Kommentar zum Altpapier vom 2. Januar, Teil 1

Ja nee, keine Sorge, das wird jetzt keine regelmäßige Serie. Mir ist bloß kein besserer Titel eingefallen, unter dem ich mich mit den Themen des gestrigen Altpapiers auseinandersetzen könnte, was ich wollte, was klar ist, weil ersichtlich, dass ich es zu tun plane, was ja nicht der Fall wäre, wenn ich es nicht wollte, wie ihr euch sicher denken könnt, insbesondere wenn ihr mich schon ein bisschen kennt, was ich annehme, weil doll viel Fluktuation gibt es erfahrungsgemäß unter meinen Lesern nicht, was einerseits schade ist, weil ein nicht ganz rational erklärbarer Ehrgeiz mich wünschen lässt, ich hätte mehr, was echt keinen Sinn ergibt, weil man ja zugeben muss, dass meine Leser und Kommentatoren, auch wenn sie nicht so viele sind, doch größtenteils sehr angenehme Zeitgenossen sind, mit denen sich gut reden lässt, was ich sehr zu schätzen weiß, weshalb es eigentlich echt keinen Sinn ergibt, sich drüber zu ärgern, was aber eigentlich auch egal ist, weshalb wir jetzt

zur Sache kommen:

Greenwald hat in seiner Rede eine Grenze überschritten, als er ‚wir‘ sagte statt ‚ihr‘. Er hat sich mit den anwesenden Hackern gemein gemacht, mit den Aktivisten und Bürgerrechtlern. Er sieht sich als einer von ihnen.

schreiben Kai Biermann und Patrick Beuth für die Zeit über den Eröffnungsvortrag Glenn Greenwalds zum Kongress des CCC in Hamburg.

Und da sind natürlich schon so ein paar Schlüsselformulierungen drin, die mich zu ganz polemischem Widerspruch reizen. „eine Grenze überschritten“, etwa, oder „sich […] gemein gemacht“, oder „die Zeit“.

Grenzen zu überschreiten (wo man damit keine Rechte verletzt), ist in meiner Wahrnehmung meistens eine gute Sache, weil unsere Gesellschaft so viele willkürliche, blödsinnige, schädliche, erstickende Grenzen zieht, die öfter mal jemand überschreiten sollte, damit mehr Leute sehen, was dann passiert, nämlich nichts Schlimmes.

Sich mit jemandem gemein zu machen ist so eine Formulierung, die in meiner Wahrnehmung Leute verwenden, die es nicht wollen, weil sie es für einen Fehler halten, weil sie irgendeine Trennung aufrecht erhalten wollen, zwischen verschiedenen Arten von Menschen. Führungskräfte sollen sich nicht mit ihren Mitarbeitern gemein machen, Politiker nicht mit Bürgern, Lehrer nicht mit Schülern, Journalisten nicht mit Interessengruppen, Weiße nicht mit Schwarzen, und so weiter, womit wir wieder bei den willkürlichen und blödsinnigen Grenzen sind, die weg müssen. (Dass Gemeinwohl für mich im Gegensatz zum Altpapier-Autor Christian Bartels überhaupt kein schönes Wort ist, spielt hier keine Rolle und ist auch noch aus anderen Gründen völlig überflüssig zu erwähnen, würde ich aber trotzdem nicht gerne für mich behalten.)

Und naja, die Zeit, muss ich nicht viel zu sagen, oder? Die verkörpern das für mich alles.

Aber meine instinktive, irrationale Reaktion ist natürlich noch kein Argument, und kein Grund, irgendwas für wahr oder falsch zu halten. Darüber wollen wir natürlich auch noch reden. Und ich würde das, ungeachtet meines ersten Impulses zur Polemik, einigermaßen differenziert tun, weil das Thema es verdient.

Denn es stimmt ja grundsätzlich: Journalisten sollen andere Menschen informieren. Sie müssen also Informationen sammeln, aufbereiten, und weitergeben, möglichst unverfälscht, also unvoreingenommen, und vor allem der Wahrheit verpflichtet (oder weniger pathetisch: ihren Kunden, die hoffentlich gerne die Wahrheit von ihnen erfahren wollen) statt irgendwelchen Partikularinteressen, oder so. Das ist natürlich schwer, wenn sie neben ihrer Tätigkeit als Journalist noch gleichzeitig die Aufgabe übernommen haben, die Öffentlichkeitsarbeit von, keine Ahnung, Greenpeace meinetwegen zu machen, weil sie dann zwei potentiell widersprüchliche Verpflichtungen tragen, die sie nicht gleichzeitig getreulich erfüllen können.

Aber Achtung, diese (meines Erachtens) selbstverständliche Erkenntnis wird gerne als Verpflichtung zur Neutralität und Ausgewogenheit im denkbar irregeleitetsten Sinne verstanden,

und das ist dann wieder was anderes. Journalisten sollten nicht neutral sein. Journalisten sollten versuchen, uns die Wahrheit zu berichten. Oder anders formuliert, mit weniger Anspruch auf objektive Wahrheit: Ich erwarte das von Journalisten, denn für alles andere brauche ich keine Journalisten, sondern Schriftsteller, die können das besser. Und ich habe den Verdacht, dass das die Rolle ist, in der sie am meisten zum Funktionieren einer Gesellschaft beitragen können.

Daraus folgt, dass ich es für verfehlt halte, von einem Journalisten zu erwarten, dass er schreibt: „A behauptet Y, und B behauptet Z, und A argumentiert dafür mit W, und B mit X, und jetzt sehen Sie selbst zu, was Sie draus machen.“ Das kann er tun, wenn er die Frage wirklich für offen hält. Aber wenn er weiß, dass A Recht hat und B lügt (Solche Fälle gibt es ja durchaus oft…), dann erwarte ich, dass er das auch sagt. Oder sie, wenn er eine Journalistin ist, was ich im Weiteren unterstellen werde, der Abwechslung halber. Dann erwarte ich, dass sie ihren Kunden die Wahrheit liefert, für die sie bezahlen, und ihnen das berichtet, was sie für sich als die Wahrheit erkannt hat.

Natürlich möchte ich, dass sie dabei abwägt. Und dass sie wirklich bei der Wahrheit bleibt und sie nicht im Sinne ihrer eigenen Vorurteile oder Wünsche verzerrt. Wenn es Zweifel an der Position gibt, die sie für die wahre hält, soll sie das berichten, und wenn wirklich mal zwei Positionen gleichberechtigt nebeneinanderstehen und die Frage offen ist, dann soll sie das berichten, auch wenn ihr eine davon nicht gefällt.

Das ist nun meine Ansicht. Die ist vielleicht ein bisschen naiv, und eventuell noch nicht differenziert genug, denn man muss natürlich gewisse psychologische Effekte berücksichtigen, die ich tendenziell gerne übersehe. Wenn ich mich bemühe, neutral zu schreiben, gehe ich wahrscheinlich anders an eine Sache heran als wenn ich von vornherein mit der Einstellung rangehe „Wir sehen das so, und unsere Gegner anders, aber die sind böse.“, aber andererseits ist ja genau das nicht, was ich will.

Was will ich also eigentlich sagen?

Eigentlich nicht viel, denn ich weiß nicht viel, und es stünde mir nach meinem jüngsten Halb-Rant gegen Herrn Prantl schlecht an, so zu tun, als wäre es anders. Aber ich will sagen, dass ich persönlich kein Problem damit habe, wenn Herr Greenwald, oder irgendeine andere Journalistin, für sich zu dem Schluss kommt, dass die Leute, die rechtswidrig andere überwachen und gar nicht verstehen können, was daran nicht okay sein soll, im Unrecht sind, und die Leute, die dagegen sind, im Recht. Und dass ich kein Problem damit habe, wenn sie diesen Schluss und ihre Position offen legt, statt sie zu verheimlichen, und sich mit den Leuten gemein macht, deren Position sie teilt und denen sie zustimmt; solange sie das nicht davon abhält, ihren Job zu tun, der darin besteht, die Wahrheit zu berichten, so gut sie kann.

Und dass ich kein gutes Argument kenne, warum ich das anders sehen sollte.

Und ihr so?

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7 Responses to Kommentar zum Altpapier vom 2. Januar, Teil 1

  1. Onkel Maike sagt:

    Hallo, keine Sorge – heute nur ganz kurz 🙂 und unkontrovers. Ich hatte mich auch über den Artikel geärgert. Mehr so aus dem Gedanken heraus, dass ein Journalist ja schon das Recht hat als Interessenvertreter seiner eigenen Zunft, also nicht nur journalistisch, sondern auch politisch zu agieren, wenn zu befürchten steht, dass die Grundlagen der Pressefreiheit gerade abgeschafft werden.

  2. unendlichefreiheit sagt:

    http://weblogs.evangelisch.de/weblogs/altpapier/2014/01/02/das-teekesselchen-gemein http://www.quickmeme.com/meme/3pll9l Muriel hat zwar schon zum 30c3 verlinkt, aber um ganz sicher zu gehen, hier noch Glenn Greenwald’s Rede: http://www.youtube.com/watch?v=xEJIR0-KJu0 Maybe not BOTH SIDES, but not bad at all.

  3. unendlichefreiheit sagt:

    [*both natürlich ohne E, verdammt, ich brauche Schlaf -.-‚ Muriel, flickst du das bevor das jemand gesehen hat? Danke. ]

  4. madove sagt:

    Ich kann leider auch nichts Kontroverses beitragen, nur volle Zustimmung…

  5. Muriel sagt:

    Danke allen für die Zustimmung, und
    @unendlichefreiheit: Tut mir leid, dass ich doch so spät dran war. Aber eine Vertuschungsaktion stünde einem Post über die Verpflichtung zur Wahrheit natürlich auch nicht gut an.

  6. unendlichefreiheit sagt:

    @Muriel:
    Schliesslich willst du auch keine Indizien unterschlagen. So gehört es sich für ein Qualitätsmedium wie überschaubare Relevanz, immer ganz der Wahrheit verpflichtet.

  7. Muriel sagt:

    @unendlichefreiheit: Genau so läuft das hier. Und das ist dann auch gleich ein deutliches Indiz dafür, warum es die großen Medien anders machen …

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