentielle Spenderin das Recht haben sollte, ihr Blut für sich zu behalten.

Der einfache Teil ist die Darlegung, dass unsere jetzige Rechtsordnung damit blödsinnig und inkonsistent umgeht.

  1. Wir zwingen Menschen, Geld (also ihre Arbeitszeit) für vergleichsweise unwichtigen Quatsch wie Rundfunk, Theater und „Bitte sammeln Sie den Kot Ihres Hundes ein“-Schilder zu geben und bestrafen sie hart, wenn sie es nicht tun.
  2. Wir haben bis vor Kurzem noch junge Männer gezwungen, rund ein Jahr lang in der Armee zu dienen, und sie hart bestraft, wenn sie sich den Befehlen ihrer Vorgesetzten verweigert haben.
  3. Wir zwingen Menschen, diverse Eingriffe in ihren Körper hinzunehmen, wenn wir feststellen wollen, ob sie Drogen konsumiert haben oder welche in sich versteckt haben.

Und jetzt mal ehrlich: Ist in den Fällen 1-3 der verfolgte Zweck wirklich in jedem Fall wichtiger als die Rettung eines menschlichen Lebens? Ist der Eingriff in die persönliche Freiheit in jedem Fall geringer zu werten? Bei 1-2 könnte man zwar noch argumentieren, dass immerhin kein direkter Eingriff in den Körper als solchen erfolgt, aber erstens halte ich Zwangsarbeit (im engeren Sinne natürlich nur in Fall 2) schon auch für einen Eingriff in die körperliche Autonomie, und zweitens sehe ich auch gar nicht, warum gerade das Recht, dass niemand direkt in meinen Körper eingreift, automatisch so viel wichtiger sein soll als etwa das Recht, zu entscheiden, wie ich dieses Jahr meines Lebens verbringe, ob ich die Hälfte meines Einkommens abgebe, um Kriege und Gefängnisse und Ehrensolde zu finanzieren, und drittens ist da eben Fall 3, in dem ich ganz direkte Eingriffe in meinen Körper hinnehmen muss, weil jemand den begründeten Verdacht gelten macht, ich hätte die falsche Pflanze reingesteckt.

Und dann haben wir diese Rechtsnorm:

Wer bei Unglücksfällen oder gemeiner Gefahr oder Not nicht Hilfe leistet, obwohl dies erforderlich und ihm den Umständen nach zuzumuten, insbesondere ohne erhebliche eigene Gefahr und ohne Verletzung anderer wichtiger Pflichten möglich ist, wird mit Freiheitsstrafe bis zu einem Jahr oder mit Geldstrafe bestraft.

Wenn wir die mal mit dem Beispiel vom Anfang abgleichen (Subsumtion nennt der Jurist das):

If my younger sister was in a car accident and desperately needed a blood transfusion to live, and I was the only person on Earth who could donate blood to save her, and even though donating blood is a relatively easy, safe, and quick procedure no one can force me to give blood.

dann sollten wir uns meiner Meinung nach relativ schnell drauf einigen können, dass ein Unglücksfall und Not vorliegt („car accident“), und dass eine Blutspende nicht nur erforderlich („needed a blood transfusion to live“), sondern auch den Umständen nach zuzumuten wäre („relatively easy, safe and quick procedure“). Und damit wäre der Tatbestand erfüllt.

[Ein Hinweis sicherheitshalber: Ich diskutiere hier nicht die Richtigkeit der Annahmen in dem Beispiel. Wenn die Blutspende eben nicht sicher, einfach und schnell stattfinden kann, dann gilt meine Schlussfolgerung nicht mehr. Es geht mir hier nicht darum, ob die Annahmen über Blutspenden in jedem Einzelfall zutreffen. Tun sie bestimmt nicht. Für manche Menschen ist eine Blutspende unter Umständen sicher sehr unangenehm und gefährlich. Dann liegt der Fall anders. Hier geht es mir um das Prinzip anhand dieses hypothetischen Beispiels, dessen Richtigkeit ich zu seiner Illustration unterstelle.]

Dass unsere Rechtsordnung das trotzdem anders handhabt, halte ich für inkonsequent. Wir haben diese merkwürdige Vorstellung von einer gewissen uneingeschränkten Heiligkeit des menschlichen Körpers, die sicherlich tendenziell auch gar nicht immer falsch ist, denn wer will schon in einer Gesellschaft leben, deren Mitglieder die Körper ihrer Mitmenschen nicht als deren Eigentum respektieren und in Ruhe lassen? Aber wenn man mal überlegt, welche Einschränkungen ihrer Freiheit wir den Mitgliedern unserer Gesellschaft in anderen Bereichen zumuten, und wie leichtfertig wir oft auch ganz direkt ihre körperliche Autonomie einschränken, wenn es uns gerade passend erscheint, dann kann man es doch relativ merkwürdig finden, dass wir in einem so offensichtlichen Beispielfall, in dem ein geringfügiger Eingriff erforderlich wäre, um das Leben eines anderen Menschen zu retten, dann die Grenze ziehen.

Und damit sind wir jetzt natürlich beim nicht mehr so einfachen Teil: Die Darlegung, dass wir es wirklich machen sollten, und was die sinnvolle Regel dazu wäre.

Ich versuchs mal so: Die Formulierung im oben zitierten § 323c StGB trifft meiner Meinung nach ganz gut eine grundlegende selbstverständliche Verpflichtung der Mitglieder einer Gesellschaft gegeneinander.

Wer bei Unglücksfällen oder gemeiner Gefahr oder Not nicht Hilfe leistet, obwohl dies erforderlich und ihm den Umständen nach zuzumuten, insbesondere ohne erhebliche eigene Gefahr und ohne Verletzung anderer wichtiger Pflichten möglich ist, wird 

Ja gut. Ob die Strafe nun Sinn ergibt, darüber kann man streiten. Kann man bei Strafen generell, denke ich. Aber der Grundregel, dass wir von anderen Mitgliedern unserer Gemeinschaft erwarten, einander zu helfen, wenn der Bedarf auf der einen Seite groß und der Preis auf der anderen Seite völlig vernachlässigbar ist, der sollten eigentlich zumindest alle zustimmen, die nicht so ein extrem egomanisches, individuelles, libertäres Gesellschaftsbild vertreten, wie … ich selbst es normalerweise tue.

Ja gut. Aber sogar ich denke eben, dass dem Anspruch auf Achtung meines Eigentums irgendwo Grenzen gesetzt sind. Wenn ich einen Laib Brot habe, den ich sowieso nicht selbst essen will und auch sonst für nichts dringend brauche, und jemand vor mir steht, der verhungern wird, wenn er nicht gleich was zu essen bekommt, dann kann ich beim besten Willen kein strafwürdiges Fehlverhalten im Handeln einer Person erkennen, die mir diesen Laib Brot, notfalls gegen meinen Widerstand, wegnimmt und dem Verhungernden gibt. Womit ich nicht sagen will, dass das die ideale Lösung dieser Situation wäre. Ich wäre eher dafür, dass eine Gesellschaft von vornherein vernünftige Regeln für solche Fälle trifft, im Idealfall natürlich konsensuell. Aber wenn die, wie in unserer real existierenden Gesellschaft, nun mal nicht vorhanden sind, dann ist es in meinen Augen legitim, sich zu helfen.

Die naheliegende Frage lautet hier natürlich: Wo ziehen wir die Grenze? Was ist noch zumutbar? Welche Gefahr ist erheblich? Wie große muss die Not sein? Und das ist eine gute Frage. Das ist eine Frage, auf die ich keine umfassende Antwort habe. Aber diese Frage ist kein Argument. Erstaunlich oft verstehen das die Leute nicht, die sie stellen. Ja, ich weiß nicht, wo genau wir die Grenze ziehen sollten. Aber wir müssen sie ziehen. Wir kommen gar nicht drum herum. Wir sollten sie sehr, sehr vorsichtig ziehen, und im Zweifel vielleicht lieber etwas zu weit in Richtung der Rechte des Individuums an seinem eigenen Körper als in die andere Richtung, aber wir müssen sie ziehen.

Wir ziehen sie auch bereits. Und wir machen das auf eine sehr, sehr dumme Weise, ohne jedes vernünftige System, und in der Tat zum Beispiel mit dem Ergebnis, dass eine Leiche teilweise ein stärkeres Recht am eigenen Körper zugestanden bekommt als eine schwangere noch lebende Frau.

Das sollten wir ändern. Und ich denke, dazu gehört auch die Entscheidung, wann ein Mensch ein Spaten ist ein ihm eigentlich selbstverständlich zustehendes Recht so missbräuchlich und so unsinnig nutzt, dass wir es nicht mehr akzeptieren und zur Not gegen seinen Willen das offensichtlich einzig richtige Ergebnis herbeiführen, wenn es wirklich nicht anders geht. Und wir tun das ja auch. Meistens aus den falschen Gründen und in den falschen Fällen, wenn ihr mich fragt, aber grundsätzlich ist es schon die richtige Entscheidung. Denn nichts ist „above all important“. Es gibt keine unumstößlichen Regeln, die immer gelten. Die Regeln, die wir uns auferlegen, dienen uns, dienen dazu, eine vernünftige, kooperative Gesellschaft zu bilden. Sie dienen den Menschen. Nicht umgekehrt.

Ergibt das Sinn für euch?

Dann Organproletarier aller Länder, vereinigt euch! Es gibt kein richtiges Blut im Falschen! Die Zustimmungslösung ist das Opium des Volkes! Die Organkapitalisten werden uns noch die Darmschlinge verkaufen, an der wir sie aufknüpfen.

Ergibt das keinen Sinn für euch?

Kann ich verstehen. Ich bin mir selbst noch nicht ganz sicher. Aber ihr könnt mir helfen. Mit euren Kommentaren. Dann mal los.

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8 Responses to My body, no choice

  1. Ich denke, die real existierende Gesellschaft hat nicht nur vergessen, dass sie bestimmte Dinge für heilig hält (oder für teuflisch, wie die Prostitution), sondern auch, dass es zwischen Todesstrafe und Libertinismus ein grosses Spektrum an Möglichkeiten geht, wie eine Gesellschaft mit menschlichen Handlungen umgehen soll. Zu oft soll alles verboten werden, was schlecht sei und alles subventioniert werden, was gut sei. Dabei könnte man Leute, die etwa im Notfall keine Hilfe leisten, ächten, statt sie staatlich zu bestrafen. Oder der Pfarrer könnte predigen, dass Jesus will, dass man Nothilfe leistet.

    Oft scheint mir die Verhältnismässigkeit ein gutes Kriterium zu sein, um zu entscheiden, ob eine Tat bestraft werden soll. Eine Gefängnisstrafe für einen Brotdiebstahl wäre bspw. sehr unverhältnismässig. Meines Erachtens wäre selbst ein Gerichtsprozess für einen Brotdiebstahl unverhältnismässig, da ein Brot heute hunderte bis tausende Male billiger ist als der Prozess.

    Im Übrigen wäre ich für institutionelle Vielfalt. Nicht nur, damit die Leute wählen können, ob sie in einer Gesellschaft leben wollen, wo der Brotdiebstahl vom Staat durchgeführt wird oder in einer, wo der Brotdiebstahl mit einem Schlag auf die Finger bestraft wird, sondern auch, damit man die Vor- und Nachteile der Institutionen und ihrer jeweiligen Ausprägungen vergleichen kann.

  2. Muriel sagt:

    @ars libertatis: Ich bin gar nicht sicher, wie weit ich dir da zustimme, insbesondere beim zweiten Absatz.
    Wir haben meines Wissens nicht die Erkenntnisse, die wir bräuchten, um die Verhältnismäßigkeit einer Strafe zu beurteilen, insofern finde ich deine These vielleicht eher voreilig, und die Verbindung zwischen dem Preis des Brotes und des Prozesses auch für die einfach.
    Ich denke, dass die Strafe (wenn wir überhaupt eine brauchen) sich nicht am Wert des gestohlenen(/beschädigten/zerstörten) Objekts orientieren sollte, sollte sondern an ihrem Zweck: der Resozialisierung des Täters. Wenn jemand eine fünfjährige Gefängsnisstrafe braucht, dann braucht er sie, und wenn jemand nach einer ernsten Ermahnung so weit ist, zukünftige Übergriffe zu unterlassen, kann man sich den Rest sparen.
    Soweit ich weiß, gibt es bisher nicht einmal ernsthafte strukturierte Bemühungen seitens irgendeines Staates, sein Strafrecht (allein der Begriff schon) an einen rationalen Maßstab zu hängen.
    Und je länger ich drüber nachdenke, desto unfassbarer und grässlicher kommt es mir vor. Aber ich glaube, es stimmt wirklich.

  3. @Muriel:

    Ist die Resozialisierung für dich der einzige oder primäre Zweck von Strafen? Ist Wiedergutmachung kein Teil der Strafe? Soll die Strafe nicht auch der Abschreckung von potenziellen anderen Tätern dienen? Zählst du die Versöhnung des Täters mit der Gesellschaft, was man als Schaffen von Gerechtigkeit bezeichnen würde, zur Resozialisierung?

    Was ich grässlicher finde als dass kein Staat versucht, sein Strafrecht an rationale Massstäbe zu hängen (worin ich dir zustimme, das dies wünschenswert wäre, dies aber keiner tut), dass sie dies nicht einmal bei den Strafverfahren oder generell bei Gerichtsverfahren zu tun versuchen. Justiz und Polizei scheinen nach eigenem Gutdünken zu bestimmen, wie man die Schuld eines Täters beweisen kann, ohne wissenschaftliche Belege dafür zu verlangen, dass diese Methode überhaupt Sinn macht oder eine akzeptable Fehlerquote besitzt.

  4. David sagt:

    „Ist die Resozialisierung für dich der einzige oder primäre Zweck von Strafen?“

    Im Wesentlichen schon, das ist doch bekannt.

    „Ist Wiedergutmachung kein Teil der Strafe?“

    „Wiedergutmachung“ ist bestenfalls eine fiese Chiffre für „Rache“. Wenn jemand etwa einmal im Leben entgegen sonst strenger Prinzipien denkt, daß er die fünf Kilometer nach Hause auch mal angetrunken schaffen werde, und dabei ein Kind platt macht, ist es wahrscheinlich, daß er, wie man so sagt „schon genug gestraft“ ist. Das reicht den Eltern möglicherweise nicht aus, weil sie ihn leiden sehen, mithin Rache wollen. Daß dadurch irgendwas ‚wieder gut‘ gemacht werde, würden sie aber vermutlich entrüstet von sich weisen. Den Eltern kann man die Rache meinetwegen gönnen, aber man darf sie dann auch so nennen.

    Fährt jemand einen Obdachlosen tot, verlangt es möglicherweise nicht einmal jemanden nach Rache. Aus diesem Grund treten im Strafprozess auch nicht die Angehörigen als Geschädigte auf, sondern der Staat, der einen Schaden an der herrschenden Ordnung durch den Unfalltod des Kindes wie des Obdachlosen gleichermaßen geltend macht. Wo man, wenn die herrschende Ordnung die eigentliche Geschädigte ist, aber noch sinnvoll von Wiedergutmachung reden kann, ist schleierhaft, denn durch einen einzelnen unaufgeklärten Unfalltod eines Kindes oder eines Obdachlosen ändert sich an der herrschenden Ordnung noch gar nichts, es ist also auch nichts zum Wiedergutmachen da.

    Durch allgemeines konsequenzenloses Hinnehmen solcher Unfälle könnte sich die Ordnung allerdings ändern, weil man Totfahren dann gefahrlos als Freizeitspaß betreiben könnte, und das soll natürlich verhindert werden. Die Strafverfolgung macht also nichts wieder gut, sondern sie erhält eine Ordnung, die sie dadurch gleichzeitig miterschafft, oder sie versucht dies zumindest. Nicht die Wiedergutmachung im Einzelfall ist dabei entscheidend, sondern die Wahrung der Allgemeinheit des Gesetzes.

    Das berührt natürlich die Frage:

    „Soll die Strafe nicht auch der Abschreckung von potenziellen anderen Tätern dienen?“

    Es wäre natürlich zweckmäßig, wenn sie das täte, denn dann gäbe es ja weniger Straftaten. Ich glaube, da stimmt auch Muriel zu. Die Frage ist dann, wie gut sie das leistet. Ich gehe jedenfalls davon aus, daß es ein Prinzip des abnehmenden Grenzschadens gibt, sodaß Strafen ab einer bestimmten Höhe kaum noch unterschiedliches Abschreckungspotential besitzen. Einfach, weil ich es nicht für sehr plausibel halte, daß jemand denkt: „10 Jahre riskiere ich ja gern, aber 15 sind mir zu heftig.“ Vielleicht gibt es aber wirklich Leute, die so ticken. Es gibt viel.

    „Zählst du die Versöhnung des Täters mit der Gesellschaft, was man als Schaffen von Gerechtigkeit bezeichnen würde, zur Resozialisierung?“

    Was ist das, die „Versöhnung des Täters mit der Gesellschaft“? Für eine dumme Entscheidung ein paar Jahre im Knast sitzen und dann gemieden werden und von niemandem mehr einen Job bekommen, meinst Du das?

    So sympathisch mir Muriels Ansatz im Grundsatz ist, bin ich hinsichtlich der Umsetzbarkeit sehr skeptisch. Genauer gesagt sähe ich der Umsetzung mit Entsetzen und Grauen entgegen. Denn wenn jeder Täter individuell auf seine Resozialisierungsbedürftigkeit, also seinen psychischen Zustand, hin beurteilt werden müßte, wären die Strafmaße letztlich völlig in der Hand einer Expertenclique, die sich in den letzten Monaten nicht gerade von ihrer besten Seite gezeigt hat. Während man im derzeitigen System wenigstens noch mehr oder weniger weiß, woran man ist, wenn man dies oder jenes tut, hinge das nach der Umsetzung von Muriels Ideal ganz davon ab, wie der jeweilige Gutachter die Resozialisierungsbedürftigkeit einschätzt, und jegliche Rechtssicherheit wäre also dahin. Ich stimme zu, daß bei dem einen eine fünfjährige Freiheitsstrafe angemessen sein mag, wenn bei der anderen auch eine Ermahnung reicht. Aber ich glaube nicht, daß sich im konkreten Fall mit ausreichender Zuverlässigkeit entscheiden läßt, welcher Fall vorliegt.

  5. David sagt:

    Statt „die Strafverfolgung“ sollte es oben „das Strafrecht“ heißen, mit entsprechenden Anpassungen der Anaphern.

  6. David sagt:

    Ach, „aus diesem Grund“ im zweiten längeren Absatz ist so natürlich Blödsinn. Das vorgenannte ist natürlich nicht der Hauptgrund.

  7. Muriel sagt:

    @ars libertatis: Ich bitte um Entschuldigung. Der Thread hier ist mir irgendwie verloren gegangen.

    Ist die Resozialisierung für dich der einzige oder primäre Zweck von Strafen?

    Der primäre, und vielleicht der einzig legitime, zumindest, wenn wir über einseitig verhängte Strafen reden.

    Ist Wiedergutmachung kein Teil der Strafe?

    Wie kann denn eine Strafe irgendwas wieder gut machen?

    Soll die Strafe nicht auch der Abschreckung von potenziellen anderen Tätern dienen?

    Soll sie, aber erstens gilt dieser Effekt meines Wissens als sehr zweifelhaft, und zweitens halte ich es nicht für akzeptabel, einem Menschen leid zuzufügen, um einen anderen von einer Handlung abzuschrecken, die wir nicht wünschen.

    Zählst du die Versöhnung des Täters mit der Gesellschaft, was man als Schaffen von Gerechtigkeit bezeichnen würde, zur Resozialisierung?

    Wie versöhne ich denn jemanden, indem ich ihn bestrafe?

    Was ich grässlicher finde als dass kein Staat versucht, sein Strafrecht an rationale Massstäbe zu hängen (worin ich dir zustimme, das dies wünschenswert wäre, dies aber keiner tut), dass sie dies nicht einmal bei den Strafverfahren oder generell bei Gerichtsverfahren zu tun versuchen.

    Joa. Ob ich es grässlichER finde, weiß ich nicht. Aber schon auch ziemlich grässlich.

  8. Muriel sagt:

    @David: Ich teile deine Bedenken vollumfänglich.

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